Ich will noch nicht nach Hause gehen | #Zitatgeschichten

Alle Tische sind abgeräumt, der Tresen glänzt und die Stühle auf den Tischen geben den Boden frei. Ein paar Bierdeckel und Fritten dekorieren den Boden. Nur Olga sitzt noch da. Wie immer ist sie die Letzte. Und wie immer diskutiert sie mit der Wirtin um weitere Minuten im schummrigen Licht.

Viel hat sie nicht getrunken. Ein Bier reicht viele Stunden. Sie nuschelt. Müde vom Leben. Und vielleicht weil sie sich so sehr daran gewöhnt hat, die Silben zu verschlucken, weil ihr ja eh nie jemand mehr wirklich zuhört.

Sie ist eine der Abgesägten. Eine der Verbrannten. Nach viele Jahren und vielen Jobs gleichzeitig.

Drei Kinder hat sie großgezogen. Schließlich der Unfall. Wegen Übermüdung und Unachtsamkeit. Selbst schuld, aber der Rücken ist für immer kaputt. Kündigung. Sozialamt.

Und daheim wartet schon lange niemand mehr.

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Die Aufgabe:
Ich setze einen irgendwo aufgeschnappten Satz in die Titelzeile. Darunter schreibe ich, was meinen Fingern und meinem Hirn zu diesem Satz einfällt.

Kleine Momentaufnahmen. Fiktiv oder real, alltägliches Geschreibsel, Verspieltes, Trauriges, Menschliches … ohne allzu viel nachzudenken.

Den heutigen Satz habe ich bei Sybille Lengauer aufgeschnappt.

Mitmachen erlaubt.

Vor zehn Jahren? | Januar 2016

Gerade blicken da und dort Menschen auf das Jahr 2016 zurück. Eine Idee, die bei mir auf fruchtbaren Boden fällt, denn in meiner Erinnerung ist fast jede vergangene Zeit besser als die Jetzt-Zeit – zumindest was die Lage der Welt betrifft. Persönlich nicht unbedingt, persönlich ist es jetzt besser als auch schon.

Januar 2016 also. Was sagt mein Blog dazu?

Das hier zum Beispiel …

Ohne Titel #1

Die Schreiblust kommt und geht. Ist mir Freundin, wie immer.
Die Lust, geschriebenes zu veröffentlichen, zu verbloggen, jedoch ist verblasst.
Noch ist da irgendwo eine Art Hoffnung, dass diese verblasste Lust verstanden werde.

Das Blog als Notizbuch zu verwenden, wie mir vorgeschlagen wurde, könnte eine Idee sein, das Blog nicht einäschern zu müssen.
Nur … wozu sollte ich veröffentlichen, was ich mir notiere?

Als Prozesstagebuch könnte ich es einsetzen, riet eine andere weise Stimme. Ja. Gute Idee.
Aber wozu sollte ich veröffentlichen, was in mir an Prozessen abläuft?

weiterlesen …

Es scheint ein Kehrreim meines Lebens zu sein, dass ich immer mal wieder Phasen mit und ohne Schreibmotivation habe. Aber auch, dass ich doch immer wieder zum Schreiben zurückfinde.

Möge mir diese Fähigkeit erhalten bleiben, denn sie hilft sehr dabei, das Leben besser zu ertragen.

„Du hast neben mir gesessen.“ | #Zitatgeschichten

Du neben mir.
Meine Hand in deiner.
Das Atmen fällt schwer.
Ich blinzle die Tränen weg,
obwohl sie nie besser passten.
Dass ich nicht allein bin,
hier,
dass du mich hältst …
Nie war ich dankbarer.

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Die Aufgabe:
Ich setze einen irgendwo aufgeschnappten Satz in die Titelzeile. Darunter schreibe ich, was meinen Fingern und meinem Hirn zu diesem Satz einfällt.

Kleine Momentaufnahmen. Fiktiv oder real, alltägliches Geschreibsel, Verspieltes … ohne allzu viel nachzudenken.

Auch den heutigen Satz habe ich bei Frau Mützenfalterin aufgeschnappt. Allerdings diesmal ein wenig gekürzt.

Mitmachen erlaubt.

