Ausgelesen #9 – Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

Buchcover PicoultIn Jodi Picoults Buch Bis ans Ende der Geschichte (Original: The Storyteller) kommt das Wort Geschichte in seiner ganzen Mehrdeutigkeit zum Zug. Anders als die beiden englischen Wörter Story und History, die zum einen auf die reale, historische, zum anderen auf die fiktive Möglichkeit einer Geschichte hinweisen, können wir unser Wort Geschichte hier gerne als ein Wort mit Vorsilbe interpretieren. Ein Geschiebe, ein Gespinst, ein Geschichte, ein Aufeinandergeschichte, ein Nebeneinandergeschichte von Dingen, von Menschen, von Erfahrungen, von Erzählungen – das erfahren wir in diesem Buch hautnah. Nicht nur erzählt Picoult meisterhaft – wie schon im von mir hochgelobten Buch Die Spuren meiner Mutter –  parallalel mehrere Geschichten, hier jene der Hauptfiguren Sage, Josef, Leo und Minka, auch erzählt sie als weiteren Strang die abenteuerliche Gruselgeschichte nach, welche Minka vor siebzig Jahren im KZ buchstäblich das Leben gerettet hat.

Die fünfundzwanzigjährige Sage ist Bäckerin aus Leidenschaft. Seit einem Autounfall, an deren Folgen ihre Mutter gestorben ist, fühlt sie sich schuldig, weil sie den Wagen gelenkt hat. Als eine Art Selbstbestrafung besucht sie nun schon set drei Jahren eine Trauergruppe, wo sie den über neunzigjährigen Josef Weber kennenlernt. Trotz des großen Altersunterschieds spüren die beiden die geheimen Wunden des jeweils andern und werden schließlich Freunde. Josef erzählt Sage eines Tages seine schreckliche Geschichte und bittet sie um einen höchst ungewöhnlichen Freundschaftsdienst. Doch das Geheimnis ist für Sage zu groß und sie holt sich Hilfe beim Anwalt Leo, dem sie sich – obwohl sie eine Eigenbrötlerin ist – nach und nach öffnen kann. Mit Leos Unterstützung gelingt es Sage endlich, ihre Großmutter, eine KZ-Überlebende, dazuzubringen, ihnen ihre Geschichte zu erzählen.

Mit unglaublicher und brutal schmerzhafter Detailtreue und Glaubwürdigkeit bringt Jodi Picoult uns vier so unterschiedliche Lebenswege nahe. Aus unterschiedlichen Perspektiven sehen wir die Wirkungen dieser Menschen aufeinander. Umrahmt wird alles von Auszügen aus Minkas Gruselgeschichte, die sie in den ersten Jahren des Krieges, damals noch in vermeintlicher Sicherheit, zu schreiben begonnen hat. Selbst im KZ hat sie, auf die Rückseiten von Fotos, weitergeschrieben und erzählt.

Am Ende der Geschichte und am Ende aller Geschichten ist alles anders. Und wir wissen nicht, wie die Geschichten zu Ende gehen; weder die aus Minkas Notizbuch, die sie nach dem Krieg erneut aufgeschrieben hat, noch jene, die im Buch stehen, das ich eben gelesen habe.

Eine Gesichte gekonnt in einer Geschichte zu verpacken ist eine große Kunst, doch hier gleich liegen fünf Schichten – was sage ich da? zig Schichten! – nebeneinander, weitesgehend kunstvoll verwoben und dennoch auch ein bisschen so chaotisch wie all die Leichen, die Minka in den KZ  gesehen hat. Und über die sie siebzig Jahre zu reden verweigert hat.

Ein Buch über Schuld und die Idee des Verzeihens, über Freundschaft, Familie und Liebe und auch ein Buch über die Sehnsucht nach all jenen Menschen, die nicht mehr da sind.

Ursachenveränderung statt Symptombekämpfung

Da ich mich intensiv mit meiner eigenen Heilung beschäftige, habe ich mir soeben das Buch von Klaus Bernhardt bestellt: Panikattacken und andere Angststörungen loswerden. Heute Morgen habe ich bereits damit angefangen, mir Klaus Bernhardts kostenlose Podcasts zum Thema anzuhören.

Anders als alles, was ich bisher über Panikattacken und die eine oder andere Technik gelesen habe, geht es hier nicht um Symptombekämpfung, sondern um Ursachenveränderung. Um die wissenschaftlichen Zusammenhänge.

