BioSophien

Das Messer hatte offen dagelegen. Seit Wochen schon. Es zu sehen, hätte bedeutet, sich die Verletzungsgefahr bewusst zu machen. Mit ein paar Eiswürfeln stillt sie das Blut, betäubt sie den Schmerz. Wir wissen nicht, weshalb sie weint, denn die Wunde ist nicht tief. Schmerzen tut sie trotzdem, doch sie beißt auf die Zähne.

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Durchs Teleobjektiv sieht jedes Jetzt – deins, meins – aus wie ein gerades Stück Weg. Aus Distanz erst erkennen wir Mäanderschlaufen: Bögen, Kurswechsel und Umwege. Mal kantige, mal weichgezeichnete. Dickere und dünnere. Jahresringen gleich.

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Was gäbe ich zuweilen darum, in mir drin einen Schredder zu haben. Was im Büro eine Selbstverständlichkeit ist, müsste doch auf unserer BioFestplatte auch serienmäßig installiert sein! Wo bitte kann ich mich aufrüsten lassen?

Ge(steins)schichten

Erst kurz nach halb zehn. Freitag – Freier Tag. Habe wenig geschlafen und bin, wie so oft, wenn ich nicht zur Arbeit muss, voller Ideen erwacht. Kippte Wörter aus Kopf und Bauch auf Papier.

Ausgelöst durch das aktuell so intensive Eintauchen in die Lebensgeschichten anderer und einem Gespräch neulich über das Leben früher – vor sieben Jahren zum Beispiel –, zog ich mein damals säuberlich ausgedrucktes Tagebuch aus der schweren Schachtel voller Alltagserlebnisse. Hätte ich besser bleiben lassen, denke ich nach fünf Minuten Blättern im Bett. Heavy Stuff. Nein. Schon gut so. Veränderungen zu sehen tut gut.

Bin das ich, die das schrieb? Die das erlebt hat?

Oktober 2002: Massive Depression. Sinnsuche. Leere. Sehnsucht nach dem Tod. Nach Erlösung zumindest. Suche auf allen Kanälen. Nach Antworten. Spirituellen vor allem. Suche außen draußen irgendwo. Selbstzweifel. Kraftlosigkeit. Lebenskrise. Freundinnen und Freunde werden erwähnt, die mir zur Seite stehen. Kaum mehr Träume. Täglicher Kampf, zu tun, was zu tun war. Die Beziehung zu A. stand kurz vor dem Kollaps. Der Countdown lief bereits. Lars noch am Leben. Blonde Engelslocken. Süße zweieinhalb Jahre alt. Das einzige wohl, was mich am Leben hielt – damals.

War das ich – echt? Und wenn ja welches Ich? Wohin war all die Kraft versickert, die ich heute wieder in mir wahrnehme?

Gut zu wissen, dass aus dem Chaos Neues entsteht. Entstehen kann. Konjunktiv. Es tut sich nicht allein. Trümmer können gesichtet werden. Bücher können geschlossen werden. Und neue geschrieben. Und Seiten gewendet.

Oder sind solche Aussagen wie jene im letzten Abschnitt bloße Augenwischerei? Lebenslügen? Überlebensstrategien? Selbstvera…ung?

Ich spiegle mich in mir selber. Ich jenem alten Alter Ego. Was ich dabei empfinde, wenn ich IHRE Geschichte lese? Mitgefühl. SIE tut mir verd… leid diese Frau! Wie gefangen SIE ist. In sich selber. In den überhöhten Ansprüchen, wie Leben zu sein hätte.

Nein, ganz frei bin ich immer noch nicht von verinnerlichten Mustern und gesellschaftlichen Vorgaben. Doch ich kämpfe nicht mehr. Heute lasse ich zu. Klopfe mir hin und wieder auf die Schulter. Jener Frau, die ich damals war. SIE ist weitergegangen. Irgendwo hat SIE Mut gefunden.

Zwischen Yoga und Dusche noch mehr Papier bekritzelt. Nun Zwetschgenfrühstück am Laptop. Den Schreibtisch voller Zettel.

Sichten. Umschichten. Verdichten.

delete (oder Cluster III)

Hilfe! Was mache ich hier eigentlich? BIN ICH (nur?), weil ich blogge, wie Irgendlink neulich kommentierte? Und was erzähle ich euch hier eigentlich alles? Große Lust befällt mich, eben jetzt, hier alles zu löschen. Das ganze Blog. Alle meine Texte. Alle meine Erkenntnisse. Alle Banalitäten. Alles löschen. Wäre ganz einfach. Danach würde ich mich mit meiner über Nacht hauchdünn gewordenen Haut noch tiefer unter meine Bettdecke zu verkriechen. Wo ich eh schon bin. – Blogsuizid quasi.

