Viele werden alt im Leben,
weil sie alles beim Alten lassen.
(N. Peseschkian)
Danke!
Fallmaschen & Herzgespinste
Viele werden alt im Leben,
weil sie alles beim Alten lassen.
(N. Peseschkian)
Danke!
Ich weiß, dass ich nicht weiß. Gebt es zu, das wissen wir alle. Zumindest theoretisch. Und dass dieses Zitat nicht von Sokrates, sondern von Platon stammt auch. Jedenfalls dank Wiki. Soweit so gut.
Gestern Nacht jedoch – oder war es bereits heute Morgen? -, zu nachtschlafender Stunde jedenfalls, entstand in Koproduktion von Sofasophia und J. folgende noch nie dagewesene Erkenntnis:
Ich habe vergessen, dass ich weiß, dass ich nichts weiß.
oder kurz:
Ich habe vergessen, dass ich nichts weiß.
Heute Morgen habe ich mich doch tatsächlich wieder an den Satz erinnert. Da ich ihn ja nicht vergessen wollte … Weil er doch so umwerfend wichtig ist!
Doch jetzt, wo ich meine nächtlichen Erkenntnisse niederschreibe, frage ich mich, ob es möglicherweise nicht doch besser ist, zu wissen, dass ich nichts weiß, als dies vergessen zu haben.
Nicht, dass das wirklich wichtig wäre. Ihr könnt es also gleich wieder vergessen.

gedanken
ideen
gefühle
gelebt
erwartet
unerwartet
purzeln
durch
durch
durch
kommen
nirgendwo
irgendwo
innen
aussen
an
berühren
rühren
verwandeln
nähren
bleiben
gehen
weiter
endlich
unendlich
Alles, was ich fühle, wurde bereits vor mir gefühlt. Und wird soeben irgendwo anders ebenfalls wahrgenommen. Ähnlich, gleich oder anders. Als Reaktion auf irgendeinen, wenn auch nur klitzekleinen Impuls. Ohne Auslöser geht nichts. Alles ist Re-Aktion. Sage ich …
Alles, was ich denke, hat vor mir bereits die Hirnwindungen anderer durchlaufen. Und wird soeben irgendwo ebenfalls gedacht. Ähnlich, gleich oder … siehe oben …
Und auch alles, was ich unternehme, wurde bereits vor mir bereits getan. Und wird soeben erneut in Tat umgesetzt. Auch hier wieder: Als Reaktion auf irgendwas …
Sogar alles, was ich erzähle, wurde bereits irgendwo erzählt. Und wird eben jetzt in Worte gefasst. Die gleichen Geschichten! Sie werden immer wieder neu erzählt. Anders oder ähnlich … ihr wisst schon.
Jene von der Fliege zum Beispiel, die in meinem Schlafzimmer gefangen ist. Sie mag nicht nach dem nahen Ausgang suchen, denn das Leuchten der Glühbirne meiner Lampe fasziniert sie mehr als die Freiheit. Gefährlich nahe kommt sie der Hitze. Auch das nichts neues. Unzählige Insekten erliegen alltäglich dieser Versuchung. Ob es mehr oder weniger sind, die jeden Tag widerstehen und die darum ein paar Stunden länger leben? Nichts neues, nein.
Bei Màrai lese ich Gedanken, die sich der Herr, Màrais Protagonist, über Hundeerziehung macht. Sie gleichen meinen eigenen, vor über dreißig Jahren gedachten und gefühlten Kindergedanken verblüffend. Existentielle Fragen, die nicht einfach mit lauwarmen Antworten aufgelöst werden können. Zum Beispiel diese: Warum kommt mein Hund, wenn ich ihn von der Leine gelassen habe, zu mir zurück? Und warum findet er, selbst wenn er sich verirrt hat, wieder nach Hause! Warum? Bloß des vollen Futternapfes wegen? Wohl kaum.
