to be or not to be

Montagabend kurz nach sechs. Irgendwo in der südlichen Pfalz. Während sich zwei mit dem Leben zufriedene Menschen auf einem Bahnsteig voneinander verabschieden, beschließt woanders ein Mensch, dass er genug vom Leben hat. Er – oder sie – macht sich auf den Weg. Dem letzten. Legt sich auf die Schienen. Stirbt.

Was sind gemessen an der Länge und Tiefe eines Menschenlebens jene Stunden Verspätung, mit denen ich heute Nacht um viertel vor zwei zuhause eintraf?

Zwischen H. und Mannheim ließ ich die vergangenen Tage Revue passieren. Ab Mannheim dann Ausnahmezustand. Bereits da die erste Verspätung. Sechsundzwanzig Minuten. Bauarbeiten. Karlsruhe. Wir stehen bereits eine Viertelstunde, als uns erklärt wird, dass wegen eines Personenschadens der Zug erst in einer halben Stunde fahren würde.

Nach einer Stunde hieß uns die Stimme aus dem Off den Zug verlassen und jenen gegenüber besteigen. Den eine Stunde später eingetroffenen. Es war kurz vor zehn, als ich neben einer sympathisch aussehenden deutschen Frau, die in Zürich lebt, Platz nahm. Schon bald unterhielten wir uns über Gott und die Welt. Und über Pannen. Über das Scheitern auch. Und über Erfolge. Über das Reisen und Ankommen, Umziehen und die Heimat, die nirgends ist. Und überall. Stellten fest, dass wir uns in ähnlichen Kreisen aufhielten. Gemeinsame Bekannte wurden geortet und schließlich packte ich meinen Reiseproviant aus: Zwetschgen aus der Pfalz. Irgendwann fuhr der Zug los. Halb elf oder so. Wir Reisenden jubelten. Feststimmung. Und irgendwann unterwegs wurden wir von einer Schaffnerin darüber ausgeklärt, dass es ab Basel Badischem Bahnhof Taxis gäbe. Darauf hatte ich ab Karlsruhe bereits vertraut. Und darauf, dass ich wohlbehalten zuhause anlangen würde. Irgendwann.

Viertel nach Mitternacht. Badischer Bahnhof. Hundert Menschen drängen sich zum Service Point. Ellbögeln diskret. Ich auch, ich geb es zu. Bin müde. Nach Zürich?, ruft der Typ hinter der Theke. Die Zürcherinnen und Zürcher drängen in den Raum und werden Taxifahrern zugeteilt. Vier pro Fahrer. Viererpakete. Nach Luzern kommt Bern. Artig folgen wir zu viert unserem Chauffeur. Eine zufällige Mischung von Menschen, die sich unter anderen Umständen nie – nie so – getroffen hätten. Ich darf vorne sitzen. Plaudere mit dem türkischen Fahrer, der einen Rosenkranz hat. Und braucht. Scheint müde zu sein, der Mann. Hinter mir zwei Marathonlaufende. Eine Bernerin und ein Zugezogener, wenn ich den Dialekt so höre. Gopf, wieso kommt mir das Gesicht der Läuferin bloß so bekannt vor. Ich spitze die Ohren. Aha, jetzt fällt der Groschen: Gring ache u seckle.

Was alles in Bewegung gesetzt wird, wenn ein Mensch beschließt zu sterben.

Ich dagegen lebe gern. Und gut. Und aktuell sehr genussvoll. Ein Wochenende voller Kunst liegt hinter mir – mit allen ihren Facetten.

Am Samstag die Ausstellung im Restaurant Zett, für die Irgendlink Fotos für S. zu machen versprochen hatte. Danach einkaufen. Später, beim Joggen, stelle ich fest, dass ich meinen Flow wiedergefunden habe. Meine schwedische Ruhe und Gegenwärtigkeit. Während ich dem Grat entlang renne, begreife ich – wie immer mal wieder – , dass Glück immer gegenwärtig ist. Einfach da. Im Sein. Und eigentlich brauche ich dazu nicht etwas – nicht Menschen, nicht Dinge. Einzig meine Sinne. Weit offen. Auf Empfang. Seit ich nicht mehr rauche, kann ich noch besser riechen als zuvor. Wie wunderbar Zitronenmelisse doch duftet. Zum Beispiel.

