Schraube locker

Es war einmal ein Crosstrainer. Der lebte zwar glücklich und wurde von seiner Halterin Sofasophia hochgeschätzt, doch es fehlte ihm zum vollkommenen Glück eine sehr wichtige Schraube. So kann es gehen im Leben. Dass ein derartiger Mangel nicht ganz unerheblich ist, kann sich Leserin und Leser gewiss denken.

Weil Sofasophia gut für ihn sorgte, machte sie sich auf die Suche nach Ersatz für das ausgeleierte Teil und wurde alsbald jenseits der Grenze fündig. Die neue Schraube erfüllt ihre Aufgabe gut, hat aber nicht ganz die perfekten Maße. Dennoch konnte nun der treue Crosstrainer wieder rund laufen und seiner Halterin dabei helfen, ihren enormen Bewegungsdrang auszuleben. Noch joggt sie zwar fast täglich draußen, doch schon bald wird es nach Feierabend zu dunkel sein für ihre geliebten Waldrunden. *snieff*

Wie gerne würde sie ihrem Crosstrainer zu einer perfekt passenden neuen Schraube verhelfen! Auch er soll schließlich glücklich sein!

Wer weiß Rat?

schraube-locker2

bin reich

Wer angefangen hat und wie, weiß ich nicht mehr. Plötzlich sind wir jedenfalls bei den Microfiches gelandet, mit denen wir uns in einem unserer früheren Leben abgemüht haben. Genau! Jetzt weiß ich es wieder! Wir sind über das Thema Recherchieren dort gelandet, G. und ich. Heute Vormittag in der Pause war das. Wie spannend doch Recherchieren früher war! Bücher schleppen. Buchstaub schnuppern. Lesen. Blättern. Suchen. Richtiges Suchen meine ich. Sich dazu Notizen machen. Richtiges Papier beschreiben.

Heute beantworten Wiki und Google alle unsere Fragen. Mögen sie noch so dumm sein. Und mögen die Antworten nun wahr sein oder nicht. G. und ich lachten über unsre damaligen Berührungsängste vor dem PC. Und darüber, wie wir sie eines Tages überwunden hatten. Wir grinsten über Floppydisketten, die heute kaum ein PC mehr lesen kann. Und wir lästerten über den Segen des schnellen Lebens und die Machbarkeit. Und darüber, wie selbstverständlich uns die virtuelle Welt doch geworden ist!

Als ich ein paar Stunden später in der Marktgasse im Migros-do-it-Baumarkt eine Schieblehre kaufen wollte, hätte ich sie mir einmal mehr gewünscht, jene googlsche Suchfunktion und Finden-Fähigkeit der virtuellen Scheinwelt. Aber nur ganz kurz, denn sie hätte mir das kurze Gespräch mit dem süßen Verkäufer verunmöglicht, der mir alle drei vorrätigen Schieblehren mit großem Geschick vorführte und mir ihre Vor- und Nachteile ausführlich erklärte. Ich machte auf Banausin. Gut, dass ich kein Computer bin. So tun als ob können die nämlich nicht.

Später betrat ich eine von Berns anarchistischen Zonen. Nein, ich war nicht in der Reitschule, ich war im dritten Stock des Kaufhauses Loeb und  erstand zur Geburt des inzwischen bereits dreieinhalb Wochen alten Little-B. ein paar bunte Nuschelis (wie wohl diese Dinger hochdeutsch heißen?). Wusste gar nicht, dass es da so große Auswahl gibt.

Auf allen anderen Loeb-Verkaufsetagen herrscht sterile Ordnung, doch hier pulsiert das pure Leben. Maaama!, ruft der Dreikäsehoch von der Ecke hinten links. Eine andere Mutter hat derweilen zwanzig Faserpelz-Jäckchen auf dem Boden ausgebreitet, die ihre rosa Prinzessin anprobieren soll. Und da drüben rennen zwei Kerlchen um die Wette. Allüberall Frauen, die fachsimpeln.

Ein großes Kaufhaus, viele kleine KönigInnenreiche. Die ganze Welt auf ein paar Quadratmetern. Mini-Universum.

