Ich glaube, sie
lauern hinter den
Augenlidern,
die Ideen. Im Dunklen.
Hinter geschlossenen
Augen. Oder zumindest in
der Stille. Sitzen gleich neben
dem Glück. Ein kleines
Stück daneben. Sind
flüchtig wie
Gas. Don‘t touch.
Mein Sternchen und ich …
Es ist wieder da, mein Sternchen! Jiippie! Gaaanz lange war es nun beim Arzt. An der Prüfung Anfang November erhielten wir die Diagnose: Mit seiner linken Hinterradbremsung (oder war es die rechte?) sei was nicht in Ordnung. Und dass ein Marder sich an einer Gummiumantelung im Motorraum gelabt habe. Und dass wir deshalb diese zwei Dinge nochmals prüfen müssten.
Mein lieber Nachbar, seines Zeichens Garagist meines Vertrauens, hat sich einmal mehr meines bald vergoldeten Sternchens angenommen. Hat da ein Ersatzteil organisiert, hier was geflickt, dort was ins Lot gebracht und heute, nach bangen Tagen des Wartens – tjaja, mein Sternchen ist eben nicht mehr die Jüngste! – der erlösende Anruf: Prüfung bestanden.
Am liebsten hätte ich alle meine Bürokolleginnen, und sogar meinen Scheff, vor lauter Freude umarmt. Oder zumindest meinen Garagisten, der mir preislich, wie er sagte, ein bisschen entgegen kommen werde. Schokolade solle ich ihm schenken, schlug mein Boss vor. Schokolade mögen alle.
Werde ich morgen früh organisieren. Bin ja so was von froh, dass mein Sternchen noch ein wenig weiter strahlen wird. Und mich morgen in den Norden begleitet. Diesmal hoffentlich ohne Stau in Strasbourg! Jawohl …
Hach, wie ich mich auf die Fahrt freue!
Und erst auf das Ziel! Und auf die gemeinsame Zeit … 🙂
in der zweiten Reihe
Jippie, ich habe frei!
Ich muss heute Nachmittag nichts tun, gar nichts!
versus
Ich muss heute Nachmittag Nichtstun!
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Dauert das denn noch ewig?
…
Hey, du, wie lange noch?
…
Sag doch was!
…
Hallo! Hallooo! Noch da?
Aber ja doch! Siehst du denn nicht, dass ich am Pause machen bin? Wann endlich begreifst du, dass Ruhe notwendig ist?
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Gespräche mit Xenö sind ziemlich anstrengend. Er ist so verdammt ehrgeizig, finde ich.
Bin ich denn wirklich noch nicht lange genug in der ersten Reihe gestanden? Was übrigens nicht immer ein Zuckerlecken ist! Sich exponieren, Verantwortung tragen, den Karren ziehen, Entscheidungen treffen, strengt an. Alle wollen immer aufwärts, alle reden von Wachstum und Entwicklung, von Karriere und Erfolg. Ich halte mir derweilen die Hand vor den Mund, damit die anderen nicht sehen, wie ich gähne.
Wie anstrengend ein Leben im ständigen Komparativ doch ist!
Wie gerne würde ich mich frühpensionieren lassen. Nur noch tun und vor allem lassen, was ich will. Genießen. Kreieren. Und falls das nicht geht, dann lasst mir doch wenigstens meinen Platz in der zweiten Reihe! Da ist es weniger anstrengend.
Wenn dies Altwerden ist, ist es wohl voll okay, alt zu werden. Ich glaub, ich mach ein Nickerchen!
der Leseabend
Ein Stück für zwei.
Der Vorhang öffnet sich. Auf der Bühne ein gemütliches Sofa, daneben eine Leselampe. Auf dem Sofa ich. Lesend. Ganz offensichtlich darauf aus, den Abend genüsslich und vor allem ungestört zu verbringen.
