Das Ding mit den Codes

Es dauerte lange, bis ich endlich damit anfing, die Welt ein bisschen besser als gar nicht zu verstehen. Länger als bei den meisten, vermute ich. Im Lernen bin ich, was vielleicht erstaunen mag, zuweilen eher langsam. (Schreit das jetzt nach einer Erklärung, weil ich einige von euch murmeln höre, dass sie mich genau gegenteilig einschätzen? Nun denn …)

Ich habe wohl eine schnelle bis sehr schnelle Auffassungsgabe und habe eine sicher ebenso schnelle Wahrnehmungs- und Beobachtunsgabe. Damit ist jedoch ein Inhalt, den ich lernen soll, noch lange nicht decodiert, verstanden und verinnerlicht, was für mich ‚etwas gelernt zu haben‘ heißt.

Eher war es bei mir als Kind und junge Frau so, dass ich meine Umwelt mit all den zu lernenden Dingen − Sachwissen ebenso wie soziales Verhalten − zwar sehr differenziert beobachtete und wahrgenommen hatte, dann aber mit all diesen theoretischen und oft genug abstrakten Inhalten, Beobachtungen und Erkenntnissen nicht weitergekommen bin. Weil ich sie nicht verstand und weil ich nicht wusste, wie ich sie anwenden sollte.

Warum verhielt sich dieser Mensch so, warum sagt jener Mensch das so und so? Was mir sehr lange fehlte, war eine passende Übersetzungsmethode für all diese Dinge zwischen den Zeilen der Zeilen. Ironie zum Beispiel verstand ich sehr lange nicht. Oder jedenfalls nur theoretisch. Darüber lachen oder grinsen konnten ich jedenfalls nicht. Wohl verstand ich die einzelnen Wörter, doch im Kontext, in dem sie standen, um ihren ironische Wirkung zu entfalten, bedeuteten sie mir nichts.

Fast alles auf dieser Welt ist irgendwie codiert, vielleicht von einem Kinderlächeln mal abgesehen. Jede Nation, jede Gesellschaft, jede Gruppe hat ihre Codes. Die meisten Menschen werden sehr früh in ihre spezifischen Codes eingeführt (»Guck, so musst du das machen!«) oder haben zumindest irgendwo in ihrer Werkzeugkiste jene Fähigkeit, die mir fehlt, diese Codes zu entschlüsseln. Manche lernen sie vermutlich einfach durch abschauen und nachahmen. Ich war wohl so um die dreizehn oder vierzehn, als ich langsam anfing, dazuzugehören, weil ich endlich die sozialen Codes zu imitieren gelernt hatte. Sie mir zu eigen machen, gelang mir allerdings nie wirklich. Jedenfalls nur sehr punktuell.

Weil, nun ja, weil ich Codes bis heute misstraue. Alles, was der Anpassung an eine Mehrheit dient, ist mir suspekt, weil es impliziert, dass eine Mehrheit ‚richtig‘ denkt und dass dieses Dazugehören wichtig ist. Doch wozu zum Beispiel soll es gut sein, dass alle die gleiche Art Schuhe und Frisuren tragen oder die gleichen Redewendungen benutzen? Kleidervorschriften für Männlein und Weiblein − wozu sollen die gut sein, (von den Modezaren und Supermodels mal abgesehen)? Auch der Sinn der Krawatte hat sich mir noch nicht erschlossen, ein Code, der sich mir nie, weder vom metaphorischen noch vom ästhetischen Standpunkt aus, zu erkennen gegeben hat. Kurz und gut: Jegliche Angleichung und jegliche Normierung an eine Mehrheit habe ich schlicht und einfach nie als für mich sinnvoll erkannt (obwohl sie vermutlich, zumindest evolutionsbiologisch gesehen, das Überleben der Spezies Mensch gewährleistet hat).

Mir fehlte und fehlt dazu etwas, das ich hier mal Übersetzungstool nenne.

Irgendwann fing ich dennoch an, zu ahnen, wie die Welt in sich selbst zusammenhängt, wenn auch nicht von innen heraus, dazu war ich nie genug innendrin. Über ein Ahnen bin ich vermutlich nie herausgekommen.

Ich schaue also heute in dieses Terrarium hinein, in welchem sich die Menschen tummeln. Ich schaue ihnen zu wie damals, als ich noch Rennmäuse hatte, denen zugeschaut habe. Alphatierchen waren und sind mir übrigens, nicht nur bei Mäusen, suspekt. Es sind die Omegatierchen, die mich interessieren, bei Mäusen ebenso wie bei Menschen. Jene Wesen eben, die die Codes nicht kennen, die − mutig oder naiv oder beides − den Konventionen den Rücken drehen. Die, deren geheime Superkraft darin besteht, sich selbst zu sein, weil sie nicht gut sind in Rollenspiel.

Während ich so über dieses mein (latent schwarzweißes) Denken nachsinne, fällt mir eine Aussage ein, die ich sinngemäß vor einiger Zeit von einer grünen Politikerin gehört habe: »Ich wünsche mir gar nicht, dass alle gleich denken wie ich, ich wünsche mir aber, dass wir alle dazu bereit sind, uns mit der Meinung und den Gedanken der anderen ernsthaft auseinanderzusetzen. Das ist meine Vorstellung von Demokratie.«

Ja, das ist auch meine Vorstellung. Nicht nur von Demokratie, auch von Lebendigsein. Es braucht diese Meinungsdiversität und es braucht die reife Auseinandersetzung mit den Problemen dieser Welt. Dazu braucht es keine Gleichmacherei durch Verhaltenscodes und -konventionen, die unter dem Strich eh immer mehr Menschen (und Mäuse) aus- als einschließt.

Und es braucht wohl auch die Erkenntnis, dass wir von den wenigsten Dingen wirklich etwas verstehen. Dass das meiste Wissen, das wir zu haben glauben, bestenfalls Halbwissen ist. Ich wünsche uns, dass Erkenntnis und Bereitschaft wachsen, uns ernsthaft mit den essentiellen Dingen auseinandersetzen zu wollen.

Eine ernste Auseinandersetzung mit einem Thema ist allerdings mehr als die meisten zu leisten bereit sind und ist mehr als eine kleine Suchmaschinenrecherche mit oberflächlichem Durchlesen der ersten fünf Zeilen der obersten drei Suchergebnisse. Eine ernste Auseinandersetzung bedeutet, sich mehrere Seiten zu einem Thema anzuhören, sich im Sinne des Worte auseinander − innerlich also auf verschiedene Stühle − zu setzen, das Thema aus verschiedenen Gesichtspunkten zu betrachten und sich dabei eine eigene Meinung zu bilden, die sich vielleicht sogar von der ersten, spontan gebildeten, total unterscheidet. Und die zu einem späteren Zeitpunkt – wenn die Dinge möglicheweise anders liegen – durchaus eine andere sein darf.

