Bleiben oder gehen

Uskavigården ist ein Platz, der einem die Weiterreise nicht leicht macht. Nach meinem körperlichen Tiefpunkt heute Morgen geht es mir wieder besser. Trotzdem sind wir hier geblieben, haben geschwatzt, gelacht, geplant, an der milden Schwedensonne gefaulenzt und Minigolf gespielt. Mein vielleicht fünftes Mal. So langsam verstehe ich, was andern daran gefällt.

Du musst eins werden mit dem Ball, sagt Irgendlink. Es gelingt nicht schlecht. Und die zweite Runde gewinne ich sogar, nach der ersten unentschiedenen.

Auch mit der Reise muss man eins werden. Mit allem, das uns umgibt muss man eins werden. Sonst ist es unerträglich. Vielleicht muss man sogar mit den  neuen Zeltnachbarn eins werden?

Jeden Tag ändert sich das Bild auf dem Campingplatz. Jeden Tag ein neues Luftbild wäre sicherlich spannend – zum Zeitraffer-Filmchen montiert sicher witzig.

Heute morgen waren nur noch wir und die Familie am gegenüberliegenden Ende der großen Zelte-Wiese da. Herrlich weit der Platz. So mag ich es. Enge widerstrebt mir.

An Abend, als wir von unseren Streifzügen auf den Platz zurückkommen, hat sich das Bild total verändert. Hinten links, aber in sicherem Abstand zu unser kleinen Insel, bestehend aus Rad und Zelt und Tisch, stehen etwa acht neue Igluzelte. Ein paar Autos darum herum und ein Menschengewusel. Alles aber weit genug weg, um nicht zu hören, in welcher Sprache diese Menschen sprechen. Nun ja, sollen sie doch. Solange sie uns nicht zu nahe kommen.

Schlimm, diese meine ‚Unser Boot ist voll‘-Haltung, sage ich noch zu Irgendlink – es ist halb neun oder so, wir haben eben fertig gekocht – als ein weiterer Wagen, ein Kombi mit Gepäcksarg oben drauf – auf den Zeltplatz einfährt. Der Wagen parkt zwischen uns und dem nächstnäheren Zelt der Achtergruppe. Nun ja, eigentlich eher näher bei uns, ziemlich nahe bei uns, um genau zu sein. Wir essen unser Gericht und ich kommentiere kicherend wie der Zeltbau vorangeht, weil Irgendlink es nicht sehen kann. Und ich, nun ja, ich sehe eigentlich auch nicht, was mich je länger je mehr befremdet: wie nahe nämlich die drei Männer, ein älterer, ein junger und ein Bub, sich bei unserm Zelt niedergelassen haben. Kein weiteres Zelt hätte zwischen dem Zelt des jungen Mannes uns unserem mehr Platz.

Schlimm ist das eigentlich nicht. Nun ja, schlimm wäre das eigentlich nicht, wenn es nicht vorne auf der Wiesen noch riesig viel Platz gehabt hätte. Für mindestens acht Zelte mehr. Ohne dass die drei uns so sehr auf die Pelle hätten rücken müssen.

Auf unserem Abendspaziergang am Waldrand und am Seeufer entlang – ein Sonnenuntergang vom feinsten! – überlegen wir, warum uns das so beschäftigt. Und was genau es ist, was uns an dieser Nähe nicht behagt.
Nun gut, wir sind zwei Menschen, die unabhängig voneinander einen recht hohen Grad an Freiraum mögen. Respekt vor dem eigenen Raum und den Grenzen anderer ist uns beiden sehr wichtig. Ein bisschen eigen und eigenbrödlerisch sind wir ebenfalls beide, obwohl wir mit lieben, uns vertrauten Menschen Nähe gut und gerne teilen mögen. Aber eben: Rücken uns nicht bekannte, uns nicht vertraute Menschen zu nahe auf den Leib, wird es uns schnell einmal eng, zu eng. Unbehaglich fühlt sich das an. Und ich kann dann schon mal ein bisschen – wie ein kleiner giftiger Hund – bellen. Noch eher aber ist es so, dass ich nichts sage, mich aber zurückziehe.

Wir könnten, sage ich darum, als wir fertig gegessen und die drei ihre beiden Zelte fertig aufgebaut haben, wir könnten ja unser Zelt auf die andere Seite des Tisches verschieben.

Beim Spaziergang sagt Irgendlink, wie sehr es ihn immer wieder erstaunt, wie unterschiedlich Menschen Nähe und Intimsphäre wahrnehmen und wertschätzen oder überhaupt keinen Sensor für solcherlei haben.

Die stammen vielleicht aus einer Großstadt, wohnen in beengten Verhältnissen und kennen vielleicht nichts anderes als Lücken aufzufüllen, mutmaße ich, während wir beide, als Landeier groß geworden, den Raum drumrum kennen und schätzen.

