aufgelesen

Was ist Wahrheit? Ist eine fiktive Geschichte, wie die eben im Film „Me too – Yo también“ gesehene deshalb unwahr, weil sie nicht eine Lebensgeschichte zeigt, die sich wirklich in allen Details genau so wie gezeigt ereignet hat? Angelehnt sei die Geschichte, nur angelehnt an die Lebensgeschichte der Hauptfigur. Und die Hauptrolle spielt dieser Mann gleich selbst. Ein Mann, der über sich selbst sagt:

Es ist keine Krankheit! Es ist eine Kondition, ein Zustand. So wie der eine blond ist, habe ich eben das Down-Syndrom.

Quelle: Die Presse.com, 17. Juli 2010: Pablo Pineda: „Ich bin nicht krank!“
Als Psychologe mit Universitätsabschluss weiß er, wovon er redet, wenn er gegen die Gleichmachung einer Gesellschaft spricht, zugleich sich aber für die Gleichstellung aller einsetzt.

Aber nicht aus moralischen Gründen, sondern aus Gründen der Erfahrung. Es sind harte Erfahrungen, aber extrem bereichernde, die man durch eine Abtreibung eines behinderten Kindes niemals erleben würde. Eltern mit Kindern, die „anders“ sind, verbessern sich auch als Eltern. Sie werden toleranter und solidarischer. Das ist doch eine Chance, die man nützen sollte. Die Auswahl des Kindes à la carte ist nicht gut. Denn schlussendlich wählen wir das Perfekte. Und wenn dann alle gleich sind, sind wir um vieles ärmer. Auch Blumen sind verschieden, und alle sind schön. Der Drang zur sozialen Homogenisierung ist ein Übel der Gesellschaft. Wenn alle gleich denken, gleich aussehen, alle „uniform“ sind, dann ist das Faschismus.

Quelle: Die Welt Online, 10. Juni 2009: Pablo Pineda: „Und wenn dann alle gleich sind, sind wir um vieles ärmer.“
Schnitt.

Die Betrachtung der Dinge, so wie sie sind, ohne Ersatz oder Betrug, ohne Irrtum oder Unklarheit, ist eine edlere Sache als eine Fülle von Erfindungen.

sagte Francis Bacon.
Mit diesem Satz, den die Künstlerin und Fotografin Dorothea Lange, von Frau Mützenfalterin vorgestellt, gemäß Wikipedia in ihrem Fotolabor aufgehängt hatte, kann ich mich darum nur bedingt anfreunden. Mit großem Respekt vor jenen KünstlerInnen und DokumentaristInnen, die sich der Abbildung der Wirklichkeit verschrieben haben, wage ich zu behaupten, dass jede Abbildung letztlich ein Zerrbild ist. Natürlich ist der Versuch edel. Doch ist nicht auch der Versuch, mittels einer Fiktion, wertvolle Inhalte transportieren zu wollen, edel zu nennen? Edel im Sinne von ehrenwert. Altes Wort. Staubig. Im Grunde etwas, das wir heute belächeln. Wie Gutmensch. Den Versuch ist es allemal wert.
Erfindung – Imagination … sie kann, wie ich neulich schon bloggte, ein Wegbereiterin in eine heilere, menschlichere und tolerantere Mitwelt sein.