Zwischenräume

Ich vermute, dass ich nicht die Einzige bin; ich ahne, dass die meisten von uns sie tendentiell vermeiden, diese Räume und diese Zeiten zwischen den Dingen. Wir füllen sie, wenn wir sie nahen sehen, schnell auf. Ich zum Beispiel schütte die Lücken mit Lesen, Filme gucken oder mit Aktivitäten auf dem Handy (wie Bilderbearbeiten, Twittern, Elloen u. a.) auf. Schnell, schnell, damit mich nicht etwa ein Hauch von Leere treffe.

Doch manchmal schaue ich ihnen in die Augen, diesen Räumen zwischen den Dingen, und schreite mitten hinein, mitten in diese Lücke, in dieses Nichts zwischen den Dingen. Schreibenderweise gelingt mir das meistens am besten oder Bilder bearbeitend oder malend. Und auch beim stillen Wandern. Manchmal.

Wenn ich mich in die Zwischenräume gewagt habe, bin ich jedes Mal froh darüber, denn dort geht es mir gut. Oft sogar viel besser als in den fest definierten Räumen, die die Zwischenräume flankieren. Seltsam also, dass ich mich ihnen immer nur mit gewissen Widerständen nähere. Oder so seltsam auch nicht, weil ich weiß, dass mich die Zwischenräume aus dem meist viel zu engen Zeitgewand heben und ich mich nach meinem Besuch in den Räumen zwischen den Dingen ein wenig desorientiert fühle.

Schreiben kann, schreiben muss aber nicht, zwingend dieses Ding sein, das mir den Gang zwischen den Räumen erleichtert.

Schreiben kann, schreiben muss aber nicht, Erlösung sein, doch manchmal ist selbst schreiben nichts anderes als hinkender Aktivismus.

Je älter ich werde, desto mehr ahne ich, dass es eigentlich diese Wanderungen zwischen den Räumen sind, die das Leben lebenswert machen. Es ist die Stille zwischen dem Lärm, dieses Hinfühlen inmitten von Aktionismus. Es sind die Zwischenräume, die alles verändern, das Davor und das Danach; und das Darüber und Darunter auch irgendwie, weil die beiden uns zeigen wollen, woher wir kommen und was uns hält. Die Zwischenräume machen den Unterschied, sie machen aus dem Immer-immer-gleich ein Immer-wieder-anders. Sie verschieben meine Wahrnehmung und machen es möglich, dass ich aus dem Drehen um mich selbst herausgerollt werde und auf einmal, im Gras auf dem Rücken liegend, die Wolkentiere spielen sehen kann, wo vorher nur ein paar Wolken durch den Himmel segelten.

Vielleicht besteht ja die Kunst aller Künste darin, diese Zwischenräume zu erkennen? Die eigentliche Kunst wäre es somit, die im Dialog mit den eigenen Zwischenräume gewonnenen Erkenntnisse auf unsere ART und Weise auszudrücken.

Ich jedenfalls brauche Räume, brauche Luft, brauche Zeit zwischen Dingen. Leerschläge. Lücken. Pausen.

Einen dieser Zwischenräume, ein Zwischenraum zwischen den Zwischenräumen vielleicht sogar, wird hoffentlich unsere Wanderung sein. Mit Irgendlink, diesem ganz besonders für das Lesen zwischen den Räumen begabten Menschen, werde ich in ca. zehn Tagen loswandern. An den Ufern des Rheins entlang soll die Reise führen. Ruhig und im ganz eigenen Tempo. Anfangen wollen wir im Bündnerland, am Tomasee.

Wir werden auf unserem neuen gemeinsamen Blog darüber schreiben. Hier könnt ihr mitwandern → flussnoten.de

Und hier hat Irgendlink gestern auch ein paar Zeilen darüber geschrieben → irgendlink.de

1001. Herzgespinst

Ohne es zu merken habe ich neulich den 1000. Blogartikel des Sofasophia-Blogs geschrieben. Ein bisschen schwindlig macht mich der Gedanken ja schon, dass ich 1000 Artikel innerhalb von fünf Jahren und etwa dreieinhalb Monaten (2040 Tage um genau zu sein) geschrieben haben soll.

1000ArtikelDurchschnittlich habe ich also jeden zweiten Tag gebloggt und pro Artikel durchschnittlich 4,769 Kommentare erhalten, wenn ich meine eigenen abziehe. Wenn ich die Zeiten abziehe, in denen ich – wie jetzt – die Kommentarfunktion ausgeschaltet habe, müssten es pro Artikel mehr als 5 Kommentare sein. Ja, ein klein bisschen macht mich das froh, dankbar und … stolz (das letzte eins meiner Reizwörter).

Zahlen. Manchmal schmeicheln sie uns und unserer Eitelkeit und wir bilden uns ein, das heißt, ich bilde mir ein, dass das was ich das schreibe und schrieb, irgendwie für andere relevant sei. Nur schon irgendwie relevant zu sein klingt nach einer Wichtigkeit, die ich sowohl haben als und nicht haben will. Schrödingers Katze und Shakespeares Hamlet gleich will ich sein und nicht sein zugleich.

Wie sagen die buckligen Verwandten doch so schön, wenn Klein-Hanna den Schlüssel für ihr Eigenheim in Händen hält? Es ist „etwas“ aus ihr geworden. Eine umgangssprachliche Formel für eine erfolgreiche Karriere, die mich immer gestört hat, geschmerzt sogar. Denn so gesehen bin ich ja eigentlich nichts geworden, trotz der vielen schönen Ausbildungen. Zu wenig machte ich mir bisher aus Besitz und Titeln, aus Eigenheim und Karriere.

Wie ich vorgestern Abend mit dem Liebsten nach einem Beinah-Hitzschlag die relative Abendkühle – nur noch 29 Grad war es – genoß, sofasophierten wir wie schon so oft über die Kunst, das Menschsein, das Leben und die Fähigkeit, darin wahrhaftig zu sein. Aus den Anfangszeiten meiner Bloggerei stammt mein Text Die Echte werden, die Echte sein. Schon damals trieb mich die Sehnsucht, dass mein Tun, ob nun im Bereich von Kunst oder von Broterwerb echt, wahr, authentisch sei. In meinem Plädoyer über das Wesen der KünstlerInnenseele dachte ich vor Jahren schon über das Kunstschaffen als solches nach.