Ich denke darüber nach, dass ich mit meiner Haltung im Grunde auch etwas wie Angst ausdrücke. Kommt mir bloß nicht zu nahe!, signalisiere ich und weiß jetzt auch, warum ich durchaus gernen wild campiere. Nein, es ist keine rassistisch motivierte Abgrenzung, im Gegenteil bin ich Menschen aus anderen Kulturen gegenüber fast toleranter als SchweizerInnen, weil ich mir bewusst bin, dass jene anders funktionieren. Aber von Menschen aus meinem Kulturkreis möchte ich eben besonders gerne, dass sie meine Grenzen respektieren.

Hoffentlich schnarchen sie nicht, sage ich und bringe es damit vor mir selbst auf den Punkt. Ich mag vor allem den Lärm nicht, den andere Menschen produzieren. Ich möchte nicht in die Geräuschewelt anderer mir unbekannter Menschen eintreten müssen; nicht nachts und nicht ungefragt.

Manche Leute vertragen gewissen Lebensmittel und gewisse Pollen nicht, ich vertrage Geräuschemmissionen nicht. Gehörverschmutzung bekommt mir nicht.

Ich liebe es, wenn es keine Geräusche hat, außer jener, die die Natur selbst erschafft. Hier Blätterrauschen, Wasserwellen auf dem Sandstrand, Vogelgezwitscher. Oder wie vorhin am See: Auf einmal das Stelldichein der Möwen direkt vor uns über dem See. Zuerst eine, dann zwei, drei, dann ganz viele – kreischend ziehen sie ihre Bahnen, im Kreis, auf, ab, immer wieder … dann zerstreuen sie sich, zwei setzen sich aufs Wasser, wie Entchen, dort drüben noch zwei … Und schon ist es wieder ruhig.

Ob wir wohl für die Tiere ein ebenso unverständliches  Rudelverhalten an den Tag legen?

Ob wir Uskavigården morgen oder erst übermorgen verlassen werden – gehen oder bleiben? – entscheiden wir morgen. Ludvika, unser nächstes Ziel, lockt ebenfalls mit See und Campingplatz, aber ob der so schön ist wie der hier?

Leisten, funktionieren und/oder Nichtstun

Da habe ich doch vorhin, noch im Zelt, einen Artikel in die Tasten gehackt, direkt in die WordPress-App, wie früher oft, und nun ist er weg. Einfach weg. Die ‚Entwurf im Offline-Modus‘-Funktion gibt es offenbar seit dem neuen App-Update nicht mehr. So doof. Seid gewarnt, ihr da draußen!

Zum Glück habe ich aber eine schlichte Schreib-App und da bin ich jetzt drin, werde klassisch mittels Copy-Paste bloggen und keine Risiken mit upgedateden Apps mehr eingehen. Der Einstieg ins Thema war zwar anders gedacht gewesen, doch eigentlich passt das hier auch irgendwie. Gehören nicht alle Erfahrungen irgendwie zusammen?

Wie wir gestern frühstücken, frage ich den Liebsten, ob für ihn diese Tage hier ebenfalls zur Tour zählen – oder doch eher nicht. Weil er ja streckenmäßig kaum vorankomme, pausiere, innehalte, sage ich – kurz und gut, da er ja im Toursinne weniger leiste. Und, nun ja, ich will halt auch wissen, ob er sich von mir und von unserer Ferienzeit ausgebremst fühle.

Ich trenne nicht. Das gehört alles zusammen. Das ist alles ein Ganzes, sagt er später, als wir Richtung Nährmutter ICA wandern.

Der nächte Laden, so haben wir an der Rezeption des Campingplatzes erfragt, sei zehn Minuten entfernt, links vom Kreisvortritt Richtung Norden. Zehn Autominuten – vermuten wir, machen den nächsten Weiler aus und peilen ihn als mutmaßlichen Einkaufsort an. Dahin gibt es sogar einen Wanderweg. Und was für einen! Schon bald stellt sich Ruhe ein, die Stille des Waldes umschließt uns, erinnert an die Pilgerwanderung vor einem Jahr. Ich fühle mich trotz allem auch sehr  müde – stelle fest, dass ich echt erholungsbedürfig bin. Die letzten strengen Monate bei der Arbeit melden sich aus allen Zellen. Ich keuche den Hügel hinauf und bin froh, in meinem eigenen gemächlichen Tempo gehen zu können. Was für ein Wald! Dafür hat sich die weite Reise aber gelohnt!, sage ich. Unser Bonmot, an dem wir vor Jahren auf der Reise an den Polarkreis an jeder schönen Ecke gemeißelt haben.