„Ich habe die Freundin meines Bruders kennengelernt.“ | #Zitatgeschichten

Zehn Jahre alt, älter war sie damals nicht gewesen. Ihr Bruder dagegen war schon richtig alt. Älter jedenfalls, mehr als doppelt so alt wie sie. Und schon richtig erwachsen war Per. Wohnte nicht mehr zuhause. Ein paar Freundinnen hatte er bereits gehabt. Manche hatte er sogar hergebracht, sie den Eltern und den jüngeren Geschwistern vorgestellt. Wobei. Eigentlich erinnert Mila sich nur an eine, bevor Per Carola kennengelernt hatte.

Jahre später, als sie verstanden hatte, dass sie nur zehn Jahre von Carola trennen, waren sie Freundinnen geworden. Oder vielleicht Schwestern. Mehr Schwestern jedenfalls als die anderen Schwestern.

Für die zehnjährige Mila war Carola damals all das, was Mila eines Tages zu werden hoffte.

Erwachsen — aber auf eine gute Art, lieb, hübsch, ernst, reif. Und vor allem fand Carola bei den Eltern, sogar bei der Mutter(!), den richtigen Ton. Und ließ sich nichts gefallen. Auch von der Mutter nicht, denn natürlich nörgelte diese später auch an Carola herum — wie immer und wie an allen. Dies macht sie nicht richtig und jenes auch nicht.

Carola und Per also, und ja, ein bisschen beneidete Mila die beiden umeinander. Sie hatten sich. Wie waren sich Heimat.

Doch als eine, die Carola ebenfalls kennt, fiel auch für Mila ein bisschen Heimat ab.

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Die Aufgabe:
Ich setze einen irgendwo aufgeschnappten Satz in die Titelzeile. Darunter schreibe ich, was meinen Fingern und meinem Hirn zu diesem Satz einfällt.

Kleine Momentaufnahmen. Fiktiv oder real, alltägliches Geschreibsel, Verspieltes … ohne allzu viel nachzudenken.

Den heutigen Satz habe ich gestern bei Frau Mützenfalterin aufgeschnappt.

Mitmachen erlaubt.

„Was mache ich hier?“ | #Zitatgeschichten

Die Aufgabe, die ich mir stelle, ist theoretisch einfach: Ich setze einen irgendwo aufgeschnappten Satz in die Titelzeile. Darunter schreibe ich, was meinen Fingern und meinem Hirn zu diesem Satz einfällt. Der Plan ist, dass ich so wieder in den Blog-Schreibflow komme. Weil Schreiben gut tut und meinen Fokus kurzzeitig weg vom schwer erträglichen Weltgeschehen nimmt. Kleine Momentaufnahmen. Fiktiv oder real, alltägliches Geschreibsel, Verspieltes … ohne allzu viel nachzudenken.

Den heutigen Satz habe ich bei Bruce Chatwin gefunden (Buchtitel) und bei Herrn Buddenbohm aufgeschnappt.

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Sie sitzt. Mehr macht sie hier gerade nicht. Stimmt. Stimmt nicht. Natürlich nicht.

Sie atmet ja auch. Und ihr Herz schlägt. Und sie guckt aus dem Fenster und sie hört und riecht und zwinkert; und sie verdaut und denkt und schreibt; und sie friert ein bisschen an den Füßen.

Viel ist das ja nicht!, sagt der Souffleur auf ihrer Schulter. Sie hört hin. Hört zu. Dem Souffleur, der sich immer breiter macht und ihr aufs Rückgrat drückt. Abschütteln sollte sie ihn. Das wäre dann ja mal etwas ganz Großes, etwas ganz und gar Aktives sogar, das sie hier und jetzt machen könnte. Etwas, das sie wirklich dringend machen sollte.

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(Meine Schreibanregung darf gern nachgeahmt werden … vielleicht können wir uns ja gegenseitig inspirieren?)

Im Kreis

Wieder viel zu lange ist es her, seit ich hier das letzte Mal gebloggt habe. Sagt eine leise Stimme in mir. Das darf so, antworte ich.

Ebbe und Flut, denke ich, so ist es doch, denn alles ist ja immer in Bewegung – vom winzigen Moment, wenn die Welle bricht und die Welt stehen bleibt, einmal abgesehen. Mal bewegt sich der Fluss in die eine mal in die andere Richtung. Auf jeden Fall tut es dieser eine Fluss im Alten Land, dessen Name ich immer wieder vergesse, dieser Fluss, der Ebbe und Flut in der Elbe reguliert … Er gibt und er nimmt.

