Murphys Tag

Dabei hatte der Tag so gut angefangen! Neben dem Liebsten erwachen, Yoga üben, danach Ingwertee trinkend mit Freundin T. in der Schweiz telefonieren, die mir bei der Wohnungs- und Arbeitssuche helfen mag. Obwohl wir uns so lange nicht gesehen haben, waren wir uns sofort wieder ganz nahe. Vertrauen und Freundschaft sind noch immer da. Was für ein Geschenk!
Ich gehe in die Stadt, später, sag ich zu J., muss in die Bibliothek, Bücher zurückbringen. Dies und das besorgen. Er meint, dass er doch zur Abwechslung mal wieder einkaufen könne, was ich dankend ablehne. Muss mal wieder raus hier, sage ich. Doch Stunden später denke ich: Hätte ich doch bloß ja gesagt. Am besten geh ich nieee wieder aus dem Haus!
Schon beim Rückwärtsfahren aus der schmalen Garage hapert’s. Mit nur einer Hand steuernd, weil ich mit der anderen am noch eingeschalteten Scheibenwischer rum fingere, habe ich Rechtsdrall. Der Bauch sagt: Du bist ganz schön weit am Rand, pass auf! Der rechte Fuß bleibt sachte aber stur auf dem Gas. Und schon höre ich es knirschen. Der rechte Rückspiegel hat neuestens ein paar Sprünge. Mist! Sieht zwar hübsch aus, ganz ehrlich, aber es hätte nicht sein müssen, nein, wirklich nicht. Ich bewege ihn behelfsmäßig, was aber nicht sehr viel bringt. Erst später, wieder zu Hause, kann ich ihn zufriedenstellend justieren. Ein neuer wird aber sicher gelegentlich fällig werden.
Nach ersten Einkäufen im Zentrum fahre ich zur Bibliothek und stelle mich bei einer frei werdenden Parklücke in Warteposition. Dazu blinke ich schon mal freundlich, damit klar ist, dass ich da rein will. Der Fahrer des roten Autos in der Lücke lässt sich jedoch Zeit.
Mann, hast du mich denn nicht gesehen?, murmle ich. Eben da rollt ein weißer Merz von der anderen Spur auf den Parkplatz zu. Er stellt sich ebenfalls in Position und blinkt, wie ich, in Richtung frei werdendem Parkplatz.
Mann, hast du mich denn nicht gesehen?, denke ich zum zweiten Mal. Er kann mich doch nicht nicht gesehen haben, grummle ich. Männer beide, älter beide. Und beide mit teuren Autos. Es kämpft in mir zwischen Das ist doch mein Parkplatz! Ich war zuerst da! und der Erkenntnis, dass mir dieses kindische Machtspiel zu blöd ist (aber sollen Frauen einfach immer, da einsichtiger als Männer, aufgeben?) als in eben diesem Moment Fahrer Nr. 1 aus der Lücke raus fährt und mir nicht nur den Weg versperrt, mich sogar zum Rückwärtsfahren zwingt. Sogleich schlüpft die weiße Luxuskarre in die Lücke. Deppen!
Ich fahre weiter im Kreis, nachdem ich dem ollen Merzfahrer den Stinkefinger gezeigt habe, und hoffe auf einen neuen freien Parkplatz. Da. Ein ganz schmaler! Ich drehe bei, merke aber sofort, dass der Platz so schmal ist, dass ich nicht aussteigen könnte, weshalb ich wieder rückwärtsfahre und auf die nächste Lücke zusteuere, die auch schon bald in Sicht ist.
Aaah, ab- und eintauchen in die Welt der Bücher – ich liebe es! Schließt mich hier ein!, denke ich – nicht das erste Mal. Hier, in der Bibliothek, vergesse ich beinahe, dass ich mich eben mal wieder über doofe (alte) Männer genervt habe. Arxxxlöcher!
Wie ich glücklich, nichts Böses ahnend und mit fünf neuen Büchern zu meinem Sternchen gehe, sehe ich einen mittelalten Polizisten, eine ältere Frau und eine junge Polizistin neben meinem Auto stehen. Offenbar habe ich, wie ich erfahre, das Nachbarauto in der superschmalen Parklücke seitlich gestreift. Etwa fünf Zentimeter rote Farbe zieren die bis dahin langweilig-dunkelgraue Zierleiste des hellgrauen Autos, die nun ihrem Namen endlich Ehre macht. Die Polizei, so erfahre ich weiter, sei von Arbeitern, die meine Fahrerflucht beobachtet hätten, gerufen worden. Big Brother is watching you? Hallo, wo sind wir denn hier? Und wo, bitte, ist die versteckte Kamera?
Vermutlich hätte die Frau nicht mal etwas von dem Malheur gemerkt und ihr Mann hätte die Farbe meines unbemerkten Autokusses bei der nächsten Wäsche mit dem Schwamm abgerieben, wenn die Arbeiterdeppen sich nicht in fremde Angelegenheiten eingemischt hätten! Männer! Deutsche Männer! *grmpf*
So aber beschäftigen wir in den nächsten Tagen eine Autowerkstatt und eine Versicherung. Die müssen ja auch von was leben. Ach, und die Polizei, deine Freundin und Helferin bekommt ebenfalls was zu tun. Ich verkneife mir böse Bemerkungen über die Relativitätstheorie, denn ich will mir keine Anzeige wegen Fahrerflucht einhandeln – zumal ich echt nichts mitbekommen habe von der Streifung.
Hätte ich es merken müssen?, frage ich mich. Wäre es ebenfalls passiert, wenn ich mich nicht wegen des Mercedesfahrers aufgeregt hätte?
Die alte Dame und ich tauschen Adressen und gut ist. Keine Anzeige.
Doch eigentlich logisch, dass das noch nicht alles sein konnte, was sich Freund Feind Murphy heute für mich ausgedacht hat. Beim Einkaufen, kurz darauf, stehen auf einmal zwei zerbrochene Joghurtbecher auf dem Band, die ich netterweise durch intakte ersetzen darf. Beim Wäschewaschen muss ich ein Taschentuch in einer Tasche (wo sonst?) übersehen haben und schließlich bleibt auch der Zettel mit der Adresse der Dame spurlos verschwunden, obwohl ich mein ganzes Auto und alle Taschen gefilzt habe. So muss ich bei der Polizei anrufen und die Adresse verlangen – so was von peinlich!
Echt wahr, Murphy ist ein Monster. *flüstermodusein* Gratis abzugeben! *flüstermodusaus*

