die Welt verändern

Ich habe, wie so oft, vergessen, wie sich dieses Buch seinen Platz in meinem Büchergestell erschlichen hat. Es stand jedenfalls schon eine ganze Weile auf dem Tablar der zu lesenden Bücher herum und wurde eins ums andere Mal überholt. Krimis lese ich nun mal meist lieber als Bücher, die nicht eben leichte Kost sind. Was ich diesem Buch wohl ansah.
Nein, leichte Kost ist Im Namen der Salomé nicht. Dafür nährend.

Julia Alvarez ist – wie die Protagonistinnen dieser wahren Geschichte – selbst ein Kind der Dominikanischen Republik. Auch ist sie, wie diese, aus politischen Gründen in die Vereinigten Staaten geflohen. Sie weiß, wovon sie redet.
Wahre Lebensgeschichten zu erzählen, ist eine große Kunst. Alvarez rollt dazu zwei Fäden auf. Den einen, jenen Camilas, der Tochter, rückwärts. Im Alter der Pensionierung anfangend, wo wir sie in den Staaten kennenlernen, begleiten wir sie bis zurück in ihre Kindheit. Die Geschichte Salomés, Camilas Mutter, hören wir von frühester Kindheit an und erleben so die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts auf einer von Kriegen und Revolutionen geplagten karibischen Insel mit. Salomé Ureñas Poesie, die zuerst anonym, später unter ihrem richtigen Namen veröffentlicht wird, macht den Menschen Mut. Salomé, eine schüchterne junge Frau, wird unvermittelt zur Volksheldin gekürt und bald schon Muse der Nation genannt.
Die alles entscheidende Frage, die ihr so manches Opfer abverlangt, ist jene nach der Patria. Was ist Vaterland? Was ist Heimat? Wofür lohnt es sich, zu kämpfen? Immer wieder neue Revolutionen erschüttern das Land und immer wieder neue Anfänge werden gemacht. Salomé baut schließlich, als erste Frau, ein Lehrerinnenseminar auf, damit die jungen Frauen ebenfalls eine Bildung erhalten. Ihr Einsatz für Ihr Land ist leidenschaftlich. Der ihres Mannes, der später sogar – allerdings nur ganze vier Monate lang – Präsident des Landes wird, ebenso. Beide kämpfen sie für Freiheit und reiben sich dabei aneinander auf. Eine Beziehung, die trotz Leidenschaft und Hingabe zeitlebens eine einzige große Herausforderung ist. Vor allem für Salomé.
Die Autorin verwebt die beiden Fäden abwechselnd miteinander, so dass sich die beiden Frauen gleichsam in der Mitte treffen. Salomé stirbt an Tuberkulose, als ihre Tochter Camila erst drei Jahre alt ist. Ihr Leben lang geht Camila auf die eine oder andere Weise in den Spuren ihrer Mutter, doch versucht sie auch, sich selbst auf die Spur zu kommen und den eigenen Zielen Raum zu geben.
Politik, Freiheit und Emanzipation werden somit zu sehr persönlichen Themen. Letztlich kann niemand die Welt verändern ohne dabei sich selbst zu wandeln. Innen und außen sind zwei parallele Ebenen, die sich übergangslos ineinander auflösen.
Obwohl Camilas Geschichte – im Gegensatz zu jener Salomés – in der dritten Person erzählt wird, ist mir Camila näher als Salomé. Vielleicht weil sie in einer Zeit lebt, die mir vertrauter ist. Ihre Suche nach ihrer eigenen Art, leidenschaftlich zu leben und die Welt lebenswerter zu gestalten ohne dabei all die Mitmenschen, die sie liebt und denen sie sich verpflichtet fühlt, aus den Augen zu verlieren, ist eine schmerzhafte Gratwanderung. Wie gerne würde sie Spuren hinterlassen, wie gerne würde auch sie einfach einmal glücklich sein und aus den Schatten der Vergangenheit, der Geschichte, der Verwandtschaft, des Erbes ihrer Mutter treten und sich selbst sein. Ganz.
Mütter und Töchter – ein Thema, das wohl jede Frau auf die eine oder andere Weise beschäftigt, denn Töchter sind wir alle, auch nachdem uns die Mütter eines Tages verlassen haben.
Alvarez‘ Erzählstil ist schlicht. Melodiös irgendwie, dennoch kommt er ohne Schnörkel und Wertung aus. Der rhythmische Wechsel zwischen Salomés in erster Person erzählten Geschichte und jener Camilas hat durchaus etwas poetisches.
Lesen! 🙂

0 Kommentare zu „die Welt verändern“

  1. Das kannst Du echt super: über Bücher schreiben. Diese seltsamen modernen Buchäden machen mich agressiv, ich hätte lieber einen mit weniger Büchern, aber einer Buchhändlerin wie Du.

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