Der Sonntag machte – zumindest vorerst – seinem Namen alle Ehre. Yoga im Garten. Glück dauert länger als drei Minuten. Eindeutig. Sonne kitzelt mich an der Nase, als ich sie begrüße.

Wir beschließen beim späten Frühstück – Nachstück könnte es auch heißen, finde ich –  eine Fahrradtour nach Rosenkopf zu unternehmen. Artur Bozem, seines Zeichens Kunstmaler, hat Tag des Offenen Ateliers. Über Hügel und durch Täler fahren wir. Wald und Wiese. Sonne. Allmählich ziehen Wolken auf.

Während wir Arturs Bilder bestaunen, entlädt sich ein heftiges Gewitter über die Landschaft. Monika, ebenfalls mit eigenen Bildern anwesend, bietet uns an, uns heimzufahren. Wird nicht nötig sein, sagen wir. Es wird aufhören. Tut es dann auch. Doch bis dahin genießen wir das Ambiente, Kaffee und Kuchen und tauschen uns über Kunst aus. Über das Finden im Unabsichtlichen. Artur sagt, dass seine Bilder eine Begegnung von Absicht und Idee sowie jenem nicht machbaren Moment der Inspiration sind. Zufall. Musekuss. Sternstunde. Der Name ist egal. Das Ding, das Kunst von Künstlichkeit unterscheidet.

Arturs Bilder sprechen für sich. Besonders seine Akte und Halbakte sprechen mich an. Und diese Komposition hier, die in meinen Augen zu klingen beginnt, wenn ich davor stehe.

artur bozem_sofasophia_pic by juergen1

© Pic by Mösiö Irgendlink

In der Nacht darauf träume ich, wie ich ein paar von Arturs Bildern in meinem Wohnzimmer aufhänge. Im Reallife schenke ich mir immerhin zwei Miniaturen von Artur und eine von Monika. Irgendlink haben es ebenfalls zwei Bilder aus dieser auch für Sterbliche wie uns erschwinglichen Sammlung angetan. Gut verpackt überstehen die Bilder sogar unsere Heimfahrt bei Luftfeuchtigkeit 90. Nein, regnen tut es nicht mehr. Wie frisch gewaschen tut die Welt. Dunst steigt auf. Atmen lässt sich leicht, trotz der Hügel.

Wie schnell doch die Zeit vergeht. Floskelfloskelblablabla. Vergehen nicht eher wir? Auf der Zeitachse der Illusion vorwärts schreitend? Am Sonntag noch hatte ich geglaubt, auf dem einsamen Gehöft zeitlose Ewigkeit gefunden zu haben. Tricksendes Gehöft. Irgendwie und irgendwann am Montagnachmittag behaupten nämlich die Zeiger auf der Uhr, dass es nun viertel nach fünf sei. Dass ich schon bald im Zug sitzen soll. Packen ist angesagt. Spuren verwischen. Es wird aussehen, als wäre ich nie dagewesen.

Mein Gastgeber erntet Zwetschen, Äpfel und Nüsse für mich, während ich mir ein Sandwich schmiere. Reiseproviant.

