Heut Nacht, wie ich geborgen unter dem Sternenhimmel von der Schweiz nach Hause in die Pfalz fahre und dabei, um nicht einzuschlafen, Musik höre, entsteht ein Bild in mir. Der Klangteppich des Songs, der eben läuft, löst sich in einzelne Farbpunkte auf. Wie einzelne Fäden, wenn wir an die orientalischen Teppichknüpfkunst denken. Wie einzelne Pixel, wenn wir an deren virtuelle Analogie denken. Auflösung von Musik in Farben. In Punkte. Auch meine Gedanken lösen sich auf, in Farben, in Muster, in Flächen und Formen. Ungeformte Formen irgendwie. Falls es das gibt. Null und eins sind jene Elemente, aus denen sich alles zusammensetzt Und in das sich alles wieder auflöst. Auflösung in die virtuellen Codes. Auflösung. Ein Wort, das ich mir auf der Zunge zergehen lasse, ohne es laut auszusprechen. Etwas löst sich auf. Lösung. Klarheit.
Das Jetzt von gestern, im aktuellen Moment übergroß und alles dominierend, wird klein. Ich distanziere mich. Ich bewege mich weiter. Schon ist der große Punkt ein kleiner Punkt und Prioritäten verschieben sich.
Meinen Besuch in der Schweiz, der primär der erneuten Prüfung meines inzwischen reparierten Gefährts galt, hatte ich vorgängig mit einigen Besuchen bei Freundinnen vernetzt. Nachdem ich meinen Liebsten in H. zum Zug gebracht hatte, damit er den Pfälzer Jakobsweg pilgern und darüber livebloggen kann, fuhr ich in meinem neuen, entschleunigten Tempo schweizwärts. Irgendwann würde ich ankommen, zum Prüfzentrum bei Biel fahren, die Nachprüfung bestehen und anschließend zu Freundin C. nach Bern fahren. So mein Plan. Irgendwann, um halb eins, als ich kurz vor Haguenau und seiner Autobahneinfahrt mein Sandwich knabberte, guckte ich mir das Formular erstmals genauer an. Oh Schreck, die haben ja das Nachprüfungszeitfenster nur von zehn nach eins bis fünfzehn Uhr auf! Zweieinhalb Stunden reine Fahrzeit würde ich bis Biel mindestens brauchen. Punkt fünfzehn Uhr müsste also zu schaffen sein. Dass es mit meiner Gemütsruhe vorbei war, ist logisch.
Punkt drei Uhr war ich in Biel, mitten in dieser Stadt, die ich eigentlich kaum wirklich kenne. Das Prüfzentrum in Biel-Orpund wurde nun zur berühmten Nadel im Heuhaufen der Straßennetzes. Die ich erst um Viertel nach drei endlich fand. Ich hätte das mit dem knapp zweistündigen Zeitfenster nicht gewusst, sagte ich und stieß damit am Anmeldeschalter auf Verständnis. Immerhin wurde ich zum Chef vorgelassen, doch der winkte ab.
Kommen Sie morgen Nachmittag wieder!, sagte er.
Morgen? Aber morgen ist doch die Dreißig-Tage-Frist abgelaufen!, sagte ich. Dachte, warum ich aber auch immer alles im letzten Moment machen musste. Dachte, warum ich den Zettel nicht vorher angeschaut hatte. Dachte auch, dass ich doch morgen, Mittwochnachmittag, im Aargau mit Freundin M. abgemacht hatte.
Aber nein, morgen ist doch erst der letztmögliche Tag!, erklärte mir der Chef. Was meiner Logik zwar zuwiderlief, aber immerhin ein Türchen öffnete. Grummelnd verließ ich das Zentrum und fuhr bernwärts. Wie sollte ich das Problem bloß lösen?
