Neue Fallmaschen 56 | 2021

zugehört | Meine Freundin Talitha hat mit ihrer Mutter Ruth einen Podcast gestartet. Gespräche über das Mutter-und-Tochter-Sein. Persönlich, sensibel, bärndütsch.

»Unsere gemeinsame Geschichte beginnt im Jahre 1981. Ruth träumte, sie habe ein Baby in England im Abfall gefunden. Kurz darauf brach sie als junge Aupair nach Manchester auf … wie wir uns schlussendlich fanden, zusammen durch die Hölle gingen und unsere Beziehung durch viele Gespräche stets pflegten, erfährst du, wenn du dir unseren Podcast anhörst.«

[Hier lang.]

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gelesen und nachgedacht | Manche sagen und schreiben, die Welt sei klein geworden. Da ist diese Aussage über eine als geschrumpft wahrgenommene Welt, doch was mein dieses Klein eigentlich? Wir konnotieren es spontan mit beengend, langweilig, nicht erstrebenswert.

Möglicherweise könnten wir es, umständehalber, neu mit Begriffen wie natürlicher (als groß), überschaubar, wohltuend, entschleunigt füllen? Nur so als Versuch? Weil sich die Umstände gerade nicht ändern lassen und weil dieses Klein vermutlich, wenn wir auch die Klimakrise ernst nehmen, mehr und mehr Teil unserers zukünftigen Alltags wird? Und weil es uns vielleicht dabei hülfe, uns nicht so hilflos zu fühlen?

Vielleicht ist ja Weniger das neue Viel und Klein das neue Groß (mal abgesehen davon, dass ich diesen Spruch nicht mag).

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entdeckt | Ich habe auf meinem Android-Tablet eine Bildbearbeitungsapp installiert, die süchtig macht (Mirror Lab) und mega entspannt. Wieder einmal zu appen tut gut und bringt den Kopf zur Ruhe.

Buntes Bild mit Wiederholungen in den Farben hellgrün, blau, braun und gelb.
Moos unter Mikroskop, künstlerisch bearbeitet

Neue Fallmaschen 55 | 2021

Eine neue Rubrik ist geboren. Unter Neue Fallmaschen mixe ich (un)regelmäßig Entdecktes, Aufgefallenes, Wahrgenommenes, Gedachtes, Gefühltes, Ärgernisse, Freuden, Bestrickendes, Heruntergefallenes, Aus- und Aufgelesenes.

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gedacht | In einer idealen Welt hätten wir Menschen kollektiv und solidarisch beschlossen, uns alle für fünf Wochen zu isolieren und so das Virus auszuhungern. Den Menschen, die kein Zuhause haben, hätten wir unkompliziert Räume in Hotels zur Verfügung gestellt.

In einer alles andere als idealen Welt brauchen wir Bestimmungen und finden es je länger je schlimmer, wegen ebendieser Bestimmungen ein langfristig eingeschränktes Leben führen zu müssen, um jenen kleinen, besonders anfälligen, gefährdeten, verletzlichen Teil der Menschheit zu schützen.

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aufgeschnappt | Bei HEKS Schweiz fällt mir das Wort Herdensolidarität sehr positiv auf und regt zum Träumen an.

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gefühlt und erinnert | Ich fühle mich zuweilen wie ein einst feingeschliffener Stein, der sich zurückverwandelt in seine kantige, ungeschliffene Urform. Obwohl ich zugleich und dennoch das Gefühl habe, nebenbei ein bisschen weiser und ein wenig reifer geworden zu sein und es noch zu werden.

(Selbstzitat. Quelle: sofasophia.blogda.ch)

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ausgelesen | Tove Ditlevsens ersten Teil der Trilogie Kindheit, Jugend und Abhängigkeit. Eine Kindheit, die in vielem – trotz einem halben Jahrhundert Abstand – meiner ähnelt im Gefühl des Sich-selbst-Fremdseins.


(Durchnummeriert wird mit der Zahl der gelebten Tage des jeweiligen Jahres.)

Notizen am Rande #6

Andere Wortmenschen in meinem Umfeld schreiben zuweilen, dass es nichts zu erzählen gäbe, weil ja nichts passiere, was die Frage aufwirft, wie viel Stimulanz wir von außen brauchen, um etwas erzählen zu können.

Wie steht es mit der bildenden Kunst? Ist Erzählen, ist Kunstschaffen wirklich nur eine Reaktion auf Geschehnissem, auf die sich verändernde Welt in Resonanz, in Relation und in gleichsam planetarischer Konjunktion zur:m Kunstschaffenden?

Brauche ich zwingend – und wenn ja wie viele – Reize, um zu kreieren? Brauche ich gar Reize um zu überleben?

Dieses ’Nichts’ ist – so behaupte ich – in unserer dualen, materiellen, sich ständig wandelnden Welt eine Illusion. (Möglicherweise taugen statt ’nichts’ Begriffe wie ’reizfrei’ oder ’reizarm’.)

Diese für viele verlangsamte, ereignisarme Zeit, die wir gerade durchleben, lässt sich möglicherweise künstlerisch als Chance begreifen, wieder mehr auf die leisen Reize zu hören und zu blicken.

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Irgendlink bloggte gestern über Altlasten in Abstellkammern, unspaltbare Holzstapel und das Altwerden am Holzofen.

»Unsere Räume und Umgebungen, Sphären unseres materiellen Seins sind zugerümpelt mit Ideen und Könntemanmals. Vor ein paar Tagen dachte ich, Aufgeben, nur Aufgeben, oder um es positiver auszudrücken, Loslassen, kann dich noch retten und sieh dich doch mal um hier, es sind ja nicht nur die eigenen Träume und Ideen, die auf dich eindreschen, da ist ja noch das Erbe deiner Vorfahren. […] Es gibt alleine sieben Schubkarren, teils uralte Dinger, vermutlich gar welche, mit denen die ersten Reichsautobahnen schon gebaut wurden … zuviel zuviel zuviel. Zuviel Dinge. Zuviel Träume. Zuviel Blockaden.