Hier ein kleines Zitat aus dem Blog auf Bernhardts Webseite:

»Wie aus vereinzelten Angstattacken eine generalisierte Angststörung wird:

Bei einer Angststörung den Serotonin und Noradrenalin-Spiegel durch Antidepressiva zu erhöhen ist in etwa so, als hätten Sie ein Auto, dass ein Leck im Kühlwassersystem hat. Doch anstatt das Leck, also die Ursache des Wasserverlustes, zu reparieren, füllen Sie Tag für Tag Kühlwasser nach, damit Ihr Motor nicht kaputt geht. Das Leck wird mit der Zeit größer und größer und Ihr Aktionsradius wird kleiner und kleiner, weil Sie ja permanent anhalten müssen, um wieder Wasser nachzufüllen.

Und so, wie es selbstverständlich klüger ist, das Leck zu reparieren, anstatt nur an den Folgen herumzudoktern, genau so verhält es sich auch mit einer Angststörung. Auch hier ist es klüger, das Gehirn durch bestimmte Übungen strukturell so zu verändern, dass die Angststörung da gestoppt wird, wo sie entstanden ist, nämlich in den automatisierten Denkprozessen Ihres Gehirns. Medikamente gegen Angst sind prinzipiell nichts anderes, als ein permanentes Nachfüllen von Kühlwasser. Sie zögern bestenfalls die nötige Reparatur etwas hinaus, lösen aber das Problem nicht.

Je länger man eine Reparatur jedoch hinauszögert, umso größer wird der ursprüngliche Schaden. Übertragen auf eine Angsterkrankung bedeutet das, je länger eine Angststörung nicht oder gar falsch behandelt wird, umso mehr besteht die Gefahr, dass sie sich ausweitet und immer mehr Bereiche des Leben erfasst. Dieses Übertragen der Angst auf alle Lebensbereiche nennt sich „generalisieren“, daher der Name generalisierte Angststörung.« (Zitat Ende).

Quelle: www.panikattacken-loswerden.de/generalisierte-angststoerung-loswerden

Zitiert wird auch immer wieder der Hirnforscher respektive Neurowissenschaftler Eric Kandel, der mit seinen Forschungserkenntnissen viel des früher in der Psychologie und Psychotherapie Gelehrten und Erkannten aufhebt. Jeder Gedanke, den ich jetzt denke, sei, so sagt er etwa, eine neuronale Verbindung, die genau jetzt, da ich den Gedanken denke, wachse. Und jede neuen Verbindung ist vernetzt mit unendlich vielen Verbindungen, die laufend, blitzschnell und in großen Menschen Informationen auswerten und unser Unterbewusstsein mit diesen Erkenntnissen speisen, welches unser sogenanntes Bauchgefühl mit Informationen versorgt. Anders als das Denken, das argumentiert, abwägt und oft das Bauchgefühl übergeht, weiß dieses jedoch, was eigentlich das Beste für uns ist.

Durch die Podcasts erfahre ich wie unser Arbeitsspeicher im Hirn funktioniert, wie wir Informationen abspeichern und wie wir Abläufe möglichst schnell automatisieren, damit der Kopf für Neues frei wird.

Panikattacken seien sozusagen fehlgeleitete Automatismen, eingespielte Reaktionen. und Wollen wir diese auflösen, müssen wir die Synapsen quasi neu verlöten (sag ich jetzt in meinem Brachialpsychoslang)

Ich höre in den Podcasts von möglichen Auslösern wie ignoriertem Bauchgefühl, das nie mit mir diskutiert, aber immer nur mein Bestes will und dass medizinisch verschriebene Substanzen (worunter auch Medikamente wie Antidepressiva, Neuroleptika oder Schilddrüsenmedikamente gehören können) sowie Drogen (z.B. THC, Ecstasy, Kokain, Psilocybin) zu Panikattacken führen können, aber ich höre auch, wie Grübeln und negatives Denken unsere Panikattacken- und Angstbereitschaft sehr erhöhen. Auch sekundärer Krankheitsgewinn sei eine der Türen zu Panikattacken. Kurz: Der Körper reagiert psychosomatisch auf für uns ungesunde Umstände. Zum Beispiel eben mit einer Panikattacke. Sie, respektive unser Körper, will uns so zu Veränderungen motivieren.

Bernhardt zieht laufend Beispiele aus dem Alltag herbei, vergleich etwa den Gedankenstrom mit elektrischem Strom, der immer den Weg des geringsten Widerstandes nimmt. Eine Datenautobahn der negativen Gedanken nennt er das, verglichen mit den positiven Gedanken, die in der Regel über einen schmalen Trampelpfad daherkommen.