Bei Freundin C. und Little-F. rief ich Freundin M. an und wir beschlossen, dass sie morgen mit mir nach Biel an die Prüfung kommen würde und wir anschließend dort gemeinsam ein Seebad oder einen Ausflug genießen würden. So könnte ich am Donnerstagvormittag nochmals C. besuchen und zu ihrer Entlastung, da sie gesundheitlich angeschlagen war, mit Little-Finn einen Spaziergang machen. Nach einem Abend und einer Übernachtung bei Freundin A.
Alles fügte sich zusammen. Bei A., mit der ich einen gemütlichen weinseligen Abend verbracht hatte, erhielt ich beim Frühstück eine SMS von Freund K., der fragte, ob ich auf dem Rückweg bei ihm vorbeischauen möge. Wieder ein neues Puzzleteilchen. Ein neuer farbiger Punkt. Eine bunte Fläche, die zum Gesamtbild passt.
So vergeht der Tag inmitten eines wunderbar-bunten sozialen Gewebes und mir gelingt es, die einzelnen Begegnungen ganz intensiv zu genießen. Mit M.s moralischer Unterstützung schaffen wir mein Sternchen durch die Nachprüfung und treffen den Bielersee in Vorgewitterstimmung an. Stürmischer Wind, Wolken, Pappelbaumwollbällchen, die herumwirbeln. Wir parken, stürzen uns ins Strandbad und in den See (saukalt) und picknicken anschließend bis zur Sturmwarnung. Jippie, es regnet. Immerhin ganze drei Minuten bis wir im Auto sind. Auch der Sturm legt sich wieder. Nur die Parkbusse hätte nicht sein müssen. Wir hatten im Eifer des Gefechts nämlich schlicht übersehen, dass der Parkplatz kostenpflichtig ist. Hätten wir eigentlich wissen müssen. Na ja.
Später, im Café, hellt es wieder auf und schon bald ist es auch wieder so heiß wie davor. Was für ein Tag! Und schon wieder ein Abschied und bereits bin ich unterwegs zur nächsten Verabredung. K. und ich finden uns gleichzeitig am Treffpunkt ein. Gut getimt, trotz meiner kleinen Verspätung. Er lädt mich zum Essen ein und wir tauschen angeregt aus.
Wäre ich am Mittwoch rechtzeitig in Orpund gewesen, weil ich das Formular seriös gelesen und nicht so gebummelt hätte, hätte ich weder das Bad im See noch die Parkbusse noch den Sturm erlebt. Auf die Busse hätte ich allerdings gerne verzichtet, zugegeben. Und wäre ich wohl, wenn ich – wie ursprünglich geplant – M. im Aargau getroffen hätte, nochmals zu C. gefahren? Wäre ich mit Little-F. im geliebten Bremerwald spazieren gegangen? Und hätte ich mit K. so oder so oder so spontan abgemacht?
Der Fluss von Schicksal, Zufall, Augenblick, wir haben ihn nicht in der Hand. Dominosteinen gleich, löst jede Bewegung eine neue aus. Begegnungen aller Art (= Kunst?) beeinflussen uns Schritt für Schritt. Alltagsalgebra: Wenn so, dann so. Aber auch: Wenn so, wäre dann so? Logische Folgen. Möglichkeiten. Punkte.
Um halb zehn dann überquere ich müde die schweiz-französische Grenze. Heimwärts durchs Elsass rolle ich mit einem übervollem Herzen. Auch materiell bin ich überall beschenkt worden, obwohl ich zu all meinen FreundInnen mit leeren Händen gekommen bin, denn außer mich selbst hatte ich keinerlei Mitbringsel dabei.
Farben. Formen. Klänge. Müdigkeit. Dankbarkeit ist gelb. Aufgelöst in sonnengelb.
Jahr: 2011
Wie das Internet unser Denken verändert
Heute Morgen in der Zeitschrift DU geniale Gedanken über unseren täglichen Umgang mit dem Internet gelesen:
Anthroplogie – Nicholas Carr
Wie das Internet unser Denken verändert
Literaturstudenten, die keine Bücher mehr lesen. Informationsstakkato, das die Kreativität blockiert. Nervenstrukturen, die sich rasch umwandeln: Der Erfolg der digitalen Technik verändert nicht nur unser Leben, sondern auch unser Gehirn. Nicholas Carr zeigt, in welche Richtung.