In beiden Texten erwähne ich nur am Rand, wie – respektive wovon – wir als Kunstschaffende leben können. Immer schon sah und noch immer sehe ich einen Widerspruch darin, meine Kunst auf meine Art und Weise zu schaffen, echt und wahrhaftig zu sein und das Erschaffene kommerziell zu nutzen. Ich weiß inzwischen, dass die meisten Menschen diese Art zu denken nicht nachvollziehen können.

So sprachen wir zwei also neulich über die Grenze zwischen jenen Kunsterzeugnissen − Bildern und Texten −, die unserem Innersten entspringen und jenen, die wir erschaffen, weil wir wissen, dass wir damit irgendwie erfolgreich sein und Gefallen finden werden; dass wir damit den allgemeinen Geschmack treffen und auf Resonanz stoßen werden.

Meine Fähigkeit und -bereitschaft mich einer breiten Masse anzupassen, um anerkannt oder gesehen zu werden, ist allerdings rasant geschrumpft. Einen Text so und so gestylt resp. gesellschaftscodiert zu schreiben, dies und jenes Thema zu diskutieren, weil es gerade in aller Munde ist, jene Redewendung zu verwenden, weil es alle tun … ich kann es fast nicht mehr tun. Und einfach nur schreiben, damit ich mal wieder etwas geschrieben habe? Nein, auch das geht nicht mehr. Und künstliches Aufbauschen eines Themas schon gar nicht. Keine Ahnung, wo das noch hinführen wird.

Ich fühle mich zuweilen wie ein einst feingeschliefener Stein, der sich zurückverwandelt in seine kantige, ungeschliffene Urform. Obwohl ich zugleich und dennoch das Gefühl habe, nebenbei ein bisschen weiser und ein wenig reifer geworden zu sein und es noch zu werden.

Eine Brücke will ich dennoch bauen. Eine, die Kunst und Kommerz versöhnt, will heißen: Eine Brücke, die wahrhaftige Kunst nicht per se von kommerzieller Nutzung ausschließt. Ich will an meiner Denkerei arbeiten, neubewerten. Weil: es gibt sie ja wirklich, die wahrhaftige Kunst, die auch von einer großen Menge als wahrhaftig, berührend und wertvoll erkannt und anerkannt wird. Umgekehrt ist nicht alles, was laut beworben und gehyped wird, automatisch Bullshit (obwohl ich da misstrauisch bleibe).

Fazit: Nicht immer hat der Kunstkaiser auch wirklich keine Kleider an, manchmal trägt er sogar welche und manche gar aus handgesponnener Seide.

Eitelkeit – dieses Wort muss nun doch nochmals getippt werden. Fast jede Form von Eitelkeit widert mich an, wobei mir bewusst ist, dass ich vielleicht mit Eitelkeit andere Schubladen angeschrieben habe als du. Insbesondere jene Eitelkeit meine ich, wo Talent mit der Fähigkeit, sich gut und gewinnbringend verkaufen zu können, verwechselt wird, insbesondere im Literatur- und Kunstbetrieb. Oft schon bin ich auf Buchwerbung hineingefallen und habe Bücher gekauft oder ausgeliehen, die mir als Bestseller angepriesen worden sind. Nur um enttäuscht festzustellen, dass die hochgepriesene Geschichte für meinen Geschmack viel zu viel Weichspüler und viel zu wenig Knochen am Fleisch hat.

Der Anspruch, in meinen Blogs nur noch Dinge zu publizieren, die in meinem Inneren herangewachsen sind, ist ein hoher. Selbst bei Twitter werden meine Ansprüche an mich (und an das, was ich bei anderen lesen mag) immer höher. [Klar ist letztlich die Tagesform entscheidend. Manchmal finde ich nämlich fast alles doof, kindisch, kitschig, unreif, krank, was ich dort lese (fast wie bei FB) und manchmal finde ich auf Twitter viel Weisheit, Ermutigung und herzlich Humorvolles, dass es mir nachher, nach dem Lesen, tatsächlich besser geht.] Ich vermute, es liegt nicht immer nur am Gelesenen, es liegt genauso oft an mir und meiner Stimmung und an meiner Sehnsucht. Diese Sehnsucht nach wahrer, nach wirklicher Wirklichkeit, nach Wandlung, nach Schönheit und Heilwerden.

Denn das ist es, was ich will mit meinem Leben und mit meinem Schreiben. Immer weiter gehen, die Echte werden und eben auch – selbst wenn ich damit andere vor den Kopf stoße -, keine faulen Kompromisse mehr eingehen. Weder in Sachen Brotjob noch in jenen Lebensbereichen, wo es um meine Herzensanliegen geht, wo es um den Ausdruck geht, um die Kunst, ums Schreiben. Vor allem dort nicht. Und so will ich auch in meinem 1001. Blogartikel und weiterhin über jene Themen schreiben, die mir wichtig sind.

Wenns bei dir oder dir resoniert, schön.
Wenn nicht, auch gut.

Ich danke dir, dass du da bist.

Lebensreisende sein

Inzwischen sind wieder alle Bilddateien auf meiner großen externen Festplatte nach Jahr und Monat geordnet. Zwar hatten sie sich von der kaputten Festplatte retten lassen, aber seither und bis vor kurzem hatten sie unter einem nichtssagenden Namen in nichtssagenden Riesenordnern ohne chronologische Logik gelegen hatten – quasi unerreichbar und unbrauchbar. Endlich wieder Ordnung also?

Ja, schon, aber …. denn auf ebendieser externen Festplatte sind nun sowohl die Originale als auch deren Systembackups sprich Dateikopien gespeichert. Damit habe ich nun die meisten Bilder doppelt. Außerdem liegen da auch Bilder, die im Laufe der Jahre über Downloads von Webseiteninhalten auf meinen Rechnern gelandet sind, in meinen schönen neuen Monatsordnern.

Kurz und gut: Mir bleibt nichts anderes übrig, als auszumisten, als Ordner für Ordner und Jahr für Jahr alle Bilder durchzugehen und die doppelten Bilder zu löschen.

Irgendlinks Softwaretipp das Listen und Ausmisten der Duplikate einer Software zu überlassen, will bei mir nicht funktionieren. Die ganz offensichtlich vorhandenen Duplikate werden vom Programm nicht als solche erkannt und gelistet. Ich werde also händisch − wie gestern − weitermachen, denn ob ich die doppelten Bilder nun in der Anwendung oder im Ordner einzeln anklicke, macht aj keinen großen Unterschied.