Am Anfang war das Loch

Blogfrei war gestern. Gestern wollte ich einfach mal wieder in die handfeste Materie eintauchen – ganz ohne Virtualität. Zwar habe ich auf dem iPhone Mails gelesen und ein klitzeklein bisschen gesurft, das war es aber auch schon. Gar nicht mal schlecht, ab und zu offline zu sein. Auch meine saubere Wohnung dankt es mir.
Ein Tag ohne Laptop ist dafür ein Tag mit Notizzetteln. Denken in Echtzeit, steht auf einem von ihnen. In Stichworte gepackte Erkenntnis. Auf einem schönen Novembersonne-Mittwochnachmittagsspaziergang begriff ich, dass für mich Schreiben die einzige Tätigkeit ist, die ich zeitgleich mit Denken tun kann. Eben: Denken in Echtzeit. Jedes andere Tun verhindert gleichzeitiges Schreiben, gleichzeitiges Konservieren von Gedanken. Obwohl ich bei allem, was ich tue und lasse über das Leben nachdenke oder nachfühle. Doch diese Gedanken sind ätherisch. Wie Düfte. Kaum gedacht, schon weg. Wie wichtig diese meine Gedanken sind, sei dahingestellt. Dennoch will ich Gedankenblitze und kleine Erkenntnisse, die mir das Leben begreifbarer machen, eben oft festhalten. Sie festhalten und sie auch gleich schreibenderweise einkochen, um sie später hervorholen zu können. Ich will die gefundenen Spuren zu mir selbst behalten, festhalten, halten.
Gegenteil von Loslassen! Oops, die Gedanken, was sag ich da, die Finger machen sich mal wieder selbständig und tippen schneller, als ich denken kann. Von Loslassen wollte ich hier gar nichts schreiben. Viel zu anstrengend.
Auf einem anderen Zettel steht Innerer Arzt. Er soll mich an jene Sendung, die ich vorgestern spät abends mit meinem Liebsten gehört habe, erinnern. Neulich auf Arte war ein Beitrag zum Thema. Sehr gut gemacht, finde ich. ((Hier klicken zur SendungDanke, Kati, für den Link und den Input!))
Ha, jetzt hat‘s auch die Wissenschaft
endlich begriffen, sagte ich. Uraltes Wissen, das hier! In den Kursen von Luisa Francia haben wir genau diese Erkenntnisse schon vor fünfzehn Jahren praktiziert. Imagination, nennt sich das. Und da steckt das Wort Magie drin, das Außenstehende immer so schön nervös macht. Dabei geht es genau darum, dass wir uns, und damit eben auch unseren Körper, dorthin begleiten, wo wir wahrnehmen, was ist. Und was wir wirklich (= für die Wirklichkeit) brauchen. Wie wir uns heilen können. Uns vertrauen. Dem Körper vertrauen. Darum geht’s. Sogar die in der Sendung vorgestellten Techniken, um solche Prozesse in Gang zu setzen, sind denen ähnlich, die wir damals in unseren Workshops kennengelernt und geübt haben. Doch jetzt ist die Wirkung von Imagination und die Selbstheilungkraft des Körpers endlich auch für Weißröcke und deren Gläubige wissenschaftlich nachgewiesen. Na also, geht doch.
Schade, dass wissen allein nicht genügt. Ich praktiziere all mein Wissen und Ahnen viel zu wenig. Das Asthma zum Beispiel, das ich seit einem Jahr in akuten und latenten Stressphasen habe, wie könnte ich es wohl mit Hilfe meiner Inneren Ärztin lösen? Und würde ein Placebo meine Schilddrüsenfunktion ebenso normalisieren, wie es meine Tabletten (hoffentlich) tun? Und wie wäre es wohl, wenn eine Frau, die schwanger ist, statt Folsäure ein Placebo nähme? Wie verhält sich der Körper zu Informationen, die ihm geliefert werden? Wo ist die Schnittstelle?
Apropos Schnittstelle. Machen wir doch hier mal einen Schnitt.
Neulich habe ich über Sucht gebloggt. Vorgestern, beim Arbeits-/Weihnachtsessen meines ehemaligen Teams, das mich unbedingt dabei haben wollte, kam das Gespräch aufs Rauchen. Ich erzählte im Verlauf der Diskussion, wie ich mir vor ungefähr zweieinhalb Jahren das Rauchen abgewöhnt hatte. Nämlich einzig und allein mithilfe der Erkenntnis, dass ich mir irgendwann mit sechszehn eingeredet haben muss, das Zeug schmecke gut. Natürlich war die Geschichte damals ein klein bisschen komplexer, doch irgendwie und irgendwo muss ich damals irgendeinen Schalter umgelegt haben. Und den gleichen Schalter hatte ich eben vor zweieinhalb Jahren zurückgekippt. Stopp Lebenslügen!, war mein Ansatz damals. Diese eine zu knacken war jedenfalls kein schlechter Anfang.
Jede Sucht ist eine Ersatzhandlung, sagte ich. Kopfnicken rundum und die nächste erzählt eine Episode aus ihrem Leben.
Ersatzhandlung. Ersetzen. Ersatz. Unersetzlich. Ersetzlich. Während ich später nach Hause fahre, beginnt das Wort in mir zu taumeln. Am Anfang war nicht das Wort, nein, am Anfang war das Loch. Sonnenklar! Das Loch. Der Fall aus dem Paradies war nämlich ganz anders. Da war das Loch. Die Sehnsucht. Und Löcher bringen es so mit sich, dass sie gefüllt werden wollen. Sie sind magnetisch. Wie Sehnsüchte. Wir scheitern ständig am Versuch, etwas ersetzen zu wollen, das nie da war – außer als Ahnung, als Erinnerung, als Urinnerung. Das nie mehr war als eine Ahnung von Himmel.
Fast unstillbar dieses Ziehen! Keine Droge kann dieses Loch füllen. Keine Handlung. Nichts.
Außer … dass du das bist und das lebst, was nur du kannst. Auf diese deine Weise. Und das liebst, was du bist. Ganz. Denn das warst du schon immer. Ich auch. Und ja, auch in diesem großen Ganz drin hat es Löcher, doch die müssen sein. Die Löcher gehören dazu.