Hier gucken für Infos zum DU-Heft. Eine Leseprobe aus dem Buch („Wer bin ich, wenn ich online bin …“), woraus der Artikel aus dem DU-Heft zitiert worden ist, gibt es hier.
Ach, und schon bin ich mittendrin, mitten im weltweiten Netz von Links und Hyperworld. Hilfe, ich bin eine Gefangene im Netzwerk unserer Bilder-Community!, habe ich vor drei Tagen zu meinem Liebsten gesagt, spätabends, vor dem Laptop sitzend.
Internet macht zwar Multitasking, aber wir sind dabei – weil sich unser Hirn im Laufe der Zeit verändert – andere Kompetenzen zu verlieren. Urteilsvermögen zum Beispiel. Wir übernehmen auch nur so als Beispiel ungefragt Vorgaben und Strukturen, die das Internet vorgibt. Die vermeintliche Freiheit von Internet ist trügerisch. Wir sind alles Süchtige. Wir lenken uns ab. Wir verlieren Tiefgang und Konzentrationsfähigkeit. Sagt Carr. Und vieles mehr, das sehr lesenswert ist. Und zu denken gibt.
Bilder einer Ausstellung #1
Die Bilder der iPhone-Ausstellung vom 4.-30. Juni in Venarey-Les Laumes sind bereits online: hier klicken
Zu meinen vier Bildern: hier klicken
Von Schiebereglern und anderen Lebensnotwendigkeiten
Ich komme zu nichts. Das heißt eigentlich vor allem das: ich komme nicht zum bloggen. Dabei hätte ich so viele Ideen. So viele Dinge, über die ich schreiben möchte. Über das Leben zum Beispiel. Und über die Menschen.
Ihr müsst wissen: hier …, also genau da, wo die Pünktchen sind – so jedenfalls stellte ich es mir heute Morgen vor, als ich den Notizzettel, der jetzt neben mir liegt, geschrieben habe – hier wäre also ein Screenshot einer geöffneten App. Das Abbild meines iPhone-Bildschirmes, deutsch gesagt. Es würde die Mini-Schieberegler zeigen, mit denen ein Bild auf dem Display des iPhones bearbeitet werden kann. Links dunkel, rechts hell. Links keine Sättigung (sprich schwarzweiß), rechts übersättigtes Bild. Links wenig, rechts viel Kontrast. Und so weiter.
Das Bild habe ich nicht gemacht, ihr stellt es euch jetzt einfach mal vor.
Und stellt euch gleich auch die Menschen in eurem Umfeld vor. Sie alle haben Eigenschaften. Es gibt keinen Menschen ohne Eigenschaften. Nennen wir sie hier einfach mal Kontraste. Stellt euch weiter vor, dass es für jede der Eigenschaften einen Schieberegler gäbe. Links Antipathie, rechts Superempathie. Zum Beispiel. Oder Links sozialkompetent, rechts diktatorisch.
Nehmen wir mal die Generalin vom vorletzten Artikel: Ihr Schieberegler wäre beim letzten Punkt ganz rechts. Nur so als Beispiel.
So setzt sich jeder Mensch aus hunderttausendsiebenhunterdreizehn Nuancen zusammen und hier hinkt das Bild auch schon. Natürlich kann ein Mensch nicht mit Schiebereglern erfasst werden. Dennoch, um das Bild noch ein klein bisschen auszureizen, jeder Mensch hat eine absolut noch nie dagewesene Farbmischung, obwohl es doch nichts neues unter der Sonne gibt. Das Bild hat was!
Die zweite Schule übrigens, die ich gestern besucht habe, war ganz anders, als jene, die ich am letzten Donnerstag besucht habe. Die Verantwortliche war wohl ähnlich alt und auch relativ streng, doch – um unsere Regler zu zitieren – war ihre Strenge liebevoll-sensibel nicht diktatorisch. Sie nahm die Kinder ernst und ihr Umgangston war wohlwollend.