Regulation also, Ausgleich, von oben nach unten, runter und wieder rauf, hin und her. Wie schön es wäre, wenn es überall so wäre. Nicht nur beim Fluss meine ich, nicht nur in der Natur, auch zwischen uns Menschen. Natur sind wir ja auch.

In meinem Privatleben erlebe ich es of. Da gibt es Phasen, da schenke ich gern, wovon ich im Überfluss habe – materiell oder immateriell, ich reguliere, ich verschenke Dinge, mich selbst. Dann wieder gibt es Phasen, da brauche ich Hilfe  und darf annehmen, wovon andere hergeben mögen.

Mal nach da, mal von dort fließen die Dinge im Leben, die Liebe, das Geld, Materie und Nichtmaterie. Immer im Kreis. Es hat genug für alle. Ich blicke in die Welt um mich her und über den Gartenzaun und noch weiter … und ich wünsche mir, es wäre nicht nur bei mir in meinem kleinen Leben so. Wenn sich alle gegenseitig hülfen, wäre allen geholfen.

Ob ich noch Hoffnung habe? Manchmal. Ein wenig. Manchmal nicht. Aber Liebe habe ich. Auch sie fließt im Kreis.

#WarumIchBlogge | Mein 21. Jahr

Die Mützenfalterin erzählt hier, warum sie noch immer bloggt. Ihr Text berührte mich so sehr, dass ich im Fediversum zu einer #Blogparade aufgerufen habe. Bitte gern weitersagen und mitmachen.

Warum blogge ich denn noch immer?

Erste Antwort, frei Schnauze? Mein Blog ist mein ausgelagertes Gedächntnis. Es bewahrt mein Erleben und hilft mir, mich zu erinnern. Und nicht zu vergessen, worüber ich vor Jahren nachdachte, was mich einst beschäftigte, beglückte, ärgerte. Und wie die Welt sich stetig verändert hat. Und natürlich weiß mein Blog auch oft, wo ich wann war – dank Bildern und Reiseartikeln … Es ist mein persönliches Archiv, das meine kleine Welt in komprimierter Form abbildet und so gesehen ist es sogar ein persönliches Zeitdokument.

Gestern sagte ich zum Liebsten, dass – zumindest in meiner Wahrnehmung und Erinerung – bis zu Beginn der Zwanzigzwanziger das damalige Internet ein irgendwie besseres Internet gewesen ist. Fake News und die ganzen Internet-und-Gesellschaft-kaputtmach-Dinge nahm ich vor der Pandemie weniger umfassend wahr als heute. Vermutlich eine Illusion und vermutlich nahm ich es so wahr, weil ich es so sehen wollte. Dennoch hat sich die letzten Jahre meiner Meinung nach vieles zum schlechten gewendet.

In diesem pandemischen Früher, als ich zu bloggen begonnen hatte (2004 war das), fand ich es toll, dass Menschen, die gern schreiben, in diesem Internet ein günstiges, niederschwelliges und leicht handzuhabendes Werkzeug nutzen konnten, um Gedanken und Alltägliches mit anderen zu teilen, Resonanz zu erzeugen, sich zu vernetzen, Menschen rein virtuell kennenzulernen und/oder im Schreibfluss zu bleiben.

Allmählich wendete ich mich andere Social Media-Plattformen zu, die anderen Gesetzen als denen der Bloggosphäre gehorchten und die mir mit ihren Algorithmen und versprochener Reichweite das Blaue vom Himmel versprachen. Mehr und mehr richtete ich meinen Blick auf Follower*innenzahlen und die Leichtigkeit des Einfach-drauflos-Schreibens kam mir nach und nach abhanden. Mit ihr die Frequenz der Beiträge. Auf einmal wurde Twitter mein Hauptmedium und der Austausch, der dort kurz und zeitnah möglich war, wurde mir wichtiger als die Bloggerei.