Wie sehr ich mich zusammenreißen musste, nicht in den untersten Stock zu gehen! Nein, keine Bücher heute! Ich habe heute schon genug Geld ausgegeben. Zum Beispiel für die schönen Stiefel, die sich mir in den Weg gestellt haben. Wie eine meiner vielen Geschichten, die auf einmal da ist, standen sie plötzlich vor mir. Gesucht hatte ich sie nicht. Aber gefunden. Oder sie mich? Siehe oben > Suchfunktion und so. Sie sitzen wie eine zweite Haut. Wer kann da schon widerstehen?

Wo gestern noch einundzwanzig Stutz auf dem Lohnkonto waren, ist heute wieder ganz viel Kohle zum verheizen! Heute bin ich wieder wer! Heute ist Zahltag! Jippie! Geld haben ist kuhl. Und Geld ausgeben auch. Wozu sonst ist das Zöix denn da? 😉

Abgehakt

Fünfe grad sein lassen? Leider nicht. Der Sigrist der Kirche von L. konnte es nicht lassen, auf der Tafel, die die Nummern der Lieder anzeigt, die falsch aufgehängte Fünf umzudrehen. Dabei war es gerade sie gewesen, die mir Mut zur Unvollkommenheit zugeblinzelt hatte.

Vor dem heute endlich stattfindenden literarischen Gottesdienst – StammBlogLesende wissen wie sehr ich im Vorfeld daraufhin gelitten und mich über meine Zusage nachträglich geärgert habe – trafen Pfarrer H. und ich uns nochmals zum definitiven Soundcheck mit dem Mikrofon. Noch einmal las ich meine Texte und noch einmal musste ich mir von ihm sagen lassen, dass ich undeutlich lese, dass ich die Endsilben verschlucke undundund. Doch diesmal nahm ich es mit mehr Humor als bei der Leseprobe vor einigen Wochen. Was hatte ich denn wirklich zu verlieren?

J., der zu meiner moralischen Unterstützung mitgekommen war, war genau dies. Seine Anwesenheit half mir, mein mentales Gleichgewicht zu bewahren und mich dem Strom, den ich vor ein paar Monaten bejaht hatte, hinzugeben. Noch am Morgen hatte ich zu ihm gesagt: Ich gehe einfach nicht hin! Im Brustton halbherziger Überzeugung allerdings nur.

Und nun saß ich also da, auf meinem Platz in der hintersten Reihe, von wo aus ich einen ersten lyrischen Text vortragen sollte um nachher in der vordersten Reihe Platz zu nehmen. Saß und nahm das Dröhnen meines Herzschlags wahr. Hörte die Kirchenglocken verhallen. Ließ mich vom Eingangsspiel auf dem Flügel einlullen und vergaß dabei beinahe, dass ich nicht in einem Konzertsaal war. Und dass ich jetzt dran war. Jetzt.

Irgendwie geht alles gut. Das Lesen macht sogar irgendwie Spaß, ich gestehe es. J. nickt mir ermutigend zu, als ich wieder meinen Platz neben ihm einnehme und wir bringen Predigt, Lieder und das ganze Brimborium hinter uns. Im anschließenden Apéro, bei Zopf, Käse und anderen Leckereien, lasse ich mich auf das eine oder andere ermutigende Gespräch ein und erfahre dabei, dass meine zweiteilige Geschichte offensichtlich den einen und anderen Menschen berührt hat. Und gehört wurde. Und verstanden.

Riesiger Felsblock, der mir vom Herzen fiel. Große Erleichterung. Und auf einmal große Müdigkeit. Und ich kann endlich wieder tief durchatmen.

getroffen

Es ist Herbst. Sie schießen wieder. Männer! Männer und Motoren! Männer, Motoren und Straßen. Kann das gut gehen?  … in solchen Klischees zu baden, meine ich natürlich … 😉

Nichts böses ahnend, radle ich meine Straße entlang. Richtung Büro. Der erste Schuss trifft mich am Unterschenkel. Gleich darauf einer am rechten Knie. Hey, Mann, pass doch auf!, sage ich. Hören tut er mich nicht. Er trägt Ohrenschützer und ist sich der Gefahr, in der seine Mitwelt schwebt, höchstens am Rand bewusst. Er fräst in Gedanken versunken weiter, ungeachtet der spitzen Steine, die er aufwirbelt. Die Motorsense, mit der er den Grasstreifen zwischen Straße und Radweg bearbeitet, zwischen den Beinen. Potenz der etwas anderen Art. Eben so doof, diese Erfindung, wie der Laubbläser. Als ob es effizienter wäre, mit Luft Laub zu stapeln, als mit einem Laubrechen. Beppo, Momos Straßenkehrer, kommt mir in den Sinn. Schritt – Atemzug – Besenstrich. Und auf einmal ist die ganze lange Straße gekehrt.