Von hinten links nähert sich eine Person, langsam, leise, locker. Ihr Aussehen androgyn und alterslos. Stammlesende erinnern sich? Nur die Stimme verrät ihr Geschlecht. Doch ganz eindeutig ist auch das nicht. Der Eindringling hüstelt – Warnung oder Ankündigung? – und bleibt ein paar Schritte neben mir stehen. Schaut mir zu.
Ich stelle mich taub, hoffend, die Type, die mich früher schon heimgesucht hat und die ich seither XeNö nenne, verziehe sich wieder und lasse mich in Ruhe. Keine Chance.
Ich (in übertrieben genervtem Tonfall): Was willst du diesmal?
XeNö: Och. Nur mal wieder ein paar Fragen stellen …
Ich (verdrehe die Augen): …
XeNö: Zum Beispiel wollte ich schon lange mal fragen, warum …
Ich: Warum-Fragen beantworte ich keine. Heute jedenfalls nicht.
XeNö: Ach, nun tu nicht gleich so zickig!
Ich (verdrehe die Augen in die andere Richtung): Ich bin zickig, wann ich will. Außerdem ist das bloß deine Definition!
XeNö: Okay. Dann frag ich anders: Du bist doch ziemlich gebildet?
Ich (weiß nicht, ob es eine rein rhetorische Frage war und ob ich mich geschmeichelt fühlen soll): …
XeNö: Warum also arbeitest du sowas?
Ich (runzle die Stirn): So was?
XeNö: Na, so was eben … unter deinem Niveau!
Ich: Sag mal, spinnst du, oder was? Erstens geht es dich einen feuchten Dreck an, was ich arbeite, zweitens empfinde ich deine Definition von Niveau arrogant und drittens …
XeNö: … langsam, langsam!
Ich: …
XeNö: Ich meine ja nur … du hast doch alle möglichen Ausbildungen und Kompetenzen! Hast heilerisch und therapeutisch, sozial- und heilpädagogisch gearbeitet. Und unterrichtet. Außerdem kannst du massieren. Und jetzt? Sitzest du in einem Büro fest!
Ich: Und?
XeNö: Jetzt verbringst du deine Zeit mit Protokollen, Kreditoren und Buchhaltung, mit Computerproblemen und Öffentlichkeitsarbeit. Nimmst das Telefon ab, das du nicht magst, und holst tagtäglich deinen Mitarbeitenden irgendwelche Kartoffeln aus der Glut. Verbrennst dir die Finger dabei …
Ich: Hm.
XeNö (leise, kaum hörbar): Warum?
Ich (seufze): Vermutlich habe ich die Illusion verloren, ich könne die ganze Welt retten. Womöglich auch einfach deshalb, weil ich nicht mehr glaube, wirklich zu wissen, wie die Welt richtig zu sein hat. Und weil ich sie nicht dorthin schieben muss. Vielleicht bin ich resigniert? Oder vielleicht vertraue ich dem Leben einfach mehr? Dass sich Dinge auch ohne mich lösen, zum Beispiel.
XeNö: Und darum machst du einen Job wie diesen? Wo du mit dem Leid der ganzen Welt konfrontiert bist? Ist das nicht irgendwie hirnrissig?
Ich: Nicht hirnrissiger als ein anderer Job. Er ist nicht besser und nicht schlechter als jeder andere. So what? Außerdem macht dieser Job meistens Spaß. Und mein Team ist echt toll. Ich mag die Leute. Da zählen menschliche Werte. Das zählt!
XeNö: Wenn du meinst?
Ich: Ja, ich meine! Dazu habe ich – zumindest theoretisch – genug Freizeit für alle jene Dinge, die ich auch noch gerne mache. Schreiben zum Beispiel. Oder lesen.
XeNö: Und das genügt dir?
Ich: Ja. Das genügt mir. Jetzt.
XeNö: Okay, dann lasse ich dich weiterlesen. Schönen Abend noch. (Verschwindet vorne rechts und winkt mir zu) … und auf Wiedersehen!
Ich (lasse mich in die Kissen meines Sofas fallen): War das jetzt alles echt?