Was war ich geschafft gestern, als ich gegen sechs nach Hause kam! Mehr als nach einer ganzen Arbeitswoche. Joggen half ein bisschen, zumindest den Kopf konnte ich so lüften. War ich froh, dass die System-Aufstellung nach ClusterMedizin, über die ich im Auftrag „meiner“ Zeitschrift im Dezember berichten soll, vorüber ist.

Seelenstrippen ist anstrengend. Und andern dabei zuhören ebenfalls. Ha! Schon spöttelt Sofasophia wieder! Na ja. Bei solchen Dingen gebe ich – das Original oder Sofasophia? – gerne die Hofnärrin. Und die teuflische Advokatin in Personalunion. Kratze an Tabus. Ich gebe sie, habe ich eben geschrieben. Ja, das ist wohl eine meiner vielen Rollen. Eine Überlebensstrategie. wie Frau. K., die leitende Therapeutin dazu sagen würde. Um meine Grundbedürfnisse irgendwie gedeckt zu bekommen. Möglich, doch ich liebe es eben einfach, unbequeme Fragen zu stellen. Besser, als sie beantworten zu müssen. Eine Rolle, die mich davor schützt, mich einlassen zu müssen. Da ich eh, wider meinen Wunsch, als Autorin eingeführt worden war, obwohl ich lieber undercover teilgenommen hätte, hatte ich nicht eben leichte Karten. Alle wollen natürlich dann lesen, was ich geschrieben habe. Erfolgsdruck! I hate it! Werde ich authentisch zu schreiben wagen?

Bei der letzten der fünf Aufstellungen des Tages, meiner, konnte ich dann nicht mehr nur zuschauen, nicht mehr nur Stellvertreterin sein, nicht mehr nur für andere hinfühlen. Buchstäblich und innerlich mit dem Rücken zur Wand stehend, begriff ich, dass – trotz meiner Zweifel an der Cluster- und der HellingerMethode –, irgendetwas an dieser Arbeit doch zu funktionieren scheint.

Auf welchen Um- und Abwegen auch immer, früher oder später lande ich eh bei meinen Themen! So oder so. In jenem Schlusssatz, den ich formulieren musste, geht es jedenfalls darum, alle meine Emotionen echt sein zu lassen. Sie überhaupt zuzulassen. Ganz besonders die, die weh tun. Zulassen ist wie Türen öffnen. Und echt sein ebenfalls. Offene Türen riechen nach Schutzlosigkeit. Ungeschützt fühle ich mich verletzlich und dünnhäutig. Der Schmerz kann kommen, nach Belieben, und tun, was er am liebsten macht: Mir weh tun. Ist ja sein Job. Ich frage mich, wo er sich normalerweise versteckt hält. Doch wenn er da ist, gibt es nur ihn.

Schreiben hilft, ihn zu zähmen. Und der Gedanke daran, dass meine Leserinnen und Leser ebenso unperfekt und ebenso menschlich und ebenso verletzlich sind, hilft auch ein bisschen.

Und jetzt? „Veröffentlichen“ klicken? Oder doch besser „Löschen“? „Alles löschen“ sogar?

Amnesie und Alchemie

Kurz nach dem Aufstehen. Aus dem Spiegel blickt mir eine Unbekannte entgegen. Eine uralte Schwester. So werde ich also später mal aussehen, denke ich kurz. Na ja, schlafen tu ich zurzeit einfach zu wenig. Und ich sehne mich jeden Morgen von neuem nach einer Welt ohne Wecker. Und ohne Uhren, wenn ich schon am Wünschen bin.