Geihts no?, frage ich. Nicht den mähenden Mann von der Straße, nein, doch die Männer, die in solchen Dingen das Sagen haben. Denn das müssen Männer sein. Geihts no? Da reden alle von Klimaerwärmung und C02-Senkung, doch unter dem Strich tun sie nicht. Tun wir nichts. Null Komma gar nichts, wie meine Arbeitskollegin M. bei jeder unpassenden Gelegenheit sagt. Dabei wäre es a.) gesünder, b.) klimaverträglicher, c.) ungefährlicher und d.) lärmfreier, wenn die Männer vom Straßendienst statt Motorsensen richtige Sensen gebrauchen würden. Und, wo wir dabei sind, auch gleich richtige Laubrechen statt den Bläsern. Und natürlich würden wir alle mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren!

Geihts no? – Auch so ein Ausdruck, der zum Grundwortschatz potentieller Bernheimsuchender gehört. Und auch ‚geihts no?‘ ist – wie äuä – multifunktionell. Siehe gestern. Es heißt sowohl ‚Spinnst du?‘ als auch ‚Danke! Was für eine schöne Überraschung! Damit hätte ich nicht gerechnet!‘ Die eigentliche Bedeutung lässt sich nur am Klang heraushören. Und am Glitzern der Augen.

Ja, ja, Bern und seine sprachliche Besonderheiten!

Ach, und übrigens … Hier gibt es ihn noch, den Majestatis Pluralis, den der Rest der Welt als ausgestorben betrachtet! Chöitr mr säge, wo‘s düregeiht zum Bahnhof?, fragt jemand einen ortskundigen Menschen, wenn er sich verirrt hat. Nicht ‚können Sie mir …?‘, sondern ‚könnt ihr mir …?‘. Niemand sagt hier Sie. Höfliche Anrede gleich Ihr.

Dennoch … ich mag natürlich auch viele andere Dialekte. Büündnerdütsch zum Beispiel. Oder wolliserdütsch, obwohl ich davon höchstens die Hälfte verstehe und bei ‚schi chuunt ai‘ an englisch denken muss, obwohl das bloß bedeutet, dass sie auch kommt. Lozärnerdütsch mag ich ebenfalls mit seinen rüdig-derben Ausdrücken.

Mit baaseldiitsch und den Ostschweizer Dialekten habe ich wenig am Hut, obwohl ich ganz liebe Freundinnen und Freunde, die so sprechen, habe.

Doch auch bayrisch gefällt mir, denn so spricht Luisa. Dann mag ich auch schwäbisch. Pfälzisch. Hamburgisch. Berlinerisch. Hach, diese Vielfalt! Gut hinhören, mit dem Herzen! … und auf einmal wird jede Sprache zur Offenbarung. Und zur Übung in Toleranz.

Na ja, Toleranz hin oder her: Wäre es denn nicht einfach schöner, die Berner Straßenkehrer hätten richtige Sensen und Laubrechen?

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

EDIT: Eben als ich vorhin auf Veröffentlichen geklickt habe, ging draußen der Lärm los. Na? Was wohl? Das Gärtnerteam bläst Laub! *grmpf*

äuä eine Liebeserklärung

Als ich vor – huch! – einundzwanzig Jahren zum ersten Mal nach Bern zog, ahnte ich noch nicht, dass die Liebe zu dieser Stadt länger anhalten würde als meine damalige Liebesgeschichte, denn auch später bin ich immer wieder hier gelandet. Ich möchte mal einen Berner heiraten!, hatte ich als Teenie meiner damals besten Freundin anvertraut, mir gefällt dieser Dialekt so gut. Gesagt, getan. Wobei … K. hätte ich damals äuä auch genommen, wenn er Zürcher gewesen wäre. An der Trennung war denn auch nicht die Sprache schuld.