Soweit so gut. Gestern Nachmittag habe ich also, nach einem intensiven Arbeitsmorgen an der Schule (mit dem letzten Schulkonzert während meiner Zeit als Musikschulsekretärin) an die ältesten Bilderordner gesetzt.

Die Jahr 2000 bis 2003 waren bei mir eine noch fast digitale-Bilder-freie Zeit. Damals − dies war meine Zeit als Mutter (immerhin drei Jahre lang) − haben wir zwar bereits unsere analog aufgenommenen Bilder zeitgleich mit dem Abziehen- auf CD brennen lassen, doch nur wenige haben es damals dauerhaft auf die Festplatte meines damaligen Laptops geschafft. Eigentlich sind es sogar nur ein paar, doch sie zeigen mich mit meinem damals noch quicklebendigen Sohn und ich schlucke leer.

Mit dem Kauf meiner ersten digitalen Sonyshot im Frühling 2004 stieg meine Bildquantität schlagartig. Nicht, dass die Qualität jener Bilder mit den heutigen, die ich mit dem iPhone oder der Nikon mache, mithalten könnte, dennoch spüre ich hier bereits zuweilen, wie sich mir ein kreativer, experimenteller Weg auftut. Damals arbeitete ich noch mit Windoo und einer (dunkelgrauen) Photoshop-Version. Und schon damals mochte ich es, technische Geräte und Programme auszuprobieren. Das Webseite-Bauen (mit einem simplen halbgrafischen Programm) habe ich mir also ebenso wie das Bildbearbeiten selbst beigebracht. Vor allem über Try & Error. Damals wie heute komme ich mit Bedienungsanleitungen, Tutorials und Co. nicht wirklich gut klar, da ich alle geschriebenen Theorien immer gleich nach dem Lesen und Sehen wieder vergesse. Ich muss etwas verstehen können, die Logik dahinter fühlen, und ich muss einen Prozess in der Praxis erleben, muss etwas mit meinen Händen tun können, damit ich mir einen Vorgang merken kann.

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Müüsli
Stellanera – längst im Müüslihimmel
Tja und so klicke ich mich also heute weiter durch mein Leben. Erinnere mich. Grinse zuweilen. Über die Mäuse zum Beispiel. Hach meine Mäuse! Anno Tubak 2005 und 2006 muss das gewesen sein.

Ich reise weiter durch mein Leben. Werde meine Lebensreise betrachten. Werde zurückblicken. Werde, was ich da mit Schnappschüssen illustriert habe, zu verstehen versuchen. Werde meine Gedankenspuren aufnehmen und den roten Faden auf- und abwickeln … Entwicklungen betrachten.

Dankbar bin ich über die menschliche Fähigkeit zur Reflexion.

Sicherheiten

Man solle, so sagen die Profis, man solle regelmäßige Backups machen, seine Daten − die auf dem Rechner gut sortierten, die gut auf Ordner verteilten, die gut benannten − immer wieder sichern, damit auch ja nichts von all dem vielen Notierten und Fotografierten verloren gehe.

Man solle backupen, sagten sie. Und ich habe gehorcht und meine Dateien zuerst auf Floppy- und ZIP-Disketten zur Sicherung abgespeichert, später auf CDs; feinsäuberlich nach Jahren, nach Ordnern, nach Themen. Später, seit etwa fünf oder sechs Jahren, haben diese Aufgabe externe Festplatten übernommen und das Backupen ist gleichsam ein dynamischer Prozess geworden.

So backupte ich also regelmäßig vor mich hin. Bis zu jenem Tag jedenfalls, an dem meine 2TB-Festplatte auf einmal nicht mehr lesbar war. Dass Daten drauf waren, wusste ich ja, schließlich habe ich diese selbst draufgeladen und sie wurden ja auch angezeigt. Doch die Daten selbst konnte ich nicht mehr öffnen. Vermutlich ist sie einmal zu viel gestürzt, die Festplatte, und hat sich dabei das Rückgrat gebrochen.

Ich machte mich darum mit dem Gedanken vertraut, dass ich als verloren akzeptieren muss, was verloren gegangen ist. Frei nach Kerouac. Doch Irgendlink wäre nicht Irgendlink, wenn er nicht zumindest versucht hätte, eine Lösung zu finden, um meine Daten zu retten. Und der Versuch gelang. Er konnte alle Daten auf eine neue externe Festplatte überspielen und dort liegen nun seit vielen Monaten 1313 Ordner mit je ungefähr 1000 Dateien.

So weit so wunderbar.

Dumm nur, dass diese Dateien dort a.) ohne ihre vorherigen Namen und b.) weder nach Typen noch nach Datum noch nach Größe sortiert herumliegen. Querbeet.

Nun kommt die Konsole ins Spiel. Ihre Macht hat mir Irgendlink gestern aufs Neue demonstriert, als wir endlich mit der Extraktion der über einer Million Dateien angefangen haben. Den Anstoß gab die Suche nach Bildern von Anno Ypsilon. (Mit meiner ersten schlichten Suche − nach Datum und Größe − war der Datenrettungsordner schon schnell und massiv überfordert. Er hängte sich eins ums andere Mal auf.)

Die Konsole − auch Terminal genannt, oder nenn es einfach den schwarzen Bildschirm − ist jener Ort, in den man eintippen kann, was der Rechner tun soll … Die Konsole ist mächtig, zaubermächtig sogar, wenn man denn die richtigen Wörter kennt.

Irgendlink kennt zum Glück ein paar Zaubersprüche und nun haben wir den ersten Spreu, all die winzigen Thumbnails, welche die Ordner vollgestopft hatten, vom Weizen getrennt. Parallel dazu habe ich ein Programm laufen, das alle Bilder aus den chaotischen Ordnern, die diesen Namen nicht wirklich verdienen, holt und sie nach Exif-Daten, sprich chronologisch, ordnet.

Im Gegensatz zur Konsole ist dieses Programm ein grafisch arbeitendes; ich sehe ihm zwischendurch dabei zu, wie es die zu ordnenden Daten durchlaufen lässt. Winzige Bilder blitzen auf. Vielleicht eine Zehntelsekunde lang. Es läuft ein Film vor meinem Auge ab, ein ziemlich hektischer. Ein Film der letzten sechzehn Jahre meines Lebens. Landschaften, Menschen, Dinge sehe ich da. Lachende Gesichter. Mit all den verschiedenen Apparaten aufgenommen, die es seither gegeben hat. Ein Lebensphasenfilm sozusagen.

Heute Nacht habe ich sogar so ähnlich geträumt. Bilder flitzten durch meine Traumwelt, kamen, gingen, kaum gesehen, schon wieder weiter.