Ob ich das Bearbeiten von Bildern so mag, weil ich mir dabei die Welt nach meinem Gusto zurechtfärben und zurechtkontrastieren kann?
Apropos: Bei einer Ausstellungsausschreibung in Frankreich* zum Thema „schnelllebig“, wo ich vor ein paar Wochen Bilder einreichen konnte, habe ich offenbar überzeugt. Alle meine Bilder wurden angenommen. Eins davon wird sogar – mit neunzehn anderen – in Großformat ausgestellt. Dass Irgendlink ebenfalls im Boot ist, macht mich doppelt froh!
Ab Ausstellungsbeginn werden alle Bilder virtuell hier ausgestellt: klicken!
Leere inmitten
Panik auf dem Hühnerhof. Hahn und Hennen kreischen und gackern so laut, dass ich es sogar im Haus drin höre und hinüber renne. Gestern war es, um elf oder zwölf.
Minus ein Huhn. Das Federvieh flattert aufgeregt um ein Häufchen Federn herum, das am Boden liegt. Vermutlich ein Habicht, sagt J. und sucht den ganzen großen Hühnerhof nach weiteren Spuren ab. Er findet nichts auffälliges und die Hühner beruhigen sich allmählich.
Eine Stunde später fahren wir los. An eine Ausstellung nach Mainz. Und QQlka treffen, einen lieben Freund meines Liebsten. Auch J.s Eltern sind unterwegs. Das einsame Gehöft liegt verlassen.
Heute Morgen erfahren wir, dass drei Hühner und der Hahn fehlen. Der Fuchs war da, sagt J.s Vater.
Hätten wir doch bloß …!, sagt J. zerknirscht und auch ich fühle mich mitverantwortlich.
Hätten wir …? Was?
Schnitt.
Ein Satz klingt nach: Mut zur Leere in der Mitte des Bildes. Gehört letzten Montag an der Vernissage zu einer Ausstellung von A. B. über dessen Stil. Nicht das, was wir normalerweise tun. Üblicherweise füllen wir schleunigst die Leere. Verdrängen, was sich nicht fassen lässt.
Wie gut da ein Loch in der Mauer tut.
Schnitt.
Mut …

Bild: iDogma-Art –
Mit ProCamera fotografiert, mit WordFoto weiterbearbeitet und via Laptop hochgeladen.
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 2: Wie Löwenzahn
Ich habe echt gemeint, solche Menschen seien ausgestorben!, sagte ich zu meinem Liebsten. Gestern Abend. Ich hatte mir tagsüber eine von zwei möglichen Arbeitsstellen angeschaut, die mir meine zukünftige Arbeitsgeberin, eine Stiftung im Bereich Jugendförderung, vorschlägt. Im August soll ich dort anfangen. Naiver Gedanke, das mit dem Aussterben dieser Spezies, dennoch hatte ich ihn gedacht, vielmehr gehofft, dass dem so sei.
Aussterben tun die nicht. Leider. Die wachsen nach. Wie Löwenzahn!, sagte J. pragmatisch. Nur dass Löwenzahn wenigstens schön ist.
Die Gruppe, die ich allenfalls ab August jeweils ab mittags mit betreuen soll, besteht aus neunundzwanzig Kindern zwischen acht und fünfzehn Jahren mit eher bildungsfernem und teilweisem Migrationshintergrund. In der Regelschule kamen sie nicht mit und besuchen darum entsprechende Förderklassen. Kleinklassen heißt das in der Schweiz, hieß es jedenfalls früher. Den Betreuungsteams obliegt die Nachmittagsgestaltung inklusive Aufgabenhilfe. Nicht grad mein Traumjob, doch immerhin ein Anfang.
So weit, so gut.