Ich gebe es trotzdem zu: Wie jemand spricht, spricht mich an. Oder eben nicht. Ähnlich wie Gerüche gehen auch Stimmen und Redewendungen in meinem Inneren ganz seltsame Wege. Sie berühren mich unvermittelt – oder eben nicht. Gerüche, Stimmen, Geräusche und Wörter verwandeln sich in meinem Inneren in Farben. Menschen speichere ich in mir als Farben ab – und als Geschmack auf der Zunge. Nix Esoterik, nein, ich sehe keine Auren! Ich ticke einfach so. Immer schon. Seit ich gelesen habe, dass dieses Phänomen einen wissenschaftlichen Namen hat, habe ich keine Hemmungen mehr, darüber zu reden (obwohl ich den Namen des Phänomens längst vergessen habe. Keine Beweise also!).

Sorry, ich schweife ab. Wollte doch über jenes Wort schreiben, das …

Nein. Halt. Vorgreifen will ich nicht. Mein Leben in Bern. Die erste Runde vor einundzwanzig Jahren. Buchhandlung S., wo ich damals meinen zweiten Beruf erlernt hatte. Meine Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen wurden nicht müde, mich meines Dialektes wegen zu necken. Nicht, dass der so besonders wäre. Eher das Gegenteil. Das Aargau ist sprachlich und geografisch einfach immer irgendwo dazwischen. Für Berner Ohren mag mein Dialekt sogar zürichdeutsch klingen, auch wenn ich das nicht verstehen kann. Und das war denn auch ihre Hauptneckerei. Denn zwischen Bern und Zürich liegen Welten, nicht bloss ein paar Kantone!

Längst habe ich meinen alten Mitbuchhändlern und -buchhändlerinnen ihre Foppereien verziehen. Später, als ich ein paar Jahre in Zürich gelebt hatte, wurde ich umgekehrt immer wieder gefragt, ob ich Bernerin sei. Hm. Das hörte ich, ehrlich!, doch viiiel lieber als die Frage, ob ich Zürcherin sei. Obwohl ich auch Zürich liebe. Die Stadt. Die Menschen. Und mein lieber Freund M. gab niemals auf, seine Aufgabe als  mein Mitbewohner als Entwicklungshilfe in Metropolität zu betrachten. Dennoch mag ich die gemächlichere Gangart der Bundeshauptstadt lieber als die Hektik jener gernegrossen City an der Limmat.

Ich schweife schon wieder ab, verzeiht. Mit Umwegen über das Tessin und das Aargau  – gopf, oder heisst es nöime der Tessin und der Aargau? – bin ich dann doch wieder hier gelandet. Im Kanton meines Herzens. Ja, auch damals der Liebe wegen. Vor allem aber, weil ich mich hier einfach zuhause fühlte. Und es noch immer tue.

Die vielen Berner Jahre haben  meine Aargauer Dialekt dennoch nicht aufgefressen. Mein Assimilationsbestreben zielte nie daraufhin, mich und meine Sprache zu verleugnen. Es genügte mir, umgeben von dieser Sprache zu leben, in den Klängen dieser Sprache zu baden. Jeden Tag von neuem. Dennoch habe ich natürlich ein paar Fetzen verinnerlicht. Ohne es zu merken. Angefangen bei der Satzstellung. Zum Beispiel sagt die Bernerin in mir ‚wo-n-ig es paar Jahr ha z’Züri gläbt‘ statt meiner Aargauerin‚ die natürlich ‚wo n i es paar Johr z’Züri gläbt ha‘ sagt. Auch die Artikel mixe ich ebenfalls oft, ohne es zu merken. Oft Neutrum statt männlich oder weiblich. Das Agenda statt die Agenda zum Beispiel. Und natürlich sind da ein paar eigenwillige Begriffe wie nöime für eventuell oder irgendwo, die aus meinem Wortschatz nicht mehr wegzudenken sind.