Nichts neues, nein. Alles Gedachte, Gesagte, Gelesene, Gesuchte, Geliebte, Gefundene, Gefühlte, Gekochte, Verbrannte, Entworfene, Verworfene, Verurteilte kommt irgendwann und irgendwo wieder. Wurde dazwischen kompostiert. Wurde neue Erde.
Auch diese Erkenntnis: Kompost! Tröstlich irgendwie. Auch dass es uns allen so geht.
Wenn ich meine Alltagsaugen schließe, die Innen-Augen öffne und mir die Kreuz- und Querverbindungen, Hyperlinks quasi, zwischen all den gedachten, gefühlten und erlebten Ereignissen zwischen mir und meinen Mitwesen vorstelle, dazu all die Unterverbindungen und die Unter-Unterverbindungen, wird mir beinahe schwindlig. Alles verbunden. Die schamanische Grundlage.
Dazu fällt mir eine weitere Frage ein, die ich mir als Kind oft gestellt habe: Wer hat eigentlich Gott gemacht?
Heute antworte ich dem Kind von damals: Tja, das müssen wohl irgendwelche Männer gewesen sein, denen das Geheimnis des Lebens nicht reichte. Und die den Ursprung allen Lebens vermenschlichen mussten. Gott ist ein Bild. Sollte es jedoch fragen, wer denn all die Göttinnen gemacht hat, würde ich sagen: Guck dir diesen Kreis hier an … er hat keinen Anfang und kein Ende. So ähnlich muss es mit der Erde und allem was darauf herumkrabbelt, sein.
Auch das: Nichts neues. Ich weiss.
„Denken ist nur das Werkzeug, nicht der Garten“, sagte meine Freundin K. . „Ebenso Fühlen. Der Garten ist das Sein, das schlichte Dasein.“ Wir saßen nach getaner Arbeit in ihrem Garten. Im Paradiesgarten.
Zuvor hatte ich mit Ä., K.s Liebstem, mein Auto auf Vorderfrau gebracht. Psychohygiene für die Rostbeulen. Abschleifen. Spachteln. Grundieren. Lackieren. Nein, nicht vergolden, doch da ich Sternchen* bald mal wieder vorführen muss, soll das Ganze nicht am Rost scheitern. Sein Gnadenbrot hat mein Lebensabschnittgefährtchen allemal in meiner Nähe verdient.
Sofasophieren lässt sich, wie wir sahen, auch im Paradiesgarten. Wir haben uns über die Kolumne „Lob der Ataraxie“ von Thomas Widmer gefreut, die im neuen Natürlich leben erschienen ist. Er plädiert gegen die ständige Verfügbarkeit und Nützlichkeit, gegen das ewige Suchen nach noch mehr, nach exzessiver Weiterentwicklung zu Zielen hin, die in zehn, zwanzig Jahren erreicht werden sollen.
Wie gut mir dieser Text tut. Schon immer gehörte ich zu jenen Menschen, die sich danach sehnten, statt des Tuns das Sein zu zelebrieren. Nur erlaubte ich mir nicht, mir dies einzugestehen. Höchstens punktuell: Temporäre Inseln des Nichtstuns sind erlaubt, doch gewiss nicht jene Grundhaltung von „Ich bin zufrieden mit meinem Sein. Aktiv strebe ich keine Veränderungen an“. Zu suspekt! Ich könnte ja als Faultier, als arbeitsscheu, als nicht effizient verstanden werden, was ich auch bin. Ja, auch, aber nicht nur …
Zielstrebigkeit zu leben und Visionen zu haben – wie wichtig scheinen diese Aktivitäten in unserer Gesellschaft zu sein! Wie verd… wichtig uns doch ist, was andere von uns denken! Existentiell sogar?! Denn Weiterentwicklung kann eine höhere Einkommensklasse bedeuten, gleich mehr Kohle, gleich noch mehr Prestige … da capo al fine al fine al fine (wo immer das ist!) Rattenschwanz Zukunft. Konzepte. Auf den Kompost mit euch! So wird aus „al fine“ ein neuer Anfang. Organische Entwicklung …
Ständig vorwärts strebend und vom Fehlenden ausgehend, verpassen wir, dass wir jetzt reich sind. Hier in diesem Garten. Und wir vergessen sogar, jetzt zu leben. Jetzt die Birke da drüben zu bestaunen, ihre Silhouette, ihre Schönheit wahrzunehmen. Jetzt das Zusammensein mit unseren Freundinnen – Freunde sind mit gemeint – zu genießen. Und das Feuer. Die Kartoffeln aus dem eigenen Garten. Dazu frische Tomaten und (Furz-)Salat à la mexicaine.
