Über Berge Richtung See

Zugegeben mit obigem Titel assoziiert man nicht unbedingt Berlin.
Über solche Berge kannst du als Schweizerin ja nur lachen, sagt Irgendlink. Dennoch keuche ich ein bisschen, was allerdings weniger am Prenzlauer oder am Kreuzberg denn am Fahrrad liegt. Bis auf den Kreuzberg fahre ich außerdem mit viel zu tiefem Sattel. Ich sitze auf einem roten Damenrad mit Rücktritt und ein paar wenigen Gängen, die sich allerdings und leider kaum voneinander unterscheiden lassen. Die Reifen sind sehr klein, was mehr Umdrehungen bedeutet, um voran zu kommen. Doch was will ich jammern? Dem geliehenen Stahlroß sollte frau nicht ins Maul schauen. Nachdem wir bei einem Kreuzberger Radladen den Sattel höher gestellt haben, fährt es sich zum Glück schon viel besser, nur wird davon leider der Sattel nicht bequemer.

Unterhalte dich selbst!
Unterhalte dich selbst!

Mit Frau Freihändig essen wir vietnamesisch – lecker, günstig und vegikompatibel – und freuen uns alle sehr über dieses längst fällige Wiedersehen. Später radeln wir übers Bahndreieck am Kreuzberg (heißt das so?) Richtung Norden und lernen dabei den neuen Radweg Berlin-Leipzig kennen. Schön zum Radeln, frisch geteert, keine Autos, Naturschutzgebiet und so. Wieder so eine tolle und notwendige Initiative, die dem Stadtleben mehr Qualität verleiht.

Später gelangen wir in eine Gegend, die ich als sehr künstlich empfinde. Neue Überbauungen, Spielplätze, Sitzgelegenheiten … Nicht hässlich, durchaus mit einer gewissen Ästhetik gebaut. Künstlich empfinde ich, dass hier nichts dem Zufall überlassen worden ist, dem Leben, den normalen Menschen, die nicht mit am Reissbrett stehen. Der gemainstreamte Mensch hat gefälligst hier zu spielen und dort zu hocken, da drüben ist dies und dort jenes … Auch die Natur ist bloß ein weiterer Faktor, der in diesem Konzept seinen fixen Platz zugeordnet bekommen hat.

Wie es wohl in zehn Jahren hier aussieht?

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Unterwegs auf dem brandneuen Radweg Berlin-Leipzig: Eine neue Siedlung wird aus dem Boden gestampft …

Weiter gehts, weiter, weiter, die Zeit drängt. Über den Alexanderplatz zurück auf den Prenzlauer Berg, denn wir sind mit Irgendlinks altem Mainzer Freund J. und seiner kleinen Familie verabredet. Länger als wir dachten, dauert die Fahrt. Rushhour. Und ich kurz vor dem Kollaps. Der Po tut von unten weh. Der Lärm tut von außen weh. Dazu ständig rot und grün. Stop and Go.

Am S-Bahnhof Anhalter
Am S-Bahnhof Anhalter

Endlich vor der Kita. J. stellt uns seine Partnerin A. und sein rotgoldiges Töchterlein M. vor. Nur noch kurz einkaufen und weiter gehts. Zu fünft an den Weißensee. Es regnet. Die Kleine quängelt im Rad-Anhänger, will laufen. Rushhour noch immer. Ich fühle mich kaputt. Erschöpft. Die Tour auf den Gotthard ist ein Klacks, sage ich, gegen einen Tag in einer Großstadt wie Berlin, Radfahren in der Stoßzeit, Autoabgase, Lärm … Drinnen, in der gemütlichen Wohnung, erhole ich mich zum Glück schnell. Wir genießen das Zusammensein, die köstlichste Kürbissuppe der Welt und das süßeste Mädel Berlins.