Doch – und jetzt komme ich endlich zur Pointe! Selber schuld, ihr lest hier freiwillig! – das genialste Wort, das zugleich die Gemütlichkeit und Lebenskunst, Bernerin oder Berner zu sein, aufs Genauste illustrier, das Berner Universum gleichsam, besteht aus nur drei Buchstaben!

Kommst du als Fremdling nach Bern, genügt es, dieses eine Wort, je nach Bedarf anders betont, anzuwenden und alle Einheimischen akzeptieren dich als einen oder eine der ihren! Just try! Darfst einfach sonst nix sagen, sonst merken sie, dass du Import bist.

1.) äuä = ausgesprochen: äuäää? mit fragendem Ton und langem zweiten ä > Soll ich dir das wirklich glauben? Du veräppelst mich bestimmt!

2.) äuä = ausgesprochen: äuä? mit fragendem Ton > ähnlich wie 1.) doch im Klang weniger fragend, mehr bestätigend, bedeutet: Ja, es ist wahr, obwohl es verrückt klingt!

3.) äuä = ausgesprochen: äuä. Kurzes zweites ä. > Ja! So ist es! Kann auch als äuä scho! daher kommen und heißt ebenfalls ja.

4.) äuä = ausgesprochen: äääuä?! Fragender Ton, doch abschließend die Stimme senken > Nein. Definitiv nicht. Vergiss es!

Doppelmoral? Na ja … ich weiß ja, dass wir Leute aus Bern (zwar ist Gstaad im Berner Oberland, doch über Polanski möchte ich hier nicht schwadronieren) zuweilen nicht so recht wissen, was nun eigentlich gelten soll, was Irgendlink bewiesen hat, dennoch meinen wir es meistens nicht böse. Wir Berner und Bernerinnen.

+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Treffen sich eine Bernerin und ein Berner am Loebegge*:

– äuä!
– äuä?
– äuä …
– äuä.

___________________________________________

* waaas? Du kennst den Loebegge nicht?

Die Fremde in dir

Eigentlich wollte ich mir gestern Abend mal wieder Antonia‘s Line anschauen, meinen Lieblingsfilm. Mutmachmedizin. Als ich in meiner DVD-Sammlung stöberte, fand ich Jodie Foster. Die Fremde in dir. Schnäppchenkauf. Ganz vergessen, dass ich den habe. Nie geguckt, obwohl Jodie Foster eine meiner Lieblingsschauspielerinnen ist. Wenn nicht gar die liebste. Nicht nur, dass ich sie eine sehr schöne Frau finde, mir gefällt auch, welche Filme sie dreht, welche Rollen sie wählt. Angefangen bei Papermoon, meiner Lieblingsserie, als ich ein Kind war. Als Tochter eines nicht ganz luschen* Bibelverkäufers, zog sie mit diesem übers Land. An die Geschichten erinnere ich mich nicht mehr, nur an die Stimmung. Diese Mischung aus Roadmovie und Kratzen am American Dream … Freiheit, Abenteuer, ein Leben voller Entbehrungen. Mit ganz viel Humor gelebt und mit nicht immer ganz legalen Überlebenstricks …

Jodie Foster wählt archaische Themen und lässt mich dabei an Fred Vargas, meine französische Lieblings-Krimiautorin denken. Da berühren wir Themen wie das Böse, die Angst vor dem Unbekannten, kollektive Wut. Siehe Nell. Siehe The Silence Of The Lambs.

The Brave One – schlecht übersetzt mit Die Fremde in dir. Obwohl der Titel mit der Aussage des Filmes übereinstimmt, hat er doch mit Tapferkeit, die der Originaltitel ansagt, nichts zu tun. Denn Tapferkeit braucht es in der Tat, um nach einem Überfall wie jenem, den die Radiosprecherin Erica Bain (Foster) erlebt hat, weiter zu gehen. Ihr Verlobter hat dabei sein Leben verloren. Von der New Yorker Gang, die sie angegriffen hatte, fehlt jede Spur. Erica mutiert zum Racheengel und bringt mit einer schwarz gekauften Pistole einige brutale Männer um. Ohne dass die Hände zittern. Detective Mercer, frisch geschieden und im Laufe der Story sichtbar angetan von Erica, ermittelt in diese Mordfällen. Als er ahnt, dass Erica dahinter steckt …

Nein. Weiter erzähle ich nicht. Auf alle Fälle ein unkonventioneller Filmschluss.