Der wahre Reichtum ist immer gegenwärtig. Ich bin immer alles, was ich je war und je sein werde. Eine Gerade im grenzenlosen Raum. Ich kann immer nur jetzt SEIN. Hier. Im ureigenen Paradiesgarten mitten in meinem Herz. Mit der Harke des Denkens lockere ich den Boden, mit der Schaufel der Gefühle bringe ich von unten nach oben und von oben nach unten, damit alles schön lebendig bleibt. Ja, auch ohne Fernziele – wozu auch, wo doch alles immer nur jetzt ist? – entwickle ich mich weiter … Rhythmen, Phasen, Jahreszeiten – sie kommen und gehen. Und ich mit ihnen.
Hey, danke K. und Ä., immer wieder. Für eure FreundInschaft! Für euer Dasein!
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C., der Sohn des Hauses, seines Zeichens Hiphoper, hat mir den Link seines YouTube-Auftrittes verraten. Hier reingucken lohnt sich!
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* Nein, fragt bitte nicht nach ihrem Alter. Sie ist diesbezüglich ein bisschen heikel … Stars und Sternchen sind das zuweilen!
Worüber ich heute schreiben soll? Nein, falsch geraten! Es ist nicht so, dass mir NICHTS einfällt. Es ist eher so, dass ich mich täglich aus der ganzen Fülle, die sich vor mir auftut, auf ein Thema beschränken muss.
Tatsache ist, dass ich, seit ich täglich blogge, die Welt anders wahrnehme. Alles, was mir – oft buchstäblich – über den Weg läuft, wird in mir drin subito zur kleinen Alltagsgeschichte. Da tummeln sich Sätze herum, die ich wie Kaugummi von einer in die andere Ecke schiebe. Und die auch ebenso hartnäckig kleben bleiben. Mir geht es total anders, als Peter Stamm, einem meiner Schweizer Lieblingsautoren, der aktuell den kulturplatz-Blog des Schweizer Fernsehens bestreitet. Er schreibt im ersten seiner ungefähr vier bis fünf zu erwartenden Artikel:
Es fehlt mir am Mitteilungsbedürfnis und so furchtbar spannend ist mein Leben nicht (wenigstens nicht für andere), als dass ich darüber im Wochenrhythmus berichten müsste.
Ist mein Leben denn so viel spannender als seins oder jenes der anderen? Kaum! Oder ist es so, dass ich mich einfach gerne mitteile? Das gewiss, ja. Doch durch die Augen der Schreiberin betrachtet, kann der kleinste Fliegenfurz ein Ereignis sein. Bloße Blubber wie Kollege S., Texter, gewisse Leerläufe nennt? Ich hoffe es nicht. Seichte Unterhaltung? Auch das hoffe ich nicht. Ein bisschen was zu futtern für das Hirn? Das hoffentlich schon eher. Oder zumindest Unterhaltung auf jenem Niveau, das über den Bauchnabel hinausgeht.