Nachts dann, vom Weißensee durch die nun ruhigere Stadt zu radeln – es hat sogar zu regnen aufgehört – macht richtig Spaß. Ja, wirklich, ich mag diese Stadt. Sehr. Sehrsehr sogar. Aber leben, nein, leben möchte ich hier doch nicht, Landei ich. 🙂

Wo Prinzessinnen in den Himmel wachsen

Frau Freihändig schreibt uns gestern, dass wir uns die Prinzessinnengärten auf dem Kreuzberg anschauen sollen, wo wir doch schon in Berlin sind. Ihre Tipps waren bisher immer goldrichtig. Außerdem ist es vom Prenzlauer Berg aus, wo wir residieren, nicht weit dahin. Sogar zu Fuß gut machbar. Ich surfe auf der Webseite der Gärten und bin sofort hell begeistert. Der Liebste füttert unser Navi derweil bereits mit den Daten, denn er will das Teil mal im Nahkampf, sprich in der Stadt, zu Fuß, austesten.

Urban Artwalk ist wirklich eine tolle Sache, doch die Bilder, die ich gestern unterwegs geschossen habe, müssen warten. Heute widme ich meinen Rückblick auf den vergangenen, gestrigen Tag einzig dem Prinzessinnengarten. Er ist es wert.

Schaut selbst, was Menschen anrichten können, wenn sie die Welt ein bisschen lebendiger, wohnlicher, lebenswerter machen wollen: Aus einem Stück Brachland ist in nur fünf Jahren ein Idyll mitten in der Stadt gewachsen. Man vergisst dort drin, dass drauße der Verkehr rollt und die Menschen eilen.

Ach, ich freu mich so. Heute treffen wir endlich mal wieder die gute Frau Freihändig. Was für ein Tag. Inklusive Vollond und Mondfinsternis und so.

Ach, und morgen? Echt verrückt! Morgen gehen wir in die Kino-Premiere, des neuen Pfälzer Tatorts Blackout. Im Kino Babylon an der Rosa-Luxemburg-Straße. Gratis. Mit in einer per Verlosung gewonnenen Karten!.
Manchmal darf man ja auch Glück haben, meinte Irgendlink, als er die Mail losschickte, mit der er sich um die Karten beworben hat. Und ich fange langsam an zu glauben, dass es das Leben gut mit uns meint. Oder so.

Ach, und auch bei Irgendlink drüben gibts prinzessinnenhaftes Lesefutter.

Berlin

Jetzt sind wir also da. Eine ausgesprochen stress- und staufreie Fahrt hatten wir, obwohl uns die Zeltnachbarn am Sonntag gewarnt hatten. Mag sein, dass es an unserm Umweg über Lüneburg lag?

Auch den Tipp, Lüneburg zu besuchen, haben uns unsere Campingplatznachbarn gegeben. Es sei einfach so schön dort. Hätte uns das nicht schon misstrauisch machen sollen? Okay, Lüneburg war schön, stimmt. Schön, nett, ein wenig schief, aus schönen Backsteinen, die es nur hier gibt, gebaut … Aber es war mir persönlich doch fast ein bisschen zu sehr scheinbar heile Welt, als dass ich es als bleibende und unverzichtbare Erinnerung abbuchen müsste. Sorry, liebe LüneburgerInnen.

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Immerhin waren die belegten Brote wirklich köstlich, die wir uns in einer Pizzeria bauen lassen haben.

Ziemlich weit vom Schuss ist es auch, doch auf dem langen Weg zur Autobahn fanden wir schließlich einen Baumarkt und konnten dort eine neue rechte Scheinwerferbirne erstehen. (Ach, das wäre schon eine Geschichte für sich. Mal schauen, ob ich darüber mal berichte. Oder Irgendlink. So viel sei schon verraten: Es gibt manchmal Menschen, die toppen jede Fiktion und jedes Klischee. Und wir haben vorne rechts wieder Licht.)

Auch die Futtervorräte stockten wir unterwegs, in Aussicht auf einen Berliner Kühlschrank, wieder auf.

Klasse übrigens, dass wir ein Navi dabei haben. Was ich früher immer belächelte, macht süchtig. „Folgen Sie der Straße für 22 Kilometer“-Sprüche vermitteln Sicherheit, die ich zu schätzen gelernt habe. (Danke Journalist F., falls du das liest, für das tolle Geschenk!) 🙂

So fanden wir unsere Berliner Bleibe auf Anhieb. Eine Kleinanzeige hat uns hierher gebracht. Günstige, temporär leerstehende Studentenbude, Altwohnung, gemütlich, für wenig Geld. Dazu zwei Fahrräder zur freien Benutzung. (Danke, Sebastian!)