Jodie Foster überzeugt als Erica hundertprozentig. Die Kameraführung lässt ihre Ängste vor der Nacht, vor dem unbekannten Feind da draußen, geradezu greifbar werden. Sympathie zur Mörderin, zur Rächerin ist unvermeidbar.

_______________________________________________________________________

* lusch (luusch gesprochen) = berndeutsch für zwielichtig

+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Ach noch was:
Eben habe ich was Tolles auf Cineman gesehen: Stieg Larsson kommt ins Kino!
Filmstarts:
Verblendung ab 15. Oktober in der Deutschschweiz
Verdammnis am 9. Oktober (vorerst im Tessin)

to be or not to be

Montagabend kurz nach sechs. Irgendwo in der südlichen Pfalz. Während sich zwei mit dem Leben zufriedene Menschen auf einem Bahnsteig voneinander verabschieden, beschließt woanders ein Mensch, dass er genug vom Leben hat. Er – oder sie – macht sich auf den Weg. Dem letzten. Legt sich auf die Schienen. Stirbt.

Was sind gemessen an der Länge und Tiefe eines Menschenlebens jene Stunden Verspätung, mit denen ich heute Nacht um viertel vor zwei zuhause eintraf?

Zwischen H. und Mannheim ließ ich die vergangenen Tage Revue passieren. Ab Mannheim dann Ausnahmezustand. Bereits da die erste Verspätung. Sechsundzwanzig Minuten. Bauarbeiten. Karlsruhe. Wir stehen bereits eine Viertelstunde, als uns erklärt wird, dass wegen eines Personenschadens der Zug erst in einer halben Stunde fahren würde.

Nach einer Stunde hieß uns die Stimme aus dem Off den Zug verlassen und jenen gegenüber besteigen. Den eine Stunde später eingetroffenen. Es war kurz vor zehn, als ich neben einer sympathisch aussehenden deutschen Frau, die in Zürich lebt, Platz nahm. Schon bald unterhielten wir uns über Gott und die Welt. Und über Pannen. Über das Scheitern auch. Und über Erfolge. Über das Reisen und Ankommen, Umziehen und die Heimat, die nirgends ist. Und überall. Stellten fest, dass wir uns in ähnlichen Kreisen aufhielten. Gemeinsame Bekannte wurden geortet und schließlich packte ich meinen Reiseproviant aus: Zwetschgen aus der Pfalz. Irgendwann fuhr der Zug los. Halb elf oder so. Wir Reisenden jubelten. Feststimmung. Und irgendwann unterwegs wurden wir von einer Schaffnerin darüber ausgeklärt, dass es ab Basel Badischem Bahnhof Taxis gäbe. Darauf hatte ich ab Karlsruhe bereits vertraut. Und darauf, dass ich wohlbehalten zuhause anlangen würde. Irgendwann.

Viertel nach Mitternacht. Badischer Bahnhof. Hundert Menschen drängen sich zum Service Point. Ellbögeln diskret. Ich auch, ich geb es zu. Bin müde. Nach Zürich?, ruft der Typ hinter der Theke. Die Zürcherinnen und Zürcher drängen in den Raum und werden Taxifahrern zugeteilt. Vier pro Fahrer. Viererpakete. Nach Luzern kommt Bern. Artig folgen wir zu viert unserem Chauffeur. Eine zufällige Mischung von Menschen, die sich unter anderen Umständen nie – nie so – getroffen hätten. Ich darf vorne sitzen. Plaudere mit dem türkischen Fahrer, der einen Rosenkranz hat. Und braucht. Scheint müde zu sein, der Mann. Hinter mir zwei Marathonlaufende. Eine Bernerin und ein Zugezogener, wenn ich den Dialekt so höre. Gopf, wieso kommt mir das Gesicht der Läuferin bloß so bekannt vor. Ich spitze die Ohren. Aha, jetzt fällt der Groschen: Gring ache u seckle.

Was alles in Bewegung gesetzt wird, wenn ein Mensch beschließt zu sterben.