Gopf, war das peinlich gestern Abend. Ich saß gemütlich an meinem Tisch und las Zeitung. Viertel nach sieben oder so. Ich war eben aus dem Wald zurückgekehrt, löffelte ein Joghurt und freute mich auf einen Leseabend, als mein Handy bimmelte. Auf dem Display steht „S.“
Ist heute Dienstag?, denke ich. Siedendheiße Erinnerung an einen Eintrag in meiner Agenda.
Na? Kommst du? Ich habe langsam Hunger!,
sagt sie. Na ja. Um sechs Uhr hatten wir abgemacht. Eigentlich. Bei ihr. Zum Abendessen. Und ich hatte mich, riesiges Ehrenwort!, total gefreut. Denn ich mag meine Freundin S. sehr.
Aber ja doch!,
sagte ich. Verzeih. Hab’s vergessen. Minuten später saß ich auf dem Fahrrad und flitzte nach Bümpliz. Und eine Viertelstunde später konnte ich mit S. bereits über mein Versäumnis lachen … Und auf das Leben und unsere Freundschaft anstoßen. Wir genossen den milden Abend bei Kerzenlicht auf der windgeschützten Veranda und freuten uns darüber, dass es uns beide und diesen Abend gab. Einfach weil wir da waren und nicht an Morgen dachten. Der würde eh kommen. Früh genug. Er kommt immer.

Freundinnen und Freunde sind wahrhaftig die beste Erfindung seit es Menschen gibt. Menschen, die mich selbst dann noch umarmen, wenn ich sie vergessen habe und anderthalb Stunden zu spät komme. Und darüber lachen können. Wie S. Oder sie sagen Sachen wie: Mit dir kann frau einfach über alles reden! Wie meine Freundin C., ihres Zeichens Hof-Frisöse, gestern Nachmittag. Oder sie lesen mir die Leviten: Bist du verrückt, Sofasophia? (Worauf ich eifrig nicke. Natürlich. Aber ich nehme ihre Levitenlesung trotzdem ernst.) Manchmal klagen sie mir auch ihr Leid, meine Freundinnen. Freunde mitgemeint. Oder ich ihnen meins.

Gleicher Tag. Stunden später. Nachmittag. Sofasophia im Büro. Noch immer müde. Chaos – will heißen zehn handgekritzeltes Protokollseiten mit Pfeilen und Fußnoten (und Fußnoten von Fußnoten) und dergleichen mehr – auf dem Schreibtisch. Das Telefon irgendwo darunter. Die Sonne stößt sich den Kopf an den Scheiben meines Terrariums. Unbarmherzig ist sie – für alle da. Aus der Büroküche nebenan der Geruch von Kaffee.

Der Donnerstag (unser Synonym für Wochenende) kommt bald!, sagt Kollegin K. zu mir.
Er kommt immer. Sage ich. Und ich glaube daran. Aus langjähriger Erfahrung. Und merke, dass ich mich wiederhole. Endlosschlaufe. Warteschlaufe. Worauf?

Papierkram. Tastatur. Ich kaue an Reizwörtern wie Strategie. Deadline und Event. Und an einem Projekt, das wir gut verkaufen sollen. Würge an Arbeits- und Zielgruppen. Nage an Floskeln wie generieren, akquirieren und aufgleisen. Stelle fest, dass ich bei der frühmorgendlichen Sitzung auf Autopilotin protokolliert habe. Hieroglyphen.

Ich frage mich, was ich hier mache und wieso ich immer so schnell – meistens nach einem Jahr – die Freude an der Herausforderung einer neuen Arbeitsstelle verliere. Obwohl es mir ja ausgesprochen wohl hier ist. Paradox. Meine bisher längste Anstellung dauerte bloß zweieinviertel Jahre. Nein, gekündigt wurde mir noch nie. Von jener pauschalen Team-Kündigung wegen der Schliessung eines Flüchtlingszentrums mal abgesehen.

Leide ich, wie meine Freundin und Leidensgenossin Cs. und ich vor einer Weile analysiert und diagnostiziert haben, an einer Art Arbeitsinsuffizienz? Denn arbeite ich erst eine Weile am selben Ort, fangen jene uralten Sinnfragen von vorne an: Was tue ich hier? Was hat das alles mit mir zu tun?

Ich erinnere mich an sterbenslangweilige Französisch-Stunden. Aus dem Fenster blickend, bekam ich nichts mit. Außer dem Wechsel der Jahreszeiten in den Bäumen vor dem Schulhaus. Schluckte dabei schwer an der alles entscheidenden Frage: Was tue ich hier? Was hat das alles mit mir zu tun? Und so weiter. In jedem Job.

Mein Refrain?

Obwohl ich doch schon jahrelang behaupte, dass es nicht auf den Inhalt meines Tuns ankomme, sondern auf Haltung und Hingabe gegenüber diesem Tun! Will heißen, ich könnte als glückliche Putze gehen, würde meine innere Haltung stimmen. Bin wohl dazu einfach nicht erleuchtet genug. Na ja, ich will einfach nicht bloß für Kohle arbeiten, sondern ich will mich mit meinem Tun identifizieren. Siehe „Das Wesen der KünstlerInnenseele“.

