Mit allen Sinnen

Kaffee. Mit Schokolade drin. Wunderbarer Geruch dringt zum Hochbett herauf und kitzelt meine Nase. Unten knarrende Schritte auf dem Holzboden. Das Öffnen und Schließen der Ofentüren. Quietschende Scharniere. Holz knallt und singt. Tanzt mit den Flammen. Durchs Dachfenster über mir das weiße Licht von Schnee. Neuschnee. Vielleicht werden wir eingeschneit. Ohne Fragezeichen. Kalt und warm ganz nahe beieinander. Außen und innen.

Wie existentiell Wärme doch ist! Hier oben, auf dem Berg, wird mir das einmal mehr bewusst. Vor zwei Jahren ungefähr durchlebte ich eine Phase, wo mir Gedanken an die Zukunft – im Hinblick auf unsere Ressourcen wie Wasser und Öl – fast Panik verursacht hatten. Nicht dass sich in der Zwischenzeit am Status Quo der Erde viel zum Guten verändert hätte, im Gegenteil, doch inzwischen lösen solche Gedanken keine Panik mehr aus. Ändern kann ich mit den Sorgen, die ich mir heute mache, eh nichts. Pragmatismus hat diese abgelöst.

Eine meiner damals brennenden Fragen war: Werden wir Menschen, wenn die Erfüllung unsere Grundbedürfnisse gefährdet ist, sozialer oder werden wir egoistischer? Anders gefragt: Werde ich zum Tier, wenn ich kalt habe? Gestern, am Ofen, war sie auf einmal wieder da, diese Frage. Allerdings eher auf der intellektuellen Ebene. J. meinte: Egoistischer werden wir. Bestimmt. Das zeigt doch schon die Geschichte.

Wohl hat er recht. Würde heißen, ich wäre genauso egoistisch wie alle anderen. Wie jene, über die ich mich nerve. Vielleicht. Will ich zwar nicht. Ist aber so. Bestimmt. Und du auch. Du da ebenfalls. Oder?

Können wir, so fragte ich, also nur sozial handeln und sozialer werden, weil wir oder wenn wir genug haben? Oder gar Überfluss? Fragezeichen. Viele sogar. Immerhin etwas, wovon ich ohne jede Frage überzeugt bin: Not macht kreativ.

Nun. Hier. Jetzt. Was brauche ich wirklich? Ich lege ein neues Stück Holz nach. Genieße die Wärme und den Gesang aus dem Ofen. Feuer riecht nach Kind. Das Kind in mir ist mit allen Sinnen Mensch und nimmt jeden Augenblick so, wie er ist.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Eine unübersehbare Frage. Ungefähr vor einem Jahr in unzähligen Schaukästen einer Berner Großbank gesichtet. In großen Lettern.

Gestern, als ich an dieser Bank vorbei fuhr, fiel mir jene Werbung wieder ein. Ich erinnerte mich an die Spiegel in den Fenstern, in die ich hätte blicken sollen, damals, um die Frage besser beantworten zu können. Die Bank-Werbefuzzis wollten wissen, was ich selber nicht wusste! Und auch heute nicht weiß. Nicht wo ich in zehn Jahren SEIN WERDE, wohlverstanden, sondern NUR wo ich mich in zehn Jahren SEHE. Denn – ich gestehe es – ich weiß noch nicht mal, wo ich mich in einem halben Jahr sehe. Geschweige denn in einem ganzen. In Zehn-Jahre-Schritte zu denken funktioniert bei mir schlicht nicht.

Ziele haben. Tja, noch so ein Allerweltthema wie Wetter und Zeit …

Hätte ich es mir denn vor zehn Jahren gewünscht, so zu sein und so zu leben, wie ich es jetzt tue? Hätte ich die Fantasie gehabt, mir mein Leben so vorzustellen? Meine damaligen Bedürfnisse waren so ganz anders gewesen als meine heutigen! Wozu also hätte ich mir damals über heute Gedanken machen sollen? Und wozu also soll ich mir heute Gedanken machen, wie ich in zehn Jahren leben werde? Leben will?

Ich erinnere mich – mit klitzekleinen Ausnahmen – nicht daran, irgendwann in meinem Leben weiter als ein Jahr vorausgeschaut zu haben. Anders verhält es sich möglicherweise mit dem Altwerden. Zu diesem Thema hätte ich allerdings ein paar Wünsche anzubringen: Gesundheit wünsche ich mir natürlich und immer von allem genug. Und einen schnellen schmerzlosen Tod, bitteschön. Einfach gesund einschlafen und nicht mehr erwachen. Gehen, solange es noch schön ist.