Nicht so gestern. Komischerweise waren sich Hirn und Körper einmal einig und so spaltete ich das gesamte Pappelholz – wirkliche Schufterei. Geht doch, dachte ich.« (Zitat)

Ich antworte:
»Geht doch, aber nur manchmal, nämlich dann wenn es zu einer Konjunktion von Geist und Körper kommt, die wie Planeten ihre ganz eigenen Umlaufbahnen haben, ihre ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten.«

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Ich beobachte bei mir, dass ich bei Menschen, die ich persönlich kenne, weniger Angst habe, mich von ihnen mit Covid anzustecken als bei mir unbekannten Menschen.

Eine trügerische Annahme, wenn man bedenkt, dass sich mutmaßlich die meisten Menschen im privaten Umfeld anstecken.

Natürlich spielt es eine große Rolle, wie sich jede und jeder Einzelne verhält, aber letztlich können wir uns überall anstecken.

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In meinem Kanton kann man sich seit zwei Wochen auch als Normalsterbliche:r für die Covid-Impfung registrieren. Hab ich gemacht. Online. Vermutlich wird nach Dringlichkeit geimpft und danach nach dem Prinzip Wer-zuerst-kommt-kriegt-zuerst. Das finde ich zwar ethisch fragwürdig, weil so Menschen, die keinen Internetzugang haben und/oder von dieser Möglichkeit nichts mitbekommen, benachteiligt sind. Andererseits sehe ich es auch aus einer anderen Perspektive. Viele wollen eh erstmal abwarten, heißt: wenn die Versuchskaninchen es gut überleben, lassen sie sich auch impfen.

Oke, dann bin ich halt ein Versuchskaninchen. Die braucht es ja auch, sonst könnten die andern ja noch lange warten. Ich betrachte nämlich diese pandemiebedingte Impfung nicht nur als Schutzmaßnahme für mich allein, sondern und vor allem als notwendiger Solidaritätsakt, damit wir bald eine Herdenimmunität erreichen und wieder ’normaler’ leben können. Ich sehe es als (m)ein Dienst für die Gemeinschaft sozusagen.

Mittendrin. Nur mal so.

Wie werden wir diese aktuelle Zeit wohl später im Rückblick betrachten? Ich hoffe sehr, dass wir uns daran erinnern werden, dass wir alles für uns und die Mitwelt Machbare und Beste getan haben werden. Und dass wir uns nicht für unsere Begrenztsein verurteilen werden.

Ich finde ja, dass diese aktuell auf Teufel-komm-raus praktizierte ’Normalität um jeden Preis’ für uns alle nicht unbedingt das Hilfreichste und Gesündeste ist, auch wenn vertraute Strukturen natürlich dabei helfen, auf dem Weg, den wir gehen, zu bleiben.

Wie auch bei einer Krankheitsdiagnose, die Klarheit schafft und dabei hilft, die passende Therapie zu finden, fände ich es allgemein gesünder, wenn wir als Gesellschaft akzeptieren, dass wir in einem Ausnahmezustand leben. Und dass wir nicht die gleichen Maßstäbe benutzen sollten wie im Normalmodus – bezogen auf Corona ebenso wie auf die Klimakrise.

Ich bin der Meinung, dass wir uns nicht um jeden Preis und schon gar nicht auf Kosten der Gesundheit ’normal’ verhalten müssen, sondern Wege für uns suchen, die uns dabei helfen, so gesund wie möglich zu bleiben und zu werden, mental und physisch.

Da draußen

Wie schrieb gleich Herr Buddenbohm vor ein paar Tagen über das viele Nichts da draußen in dieser auf Pause gestellten Welt?

»Ich habe in mehreren Blogs eine Zeile oder einen Satz gelesen, der in etwa besagte, dass gerade nichts passiere, dass man nichts mehr schreiben könne. Dann folgte dennoch überall ein längerer Text, natürlich war das so, wie das bei uns schreibenden Menschen nun einmal ist – wenn nichts ist, dann befinden wir das immer noch und gründlich, dass nichts ist, und wir erklären das Nichts allen ganz genau. Es ist allerdings tatsächlich nichts oder doch verdammt wenig.«

Nun, ich schaute es mir auch an, dieses Nichts. Zumal sich das Wetter offenbar entschieden hatte, mit dem endlich doch noch beschlossenen (Beinahe-)Lockdown am gleichen Strang zu ziehen. Flockdown*. Also schneite es diese Woche wie noch nie in meinem Leben als Flachländerin. (Ja, ja, lacht nur, deutsche Freund:innen! Auch in der Schweiz gibt’s Flachland. Selbst wenn es natürlich drumrum fast überall hügelig ist, gilt dennoch alles unter – sagen wir mal – fünfhundert Höhenmetern als Flachland. Das Quasi-Gegenteil von Oberland.)

Schnee also. Viel Schnee. Sehr viel Schnee. Nun ja, Schnee ist allerdings nicht wirklich nichts.

Während es schneit ist Schnee zu schippen wenig sinnvoll. Und so schneite und schneite es mit ein paar wenigen Unterbrüchen fast einen Tag lang. Und die Schneeschichten wurden höher und höher.

Die meisten Schneeschipper:innen warten, bis der Schneesegen Pause macht. (Auch jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, schneit es wieder. Nicht mehr so dicht wie neulich, und weil es nicht mehr unter Null Grad ist, ist es eher ein nasser Schnee. Dieser Tage habe ich sie alle gesehen, alle Schneearten: die Schneekörner, die Flocken, die Nassflocken, die Schneeschnüre, ach … alle eben.)