Wenn da nicht die Frau Generalin wäre, die der Gruppe vorsteht. Also eigentlich sind es ja zwei Frauen, wobei ich der anwesenden Kollegin nicht mal vorgestellt worden bin und von dieser nur ungefähr zwei oder drei Sätze gehört habe. Jeder Versuch, mit ihr Kontakt aufzunehmen, wurde „zufällig verunmöglicht“. Frau Generalin, um die fünfundfünfzig oder sechzig Jahre alt und ledig, wie die ringlose Hand zeigt, Frau Generalin also treibt dort nach allen Regeln der unpädagogischen Kunst ungebremst ihr Unwesen, ihre Machtspiele, und schwingt mit dem Zuckerbrot in der Hand die Peitsche mit der andern. Strubbelt den Kindern ungefragt über den Kopf oder packt sie hart am Arm um ihren Aufträgen Befehlen Nachdruck zu verleihen. Grundsatz 1: Misstrauen. Grundsatz 2: Feindbild Kind. Darum hat sie nie, aber auch wirklich nie!, einen normalen Gesprächston drauf, wenn sie mit den Kindern redet, sondern klingt immer latent fordernd, anklagend, beschimpfend, kritisierend. Schon am Telefon, als sie mir den Weg erklärte, war dieser Ton da. Dieser Ich-weiß-es-besser-Ton, den ich auf den Tod nicht ausstehen kann. Pausenlos redete sie über die Wichtigkeit von guter Kommunikation und Harmonie im Team, widersprach sich aber laufend selbst, indem sie sagte, dass jemand den Karren schließlich schmeißen müsse.
Die meisten Kids kamen um dreizehn Uhr. Zum Essen. Verteilt auf Tische mit je vier Kindern wurde das Essen ausgegeben. Erst als alle ganz still waren, war Frau Generalin zufrieden. Dann musste eins der Kinder beten – *würg-argh* – und schließlich ging die Fütterung los. Wobei die kleineren Kinder im größeren Raum nicht reden dürfen, die größeren im kleineren Raum zwar schon, doch nur leise. KZ-Stimmung, sorry, liebe Leute, aber das habe ich gedacht. Nichts von Sinnlichkeit, Lebenslust und Lachen.
Kaum wechselte Frau Generalin den Raum, ging das Geknuffe, Gekicher, Geflüster und das Augenverdrehen los. Dampf muss abgelassen werden. Muss. Physik. Sonst knallt es. Je restriktiver Erziehung ist, desto mehr staut sich ungelöstes an. Hinter der Fassade. Zugegeben, die Fassade ist nett. Auswechselbar. Unpersönlich. Lieblos.
Beim Essen nahmen ein paar Kinder Blickkontakt mit mir auf. Ich las in ihren Augen Resignation und Frustration. Sehnsucht. Leid. Mit meinen Augen, ich durfte ja nicht reden, versuchte ich Mut zu geben. Keine Ahnung, ob er angekommen ist.
Ich war vor dem Eintreffen der meisten Kinder da gewesen, hatte mir ein paar einführende Worte von Frau Generalin angehört, stehend, ohne dass sie mir etwas zu trinken angeboten hätte, und hatte ihr anschließend ein paar Fragen zu Umfeld und Netzwerk, zur Zusammenarbeit mit der Schule gestellt, weil ich dieses Betreuungssystem von der Schweiz her nicht kenne. Sie meinte nur, in jenem ähnlichen Ton übrigens, den sie auch den Kindern gegenüber drauf hatte:
Das müssen Sie gar nicht wissen. Das braucht Sie nicht zu beschäftigen. Da müssen Sie nicht drüber nachdenken. Das geht Sie nichts an. Das betrifft Sie nicht.
Weil sie mich nicht irgendwie mit einer Aufgabe betraute oder sonst wie beschäftigte, war ich durch die Räume spaziert. Ich hatte die Bilder und Basteleien – stereotype Kreativität nach Vorlage – angeschaut, denn da alle schon anwesenden Kinder gut miteinander gespielt hatten, wollte ich mich nicht aufdrängen. Möglich, dass das keinen guten Eindruck machte. Mir egal, denn ich würde eh nie mehr hierher kommen. Lieber arbeitslos als hier zu arbeiten. Jedenfalls nicht mit Frau Generalin zusammen. Bloß weg hier!
