Von Landkarten und anderen Berufungen

Innere Landkarte wächst
J. hat ein unglaubliches geografisches Talent, das sich nicht nur darin erschöpft, sich – wo immer er auch ist – eine Umgebung, ein Waldstück, eine Stadt, zu verinnerlichen, nein, er kann sie auch sehr detailgetreu in Worte fassen. Will heißen, wenn er mir einen Weg beschreibt, kann ich mich darauf verlassen, dass da, wo er sagt, tatsächlich eine Ampel steht oder da, wo er sagt, auch wirklich ein Wegweiser nach Xy zeigt. Ein lebendes GPS. In der Regel guck ich mir lieber Karten an als jemandem bei einer ungenauen Beschreibung zuhören zu müssen, die ich mir a.) meistens eh nicht merken kann und b.) oft bei entscheidenden Details nicht passt. Auf J. aber ist Verlass. Und das Gute ist, dass er beim Erklären auch die mir bereits vertrauten Wegmarken geschickt einbaut.
Weißt du, da, wo du neulich (…), da fährst du die erste Straße links ab …, sagt er und ermöglicht mir so, meine noch lückenhafte innere Karte zu ergänzen. Ich stelle mir zuweilen vor, dass jeder Weg, den ich je gegangen bin, eine Art unsichtbare Spur auf der Welt hinterlassen hat. Sichtbar eben nur für mein inneres Navigationssystem. Mein roter Faden. Könnte ich alle meine Spuren sehen, wäre auf der Erde von A. nach B. ein feiner Faden, von B. nach C. ein dickerer, von C. nach D. sogar ein dickes Seil … Je öfter ich also einen Weg gehe, desto fester wird das Gewebe zwischen zwei Punkten. Die Gegend um Z., wo ich seit zweieinhalb Monaten lebe, besteht noch immer aus sehr vielen unerforschten oder zumindest erst teilerforschten Gebieten. Jedes unbekannte Stück, das ich mir vertraut(er) mache, wird ganz allmählich und möglichst lückenlos an das bekannte angewoben.
Wie im richtigen Leben 🙂
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Generalin geht in Rente
Heute hatte ich in H. mein Anstellungsgespräch. Ein bisschen gebammelt hatte es mir schon davor, hatte ich mir doch vorgenommen, meiner zukünftigen Scheffin mein großes Unbehagen zu schildern, das ich beim Schnuppern in der Gruppe der Frau Generalin – StammleserInnen wissen – empfunden habe. Das Gespräch verlief sehr erfreulich und mir gelang es, meine Eindrücke relativ objektiv und ohne anklagenden Ton zu formulieren. Frau K. hat es mir allerdings auch leicht gemacht.
Im Gespräch erfuhr ich, sehr erstaunt, dass die Frau Generalin mich als von ihr gewünschte Mitarbeiterin vorgeschlagen hatte. Als Mitarbeiterin? Falsch. Als mögliche Nachfolgerin! Und jetzt kommt’s: Sie geht nämlich in Rente, juhu! Warum – um Himmels Willen – sie mir das nicht gesagt hat, kann ich nicht verstehen. Sie hätte eben beschlossen, ihre Kündigung den Kindern so spät wie möglich zu sagen, sagte Frau K. heute, und falls sie es mir erzählt hätte, hätten es die Kinder womöglich mitbekommen.
Na ja … Ich bin einfach froh, dass die Kinder ab Sommer (zwar nicht mich, aber gewiss) eine andere, jüngere und – ich wage zu sagen – bessere pädagogische Gruppenleiterin haben werden. Ich habe mich schlussendlich auf die zweite der beiden mir vorgeschlagen erhaltenen Stellen konzentriert und ebendiese auch zugesagt bekommen. Am achten August geht’s los. Meine freien Tage sind definitiv gezählt.
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In letzter Minute: Waschmaschine folgt ihrer Berufung
Nachdem Irgendlink und ich heute Vormittag alle Schläuche und Kabel in die richtigen Löcher gesteckt und geschraubt hatten, durfte Whirly ihre erste Runde drehen. Wo(h)ll(fühl)programm. Netto.  Ohne Wolle. Hinterher kam auch schon der Stresstest mit Stinkeocken, Unterhosen, T-Shirts und Frottiertüchern.
Erfreulicherweise hat sie den Test mit Bravour bestanden!

0 Gedanken zu „Von Landkarten und anderen Berufungen“

  1. Mensch, es läuft ja bestens für dich, Glückwunsch zur neuen Stelle! Und auch noch aussuchen kannst du es dir, das macht doch Hoffnung, dass man auch jenseits der 30 noch nicht abgeschrieben ist. Ich wünsch dir alles Gute, genieß die Tage bis dahin! 🙂

    1. *flüstermodus ein* hihi, aussuchen … die sind einfach froh, wenn sie kompetente leute finden, die für diesen hungerlohn arbeiten *flüstermodus aus* wobei … ich glaube, der job passt schon irgendwie … so als einstieg ins neue leben in deutschland und so … 🙂

  2. Reizwortgeschichte – heißt das im Aufsatzunterricht- und das ginge so:
    Schreibe eine Geschichte, in der die Wörter „Ortskenntnisse- Generalin-Waschmaschine“ vorkommen…Ach, was bin ich froh, dass ich dergleichen nicht mehr drei mal korrigieren muss, es gnädigst vom Chef absegnen lassen muss, mir zur Beurteilung Punktesysteme hernehmen muss, dies und das und alles berücksichtigen muss- und es kommen die Eltern gerannt….nä, Leute. Frank und frei- sozusagen oberfrankenfrei- denke ich mir selbst fantastische, verschwurbelte, wilde Geschichten dazu aus….freedom is just`n other word…

  3. Das mit der Landkarte und wie man sie erklärt, ist geheimes Wissen der Paketdienstleister: ein guter Zusteller/Zustellerin könnte Dir den Weg bis in die kleinste Schublade des verstecktesten Hauses eine Stadt auf diese Art erklären. Daher kommt auch das Wort „Aus dem Nähkästchen geplaudert“.
    Die Briefträgersleute sind die menschlichen Vorgängermodelle von Facebook und Co. Sie wissen genau, wer mit wem verwandt ist, bei wem sie ein paar Straßen weiter ein Paket abgeben können für jemanden, der/die nicht zu Hause ist, sie kennen Hintereingänge, wissen, wo der Haustürschlüssel versteckt ist. Es ist erschreckend.

  4. Es gibt auch Briefträger, die rufen schon von weitem: Heute kriegen Sie Post aus Portugal, Alaska oder sonstwoher- oder: Ihre Nichte aus Hannover hat endlich geschrieben! Oder sie grinsen über den Anblick auf einer Spaßpostkarte, höhö.

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