An der Wand hängt eine Karte der DDR, die mich an Emil denken lässt und sein Herz bestimmt höher schlagen ließe.

Bilder gibts noch keine. Außer von unterwegs.

Wildgänse?

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Heute ist es bedeckt, kühl … eine Radtour in den Prinzessinnengarten wäre fein? Mal schauen …

Gegenüber, im Aufbauhaus, gebe es eine große Versuchung für KünstlerInnen-Herzen: Eine Art Kunstzubehör-Baumarkt. Gefährlich! 🙂

Abenteuerliches HaHa

Nach dem tollen gestrigen Itzehoer Nachmittag und anschließendem Grillabend in Freund S.s Garten war heute ausschlafen angesagt. Doch viele Campingplatznachbarn brachen ihre Vorzelte schon früh ab, weil ihnen eine lange Heimreise nach dem langen Wochenende bevorstand. So krochen auch wir schon um neun-halb zehn aus unsern warmen Schlafsäcken.

Gemütlicher Morgen mit Gesprächen da und dort auf dem Zeltplatz. Dazu eine Sonne, die immer wärmer scheint. Was für ein goldener Herbsttag, Herz, was willst du mehr?

Wie wärs mit Hamburg? Okay, lets go. Wieder fahren wir mit dem Auto nur bis Hamburg-Nettelnburg, um lästiges Stadtgewusel zu vermeiden, parken dort und riden per S-Bahn in die City.

Eine Hafenrundfahrt schwebt uns vor, denn unser netter Campingwart hat gesagt, dass es eine Hafen-Tour gebe, die in der Tageskarte enthalten sei. Landungsbrücke ist unser Ziel, das wir mit S- und U-Bahn problemlos erreichen. Doch soo viele Menschen auf einen Haufen haben wir nicht erwartet. HORROR!

Je weiter wir dem Hafenweg folgen – und uns damit dem alten Elbtunnel nähern -, desto besser gefällt uns der Hafen. Es wird originaler, hat immer weniger Menschen und auf einmal stehen wir vor dem alten Elbtunnel. Irgendlink steckt mich mit seiner Neugier und Begeisterung an. Bald steigen wir die Stufen abwärts und sind tief unter der Erde, tiefer als die Elbe. Faszinierendes, über hundert Jahre altes Bauwerk! Ein mit Fliesen ausgekleideter, gefühlt achthundert Meter langer Schacht mit Gehwegen rechts und links, in der Mitte eine knapp zwei Meter breite Straße für Radlerinnen und Skater. Und Autos – diese allerdings nur wochentags.

Drüben angelangt steigen wir mit dem alten Fahrzeuglift, der locker eine Pferdekutsche fassen könnte, wieder auf in die obere Welt.
Wo bin ich denn hier gelandet?, sagt eine Frau, die mit ihrem Partner im Lift mitfgefahren ist.
Wie wäre es mit München?, schlägt Irgendlink vor, Oktoberfest?
Nach Oktoberfest siehts hier allerdings nicht aus. Eher nach Hafen, Industrie und so. Das Venedig Deutschlands hat seinen Namen verdient. Wir sind, sagen die Karten, von Wasser umgeben, auf Elbeinseln gelandet. Faszinierende Industriewüste, die unsere Fotolust weckt. Und irgendwann kommt ein Stadtbus. Wir steigen ein, fragen, wohin er fährt.

Zum Hafenmuseum. Gut, so soll es sein – das Gutmeinende Schicksal hat entschieden. Statt Hafenrundfahrt haben wir die Elbe unterwandert, statt Kunstsustellung in den Deichtorhallen werden wir alte Schiffe im Hafenmuseum bestaunen.

Was für ein Spaß! Bereits beim Eintritt die erste Überraschung. Weil wir nach vier Uhr kommen, ist der Eintritt gratis. Und auch, weil in der Museumshalle ein Erntedankgottesdienst abgehalten wird. Wir schleichen uns hinein und bestaunen die Exponate aus alten Schifffahrtszeiten – Modelle, Pläne, Anker, Schiffsschrauben, Vorratsdosen – während der Pfarrer von Liebe und Dankbarkeit erzählt. Köstlich!