Im nächsten Weiler angelangt, erfahren wir, dass der Laden noch mindestens sechs Kilometer entfernt sei. Oh neiiin!, jammern wir theatralisch. Weil … hier gibts wohl keinen Waldweg und diese Straße hier ist befahrener als die andere und wir beide hassen Straßentippelei.
Lass uns trampen, schlage ich vor. Oder, sagt Irgendlink, wir wandern zurück und ich gehe später mit dem Fahrrad dahin?

Fünf Minuten – lass es uns fünf Minuten probieren, sage ich. Das letztmögliche Auto hält an. Ein Volvo. Der Fahrer kommt aus Leksand, wo wir vor Jahren das tolle Glockengebimmel und den Markt genossen haben. Er mag die Hitze, von der wir erzählen. Dass es heute um die vierzig Grad sei in der Schweiz, sagte ich. Er wolle, wenn er pensioniert sei, in Spanien ein Winterhaus kaufen.

Schließlich lädt er uns an einer Konsuminsel aus, bestehend aus ICA, Café, Pizzeria, Tankstelle und Busstation. ICA, du Nährmutter du! Wir schlendern durch die Regale, uns bewusst, dass wir alles nachher schleppen müssen, was wir kaufen. Reis, sage ich, ist eine gute Pastaalternative. Brot. Milch. Und Goodies, natürlich. Das muss einfach. Mindestens einmal pro Skandinavienaufenthalt. Dreißig, was sage ich? fünfzig!, Sorten Schleckzeug – von Gummidingern über Schockonussstückchen – stehen zur Auswahl. Tüten und Schäufelchen wie in alten Krämerläden. Nur halt in Selbstbedienung. Wir schlagen zu. Hauen rein. In der Tankstelle bekommen wir Rödsprit, wunderbar.
Siesta auf einer der Picnicbank-Inseln im Gelände. Muffin- resp. Donut-Pause. Er ist der Donuttyp, ich die Muffin. Was das wohl über uns aussagt?

Es gibt einen Bus, eine halbe Stunde später, der dahin fährt, wo wir in den Volvo gestiegen sind, findet Irgendlink heraus. Wir versuchen es dennoch zuerst mit trampen, haben aber diesmal kein Glück. Der Bus bringt uns zur Weggabelung und wir wandern den gleichen Weg durch den Wald zurück.

Was gut tut nach diesem kleinen bunten Konsumrausch eben.
Das Auf und Ab geht echt ganz schön in die Beine, merke ich. Die Wanderroutine ist noch nicht wieder da. Macht nichts. Wir haben es ja nicht eilig.

Auf dem Campingplatz ist es kurz vor Cafeteria-Schließung und wir schaffen es grad noch, eine Tasse Kaffee und eine Tasse Tee zu bekommen.

Glitzerlicht über dem See. Gewitterwolken. Märchenstimmung. Eigentlich wollten wir ja baden, doch es geht ein kühler Wind. Das Wasser ist vom gestrigen Regen auch wieder ein oder zwei Grad kühler … nun ja … später, nach einem Nickerchen machen wir einen auf Helden, schlüpfen in die Badeklamotten und gehen in den See. Ich nur ganz kurz, der Liebste, der sich ja abhärten muss fürs Nordkap, schwimmt eine kleine Runde. Zähneklappernd dusche ich heiß, froh über diese Möglichkeit hier.

Nach dem Abendessen (ja, richtig, keine Pasta!), heute gibt es Reis – dazu gebratenen Feta mit dreierlei Gemüse – suchen wir ein paar Geocaches, finden aber nur die Hälfte, dafür aber einen Ausschnitt des Bergslagsleden, eines 280 Kilometer langen Wanderweges, den wir irgendwann mal wandern wollen.

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Unterwegs sagt Irgendlink: Lass uns noch einen Tag länger hierbleiben. Einfach mal nichts tun. Nichtstun. Gar nicht so einfach, denn Bloggen ist ja auch nicht nichtstun. Und Bilder bearbeiten, Karten gestalten auch nicht.

Die -Tour ist ja eine Kombination aus dem allem, und darum ist auch ein scheinbarer, zumindest örtlicher Stillstand kein Stillstand. Ich bin eine Kunstmaschine, ich kann nicht nicht kunsten, sagte Irgendlink einst. Künstler haben nie Pause, ist auch so ein Satz aus seinem Mund. Stimmt.

Darum zählen auch diese Tage hier und auf dem Weg nach Falun, sogar die Tage in Falun dazu. Sie nähren die Kunstmaschine, damit sie nachher wieder frisch gestärkt ans Nordkap radeln kann. Ähm, er natürlich, er, der Mensch, der Künstler, eine Maschine ist er nämlich nicht. Eine Maschine hat kein Herz.