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In eigener Sache und ganz in echt: Ich habe eben beschlossen, den Wochenmitter-Lyrik- und Literatur-Zyklus hiermit ganz formlos zu beenden. Einfach so.
geliebter Feind
Anklopfen tat es nie. Jedenfalls nie so, dass sie es hörte. Vielleicht, weil sie hoffte, sich verhört zu haben. Oder dass, wenn sie nicht öffnete, es wieder ging. Von alleine. Das wäre ja zu schön, hatte aber bisher noch nie funktioniert. Auf Ignoranz reagierte es schlicht und einfach nie, es ignorierte sie und verschaffte sich leise Einlass. Wie ein Einbrecher.
Wie es bei ihr vorgehen musste, wusste es nach all den vielen Jahren ihrer ambivalenten Beziehung genau. Es kannte ihre Achillesferse. Es kannte die Fragen, die es stellen musste, um ihr den Teppich unter den Füßen wegzuziehen. Um die Wollmäuse darunter ans Licht zu bringen. Und um ihr all die kleinen und großen Milben, die sie unabsichtlich beherbergt, zu zeigen. Es kannte sie wohl besser als alle anderen. Vielleicht gar besser als sie selber. Nicht ohne Grund war es schließlich zu ihrem Persönlichen Monster ernannt worden.
Es hatte sogar einen Namen. Dark Mirror. Kurz Dark. Zugegeben, in der letzten Zeit war es fast ein bisschen langweilig mit ihr und in ihrem Leben geworden. Will heißen, sie hatte ihre Hausaufgaben gemacht und kümmerte sich schon ganz gut um sich selber. Doch jetzt war es offenbar wieder einmal soweit. In der letzten Zeit war sie schneller als ein TGV durchs Leben gerast. Da ein ‚Ja, klar, mach ich doch gerne für dich!‘, dort ein zusätzlicher Job. Dazu dauernd mit Freundinnen und Freunden unterwegs. Kaum je eine freie Minute bloß für sich selber. Die gute alte Tante Unentbehrlichkeit hatte Dark deshalb wachgerüttelt.
Hey, du, dein Typ ist gefragt, hatte sie ihm zugeraunt. Sie tut ES wieder!
Dark hatte sich gestreckt und gereckt, ein bisschen mit dem stachligen Schwanz den Boden abgeklopft und sich auf die Brust getrommelt. Angeklopft hatte es nicht. Was auch nicht nötig war, denn bei ihr stand mal wieder alles offen.
Wann wird sie es wohl lernen?, fragte es sich. Wann lernt sie endlich sich zu schützen? Und dass sie zuallererst gut zu sich selber schauen soll? Dass sie den anderen nur wirklich helfen kann, wenn es ihr selber gut geht?
Nichts Böses ahnend reihte sie indessen Tag an Tag. Ging zur Arbeit. Traf sich mit Freundinnen und Freunden. Konsumierte, was es zu konsumieren gab. Erfüllte da einen Job, erbrachte dort einen Freundschaftsdienst. Wie gut sich das Leben zurzeit anfühlte! Alles lief rund. Wenn sie nur nicht ständig so müde gewesen wäre. Am liebsten hätte sie sich hin und wieder einfach zurückgezogen! Hätte gern da und dort einfach mal nein gesagt: Nein, such jemanden andern. Ich mag nicht. Doch das konnte sich doch nicht tun! Die anderen brauchten sie doch!
Ha! Hier schoss Dark seinen ersten Pfeil ab und traf mitten in die linke Ferse. Die anderen brauchen dich doch überhaupt nicht!, gab es zu Bedenken. Das bildest du dir nur ein. Die anderen schaffen es auch ohne dich! Sie schluckte schwer.
Oh. Vielleicht ist ja, was ich tue, gar nicht so wichtig!
Genau!, bestätigte Dark.
Was tue ich denn hier überhaupt, wenn das, was ich tue, nicht wichtig ist?, seufzte sie.