Von Komfortzonen, Glasglocken und Suchtstrukturen

Vergiss das da draußen, das ist nicht das wirkliche Leben!, sagte der neunzehnjährige Gusto zu seinem ebenfalls drogensüchtigen Freund Oleg, als sie an einem Freiluftkonzert vorbeifuhren und den jubelnden, feiernden Menschen notgedrungen zuhören mussten. Unser Leben, das ist das reale Leben!
So ähnlich steht es irgendwo im neuen Buch von Jo Nesbø. Die Larve heißt es – gemeint ist damit jene gespenstische Maske, welche das wahre Gesicht dahinter verschleiert. Nein, dies wird keine Buchbesprechung, da alle Harry-Hole-Fans an diesem Buch eh nicht vorbei kommen. Und solche, die es noch nicht sind, dürfen es werden, denn Nesbø erzählt nicht nur sehr komplexe Geschichten, sondern auch in einer anschaulichen Sprache, die originell und kreativ ist.
Wie oft habe ich wohl schon über Drogensucht gelesen, Erfahrungsberichte ebenso wie Romane. Kaum je ist mir jedoch eine Geschichte so unter die Haut. Wie sehr sich das Leben Süchtiger um das eine dreht. Und das jemand, der Drogen braucht, dafür alles, fast alles, zu tun bereit ist – nein, das hatte ich tatsächlich beinahe vergessen. Ursache und Wirkung. Sucht ist die Wirkung, doch was die Ursache ist, kann niemand für alle beantworten. Leid ist das erste was mir persönlich dazu einfällt, als Oberbegriff, und auch das letzte, der bittere Abgang. Huhn und Ei zugleich.
Süchtig im umfassenderen Sinne sind wir doch alle. Ich habe zwar alte Süchte abgelegt, doch nur um sie durch neue zu ersetzen. Iphonesucht, Schreibsucht, Blogsucht, Lesesucht – um einige zu nennen. Ja, auch Kreativität hat Suchtpotential. Gib dem Körper Glückshormone, schon bist du high. Wir brauchen Botenstoffe. Wenn wir sie nicht selbst produzieren können, holen wir sie von draußen irgendwo.
Warum? Weil das Leben sonst unerträglich ist, sagen die jungen Süchtigen im erwähnten Buch sinngemäß, weil das Leben, das reale Leben Sch… ist.
Weil das Leben sonst grau-in-grau und allzu alltäglich ist,
sage ich. Weil das andere mir nicht reicht.

In meiner Glasglocke, in der ich lebe – selbstgewählt ohne TV, Zeitung und kaum Nachrichten – bekomme ich vom Leid da draußen wenig mit. Außer wenn ich Krimis lese oder DVDs schaue. Selbstverar…ung? Guck ich weg? Oder begegne ich nicht, in dem ich bei mir bin, zugleich der ganzen Welt?
Ich gestehe, ich schätze den Luxus meiner kleinen heilen Welt – meistens jedenfalls, wenn mich nicht grad, wie jetzt, das schlechte Gewissen und eine umfassende Ohnmacht überfällt –, denn solange ich mich innerhalb meiner Komfortzone aufhalte, geht es mir gut und das Leben ist erträglich. Einfache Mathematik. Ich genieße diese Zone und verlasse sie nicht gerne. Bin ich möglicherweise komfortzonesüchtig? Unfrei im großen Raum der Freiheit? Oder frei inmitten großer Unfreiheit?
Nein, ich habe zu meiner Rechtfertigung nichts zu sagen. Und ja, vor zwanzig Jahren war ich anders. Und praktisch genussunfähig. Schließlich gibt es immer welche, die leiden, die durch die Hölle gehen, die von andern mutwillig zerstört und umgebracht werden. Wie sollte ich da meine kleine heile Welt genießen können, zumal diese ebefalls eher instabil als stabil war.
Dieses Buch nun hat mich erneut an genau diesen Punkt katapultiert. Was weiß ich wirklich – wirklich! – vom Leben?, dachte ich beim Lesen ständig. Und welches bitteschön ist nun wirklich das wahre, das wirkliche Leben? Wir kennen die Antwort.
Gier und Sucht nach Macht und Reichtum in allen Spielformen so wahr wie die leidenschaftliche Sehnsucht nach Frieden, Heilung und Geborgenheit. Wir alle verfolgen bewusst oder unbewusst jenen Weg, der uns am aussichtsreichsten erscheint, um das gefühlte, gedachte, ersehnte, geSUCHTe Ziel zu erreichen. Sogar wenn es Selbstzerstörung heißen sollte.
Bin ich resigniert, frustriert und abgelöscht? Zuweilen schon. Und ganz gewiss bin ich naiv, denn ich glaube noch immer, dass das Leben als Mit- und nicht als Gegeneinander gedacht war, weil nur so Evolution möglich ist. Und dass eigentlich jedes Leben ein Leben in Fülle und Frieden sein könnte. Nicht zuletzt, weil es genug von allem für alle hätte. Hat. Eigentlich.