Während sich in H. zwei Menschen zum Abschied umarmen, beschließt woanders ein Mensch, dass er genug vom Leben hat. Er – oder sie – macht sich auf den Weg. Den letzten.

hier

Gestern, als ob es nichts wichtigeres im Leben gäbe, offline einen Blogtext in den Laptop gehakt. Zwischen Basel und Mannheim. Über das von mir und Kollege P. organisierte Betriebsfest wollte ich schreiben, das unter dem Strich – trotz Murphys Stolpersteinen – für alle zu einem tollen Erlebnis wurde. Über Pannen und vergessene Pfannendeckel habe ich erzählt und über meine unzähligen Verkehrsübertretungen, die eigentlich Zeit hätten sparen sollen. Über das zuhause vergessene Portemonnaie und darüber, dass ich beim Rückweg – mit dem vergessenen Pfannendeckel – bei allen Ampeln (gewohnt an die Farbe Rot) bereits prophylaktisch auf die Bremse ging. Kollege P. lernte schnell und sagte mir die jeweilige Farbe rechtzeitig an. Kommt davon wenn der Scheff eine mit Grappa abfüllt. Tststs. Doch das versifftes Pfadiheim verdient keine Erwähnung. Ich sage nur Murphy. Über die Illusion des Scheiterns wollte ich schreiben. Und über das Potential darin. Dass es sich mit Mut zum Unperfektsein besser leben lässt.

Doch jetzt, zwei Tage nach dem Fest, einen Tag nach dieser achsowichtigen Schreiberei, ist jener Text kalter Kaffee. Obige Kurzfassung muss reichen. Punkt.

Szenenwechsel: Irgendlinks Garten auf dem einsamen Gehöft. Gartenküche-Bar. Am Tresen. Laptop auf dem Lap. Samstagmittag. Monsieur Irgendlink duscht, während Madame S. ein paar Lebensstunden zu ein paar Zeilen verdichtet.

Im Fall! So einsam ist es hier oben gar nicht. Ich habe bereits die Herren S. und T. kennen gelernt – besser bekannt als Journalist resp. Patient F. und Kollege T., den Tacker-Santiagopilger. Auch habe ich die Stadt mit der größten Krebsrate heimgesucht (und ihr zugehört! Ich sag nur Oktoberfest!). Habe ebendort Bilder und Skultpuren verschiedenster Künstler und Künstlerinnen betrachtet. Und später in Irgendlinks Garten ein Feuer entfacht, das ohne ihn verlöscht wäre. Und MinkaMiez gestreichelt. Und so.

perfekt selektiv

Beim Libanesen feiern wir genüsslich Abend. B. und ich haben uns seit dem Gurten nicht mehr gesehen. Während wir Kichererbsen, Auberginen und Okraschoten mit massenhaft Knoblauch und Zwiebeln genießen, kichern und seufzen wir. Ich fühle mich lebendig bis in die Haarspitzen als wir eine Stunde später im National die Stufen hochsteigen. Hey! Wer steht denn da? Direkt vor meiner Nase? A., eine zwar aus den Augen, aber nicht aus dem Gefühl verlorene Freundin, die B. ebenfalls flüchtig kennt. So schön! Umarmungen. Freude. Nur schade, dass unsere Plätze nicht beieinander sind. Wir sehen uns später. B. findet die unseren, Reihe 11, Sitze 3 und 4. Doch schon bald werden wir vertrieben. Doppelbuchung? Kann vorkommen. Oder ist es womöglich so, dass wir zwei Ur-Linken für einmal nach rechts sollten? Der anderen Perspektive wegen. Und so.

Endlich betreten Nadeschkin und Ursus die Bühne.

20jahre2

The Show must go on. Schräg, schrill, witzig, bunt, genial, tiefgründig, absurd, wunderschön was die Künstlerinnen und Artisten aus der ganzen Welt bieten! Und, wie immer, herrlich vom Schweizer Komikerpaar moderiert. Pantomime und Wortwitz, Jonglage und Akrobatik, Clownage und Musik – nichts fehlt. Alles da. Perfekt. Perfekte Schräglage. Dass Helsinki Sonnenuntergang auf finnisch heisst, wusste ich schon lange. Doch wie Antidepressiva in Österreich genannt werden, war mir nicht bekannt: Klagenfurt. Bibliothek auf schwedisch? Göteborg! Und nun wissen wir auch, dass Ursus sich schwer tut mit Fremdsprachen. Dennoch baggert er seine Kumpanin mal wieder an, denn dazu reicht sein Aargauerdeutsch. Doch sie wimmelt ihn auch heuer wieder ab. Züridüütsch. Willst du mich besser kennenlernen, musst du mich halt googeln!