Warum wir oft in Ruhephasen von Panikattacken heimgesucht werden? Weil dann das Hirn wenig zu tun hat. Es lässt sich dann über die Datenautobahn mit Denkfutter beliefern – mit negativen Gedanken – und schon geht’s wieder los.

Lösung bringt, so zeigen seine Praxiserfahrungen, eigentlich nur, wenn wir uns neu neuronal vernetzen. Ich bin auf die Übungen gespannt, die in Podcast und Buch vorgestellt werden und offenbar dauerhaft beim Auflösen der Angstverursachern helfen können.

Ich kann die Podcasts wirklich herzlich allen empfehlen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen wollen und sich dabei auch für die wissenschaftliche Seite von Angst in der Hirnforschung und die daraus geschlossenen Erkenntnisse interessieren.

Postfaktische Alternativen

Wirklichkeit – was spinnst du?
Fakt – was richtest du an?
Wahrheit – was weißt du?

Alternative Wirklichkeit_en.
Alternative Fakt_en.
Alternative Wahrheit_en.

Brauchen wir euch?

Grenzen fließen
und was einst war, ist jetzt, ist morgen, ist immer, ist nie.

Wörter nur?
Mehr als Wörter?
Sprache ist magisch.
Sprache skizziert den Unterschied.
Sprache zerstört.
Sprache heilt.
Sprache wandelt.
Sprache wandelt sich.

Sprache spricht.
Spricht Sprache wahr?
Spricht Sprache unwahr?

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Dazu teile ich heute hier drei sehr unterschiedliche Beiträge, die mich in den letzten Tagen sehr angesprochen haben.

Zuerst überlasse ich herzlich dankbar Luisa Francia das Wort:

luisa in one mysterious world – 23.01.2017 um 06:35:51

Es gibt eben nicht eine wirklichkeit, eine erklärung für alles, eine wahrheit und wir müssen mit dieser sehr komplexen situation fertig werden, dass sich ständig schichten von wirklichkeitsebenen reiben, ineinanderschieben, einander aufbrechen, auflösen.

Obwohl sie diesen prozess dauernd erleben, wollen die meisten menschen das nicht akzeptieren. Sie sehnen sich nach einer fixierten wirklichkeit, die von einem „starken mann“ z.b. geregelt und verantwortet wird. Illusion ist eben auch eine wirklichkeitsebene,.Illusion, die feige version der vision, die im kreativen prozess erstarrt und steckenbleibt, unfähig wild und ungezähmt den faden der vision in die neue wirklichkeit zu spinnen.

In der sibirischen schamanischen kultur gibt es keine vergangenheit und keine zukunft. Alles ist jetzt und die möglichkeiten des jetzt liegen übereinander, aufeinander, während ich erzähle, erschafft sich diese struktur zu einer ebene die jetzt passiert. Jetzt.

Mit acht jahren bekam ich zu weihnachten ein märchenbuch „die güldene kette“, darin wirklichkeitsentwürfe aus aller welt und vielen zeiten, die weisheit, dass man helferwesen aus vielen schichten der wirklichkeit braucht um das aufeinanderprallen von welten und wirklichkeiten zu überstehen, die erkenntnis dass niederlagen der beginn einer grossen schöpferischen energie, dass ruhm, reichtum und sichtbarkeit der beginn einer zerstörung sein können, dass ohne das eintauchen in die magische wirklichkeitsebene das leben ziemlich anstrengend und langweilig sein kann. Bis heute nähren und lehren mich diese geschichten, weil es eben keine zeit, keine vergangenheit, kein vergehen gibt. Alles entsteht jetzt. Es geht darum das jetzt zu erschaffen, mit der weisheit und dem reichtum von allem.

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Den zweiten Beitrag leihe ich mir dankend von LARA PALARAs Ort der vorläufigen Wahrheiten aus:

Neusprech und Neuseh

Bildergebnis für Capitol

Ist mir die Wirklichkeit nicht zugeneigt, muss ich sie eben erst noch erschaffen, wird sich Donald Trump gedacht haben, als er seine Sprecherin von alternativen Fakten über die Besucherzahlen bei der Inauguration verkünden ließ. Was zur Hölle sind alternative Fakten? Ist das nicht Neusprech?