Wieder draußen begehen wir die drei als Museen in Stand gesetzten Schiffe. So also haben die Matrosen früher gehaust! So sah ein Waschraum aus! Beim größten Schiff hat eine findige Adventure-Gruppe eine Bungee Jumping-Anlage eingerichtet. Ein etwa zwanzig Meter hoher Kran dient als Absprungplattform.

Zwei neue Helden habe ich heute entdeckt: Der eine heißt Beni. Er ist der erste und einzige heute, der den Mut hatte, nicht zu springen. Er zieht das Gummiseil-Sicherungskleid wieder aus und geht, trotz der Anfeuerungsrufe seiner Kumpel, wieder treppab.
Meine zweite Heldin des Tages ist Erna, ein pummeliges Mädchen. Sie springt todesmutig und wild schreiend in die Tiefe.
Ich hasse dich!, jubelt sie ihrer Mutter zu, die neben uns steht und stolz den Sprung verfolgt.
Ich dich auch!, antwortet diese strahlend. Ein Geschenk, verrät sie uns, Erna hat es sich so sehr gewünscht!
Als Ernas Jump sich dem Ende zuneigt, greift sie – wie alle vor und nach ihr – nach der Stange, die ihr das Bodenpersonal entgegenhält. So kann sie auf weiche Matten gezogen und von den Gummiseilen und Sicherungen befreit werden. Glückselig liegt sie da, ein Lächeln auf den Lippen. Mutige Heldin!

An der Bushaltestelle warten wir auf den Busfahrer, der uns hergefahren hat. Kommt er oder doch nicht? Die Fußnoten auf dem Fahrplan sind verwirrend. Er kommt! Und weil es seine letzte heutige Tour ist, bringt er uns – außerhalb der Tour und ohne Bitten unsererseits – zurück ans andere Ufer. HafenCity und so. Was für ein Kundendienst!

Nach einem kleinen Artwalk, wir schießen Bild um Bild, zieht es uns nach Hause auf den Zeltplatz.

Abenteuerliche Heimreise in einer übervollen S-Bahn. Linie 21 wird nämlich temporär bestreikt. Nur noch jeder zweite Zug fährt. Glück für uns, dass sie nicht ganz streiken. Hoffentlich werden ihre Forderungen erfüllt. Es wäre ihnen zu gönnen.

Daheim auf dem Zeltplatz ist es schön ruhig. Ein Großteil der Campenden ist abgereist. Gemütlich kochen wir Abendessen, schlemmen, sein – ich bin wohlig satt. Seele, Geist und Bauch sind heute gut genährt worden.

Hamburg ist ein riesengroßes Dorf, sagte ich, heute, unterwegs. Ein großes Dorf aus vielen kleinen Dörfern. Ein Dorf, das ich sehr mag …

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Irgendlink berichtet hier über gestern

In Itzehoe

Seit einer Stunde bin ich die 29. Bürgerin des künstlerischen Kollektivkunststaates Secessionistan. Eine vierköpfige Itzehoer KünstlInnengruppe hat heute die Republik Secessionistan ausgerufen -mit einer Verfassung, die mir sehr gut gefällt!

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Warum wir hier gelandet sind, ist schnell erzählt. In der Planungsphase unserer ungefähr zehntägigen Norddeutschlandtour wollten wir so viele Bekannte und FreundInnen wie möglich treffen. Weil die beiden Itzehoer Freunde R. und S. heute nicht abkömmlich waren (um ebendieser Republiksgründung beizuwohnen), luden sie uns kurzerhand ein, diesem historischen Moment leibhaftig beizuwohnen.

Kultur gestern in Hamburg, Kultur heute in Itzehoe.

Die Lesung in Hamburg? Köstlich war sie! Der Veranstaltungsraum des Kulturhauses Schulterblatt 73 war voll. Hundert Menschen (schätze ich vorsichtig) lauschten begeistert Glumms, Rocknroulettes und Candy Bukowskis Texten. Dazwischen Pausen, um sich mit andern Bloggenden kurzzuschließen und eine tolle Songeinlage. On the Road again. Danach weitere Gespräche …
Spätnachts zurück im Zelt. Herrlich ruhiger Zeltplatz.