B. und ich sind uns einig. Wie fast immer bei diesem Thema. Es hat ein paar schöne Männer auf der Bühne. Am besten gefällt uns Morgan, der Jongleur. Oder der deutsche Gitarrist von Annamateur und Aussensaiter? Na ja, oder vielleicht doch eher der langhaarige Akrobat vom Duo Iroshnikov?

Am schönsten im ästhetischen Sinn und der Magie wegen ist fraglos die Nummer mit dem kreisenden Reifen. Perfekte Illusion – made in Canada.

Ich übe mich in selektiver Wahrnehmung, flutscht es seifenglitschig durch meine Gedanken. Sehe Schönheit. Sehe Lebensfreude. Gut.

Zuhause das Hirn downloaden. Schreibend. Ein paar Sätze nur. Spät ist es geworden. Ob der Mittwochmorgen-Kater nun zur Gewohnheit wird?, fragte ich mich heute morgen im Büro.

soll ich wollen?

1. Sofasophie
Identifikation macht glücklich.

2. Sofasophie
Solange mich meine Faulheit und Ziellosigkeit nicht daran hindern, kreativ zu sein, ist alles okay.

3. Sofasophie
Ich bin mein eigener Zufall.

4. Sofasophie
Meine Faulheit und mangelnde Ziellosigkeit verhindern, dass ich Ambitionen entwickle. Und das ist wohl auch in Ordnung.

5. Sofasophie
Ich bin mein eigenes Schicksal.

So, genug kluggescheissert …
… ab ins National … Ursus & Nadeschkin werfen uns ihre Perlen und Freaks in den Schoss …

delete (oder Cluster III)

Hilfe! Was mache ich hier eigentlich? BIN ICH (nur?), weil ich blogge, wie Irgendlink neulich kommentierte? Und was erzähle ich euch hier eigentlich alles? Große Lust befällt mich, eben jetzt, hier alles zu löschen. Das ganze Blog. Alle meine Texte. Alle meine Erkenntnisse. Alle Banalitäten. Alles löschen. Wäre ganz einfach. Danach würde ich mich mit meiner über Nacht hauchdünn gewordenen Haut noch tiefer unter meine Bettdecke zu verkriechen. Wo ich eh schon bin. – Blogsuizid quasi.

Was war ich geschafft gestern, als ich gegen sechs nach Hause kam! Mehr als nach einer ganzen Arbeitswoche. Joggen half ein bisschen, zumindest den Kopf konnte ich so lüften. War ich froh, dass die System-Aufstellung nach ClusterMedizin, über die ich im Auftrag „meiner“ Zeitschrift im Dezember berichten soll, vorüber ist.

Seelenstrippen ist anstrengend. Und andern dabei zuhören ebenfalls. Ha! Schon spöttelt Sofasophia wieder! Na ja. Bei solchen Dingen gebe ich – das Original oder Sofasophia? – gerne die Hofnärrin. Und die teuflische Advokatin in Personalunion. Kratze an Tabus. Ich gebe sie, habe ich eben geschrieben. Ja, das ist wohl eine meiner vielen Rollen. Eine Überlebensstrategie. wie Frau. K., die leitende Therapeutin dazu sagen würde. Um meine Grundbedürfnisse irgendwie gedeckt zu bekommen. Möglich, doch ich liebe es eben einfach, unbequeme Fragen zu stellen. Besser, als sie beantworten zu müssen. Eine Rolle, die mich davor schützt, mich einlassen zu müssen. Da ich eh, wider meinen Wunsch, als Autorin eingeführt worden war, obwohl ich lieber undercover teilgenommen hätte, hatte ich nicht eben leichte Karten. Alle wollen natürlich dann lesen, was ich geschrieben habe. Erfolgsdruck! I hate it! Werde ich authentisch zu schreiben wagen?