Immer wieder hatte ich phasenweise das Bedürfnis, das Bloggen einzustellen. Mit wachsender Followy-Zahl war zuden auch mein Anspruch an mein Geschreibsel gewachsen. Dazu kam das Bewusstsein, dass das hier ja alles öffentlich sichtbar und ungeschützt ist und ich doch eigentlich gar nicht soo viel allzu Persönliches preisgeben sollte. Daten und so. Na ja. Solche Überlegungen machten aus dem Schreiben zeitweilig eine Pflichtübung, die dazu führte, dass ich für die sehr persönliche Dinge eine Art Tagebuchblog (für einige wenige Freund*innen) anlegte.

Als sich WordPress immer mehr kommerzialisierte, war ich kurz davor, das Hauptblog hier zu schließen. Doch irgendwie war das auch nicht das, was ich wirklich wollte. Also zog ich vor einigen Jahren weg von WordPress unter das selbstgehostete Blogdach, das ich mit anderen zusammen gemeinschaftlich pflege. Gute Sache. Auch wenn die meisten der doch recht zahlreichen Followys meines damaligen Blogs auf der Strecke geblieben sind, ist es für mich hier wieder viel besser. Allmählich fühlt es sich hier wieder so ähnlich wie damals an, wie am Anfang in den Nullerjahren, als sich alles noch so frei anfühlte.

Heute findet mein digital-soziales Leben, da ich endlich FB und Insta/Threads gelöscht habe (X ja schon längst), wieder in relativ überschaubaren von Menschen für Menschen gehosteten Räumen statt. Also nur noch in den Blogs und im Fediversum, das dank ActivityPub mit WordPress(.org) föderiert. Gute Sache.

Zum Schluss zitiere ich die Mützenfalterin, die am Ende ihres Blogartikels folgendes über Mely Kiyaks Texte schreibt:

»Ich fühle mich verstanden, ich fühle mich als Teil der Menschheit, ich fühle diese ganze sehr komplizierte und häufig schmerzhafte Angelegenheit am Leben zu sein, ich fühle wie das ist, wenn man zweifelt und trotzdem weitermacht, ich fühle die ungeheure Kraft des darüber Schreibens, des die Scham Überwindens, des sich selbst ernst Nehmens, ohne sich über die anderen zu stellen. Ich fühle Verbundenheit. Und das ist ein großer Trost, eine Inspiration und eine Ermutigung.«

Für mich gelten diese Zeilen nicht nur für Kiyaks Texte, sondern auch für das Leben in meiner digital-sozialen Umgebung. Besser könnte ich es nicht formulieren.

Kurz gesagt blogge ich, weil ich mich dabei mit meinen Mitmenschen verbunden fühle, mit dir und dir und dir …

Das neue also …

Alles ist anders geworden? Quatsch, alles ist gleichgeblieben.
Alles? Na ja, immerhin eine Zahl hat sich geändert. Also jedenfalls hier bei uns. Bei anderen Menschen in anderen Ländern ist davon nichts zu merken.

Das neue Jahr also. Was wissen wir darüber? Wenig. Na ja, ich werde einen runden Geburtstag begehen. Dabei mag ich die Fünf. Und eigentlich mag ich eh lieber ungerade Zahlen.

Was noch? Das Leben, der Alltag, geht ab Morgen wieder los. Die Läden machen wieder auf. Die Welt tut so als ob. Immer tut sie so als ob.

Was bleibt? Was ändert sich; und warum? Änderungen brauchen Kraft. Nein, es ist nicht das neue Jahr, das über meine Kraft bestimmt. Wie viel, das mit betrifft, gestalte ich eigentlich selbst und wie viel geschieht – so oder anders –, weil ich mich nicht entscheiden wollte, mich nicht entschieden habe, mich nicht in mein eigenes Leben eingemischt, es nicht mitgestaltet habe? Wem gebe ich die Schuld, wenn es nicht passt, wenn es nicht wird, wie ich es mir passiv erhoffte?

Viel oder wenig. Mehr oder weniger.

Pläne lassen sich selten exakt in die Wirklichkeit übertragen. Auch Wünsche und Sehnsüchte nicht, aber deshalb nicht zu träumen und nicht zu planen ist ja eigentlich auch doof.

Hoffen? Gern, aber worauf? Werden wir es schaffen, wir Menschen, unseren Zerfall aufzuhalten?