Und nun bin ich, wie gesagt, Republikanerin! Und eben singen sie wieder, meine MitbürgerInnen. Eine Hymne mit einem Text, den ich – wie die Verfassung – gerne mitunterschreibe.

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Wir sind ja noch jung

Freitag Vormittag, nach elf Uhr. Wir haben uns endlich zum Frühstück vor unserm Zelt niedergelassen. Auf zwei Hockern sitzend, am Boden die Futterkiste, auf der Alu-Überlebensdecke neben uns liegen Brot, Käse, Butter und zwischen uns steht der Spirituskocher. So fühlt sich Urlaub an. Ich liebe dieses andere Leben und obwohl ich gerne wild campiere, haben Campingplätze gewisse Vorteile. Nette Nachbarn zum Beispiel. Eine der Wohnmobil-Nachbarinnen geht an uns vorbei, grüßt freundlich lachend und meint, als sie noch jung gewesen seien, hätten sie auch immer gezeltet.

Wir sind halt noch jung, sage ich. Wie alt schätzen Sie uns denn?, schiebe ich nassforsch nach.
Hm, gute Frage, sagt sie, Mitte/Ende Dreißig? Schwer zu sagen …
Irgendlink und ich grinsen uns an. Schon wieder, wie so oft, werden wir zehn Jahre jünger geschätzt, und das trotz der immer weißer werdenden Haare. Es stellt sich heraus, dass sie sogar noch ein-zwei Jahre jünger ist als wir.

Wir sind halt noch jung? Gestern Morgen hab ich mich – nach viel zu wenigen Stunden Schlaf – älter denn je gefühlt. Hoffentlich werde ich nicht krank, dachte ich. Doch als wir, kurz vor Mittag, Richtung Norden aufgebrachen, ging es mir bereits besser.

Vor Frankfurt der erste Stau. Den zweiten – vor Kassel – lassen wir aus, rasten in einem Dorf namens Romrod, fahren danach ein Stück über Land und informieren den Campingplatz Land in Drage über unsere späte Ankunft. Der letzte Stau, um Hannover, kostet uns eine weitere halbe Stunde Lebenszeit. Um die zweieinhalb bis drei Stunden später als gedacht teilt uns das geschenkt bekommene Tomtom, dass wir unser Ziel erreicht haben.

Halb elf. Zum Glück ist die Raumpflegerin noch da und beschreibt uns den Weg zur Zeltwiese. Wir leihen uns von noch wachen Campern eine „Schranken-öffnen“-Karte und um halb zwölf gibts, neben dem aufgebauten und schlafbereiten Zelt schließlich Feierabendbier.

Wie ruhig es hier ist! Erst um halb neun heute Morgen fängt leises Gewusel an. Der Platz ist schöner als wir nachts dachten. Direkt an der Elbe. Ständig kommen neue Wohnwagen und -mobile und jenseits des Deichs, bei der Rezeption, ist Flohmarkt.
Einer wunderhübschen Hermes Baby kann ich nicht widerstehen, Irgendlink sucht nach Porsches, die ein Kunstfreund sammelt. Gibts keine, dafür einen alten Chevy und einen Mercedes. Ach, und dieser leinene Seesack ist doch toll! Frisch gedusch und glücklich über die Käufe gehen wir zum Zelt. Spätstücken endlich.
Wir sind ja noch jung … 🙂

IMG_3084-1.JPGIrgendlink sucht Porsches …

Und nun fahren wir gleich per Park & Ride ins nahe Hamburg. Auf die Lesung (siehe gestrigen Artikel) freuen wir uns schon riesig!

(Per iPhone gebloggt)

Mehr zu unserer Reise auch bei Irgendlink drüben.

Wörterstiche

Die Wörter flattern in meinem Bauch herum und furzen sich frei. Man riecht’s. Aber nur, wenn ich die Decke lüpfe. Sie wecken mich um halb acht, obwohl ich bis eins gelesen habe (im schwedischen Thriller Letzter Gruss von Marklund/Patterson***). Es gähnt mich und der Schlaf wacht hinter den Lidern, um mich nochmals rumzukriegen. Er weiß es nicht und ich weiß es nicht, ob ich jetzt aufstehen oder mich noch einmal drehen soll. Ich bin noch so müde. Andererseits gibt es heute viel zu tun, so dass es gut wäre, jetzt aufzustehen. Weil ich sonst nicht um sechs Uhr abends reisefertig sein werde.