Bei der letzten der fünf Aufstellungen des Tages, meiner, konnte ich dann nicht mehr nur zuschauen, nicht mehr nur Stellvertreterin sein, nicht mehr nur für andere hinfühlen. Buchstäblich und innerlich mit dem Rücken zur Wand stehend, begriff ich, dass – trotz meiner Zweifel an der Cluster- und der HellingerMethode –, irgendetwas an dieser Arbeit doch zu funktionieren scheint.

Auf welchen Um- und Abwegen auch immer, früher oder später lande ich eh bei meinen Themen! So oder so. In jenem Schlusssatz, den ich formulieren musste, geht es jedenfalls darum, alle meine Emotionen echt sein zu lassen. Sie überhaupt zuzulassen. Ganz besonders die, die weh tun. Zulassen ist wie Türen öffnen. Und echt sein ebenfalls. Offene Türen riechen nach Schutzlosigkeit. Ungeschützt fühle ich mich verletzlich und dünnhäutig. Der Schmerz kann kommen, nach Belieben, und tun, was er am liebsten macht: Mir weh tun. Ist ja sein Job. Ich frage mich, wo er sich normalerweise versteckt hält. Doch wenn er da ist, gibt es nur ihn.

Schreiben hilft, ihn zu zähmen. Und der Gedanke daran, dass meine Leserinnen und Leser ebenso unperfekt und ebenso menschlich und ebenso verletzlich sind, hilft auch ein bisschen.

Und jetzt? „Veröffentlichen“ klicken? Oder doch besser „Löschen“? „Alles löschen“ sogar?

Echt bio

Ich mag sie! Ehrlich! Doch langsam wird es mir zu eng. Na ja, vorläufig geht es noch. Denn immerhin habe ich sie willkommen geheißen, damals, und ihr Platz gemacht. Habe sie sogar wiederholt um Verzeihung gebeten, wenn ich ihren Raum aus Unachtsamkeit und Gedankenlosigkeit missachtet habe. Sogar umgestellt habe ich für sie.

Doch so klein und bescheiden sie sich am Anfang zeigte, so groß und einnehmend verhält sie sich heute. Es liegt in ihrer Natur. Sie kann nichts dafür. Und ich kann nichts tun. Will nichts tun. Weil sie so schön ist.

Doch was, wenn sie noch grösser wird und noch mehr Raum einnimmt? Was, wenn sie mich weiter zurückdrängt? Was, wenn das Netz, das sie spinnt, sich vom Balkon allmählich in meine Küche ausdehnt? In meine ganze Wohnung! In mein Schlafzimmer! Wunderschön zwar, doch so, dass ich mich nicht mehr frei bewegen kann.

Will ich die zarten Kunstwerke nicht zerstören, kann ich nicht mehr so leben, nicht mehr so sein, wie ich bin.

Doch sagt mal ehrlich: Ist sie nicht wunderschön??? Wer könnte ihr schon widerstehen!

SIE_1

Im Lift

Ein Stück für zwei.

Der Vorhang öffnet sich. Auf der Bühne ein paar große Blumentöpfe mit Stauden und Gemüsepflanzen. Als Bühnenbild – hinten – Chiffontücher in verschiedenen Grüntönen. Ich trage eine grüne Schürze über der Alltagskleidung und gehe mit einer Gießkanne zwischen den Pflanzen umher. Gieße hin und wieder und zupfe da und dort ein paar dürre Blätter ab. Zwischendurch wende ich mein Gesicht der Sonne entgegen. Alles um mich herum vergessend. Ganz offensichtlich bin ich glücklich.

Von hinten links nähert sich eine Person, langsam, leise, locker. Ihr Aussehen androgyn und alterslos. Nur die Stimme verrät ihr Geschlecht. Doch ganz eindeutig ist es nicht. Der Eindringling hüstelt – Warnung oder Ankündigung? – und bleibt ein paar Schritte neben mir stehen. Schaut mir zu.