Es ist keineswegs so, dass ich keine Gegenüber hätte, mit denen ich mich austauschen könnte, doch der schriftliche Output, wie jener eines Blogartikels, hat eben eine andere Qualität. Qualität im Sinne von Beschaffenheit, von Konzentration und Dichte. Es ist für mich eine Übung, mich schriftlich kurz zu fassen. Die Aufträge der Zeitschrift, für die ich schreibe, lauten jeweils so: 3600 Zeichen mit Leerschlägen. Zum Beispiel. Wie für Sirup werden also die zahlreichen Ideenfrüchtchen eingekocht. Schließlich erreiche ich den Moment, wo 1.) der Sirup genau die richtige Konsistenz hat und 2.) der Abgabetermin vor der Türe steht. Idealerweise 1.) vor 2.) wohlgemerkt. So nehme ich die Pfanne vom Feuer und lasse ein paar feinschmeckende Mitmenschen daran schnuppern und sie ein Glas versuchen, auf dass sie mir liebevoll-ehrlich und wohlwollend-kritisch sagen, wie das Ganze schmeckt.
Doch wo war ich gleich? Bei der (Hirn-)Fütterung der Raubtiere Bloglesenden! Na ja, es ist ja nicht immer meine erklärte Absicht, Euch Geistreiches zu bieten, manchmal ist Bloggen einfach Warm-up. Einlaufen. Stretching. Bevor ich an einer Geschichte weiterspinne.
Apropos Spinnen. Thekla, wie ich meine Balkonmitbewohnerin nenne, ihres Zeichens Spinne, legt eine beneidenswerte Ausdauer im Spinnen neuer Geschichten Netze an den Tag. Sie hat es sich in den Kopf gesetzt, ausgerechnet zwischen meinem Balkonstuhl und der Mauer Mücken zu fischen. Und das, obwohl ich – nicht aus böser Absicht, sondern aus Vergesslichkeit – schon viermal ihr Netz beschädigt, sie genausooft um Verzeihung gebeten und ihr gut zugeredet habe, ihr Netz woanders, zum Beispiel bei den Tomaten drüben, zu knüpfen. Ich hoffe, sie verhungert nicht! Wo sie doch vor lauter Webereien kaum was zum Fangen und Futtern kommt. Wie gesagt: Ihre Ausdauer ist bewundernswert. Sisyphus lässt grüssen.
Jetzt sollte ich wohl endlich meinen klugen Artikel zu schreiben beginnen. Bloß weiß ich heute echt nicht, worüber ich schreiben könnte. Über die Schweinegrippe vielleicht? Nein, das lassen wir besser.
Bleibt mir nur ein Tipp: Spinnt Netze, liebe Leute. Ein paar literarische Mücken finden sich bestimmt. Guten Appetit.
Eine meiner unzähligen Schwestern, die nächstältere nämlich, kann für einmal nicht mit ihrer Familie in die Ferien fahren. Die Reisestrapazen wären zurzeit zu viel für sie. Im Frühling hatte sie einen schrecklichen Unfall und ist noch immer nicht fit. Darum haben mein Lieblingsbruder und meine Lieblingsschwägerin sie ein paar Tage zu sich eingeladen. Eine gute Gelegenheit für mich, den ganzen Familienhaufen im gleichen Aufwisch mal wieder zu treffen – zumal Lieblingsbrüetsch & Co. näher wohnen als Schwesterherz.
Wenn dann meine Lieblingsnichte noch aufzukreuzen beschließt und mein Lieblingsneffe, seine chilenische Frau, deren Besucherinnen samt Kids sich uns anschließen und wir zur Feier dieses Wiedersehens meinen Lieblingssee Nr. 2 aufsuchen – tja dann! Dann werden die Feste gefeiert, wie sie fallen … Schließlich taucht noch ein Freund der Familie mit seinen Kindern am See auf. Nun ist die kunterbunte Gästeschar komplett.

Brüderchen, Schwesterchen und ich, die wir selten in dieser Kombination aufeinander treffen, stiegen, je später es wurde, desto tiefer die Kellerstufen der Vergangenheit hinab. Was da nicht alles zum Vorschein kam und wie unterschiedlich wir unsere Eltern in den verschiedenen Epochen unserer Kinderjahre erlebt haben! Ich staune immer wieder in solchen Augenblicken, dass wir über die gleichen Menschen sprechen und genoss es sehr, wie authentisch wir austauschen konnten. Obwohl, oder vielleicht gerade weil wir so verschieden sind. Besonders Schwesterchen und ich.