Seltsam dankbar macht mich dieses Bildersortierprozess – dankbar, diese bildhaften Erinnerungen, die ich schon verloren und un- fass und unsichtbar geglaubt hatte, wieder sehen zu dürfen.

Irgendwie glabt man ja, externe Festplatten seien für die Ewigkeit gebaut. Glaubt man, denkt man, hofft man. Aber vielleicht gibt es ja die Ewigkeit ebenso wenig wie wirkliche Sicherheit?


(Noch steht uns die Extraktion aller Dokumente aus den chaotischen Ordnern bevor, auch dabei wird uns die Konsole bestimmt gute Dienste leisten.)

Über das Recht auf das eigene Tempo

Ich weiß, dass ich mit dieser meiner Sehnsucht fast allein bin. Ich spreche von jener, mich zuweilen danach zu sehnen, langfristig ohne das Konzept der messbaren Zeit zu leben. Ich sehne mich nach einem Leben ohne Maßeinheiten wie Wochentage und Uhrzeiten, ohne Zählung und Benennung der Tage und vor allem ohne das Bestimmtwerden von diesen. Als einzige Maßeinheit tolerierte ich Sonne, Mond und Sterne, Wind und Wetter, Temperatur und was immer noch zu den Rhythmen des Lebens, der Natur gehört.

Bei allen Dingen, denen ich mich zeitweilig − bewusst oder unbewusst − fast exzessiv hingebe oder ausliefere, sehne ich mich nach einer Weile nach deren Gegenteil. Nach deren Gegenbewegung. Ich will das Geländer, das die Uhr zu sein vorgibt, gegen einen Stock austauschen. Geländetauglicher ist dieser eh. Ja, heute, nach all den Jahren in Büros und bei anderen Jobs, wo es unter dem Strich immer irgendwie um das Einhalten von Terminen ging, sehne ich mich nun danach, keinen von außen getakteten Strukturen mehr folgen zu müssen; einzig dem Rhythmus der Natur gehorchen will ich, meiner Natur ebenso wie der Natur an sich.

Wie die meisten von uns habe ich mich im Laufe des Lebens ziemlich entfernt von meiner eigenen Natur − und von der Natur an sich sowieso. Natürlich gehe ich oft raus, radle, spaziere, wandere, pflanze etwas in meinem Gärtchen, erfreue mich der Blumen, Bäume, Blüten, säe und ernte … aber wirklich eins mit der Natur – meiner und der Natur an sich – bin ich, wenn ich ehrlich bin, längst nicht mehr. Zu viele Eingeständnisse mache ich. Ich könnte, nur so als Beispiel, ohne Einkaufsmöglichkeiten, ohne Geld, ohne menschliche Hilfe, da draußen nicht lange überleben. Nicht dass ich das heute und morgen können müsste, ich bin ja nicht auf der Flucht. Ich meine ja nur … und ich denke nach. Über diese Sehnsucht. Und über unsere Wanderung im Juli. Wie vor zwei Jahren auf unserer Reusswanderung auf den Gotthard wollen Irgendlink und ich auch diesmal einfach loswandern. Mit allem im Gepäck, was wir für das Leben in der Natur brauchen. Zelt und Bordküche, Schlafsäcke und Wechselkleider. Loswandern mit Start in den Bündner Bergen.

Und ja, wir wollen dazu bloggen. Vermutlich sogar gemeinsam, im gleichen Blog. Reiseblogs boomen. Ich lese fast immer bei irgendwem mit, die oder der jetzt, immer, heute, unterwegs ist und über ihre oder seine Tageseindrücke schreibt. Ich mag das. Sehr sogar. Vor allem, wenn es nicht nur bei Streckenbeschreibungen bleibt.

Tag 1, Tag 2, Tag 3 … schon oft war ich Irgendlinks Homebase und gab mit meinen Beiträgen seinen Reiseberichten einen äußeren Rahmen.

Mir wird zunehmend klar, dass ich mich je länger je schwerer tue mit Rahmen und Vorgaben. Und vor allem mit diesem immer wichtiger scheinenden Messen und Vergleichen. Dahinein habe ich gestern, eher zufällig, einen feinen, wichtigen Text über das Vergleichen gelesen. Seither spinne ich noch intensiver am Thema weiter. Ich beobachte es ja nicht erst seit gestern, wie sich selbst im Reisebereich eine Art Vergleich eingeschlichen hat.

[Wie viele Kilometer hast du heute gemacht?
Oh, so viele! Wow. Toll!]

[Viel ist nämlich besser als wenig, weil … ähm, hab ich vergessen …]

Gestern Abend, am Telefon, als Irgendlink und ich über unsere geplante Wanderung im Juli sprachen, schlug ich – natürlich spaßeshalber – vor, dass wir ja möglichst langsam wandern könnten.

Das geht natürlich nicht. Und es wäre zudem kindisch. Und genauso trotzbestimmt wie viele andere meiner Gedankenspiele, mit denen ich zuweilen gesellschaftlichen Vorgaben um des Widerspruchs willen widerspreche.

Nein, mir geht es nicht um Trotz. Mir geht es um das Recht auf das eigene Tempo. Eigentlich eine Art Menschenrecht, finde ich.

Das Recht auf die eigene Natur.
Das Recht auf artgerechtes Leben.
Ein Recht sollte man nicht einfordern brauchen müssen.
Ein Recht sollte für alle selbstverständlich gelten.
Ein Recht sollten wir andern selbstverständlich zugestehen. Auch uns.

Wer schnell sein will, soll schnell sein dürfen. Daran ist nichts falsch. Nur dürfen die Langsamen eben auch langsam sein. Denn auch daran ist nichts falsch. Und auch ein mittleres Tempo darf sein. Nein, auch daran ist nichts falsch.

Falsch, oder besser krankmachend, ist unser ständiger Blick nach rechts und links, das Messen, das Abgucken, das Vergleichen und Sich-Anpassen, das oft aus dem Vergleich resultiert.

Auffallen wollen, weil man sonst in der Masse unterzugehen glaubt? Vielleicht. Wer will und zu müssen meint, soll halt. Hauptsache echt.

Im eigenen Rhythmus unterwegs zu sein, will ich lernen. Beim Radeln, beim Wandern, bei der Arbeit. Den Mut dazu sammle ich noch.

Do It Your Selfie − bloß wozu?