Ich lasse mir nicht anmerken, dass ich sie bemerkt habe. Hoffe, die Type, die ich für mich XeNö nenne, verziehe sich wieder und lasse mich in Ruhe. Keine Chance.

Ich (mit einem Tonfall, der deutlich machen soll, wie sehr ich mich belästigt fühle): Suchst du etwas?

XeNö: Nö.

Ich: Was … öhm … machst du denn sonst hier?

XeNö: Na. Dir zuschauen. Dir dreinreden.

Ich:

XeNö: Und dir ein paar Fragen stellen.

Ich (verdrehe die Augen)

XeNö: Na … ?! Hat es dir die Sprache verschlagen?

Ich: Du hast mir gerade noch gefehlt!

XeNö (grinst): Gut zu wissen!

Ich (verdrehe die Augen in die andere Richtung. Sage nichts)

XeNö: Erste Frage: Was soll das Ganze?

Ich:

XeNö: Na? Komm schon!

Ich: Das Ganze?

XeNö: Bravo. Richtige Rückfrage. Braves Kind.

Ich (frage mich, wie ich diesen aufdringlichen Menschen, der meine Zeit verschwendet, endlich loswerden könnte …)

XeNö: Na? Deine Bloggerei! Diese Zeitverschwendung. Selbstdarstellung. Theater. Vorstellung. Diese ganze Selbstbeweihräucherung, du weißt schon. Dieser Seelenstrip … diese …

Ich: Haaalt! Ich wüsste nicht, was DICH das angeht!

XeNö: Werd nicht frech, Kleine!

Ich (richte mich zu meiner vollen Größe auf. Hundertachtundsechzig Zentimeter Sofasophia): Wenn hier jemand frech ist, dann du! Kreuzest hier unaufgefordert auf und stellst unbequeme Fragen! Außerdem brauchst du mein Blog ja überhaupt nicht zu lesen!

XeNö: Weiß ich doch …

Ich: … aber natürlich gibst du nicht locker! Leute wie dich kenn ich doch!

XeNö: Ach ja?

Ich: Ja! Also. Hör jetzt genau hin, denn ich habe nicht vor, mich zu wiederholen. Wenn du wissen willst, warum ich blogge, bleibt dir nix anderes übrig als meine Texte zu lesen. Da steht es drin. Immer wieder. Eine andere Antwort bekommst du nicht. Nicht du!

XeNö: Nun schnapp doch nicht gleich ein. Man wird doch noch nett fragen dürfen.

Ich (verdrehe erneut die Augen, flüstere): Nett … (Flüstermodus aus) … wenn man die Antwort nicht scheut!

XeNö (wendet sich von mir ab. Geht durch den Garten, schaut da und dort hin, hebt Steine auf, scheint etwas zu suchen …)

Ich (Flüstermodus) Ich habe meine Zeit schon dümmer verbracht. Außerdem ist Bloggen weder sinnlos noch dumm. Materiell gesehen schaut zwar nichts ‚bei ‚raus, aber für mich zählen andere Dinge. Die Freude am Schreiben und der Austausch mit den anderen. Zum Beispiel. Und der Ausgleich zu meinem Alltag. Mentale Verdauung. Bisschen spinnen hin und wieder.

XeNö: Sorry, was hast du gesagt?

Ich: Nichts, das dich interessieren müsste.

XeNö: Du und deine ewigen Monologe! Überall führst du sie: Im Kopf. Auf Papier. Im Blog. Gehst immerzu im Kreis herum.

Ich: Deine Meinung.

XeNö: Ich frage mich doch bloß, wie ich dir helfen könnte!

Ich (beiße auf die Unterlippe, um ein Lachen zu unterdrücken): Seh ich so aus? Brauchst du vielleicht ’ne Brille?

XeNö: Ich könnte dich doch hin und wieder besuchen. Deinen Blog aufmischen.