Spät nachts, müde, aufgekratzt und zufrieden wieder zuhause angelangt, widerstehe ich der Versuchung
Wozu ich diesen Versuchungen widerstanden habe? Um zu schlafen natürlich. Und wozu will Sofasophia (genug) schlafen? Na, um morgen fit zu sein! Fit für die Arbeit!
Schrecklich, so vernünftig zu sein!, notiere ich vor dem Einschlafen. Wo ich doch Lust habe, schreibend über diese komplexen Themen nachzudenken. Und darüber, warum ich es nicht lassen will, die Dinge beim Namen zu nennen. Und über meine Direktheit. Auch über die Bemerkung von Schwesterherz, dass ich schon immer darauf geachtet hätte, mir nicht in die Karten schauen zu lassen. Stimmt das? Noch immer?
Ich lösche das Licht und öffne meinen Traumweberinnen und Traumspinnern die Türe. Mögen sie aufdröseln, wo mir der Duchblick fehlt.
W-Fragen sind heikel. Manchmal tun sie sogar weh. Das heisst, nicht die Fragen, tun weh, natürlich sind es die Antworten. Wir stellen unsere W-Fragen, ohne bereit für die Antworten zu sein. Sodass ich mich frage, ob es sich ohne Antworten nicht besser lebt. Im Ungewissen. Im Reich der Möglichkeiten. Ooops! War das nun eine Frage? Und gleich schon wieder eine! Die Antwort schenken wir uns!
Doch da gibt es ein paar andere Fragen, über die ich mir immer mal wieder den Kopf zerbreche. Und ihn mir auch gleich wieder zusammen setze. Doch diese Fragen sind es nicht wert, mit Scherbe statt Kopf herumzulaufen.
Wie sie denn lauten?
> Warum spitzen wir die Ohren, wenn getratscht wird? Warum tratschen wir aktiv oder passiv, obwohl es doch, weiß Göttin, Spannenderes zu reden gibt? Warum lese ich Blogs? Und warum lese ich bei meiner Coiffeuse Hochglanzmagazine mit Hollywood-Dramen? Jedes Mal! <
Müsste die Fragen womöglich anders lauten?
> Was genau interessiert uns an den alltäglichen Peinlichkeiten und Unheimlichkeiten unserer Mitmenschen? Ist es die Erkenntnis, dass die anderen auch bloß Menschen sind? Interessiert uns das Schräge und erleichtert uns die Erkenntnis, dass die andern ebenso schräg in der Landschaft stehen wie wir? Tarieren wir auf diese Weise die Wasserwaage neu aus, die wir hinter unserer Stirn in uns herumtragen? <
Vielleicht besser, die Antwort nicht zu kennen!
Wenn ich – ja, das kommt hin und wieder tatsächlich vor –, eine neue Geschichte aus Fallobst und Handverlesenem in der Presse habe, dreht sich auf einmal alles in mir nur noch um diesen Text. Die Geschichte lebt in mir. Womöglich war sie schon immer da und wartete darauf, von mir wachgeküsst zu werden. Wohl ist sie irgendwie vertraut, ist Teil von mir, doch hat sie eine ganz eigene Persönlichkeit, einen unverwechselbaren Charakter und eine ureigene Energie. Und natürlich hat sie ihre Schwächen. Doch die sehe ich natürlich in diesem Zustand noch nicht.
Schließlich will ich sie erst einmal atmen sehen, sie kichern und furzen hören. Will ihr lauschen, will sie berühren. Ein bisschen sie knuffen. Mit ihr schäkern. Will mit ihr spazieren gehen. Will sie im Wald und in der Stadt erleben. Will ihre Reaktionen sehen, wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht, will schauen, wie sie sich über etwas freut. Und sich ärgert. Wie sie lacht und weint, will ich erleben, hautnah. Kurz und gut: Wenn sich eine Geschichte in mein Leben spinnt und drängt, will ich sie kennenlernen.