Auf dem Klo, noch vor dem Essen war das, smste ich J. mein Dilemma. Worauf er sofort. anrief.
Dann muss ich also früher hier losfahren!, sagte ich laut ins iPhone, als die Frau Generalin auf dem Hof, auf den ich zum Telefonieren ausgewichen war, an mir vorbeiging. Später, wieder drin, sagte ich zu ihr, dass mein Freund, dessen Auto ich mir heute ausgeliehen hätte, weil meins in der Reparatur sei (was wahr ist), wegen eines Notfalls das Auto brauche (Notlüge, dafür muss ich hoffentlich nicht nach Santiago pilgern :-)).
Um zwei Uhr machte ich mich vom Acker. Im Auto hätte ich heulen können. Die armen Kinder!, dachte ich ständig, was wird nur aus ihnen!? Wenn nur ich schon, nach zweieinhalb Stunden, vom Zusammensein mit dieser Frau traumatisiert bin und nachts (das wusste ich allerdings damals noch nicht) Alpträume hatte, wie viel mehr muss dieser Umgang den Kindern das Leben erschweren? Dieses dauernden Bloßgestellt- und Angemotzt-Werden? Zum K… Und doch ist das hier gewiss kein Einzelfall.
Was wäre die Welt ohne Kinderlachen und Blumen, sagte ich zu J., am Abend, als ich unseren Blumen und Tomaten beim Wachsen zuschaute. Das Schlimmste, was ein Mensch tun kann, ist Kinderlachen kaputtzumachen.
Merke:
1.) In Deutschland gibt es nicht nur nette Menschen …
2.) … aber auch!!!
Juxtaposer
Zugegeben, der Titel sagt nicht wirklich viel über den Inhalt des nachfolgenden Artikels aus. Außer für Lesende, die ebenfalls mit Photobearbeitungsprogrammen für smarte Telefone – sprich Minicomputer wie das iPhone – hantieren wie ich. Doch die sind vielleicht eher selten? Gleich zu Beginn: Juxtaposer ist der Name einer Software, Neudeutsch eine Applikation, kurz App genannt. Eine App, die zaubern kann.
Am Anfang war das simple Bild. Hübsch und ganz und gar roh, ein Schnappschuss.

Ich öffne es bei Juxtaposer als Hintergrundbild. Als Vordergrundbild füge ich das Bild eines Sonnenblumensamenbeutels ein. Zusammen sieht das so aus:

Was soll denn das, fragst du dich zu recht! Tja, warte! Jetzt wird gezaubert! Mit einem Finger über das Display streichend, wird alles, was ich nicht will, wegradiert:

Und schon ist die Sonnenblume fast bereit, mitten im grünen Blättermeer zu schweben …

Auch das hier ist möglich, die wundersame Vermehrung des Vordergrundbildes:


Und es kommt noch besser: ich kann in einem neuen Prozess einen anderen Hintergrund wählen, in den ich meine Sonnenblume setzen kann:

In ein paar weiteren Bearbeitungsschritten helle ich das Bild auf, schneide es zurecht und rahme es ein … Ich könnte es auch in schwarzweiß konvertieren, Farbumkehrungen, Verfremdungen, weitere Zufügungen etc. vornehmen. Ich könnte … Hach! Da sind einfach so viele Möglichkeiten. Wie ich gestern schon geschrieben habe. Zu viele vielleicht.

Was machst du eigentlich in Deutschland?, schrieb M. gestern. Gute Frage …
Ja, was mache ich eigentlich? Was mache ich, wenn ich nicht grad blogge, Mails schreibe oder Mails lese. Oder Bücher schreibe oder lese. Oder den Garten wässere. Oder Unkraut jäte. Oder Bilder kreiere. Ja, was mache ich eigentlich und wie wichtig ist das Machen, das Ergebnis, das Produkt, das Tagesziel?