Nervös? Ja, das bin ich ein wenig. Wie immer, wenn ich eine Reise ins Unbekannte mache. Und meistens auch vor Reisen ins Bekannte. Heute Abend fahre ich ja erstmal zum Liebsten aufs Einsame Gehöft. Morgen geht’s dann zu zweit weiter nach Hamburg, bevor es dann am Montag weiter nach Berlin geht. Ick freu‘ mir.

Und ja, ich bin nervös, angespannt, ein bisschen aufgekratzt. Man kann ja nie wissen. Bin auf Vorrat nervös sozusagen. Und auch ein wenig fremdnervös – ganz klar – stellvertretend für die Lesenden. Drei Bloggende lesen nämlich am Fraitagabend in Hamburg aus ihren Texten. Andreas Glumm, dessen Blogs ich schon lange lese, Sabine Wirsching, die ich inzwischen auch ab und zu auf ihren Blog besuche und und Candy Bukowski. Candys Texte hauen mich immer mal wieder fast um, so authentisch sind sie. Geschichte aus dem vollen Leben geschöpft – so nahe dran, so schmerzhaft nahe.

Ja, ich bin sehr gespannt auf diese drei. Glumm und Sabine kenn ich von Bildern, Candy nicht. Sie ist auch die einzige, die sich hartnäckig mit einem Synonym* vor allzu aufdringlichen Blicken schützt.

Doch was ist schon das Bild eines Menschen gegen das echte Leben, gegen den echten Menschen? Ach ja … Am Freitagabend werden noch andere Bloggende vor Ort sein, die ich bisher nur – wenn überhaupt – aus der virtuellen Welt kenne. Ich bin echt sooo gespannt. Und ja, eben nervös und angespannt..

Enttarnungen mag ich, ich mag das Echte, das, was unter und hinter Papieren und Tüchern und Vorhängen zum Vorschein kommen kann, wenn wir es zulassen. Enttarnungen sind ein bisschen wie Geburtstagsgeschenke. Wie damals, als Irgendlink und ich uns – richtig: zwecks BloggerInnenenttarnung! – in Bern kennenlernten. Vor über fünf Jahren. Enttarnt war das Pseudonym (* ja, so heißt es natürlich richtig) – dahinter zwei Menschen aus Fleisch und Blut. Doch ist ein Pseudonym, ein Nickname, nicht eher noch ein Synonym, wie ich es gerne nenne? Auch wenn ich als Sofasophia ein klein bisschen mutiger und frecher bin als in echt, ist sie dennoch ich; und ich bin sie. Und die andern Schreiberlinge? Wie ist es bei denen? Sind sie so, wie sie schreiben, ähm, will natürlich heißen, wie ich sie als Schreibende wahrnehme?

Ja, meine Anspannung bezieht sich auch auf die lange Fahrt von der Pfalz in den Norden. Sieben oder acht Stunden im Auto. Nicht dass das neu für uns wäre. Wir waren schon zusammen am Polarkreis und so. Aber eben: Es ist immer wieder herausfordernd. Dann der Zeltplatz im Süden Hamburgs – hoffentlich finden wir ihn auf Anhieb. Ach, Sofasophia, mach dir doch nicht so viele Sorgen und Gedanken. Das kommt schon gut … Das wird gut.

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Privat – oder so …

Wird es? Wird es bestimmt. Sage ich. Glaube ich. Hoffe ich.

So, und jetzt bin ich sogar endlich wach genug, um aufstehen zu können. Schreiben ist fast wie Kaffeetrinken, obwohl … da kann ich ja nicht mitreden, denn den trinke ich ja schon lange nicht mehr, weil er mich hyperig macht. Das kann ich ganz gut allein, auch ohne Kaffee.

Welcher Tag ist heute? Muss ich gleich mal zählen. Ach, schon Tag sechs. Fünf Tage ohne Nikotion sind geschafft, juhu … Ja, ich hatte einen Rückfall. Etwa zwei Wochen lang. Und das nach über fünf Jahren! Doch nun ist schon Tag sechs. Der erste Tag, an dem ich nicht mehr dieses Ziepen in der Brust, diese raue Gefühl in der Kehle habe. Der körperliche Entzug war diesmal echt hart. Aber ich wollte es so. Und ich will es so.