Und inzwischen? Genieße ich jeden einzelnen Tag. So gut es geht. Mir zuliebe.

EDIT: Natürlich sehe ich mich auch in zehn Jahren noch als glücklichen Menschen. Doch ob die Bank mit dieser meiner Antwort zufrieden gewesen wäre?

kuhler Schrank

Es geschah just in dem Moment, als ich mich nach dem Schreibblock ausstreckte, der auf dem Beistelltisch nebenan vor sich hin träumte. Mich nach ihm ausstrecken tat ich, weil ich ihm liebkosen wollte. Was in seinem Fall bedeutete, ihn mit Buchstaben zu füllen.

Na ja, ob ihm gefallen würde, was ich zu schreiben gedachte, wusste ich allerdings nicht. Wählen kann er nicht. Über die Unwichtigkeit des Schreibens im allgemeinen wollte ich schreiben. Und über die Unwesentlichkeit des Bloggens im speziellen. Und dass es doch viel wichtigeres auf der Welt zu tun gäbe als mit Worten zu jonglieren. Helfen, heilen, handeln, hingehen! Das zählt doch. Oder zumindest Geld beschaffen. Wozu auch immer. Aber doch nicht bloggen! Zeitverschwendung!

Ich würde besser etwas richtig wichtiges tun … Tja, nur was? Die Steuererklärung ausfüllen zum Beispiel? Oder endlich mal wieder den Kühlschrank putzen! Jahr für Jahr hockten mir die beiden zeitgleich im Nacken. Anfang Jahr gelobe ich mir immer wieder – allerdings nur heimlich, so dass sie mich nicht hören können –, die beiden so schnell wie möglich zu erledigen. Damit sie mich nicht plagen können. Doch dann gehen die Wochen übers Land. Die Sonne scheint. Es wird wärmer. Die Kühlschrankputzsaison geht zu Ende und die Mahnung vom Steueramt liegt im Briefkasten. Und meine Gelübde sind längst verdunstet. Wie Bier. Womit wir wieder beim Thema sind.

Just in dem Moment nämlich, als ich mich nach dem Schreibblock ausgestreckt hatte, war es umgekippt. Zwar habe ich schnell reagiert und die Flasche war zum Glück auch nicht mehr ganz voll. Dennoch haben alle was abbekommen. All die ungelesenen Zeitschriften. Der Sudoku-Block ebenfalls. Und sogar Stieg Larsson blieb nicht verschont. Hoffentlich heißt das Buch nicht vergebens Vergebung.

Aber, ehrlich gesagt, über ein umgekipptes Bier zu schreiben, ist nun wirklich nicht wichtig. Und auch die Steuererklärung ist nicht wirklich kuhl. Dann schon eher der Kühlschrank, wenn auch nur seiner Temperatur wegen …

Und wie gesagt, es gibt vieles, das viel wichtiger ist als Bloggen. Aber nicht alles macht so viel Spaß.

Memory

Hab ich vergessen, keine Ahnung mehr, wie das war!, sagte ich zum Scheff, als er von mir wissen wollte, wie wir dies und jenes letztes Jahr gehandhabt hatten. Später auf einmal der Gedankenblitz: Ah, jetzt erinnere ich mich wieder … das war doch so und so!

Zwar habe ich die Fakten in irgendwelchen digitalen oder Papier-Ordnern abgelegt, doch es war mein Gedächtnis, das mich letztlich daran erinnert hatte, wie es letztes Jahr gelaufen war. Es war mir einfach so wieder eingefallen. Und dies, obwohl mir Kollegin A. nachsagt, dass ich in der letzten Zeit ziemlich vergesslich oder zumindest zerstreut sei. Frechdachs!

Verrücktes Teil, das Hirn! Festplatte. Rechner. Gedächtnis. Erinnerung. Speicher. Alle Dateien auf einem Haufen. Wie viele Gigabytes ich wohl unter meiner Schädeldecke zusammenpresst habe?

Erinnerungen, sie sind die Schnur, an der wir uns durchs Leben hangeln. Selbst wenn ich mich nicht wirklich an Details erinnern kann. Und selbst wenn ich mich nicht mehr erinnern will. Sie sind einfach da. Unsichtbar. Unfassbar. Und sie bestimmen doch jede meiner Handlungen. Alles was ich tue, baut auf Erinnerungen an gemachte Erfahrungen auf. Angefangen beim Fahrradfahren über das Abschließen meines Zahlenschlosses bis hin zu der gewählten Route durch die Stadt. Ich weiß, in welche Läden ich gehen muss, um zu bekommen, was ich suche. Ich erinnere mich. Automatismen. Verrücktes Teil, das Hirn!