Vielleicht wäre besser gefragt: Was mache ich nicht, nicht mehr? Ich habe den Stress aus meinem Leben wegradiert, wie den Samenbeutel auf den obigen Bildern. Und das Zu-viel-Tun ebenfalls. Darunter kommt Natur zum Vorschein. Sonnenlicht, nicht zu wenig. Und Erde. Musik auch. Lieder in mir drin. Farben.
Und ja. Manchmal mache ich mir auch Sorgen. Die lassen sich selbst mit Juxtaposer nicht wegradieren. Ich mache mir Sorgen um die Erde, Sorgen um die Zukunft. Kleine und große Sorgen. Wie viel kann ich in der Welt, in meinem Leben mitgestalten? Wie viel geschieht ohne mein Dazutun? Fatalismus ein bisschen.
An der Vernissage heute, in H. bei Künstler A. B., dessen Bilder mich eins ums andere Mal von neuem unglaublich berühren, fiel der Satz, dass A. seinen Bildern den Zufall zugestehe*, obwohl er klar zu Beginn ein Konzept habe. So wird jedes Bild ein Farb- und Formereignis, eine Aktion, eine Bewegung.
Konzept und Zufall müssen sich nicht ausschließen, begreife ich einmal mehr. Und zaubern zu können ist auf jeden Fall hilfreich.
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* Zitat: „Nach wie vor offenbart sich das Schöpferische als hoch dynamischer und offener Malprozess, in dem Fantasie, Experimentierfreude, Kalkül und Zufall als gleichberechtigte Verbündete interagieren.“
Quelle: homburg.de
Unterschiede
Es ist verflixt. Seit ich den Artikel „verschwindend“ geschrieben habe, ist es da und drängt sich in den Vordergrund. Nein, es ist wohl schon länger da. Was solls?, fragt es. Oder: wozu auch? Mein gutes altes Monster ist sogar mit nach Deutschland ausgewandert. Sinnfragen stellt es hüben wie drüben. Was willst du überhaupt?, fragt es. Vom Leben zum Beispiel. Quo vadis, Sofasophia?
Schnitt.
Neulich im Garten. Die Sonne dörrt den Boden aus. Da hilft nur gießen. Irgendlink und ich wässern Salate, Kohlsetzlinge, Zucchinipflänzchen, Karottenspitzen und was da alles im Garten vor sich hin wächst. Gießkannenprinzip. Alle gleichviel. Alle zu wenig, wenn das Fass fast leer ist. Alle genug, wenn das Fass wieder voll ist. Wie im richtigen Leben. Beinahe jedenfalls, denn bei uns bekommen alle gleich viel, ungefähr jedenfalls. Dennoch wachsen die einen schneller als die anderen. Warum auch immer.
Darwin!, sagt Irgendlink, Evolution! Natürliche Auslese! Und gießt ab Tag vier nur noch ohne Brause. Nur noch die Wurzeln. Clever. Die Salatsetzlinge danken es uns. Innerhalb weniger Tage wachsen sie zusehends. Ein paar kleine gehen dennoch – trotz Wasser – ein, schließlich gießen wir sie nicht mehr, lassen sie wieder Erde werden. Ein paar müssen über die Klippe springen, das ist immer so, sagt J.. So tickt die Welt. Ironisches Zwinkern.
Schnitt.
Was ist der Unterschied zwischen dem Lebensweg und einer Reise von hier nach irgendwo?, fragt mein Liebster heute Morgen.
Gute Frage – puh … Der Unterschied?, überlege ich. Keine Ahnung, mir fallen da eher Parallelen ein. Bei beiden Reisen wissen wir nicht wirklich, wohin wir unterwegs sind. Alles ist abenteuerlich, unvorhersehbar, gefährlich zuweilen …
Stimmt. Doch auf dem Lebensweg hast du – im Gegensatz zu einer gebuchten Reise – keinerlei Versicherungen. Du trägst das ganze Risiko alleine.
Schnitt.