Dabei gehört alles, was ich tue, zu mir. Hat mit mir zu tun. Die französische Sprache ebenso wie das Bearbeiten der Materie, die sich über meinen Bürotisch schiebt. Hauptthema und roter Faden meiner beruflichen Tätigkeit: Integration. Immer wieder. Und eigentlich eine gute Sache. Woher also der Widerstand? Sind es das Involviertsein in Dinge, das Nachdenken über Vorgänge, das Grübeln über Prozesse,  kurz gesagt: die Abstrahierung des Lebens auf Abläufe, die mir zuwider laufen? Müsste ich wieder zurückkehren in den sozialen Kuchen, zurück an die Basis, zurück zu den Menschen? Denn natürlich sind es die Menschen, die mich am meisten faszinieren. Menschen und Buchstaben. Metaphern. Analogien. Gegenteile. Geschichten. Wie ich es doch liebe, tagzuträumen. Zu denken und zu spinnen. Und zu schreiben.

Später. Noch immer im Büro. Noch eine Stunde bis Feierabend. Vorsatz: Will heute früh ins Bett. Mit Fledermausmann. Jo Nesbøs Erstling.

Doch nun zapp ich mich ins Protokoll zurück.

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Später. Zuhause. Ich gestehe, dass mir das Protokollieren gegen Feierabend plötzlich wieder Spass gemacht hat.
Vielleicht, weil ich zwischendrin diesen Text gewoben habe?

Der Rätsels Lösung?
Alchemie: Auf die richtige Mischung kommt es an.

Einer dieser Tage I

05:13. Ohne Wecker erwacht. Geweckt von Kreisen, die in meinem Kopf kreisen. Ichen könnten man sozusagen dazu sagen. Sie formieren sich. Kongruenzen bilden sich. Einige berühren sich nur am Rand. Andere gar nicht. Am meisten hat es von jenen, die eine gemeinsame Schnittmenge haben.

Und. Oder. Nicht. – Wahr. Nicht wahr. – Konjunktionen. Disjunktionen. Negationen.
Weiße Kreide. Gänsehaut an den Ellbogen. Schwarze Tafel. Jimmy, der Algebra-Lehrer. R.I.P. Erinnerungen. Echos. Geruch von nassem Wandtafelschwamm.

In der gemeinsamen Kreis-Schnittfläche das Wort Füttern gelesen. Oder Futtern. Nein, Hunger habe ich nicht.

Wir leben nur, wenn uns jemand füttert. – Wahr?
Wir leben nur, weil uns jemand füttert. – Auch wahr? Nicht wahr?
Wir leben, um zu füttern? – Wahrer?
Wir leben, weil wir füttern? – Noch wahrer?
Wir leben, um gefüttert zu werden. – Kaum wahr? Oder doch?
Füttern wir überhaupt? …
Oder habe ich da gar statt leben lieben gemeint? Meine Nachtschrift ist noch schwieriger zu entziffern als die tageslichte.

Wo solche Träume, wo solche Sätze wohl waren, bevor sie sich in meinen Kopfkreisen eingenistet und wieder ausgesponnen haben? Einem Wespennest gleich stelle ich mir das Buchstabenreservoir in meinem Innern vor. Ein Gewusel. Ein Gerangel. Machtkämpfe vielleicht.

Einige schlummern. Wie jene dürren Wüstenrosendinger, die wir als Kinder so liebten. Leg sie ins Wasser und sie beginnen zu blühen. Ja, auch solche Buchstabenknäuel hab ich in mir drin. Bestimmt! Leise sind sie. Geduldig. Ausdauernd auch. Und auf einmal, wenn ich es regnen lasse, sind sie hellwach. Wunderschön. Klar. Da. Und nur sichtbar, weil ich hinsehe.

Füttern oder futtern? –Nicht wahr? Beides wahr?
Leben oder lieben? – Wahr?

Womöglich ist nur die Schnittmenge wahr. So es WAHR denn gibt. Die Schnittmenge aller Kreise. Aller Kopfkreise. Aus allen Köpfen. Aus allen Ländern. Winzige, riesige Schnittmenge. Nur eine. Für alle.

