… auch Heimweh? Manchmal?

Auch Heimweh, manchmal, ja. Manchmal würde ich mich gerne einfach auf mein Rad Velo schwingen und kurz mal zu C. in die Länggasse fahren. Dort eine Tasse Tee trinken oder zwei und braaschte, gugele u lafere wie mir der Schnabel gewachsen ist. Oder zu K. nach B. und dort im Garten abhängen, zu M. nach W., zu B. nach B., zu A. nach B., zu, zu, zu … Oder zu L. nach R. – zwar nicht grad um die Ecke, aber keine Stunde Fahrt mit meinem Sternchen. Die Herzlichkeit, Unmittelbarkeit und Vertrautheit im Umgang mit meinen Freundinnen fehlt mir hier schon. Gestern, im Wartezimmer meiner neuen Ärztin, kam ich nicht umhin, Vergleiche im Umgang der Menschen miteinander zu ziehen. SchweizerInnen und Schweizer dort, Deutsche hier. Nein. Nicht wertend, denn du kannst ja auch nicht Äpfel und Birnen miteinander vergleichen. Außerdem sehe ich ja immer nur einen Ausschnitt. Meine subjektive Perspektive. Bin ich einfach eine Mimose oder sind die Deutschen im Umgang miteinander wirklich derber und direkter als wir Schweizerinnen?, frage ich mich aber dennoch hin und wieder. In meiner aktuellen Dünnhäutigkeit überfordert mich zuweilen so ein Ausflug in die Welt beinahe.
Menschen, die ein bisschen so ticken, spinnen, grübeln, philosophieren, die Welt so wahrnehmen, lachen, denken und leben wie ich, die gibt es bestimmt auch hier, sage ich mir oft. Nur muss ich sie eben noch finden. Oder mich finden lassen. Ab August gehe ich – ein bisschen auch mit diesem Hintergedanken – ins Rückenyoga. Nach Barfußtanzen-Events, Trancedance und Schwitzhütten habe im Internet vergeblich gesucht. Auch Frauenrituale oder schamanische Trommelgruppen gibt es hier offenbar nicht. Ich könnte ja selbst Kurse anbieten, wie damals in Z., vor dreizehn Jahren, überlege ich zuweilen, doch bedeutet das fehlende Angebot nicht auch, dass kein Interesse vorhanden ist?
Schnitt.
Anhora hat gestern über die neuen Zeitzonen nachgedacht, in denen sie sich aktuell als Stellenlose bewegt. Die Parallelen zu mir sind unübersehbar. Diese Zeit, in der sie und ich leben und die nicht Urlaub, aber auch nicht bezahlte Arbeitszeit ist, wirbt verzweifelt um Anerkennung und Daseinsberechtigung, die wir ihr, Kinder der Leistungsgesellschaft, nur schwer geben können. Ob wir nun (wie ich) vom Ersparten leben oder von Arbeitslosenbeiträgen, macht im Endeffekt kaum einen Unterschied. Es ist im Kopf, das Problem. Wir werten Nichtstun ab, dabei ist es der Puffer. Die Zeit zwischen den Dingen. Die Lücken zwischen den Wörtern. Die Pause zwischen zwei Buchstaben. Die Leere zwischen den Zeilen. Sie ist die Essenz, die das Leben erträglich macht.
Auf dem Tisch steht eine große gläserne Vase. Daneben steht eine Schale mit Sand und da liegen auch kleine und große Steine. Sie alle sollen in die Vase. Fängst du mit dem Sand an, wird nicht alles Platz finden. Fängst du mit den kleinen Steinen an, auch nicht. Die großen Steine stehen für jene Dinge, die dir sehr wichtig sind* und sollen darum zuallererst in die Vase geschichtet werden. Einer vielleicht für eine Stunde Yoga pro Tag. Oder für einen langen Spaziergang. Oder für eine Stunde Lesen oder Nichtstun … Die kleinen Steine sind die Dinge, die auch wichtig sind, damit du dich im Leben wohlfühlst. Ordnung vielleicht, Sauberkeit, ein voller Kühlschrank, ein Dach über dem Kopf, dein Laptop … Doch der Sand ist es, der alles zusammenhält, der die Lücken schließt. Er ist es, der alles verbindet. Da ein Lächeln, dort ein Anruf, eine Begegnung, ein Musikstück. Der Sand ist es auch, den wir gleich wieder vergessen. Wenn wir zurückschauen auf unsere Leben, eines Tages, werden wir die Sandkörner zwar nicht erwähnen und uns nicht an die einzelnen Bröselchen erinnern, doch sie werden es sein, die darüber entscheiden, ob wir sagen können: Gut gemacht!
So ein Sandkorn ist dies hier, ein scharlachrotes … Eines, das übrigens ziemlich gut gegen Heimweh hilft. Im Hintergrund könnt ihr mich sogar mitsingen hören … 😉
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=bnDFseiDE-4&feature=related]