Vorgestern, die Sonne hatte sich aus dem Urlaub zurückgemeldet, zog es mich in den Wald. Weit kam ich leider nicht, denn da lagen einige Bäume quer. Manche richtig dick, so dass ich fürs Drüberklettern zu kurz Beine gehabt hätte. Und auch die Lust fehlte mir. Also zurück durch den knietiefen Schnee. Watend. Schöner fluffiger Pulverschnee, der zum Schlitteln und Skifahren perfekt ist. Dachten sich auch viele Kinder, wie ich später sehe, als ich auf Quartierwegen durchs Dorf spaziere und mir wie in einem Skiort vorkomme. Am Dorfhügel unter der Linde sausten sie auf ihren Bobs und Davoser Holzschlitten hinunter, um gleich von neuem heraufzukraxeln. Ein Jauchzen ist in der Luft und mein Herz wird Kind und freut sich.

Viele Leute sind unterwegs. Seit dem ersten Lockdown im März/April 2020 habe ich nicht mehr gleichzeitig so viele Spazierende angetroffen. Alle in sicherem Abstand. Vor den Häusern wird Schnee geschaufelt. Jede und jeder schippt sich den Weg zur Straße frei. Da kommt der Schneepflug und räumt die Straße frei, schwarz, während die kleineren Wege weiß geräumt werden, was bedeutet, dass der Schnee liegenbleibt, aber immerhin platt gedrückt wird. Viele Trottoirs sind nicht begehbar, so dass die meisten Leute auf den Straßen gehen und so die Autos zum Langsamfahren zwingen. Ich sehe viele lächelnde Münder und Augen. Freundliche Worte tanzen da und dort.

Der Schneepflug also. Er macht die Straßen und Wege frei, doch den Pfad zu den Straßen und Wegen freizumachen, liegt an uns einzelnen. Wie im richtigen Leben sozusagen. Denn schippe ich den Weg frei, aber der Schneepflug fährt nicht, habe ich ein Problem. Der Schneepflug fährt, aber ich schippe den Weg zur Straße nicht frei? Auch dann habe ich ein Problem.

So irgendwie denke ich herum, doch jetzt werde ich am besten den Besucherparkplatz freischippen gehen, damit der Liebste später einen Platz für sein Autochen hat.


*Wortschöpfung von Patti Basler

Die Wahrheit über die Wahrheit liegt überall herum

Zwar bin ich dieses Jahr weder gereist noch verreist, doch zum Glück gibt es Bücher und Filme. Dieser Tage nun bin ich lesend – Tagebücher-und Blogs-sei-Dank – auf der eigenen Zeitachse zu früheren Reiseorten, die wir zwischen den Jahren erforscht haben, gereist.

Eben hatte ich im Uraltblog nach Erinnerungen an meine allerersten gemeinsam mit dem Liebsten erlebten Ferien gesucht. Gemeinsam waren wir nach Südfrankreich gereist, in die pyrenäischen Berge. Im winzigen Dorf Boule-d’Amont hatten wir eine winzige Gîte gemietet. Ende 2009/Anfang 2010 war das gewesen, unser erster gemeinsamer Jahreswechsel.

Bilder in Herz und Kopf habe ich zuhauf, doch wollte ich mir nun auch die Bilder aus Pixeln angucken. Damals hatte ich noch mit einer winzigen digitalen Kamera geknipst und mit einem Handy ohne Smart dafür mit Tasten telefoniert und Koordinaten für Geocaches wurden in ein portables Ding namens GPS-Gerät eingegeben. Tatsächlich gibt es auf meinem Rechner keine Bilddatenspuren dieser Ferienzeit. Und keinen einzigen Eintrag dazu in meinem alten Blog. Erst wieder einen kleinen Danach-Artikel kann ich finden. Selbst der Liebste hat nur einen Spaziergang verbloggt. (Und ein paar Tage später hat er über das Jahr 2020 nachgedacht.)

Im Vordergrund der Schatten zweier Menschen auf gelbgrüner Winterwiese. Im Hintergrund Bäume und wolkiger Himmel mit Sonne. Der Schatten besteht aus drei Beinen, zwei Armen, zwei Köpfen und einer breiten Mitte.
Wir zwei

Immerhin bin ich bei meiner Suche über diese Geschichte hier gestolpert, die auch heute noch passt.

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Wie die Wahrheit auf die Welt kam

Sie saßen da und schüttelten immer wieder den Kopf. Unglaublich, was sie da sahen. Was sie da sehen mussten! Ab und zu rempelten sie sich an oder runzelten die Stirnen. Sie wollten es einfach nicht verstehen. Obwohl … Natürlich konnten sie es verstehen. Gut sogar. Sie waren schließlich auch mal so gewesen. Dennoch war es krass, wie seltsam sich die Menschen da unten verhielten. Behaupteten doch tatsächlich, sie wüssten es besser. Besser als andere. Sie wüssten die Wahrheit. Sie wüssten, was wirklich zählt und was wirklich wirklich ist.

Wir müssen endlich etwas unternehmen!, sagte einer der alten weisen Engel schließlich, während er sich einmal mehr die wenigen ihm noch verbliebenen Haare raufte. Aus Angst, diese auch noch zu verlieren, musste eine Lösung gefunden werden. Wir müssen einschreiten!, sagte er ein weiteres Mal.

Was willst du tun?, fragte ein jüngerer Engel, den das Getümmel auf der Erde bisweilen amüsierte. Diese Sucht der Menschen, sich ins beste Licht zu rücken! Dieses Getue, wer besser, klüger, größer, interessanter sei. Wer was besser wisse und besser könne. Darüber konnte doch eigentlich nur gelacht werden.

Ich habe eine Idee!, sagte eine jener weisen Engelinnen, die immer schon den Wunsch gehabt hatte, den Menschen zu ein bisschen mehr Durchblick zu verhelfen. Wir offenbaren ihnen die ganze Wahrheit!