Später, unter der Dusche, gedacht: Ist es wahr, dass sich Kalk da besser ablagert, wo es bereits Kalk hat? Oder nur bedingt? Und, wenn nur bedingt, wie sehen diese Bedingungen aus? Sind sie thermischer Natur? Rein physikalisch erklärbar oder rein chemisch? Wobei das rein bereits wieder nach neuen Bedingungen schreit … Und mehrdeutig ist. Und dass diese Frage komplexer ist, als sie scheint. Und dass ich keine Antwort habe. Und dass es mir egal ist, wie die Antwort lautet, weil sie eh relativ ist.

Während ich meinen Saft trinke, frage ich mich, ob mein Bewusstsein und die Fähigkeit zur Selbstreflexion meine Authentizität und Unmittelbarkeit stören. Zerstören gar? Läuft Bewusstsein der Natürlichkeit zuwider? Wer wäre ich ohne meine Selbstwahrnehmung? Zum Beispiel im Straßenverkehr?

„Bildung ist wichtig, vor allem wenn es gilt, Vorurteile abzubauen. Wenn man schon ein Gefangener seines eigenen Geistes ist, kann man wenigstens dafür sorgen, dass die Zelle anständig möbliert ist.“
Peter Ustinov, 1921-2004

Gedruckt auf eine Werbe-Postkarte. In der Büro-Post gefunden. Zur Verschönerung meiner Bürohälfte an die Pinnwand gehängt. Und mich gefragt, ob Ustinov wahrsagt.

Und dann? Dann habe ich gearbeitet.

ES

Es kommt gut!, sagten wir gleichzeitig. Sie nickte. Ich bin sehr zuversichtlich. Wir umarmten uns und ich fuhr nach Hause.

C. ist eine meiner ältesten Freundinnen. Zwar nicht die langjährigste, doch an Jahren beinahe die älteste. Eine weise, humorvolle Frau Anfang sechzig. Immer wieder genieße ich es, mit ihr über das Leben zu philosophieren. Zumal sie mich in ganz schwierigen Zeiten begleitet hat. Und ich sie. Das verbindet.

Auf einer kleinen Wanderung mit ihrer Hündin Shanta erfahre ich von ihren neuen Plänen. Ins Tessin will sie umziehen. Einfach so. Seit ich sie kenne, hat sie sich immer wieder an einem anderen Ort – allerdings meist hier in der Nähe – angesiedelt. Ihre Lust auf neue Erfahrungen ist ungebrochen, obwohl sie gesundheitlich nicht auf der Höhe ist. Ihr Optimismus ist ansteckend und ihre Lebensfreude springt wie ein Funke auf mich über.

Auf dem Heimweg hallt jener letzte Satz nach: Es kommt gut. Ein Glaubenssatz höchster Güte. Ein Satz, an dessen Inhalt ich glaube, weil ich ihn glauben will. Doch wer oder was erfüllt diesen Satz, wenn nicht ich selber? Die den Gedanken und Worten innewohnende Schöpfungskraft manifestiert, während ich den Satz denke, fühle, wirken lasse, den Inhalt desselben in der Materie. Glaube ich jedenfalls. Denn zwar sehe ich mich als das Geschöpf meiner Eltern und als das Geschöpf unsichtbaren, göttlichen Ursprungs, doch andererseits sehe ich mich eben auch als Schöpferin. Biologisch gesprochen bin ich eine Gebärende, aber ich bin auch die Schöpferin meiner Gedanken, meiner Umstände, meiner Wirkung auf mein Umfeld. Und ich bin die Schöpferin meiner Befindlichkeit … Ich kreiere – vereinfacht gesagt – alles selber. Bis eben auf jene Dinge, die ich nicht beeinflussen kann …

Doch auch an dieses Unerklärliche, dieses für uns nicht nachvollziehbare Schicksal, auch daran glaube ich. Will heißen, ich glaube, dass es existiert. Ob es blind oder sehend, mitfühlend oder taub, liebevoll oder neutral ist oder gar böse, hängt für mich von der Tagesform ab. Meistens denke ich, dass es alles gleichzeitig ist. Weil sich ja das Gegenteil im Gegenteil zeigt – doch dieses Allesgleichzeitige hat natürlich keine Polare. Glaube ich. Jetzt. Und so.

Ich gestehe: Es ist mir egal, ob das, was ich glaube, wahr ist. Wahr im absoluten Sinn. Falls es denn Absolutes gibt. Da ich lieber an das Vorläufige als an das Absolute glaube, genügt es mir, zu glauben, was ich glaube. Da doch eh alles gleichzeitig und wahr ist, meine ich. Was ist glaube, ist solange wahr, wie ich daran glaube. Und weil ich daran glaube, wirkt es. Doch das hatten wir schon. 🙂

doch neu?