Aber, Trump betreibt nicht nur Neusprech, sondern auch Neuseh! In einer von Bildern regierten Welt ist das nur konsequent. Dies sei das grösste Publikum gewesen, das je bei einer Vereidigung dabei war, ließ Trump verkünden, obwohl die Luftaufnahmen eindeutig das Gegenteil beweisen, nämlich, dass der Menschenauflauf im Vergleich zu Obama ziemlich dürftig war. Aber, da die Medien bekanntlich Krieg gegen Trump führen und ihm mit Wonne jederzeit eins ans Bein flicken wollen, könnte Trump einfach behaupten, die Bilder seien manipuliert. Da muss eine Verschwörung im Gange sein, werden sich seine Anhänger in ihren heruntergekommenen Mobilehomes denken, irgendwo im Nichts, aber stolz darauf Bürger zu sein, genau so wie Donald Trump es war. Da wo es nichts gibt und so schnell auch nichts mehr werden wird ist so eine Verschwörung schon was Feines.

In seinem Buch The Myth oft the State geht Ernst Cassirer der Frage nach, wie es zu etwas so Absurdem wie dem Hitlerregime eigentlich hat kommen können. Er ist dabei zum Schluss gekommen, dass man einen Mythos wie zum Beispiel: Alle Juden sind Schweine und nur Arier sind die richtigen Menschen, jederzeit herstellen kann, wenn man nur über die richtige Technik verfügt. Die richtige Technik wäre Cassirer zufolge der geschickte Gebrauch der Sprache, die intensive Verbreitung einer Botschaft, die Kontrolle über die Funktion der Sprache, die Beherrschung der Worte in Bedeutung und Inhalt. Das Hitlerregime hat sich damals als allererstes die Sprache angeeignet.

Cassirer warnte davor, dass rationale Kräfte schwächeln, sobald die Gesellschaft instabil wird. Verliere die Gesellschaft das Gleichgewicht, sei die Zeit für den Mythos gekommen. Mythen können Aussagen sein, wie alle Muslime sind Terroristen oder, alle Journalisten sind Lügner. Lügenpresse, ganz klar Neusprech. Wenn man all die, die versuchen, seriös über das Geschehen in der Welt zu berichten, als Lügner verurteilt, hat man quasi freie Bahn. Der Boden der Tatsachen ist dann zu etwas Glitschigem verkommen, etwas Morschem, etwas, das so sein kann aber auch so.

Mythen verhindern, dass wir selber denken. Lässt die Vernunft uns im Stich, bleibt noch immer das Mysteriöse, würde Cassirer sagen. Denn auch das gehört zum Mythos. Einen Rest, den man nicht verstehen kann.

Je weiter sich eine Gesellschaft von der Wahrheit entfernt, desto mehr wird sie jene hassen, die sie aussprechen. - George Orwell.

Je weiter sich eine Gesellschaft von der Wahrheit entfernt, desto mehr wird sie jene hassen, die sie aussprechen.
– George Orwell.

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Und hier, als Sahnehäubchen, noch ein Lesetipp obendrauf:
Danke, Heikeland, für deine Gedanken zu Alternativen Fakten.

Wird alles gut?

Wenn Schmerzen wieder kommen, obwohl wir doch dachten, alles ist gut. Wenn der Krebs doch wieder kommt, obwohl es hieß, die Metastasen sind raus. Wenn die Trauer wieder zuschlägt, obwohl es uns doch endlich, endlich wieder halbwegs gut gegangen ist und das Leben Sinn zu verheißen scheint. Wenn und obwohl – zwei schwere Wörter, zumal in dieser Kombination, die zwar Hoffnung suggeriert stattdessen Frustration hinterlässt. Und Hader. Angst auch. Angst frisst Hoffnung.

Nein, eine Garantie gibts nicht, niemals, dass alles eines Tages gut wird. Und selbst wenn alles im großen Ganzen gut würde – alles? … das Ding mit der Menschheit – heißt das nicht, dass auch bei mir alles je gut wird. Bei meiner seit Monaten schmerzenden Kalkschulter steigt – trotz der osteopathischen Therapie, die zwar noch ohne anhaltenden Erfolg aber doch kurzfristig Wirkung zeigt – immer mal wieder die Frage in mir hoch: Wird das je wieder gut? Richtig und ganz und gar?