Neulich auf Twitter fragte einer, warum sich manche Twitternde von Selfies gestört fühlen. Ich unkte als Antwort, dass ich befürchte, dass unsere Welt noch an Narzissmus ertrinken wird oder an Mangel an echter Liebe verhungern. Ich schob nach, dass ich mich nicht von den Selfies an sich gestört fühle, sondern dass ich eher das Posten von Selfies und das Posen auf Selfies, gestört finde. (Versteht mich nicht falsch, Selfies zu machen, ist okay. Aber dieser Drang, diese − kaum gemacht − auch gleich posten, sich selbst vorzeigen zu müssen, ist doch irgendwie krank. Oder ist es eine neue Form davon, sich zu vergewissern, dass man lebt? Dass man noch lebt?

Nicht dass ich etwas gegen gute Porträts oder gegen Fotos mit Menschen drauf hätte. Nein, habe ich nicht. Es ist wohl eher dieses Posen, dieses Drang zur Selbstdarstellung, den ich ziemlich bedenklich, fast eklig, finde. Ein Zeichen, ein Symptom einer ziemlich kranken Gesellschaft, deren Mitglieder ihre Selbstwahrnehmung nach außen verschoben, nach außen delegiert haben.)

Doch ist das Selfie wirklich so etwas ganz und gar anders als ein Tweet oder ein Blogpost? Ist nicht eigentlich unser Übermaß an Teilgabe an unserem Leben, die dank Internet schier unbegrenzt möglich ist, krank und gestört? Dieser Ausschüttungszwang unserer Gedanken in diese Welt. Andererseits: Würden wir sie nicht ausschütten, auskotzen, wären sie ja ständig in uns drin und würden in uns gären und faulen und uns auffressen und krank machen undundund. Und darum schütten wir uns aus. Dann können die anderen schauen, was sie damit machen sollen (Sorry, ich wiederhole mich thematisch …)

+++ Schnitt +++

Erwacht bin ich heute Morgen, es war 5:55, mit dem Gedanken, den Gedanken festzuhalten, den ich soeben, erwachend, gedacht hatte. Diesen Gedanken hier: Warum wollen wir eigentlich alles immer gleich festhalten, aufschreiben oder gar publizieren? Warum halten wir alle unsere Gedanken, seien sie noch so banal, für aufschreibenswert?

Ich hatte es notiert, natürlich, weil es ja so ein wichtiger Gedanke ist, und ich wusste auch, dass ich darüber bloggen würde. Warum auch immer.

Woher, verdammt, woher kommt diese Teilenmüssen-Sucht, dieses Seht-her-was-ich-esse-trinke-denke-tue-Getue?

Und wie ist das eigentlich bei Nicht-Bloggenden, Nicht-Twitternden, Nicht-Facebookenden, Nicht-Elloenden oder sonstwie Sich-nicht-in-den (a)sozialen-Medien-Tummelnden?

Mal ausgenommen von jenen, die tatsächlich kaum das Bedürfnis haben, sich auszudrücken und auszutauschen, vermute ich, dass all die nichtangeleinten, nicht onlinen Menschen einfach andere Mittel und Wege suchten, fanden, suchen und finden. Nachbarn zutexten zum Beispiel. Leserbriefe an die Zeitungen schreiben. Im Dorfladen tratschen. Die Familie volllabern oder den Arzt und die Apothekerin. Am Stammtisch, am Arbeitsplatz …

Oh, ich gehe zu weit? Soziale Kontakte sind doch etwas ganz wichtiges und ganz wunderbares. Ja, klar.

Aber.

Dieses Übermaß an Selbstausdruck … nein, ich verstehe es nicht wirklich. Nicht bei mir, nicht bei anderen. Und tue es doch, drücke mich ständig irgendwo irgendwie aus; und ich muss gestehen, dass ich bisweilen diese menschlichen Tendenzen mit Argwohn – um nicht zu sagen mit Ekel – betrachte. An mir vor allem. Und ja, auch an anderen.

Zwischen Menschen

Im Zeitalter abgelutschter und inflationär missbrauchter Begriffe wie Liebe und Freundschaft denke ich oft darüber nach, was sich wie verändert hat und warum; und was eigentlich hinter diesen Begriffen und ihren schon fast beliebig gewordenen Interpretationsansätzen für mich steckt.

Freundschaft nennen wir unsere Beziehungen heute ziemlich schnell. Freundschaft zu sich selbst, ja, das finde ich gut; da gibt es aber auch die Freundschaft zu Büchern, zum Handy, zum Auto, zu Serienhelden, zu Stars und Sternchen … Nun ja, da reicht mir das Wort ‚mögen‘. Doch wenn ich das Wort Freundschaft in den Mund nehme, denke ich sofort an Menschen. An einige meiner Lieblingsmenschen. Den Liebsten, der auch bester Freund ist, an Freundinnen und Freunde …

Bevor ich Freundinnen hatte, haben wir alle, die Kinder unserer Straße, mehr Buben als Mädchen, einfach zusammen gespielt und uns über so Dinge wie Freundschaft keine Gedanken gemacht. Wir waren im Wald, wir waren im Garten, in den Feldern streunten wir herum, wir waren Indianer, Cowboys, Polizisten und Räuber und wir waren vor allem eins: Menschen mit dem Bedürfnis zusammen zu lachen. In den ersten Schuljahren waren sich die meisten Mädchen zu gut für mich, zumal ich in der Pause lieber auf den Baum auf dem Schulhaus kletterte als seilzuspringen. [Noch war ich kaum domestiziert, noch war ich halbwild.]

Mag sein, dass ich mir Freundschaft darum schon damals als etwas Großes, als etwas Großartiges vorgestellt habe, größer als jeder Pausenplatz. Größer jedenfalls als dieses Smalltalk-Ding, das ich damals mit meinen  Kameradinnen erlebte.

Vertrauen ist der erste Begriff, den ich mit Freundschaft assoziiere. Sich etwas anvertrauen, was nicht alle wissen sollen. Ja, ich will dir vertrauen und ich will, dass du mir genauso vertraust. Dass du mir nicht nur Schönes erzählst, dass du mir nicht nur deine Schokoladeseiten zeigst, sondern dass du dich mir öffnest und mir deine Abgründe zumutest. Auf dass auch ich dir von den Dellen in meinem Leben erzählen kann, dir meine Bitter- und Hässlichkeiten, meine Höllen, zumuten kann. Und so vertrauen wir gemeinsam darauf, dass keine von uns beiden unser Wissen, Fühlen und Ahnen, das wir einander geschenkt haben, missbraucht. Loyalität, ja, sie ist ebenfalls Teil meines Verständnisses von Vertrauen. [Doch keine Angst, ich will nicht die einzige Freundin und Vertraute sein, die du hast. Das würde mich überfordern, und nein, du bist auch nicht die einzige Freundin und Vertraute, die ich habe. Mit Freundin X. teile ich andere Erfahrungen und Gedanken als mit dir, und mit Freund Y. nochmals anderes. So wie wir alle viele sind und viele Seiten in uns tragen, so teilen wir diese Vielfalt auch mit unterschiedlichen Menschen auf unterschiedliche Weise.]