Regentropfen
wieder einmal
und
alle sind
irgendwann
irgendwo
schon da gewesen
gewiss
doch diesen
Tropfen hier
habe ich noch nie
gekostet
er fühlt sich
irgendwie
neu
an

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Ob Rostschäden auf der Autokarosserie oder abgebrochenes Zahnmaterial …
Da muss geschliffen und geschliffen werden, bis kein bisschen faules Zeug mehr da ist. Erst dann können wir neu aufbauen.

Fallobst, handverlesen

Wenn ich – ja, das kommt hin und wieder tatsächlich vor –, eine neue Geschichte aus Fallobst und Handverlesenem in der Presse habe, dreht sich auf einmal alles in mir nur noch um diesen Text. Die Geschichte lebt in mir. Womöglich war sie schon immer da und wartete darauf, von mir wachgeküsst zu werden. Wohl ist sie irgendwie vertraut, ist Teil von mir, doch hat sie eine ganz eigene Persönlichkeit, einen unverwechselbaren Charakter und eine ureigene Energie. Und natürlich hat sie ihre Schwächen. Doch die sehe ich natürlich in diesem Zustand noch nicht.

Schließlich will ich sie erst einmal atmen sehen, sie kichern und furzen hören. Will ihr lauschen, will sie berühren. Ein bisschen sie knuffen. Mit ihr schäkern. Will mit ihr spazieren gehen. Will sie im Wald und in der Stadt erleben. Will ihre Reaktionen sehen, wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht, will schauen, wie sie sich über etwas freut. Und sich ärgert. Wie sie lacht und weint, will ich erleben, hautnah. Kurz und gut: Wenn sich eine Geschichte in mein Leben spinnt und drängt, will ich sie kennenlernen.

Für jede meiner Geschichten brauche ich die Energie der Verliebtheit. Zugegeben, das macht mir manchmal Angst. Ob ich dabei nicht all meine Verliebungsfähigkeiten aufbrauche? Oder sind die unbeschränkt in meinem unterirdischen Lager gespeichert? Na ja, ich habe eigentlich gar keine Wahl, denn ohne diese Energie geht Schreiben bei mir nicht. Ich muss mich bei jedem neuen Text auf diesen Zauber einlassen können. Ohne Kritik vorerst. Mich einlassen auf die Magie des Unbekannten. Auf die Kraft des Neuanfangs.

Und mit jeder Geschichte – ob kurz oder lang – gehe ich den Weg jeder zwischenmenschlichen Beziehung: Anziehung. Begeisterung. Verliebtheit. Allmählich genaueres Hinschauen. Ernüchterung. Kritik. Akzeptieren – zulassen – loslassen. Auseinandersetzung. Reibung … Ob es ein Happy End oder eine Trennung gibt, zeigt sich erst nach einer Weile. Ob sich aus der Verliebtheit in eine Idee die Liebe zu einer Geschichte, zu einem Artikel entspinnen kann, zeigt sich an der Qualität, an der Interaktion, am Miteinander, an der Chemie zwischen mir und ihr.

Was lässt sich denn über eine Geschichte sagen, die schon fast fertig auf meiner Festplatte döst? Happy End, da sie – wie gesagt – fast fertig ist? Oder Trennung, weil ich sie nicht auf die Reise in die Welt geschickt, sondern eingemottet habe? Gibt es da noch ein Dazwischen? Eine friedlich Koexistenz zwischen Ge-Schichte und Schichterin? Eine Freundschaft, die ganz und gar ohne Forderungen ist? Wir erinnern uns: Während des schöpferischen Prozesses war die dichtende Schichterin unglaublich glücklich. Wie es eben nur Verliebte sind. Kann denn die Daseinsberechtigung einer Geschichte – neben der Ehre, geboren worden zu sein– schlicht darin bestehen, Teil dieser komplexen, sinnlichen, simplen Welt der Gedanken und Gefühle ihrer Schichterin während ihres Schreibprozesses zu sein?

Reicht das? Falls und wem nicht, der finde mir einen Verlag, der sich all der Schichten auf meiner Festplatte annehmen möge. Hach. Wäre das schön, wenn an der Lesung in zwölf Tagen eine Verlegerin oder ein Verleger im Publikum säße und sich in mein Novellen-Manuskript „Loch im Eis“, aus dem ich vorlesen werde, verlieben würde.

Doch was dann? Die Welt der Möglichkeiten verlassen und jene der Realität betreten?