Für jede meiner Geschichten brauche ich die Energie der Verliebtheit. Zugegeben, das macht mir manchmal Angst. Ob ich dabei nicht all meine Verliebungsfähigkeiten aufbrauche? Oder sind die unbeschränkt in meinem unterirdischen Lager gespeichert? Na ja, ich habe eigentlich gar keine Wahl, denn ohne diese Energie geht Schreiben bei mir nicht. Ich muss mich bei jedem neuen Text auf diesen Zauber einlassen können. Ohne Kritik vorerst. Mich einlassen auf die Magie des Unbekannten. Auf die Kraft des Neuanfangs.
Und mit jeder Geschichte – ob kurz oder lang – gehe ich den Weg jeder zwischenmenschlichen Beziehung: Anziehung. Begeisterung. Verliebtheit. Allmählich genaueres Hinschauen. Ernüchterung. Kritik. Akzeptieren – zulassen – loslassen. Auseinandersetzung. Reibung … Ob es ein Happy End oder eine Trennung gibt, zeigt sich erst nach einer Weile. Ob sich aus der Verliebtheit in eine Idee die Liebe zu einer Geschichte, zu einem Artikel entspinnen kann, zeigt sich an der Qualität, an der Interaktion, am Miteinander, an der Chemie zwischen mir und ihr.
Was lässt sich denn über eine Geschichte sagen, die schon fast fertig auf meiner Festplatte döst? Happy End, da sie – wie gesagt – fast fertig ist? Oder Trennung, weil ich sie nicht auf die Reise in die Welt geschickt, sondern eingemottet habe? Gibt es da noch ein Dazwischen? Eine friedlich Koexistenz zwischen Ge-Schichte und Schichterin? Eine Freundschaft, die ganz und gar ohne Forderungen ist? Wir erinnern uns: Während des schöpferischen Prozesses war die dichtende Schichterin unglaublich glücklich. Wie es eben nur Verliebte sind. Kann denn die Daseinsberechtigung einer Geschichte – neben der Ehre, geboren worden zu sein– schlicht darin bestehen, Teil dieser komplexen, sinnlichen, simplen Welt der Gedanken und Gefühle ihrer Schichterin während ihres Schreibprozesses zu sein?
Reicht das? Falls und wem nicht, der finde mir einen Verlag, der sich all der Schichten auf meiner Festplatte annehmen möge. Hach. Wäre das schön, wenn an der Lesung in zwölf Tagen eine Verlegerin oder ein Verleger im Publikum säße und sich in mein Novellen-Manuskript „Loch im Eis“, aus dem ich vorlesen werde, verlieben würde.
Doch was dann? Die Welt der Möglichkeiten verlassen und jene der Realität betreten?
Ja, ich weiß, es ist Sommer. Alle Welt tummelt sich draußen. Die Sonne scheint und die Natur ruft … Doch der Abgabetermin für meinen Artikel rückt unaufhaltsam näher. Außerdem habe ich ein paar rohe Geschichten auf dem Feuer. Die müssen eingeköchelt und ständig mit ein bisschen Wasser abgelöscht werden. Sonst brennen sie an. Und für die Lesung in dreizehn Tagen (schon?) muss ich auch noch den richtigen Text finden. All das vor den Ferien … es gibt viel zu tun. Es GÄBE viel zu tun …
Deshalb bin ich heute brav zuhause geblieben und sitze bei schönstem Wetter am Laptop. Allerdings so gut wie draußen. Doch was tue ich? Ich surfe! Womit wir wieder beim Thema „zu wenig Zeit“ wären. Zwei Herzen in meiner Brust. Wie der Autor im Buch, das ich lese, habe ich offenbar auch meine ganz eigene Art von Disziplin.