Heute waren es Wörter, die mich wachgeküsst haben. Wörter, die wie Mücken um mich herum geschwirrt sind. Wörterstiche können auch jucken. Und dabei kommt dann sowas raus. Blogartikel sind – sag es laut, Sofasophia!: – BLOGARTIKEL sind manchmal einfach nur Wörterstiche, nicht mehr und nicht weniger. Da hilft kein Kratzen, da hilft nur Schreiben.

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*** Oh weh, was für grottenschlechte Kritiken! Da bin ich mal gespannt. Bin erst am Anfang.

Fehlerhexerei

Der häufigst gemachte Fehler? Gute Frage. Groß-Klein-Falschschreibung? Vielleicht zu viele oder zu wenig Komma? Satzzeichen – ja, das ist wirklich ein großes Problem für viele. Vor allem die Sache mit den Pünktchen … Ja, die drei meine ich. Die meisten Menschen machen mehr als drei und die meisten machen dahinter und davor keine Leerschläge. Gut, wenn ich Sch… schreibe, muss ich keine Leerschläge machen, denn dann sind die Pünktchen sozusagen eine Art Platzhalter für „eiße“, aber wenn ich das Satzende in der Schwebe lassen will, braucht es einen Leerschlag vor- und nachher.

Braucht es? Wer sagt das? Nein, nicht die Polizei und nein, es passiert dir nichts, wenn du ein oder zwei Pünktchen zu viel machst, und wenn du sie ohne Leerschläge auf die Menschheit loslässt. Und warum mache ich bloß wieder mal ein Theater aus Rechtschreibung und Sprache, fragst du dich.

Bin ich denn dudengläubig, oder was? Ja, das bin ich vermutlich. Wohl habe ich eine Art chronische Fehleritis, denn wenn ich Fehler in Texten sehe, tut es mir irgendwo in mir drin weh. Es ist, wie wenn sich die Zehennägel meiner Sprachseele aufrollen. Es ist, wie wenn sich die Nackenhaare meines Sprachorgans aufstellen und eine Gänsehaut sondergleichen überzieht sogleich meine Spracharme.

So weh, wie es wohl einem Koch tut, wenn ich seine 5-Stern-Küche nicht gebührend rühme; so weh, wie es wohl einer Sportautofahrerin tut, wenn ich gestehe, dass ich keine Ahnung habe, ob sie einen Porsche oder einen Ferrari fährt. Wir sind alle irgendwie spezialisiert, haben alle irgendwo unsere besonderen Kenntnisse, Künste, Weisheiten, Geheimnisse. Das ist gut so.

Ich bin froh, eine Fehlerhexe zu sein. Ich habe Freude an dieser Arbeit. Heute und morgen arbeite ich am Lektorat einer Bachelorarbeit. Dabei lerne ich auch immer gleich neues, denn über Jugendsuizide und die Zusammenhänge zur Gesellschaft habe ich mir echt noch kaum je Gedanken gemacht.

Toller Job. Gebt mir mehr davon und sagt es weiter!

Und nun bist du dran: Findest du Fehler in diesem Text? Ich schicke ihn unkorrigiert los, was sonst bei mir selten der Fall ist. Einfach drauflosgeschrieben und ab ins Netz. (Bei mir selbst sehe ich die Textfehler leider selten so genau wie bei andern … schade!)

Noch ein Rückblick

Während der Ausstellung letztes Wochenende kamen BesucherInnen mit der Frage auf mich zu:
Gibt es diese Texte auch gedruckt? Oder:
Ich möchte Ihre Gedichte später nochmals lesen. In Ruhe. Sagen Sie es mir, wenn Sie einen Gedichtband herausgegeben haben.

Weil das womöglich nie der Fall sein wird, habe ich heute aus den Fotos und Texten, die ich an der Ausstellung gemacht habe, ein kleines Heft gestaltet, das meine Rauminstallation dokumentieren und auch für jene, die nicht dabei sein konnten, vorstellbar machen soll – wenn auch nicht auf die haptische Art, wie die Installation eigentlich ja gedacht ist.

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