2300 Kilometer seien es, auf dem Sverigeleden, und wenn er jeden Tag – ohne Pause – so um die siebzig bis achzig Kilometer fahre, könne er es bis Ende August schaffen bis ans Kap, denkt er laut.

Und wenn auch nicht – es ist, wie es ist. Und das ist gut so.

Camping-Impressionen

Nachts eine Stille, die von nichts außer meinem Tinitus gestört wird. Ich bin kurz erwacht, weil ich mich gedreht habe. Im Schlafsack, vor allem wenn er offen ist, muss beim Drehen ja immer das ganze Paket mitgedreht werden, weshalb das fast nicht ohne kurz zu erwachen geht. Im Winzig-Zelt muss zudem auch darauf geachtet werden, dass ich dem Liebsten nicht meine Füße und Arme in die Rippen stoße. In der richtigen Position angekommen, alle Beine und alle Arme wohlplatziert und der Kopf ebenfalls, wird mir bewusst, dass da draußen nicht das geringste Geräusch ist. Keins. 

Kein Vogel. Kein Auto. Kein Blätterrauschen. Keine Insekten. Nichts. Und wie immer in skandinavischen Sommer ist es nie wirklich total dunkel. Ich sehe einen winzigen Käfer an der Zeltwand und überlege mir, ob er sich der Endlichkeit und Sinnlosigkeit dieser Wanderung bewusst ist. Ob wir uns der Endlichkeit und Sinnloigkeit unserer Wanderungen bweusst sind. Der Müßigkeit aller Anstrengungen. Und ich frage mich, was unser Käfer wohl seinen Verwandten erzählen wird später. Wie der Ohrwurm gestern, der im Innenzelt von Örebro hierher mitgewandert ist. Er wird vermutlich nie mehr in Örebro sein. Ob Ohrwürmer Verwandtschaften pflegen? Ob sie Heimweh kennen? 

Sandmännchen kommt wieder vorbei und ich döse weg. Später muss Irgendlink mal kurz raus. Zurück kommt er mit ein paar Tweets auf der Zunge und er weckt darum sein Handy auf. Es ist halb fünf. Ich schlafe weiter. Der Schlaf und ich haben noch was vor miteinander, murmle ich. 

Diesmal träume ich von einer Klassenzusammenkunft, einer fiktiven, in meiner Heimat. Ich kann da genauso gut hin, sage ich mir, derweil Irgendlink in der Stadt ist und ich auf ihn warte. 

Da, schaut, sage ich später zu den Kolleginnen von einst, als der Liebste auftaucht. Er war beim Frisör, obwohl ich ihm doch normalerweise die Haare schneiden darf. Stolz erzähle ich den Kameradinnen, was er zurzeit so treibt. Dass er ans Kap radelt. 
Ich erwache mit einem Schmunzeln und betrachte den Schlafenden neben mir andächtig und staunend. Schlaf ist eine wunderbare Sache. Und obwohl das Zelt so klein ist und es gewiss komfortablere Unterkünfte gibt, möchte ich mit niemandem auf der Welt tauschen. Ich schlafe wunderbar in diesem portablen Zuhause.

Heute bleiben wir hier, in Uskavi, und werden eine Wanderung in den nächsten Ort mit Laden unternehmen. Eine gemütliche Zehn-Kilometer-Wanderung. Die Sonne scheint. 

Herz, was willst du mehr?

  

Uskavigården – Camperinnenträume werden wahr

Uskavigården – ein Ort am Ende der Welt. Kein Ort eigentlich, nur ein paar Häuser in der Pampa. Seeanstoß. Rasen. Ein paar Wege. Vielleicht 40 Caravan-Stellplätze und ein großer Platz für die Zelte. Leer bis auf einen Wohnwagen, der sich hierher verirrt hat. 

See- oder Meeranstoß: Das ist das Bild, aus dem meine Skandinavienträume schon immer waren. 

Es ist kurz vor halb vier als ich ankomme. Die zwei Busse, einer bis Nora, ein zweiter ab dort, haben mich durch eine stetig wilder und ländlich werdende, unbewohnte Landschaft hierher gebracht. Eine Minute, bevor ich aussteigen darf, setzt ein Platzregen ein. Die Sonne versteckt sich nicht, lacht über den Regen und verzaubert die Szene mit einem surrealistischen Glitzern in etwas Hollywoodeskes und so verlässt die Heldin mit geschultertem Rucksack den Bus, steht vor dem glitzerden Märchenschloss und bittet um Einlass. 

Für lumpige 120 Kronen gehört das alles ihr. Ähm, mir. Ich meine: Uns. Für eine Nacht. Doch wir dürfen gerne länger bleiben, sagt die Rezeptionistin.