0 Kommentare zu „Murphys Tag“

  1. Was für’n Tag! Dass du da nicht ausgerastet bist? Ich wäre es wohl irgendwann. Und den Parkplatz hätte ich glaube ich nicht so leicht aufgegeben. Das Loslassen fällt mir da sehr sehr schwer, wenn etwas ungerecht ist. Aber ich denke mir gerade, Gott sei Dank ist dir nichts an deinem leiblichen Wohl widerfahren. Hätte echt noch gefehlt.

  2. Echt tust du mir leid, auf so seltsame Infragestellungen des Selbstbewußtseins (die ich auch kenne) kann man verzichten. aber ich denke, sie passieren auch Männern mit teuren Autos- nur so zum Trost!

  3. danke, ihr lieben.
    @ sherry: ich glaube, mit ausrasten wäre es nur noch doofer geworden … und letztlich geht es hier ja zum glück nur um materie … k.o. war ich aber natürlich schon.
    @ blinkyblanky: die „Infragestellungen des Selbstbewußtseins“ und die verweise auf Murphys Gesetz waren dann doch satirisch gemeint, aber verzichten auf so tage könnte ich trotzdem 🙂

    1. Mir wäre es letztendlich um Gerechtigkeit gegangen. Ich glaube, mir tut es gut, wenn ich sagen kann, dass etwas unfair ist. Aber da ist jeder anders! Hoffentlich ist dein Tag heute besser!

  4. ach, liebe sherry, was ist schon gerecht?
    ich habe die situation zuhause mit j. diskutiert. er meinte, die beiden hätten sich wohl gekannt und abgemacht, dass a. den platz an b. weitergibt. zugegeben, hätte ich jemanden gekannt, der meinen platz will, hätte ich das sogar auch gemacht.
    c’est le ton qui fait la musique, sagt die französin, der ton macht die musik!
    was mich verletzt hat, ist die nicht vorhandene kommunikation. ich wäre ausgestiegen und hätte mit handzeichen angezeigt, dass der platz quasi besetzt ist.
    ja, diese nichtkommunizierende machogehabe hat mich viel mehr gewurmt und genervt, als der verpasste parkplatz.
    gibt es ein gesetz, das uns freie parkplätze garantiert? nö, aber wir haben, und da bin ich pingelig, wir haben anrecht auf anständige umgangsformen (ich glaube, in den internationalen menschenrechten steht was in der art?)
    anyway … ich bin einmal mehr von (männlichen) umgangsformen enttäuscht worden. eigentlich sollte ich es ja langsam wissen. doch da ist eben immer noch ein bisschen hoffnung 🙂

  5. Ah verdammt, was für ein übler Tag. Ich hatte gestern auch so etwas, aber bei mir wars zum Glück nur eine Sache die schief ging und danach habe ich mich den ganzen Tag mehr oder weniger verkrochen 🙂
    Wenn dann noch mehr Unglück dazu kommt, wird der Tag echt immer schlimmer. Ich glaub mir wärs dann auch wie Sherry gegangen, dass mir der Kragen geplatzt wäre. Zum „Glück“ ist das mit den Männern schon am Anfang passiert und nicht erst am Schluß, dann hätte ich nämlich echt getobt 🙂
    Frauen können übrigens auch ganz schön bescheuert sein. Letztes mal ist eine Trulla meiner Mutter beim Parken reingefahren (sie ist ihr reingefahren!!!!) und machte einen Riesenterror wegen einem Kratzer, der nicht zu sehen war. Dafür musste dann die Versicherung gerufen werden und meine Mutter durfte für den „Schaden“ blechen (bzw. Ihre Versicherung was wieder eine Prämienerhöhung verursachte) Die Welt kann macnhmal so unglaublich ungerecht sein.
    Zum Glück verschwinden dieses düsteren Wolken immer recht schnell wieder, ich hoffe Du kannst mittlerweile schon wieder darüber lachen 🙂

  6. vielleicht ist eine der aufgaben, die uns das leben so stellt, die, dass wir die ungerechtigkeit akzeptieren, ohne aber dabei aufzuhören, in unserem eigenen leben für grösstmögliche gerechtigkeit zu sorgen.
    ich verbrauche immer noch zu viel energie, mich über unabänderliches zu nerven (wobei: sind männer, sind solche männer, wirklich unabänderlich? vermutlich …)
    ja, ich kann schon wieder drüber lachen. und auch bloggen ist in so fällen immer gute medizin!

  7. was ein ärger und doch mit bravour gemeistert… „vielleicht ist eine der aufgaben, die uns das leben so stellt, die, dass wir die ungerechtigkeit akzeptieren, ohne aber dabei aufzuhören, in unserem eigenen leben für grösstmögliche gerechtigkeit zu sorgen.
    JA
    liebe grüße u.

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