Die anderen Engel und Engelinnen waren näher gerückt und nickten zustimmend. Dass sie den Menschen irgendwie helfen wollten, war bald allen klar, doch galt es, die beste Form zu finden. Die Wahrheit konnte ja alle möglichen Gestalten annehmen. Sie konnte dem einen gasförmig, der anderen als Flüssigkeit erscheinen, mal sichtbar, mal transparent, mal nur mit geschlossenen Augen fühlbar, mal auf der Haut, mal auf der Zunge und oft genug nur im Herz drin wahrnehmbar.

Endlich einigte sich die Engelschar darauf, dass sie der Wahrheit, die sich inzwischen in ihre Runde gesetzt hatte, ein möglichst prunkvolles Aussehen verleihen wollte. Eine große leuchtende Kugel würde ihrem Inhalt am besten gerecht werden, fand die Wahrheit selber. Eine Kugel, die jenen bunten Kugeln an den Decken mancher Musik- und Tanzlokale ähnelte. Grösser noch als jene dort und grösser auch als alles, was die Menschen je gesehen hatten, würde sie – an einem zuvor bestimmten Ort und für alle zugänglich – ihre Attribute der Erkenntnis an alle nach ihr Hungernden austeilen. Sie würde glitzern und glänzen, mehr als alles, was Menschenaugen je gesehen hatten. Wer die Wahrheit sähe, würde endlich alles und für alle Zeit klar sehen.

Doch ein Problem haben wir noch!, sagte schließlich der alte Engel, der die ganze Wahrheitslawine losgetreten hatte. Wie wollen wir die Wahrheit auf die Erde bringen? Daran sind vor uns ja schon viele andere gescheitert!

Alle nickten angeregt, zustimmend oder schauten nachdenklich vor sich hin.

Ichichich!, sagte der kleinste aller Engel, von allen Springimhimmelrum genannt, und hüpfte mit hochgehaltenem Finger auf und ab. Ich werde den Menschen die Wahrheit bringen!

Die einen nickten freundlich, während andere ihre englischen Stirnen runzelten. Schließlich wurden Vor- und Nachteile diskutiert und irgendwann waren sie sich einig: Springimhimmelrum durfte die Wahrheit auf die Erde bringen, wenn er es denn schaffen sollte, die große Kugel vor der gesamten Engelschar hochzuheben. Dass diese nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist, kann sich ja jeder denken.

Mutig trat Springimhimmelrum vor und lud sich unter Aufbietung seiner ganzen mentalen Kräfte die Kugel auf seine kurzen Flügel. Sein Gesicht leuchtete, als er es geschafft hatte. Großer Applaus belohnte seine Mühen.

Doch als er sich mit seinen kurzen Beinchen auf der Wolke, die ihn trug, vor den anderen verneigen wollte, geschah es: Die große Kugel rollte davon. Zu Anfang noch ganz langsam dann immer schneller hopste sie von Wolke zu Wolke. Als sie die Atmosphäre der Erde erreicht hatte, blieb ihr nichts übrig, als sich den Gesetzen der Schwerkraft und deren Wahrheit zu beugen, die sie ja immerhin auch in sich trug, da sie ja die GANZE Wahrheit war. Immer schneller fiel sie Richtung Erde und zerschellte schließlich mit einem lauten Knall auf einem Felsen. Sie war so groß, dass sich ihre einzelnen, winzigen Teilchen über die ganze Erde verteilten.

Wer immer nun auf der Erde eines dieser klitzekleinen Teilchen findet, sieht, fühlt, erkennt, durchschaut oder isst, ahnt ein klein bisschen davon, was Wahrheit sein könnte.

© by Sofasophia (2009)
Quelle: sofasophien.wordpress.com

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Ich wünsche allen Leser:innen alles Gute bei der Wahrheitfindung, im neuen Jahr und überhaupt. Herzlich bedanke ich mich bei allen für die Lesetreue.

Wem gehört unser Sterben? | Über Ferdinand von Schirachs Verfilmung ’Gott’

Was für ein Film! Ein Kammerspiel, ein Theaterstück, das den provokativen Titel ’Gott’ trägt, geschrieben von Ferdinand von Schirach, gespielt von einer kleinen Gruppe Schauspieler:innen, die allesamt in ihren Rollen überzeugen.

Wir sind als Zuschauer:innen Teil des Publikums in einem großen Tagungszimmer, das einer Verhandlung innerhalb der fiktiven deutschen Ethikkommission beiwohnt. Am Schluss dürfen wir sogar abstimmen, denn am Ende der TV-Ausstrahlungen auf ARD und SRF fand ein Voting, das auf ARD mit einer Zweidrittelmehrheit dem Antragsteller das erhoffte Okay zu seinem Anliegen erteilte. (Das Ergebnis von SRF finde ich leider nicht, gehe aber davon aus, dass es ähnlich ausgefallen ist.)

Screenshot einer Filmszene aus dem besprochenen Film. Links im Bild der Antragsteller Richard Gärtner, rechts im Bild sein Anwalt. Sie sitzen an einem Tisch, schauen nach vorne links und hören aufmerksam jemandem zu.
Screenshot einer Filmszene aus dem besprochenen Film.

Worum es geht?

»Ferdinand von Schirach fragt in ’Gott’, ob der Mensch sein Leben nach seinem freien Willen beenden darf: Ein Mann will nach dem Tod seiner Frau ein Medikament, das ihn tötet. Sein Fall wird vor dem (fiktionalen) Ethikrat diskutiert.  […]

Der 78-jährige ehemalige Architekt Richard Gärtner (Matthias Habich) möchte seinem Leben ein Ende setzen. Dies soll jedoch nicht im Ausland, sondern ganz legal mit der Hilfe seiner Hausärztin geschehen. Für Dr. Brandt (Anna Maria Mühe) kommt es aus persönlicher Überzeugung nicht infrage, ihrem zwar betagten, aber körperlich und geistig gesunden Patienten, ein todbringendes Präparat zu besorgen. Richard Gärtners Fall wird exemplarisch vor dem Deutschen Ethikrat diskutiert. Strittig ist dabei nicht die Frage, welche Formen von Sterbehilfe für Ärzte straffrei sind, sondern ob Mediziner dem Patientenwunsch eines Lebensmüden entsprechen sollten – egal ob jung, alt, gesund oder krank.