Ich ziehe mir die schweren Schuhe aus, zippe die Hosenbeine auf Halbmast und wate durch den See. Kühl. 19 Grad schätz ich mal. Nicht so warm wie die Dschungelwelt „Lost City“, das Erlebnisbad mit den sechs gefährlichen Kreisch-Rutschen, das wir heute Morgen heimgesucht haben, weil es zum Eintritt des Örebroer Campings gehört.

Krasser Kontrast das! Örebro: Mondän, modern, animiert. 

Uskavigården: Natürlich, ruhig, überschaubar.

Beide haben Spielplatz und Minigolf, okay, sonst aber kaum Ähnlichkeiten. Den hier ich mag ich irgendwie lieber. Der Stille wegen. Kein Auto-Dauerrauschen. Wenn mal jemand vorbeifährt, hörst du es.

Ich mag beide Plätze (so ähnlich wie ich beide Lebensmöglichkeiten mag), aber der hier ist – nun ja – eher mein Ding. 

Gleich kommt Irgendlink. Er ist die 60 km hierher geradelt, während ich gemütlich im Bus und am See saß, später ein wenig gelesen und nun ein diese Zeilen hier getippselt habe.

Die Sonne hat die Gewitterwolken durchbrochen. Wunderbar das!

Später. Halb neun. Irgendlink ist um halb sieben rum hier gelandet. Frisch eingekauft hat er auch gleich noch: Gemüse, Goodies, Früchte, Joghurtdrink und Co.

Wir erzählen, packen aus, bauen das Zelt auf und kochen. Herrlich, diese Ferienroutine, dieses Vertraute, wo und wann immer wir zusammen unterwegs sind.

Nun sind wir vom Regenschauer ins Zelt geflüchtet. Platzregen aus blau-grauem Himmel. Gemütlichkeit ist in der kleinsten Hütte, heißt’s doch so schön.

  

Toller Tag das!

Zwei Pläneschmiede

Da ich immer mal wieder in Mails gefragt werde, wann wir denn nun unser Häuschen in Falun beziehen würden, ein paar Fakten zu Beginn: Weil ich das Häuschen in Falun ja bereits im Frühling gebucht hatte, konnte ich noch nicht wissen, wann Irgendlink wo sein würde. Auch hatte ich damals noch keine Ahnung gehabt, wie lange ich im Sommer Ferien nehmen können würde. Sicher zwei Wochen, eher zweite Julihälfte, aber das wars auch schon.

Lauter Eventualitäten also – bei mir ebenso wie bei Irgendlink. 

Und nun das hier: Örebro Mitte Juli. Allen Wetterprognosen zum Trotz hat es heute kaum geregnet. Morgens kurz, am Mittag kurz und nachher einmal fünf Minuten getröpfelt. Dann nicht mehr. Gegen Abend fernes Donnerrollen, Gewitterwolken, die vorüberziehen. 

Und nund liegt ein voller, reicher Tag hinter uns. Ich bin angekommen. Hier, bei Irgendlich, bei mir. 

Kurz vor halb zehn. Wir sitzen auf Jürgens Schlafmatte draußen vor dem Zelt. Über uns ein noch immer blauer Himmel mit ein paar Wolkenschlieren. Knapp 20 Grad. Die Sonne, die sich bereits in der Nähe des Horizonts aufhält, aber nicht wirklich daran denkt, ganz zu verschwinden. Bestensfalls nur kurz. 

Ja, ich mag diese hellen skandinavischen Nächte, gehöre zum Glück zu jenen Menschen, die auch bei Tageslicht schlafen können, wenn ich müde bin.

Am Himmel Wildgänse oder -schwäne, die in Schwärmen den Himmel durchstreifen, das Gurren von Nachtvögeln, das Rauschen des Durchgangsverkehrs mischt ebenfalls mit, von der Pferdekoppel jenseits des Campingplatzes hin und wieder ein Wiehern. Die Nachbarn sind zum Glück ziemlich ruhig.

Wir haben den Tag mit Ausschlafen, Brunchen, Ausruhen und einem Urban ArtWalk durch Österbro verbracht. Eine klasse Stadt übrigens. Ray hat um 10 nach vier den Bus via Oslo nach Kopenhagen bestiegen und nun sind wir allein zu zweit.

Wie es wohl sein wird, frage ich den Liebsten, wenn du ganz allein unterwegs sein wirst? Durch Deutschland warst du noch beinahe zuhause und hast Leute getroffen, deine erste Schwedenzeit warst du mit Ray und jetzt mit mir unterwegs, aber dann, später?

Auf die Frage bin ich gekommen, weil Irgendlink, nachdem Ray losgefahren war, geseufzt hat. 

Jetzt fehlt mir ein Stück meines Rudels, meinte er. Nun werde ich bis ans Kap alleine unterwegs sein. 