Und leider ist da auch ganz viel Müll gespeichert. Wie gerne würde ich ganz viel altes Zeug rausschmeißen! Oder neu schreiben.

Habe bei Blinkyblanky über überflüssig gewordene Krücken gelesen: „Wer würde nicht mit Genuss seine Krücke wegwerfen, wenn er wieder ohne gehen kann, doch was macht er: er legt sie auf den Speicher (=Festplatte!), falls er sie noch mal braucht.“

Na ja, ich stelle meine Krücken zwar mangels Speicher in den Keller, denn die fressen ja dort unten kein Heu. Doch wozu? Gebrannte Kinder, die wir Menschen sind, speichern wir eben vor allem jene Dinge, die uns für die unsichere Zukunft Schutz vorgaukeln. Würden wir doch statt dessen besser all die wunderbar leichten, übermütigen, magischen, verträumten Momente speichern! Und darauf vertrauen, dass die Zukunft, noch ungeschrieben, viele ebensolche glückliche Erlebnisse für uns bereit hält. Tja, das neu zu schreibende Programm für meine Bio-Festplatte müsste unbedingt genau diese Fähigkeit beinhalten!

Habe gestern Vormittag im Büro lange mit meinem Lieblings-IT-Supporter telefoniert. Ein Datenbank-Programm, in das ich in den letzten Tagen eingearbeitet worden bin, zickt. Noch immer. Trotz De- und Neuinstallation. Ein kleiner Teil der Konfigurationen ist offenbar noch nicht richtig eingestellt. Fehlende Vernetzungen müssen eben erst hergestellt werden, bevor wir die Software in ihrem vollen Umfang anwenden können. Wie im Leben: Netzwerke fallen nicht vom Himmel. Wir weben sie täglich mit unseren Gedanken und Handlungen. Feine Fäden zuerst, dann immer dickere. Werden Erinnerungsstränge. Auf die wir zurückgreifen. Bei allem was wir tun.

Engel friert

Das Bild im Bild  – immer schon hat es mich fasziniert …
Die Geschichte in der Geschichte in der Geschichte ebenso …
Doch den Traum im Traum kannte ich bis anhin noch nicht …

Bin heute Morgen im Traum mit meiner Mutter und meiner Schwester zusammen gehockt und habe ihnen von einem Traum erzählt. Nun mal ganz davon abgesehen, dass ich wohl weder jener Schwester noch meiner Mutter solcherlei Träume, wie ich einen gehabt hatte, erzählen würde, fand ich den Gedanken doch höchst faszinierend. Zumal ich mich in der oberen der beiden Traumebenen wach wähnte. So wach als wäre ich wach.

Und als ich dann wirklich erwachte, wurde ich lange Zeit nicht wirklich wach.

poc a poc

Alle reden vom Neuen Jahr und davon, dass sie glauben, es werde gut. Alles. Oder einiges zumindest. Und ich? Ich habe nichts dazu zu sagen. Weiß nicht, wie es wird. Will es auch nicht wissen.

Ich werde es – soweit es in meiner Macht steht – für mich so schön wie möglich gestalten. Erleben. Poc a poc – Stück für Stück – Schritt für Schritt. Genauso wie es an der Brücke in Thuès-Entre-Valls angeschrieben steht. Poc a poc den Abhang runterfahren sollen wir dort. Poc a poc leben sollen wir. Hier. Jetzt. Nicht auf Vorrat.

Schließt schreiben (er)leben aus? Notiert gestern Abend vor dem Einschlafen. Weil ich kaum schreibe, wenn ich viel erlebe. Nun wieder allein im Bett. Allein mit dem Schreibblock. Halbleer die Wohnung jetzt. Halbvoll. Ganz da ich. Du dort. Und du und du dort.

Wäre das Leben einfacher, würden wir nur das NotWendige tun? Feuer schüren zum Beispiel, um nicht zu erfrieren, hat J. gemailt. Und neben dem Notwendigen nur das, was Freude bereitet.

Was wendet die Not? Was macht Freude? Was zählt? Tja … Kann ich nur für mich beantworten. Soziale Netze weben zum Beispiel. Freundschaften pflegen, Menschen lieben, Dinge kreieren, Geschichten und so. Dazu heilsames, achtsames Unterwegssein. All dies sowohl notwendig als auch lustvoll.

Und Internet? Notwendig? Lustvoll? Tja, habe gestern Abend kein Internet gehabt … obwohl alles technisch einwandfrei aussah. Empfang gut, hieß es sogar. Aber rein und raus ging nix.