Ich dagegen lebe gern. Und gut. Und aktuell sehr genussvoll. Ein Wochenende voller Kunst liegt hinter mir – mit allen ihren Facetten.

Am Samstag die Ausstellung im Restaurant Zett, für die Irgendlink Fotos für S. zu machen versprochen hatte. Danach einkaufen. Später, beim Joggen, stelle ich fest, dass ich meinen Flow wiedergefunden habe. Meine schwedische Ruhe und Gegenwärtigkeit. Während ich dem Grat entlang renne, begreife ich – wie immer mal wieder – , dass Glück immer gegenwärtig ist. Einfach da. Im Sein. Und eigentlich brauche ich dazu nicht etwas – nicht Menschen, nicht Dinge. Einzig meine Sinne. Weit offen. Auf Empfang. Seit ich nicht mehr rauche, kann ich noch besser riechen als zuvor. Wie wunderbar Zitronenmelisse doch duftet. Zum Beispiel.

Der Sonntag machte – zumindest vorerst – seinem Namen alle Ehre. Yoga im Garten. Glück dauert länger als drei Minuten. Eindeutig. Sonne kitzelt mich an der Nase, als ich sie begrüße.

Wir beschließen beim späten Frühstück – Nachstück könnte es auch heißen, finde ich –  eine Fahrradtour nach Rosenkopf zu unternehmen. Artur Bozem, seines Zeichens Kunstmaler, hat Tag des Offenen Ateliers. Über Hügel und durch Täler fahren wir. Wald und Wiese. Sonne. Allmählich ziehen Wolken auf.

Während wir Arturs Bilder bestaunen, entlädt sich ein heftiges Gewitter über die Landschaft. Monika, ebenfalls mit eigenen Bildern anwesend, bietet uns an, uns heimzufahren. Wird nicht nötig sein, sagen wir. Es wird aufhören. Tut es dann auch. Doch bis dahin genießen wir das Ambiente, Kaffee und Kuchen und tauschen uns über Kunst aus. Über das Finden im Unabsichtlichen. Artur sagt, dass seine Bilder eine Begegnung von Absicht und Idee sowie jenem nicht machbaren Moment der Inspiration sind. Zufall. Musekuss. Sternstunde. Der Name ist egal. Das Ding, das Kunst von Künstlichkeit unterscheidet.

Arturs Bilder sprechen für sich. Besonders seine Akte und Halbakte sprechen mich an. Und diese Komposition hier, die in meinen Augen zu klingen beginnt, wenn ich davor stehe.

artur bozem_sofasophia_pic by juergen1

© Pic by Mösiö Irgendlink

In der Nacht darauf träume ich, wie ich ein paar von Arturs Bildern in meinem Wohnzimmer aufhänge. Im Reallife schenke ich mir immerhin zwei Miniaturen von Artur und eine von Monika. Irgendlink haben es ebenfalls zwei Bilder aus dieser auch für Sterbliche wie uns erschwinglichen Sammlung angetan. Gut verpackt überstehen die Bilder sogar unsere Heimfahrt bei Luftfeuchtigkeit 90. Nein, regnen tut es nicht mehr. Wie frisch gewaschen tut die Welt. Dunst steigt auf. Atmen lässt sich leicht, trotz der Hügel.

Wie schnell doch die Zeit vergeht. Floskelfloskelblablabla. Vergehen nicht eher wir? Auf der Zeitachse der Illusion vorwärts schreitend? Am Sonntag noch hatte ich geglaubt, auf dem einsamen Gehöft zeitlose Ewigkeit gefunden zu haben. Tricksendes Gehöft. Irgendwie und irgendwann am Montagnachmittag behaupten nämlich die Zeiger auf der Uhr, dass es nun viertel nach fünf sei. Dass ich schon bald im Zug sitzen soll. Packen ist angesagt. Spuren verwischen. Es wird aussehen, als wäre ich nie dagewesen.

Mein Gastgeber erntet Zwetschen, Äpfel und Nüsse für mich, während ich mir ein Sandwich schmiere. Reiseproviant.

Während sich in H. zwei Menschen zum Abschied umarmen, beschließt woanders ein Mensch, dass er genug vom Leben hat. Er – oder sie – macht sich auf den Weg. Den letzten.