Schon morgen werden wir weiter nach Norden ziehen. Er mit dem Rad, ich mit dem Bus. Nora oder Uskarigarden peilen wir an. Auf dem Camping dort bleiben wir, solange es uns gefällt. Und wenn es uns weiterzieht, ziehen wir einfach weiter. Ziemlich einfach. 

So werden wir am 22. Juli in Falun ankommen, das Häuschen acht Tage bewohnen und uns danach ein weiteres Mal voneinander verabschieden. Diesmal für länger. 

Doch bis dahin ist es noch ewig weit hin, denn bereits erlebe ich, wie die Zeit sich dehnt. Wie immer – oder meistens – wenn wir zusammen sind. Ins Unendliche wachsen die Tage in die Tiefe und Weite. Wie das Land hier. Ob ich es darum so mag?

Ich gestehe, dass ich es als Einstieg zwischen Alltasgszivilisation und Outback geschätzt habe, auf diesem großen, sehr gut ausgestatteten Camping anzukommen. Aber ich gestehe ebenfalls, dass ich mich freue auf das „nur die Natur und wir“. Auf Wanderungen durch Wälder. Auf Zeltnächte in der Pampa – es lebe das skandinavische Jedermannsrecht, das Campen überall erlaubt. 

Ich hoffe, dass uns die WettergöttInnen wohlgesinnt sein mögen, denn alles steht und fällt mit dem Wetter, wenn man kein festes Dach über dem Kopf hat.  Und ich lasse mich gerne, wie heute, eines besseren belehren, nämlich dass die Prognose oft falsch sind, und genieße es sehr, dass die Sonne noch immer scheint. Für alle. Irgendwann. Irgendwo. 

  

Örebro oder Travelling is a dirty job

Nun denn, da bin ich also. Nach einer guten Reise – zwei Flügen, einer Zug-, einer Bus- und einer weiteren Zugfahrt – bin ich in Örebro gelandet, das größer ist, als ich dachte. Und schöner.

Nachdem ich gestern hier aus dem Zug in Irgendlinks Armen gelandet bin, wanderten wir zusammen quer durch die Stadt. Eine Stadt voller eigenwilliger Kunstaktionen, die mir allesamt gut gefallen. Ganz besonders das mit zig Frauenstrumpfhosen eingehüllte Ratshaus.

Wunderschön ist, dass sich die Regenwolken verzogen haben. Der Campingplatz ist riesig. Und hat Wlan – theoretisch. Wenn es denn zum Bloggen reichen würde. Vermutlich werde ich Irgendlinks Handy hotspotten – wie gestern, als ich nach dem essen einige Here we are-Bilder getweetet habe.

Ray wiederzusehen, ist eine Freude. Sein Zelt ist etwa einen Steinwurf von „unserm“ entfernt, das ich schon von Weitem erkennen kann. My home is where my castle is, grinse ich in Richtung Zelt deutend. Zeltchen eigentlich. 

Jürgen nimmt seine Matte heraus und setzt sich auf den Boden. Er kennt mich – weiß, dass ich jetzt zuallererst um ankommen zu können, mein Nestchen machen will.

Man muss der Verwahrlosung Zeit geben, sage ich, den Rucksack öffnend und wohlsortiertes Ding um Ding herausziehe. Matte aufpumpen. Schlafsack drauf. Dies und das.

Wir essen im Restaurant, lassen uns von einer Cover-Band die Ohren voll dudeln, trinken das beste Bier ever (Eriksirgendwas – 5,3 Promille) und genießen lecker Eis.

Ich schlafe herrlich im kleinen Zelt und alles ist gut. Der kleine Regen heute morgen geht wieder vorüber und wir schmieden Plänchen.

Mal schauen.

Tag 0 … in vierlerei Hinsicht

Morgen reise ich mit dem Flugzeug nach Stockholm, von Arlanda aus mit dem Zug nach Örebro und treffe dort endlich Irgendlink. So jedenfalls unser aktueller Plan. Doch vorhin, als ich für die Gärtchengiesserin Wasservorräte bereitstellte, schoss mir ein Hexlein in den Rücken. Nur ein bisschen. Es hat genügt, mir bewusst zu machen, wie fragil ein Menschenleben ist. Ich darf gar nicht denken, was alles passieren könnte.

Gestern habe ich Freundin L. (1) im Krankenhaus besucht, die sich bei einem Fahrradselbstunfall die Nase gebrochen hat. Zum Glück nichts Schlimmeres.

Zum Glück.