Ferienhalber kein Internet zu haben, ist für mich kein Problem, doch als ich gestern vor der Kiste hockte und nicht mehr ins Große Netz rein konnte, fühlte ich mich doch irgendwie neben der Schiene. Wie die Raucherin, die ich einst war, mit Zigarette im Mund, doch ohne Feuerzeug. Notwendig? Lustvoll? Oder süchtig gar?

Hm. Poc a poc. Nicht auf Vorrat. Mich freuen an dem, was ist. Am Alleinsein, jetzt grad, und an der relativen Freiheit, die ich habe. Neben aller Sach- und Zeitzwänge, meine ich, die allesamt mit Brötchen verdienen zu tun haben. Kohle verdienen um konsumfähig zu bleiben.

Um nicht zu verhungern. Um ein Dach über dem Kopf zu haben. Um nicht zu erfrieren. Nur noch das NotWendige tun! Feuer schüren, also.
Und arbeiten gehen?

Und sie dreht sich doch, die Erde … das Hamsterrad auch …

des vacances parfaites …

… waren das, und doch: das eigene Bett ist nicht zu toppen! Und das war auch schon die einzige Kritik. Ansonsten: siehe Titel. Diese wunderbare Gegend zwischen Andorra und Perpignan hat mein Herz im Sturm erobert.

Das schöne Wetter haben wir gleich mitgebracht, drum genießen wir den Rest des Nachmittags ebenfalls schon bald in der Natur. Die wir – dort, nicht hier – in den letzten Tagen reichlich genossen haben. Schönes mildes „Herbst“wetter, grüne Berge, wunderbare Wanderungen und Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung, ans Meer, Baden in heißen Quellen …

Mensch, was willst du mehr? Okay, das Meer zu berühren, das haben wir glatt vergessen, als wir in Cadaquès waren, dafür haben wir von dort wunderschöne Steine mitgenommen … Und Bilder …

Ach ja, noch was: Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich, wenn auch mit Verspätung, fürs neue Jahr das allerallerbeste!

abtauchen …

… in die südfranzösische Pampa werde ich, werden wir …
Eine Woche ohne Internet!

FERIEN … was für ein suspektes Wort!
Wie füllen?
Wie fühlen?

Zulassen, loslassen …
… wie heute Vormittag im Bernaqua …
Mutprobe: durch die Rutschröhren flitzen.
Kind sein. Wieder mal.
Dunkel ertragen. Geschwindigkeit ebenfalls.
Die Sinne stimulieren.
Den Nervenkitzel genießen.

Stunden später auf mehr als 900 m. ü. M.: verschneite 360 Grad-Rundsicht.
Geochachen, meine neue Leidenschaft, wäre bei diesem Wetter wohl nur schwerlich möglich gewesen …
… obwohl da ein Schatz direkt unter unseren kalten Nasen gebaumelt sein soll …
Tja, Bantiger, du Cheib, du zeigst dich mir, uns, immer wieder in anderem Gewand!
Heute weiß gepudert …

Winkewinke, liebe Leserinnen und Leser … genießt die Altjahrswoche!
Auf Wiederlesen im neuen Jahr …

es glühte der Wein

Rot die Nasen, die Beine ab – beinahe jedenfalls – und heiß die Becher in den klammen Fingern. Der Inhalt auch, natürlich, dampfend und erheiternd. So standen wir gestern zu zwölft oder so neben der schiefsten aller Markthütten auf dem Berner Waisenhausplatz. Schreiberlinge aus der ganzen Schweiz und Specials Guests, die extra aus dem Ausland eingereist waren. Einzahl nur, nicht Mehrzahl, wie Publikum zum Beispiel. Wir alle hatten uns einzig zu dem einen Zweck hier eingefunden, dem glühenden Wein, dem besten weit und breit, unsere Referenz zu erweisen.

Erst kurz vor dem Erfrierungstod erkletterten wird gemeinsam die steilen, schiefen Stufen des Molino und stillten Hunger, Durst und Neugier …

Hach, meine Berner Schreibgruppe … was für ein toller Haufen. Nicht nur begnadete Schreiberlinge, auch ebensolche Festhütten … Nach dem uns der Kellner zwei Stunden später höflich aber bestimmt herausgeschmissen hatte, ließen wir uns im Kornhauskeller nieder um ebendort umso länger sitzen zu bleiben. Wie war das doch gleich? Ich solle viel trinken? Na denn!

Die Runde wird schließlich immer kleiner und ausgebeulter. Wir beschließen, das Ende der einwöchigen Spendenaktion im Glashaus auf dem Bundesplatz live mitzuverfolgen. Mona Vetsch moderiert, Büne besingt die W. Nuss – leider nicht live – und wir klappern bereits wieder, trotz getankter Wärme, mit den Zähnen … Wie schön, ein warmes Bett zu haben … Was für ne Nacht …