Wahrhaftigkeit ist ein weiterer Begriff, den ich mit Freundschaft verbinde. Vielleicht kommt wahrhaftig zu sein gar noch vor Vertrauen, denn es ist für mich die Voraussetzung desselben, wenn denn eine Freundschaft wirklich diesen Namen verdient. So, wie ich mich dir ungekünstelt und unverstellt zumute, erlöst vom Wunsch, dich beeindrucken oder dir gefallen zu wollen, so wahrhaftig – und damit auch bereit, von dir verletzt zu werden –, so echt, so authentisch wünsche ich mir auch dich. Denn nur wenn wir beide uns einander offen und unverstellt zumuten und anvertrauen, kann etwas zwischen uns wachsen, das ich Freundschaft nenne.

Auf alles andere verzichte ich gerne. Alles andere ist Treten an Ort. Alles andere ist Smalltalk, Kleingeschwätz. Alles andere ist Zeitverschwendung. Ich mag meine kostbare Lebenszeit nicht mehr auf Menschen verschwenden, die mir nicht mit gleicher Offenheit, wie ich sie ihnen entgegenbringe, begegnen. Die sich unter und hinter Floskeln verstecken, die mir nur ihre Fassade zeigen und diese immer schön auf Hochglanz polieren. Nur weil wir damals Freunde waren, müssen wir heute nicht zwingend und noch immer Freunde sein. Nur weil wir vieles zusammen erlebt haben, müssen wir nicht auf Gedeih und Verderb einander geschönte Rapporte dessen liefern, was uns das Leben so antut. Wenn ich anmerke, dass ich deine Hochglanzwelt und dein So-tun-als-ob nicht glauben kann, weil sie mir nicht wahrhaftig genug ist, und du entgegnest, dass du mich nicht verletzen wolltest, schlucke ich leer. Sehr leer.

Kritikfähigkeit und -bereitschaft gehören für mich ebenfalls und unbedingt in eine Freundschaft. Ja, ich will dich verstehen, aber ich will dass du das auch tust. Versuchen wir es zumindest. Klar will ich, dass du mir sagst, wenn du findest, dass ich auf dem Holzweg bin oder etwas das ich tue, nicht toll findest. Aber bitte nicht pauschal, sondern differenziert und begründet. Ich will mich mit dir nämlich auseinandersetzen, ich will dich sehen, ich will dein Herz sehen, nicht die Glasur, die hochglänzende Fassade. Und ich will auch nicht dein Bad samt dem Kind-in-dir auskippen. Und darum erwarte ich das alles auch von dir.

Ich hoffe, dass wir einander – wenn du es brauchst, wenn ich es brauche – Stützen sind. Dass wir einander helfen. Dass wir – selbst wenn wir nicht immer alles toll finden, was der oder die andere tut – wohlwollend miteinander sprechen können. Oder aber dass wir unser Gespräch für immer beenden.

Ein paar Erwartungen hab ich offenbar doch an eine Freundin, an einen Freund. Die Sache mit der bedingungslosen Liebe ist so bedingungslos wohl doch nicht. Bedingt denn Liebe nicht immer ein Gegenüber? Ob nun zwischen Freunden, als Paar oder auch als Elternteil oder Kind: Liebe setzt eine Verbindung voraus und bedingt, dass wir einander Zugewandte sind. Meint, dass wir diese Liebe, die den Boden unserer Freundschaft ausmacht, mit wahrhaftigen Begegnungen nähren. Mit wahrhaftigem Sein. Mit einem Blick ins Herz. Diese Bedingungen brauche ich. Sonst verdorrt eine Freundschaft. Dann sag ich lieber ‚Lebewohl!‘ und ‚Machs gut!‘ und ‚Danke für alles!‘

Immer mehr von immer weniger

Immer wieder gelange ich an Orte in mir drin, an denen ich das Bedürfnis habe, nichts teilen zu müssen/sollen/wollen. An denen ich nicht mehr das Bedürfnis habe, etwas teilen zu müssen/sollen/wollen. Nicht Dinge, keine Angst, ich schreibe von Gedanken, Erfahrungen, Innenansichten.

Aber so ganz stimmt es so auch wieder nicht, denn wenn ich in mir an diesen Orten bin, twittere, elloe oder instagrame ich dafür zuweilen mehr als sonst. Irgendwo ein Ventil nach außen brauche ich dann wohl doch. Aber vielleicht sind es von solchen Orten aus weniger die komplexen Gedanken, die nach außen wollen, eher so die Spitzen derselben, getarnt oder verpackt in einem Bild, einem kleinen Satz, in einer Flapsigkeit womöglich sogar.

Zu anderen Zeiten und an anderen Innendrin-Orten sind es komplexe Gedanken, sind es Geschichten, sind es Ärgernisse, sind es Alltagsfreuden, die ich nach außen tragen will/muss/soll.

Das Ventil. Ich nannte es hier neulich auch die Erlösung(en). Denn das ist es ja. Überdruck. Ein Zuviel im Innen, das nach außen schwappen will, damit ich nicht platzen muss. Und wenn ich mir dann vorstelle, dass es anderen ähnlich geht und wir alle tagtäglich unser Zuviel, unsere Eindrücke, unsere Erlebnisse, unsere Erfahrungen ausspucken, Verzeihung ausdrücken wollen, müssen, können, wird mir manchmal ganz schwindlig. Es ist so viel. Alles. Zu viel. Ich nehme das Viele zuweilen auf, verarbeite es in mir drin weiter, doch dann ist ja wieder noch mehr in mir drin, was raus will.

Und so weiter und so fort.

Ein Kreislauf, den ich manchmal genial und manchmal total krank finde. Nicht, dass das früher total anders gewesen wäre, als wir Menschen noch nicht alle diese Möglichkeiten gehabt hatten, uns auf so vielen unterschiedlichen Kanälen auszukotzen, nur glaube ich, dass sich an unserer Haltung etwas geändert hat. Wir leben mit Selbstverständlichkeiten, die wir nicht mehr grundsätzlich in Frage stellen. Warum auch. Da wir die Möglichkeiten haben, nutzen wir sie auch. Angebot und Nachfrage.