Glück und Pech. Beides hat schon bei mir gelebt und gewohnt. Beidem habe ich schon die Türen geöffnet. Dem Pech nicht freiwillig, dem Glück auch eher mit einem seltsam verbotenen, fast heimlichen Gefühl. Derweil begreife ich immer mehr, dass das Leben nicht ideal ist. Aber ich weiß auch immer umfassender, dass jeder Tag der erste vom Rest meines Lebens. Es ist die Gegenwart, die das Leben lebendig macht. Nicht was vor Jahren passiert ist, auch wenn es mich geprägt hat.  Und auch wenn ich meine Erfahrungen immer wieder teile, hier und im echten Leben, so weiß ich doch, dass eigentlich nur der heutige Tag relevant ist für das Gelingen meines Leben.

Heute also, heute habe ich eine ganz besondere Mail bekommen – von einer Frau aus der Blogosphäre, die bei mir und Irgendlink mitliest. Ich hoffe, es ist okay, wenn ich daraus einen Satz zitiere: „Danke, dass Ihr Euch mitteilt, Euch teilt, Euch verschenkt!“

Eine Mail, die mich sehr glücklich macht, ein Satz, der mich sehr glücklich macht. Denn eigentlich ist es genau das, was ich mit meinem Blog will, so ich denn noch etwas anderes wollen würde als den Überdruck an Gedanken in mir irgendwie zu verarbeiten …

Danke, dass ihr da seid, liebe Leserinnen und liebe Leser. Dank euch habe ich heute die 100’000 BesucherInnen-Schwelle überschritten. In den bald viereinhalb Jahren, die ich nun dieses Blog führe, durfte ich von euch ganz viel Wertschätzung erfahren. Und viele spannende Diskussionen fühlen führen.

Aufrufe
Aufrufe und Kommentare

Danke, dass ihr da seid!

Wer weiß, vielleicht kommt ihr mit mir mit nach Schweden?

19 Tage liegen vor mir. Darüber, wie ich sie verbringen werde, habe ich nur sehr rudimentäre Ideen. Außer dem gebuchten Häuschen in Falun in der zweiten Hälfte der Ferienzeit, ist wenig definiert. Ich bin für alles gerüstet. Für draußen schlafen, in Irgendlinks Zelt oder eben im Häuschen.

Ich bin gespannt, ich bin nervös, ich bin vorfreudig und ich bin vor allem eins: Dankbar.

Über das zLeidwerchen

Letzte Gedanken vor dem Einschlafen haben bei mir oft was Unzähmbares. Sie kommen und gehen, wann und wie sie wollen und fragen nicht, ob ich Zeit und ob ich Lust habe, ob ich mit ihnen am gleichen Tisch, im gleichen Bett liegen will.

Gestern, nachdem ich zuerst auf arte Die Eisläuferin und später auf ARD einen alten Borowski-Tatort geguckt hatte, stellten sich, als ich so in der Stille und Dunkelheit meines Schlafzimmers lag, Gedanken über das subtile zLeidwerche ein. Leider kenne ich, trotz guter Kenntnisse, kein deutsches Wort, das diesem schweizerdeutschen Ausdruck gerecht wird. Tipps willkommen. Wörtlich übersetzt heißt es zu Leide werken, zu Leide wirken, meint also dass wir beim zLeidwerche vorsätzlich Dinge tun, die einem anderen Menschen Leid zufügen. Sabotage en miniature sozusagen.

Wer von euch noch nie, muss nicht weiterlesen.
Alle andern dürfen. Willkommen in der Runde derer, die …

Neulich, es muss am letzten Sonntagnachmittag gewesen sein, habe ich auf dem Dachboden, der hierzulande Estrich heißt, für den internen Büro-Umzug ein paar Umzugkartons geholt. Drei sperrige Dinger. Unser Treppenhaus ist wendelrund und die Treppe relativ schmal. So stieß ich also immer mal wieder seitlich an Mauer oder Treppengeländer, was im Resonanzkörper des Treppenhauses ganz schön lärmte. Zu sagen ist, dass ich Lärm nicht mag. Und dass ich Lärm, wann immer möglich, vermeide. Zu hörenden ebenso wie selbstgemachten. Und nun machte ich also, noch immer unabsichtlich, Lärm.

Zu sagen ist auch, dass der Nachbar über mir, im ersten Stock, ein junges Männlein ist, das sehr oft sehr laut ist. Nicht mehr so oft wie früher und auch kaum mehr zu Unzeiten, nachdem wir das zum Glück im Gespräch klären konnten. Dennoch. Laut ist das Männlein, wie gesagt, immer noch oft. Heute aber, heute ist es still. Aber es ist da, wie das Auto vor dem Haus verrät. Vermutlich schläft es seinen Rausch aus, so es denn einen hatte?