Büne Huber erzählt „Geschichten von Menschen für Menschen, die auch in komischen Zeiten die Hoffnung nicht aufgeben, dass ein Leben vor dem Tode möglich sein kann.“

Zitat: Büne Huber. Quelle: hier klicken

>>>>> Nie! NIE! Niiieee!
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*Klassischerweise stehen in obiger Parabel, die ich vor vielen Jahren einmal gelesen habe, die großen Steine für die Arbeit, für das Sichern des Einkommens … Ich habe sie hier aber ungefragt an meine Bedürfnisse angepasst. 🙂

0 Gedanken zu „… auch Heimweh? Manchmal?“

  1. Ich wünsch Dir, dass Du bald ein Viertel Alphabet an Namenskürzeln hast, wo Du zum Kaffee trinken hin kannst. Mir fällt sowas Finden auch nicht leicht. Wie könnte man Leute lockerer machen?

    1. hm, ist es fehlende lockerheit? in meinem fall eher ne kombi aus tiefgang, humor, sensibilität und authentischer herzlichkeit.
      öhm, und wenn die buchstaben auch tee haben umso besser 🙂 daaanke für die wünsche!!!

  2. Ich meinte, nicht Du könntest lockerer sein, sondern die potenziellen Teekocher. Da sieht man wieder mal, wie schnell es zu Missverständnissen kommt. Du hast recht, Deine Kombi ist in meinen Augen super.

    1. mir würde ein bisschen lockerheit aber vielleicht wirklich nicht schaden … 😉
      (ich hatte es nicht auf mich bezogen, nein, sondern – wie auch meine wunsch-kombi – auf die menschen im allgemeinen)
      vielleicht sind beziehungen wirklich einfach eine chemische angelegenheit? 😉

  3. ich kann dir da sehr gut nachfühlen … elf jahre lebe ich nun im schwarzen wald und so wirklich will es hier nicht funzen… gestern habe ich mal wieder mit meinem H. über umzugsideen gesprochen, ich spüre, dass er offener wird… also habe ich hoffnung… und auch eine idee wohin es mich zieht – ich werde bald mal schnuppern fahren, ob es nur eine idee ist, oder ob es boden gewinnen kann in mir, in uns!
    ich glaube schon, dass deutsche anders sind, als schweizerInnen, nicht umsonst schwärme ich so von der schweiz… ich weiß, es gilt nicht schwarz und weiß zu malen, aber eine gewisse feinspürigkeit, die ich bei vielen schweizerInnen erlebt habe, fehlt mir hier schon auch – selbst habe ich schon die berühmte berliner schnauze, aber die hindert mich auf der anderen seite nicht an einer feinfühligkeit…
    ich glaube schon, dass es interesse gibt, nur gibt es noch nicht so viele die es anbieten, ich rudere da ja auch herum, immerhin habe ich zwei interessierte für eine trommelgruppe… wobei die eine gerade wieder in der vertiefung verschwunden ist-