Das neue Jahr also. »Sei uns freundlich gesinnt« würde ich dich bitten, wenn du denn handlungsfähig wärst. Dabei bist du nur vergängliche Zeit und bewegst dich, weil wir uns bewegen. Anders die Erde, die sich immerzu dreht, was immer wir auch tun. Und lassen. Und unterlassen.

Verständnis? Ja, aber …

Auf der Suche nach einem Ereignis, über das ich gebloggt zu haben meine, scrolle ich manchmal durch mein Blog. Dieses externe Gedächtnis war mir schon oft sehr hilfreich.

Dabei bin ich heute auf diesen präpandemischen Text hier gestoßen, den ich – auch fünf Jahre später – so noch unterschreibe.

Drei rotbemützte Bäume
Drei rotbemützte Bäume, verfremdet

Ich verstehe, warum wir uns Halstücher und Mützen anziehen. Krawatten werden mir wohl immer ein Rätsel bleiben.

Ich mag Barfußgehen auf der Erde und durch nasses Gras. Gehen in Stöckelschuhen tut mir nur schon beim Zuschauen weh.

Ich verstehe mich auf Schönheit und Ästethik. Nicht auf Effekthascherei.

Ich kann Stimmungen hinter der Schminke lesen. Von Maskeraden und Make-Up verstehe ich nichts.

Ich verstehe etwas von der Sprache der Liebe. Nichts aber von jener der Image- und Machtsymbole.

Ich erkenne, wenn jemand Hilfe braucht. Von Intrigen und Powergames habe ich keine Ahnung.

Ich liebe es, spontane Geschenke zu machen, aber mit Schenken-auf-Befehl kann man mich verjagen.

Ich verstehe etwas von Gefühlen, mit dem Missbrauch derselben bin ich allerdings immer wieder überfordert.

Ich mag es, mir eine eigene Meinung zu bilden, sie aber als die einzig richtige zu betrachten, geht mir gegen den Strich.

Ich freue mich über Rückmeldungen für mein Tun. Auf Lob zu warten mag ich dennoch nicht.

Ich mag es, Herzblut und Zeit an Freundinnen und Freunden zu verschenken. Mich aber von Menschen ausnutzen und klein machen zu lassen ist überflüssige Kraft- und Zeitverschwendung.

Ich echauffiere mich immer mal wieder über Dinge, die andere tun oder lassen. Hasskommentare und Hassaktionen gehen dennoch absolut nicht.

Ich verhalte mich solidarisch. Ausgrenzung und Ausbeutung toleriere ich nicht.

Ich stehe für Würde. Sie ist weder freiwillig noch ein Konjunktiv, sie ist ein für alle Menschen geltendes Menschenrecht.

Ein Lieblingskinderbuch taucht am Erinnerungshorizont auf …

So langsam schleicht sich das Virus, das vor fünf Jahren die Welt veränderte, wieder aus meinem Körper – und mit ihm verlässt mich das Fieber. Diesmal hat es mich deutlich weniger heftig in die Knie gezwungen als vor zwei Jahren. Diesmal habe ich ihm mehr Widerstand leisten können, die Impfungen halfen. Gleichzeitige Zahnschmerzen, die behandelt werden müssen – verschoben auf nach dem Kranksein. Dennoch bin ich nicht so leichtsinnig, diese Krankheit auf die leichte Schulter zu nehmen. Nur weil ich Glück hatte, haben andere nicht automatisch auch Glück.

Draußen liegt seit vorgestern Abend Schnee. Er schmilzt – oder sinkt zumindest in sich zusammen, wie es Schnee zu tun pflegt. Ich werde nachher, das erste Mal seit Montag, das Haus verlassen. Morgen sind Abstimmungen. Ich will meine Wahlunterlagen in den Briefkasten des Gemeindehauses werfen. Bürgerinnenpflicht. Wider die Hoffnungslosigkeit. Hinter das erste JA, das ich geschrieben habe, um den jungen Menschen meines Kantons  schon ab 16 Jahren zu einer Stimme zu verhelfen, habe ich versehentlich und impulsiv ein Ausrufezeichen gesetzt. Keine Ahnung, ob die Stimme damit noch gültig ist. Ich hoffe es. (Von mir aus dürfte sie doppelt gezählt werden.)

Die Stimmen gegen das Stimmrecht ab 16 tönten so: »Bis jetzt ging es ja auch immer!«

Ja, genau. Fragt sich bloß, wie?! Sagte ich schon, dass ich je länger je politikverdrossener bin?