Und ich? Ich lärme durch das Treppenhaus! Unabsichtlich noch. Statt nun aber aus Rücksicht, wie ich das immer von andern mir gegenüber unausgesprochen erwarte, leiser zu sein, lärme ich gleich noch ein bisschen lauter. Ich kann ja nichts dafür, dass das Treppenhaus so eng ist. Ich lärme an seiner Wohnung vorbei, schramme gar ein bisschen gegen seine Tür – ooops, sorry! – und als ich unten angelangt bin, wäre ich vor Scham im Boden am liebsten im Boden versunken. Scham vor mir selbst.

Gut, das mag harmlos klingen. Aber … nein, ich will nicht moralisieren. Doch, ich will moralisieren. Weil es so unkuhl ist. Und weil sich kaum jemand traut, es hin und wieder zu tun.

Nach den beiden Filmen gestern  – in denen der Zufall eine entscheidende Rolle gespielt und ungeahnte Kräfte in Bewegung gesetzt hatte –, grübelte ich im Bett liegend über Kollateralschäden, Zufälle und Zusammenhänge nach, darüber, wie eins nach dem anderen ruft. Und warum – warum das so ist.

Wir Menschen. Was steht hinter dem zLeidwerche? Ohnmacht vermutlich. Die Erkenntnis eigener Kleinheit und einer Art Mangel? Ich weiß es nicht wirklich – schon gar nicht für andere. Ich weiß nur, dass es immer eine Sackgasse ist.

Wie viele Momente meines bewussten und unbewussten Lebens verbringe ich mit überflüssigem Ärger auf Dinge und Menschen, die und denen ich am liebsten …

Gift.

Wie die Welt wohl aussehen würde, wenn wir unseren Impulsen des zLeidwerchens nicht nachgehen und stattdessen zLiebwerchen würden?

Anders handeln ist eine Frage des Bewusstseins. Der Selbsterkenntnis. Reflexion ja gerne – aber liebevoll.
Mir zLiebwerche? Das wäre doch schon mal ein guter Anfang.

Versehrte Kindheiten

Bastard, dieser deutsche Psychothriller mit Martina Gedeck als Kriminalpsychologin, der zurzeit auf ARD Mediathek zu sehen ist, wartet mit Szenen auf, die beinahe die Netzhaut verätzen. Ein Film, der Bilder sichtbar macht, wie ich sie Tage vorher im neuen Buch von Linus Reichlin gelesen habe. In einem anderen Leben.

Zwar ist es unmöglich, beiden – Film und Buch – in diesem Artikel gerecht zu werden, da die Geschichten grundsätzlich verschieden sind; ich möchte einzig ein paar Parallelen erwähnen.

ReichlinCoverDie weibliche Hauptfigur aus Bastard, das Mädchen Mathilda, erinnert nämlich an das Kind, das die erwachsene weibliche Hauptfigur Nora in Reichlins neuem Roman, einmal war. Beide haben eine Kindheit erlebt, die keine war. Beide haben ihre Gespenster – auch Noras Partner und Ich-Erzähler Luis. Kindheiten, die keine waren. Eltern, Elternteile, die sich aus der Verantwortung gesoffen oder mit Pillen heraus katapultiert haben.

Während in Bastard dreizehnjährige Kinder versuchen, einzufordern, was ihnen versagt geblieben ist, versuchen Luis und Nora einen Weg zu finden, mit den Entbehrungen ihrer Kindheit umzugehen.

Im Film diese Szene, wo Mathilda nach Hause kommt und ihre Mutter, die den Tod des Vaters vor zehn Jahren noch immer nicht verarbeitet hat und mehr trinkt als ihr gut tut, vom Boden aufkratzt und in die Dusche schleppt. Natürlich hat sie nichts gekocht.

Im Buch diese Szene, wo Nora Luis erzählt, wie ihre Mutter jeweils in der chinesischen Reisschale ihre Tabletten vermörsert hat. In eine Wattewelt geflüchtet ist. Dem Kind nicht die Mutter war, die dieses gebraucht hätte. Versehrte Kinder.

Reichlin seziert die Gefühle der beiden, entblößt, schaut hin, schönt nicht, schreibt über Verdrängung so dicht, so unglaublich menschlich, so schwerzhaft präzis, dass wir nicht anders können als verstehen. Er macht es sich nicht einfach, wenn er beschreibt, wie sich Nora und Luis angesichts der Veränderungen, die sich in ihrem Leben abzeichnen, beinahe gegenseitig kaputtmachen.

Beinahe.

Buch und Film ist gemein, dass die Enden neue Anfänge sind Und dass sie Mut machen, wider alle Vernunft, Mut, dem Leben doch immer wieder neu zu vertrauen. Und dass trotz der erlebten Dramen neue Möglichkeiten warten.

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Bastard – Film von Carsten Unger
In einem anderen Leben – Roman von Linus Reichlin