„Der Nichteingeweihte versteht das natürlich nicht. Es wäre ja auch kaum begreiflich zu machen, worin die Disziplin liegt, wenn einer vier bis fünf Stunden des Tages mit ruhelosem Warten im Nichtstun verbringt: aufsteht, von einem Raum in den nächsten wandert, sich irgendwo niederlässt, (…) ein Bad nimmt, zu einem Buch greift (…) Krach schlägt, wenn ein Besuch in „stört“ (…) …inzwischen ist es nachmittags um sechs oder vier Uhr früh – und mit weiterer Zeitverschwendung von zwei Stunden erfolgreich eine oder bestenfalls anderthalb Seiten vollzuschreiben.“
Sándor Márai. Mal wieder. Seit ich seine „Glut“ gelesen habe, schafft es dieser ungarische Autor immer wieder, mich zu packen. Den roten Faden in seinen Romanen sehe ich weniger in den Themen oder Figuren seiner Geschichten, als darin, wie er menschliche Banalität, menschliche Genialität, menschliche Absurdität und menschliche Brutalität, die alle irgendwie ganz nahe beieinander stehen, sich wohl oder übel gegenseitig einatmen und sich zugleich voneinander fortdrängen, in Worte kleidet. So als hörten wir seine Antiheldinnen und –helden beim Denken zu.
In der Bibliothek bin ich neulich fast zufällig über seinen „Hund mit Charakter“ gestolpert. Wie bitte? Márai schreibt einen Roman über Hunde? Jawohl! Und wie! Der Protagonist, genannt „Herr“ – Màrais Alter Ego? –, schenkt der Dame des Hauses zu Weihnachten einen Welpen. Wir schreiben das Jahr 1928. Nein, nun kommt keine süße Hundegeschichte, wie könnte es auch? Es folgt, typisch für den ungarischen Philosophen, eine Geschichte darüber, wie diese kleine Kreatur, dieses wollknäuelige Hundebaby, mit seiner Schamlosigkeit den ganzen Haushalt durcheinander- und den Autoren dazu bringt, eigenes Verhalten zu hinterfragen. So wie es eben nur Márai kann.
„Es fällt ihm dennoch schwer, den Widerstand aufzugeben; die Scham, die ihn überkommt, wenn er sich um ein Tier kümmert, wohl wissend, dass jetzt gerade hundert Millionen Menschen auf der Erde … – doch wie soll er sich mit hundert Millionen Menschen abgeben? Wie soll er sie alle lieben? Wie kann er etwas für sie tun, wenn er keinen einzigen von ihnen kennt? Vielleicht sollte man die Welt doch einfach da anpacken, wo sie einem am nächsten ist. Wo man sie zu fassen bekommt? (…) Und dann, wenn all das erledigt ist und er immer noch einen kleinen Überschuss an Gefühlen, Hingabe und Eifer hat, dann darf er diesen zum Beispiel auch an einen Hund verschwenden …“
Der Tag, an dem der Hund die Leine kennenlernt, ist kein einfacher. Zuerst flippt er beinahe aus …
„Plötzlich hält der Hund im nervösen Herumtrippeln und Wimmern inne. Jetzt hat er begriffen. Er erstarrt vor Entsetzen, und dann sagt er Nein! (…) Es bricht mit so entsetzlicher Wut und Verzweiflung aus ihm hervor, wie es nur aus jemandem hervorbrechen kann, der im Recht ist. Er hat das An-der-Leine-Sein verstanden, begriffen fürs Leben. Nein, das nicht! … kommt der Schrei. (…) … das kann doch nicht sein! Warum auch? Dann wäre ja alles aus, der Sinn des Daseins, kein Ziel mehr, für das es sich zu leben lohnte, da wäre keine Würde mehr und keine moralische Gerechtigkeit und auch kein wahres Gesetz, weder dort oben in den Sternen noch hier unten in der endlichen Welt zwischen Schlaf- und Herrenzimmer! Jetzt hat er begriffen und kann es nicht ertragen.“