Dark nahm ihre kleine Seele bei der Hand und führte sie zu den offenen Löchern. Die Deckel hatte es in weiser Voraussicht bereits zuvor weggeschoben. Schwarz, dunkel und glanzlos war, was sie sah und es blubberte aus der Tiefe und dampfte ein bisschen. Obwohl sie nicht wirklich etwas sah, denn alles war so dunkel als hätte sie die Augen geschlossen. Im Mittelpunkt ihrer selbst angelangt, konnte sie nur riechen und fühlen. Und sie spürte die warme Luft. Schlangen gleich wanden sich schwarze Dinger in ihre Richtung. Sie nahm deren Bewegung in der Luft wahr. Hände wuchsen aus den Dingern hervor und packten ihr Herz. Drückten ein wenig zu. Und dann noch ein bisschen mehr. Sie japste nach Luft. Der Schmerz ließ ihre Augen überlaufen. In ihr drin jagten sich Bilder. Sequenzen aus ihrem Leben. Sequenzen, wo sie am Boden gelegen hatte. Wo sie kaum mehr die Kraft gehabt hatte, sich aufzurappeln. Lauter solche lauten Bilder, eins nach dem anderen, immer schneller. Tränen tropften in die offenen Löcher. Die Tentakel zogen sie mit sich in die Tiefe. Sie gab sich dem Strudel hin, in den sie geraten war. Eine Wahl hatte sie nicht.
Wieder ganz unten!, dachte sie, am Grund angelangt. Nein, denken ging nicht mehr. Fühlen war alles. Alles nur noch fühlen. Sie konnte nur warten, bis es vorüber war. Immerhin das wusste sie noch von ihren früheren Besuchen am dunklen See. Hinterher konnte sie sich jeweils kaum mehr an Details erinnern. Zumal die für ihre reale Umgebung sichtbare Person da oben wie immer funktionierte und niemand sie zu vermissen schien.
Ganz allmählich und außerhalb der Zeit wurde sie ganz ruhig. Wie lange sie sich diese Ruhe nicht mehr gegönnt hatte! Wie gut es tat, bei sich zu sein. Diese herrliche Langsamkeit. Dieses Stille. Der Druck der klammernden Hände hatte nachgelassen. Es tat nicht mehr weh. Das Atem ging wieder leichter. Endlich stieß sie sich am Grund ab und stieg an die Oberfläche.
Ich bin noch immer da!, sagte sie, als sie den ersten Atemzug tat. Leise noch. Um meinetwillen bin ich da. Das ist wichtig genug. Das reicht!, sagte sie. Ich mag mich! Nun klang ihre Stimme bereits ein bisschen kräftiger. Und ich will hinfort gut zu mir schauen! Sie jubelte. Ihr Herz tat einen kleinen Sprung und richtete sich in seinem Nest neu aus.
Na, endlich!, sagte Dark, das auf sie gewartet hatte. Komm.
Es griff nach ihrer Hand und führte sie nach Hause.
ein bisschen anders
Eine Stofftasche mit etwa zehn Äpfeln darin. Ihr gemeinsamer Duft erfüllte meine ganze Küche. Nein, keine Früchte aus dem Supermarkt, eigenhändig Selbstgepflückte waren das. Mir lief beim Anblick der rotbackigen Köstlichkeiten das Wasser im Mund zusammen. Gebündelte Sommersonne, verdichtet auf wenig Raum, ließ meine Küche buchstäblich leuchten. Was für wunderbare, kleine Kraftwerke, die mir die nächsten Tage als Pausenschmaus dienen würden!
Jeder sah anders aus. Große und kleine lagen nahe beieinander. Verschiedene Sorten friedlich vereint. Ich packte sie aus und legte sie auf einen Teller. Einer fiel mir ganz besonders auf. Er hätte es bestimmt nicht in die Auslagen des Supermarktes geschafft, so unförmig wie er war. Eingedellt auf der einen Seite. Zu viele Sommersprossen, zu viele Schrunden bedecken seine Haut. Ich legte ihn auf einen anderen, einen kleinen Teller. Ihn würde ich mir bis zum Schluss aufheben.