Ethikrat-Mitglied Dr. Keller (Ina Weisse) befragt die Sachverständigen und lässt so die unterschiedlichen Experten zu Wort kommen. Die Verfassungsrechtlerin Prof. Litten (Christiane Paul) und Biegler (Lars Eidinger), der Anwalt von Richard Gärtner, stehen Bischof Thiel (Ulrich Matthes) und Ärztekammerchef Sperling (Götz Schubert) dabei mit unterschiedlichen Meinungen gegenüber. Am Ende richtet sich die Ethikrat-Vorsitzende (Barbara Auer) direkt an das Publikum: Soll Richard Gärtner das tödliche Präparat bekommen, um sich selbstbestimmt das Leben zu nehmen?

[…] Der bekannte Strafverteidiger, Schriftsteller und Dramatiker von Schirach zeigt […], dass die Frage, ob ein Mensch sein Leben nach seinem freien Willen beenden darf, Teil des gesellschaftlichen Diskurses ist, aber die persönliche Entscheidung in jedem Einzelfall schwierig bleibt.«

Quelle: www.srf.ch

Unglaublich berührend und überzeugend spielt Matthias Habich den sterbewilligen Richard Gärtner. Gesund, aber lebenssatt, lebensmüde, seit drei Jahren Witwer, hat er sein Leben zu Ende gelebt. Wie er von seiner langjährigen Liebesbeziehung zu seiner Frau erzählt und wie er sich davor fürchtet, wie sie in einem Krankenhaus dahinzuvegetieren, geht mir unter die Haut.

Ich hätte ja nie gedacht, dass ich je Lars Eidinger zu seinem Schauspiel applaudieren könnte. Den Anwalt spielt er so hervorragend, dass ich ihn ihm abnehme. Keine sympathische Figur zwar, nein, aber in sich überzeugend und kompetent. Insbesondere bei seinem Schlussplädoyer hatte ich regelrecht Gänsehaut.

Doch am meisten resonierte ich mit der Haltung von Christiane Paul, die als Verfassungsrechtlerin Prof. Litten über das Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben referierte.

Ebenfalls zu Wort kamen ein Arzt und ein Bischof. Beide lehnten sie aus unterschiedlichen Gründen den Antrag des Antragsstellers ab. Auch diese Rollen waren hervorragend gespielt, auch wenn ich ihre Sicht der Dinge nicht teilen kann.

Die Frage am Schluss hallt nach: Wem gehört unser Sterben? Schon lange beschäftigt mich das Thema Suizid, habe ich doch so viele Suizide in nächster Nähe erlebt, dass eine Hand nicht mehr zum Aufzählen reicht. Allen voran mein damaliger Mann, der dabei unsern gemeinsamen, dreijährigen Sohn ’mitgenommen’ hat (siehe auch hier). Doch darum geht es mir hier und heute nicht.

Im Film ’Gott’ wird als erste die Hausärztin des Antragstellers, Frau Dr. Brandt, befragt, die dem übrigens legalen Wunsch Richard Gärtners aus ethischen Gründen nicht nachkommen kann. Sie wird vom Anwalt des Antragsstellers zu erfolglosen, missglückten Suiziden befragt und erzählt, wie schwierig das Leben von betroffenen Menschen, die nach einem solchen Unglück oft seelisch und körperlich schwer beschädigt weiterleben, aussehen kann. Daraus leitet der Anwalt über zur Frage, warum es für seinen Mandanten so wichtig sei, auf legalem Weg ein sicheres Mittel zu bekommen.

Genau da will ich anknüpfen. All den verzweifelten Menschen, die sich im Laufe meines Lebens in meiner Nähe suizidiert haben, hätte ich es von tiefstem Herzen gewünscht, dass sie die Möglichkeit gehabt hätten, legal ein todsicheres Mittel zu erhalten. Dass sie mit ihrem Sterbewunsch nicht alleingelassen gewesen wären. Dass ihr Sterbewunsch, der ja vor allem eine So-kann-und-will-ich-nicht-mehr-weiterleben-Sehnsucht ist, kein Tabu mehr hätte sein müssen, kein Verbrechen, keine Verdammnis durch bigotte Menschen, sondern etwas, worüber offen und ohne Scham und Pein gesprochen wird. Und auch ohne, dass mit einer Einweisung in die Psychiatrie gedroht wird.

Im Film werden viele Informationen und Zahlen genannt, die ich jetzt nicht mehr alle zitieren kann, doch geblieben ist mir, dass von jenen Menschen, die in ihrem Staat, rechtmäßig und ärztlich verschrieben, ein Sterbemittel erhalten haben, nur etwa ein Drittel auch tatsächlich davon Gebrauch gemacht hat. Nur schon das Wissen um die Möglichkeit, dass man sich, wenn das Leid unerträglich werden sollte, selbst von der Bürde des Lebens befreien könnte, hilft wohl beim Weiterleben. So schlussfolgere ich.

»Ist ein Mensch krank, darf er das Mittel bekommen, aber ein gesunder Mensch darf das nicht!«, höre ich zuweilen. Auch im Film sagt das jemand. (Ich weiß jetzt leider nicht mehr wer und wann. Vielleicht war es Frau Dr. Keller, die Vertreterin des Ethikrates.)

