Wirkt Wahres wirklich?

Wie wahrhaftig können wir uns selbst sehen und beschreiben?

Sehen wir uns nicht immer durch irgendwelche Filter? Und was ist mit all den nicht erzählten Dingen? Opfere ich die Reste meiner kleinen Privatsphäre, wenn ich hier über meine Alltagsgewohnheiten schreibe, wie es Knausgård getan hat? Verrate ich mich sogar ein wenig, wenn ich zu viel schreibe? Was soll mein Maßstab sein?

Nun ja, wenn ich über mich schreibe, ist es immer eine Form der Selbstdarstellung. Im Zeitalter von Selfies ist das Selbstbildnis aus dem Ruder gelaufen.

Wie bewundere ich die alten Meister, die in stunden- was sage ich da? in tagelanger Konzentration vor dem Spiegel saßen und nicht nur ihr Äußeres wiederzugeben versuchten, sondern auch ihr Innen unter die Lupe nahmen.

Ein Bild ohne Schatten nennen wir überbelichtet. Wo die Schatten fehlen, werden die Falten geglättet und zeigen eine nicht wirkliche, eine nicht wahre Wirklichkeit, eine wirkungslose Wirklichkeit. Wird sie damit unwahr? So unwahr wie eine Mathematik ohne den Einbezug von Minuszahlen.

Voyeurismus beobachte ich bei mir, ein klein wenig zumindest, wenn ich Bücher wie jene von Knausgård lese. Biografien. Anders als bei fiktiven Lebensgeschichten gehe ich bei einer Biografie davon aus, dass der Blick, der mir schreibend vermittelt wird, der Wahrheit nahe ist. Der Wahrnehmung zumindest. Und das interessiert mich. Ich möchte wissen, was andere Menschen denken, sagen, machen, fühlen, wie sie dies und jenes tun, worüber sie sich nerven und was ihren Alltag versüßt. Nicht geschönt, nicht selektiert. Vielleicht lese ich deshalb auch so gerne in Blogs. Sie sind noch unzensierter als Bücher, roher, näher dran an den Menschen.