Schon immer haben mich Menschen und Dinge berührt, die anders aussehen, die anders sind. Die die klassischen Normen verspotten. Denen es egal ist, was andere denken. Die mutig zu ihrem inneren oder äußeren Anderssein stehen. Wie dieser Apfel hier. Wann immer ich ihn ansah, schien er zu lächeln. Strahlend machte er mir Mut. Mut, mein Sosein, mein Anderssein zu bejahen. Dieses Anderssein, das letztlich uns alle von einander unterscheidet. Alle. So ähnlich wir uns scheinbar sind, so anders sind wir doch. Und dieser Apfel mit seinen Narben, na ja, er war eben ein wenig wie ich. Geschmeckt hat er übrigens wunderbar. Vielleicht sogar ein bisschen besser als alle anderen.
„C’est simple. Man braucht nur zu träumen, immer weiter, in die Welt der Träume einzutauchen und sie nicht mehr zu verlassen. Dann kann man bis in alle Ewigkeit dort leben. (…) Dort existieren von Anfang an keine Grenzen. (…) Aber in der Realität ist das anderes. Die Realität schmerzt. Realität. Realität.“(S. 145)
„Dennoch werde ich nie wieder so sein wie vorher. Von morgen an werde ich ein anderer Mensch sein. (…) Warum müssen die Menschen so einsam sein? Wozu soll das gut sein? Stets sind wir auf der Suche nach der Nähe der andern, und dennoch sind wir so allein. Wozu? Dreht sich dieser Planet nur, um die Einsamkeit des Menschen zu nähren? (…) Als einsame, metallene Seelen in der schrankenlosen Dunkelheit des Weltalls begegnen sie sich, schießen aneinander vorbei und bleiben für alle Ewigkeit getrennt. Zwischen ihnen gibt es keine Worten und keine Versprechen.“ (S. 191/192)
zitiert aus: Haruki Murakami, Sputnik Sweetheart, btb 2004
winterhart?
Taubnesseltee getrunken
am Morgen, der Mittag war,
Bitterkeit gedacht dabei Tränen
weggewischt, erfolgreich. Gedanken
weggewischt, erfolglos.
Gedanken wie diesen: Was
mach ich hier? Überhaupt.
Life Is Just A Big Wheel.
Geschrieben und Musik getrunken.
Bitter. Süß.
Wozu?,
gedacht und
mit J. telefoniert,
mittendrin
gespürt, dass es andere
Sichten
gäbe.
Gäbe. Spam
in der Mailbox.
Bierflaschenberge
entsorgt und eingekauft. Neues
Zeug, das gegessen werden wird, im Kreis
gehen, immer? Jetzt?
Auf der Spirale gehen.
Immer weiter, egal wohin.
Novemberblues. Auf dem Balkon die
verdorrten Sommerblumen
geschnitten und die
Rose gefragt,
wie sie überwintern will
Und ob. Oder sterben als
Option. Bin ich
winterhart? Mein
Leben? Meine Liebe? Mich
stechen lassen von ihr, der Rose. Das
Blut ablecken und ihre dürren Blätter
einsammeln. Kompost.
Im Kreis
denken. Endlos tief
seufzen.
Sputnik Sweetheart
Den ganzen Morgen über, im Büro, wollte ich – ganz kurz nur! – meine Ideen für diesen Blogartikel, den ich jetzt endlich schreibe, runter tippen. Keine Chance! Tausend Kleinigkeiten, ein ständig klingelndes Telefon, ein neuerlicher Konferenz-PC-Testlauf, den ich betreuen musste und der Versand der aktuellen Kursprogramme standen Schlange. Zum Glück gibt’s (herzige!) Velokuriere, die uns wenigstens ein paar Gänge abnehmen. Samt Fahrradanhänger und tausend Briefumschlägen machte sich unser Bote an meiner Stelle auf den Weg zur Post am Eigerplatz.