Ja. Manche Dinge werden wieder ganz gut. Und manche Dinge werden nie wieder gut. Oder jedenfalls nicht so, nicht auf die Weise gut, wie wir es möchten. Wenn der Krebs nicht mehr zu besiegen ist, zum Beispiel. Oder wenn ein Trauma zu Suizid führt. Wir kennen viele Beispiele. Es muss noch nicht mal Krieg und es muss auch kein Völkermord sein. Viele Leben gehen mitten im gelebten Alltagsleben kaputt. Und viele Menschen sterben, zerbrechen, zerfallen, unheilbar. Ohne dass ES vorher im landläufigen Sinne gut geworden ist.

Wahlweise fällt den einen dies und den anderen das ein, was diese ungeheilten Menschen zu tun versäumt haben. Zu wenig geglaubt haben sie, mögen FundamentalistInnen sagen; zu wenig gewünscht und visualsiert haben sie, werfen Esos ein. Zu wenig dies und zu wenig das. Wir KüchenpsychologInnen alle haben sofort eine Erklärung zur Hand. Wenn auch meist nicht laut, sie zu denken genügt.

Wir wissen schließlich längst, dass die Macht der Gedanken (wahlweise die Macht des Gebets) etwas bewirken kann. Und dass wir unsere Wirklichkeit (in vielen Teilen) selbst mitgestalten.

Bis auf dieses eine, unendlich große, unfassbare Feld eben, das sich allen Einflüssen entzieht. Wir heißen es Schicksal, Zufall, Glück, Pech. Auch ungeliebte Kinder haben viele Namen.

Ich kannte eine Frau, die psychisch krank geworden ist und sich das Leben genommen hat, weil sie erkannte, dass sie es einfach nicht schafft, genug an ihre Heilung zu glauben. (Nun ja, so einfach war es natürlich nicht. Insbesondere nicht die Umstände ihrer psychischen Krankheit.) Fazit: So gut gemeint Ermutigungen sind, ans Gute zu glauben, an Veränderung zu glauben, so gefährlich sind sie. Weil wir ja nie wissen, was im andern Menschen vor sich geht, wie er tickt, wie sie reagiert auf Frustrationen.

Also doch nur Aktzeptanz, dass etwas halt einfach so ist wie es ist? Und also doch besser nicht mehr hoffen, nicht mehr glauben, nicht mehr anstreben, dass sich etwas verändert, zum Guten wendet?

Ich weiß es nicht. Was ich aber ahne: Dass es mir sehr gut tut, mich in Gelassenheit zu  üben. Gestern habe ich eine Bergmeditation gemacht. Mir dabei die Eigenschaften eines Berges vorgestellt. Mir dabei versucht, diese Eigenschaften für mein Leben vorzustellen. Eine Art Selbstgehirnwäsche vielleicht. Aber eine der guten Art. Eine, die mir hilft, mich weniger aus der Ruhe zu bringen.

Ich glaube, ich kann nach neun Tagen täglicher Meditation bereits sagen, dass es mir gut tut. Dass ich ruhiger bin. Dass ich mich katzengleicher fühle. Katze wäre auch ein gutes Thema für eine Meditation. Oder Baum. Als wir gestern, zur Feier des Geburtstages meines Liebsten, über Felder und durch Wälder strichen, Sonne, Wind und Kälte ausgesetzt, genoss ich diese nackten Silhouetten am Horizont und am Wegrand, wie sie wogten und dem Wind trotzten. Von ihnen könnte ich viel lernen.

Bäume am Horizont. Vorne gefrorene Wiese. Oben Äste, ins Bild ragend. Blauer Himmel.

Vielleicht schreibe ich selbst mal einige Meditationen und nehme sie auf. Oder lasse sie andere aufnehmen. Weise Texte, gewoben aus weisen Gedanken, die gut tun, verinnerlichen ist nicht der schlechteste Weg, die Welt ein bisschen liebevoller zu machen. Ein Weg zu mehr Gelassenheit für den Alltag. Unterlegt mit Katzenschnurren. Besonders für jene Momente, wenn die Schulter zum Schreien schmerzt.

Warum?
Warum nicht.

Alles wird gut?

Wie war doch gleich noch diese schweizweite Mineralwasserwerbung vor etlichen Jahren? Alles wird besser, XY bleibt gut.