Ich: Du hast mir gerade noch gefehlt!

XeNö: Siehst du. Im Kreis. Du wiederholst dich. Und deine Augen brauchst du auch nicht ständig zu verdrehen!

Ich: Das ganze Leben ist ein Kreis. Nicht gemerkt? Wir fahren bloß ein bisschen Lift. Paternoster. Sind mal oben. Mal unten. Steigen aus. Wieder ein. Gegen den Drehwurm hilft nur schreib … Ooops. (flüsternd, zu mir selber) Was sag ich da?

XeNö (verschwindet grinsend vorne rechts) Auf Wiedersehen!

Ich (knie mich vor eine der Pflanzen und flüstere): War das jetzt alles echt?

Amnesie und Alchemie

Kurz nach dem Aufstehen. Aus dem Spiegel blickt mir eine Unbekannte entgegen. Eine uralte Schwester. So werde ich also später mal aussehen, denke ich kurz. Na ja, schlafen tu ich zurzeit einfach zu wenig. Und ich sehne mich jeden Morgen von neuem nach einer Welt ohne Wecker. Und ohne Uhren, wenn ich schon am Wünschen bin.

Gopf, war das peinlich gestern Abend. Ich saß gemütlich an meinem Tisch und las Zeitung. Viertel nach sieben oder so. Ich war eben aus dem Wald zurückgekehrt, löffelte ein Joghurt und freute mich auf einen Leseabend, als mein Handy bimmelte. Auf dem Display steht „S.“
Ist heute Dienstag?, denke ich. Siedendheiße Erinnerung an einen Eintrag in meiner Agenda.
Na? Kommst du? Ich habe langsam Hunger!,
sagt sie. Na ja. Um sechs Uhr hatten wir abgemacht. Eigentlich. Bei ihr. Zum Abendessen. Und ich hatte mich, riesiges Ehrenwort!, total gefreut. Denn ich mag meine Freundin S. sehr.
Aber ja doch!,
sagte ich. Verzeih. Hab’s vergessen. Minuten später saß ich auf dem Fahrrad und flitzte nach Bümpliz. Und eine Viertelstunde später konnte ich mit S. bereits über mein Versäumnis lachen … Und auf das Leben und unsere Freundschaft anstoßen. Wir genossen den milden Abend bei Kerzenlicht auf der windgeschützten Veranda und freuten uns darüber, dass es uns beide und diesen Abend gab. Einfach weil wir da waren und nicht an Morgen dachten. Der würde eh kommen. Früh genug. Er kommt immer.

Freundinnen und Freunde sind wahrhaftig die beste Erfindung seit es Menschen gibt. Menschen, die mich selbst dann noch umarmen, wenn ich sie vergessen habe und anderthalb Stunden zu spät komme. Und darüber lachen können. Wie S. Oder sie sagen Sachen wie: Mit dir kann frau einfach über alles reden! Wie meine Freundin C., ihres Zeichens Hof-Frisöse, gestern Nachmittag. Oder sie lesen mir die Leviten: Bist du verrückt, Sofasophia? (Worauf ich eifrig nicke. Natürlich. Aber ich nehme ihre Levitenlesung trotzdem ernst.) Manchmal klagen sie mir auch ihr Leid, meine Freundinnen. Freunde mitgemeint. Oder ich ihnen meins.

Gleicher Tag. Stunden später. Nachmittag. Sofasophia im Büro. Noch immer müde. Chaos – will heißen zehn handgekritzeltes Protokollseiten mit Pfeilen und Fußnoten (und Fußnoten von Fußnoten) und dergleichen mehr – auf dem Schreibtisch. Das Telefon irgendwo darunter. Die Sonne stößt sich den Kopf an den Scheiben meines Terrariums. Unbarmherzig ist sie – für alle da. Aus der Büroküche nebenan der Geruch von Kaffee.