Ein Uhr. Endlich Feierabend. Endlich Wochenende. Erschöpft ließ ich mich auf meinen Bürosessel fallen. Im angrenzenden Entrée und Pausenraum saß G., meine Bürokollegin, und knabberte Zeitung lesend an ihrem Sandwich, derweil mein Magen knurrte, wann immer ich an die Couscous-Resten in meinem Kühlschrank dachte. Während ich die letzten Handgriffe vor dem Weekend verrichtete, den elektronischen Arbeitsrapport ausfüllen zum Beispiel, begannen wir über die Arbeitsauslastung und -verteilung innerhalb des Teams zu diskutieren. Ein Wort rief dem nächsten, Gedankenfetzen drängten sich in unser Blickfeld, Ideen wurden geboren und schließlich ließ ich mich beinahe dazu überreden, mein Pensum nächstes Jahr um zehn Prozent zu erhöhen. Denken und spinnen lässt sich sowas alleweil. Ziemlich schnell sogar. Doch in Tat und Wahrheit hieße das für mich, einen halben Tag mehr im Büro zu sitzen! Es hieße auch, neue Arbeitsgebiete kennen zu lernen und noch mehr Verantwortung zu übernehmen. Und es hieße, mehr Geld zu verdienen.
Doch vor allem hieße es eins: Weniger freie Zeit für mich! Und das, gopf, das ist die alles entscheidende Frage. Die ich vor einem Jahr mit Nein beantwortet habe. Will ich mich wirklich mehr und mehr auf Arbeit-außer-Haus einlassen und dabei mein Ding, die Schreiberei und all das, was mir in meiner freien Zeit so wichtig ist, runter dimmen? War es nicht immer schon mein Heiliges Prinzip, dass mir Zeit wichtiger sei als Geld?
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Nein, nein, Halt! Das ist alles nicht wirklich dasjenige, worüber ich bloggen wollte!
Worüber denn dann?
Was war das gleich nochmal?
Ja! Jetzt fällt es mir wieder ein! Über ein Buch von J., das ich eben lese, wollte ich schreiben!
Sputnik Sweetheart.
Nun ja, der Titel sagt nicht wirklich viel. Aber vielleicht der Name des Autors? Haruki Murakami. Dieser begabte Japaner verwebt eine komplexe Liebesgeschichte, Poesie und Krimistränge zu einem genialen Ganzen, verwebt menschliche Sehnsüchte mit philosophischen Tauchgängen und Höhenflügen und bezaubert mich, wann immer ich zum Weiterlesen dieses zweihundertzweiundzwanzig Seiten dicken Buches komme, von Neuem.
Sumire, eine junge Frau, die Schriftstellerin werden will, verliebt sich in ihre zukünftige Arbeitsgeberin Miu. Was ihr Verehrer, der Ich-Erzähler zwar bedauert, ihr aber die schöne platonische Freundschaft deswegen nicht kündigt. Als Sumire mit ihrer neuen Chefin Miu nach einer Geschäftsreise ein paar Tage Urlaub auf einer kleinen griechischen Insel macht, verschwindet sie über Nacht spurlos. Ihr Freund fliegt von Japan nach Griechenland und hilft der verzweifelten Miu bei der Suche. Eine faszinierende Suche sowohl im Außen als auch nach innen. Dem Erzähler gelingt es schließlich, Sumires Powerbook zu öffnen.
„Meine vorläufige These lautet wie folgt: Durch das Schreiben schaffe ich mir einen zusätzlichen Raum, in dem ich mich im Alltag vergewissere, wer ich bin,“ schreibt die junge Schriftstellerin.
Warum kommt mir das bloß so bekannt vor?