Ich aber sage: Gesundheit ist trügerisch. Weder körperlich noch psychisch gesund zu sein ist aller Weisheit letzter Schluss. Es geht vielmehr darum, ob ein Mensch dieses Leben als für sich grundsätzlich und sehr persönlich als lebenswert erfährt – und zwar langfristig. Wer die Welt und sein/ihr Leben nicht mehr erträgt, ist nicht zwingend psychisch krank.

Auch die psychische Gesundheit oder Krankheit ist ein zu berücksichtigendes Kriterium, denn was nützt ein gesunder Körper, wenn der Seelenmotor langfristig nicht mehr kann, lebensmüde, lebenssatt, erschöpft, kraftlos ist. So war beispielsweise mein Mann zwar körperlich gesund, trotzdem war er immer wieder schwer psychotisch. Eine lange, schwierige, traumatisierende Geschichte, die mit einem legal verschriebenen, tödlichen Barbiturat vielleicht anders geendet hätte, würdiger.

Ich jedenfalls habe großen Respekt vor jenen mutigen Ärzt:innen, die Rezepte für Sterbemittel ausstellen. Sie helfen den Sterbewilligen auf einem schweren Weg. (Für mich ist das übrigens eine ähnliche ethische Diskussion wie das unbedingte Recht jeder Frau auf Abtreibung.) Es ist ein Abwägen zwischen dem einen und dem andern Leid. Dem des betroffenen Menschen und dem seiner Angehörigen. Was zählt mehr? Ich vermute übrigens, dass ein legaler, angekündigter Suizid weniger Verstörung hinterlässt als ein unerwarteter.

Auch wenn es jetzt nicht zum Antragssteller im Film passt, muss ich das hier noch loswerden: Auch einer/einem Psychischkranken darf das Recht auf ein Sterbemittel nicht verwehrt bleiben, finde ich, denn nicht jede:r Psychischkranke ist therapiewillig und wirklich nicht jede psychische Krankheit therapierbar. Manch psychisches Leid ist mindestens genauso unerträglich wie manch körperliches zum Beispiel durch Krebs verursachtes Leid.

Ich weiß nicht, wie die Rechtslage in der Schweiz ist. Dank Organisationen wie EXIT ist hierzulande der Umgang mit dem Thema weniger tabubehaftet als in Deutschland, darum stelle ich mir gern vor, dass ein offener Dialog über Suizid langfristig zu weniger Suiziden führt. Nicht zuletzt, weil es sich in einer offenen Gesellschaft besser lebt als in einer bigotten.


Danke an Frau Croco, denn bei ihr habe ich das erste Mal von diesem Film erfahren, den ich mir gestern Abend in der Mediathek anschaute.

Das Leben neu denken

In bisher keiner andern Lebensphase außer der einen alles verändernden, war ich so vielen Gleichzeitigkeiten ausgesetzt wie in der aktuellen.

Gleichzeitig während ich endlich den Ursachen einer langjährigen körperlichen Erkrankung auf die Spur komme, geschehen auch innerhalb meines Seelengewandes viele umwälzende Dinge, die schon lange auf ihr Geschehendürfen und Gesehenwerden warteten. Gleichzeitig verändert sich mein Hormonhaushalt von der einen in die andere Phase, die das Älterwerden von mir fordert. Und gleichzeitig passieren auch um mich herum unfassbare, große, unglaubliche Dinge, die ich mir vor einem Jahr nicht hätte vorstellen können. Gleichzeitig resonniert alles von innen nach außen und von außen nach innen.

Wie jedes einzelne Wesen auf dieser Erde unzählige Zellen in sich trägt, die alle letztlich die gleichen Zellinformationen in sich tragen, stelle ich mir auch unsere Erde mit ihren unzähligen Geschöpfen vor. Alle, die auf ihr herumwuseln, tragen letztlich, so meine These, die gleichen irdischen Meta-Informationen in sich. Informationen über das Überleben ebenso wie über das Vergehen, über das Wachsen ebenso wie über das Sterben.

Doch ebenso wie ein Mensch allzu oft mit sich selbst im Unreinen ist und wie Widersprüche und Paradoxien Teil unserer Lebensrealität sind, bekämpfen wir Menschen auch einander. Eigene Wahrnehmungen und Erkenntnisse, Wissen und Glauben stoßen auf die Wahrnehmungen, Erkenntnisse und Fakten anderer.

Kein Wunder, dass das nicht ohne Probleme abläuft, denn noch nie haben je so viele Menschen auf dieser Erde gelebt. Zugleich gab es wohl noch nie so viele Möglichkeiten und Erkenntnisse, wie wir mit uns selbst und miteinander in Frieden leben könnten. Und noch nie hatten wir so viele Gelegenheiten, mit- statt gegeneinander zu arbeiten.

Die Welt – das Leben – immer wieder neu zu denken, ist anstrengend. Im Großen und Ganzen ebenso wie im Kleinen, im Persönlichen.

Da mein Körper jedoch nachdrücklich darauf drängt, dass ich ihm endlich zuhöre und ihn anders füttere, weil er mit manchen Dingen überfordert ist, kann ich nicht anders als ihm zu gehorchen. Und siehe da, er mag das neue Futter. Ich lerne einmal mehr, dass mich zu viele Reize überfordern. Körperlich ebenso wie mental. Im Großen ebenso wie im Kleinen.

Ich richte meinen Blick von der Übersicht zur Detailaufnahme. Von der Sorge um die ganze Welt zur Sorge für mich. Ich übe noch. Auch was die Ernährungsumstellung betrifft.

Ernährung neu zu denken heißt Gewohnheiten zu hinterfragen und das Kochen neu zu erfinden. Manchmal finde ich das eine tolle Herausforderung, manchmal finde ich es einfach nur mühsam. Ich bin müde. Dieses Jahr hat uns allen so viel abverlangt und uns an neue Grenzen gebracht. Wir sind unterwegs auf einem Marathonlauf ohne Kenntnis der Strecke und Dauer. Anstrengend.