Gestern, ausgelöst durch einen Chat mit einer Freundin, die schreibend über ihre Kinder nachdachte, fiel ich mitten in eine Erinnerung. Wie hatte dieses Buch doch gleich noch geheißen, dass ich in der dritten, vierten und fünften Klasse wieder und wieder gelesen habe? Es war eins dieser wunderbaren Bücher, die ein fantasiebegabtes Kind, wie ich es eins war, einfach lieben musste. Das ging gar nicht anders, denn Fräulein Pudel-Dudel wusste immer Rat. Solche Erwachsenen hätte ich mir damals gewünscht.

Ein leinengebundenes, orangefarbenes Buch, dessen Buchrücken und Vorderseite sichtbar sind. Auf dem Buchrücken ist der Autorinname »Betty MacDonald« und der Buchtitel »Fräulein Pudel-Dudels Wunderkuren« lesbar. Auf der Vorderseite rechts unten ist eine stilisierte Person mit wuscheligem Haarschopf neben einem Vogelbauer, in dem ein Papagei sitzt, zu sehen. Die Figurern und die Beschriftung sind in dunkelgrüner Farbe in den Leineneinband eingeprägt.
Ein leinengebundenes, orangefarbenes Buch, dessen Buchrücken und Vorderseite sichtbar sind. Auf dem Buchrücken ist der Autorinname »Betty MacDonald« und der Buchtitel »Fräulein Pudel-Dudels Wunderkuren« lesbar. Auf der Vorderseite rechts unten ist eine stilisierte Person mit wuscheligem Haarschopf neben einem Vogelbauer, in dem ein Papagei sitzt, zu sehen. Die Figurern und die Beschriftung sind in dunkelgrüner Farbe in den Leineneinband eingeprägt.

Immer, wenn Kinder und ihre Eltern (na ja, es waren meistens die Mütter) nicht mehr weitergewusst hatten, gingen sie zu ihr. Fräulein Pudel-Dudel, eine kauzige, ältere Frau mit einem riesengroßen Herz, die eine Art Mix aus Selbsterfahrung, Antiautorität und viel Vertrauen in die Lösung der familiären Probleme legte, hatte für alle ein offenes Ohr. Sie traute den Kindern zu, aus gemachten Erfahrungen ihre eigenen Schlüsse zu ziehen und ermöglichte es, den Eltern, neue Zugänge zu ihren Kindern zu finden. Und umgekehrt.

So jedenfalls las ich die Geschichten damals, hungrig wie ich nach funktionierenden, liebevollen Familiensystemen war. So sollte es sein, fand ich, so sollten Mütter mit ihren Kindern umgehen. Egal, ob die Kinder nicht aufräumten, ihre Aufgaben nicht machten oder nicht essen wollten … Fräulein Pudel-Dudel hatte eine gute Idee, wie allen geholfen werden konnte. Na ja, wahrscheinlich idealisiere ich. Egal.

Es war übrigens exakt die abgebildete Ausgabe – gestern auf Buchbot* gefunden (Ausgabe Exlibris, Zürich**) –, die ich hatte. In meiner Erinnerung habe ich das Buch jahrelang mit mir herumgeschleppt. Und gestern habe ich es also im Netz wiedergefunden, allerdings in keinem mir bekannten Antiquariat zu kaufen. Ich habe eine Suchanfrage gestartet, denn ja, zugegeben, ich würde das Buch zu gern aus heutiger Sicht noch einmal lesen. Betty MacDonald, die Autor und selbst Mutter, hatte ein bewegtes Leben, wie ich gestern gelesen habe. Ich glaube, das Buch könnte mir auch heute noch gefallen.

Vielleicht-vielleicht wäre die Welt ein klein bisschen besser, wenn wir alle ein bisschen pudel-dudeliger wären.


*Hier mehr Infos:

**Wie dankbar ich meinen Eltern noch immer für das Bücherregal im oberen Flur bin, das sie mit im Monatsabo eintreffenden Büchern füllten, die vermutlich nur ich las. Billigausgaben. Warum sie das Abo nicht abbestellten? Ich weiß es nicht. Ach, fällt mir ein, auch das Reader’s Digest-Magazin habe ich Monat für Monat verschlungen.