Der Donnerstag (unser Synonym für Wochenende) kommt bald!, sagt Kollegin K. zu mir.
Er kommt immer. Sage ich. Und ich glaube daran. Aus langjähriger Erfahrung. Und merke, dass ich mich wiederhole. Endlosschlaufe. Warteschlaufe. Worauf?

Papierkram. Tastatur. Ich kaue an Reizwörtern wie Strategie. Deadline und Event. Und an einem Projekt, das wir gut verkaufen sollen. Würge an Arbeits- und Zielgruppen. Nage an Floskeln wie generieren, akquirieren und aufgleisen. Stelle fest, dass ich bei der frühmorgendlichen Sitzung auf Autopilotin protokolliert habe. Hieroglyphen.

Ich frage mich, was ich hier mache und wieso ich immer so schnell – meistens nach einem Jahr – die Freude an der Herausforderung einer neuen Arbeitsstelle verliere. Obwohl es mir ja ausgesprochen wohl hier ist. Paradox. Meine bisher längste Anstellung dauerte bloß zweieinviertel Jahre. Nein, gekündigt wurde mir noch nie. Von jener pauschalen Team-Kündigung wegen der Schliessung eines Flüchtlingszentrums mal abgesehen.

Leide ich, wie meine Freundin und Leidensgenossin Cs. und ich vor einer Weile analysiert und diagnostiziert haben, an einer Art Arbeitsinsuffizienz? Denn arbeite ich erst eine Weile am selben Ort, fangen jene uralten Sinnfragen von vorne an: Was tue ich hier? Was hat das alles mit mir zu tun?

Ich erinnere mich an sterbenslangweilige Französisch-Stunden. Aus dem Fenster blickend, bekam ich nichts mit. Außer dem Wechsel der Jahreszeiten in den Bäumen vor dem Schulhaus. Schluckte dabei schwer an der alles entscheidenden Frage: Was tue ich hier? Was hat das alles mit mir zu tun? Und so weiter. In jedem Job.

Mein Refrain?

Obwohl ich doch schon jahrelang behaupte, dass es nicht auf den Inhalt meines Tuns ankomme, sondern auf Haltung und Hingabe gegenüber diesem Tun! Will heißen, ich könnte als glückliche Putze gehen, würde meine innere Haltung stimmen. Bin wohl dazu einfach nicht erleuchtet genug. Na ja, ich will einfach nicht bloß für Kohle arbeiten, sondern ich will mich mit meinem Tun identifizieren. Siehe „Das Wesen der KünstlerInnenseele“.

Dabei gehört alles, was ich tue, zu mir. Hat mit mir zu tun. Die französische Sprache ebenso wie das Bearbeiten der Materie, die sich über meinen Bürotisch schiebt. Hauptthema und roter Faden meiner beruflichen Tätigkeit: Integration. Immer wieder. Und eigentlich eine gute Sache. Woher also der Widerstand? Sind es das Involviertsein in Dinge, das Nachdenken über Vorgänge, das Grübeln über Prozesse,  kurz gesagt: die Abstrahierung des Lebens auf Abläufe, die mir zuwider laufen? Müsste ich wieder zurückkehren in den sozialen Kuchen, zurück an die Basis, zurück zu den Menschen? Denn natürlich sind es die Menschen, die mich am meisten faszinieren. Menschen und Buchstaben. Metaphern. Analogien. Gegenteile. Geschichten. Wie ich es doch liebe, tagzuträumen. Zu denken und zu spinnen. Und zu schreiben.

Später. Noch immer im Büro. Noch eine Stunde bis Feierabend. Vorsatz: Will heute früh ins Bett. Mit Fledermausmann. Jo Nesbøs Erstling.

Doch nun zapp ich mich ins Protokoll zurück.

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Später. Zuhause. Ich gestehe, dass mir das Protokollieren gegen Feierabend plötzlich wieder Spass gemacht hat.
Vielleicht, weil ich zwischendrin diesen Text gewoben habe?

Der Rätsels Lösung?
Alchemie: Auf die richtige Mischung kommt es an.