Was gut ist, muss nicht immer noch besser werden. Oft ist gut gut genug. Ein Satz, den ich mir schon seit Jahren vorbete. Besonders, wenn mich mal wieder ein Anflug von unerfüllbarem Perfektionismus überkommt. Ich zerstöre sehr schnell das fragile Gleichgewicht zwischen meinen eigenen Ressourcen und dem zu Leistenden, weil ich dieses Etwas beinahe perfekt hinbekommen will. Oft schufte ich mich beinahe kaputt. Genug ist genug. Zumal in der Regel kaum jemand den Unterschied bemerkt. (Nun ja, für die wenigen, die es doch bemerken, würde sich der Aufwand natürlich lohnen, und für mich selbst womötlich auch … aber … zu welchem Preis?)

Ja, klar will ich mich weiterentwickeln. Aber ich will der Natur je länger je konsequenter dieses Ding mit der Weiterentwicklung abgucken; die Natur macht uns nämlich vor, wie es geht. Eine Pflanze entwickelt sich weiter und weiter, wächst und wächst, bis sie jenen Punkt erreicht hat, wo es nichts mehr weiterzuentwickeln gibt. Und wo der Zerfall, der Rückbau anfängt. Beides tut sie im Tempo, dass ihr entspricht – den inneren Parametern gehorcht sie dabei ebenso wie dem Umfeld, in welchem sie gedeiht und vergeht. Eigentlich hätten wir Vorbilder zuhauf, wir müssten nur in den Wald gehen. Still sein. Lauschen. Hinschauen. Und ja, möglicherweise wird ja auf diese Weise wirklich alles gut. Zumindest einiges.

Neulich, in einem Gespräch, sagte ich, dass ich zuweilen kaum mehr Hoffnung hätte für unsere Welt. Die Welt gehe vor die Hunde und entwickle sich rasant ihrem Untergang entgegen.

Mein Gegenüber meinte, sie habe da neulich einen Artikel gelesen, der genau das Gegenteil sage. Johan Norberg, der größte Optimist der Welt und schwedischer Historiker, habe nämlich herausgefunden, dass es der Menschheit weltweit noch nie so gut gegangen sei wie heute. Mein Gegenüber vermutete, dass es vor allem die sozialen und die berichterstattenden Medien seien, die das Bild der Welt verzerrten. Mediengaukelei, die darauf abziele, unsere Ängste zu schüren.  ‚Und uns manipulierbar zu machen‘ fügte ich im Geist hinzu.

Als ich vor bald sechsunddreißig Jahren damit aufhörte, tote Tiere zu essen, war ich für die meisten Menschen eine Exotin. Viele wollten mich damals davon überzeugen, dass Vegetarismus ungesund und unnatürlich sei.

Vor über zwanzig Jahren begann ich mit anderen Frauen zusammen schamanische Rituale zu feiern, zu meditieren, Entspannungsreisen in den Körper zu machen. Damals waren wir komische Spinnerinnen.

Als ich vor über fünfzehn Jahren damit anfing, Yogaasanas zu üben, waren wir hierzulande noch eine kleine Gruppe Menschen, die versuchte, im Alltag sich einige Inseln der Entspannung zu schaffen.

Heute? Ist das Essen oder Nichtessen toter Tiere als Thema in aller Munde (oder so). Meditieren und Yoga sind heute Lifestyle (ein Wort, bei dem es mir die Zehennägel hochrollt).

Gut daran ist, dass das gesellschaftliche Umdenken und Sensibilisieren auf andere als nur materielle und sich selbst bereichernde Werte, das wir damals als kleine Minderheit erhofft hatten, inzwischen die Massen erreicht hat. Manche Menschen machen natürlich nur oberflächlich mit, aus Neugier, weil es Mode ist, aber manche Menschen – und ich hoffe, diese Tendenz steigt weiterhin – begreifen tief innen, dass der Weg zur Weiterentwicklung der Menschheit nicht wirklich über Leichen gehen kann. Ich denke an Tierleichen ebenso wie an die Leichen all jener Menschen, die auf der Flucht sind oder in einem Land, das Krieg führt, leben.

Gesellschaftliche Weiterentwicklung kann nur gemeinsam geschehen. Nicht auf Kosten der einen zu Gunsten der anderen. Aber vielleicht ist es ja wirklich so, wie Historiker Norberg sagt und alles wird besser? Oder zumindest gut. Gut ist gut genug.

Zu viel, zu wenig oder einfach genug

Wie viel Stille ist gut für uns und wie viel Leere?
Wie viel Fülle, Stimulation, Anregung, Inspiration, Ablenkung, wie viele Eindrücke, Geschichten, Erlebnisse, Erfahrungen, Aufgaben ertragen wir und tun uns gut?
Wann brauchen wir Ablenkung und wann eher Zu-Lenkung, sprich Konzentration? Wie viel Herausforderung brauchen wir?