Da tun die kleinen Erfolgserlebnisse und Glücksmomente doppelt gut. Und wenn dabei etwas so Geniales wie das Brot auf dem Bild hier dabei herauskommt, freue ich mich, dass doch nicht alles schwieriger geworden ist. Erstaunlicherweise schmeckt sogar manch Neues besser als das Altvertraute – durchaus metaphorisch gemeint.

Und auf einmal ist es kein Verzicht mehr, sondern eine Bereicherung.

Dunkles Körnerbrot auf Holzbrett auf rotem Tischtuch, rechts ein Brotmesser parallel zum rechten Bildrand
Superbrot in Action

Mein Rezept:

150g Haferflocken (z. B. 100 g kernig, 50 g zart)
80 g Leinsamen
30g Kokosschnitze (getrocknet, zerbrochen) (geht auch mit Sonnenblumenkernen)
60g gehackte Paranüsse (geht auch mit anderen Nüssen)
60g Kürbiskerne
20g Chiasamen
20g Flohsamenschalenmehl
1 TL Salz
2 EL Xylit
3 EL Pflanzenöl (Kokosfett, flüssig)
350ml warmes Wasser

Weil ich keine histaminhaltige Zutaten mehr vertrage, habe ich das Original-Rezept* meinen Bedürfnissen entsprechend angepasst.

Vorgehen: Alle trockenen Zutaten gut mischen, dann die Flüssigkeiten Öl und Wasser dazugeben, von Hand zu einer möglichst einheitlichen Masse kneten. Den Teig abgedeckt für mindestens 2 Stunden ziehen lassen. Ich habe, wie im Rezept*, das Brot in einer 25 cm langen Backform gebacken. (Bei kürzeren oder längeren Formen Zeit und Temperatur etwas anpassen.)

Im vorgeheizten Ofen 30 Minuten auf 180 Grad und 30 min auf 200 Grad und die letzten zehn oder fünfzehn Minuten je nach Brotfarbe bei 200 Grad oder bei 180 Grad (damit das Brot nicht zu dunkel wird). Die Backzeiten und Temperaturen dem Brot anpassen.

Vor dem Anschneiden unbedingt komplett abkühlen lassen, sonst zerfällt das Brot! Nach dem Auskühlen ist es fest und saftig. Und köstlich.


*Quelle: Superbrot-Originalrezept auf Youtube

Auf den Spuren des Passfälschers Cioma Schönhaus | #keinvergessen

Es war einmal. Siebeneinhalb Jahre her, sagt mein Blog. Der Liebste und ich saßen mit der lieben Frau Freihändig und dem besten Historiker Berlins in Berlin Mitte. Im Tucholskys, das es (sagt das Internet) heute nicht mehr gibt. Jedenfalls nicht mehr so, aber anders vermutlich. Nun ja, vieles gibt es heute nicht mehr, was es mal gab. Vieles hat sich verändert. Vieles ist besser geworden, vieles schlecht geblieben. Und manches ist sogar noch immer gut.

Wie auch immer. Da saßen wir also und aßen und erzählten uns von der Welt und auf einmal zog der gute S. ein Buch aus der Tasche.
Ich habe euch etwas mitgebracht!, sagte er und erzählte uns vom jungen Cioma Schönhaus, der in den Vierzigern des letzten Jahrhunderts mit seinem Talent, Pässe zu fälschen, vielen Menschen das Leben gerettet hat. Auch sein eigenes.

Das Buchcover zeigt eine Straßencafé-Szene aus den Dreißiger- oder Vierzigerjahren. Im Hintergrund eine Straße mit einem alten Auto. Das untere Bilddrittel zeigt auf einem sepiafarbenen Balken den Autornamen und den Buchtitel. Rechts auf dem Balken ist ein Passbild des jungen Autors, das, wie in einem Pass, mit dem Reichsadler abgestempelt ist. Ganz unten steht eine Kurzbeschreibung des Buchinhalts.
Buchcover

»In seinen engmaschig komponierten, fast unglaublich klingenden, anekdotenreichen Erinnerungen berichtet der Zeitzeuge Cioma Schönhaus mit Sinn für Selbstironie und Spannung aus seinem wechselvollen Leben im nationalsozialistischen Berlin.« So steht es auf der Webseite des Fischerverlags über Schönhaus’ Buch.

Selbst wenn es schon sieben Jahre her ist, hat uns dieses Buch nie mehr losgelassen. Cioma Schönhaus’ Geschichte hat sich uns unter die Haut geschrieben. Schon damals sagte Irgendlink, dass er Schönhaus’ Flucht gerne mit dem Rad nachvollziehen würde, um besser verstehen zu können.

Nachdem Cioma Schönhaus einige Zeit im Untergrund gelebt und unter dem Radar der Gestapo Pässe und andere Papiere für andere gefälscht hatte, flog er eines Tages auf und wurde schließlich steckbrieflich gesucht. Dieses Buch, der erste Teil seiner Autobiografie, erzählt unter anderem sehr detailreich von seiner Flucht in die Schweiz, die ihm teils mit dem Fahrrad, teils zu Fuß gelang. Selbstverständlich mit selbst gefälschten Dokumenten.

»Sein Bericht zeugt von Intelligenz und Einfallsreichtum, von Lebenslust und auch von Leichtsinn. Er begegnete vielen ebenfalls in Not geratenen Menschen, u.a. Renate, der Tochter des Theologen Jochen Klepper, die sich der Deportation zusammen mit ihren Eltern durch Selbstmord entziehen sollte, und der berüchtigten Stella Goldschlag, die als sog. U-Boot Juden in ihren Verstecken an die Gestapo verraten musste.« (Fischerverlag)

Heute erinnern wir uns zum 82. Mal an die Novemberpogrome von 1938, die einen wesentlichen Auftakt zum zweiten Weltkrieg darstellen. Kein Vergessen. Niemals.