Da sind so viele Bilder auf meinem iPhone. Bilderfluten geradezu. Und täglich werden es mehr. Nur einen Bruchteil davon bearbeite ich. Und davon ist wiederum nur ein Bruchteil vorzeigbar. Auf meinem iPhone sind noch so viele nichtausgeschöpfte Möglichkeiten – für all die unbearbeiteten Bilder ebenso wie für jene, die ich schon bearbeitet habe. So viel an Möglichkeit steckt in jedem einzelnen Bild! Würde ich sie alle ausschöpfen, wäre mein Leben zu kurz. Und ich dürfte ab sofort keine neuen Bilder mehr machen.
Für jeden einzelnen Tag und für jedes einzelne Leben gibt es ebenso viele Möglichkeiten der Gestaltung. Und immer können wir nur eine wählen.
Gerade jetzt möchte ich alt sein – glücklich, lebenssatt und weise –, und auf dem Sterbebett liegend, wie Antonia in Antonias Line, auf mein Leben zurückschauen. Ich würde sagen: Well done! Und friedlich einschlafen.
Integrationskurs "Alltag in Deutschland" – Lektion 1: Einkaufen
Szene 1: Sofasophia schiebt ihren Einkaufswagen Richtung Kasse. Ort des Geschehens: Eine städtischen Filiale des Großverteilers mit dem A. am Anfang. Soeben verkündet die smarte Damenstimme aus dem Lautsprecher:
„Geschätzte Kunden, wir öffnen Kasse drei für Sie!“ Super!, denkt sie, schaut sich um, sieht aber nicht einen einzigen Kunden im ganzen Laden, der sich für Kasse drei interessieren könnte und reiht sich deshalb brav hinter der Kundin vor ihr ein. Denn Kundinnen hat es zuhauf. Es ist kurz nach eins. Weit und breit kein Mann. Nicht einmal ein Arbeiter ist zu sehen, der sich schnell ein Sandwich holt.
Szene 2: Sofasophia hat vor dem Getränkemarkt geparkt und sich einen Einkaufswagen geschnappt. Einen wie es sie in der Schweiz nur im Baumarkt gibt, einen mit tief gelegter Ladefläche. Einen für Bier. Gleichzeitig wie ein älterer Mann betritt sie den Laden und ist einmal mehr ob der gebotenen Fülle dieser Ladenkette überfordert. Wohin sie schaut: Bierkiste auf Bierkiste. Wasser. Süssgetränke. Fruchtsäfte. Flüssiges in jeglicher Form. Und Männer. Überall Männer. Nur Männer. Außer an der Kasse. Da sitzt eine Frau. Natürlich. Ein junger muskulöser Mann mit Tattoos an den Oberarmen – wenn wir schon Klischees bedienen, dann richtig! – geht herum, ist beim Aufladen der (Bier-)Kisten behilflich und zeigt ihr, wo das alkoholfreie Bier steht. Mit drei Kisten (öhm, ja alles Bier) fährt sie schlussendlich zur Kasse, bezahlt und geht zum Auto. Der ältere Mann, der mit ihr den Laden verlassen hat, hievt ihr die dritte Kiste in den Kofferraum. Sie ist so perplex, dass sie nicht mal sagen kann, dass sie es eigentlich selbst schafft.
Wir fassen Lektion 1 wie folgt zusammen.
Merke:
1.) In Deutschland kaufen die Frauen das Futter …
2.) … und die Männer die Getränke.
3.) In Deutschland sind Kundinnen automatisch männlich.
Wer kauft denn jetzt bei uns das Futter ein, Liebling, du oder ich?
Anch

Heute schenke ich euch einfach dieses Bild. All die Notizen auf dem iPhone und auf Papier müssen warten.
Das Bildoriginal?

Bilder: iDogma-Art –
Das erste mit ProCamera fotografiert. Das zweite unter Verwendung von ProCamera, Tiny Planets, PS Express, Pro HDR Library, Dynamic Light, Diptic und Pic Grunger kreiert.