Heute, als ich am Vormittag im Büro schuftete, kam der Chef kurz vorbei, um vor dem langen Wochenende noch ein paar Sachen zu klären. Als wir die geschäftlichen Dinge besprochen hatten, erzählte er noch kurz von seiner gestrigen Autopanne und sprang von dort auf das heutige Einkaufs- und Konsumverhalten.

In zehn Jahren, oder vielleicht schon viel früher, sagte er, wird es in den Läden keine Kassiererinnen mehr geben. Da werden wir unsere Einkäufe selbst scannen müssen, wir werden übers Handy bezahlen und die ganze Verantwortung liegt bei uns. Wir müssen dann sogar, obwohl die Geschäfte ja unser Geld wollen, noch selbst den Bezahlvorgang abwickeln, für die da arbeiten. Findest du das nicht auch ziemlich schräg?

Nun ja, du kannst gerne in einen teureren Laden gehen, wo du bedient wirst und mit dem Preis auch die Dienstleistung mitzahlst. Aber solange du dich für das Immer-billiger entscheidest, musst du eben auf die Dienstleistungen und auf die Menschen, die diese erbringen, verzichten. Wir können nicht Immer-billiger haben ohne den einen oder anderen Abstrich zu machen. Das ist es, was ich zuweilen total schräg finde an unserer Haltung als Konsumierende: Wir wollen für immer weniger Geld immer mehr geboten bekommen.

Es geht, denke ich jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, schlussendlich immer auf Kosten von jemandem. Wenn ich wählen kann, dann doch lieber auf Kosten von uns Wohlstandsverwöhnten als auf Kosten von BilligarbeiterInnen.

Das ist zum Beispiel so ein Ort in mir drin: Die Wahrnehmung von Ungerechtigkeiten, von Ungleichgewichten. Ein Ort, an dem ich mich nicht gerne aufhalten, weil er mich verstört, weil ich mich darin hilflos fühle. Und dann, ich gestehe es, erlaube ich mir, die Türe zu diesem Ort hin und wieder zu schließen, mich an andere Orte mit einer weniger schmerzhaften Umgebung, zu begeben. Über Ungerechtigkeiten habe ich schon so viel geschrieben, geweint, nachgedacht, getrauert, dass ich es bisweilen für überflüssig halte, noch mehr darüber zu schreiben. Bringt ja eh nichts. Andererseits: Wenn wir sie nicht benennen, werden sich die Dinge auch nicht ändern.

Die Dinge nicht und auch die Gedanken einer Mehrheit von Menschen nicht, die nicht wirklich über Zusammenhänge nachdenkt. Und auch die Zusammenhänge werden sich nicht ändern. Es ist ja schon verflixt: Weil das eine das andere bedingt, auslöst, voraussetzt, können wir ja nicht einfach hingehen und es ändern. Denken wir.

Und ich frage mich, ob das wirklich stimmt. Was, wenn …

Und so frage ich mich jetzt, ob es etwas bringt, dass ich diese Gedanken hier veröffentliche. Klar, mir hilft das Schreiben beim Gedankenverdauen, beim Zur-Ruhe-kommen, doch muss ich sie deswegen veröffentlichen? Muss ich sie teilen? Muss ich Teil dieser Schaut-her-was-ich-denke sein? Will ich es? Brauche ich es?

Ist das da, was wir in den Blogs und sozialen Medien von uns geben nicht einfach Hirnwichserei? Und darum, nun ja, darum werde ich diesen Artikel nun doch veröffentlichen. Und weil es doch auf einen Text mehr oder weniger nicht ankommt. Ihr müsst ihn ja nicht lesen.

Diese Sehnsucht nach Erlösung

Was genau ich geträumt habe, ist nicht relevant, zumal ich mich nicht mehr erinnere. Woran ich mich aber genau erinnere, ist, dass ich um Lösung, Erlösung, Auflösung herum geträumt habe.

Eine der Erinnerungsspuren zurück in die Traumhandlungsebene befasste sich mit Druckaufbau, mit Leistungsdruck, mit Pflichten, mit Erwachsensein vielleicht auch − doch möglicherweise kam diese Ebene erst dazu, als ich bereits in jener Phase kurz vor dem Aufwachen war, wo Träume es sich zuweilen anders überlegen und sich zurückziehen, um nicht die Schwelle zur materiellen Realität überschreiten zu müssen. (Ob sie den Schmerz ahnen, die Träume, der auf sie wartet, vielleicht, falls sie wahr, falls sie real würden? Und wäre es denn Schmerz?)

Was brauche ich? Was tut mir gut? Zwischen Notwendigkeiten und Luxus ist ein großer Graben. Was brauchen das Kind-in-mir wirklich? Und was brauche ich erwachsener Mensch? Was brauche ich wirklich um der Wirkung, der Wirksamkeit, der Wirklichkeit willen und um sie zu ertragen? Was erfüllt mich, was erlöst mich, was heilt und was nährt mich? Was wendet Situationen, die wie Sackgassen aussehen und mir Angst machen?

Sind es letztendlich weniger die Dinge an sich, Materie und Umfeld, als vielmehr die Bewegungen, die Handlungen, unsere Hingabe und Zuwendung, ein Blick, eine Berührung, die uns erlösen?

Wenn ich so um mich schaue (oder/und weil ich von mir auf sie schließe), dünkt mich das ganze Paket, das manche Freundinnen und Freude so mit sich herumtragen, verdammt groß und schwer. Unlösbar schwer?

Brauche ich, brauchen wir alle vielleicht deshalb im Alltag immer wieder unsere Erlösungen?
Ist das Leben nicht ein einziges Spannungsbogen aufbauen und Spannungsbogen abbauen?
Spannung
und Erlösung.
Hin zu mir,
weg von mir.
Ewiges Auf und Ab,
endliches Kreisen.

Ja, ich brauche Erlösungen. [Und ich vermute, dass sogar ein Mord eine Art Selbsterlösung sein kann, zuweilen, auch wenn das für mich keine Option ist. Außer vielleicht im Lesen von Krimis.]

Wie ich mich am liebsten erlösen lasse? Zum Beispiel durch eine wunderbare, mit dem Liebsten zusammen gekochte Mahlzeit. Durch den gemeinsamen Gaumengenuss. Oder − wie gesagt − von Geschichten anderer in Büchern und Filmen. Auf Wanderungen und Radtouren erlöst mich die Natur. Immer ist es wohl diese Hingabe an den Augenblick, ans Jetzt, die mich erlöst, zuweilen beinahe auflöst. Mich in mir. Wie im Orgasmus. Oder im Wasser, beim Duschen oder Schwimmen. Und im Fluss von Musik, von Stille und von Schlaf.

Ich ahne, dass die definitive Erlösung der Tod ist.