Eine krankgeschriebene Freundin findet nach über einem Monat zuhause, dass es sie zu wenig herausfordert, sich einfach nur zu erholen, einfach nur gut zu sich zu schauen. Ich verstehe sie gut. Dennoch: ich bin grundsätzlich sehr gerne zu Hause. Ich bin wohl so die typische Homeoffice-Type und eben auch gerne allein. Außerdem nährt mich das Schreiben, der kreative, reflektierende Ausdruck. Ich bin froh, dass ich schreiben kann. Und dass ich kunsten mag.

[Ich verstehe dennoch, dass manche am Zuhausesein leiden, zum Beispiel weil sie arbeitslos sind. Weil ihnen dabei auf eine ungesunde Weise langweilig ist. Weil ihnen das berühmte Dach auf den Kopf fällt. Weil sie keine (geistige) Herausforderung haben.]

Schreiben und kunsten – was wäre ich ohne diese beiden Werkzeuge? Sie sind die Gefäße, in welche ich gieße, was in mir vorerst formlos daherfließt. Betrachte ich diesen Fluss, wächst der Wunsch, danach zu formen, was ich sehe. Zu verdauen, was ich erlebe. Schließlich auch mich mitzuteilen, andern zu erzählen, was der Fluss an mein Ufer gespült hat. Und ja, im Schreiben mit drin leben sowohl der Wunsch, etwas vom Erlebten und Erfahrenen weiterzuverschenken (wenn es denn etwas Heilsames war, das ich in Worte gießen will) als auch der Wunsch, etwas vom Erlebten und Erfahrenen loszuwerden (wenn es etwas Anstrengendes, Leidvolles war), durch das Aufschreiben zu verwandeln.

Und da dümpeln auch immer ein paar Geschichten, die von mir nach außen geschubst werden wollen. Die meisten noch im Schlafanzug oder in so leichten Kleidern, dass sie draußen erfrieren würden. Irgendwelche Worte für sie zu finden wäre nicht das Problem. Aber jene Worte zu finden, in denen sie ihrer Aufgabe angemessen gekleidet sind, diese Geschichten, das ist meine Herausforderung des Schreibens.

An Herausforderungen mangelt es mir wahrhaftig nicht. Eher ist es die Konzentration, die mir zuweilen fehlt. Ich lasse mich noch immer viel zu schnell ablenken. Darum will ich endlich ernst machen mit der Meditation. Nach zig Versuchen in früheren Zeiten und meinem Fazit, dass ich es ja doch nicht kann, wage ich den hundertundersten Versuch. Auf dass es klappen möge. Vielleicht mit geführten Meditationen. Zum Beispiel jenen auf meinen Apps. Oder mit einer der Bodyscan-Meditationen, die ich vorhin auf Youtube gefunden habe. Seit drei Tagen übe ich. Und ich fühle mich bereits innerlich ruhiger.

Weiter übe ich mich darin, nur noch etwas aufs Mal zu tun. Mich nicht mehr ständig von Kurznachrichten (Wire, Twitter, etc.) ablenken zu lassen, vor allem nicht, wenn ich am Arbeiten bin. Oder aber mir bewusst ein Fenster öffnen und Kurznachrichten schreiben. Aber ich will nicht mehr immer alles miteinander mischen. Statt alles nebeneinander, kakophonisch, lieber eins nach dem anderen tun.  Achtsam und bewusst. Und liebevoll. Beobachtend.


Übersicht über einige Meditationen:
https://www.youtube.com/results?search_query=k%C3%B6rper+body+scan

Körperscan:
https://www.youtube.com/watch?v=CdcxM5iyFs8

Beim Surfen gestolpert

Gestern, beim Surfen auf Youtube – ihr kennt das? Man guckt etwas und schon switcht man von Film zu Film – bin ich auf dem Video einer jungen Frau, die über ihren Minimalismuslebensstil youtubet, über einen interessanten Gedanken gestolpert. Es ging ums Haarerasieren. Keine Dogmen, die sie da verkündete. Nur Erfahrungen. Mittendrin ihr Satz: Jedes Mal, wenn ich meine Achselhaare rasierte, hatte ich damit indirekt zu mir gesagt: »Das da ist falsch, das da muss weg.«

Auch ich will keine Dogmen vermitteln. Zumal es in unserer Gesellschaft und in unserer Zeit bei Haaren fast nur noch um Ästethik geht. Und die ist bekanntlich Geschmackssache. Außerdem geht es nicht wirklich umd das Haar-Ding, es dient nur zur Illustration.

