Kurz nach dem Aufstehen. Aus dem Spiegel blickt mir eine Unbekannte entgegen. Eine uralte Schwester. So werde ich also später mal aussehen, denke ich kurz. Na ja, schlafen tu ich zurzeit einfach zu wenig. Und ich sehne mich jeden Morgen von neuem nach einer Welt ohne Wecker. Und ohne Uhren, wenn ich schon am Wünschen bin.
Gopf, war das peinlich gestern Abend. Ich saß gemütlich an meinem Tisch und las Zeitung. Viertel nach sieben oder so. Ich war eben aus dem Wald zurückgekehrt, löffelte ein Joghurt und freute mich auf einen Leseabend, als mein Handy bimmelte. Auf dem Display steht „S.“
Ist heute Dienstag?, denke ich. Siedendheiße Erinnerung an einen Eintrag in meiner Agenda.
Na? Kommst du? Ich habe langsam Hunger!, sagt sie. Na ja. Um sechs Uhr hatten wir abgemacht. Eigentlich. Bei ihr. Zum Abendessen. Und ich hatte mich, riesiges Ehrenwort!, total gefreut. Denn ich mag meine Freundin S. sehr.
Aber ja doch!, sagte ich. Verzeih. Hab’s vergessen. Minuten später saß ich auf dem Fahrrad und flitzte nach Bümpliz. Und eine Viertelstunde später konnte ich mit S. bereits über mein Versäumnis lachen … Und auf das Leben und unsere Freundschaft anstoßen. Wir genossen den milden Abend bei Kerzenlicht auf der windgeschützten Veranda und freuten uns darüber, dass es uns beide und diesen Abend gab. Einfach weil wir da waren und nicht an Morgen dachten. Der würde eh kommen. Früh genug. Er kommt immer.
Freundinnen und Freunde sind wahrhaftig die beste Erfindung seit es Menschen gibt. Menschen, die mich selbst dann noch umarmen, wenn ich sie vergessen habe und anderthalb Stunden zu spät komme. Und darüber lachen können. Wie S. Oder sie sagen Sachen wie: Mit dir kann frau einfach über alles reden! Wie meine Freundin C., ihres Zeichens Hof-Frisöse, gestern Nachmittag. Oder sie lesen mir die Leviten: Bist du verrückt, Sofasophia? (Worauf ich eifrig nicke. Natürlich. Aber ich nehme ihre Levitenlesung trotzdem ernst.) Manchmal klagen sie mir auch ihr Leid, meine Freundinnen. Freunde mitgemeint. Oder ich ihnen meins.
Gleicher Tag. Stunden später. Nachmittag. Sofasophia im Büro. Noch immer müde. Chaos – will heißen zehn handgekritzeltes Protokollseiten mit Pfeilen und Fußnoten (und Fußnoten von Fußnoten) und dergleichen mehr – auf dem Schreibtisch. Das Telefon irgendwo darunter. Die Sonne stößt sich den Kopf an den Scheiben meines Terrariums. Unbarmherzig ist sie – für alle da. Aus der Büroküche nebenan der Geruch von Kaffee.
Der Donnerstag (unser Synonym für Wochenende) kommt bald!, sagt Kollegin K. zu mir.
Er kommt immer. Sage ich. Und ich glaube daran. Aus langjähriger Erfahrung. Und merke, dass ich mich wiederhole. Endlosschlaufe. Warteschlaufe. Worauf?
Papierkram. Tastatur. Ich kaue an Reizwörtern wie Strategie. Deadline und Event. Und an einem Projekt, das wir gut verkaufen sollen. Würge an Arbeits- und Zielgruppen. Nage an Floskeln wie generieren, akquirieren und aufgleisen. Stelle fest, dass ich bei der frühmorgendlichen Sitzung auf Autopilotin protokolliert habe. Hieroglyphen.
Ich frage mich, was ich hier mache und wieso ich immer so schnell – meistens nach einem Jahr – die Freude an der Herausforderung einer neuen Arbeitsstelle verliere. Obwohl es mir ja ausgesprochen wohl hier ist. Paradox. Meine bisher längste Anstellung dauerte bloß zweieinviertel Jahre. Nein, gekündigt wurde mir noch nie. Von jener pauschalen Team-Kündigung wegen der Schliessung eines Flüchtlingszentrums mal abgesehen.
Leide ich, wie meine Freundin und Leidensgenossin Cs. und ich vor einer Weile analysiert und diagnostiziert haben, an einer Art Arbeitsinsuffizienz? Denn arbeite ich erst eine Weile am selben Ort, fangen jene uralten Sinnfragen von vorne an: Was tue ich hier? Was hat das alles mit mir zu tun?
Ich erinnere mich an sterbenslangweilige Französisch-Stunden. Aus dem Fenster blickend, bekam ich nichts mit. Außer dem Wechsel der Jahreszeiten in den Bäumen vor dem Schulhaus. Schluckte dabei schwer an der alles entscheidenden Frage: Was tue ich hier? Was hat das alles mit mir zu tun? Und so weiter. In jedem Job.
Mein Refrain?
Obwohl ich doch schon jahrelang behaupte, dass es nicht auf den Inhalt meines Tuns ankomme, sondern auf Haltung und Hingabe gegenüber diesem Tun! Will heißen, ich könnte als glückliche Putze gehen, würde meine innere Haltung stimmen. Bin wohl dazu einfach nicht erleuchtet genug. Na ja, ich will einfach nicht bloß für Kohle arbeiten, sondern ich will mich mit meinem Tun identifizieren. Siehe „Das Wesen der KünstlerInnenseele“.
Dabei gehört alles, was ich tue, zu mir. Hat mit mir zu tun. Die französische Sprache ebenso wie das Bearbeiten der Materie, die sich über meinen Bürotisch schiebt. Hauptthema und roter Faden meiner beruflichen Tätigkeit: Integration. Immer wieder. Und eigentlich eine gute Sache. Woher also der Widerstand? Sind es das Involviertsein in Dinge, das Nachdenken über Vorgänge, das Grübeln über Prozesse, kurz gesagt: die Abstrahierung des Lebens auf Abläufe, die mir zuwider laufen? Müsste ich wieder zurückkehren in den sozialen Kuchen, zurück an die Basis, zurück zu den Menschen? Denn natürlich sind es die Menschen, die mich am meisten faszinieren. Menschen und Buchstaben. Metaphern. Analogien. Gegenteile. Geschichten. Wie ich es doch liebe, tagzuträumen. Zu denken und zu spinnen. Und zu schreiben.
Später. Noch immer im Büro. Noch eine Stunde bis Feierabend. Vorsatz: Will heute früh ins Bett. Mit Fledermausmann. Jo Nesbøs Erstling.
Doch nun zapp ich mich ins Protokoll zurück.
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Später. Zuhause. Ich gestehe, dass mir das Protokollieren gegen Feierabend plötzlich wieder Spass gemacht hat.
Vielleicht, weil ich zwischendrin diesen Text gewoben habe?
Der Rätsels Lösung?
Alchemie: Auf die richtige Mischung kommt es an.
…mit der Freundin auf luftiger Spätsommerveranda…was für eine prächtige Kur!
oder auch: was für eine prächtige kurzzeittherapie:-)
Hallo Sophasofie,
dieser Text gefällt mir sehr, wir erfahren viel über dich und können die Stimmung nachvollziehen!
Alles Gute!
Sylvia
sowohl als auch, kann ich da nur sagen, ihr zwei lieben!
e schöne gruess us em büro
d.