  4. liebe li ssi
    ich denke, es ist wohl eine frage der „gesellschaftlichen gewohnheit“. deine berliner schnauze, nein, sie hindert dich nicht, zart und authentisch zu sein. hätte ich dich vielleicht nicht übers schreiben kennengelernt, wäre ich vielleicht auch bei den vorurteilen und ersten eindrücken (die ich zweifelsohne hier in dtld. habe) hängen geblieben 🙂
    hart aber herzlich passt vielleicht ganz gut zur deutschen umgangsform, denn die herzlichkeit spüre ich natürlich schon. ach, ich habe schon viele herausforderungen geschafft. ich hoffe, dass ich auch diese hier schaffe. ohne mich selbst dabei zu verlieren.
    herzlich, d.

  5. Das ist auch echt nicht einfach. Ich bewundere Deinen Mut, hoffe, ein angenehmes Umfeld findet sich noch. Ich erinnere mich, als ich neu hier war und die Frau eines Freundes öfter besucht habe, damit M. mit deren Tochter spielen kann, dass sie sagte: das passt mir jetzt gar nicht, denn ich muss zu der Zeit putzen. Sie hat aber auch nicht gesagt, wann es ihr passt.

  6. Zum Unterschied zwischen Deutschen und Schweizern muss ich mal mal meine Schwester fragen. Sie lebt seit über 10 Jahren in der Schweiz. Interessant ist, dass sie in den ersten Jahren auch so ihre Stolpersteinchen hatte, mit der Mentalität nicht so recht klar kam. Inzwischen kann man das sicher nicht mehr sagen. Es braucht einfach Zeit, bis man das „Ticken“ der andern versteht, und erst dann entsteht Vertrautheit. Und das ist es wohl, was dir am meisten fehlt. Gibt dir (und uns) ein bisschen Zeit. 🙂
    Ein herzliches Gugele-Grüßle aus dem Süden!

  7. @ blinkyblanky
    ich bin im grossen ganzen zuversichtlich. mein artikel war und ist ja auch einfach als momentaufnahme zu verstehen … wenn mir menschen aber zu verstehen geben würden, dass ich nicht erwünscht bin … hm, na ja … das tut zwar schon weh. andererseits bin ich ja immer für direkte kommunikation … wenn die person nicht reif genug ist, direkt zu sagen, was ihr nicht passt, dann hat sie meine freundschaft eh nicht verdient 😉
    @ anhora
    bestimmt ist auch der umgekehrte wechsel eine grosse herausforderung, da kommt dann auch noch die neue sprache dazu, die ein/e durchschnittsdeutsche/r ja meistens nicht gleich auf anhieb versteht. wie du sagst: die mentalität ist eben immer gewöhnungsbedürftig und es braucht zeit, vertraut zu werden.
    ihr lieben, ihr seid ja der lebende beweis, wie tolle menschen es hier und überall gibt 🙂
    härzlichi grüessli us de pfalz
    d.

  8. Ich denke, man kann nichts verallgmeinern. In allen Ländern, Städten, Dörfern und Kontinenten gibt es Menschen, mit denen man sich wohlfühlt und andere, mit denen man einfach nicht warm wird. Überall auf der Welt gibt es Menschen, die mitfühlend, sensibel, aufgeschlossen und kommunikativ sind, egal in welchem Land. Und andere, die unzugänglich, stur, distanziert und vielleicht auch brutal und gewaltbereit sind. Wir sind alle Menschen. Egal in welchem Land.
    LG von Rosie

    1. genau … und doch gibt es auch so was wie ein gesellschaftliches schwingen … und dieses ist überall ein bisschen anders … und eben, wie anhora sagt, gewöhnungsbedürftig …
      wir sind alle menschen mit unseren gewohnheiten, vertrautheiten, und vorlieben. dazu prägungen …
      hach, letztlich ist es ja auch schön, dass wir alle so verschieden sind!
      danke für deinen impuls, rosie, und herzliche grüsse
      d.

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