Antisemitismus, Rassismus und Flucht sind leider noch immer hochaktuelle Themen. Themen, denen sich Irgendlink ab heute in einem eigens dafür gestalteten Blog zuwenden wird: Eine virtuelle Blogreise auf den Spuren des Cioma Schönhaus.

Auf Passfaelscher.de zeichnet er aus heutiger Sicht den Fluchtweg Cioma Schönhaus’ nach. Wie wäre das alles in unserer Zeit? Was wäre wenn?

Da eine physische Radtour pandemiebedingt derzeit nicht möglich ist, wird er die Fluchtstrecke vom Schreibtisch aus nachradeln*.

Ich freue mich, wenn die eine oder der andere meiner Leser:innen sich mit uns auf diese Reise machen mag. Der Anfang ist gemacht.


Cioma Schönhaus, Der Passfälscher – Die unglaubliche Geschichte eines jungen Grafikers, der im Untergrund gegen die Nazis kämpfte
FISCHER Taschenbuch
Erschienen am 01.07.2006
240 Seiten
ISBN: 978-3-596-16446-2


*Eine erste (teil-)fiktive Radtour in zwei Etappen schrieb er während des Lockdowns im Frühling 2020: Zweibrücken-Andorra und Andorra-Bretagne.

Dem Gewitter davonlaufend

Wieder einmal haben wir die Gewitterwarnungen ignoriert. Ist ja noch ewig hin. Um 18 Uhr sind wir sowieso wieder da. Sagen wir. Und die Wahrscheinlichkeit ist eh nur bei 30%.

Wir wollten gestern ja einfach nur baden und wandern. Und dazu war das ein perfekter Tag. Endlich nicht mehr so heiß.

Nicht zu weit weg wollten wir, darum schlug ich den Ohmbachsee vor, in welchem wir schon vor einem Monat geschwommen sind. Die Wanderung dazu hat uns das Internet vorgeschlagen und weil ich die entsprechende App nicht habe, übertrug ich einfach ein paar Eckpunkte in meine GPS-App. Der Rest würde sich finden, und tat er auch.

Blick zurück in den Wald, auf dem Weg liegt bereits dichtes Laub. Die Bäume sind noch grün.
Im Wald.

Vom Parkplatz am Westzipfel des Sees aus wanderten wir im Uhrzeigersinn Richtung Nordosten. Nach einigen Kilometern auf einem asphaltierten Wanderweg tauchten wir endlich in den Wald ein, fast wie in Schweden murmelnd, und genossen die relative Kühle. Herrliches Gewölk über uns, das sich nach und nach grauer färbte; und als wir gerade ein Gehöft passierten, fielen ein paar erste schwere Tropfen.

Sollen wir uns unterstellen, bis der Regen, das Gewitter, vorüber ist? Wir überlegten kurz. Warten auf ein vielleicht nicht eintreffendes Gewitter oder weiterlaufen? Was wäre, wenn wir ins Gewitter kämen? Wenn wir klitschnass würden? Bis zum Auto waren es etwa vier bis fünf Kilometer. Als nach den ersten dicken Tropfen keine weiteren mehr folgten, wanderten wir entschlossen weiter. Im Wald würden die Bäume den Regen abhalten, zumindest eine Weile. Wir wanderten ziemlich zügig voran, denn trotz allem war von oben nass zu werden nicht wirklich das, was wir wollten. Lieber von unten, im See. Aber das könnten wir uns vermutlich abschminken.

So wanderten wir südwestwärts und hörten das sich nähernde Gewitter hinter uns, links von uns. Der Wind lärmte übermütig in den Bäume und wir schielten zwar ab und zu auf die Karte, um herauszufinden, wie weit es bis zu der nächsten Unterstellmöglichkeit  wäre, doch richtig Angst hatten wir erstaunlicherweise nicht.

Unsere worst cases: Klitschnass werden und/oder vom Blitz getroffen werden. Wir haben Glück im Unglück, sagen wir zueinander, wenn es anfängt zu blitzen, halten wir uns einfach an den Händen, dann trifft es uns beide gleichzeitig. Galgenhumor.

Das Gewitter rumpelt mal näher, mal ferner, aber der Regen bleibt aus. Wir erreichen den Ort Gries ohne nass zu werden. Der Himmel vor uns klart auf, hinter uns ist er noch immer grau, aber das Gewitter hat eine andere Richtung eingeschlagen als wir.

Schließlich erreichen wir den Ostzipfel des Sees und beschließen den See außenrum zu umwandern, um so wieder zu unserer Badestelle vom letzten Mal zu gelangen, denn jetzt gibt es kein Halten mehr. Wie erwartet sind diesmal kaum Menschen am See. Die Luft hat etwa 24 angenehme Grade, das Wasser dürfte ähnlich warm sein. Nachdem ich aus dem Wasser steige, dünkt es mich gar, die Luft sei kühler als das Wasser. Herrlich erfrischend ist die lauwarme Brühe dennoch.

Vorne dürre Wiese, in der Mitte der See mit Irgendlink darin, hintendran hügelige Wiese mit Bäumen
Am See

Wir ziehen uns an, bevor wir frieren und wandern zurück zum Auto. Elf Kilometer sagt die App, inklusive des kleinen Stücks Irrweg. Auf dem Rückweg wird der Himmel wieder grau und dunkel. Da haben wir ja echt mal wieder Glück gehabt.

Blick aus dem Autofenster: Links rote Ampel, darüber dunkle Gewitterwolken, darunter Häuser und Autos.
Auf dem Rückweg.

Und als wir zuhause in der Künstlerbude hocken, regnet es dann doch noch. Ein bisschen.

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