Berührt hat mich vor allem die Erkenntnis, dass wir oft Dinge, Äußerlichkeiten, Verhaltensweisen an uns als falsch betrachten, weil sie nicht unserm Wunschbild entsprechen. Nicht dem Bild von uns, das wir gerne sähen. Weil wir uns vergleichen. Weil wir uns und andere bewerten. Und weil wir den Bewertungen, die uns von außen serviert werden, zum Beispiel durch Werbung, Film und Fernsehen, mehr glauben als dem, was wir selbst sehen, erkennen, wahrnehmen.

Glücklich jene, die sich selbst vertrauen und die sich so nehmen können, wie sie sind.

Depressionen – zwei Tipps #notjustsad

Heute Abend seid ihr herzlich eingeladen – so ihr in Hamburg oder der Umgebung wohnt oder hinfahren könnt oder wollt –, einer Lesung über das Leben mit Depressionen beizuwohnen. Markus Bock, der in seinem Blog, auf Twitter und in seinem Buch (Link folgt) über sein Leben als von Depressionen betroffener Mensch erzählt, wird persönliche Erfahrungen teilen. verbockt - Buchcover In „Die Depression hat mich bestimmt. Jetzt bin ich dran. Vielleicht …“ erzählt Markus ungeschönt von der Gefühlswelt in depressiven Lebensabschnitten. Das Buch ist kein Ratgeber, sondern ein verständnisvoller Tatsachenbericht: Ob der Suizid der vermeintlich letzte Ausweg ist und warum suizidale Menschen nicht egoistisch sind, auch diese Frage versucht er zu beantworten.

Wo? Im Hörsaal in Hamburg, um 18.30 Uhr  > hoersaal-hamburg.de

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Nächsten Freitag, also heute in einer Woche, erscheint Uwe HaCover Buch von Uwe Hauckucks erstes Buch Depressionen abzugeben. Uwe schreibt darin über seine Erfahrungen mit der Klapse, nachdem er seinen Suizidversuch im letzten Moment abgebrochen. Mühsam hat er den Weg zurück ins Leben gefunden. Mit seinem Buch will er aktiv dazubeitragen, das Tabu, das Stigma, das Depressionen anhaftet, aufzulösen. Auch Uwe Hauck bloggt und twittert.

Ich habe vom Verlag ein Rezensionsexemplar erhalten und werde hier bald über das Buch berichten. Die ersten Seiten haben mich bereits sehr berührt.

Vorbestellen könnt ihr das Buch als Print- und als eBook bereits jetzt in eurer Buchhandlung.

Dankbarkeiten

Liebe Menschen

cover16Ich bin dankbar für all die lieben Menschen in meinem Leben, die mir den Raum geben, die zu sein, die ich bin. Mit all meinen scharfen Kanten, meinen unkonformen Gedanken, meinen halbgaren Ideen, mit meiner Geschichte und mit all meinen Ängsten.

»Meinen Weg kann niemand gehen wie ich«, habe ich vor etwa einem Jahr in diesem Blog geschrieben. Es ist schließlich ein ziemlich buntgeschecktes Jahr geworden, dieses 2016, eins mit vielen Dellen und Kratzern. Und ja, so wie ich hat es niemand gelebt. Und so wie du auch nicht.

Lehrt uns das nicht, einander mehr und mehr zu vertrauen. Daran zu glauben, dass wir es schon irgendwie schaffen werden, vielleicht sogar so gut wie möglich? Und auf unsere Weise?

Ich bin auch dankbar für all jene Leserinnen und Lesern, die ich weder persönlich noch via Mail und Blog kenne, für all die vielen stillen Mitlesenden. Danke, dass ihr da seid und an meinem Leben aus Distanz und doch nicht ohne Betroffenheit, sondern mit Mitgefühl teilnehmt. Und ich freue mich, falls ihr hier den einen oder anderen Impuls für euer Leben gefunden habt.

Danke, dass ihr da seid.

Herzliche Grüße aus meiner Wörterwebstube
Sofasophia

Falls ihr Lust habt, meine sofasophischen Fallmaschenherzgespinste nochmals, in Buchform, zu lesen, könnt ihr sie hier downloaden. Nur zum Eigengebrauch versteht sich. Die Tippfehler gibts gratis obendrauf.