Miu erzählt ihrem Gast über die Art der Beziehung zu ihrer jungen Freundin, der sie – da nicht homosexuell veranlagt – nicht das sein konnte, was diese sich gewünscht hätte:
„Wir waren zwar großartige Reisegefährten, aber letztlich doch nur zwei einsame Klumpen Metall auf getrennten Umlaufbahnen, die aus der Ferne wie wunderschöne Sternschnuppen aussehen, in Wirklichkeit aber nichts als Gefangene ihrer jeweiligen Umlaufbahn sind, aus der es keinen Ausweg gibt. Und wenn unsere Bahnen sich zufällig kreuzen, dann können wir vielleicht für einen kurzen Augenglick unser Herz füreinander öffnen, doch schon im nächsten Augenblick sind wir wieder zwei einsame Satelliten in der Weite des Weltalls. Bis wir irgendwann verglühen und zu Nichts werden.“
Plädoyer für Künstlichkeit
Muss, wer Kunst macht, wirklich arm gewesen sein?
Muss gute Kunst auf einer eigenen authentischen Erfahrung beruhen?
Silvano Ceruttis Senf zum Thema:
… zum Vergrössern bitte aufs Bild klicken!
Quelle: berner kulturagenda Nr. 47
aus dem Netz gefallen …
… oder der Supergau der Bürogummis
Nix geht mehr. Keine Mails raus, keine Mails rein. Ab- und Zufluss verstopft. Selbst die elektronische Agenda im gleichen System spottet über die vermeintlichen Pendenzen, die ich ihr aufbürden will und versagt mir ihren Dienst. Gerade hatte ich in einer Hilf-mir-bitte!-Mail gelesen, dass einer meiner Arbeitskolleginnen das Gleiche passiert ist. Und nun traf es mich. Eiskalt.
Als IT-Superuserin musste ich dringend handeln. Per Mail verfasste ich – wie in solchen Fällen immer – einen Auftrag, um diese an die Hotliner unsere IT-Abteilung in Z. zu schicken. Ooops! Ich kann ja gar nicht mailen, fällt mir auf einmal ein. Mist! Ich versuche es mit dem Mut der Verzweifelten doch.
Und offenbar ist die Mail sogar angekommen, denn P., der IT-Scheff himself, rief zwei Minuten später an. Wir palaverten eine Weile über unser Mailsystem, derweil er mit seiner Maus per Fernwartung auf meinem Bildschirm herumfummelte. Echt schräg! Daran werde ich mich wohl nie gewöhnen können. So was von irritierend.
Obwohl ich doch der Meinung war, den Warnungen des Mailsystems vor zwei Wochen und seither täglich Folge geleistet und viele überflüssige Mails und ihre fetten Anhänge gelöscht zu haben, war offenbar noch irgendwo der Wurm drin. Meinte er. Und er hatte recht, denn er ortete im virtuellen Nirwana eine unsichtbare Warteschlange mit noch mehr fetten Anhängen. Dateien, an die Normalsterbliche wie ich nicht rankamen und von deren Existenz wir nicht im Traum wissen konnten! Er machte sie unschädlich. Alle!
Ich sah ihn buchstäblich vor mir, diesen Djungel aus Bildern, Dateien, Präsentationen und ZIP-Ordnern, den ich irgendwann virtuell angelegt hatte. Und ich sah P. vor mir, nur mit einer virtuellen Machete bewaffnet, wie er eine um die andere Datei heldenhaft erschlug. Wusch! Und wusch! Und du auch: Fort mit dir …
So saß ich also am Bildschirm und schaute der umher flitzenden Maus zu. Plopp. Das Zeitloch virtueller Träume der fünften Art, wo alles möglich ist – es tat sich auf. Fraß mich. Sog mich in die Tiefen der Netzlosigkeit. Löschte mich weg.
Wo es sich befindet? Dort vermutlich, wo nun all meine Dateileichen vor sich hin modern und von virtuellen Würmern gefressen werden. Und von wo aus ich irgendwann irgendwie doch wieder aufgetaucht bin … P.seidank!
Hallo, Sofasophia? Noch da? Dein Netz ist geflickt!