Barcode-Mysterien

Wie wir heute Morgen in Sachen Geld nach P. fahren – er zur Verbraucherzentrale wegen der Sache mit unserer Telefonrechnung, ich aufs Arbeitsamt, um zu erfahren, dass ich bereits Ende Monat Arbeitslosengeld bekommen werde – fällt mir auf einmal unser Barcode ein. Jenen, den J. am letzten Freitagabend selbstgebaut hat und der nun am Galerie-Schaufenster der Walpodenakademie klebt, in welchem unsere Bilder ausgestellt sind. Wer ihn lesen kann, erfährt so unsere Kontaktdaten. Schwarz auf weiß, winzige Quadrate, beliebig zusammenzusetzen. Jedes klitzekleine Feld steht für ein Wort, für einen Buchstaben, für Satzzeichen, für Links, für Leerzeichen.

Bild: unser Barcode nach bester iDogma-Manier verappt, will heißen mit Apps bearbeitet. Als da wären eine ganze Symphonie fürs Hintergrundbild, dazu Blender und Halftone für die Fertigstellung.
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Unheimlich für uns, die wir das Ding nicht mit unseren Augen, mit unseren Sinnen, mit unseren uns im Laufe des Lebens angeeigneten Werkzeugen entschlüsseln können was wir ständig mit allem tun, was uns begegnet.
Unheimlich, um nicht zu sagen apokalyptisch – jedenfalls noch vor zwanzig Jahren, als die ersten Strichcodes eingeführt wurden.
Unheimlich, weil unbekannt.
Kannst du jedoch die Zeichen lesen, erschließt sich dir eine ganze Welt. Und du wirst wissen. Mit J.s iPhone, das mit einer Dechiffrier-App namens Barcoo ausgerüstet ist, wird Verstehen zum Kinderspiel. Er muss bloß das schwarzweiße Quadrat fokussieren, schon piepst das schlaue Technikding sein Simsalabim und auf dem iPhone steht die Antwort. Kontaktdaten zum Beispiel. Wie eben bei jenem, das J. für uns beide gebaut hat.
Unheimlich ist, was wir nicht kennen. Wie wäre es mit der vierten Dimension? Im schon wiederholt zitierten Buch Flächenland geht es vor allem um die Flachländer, jene Geschöpfe, die ausschließlich in zwei Dimensionen leben. Die Geschichte erzählt von einem, der das unheimliche Land der drei Dimensionen gesehen hat. Als dieser anderen von der dritten Dimension erzählt, beißt er auf Granit. Das kann ja nicht sein!, sagen sie. Und kerkern ihn ein.
Doch auch mit der dritten Dimension ist das Ganze nicht zu Ende. Ich sag gleich noch einmal vierte Dimension.
Vielleicht ist ja jedes Bild – j-e-d-e-s Bild! – wenn wir es riesig vergrößern, so dass wir nur noch die einzelnen Pixel sähen, die allerdings noch irgendwie zu schärfen wären –, eine codierte Information? Wir müssten sie nur dechiffrieren!, sage ich zu J., der im Gegenlicht das Auto nach P. lenkt. Meine Augen halb geschlossen, weil ich zu faul bin nach der Sonnenbrille zu suchen. So wäre jedes Bild eine Geschichte. Und umgekehrt lässt sich wohl auch jede Geschichte in einen Barcode bringen.
Fiktiv geht das auf jeden Fall, ich tu‘s ja schon. Hier und jetzt. Gedanken und Ideen kennen keine Grenzen. Ob es praktisch geht, muss ich noch ausprobieren.
Doch irgendwann brauche ich vielleicht gar keine technischen Hilfsmittel mehr dazu. Ja, ich sehe es schon vor mir! Im nächsten Leben werde ich Bilder- und Geschichtenflüsterin.
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EDIT:
Hier (klicken) habe ich den fettgedruckten Satz aus obigem Artikel in den nachfolgenden Barcode generiert 🙂

Bloggitis und Schwester Glück

Die Diskussion um Sinn und Unsinn der virtuellen Tagebuchschreiberei – sprich Bloggen – macht immer mal wieder die Runde. Ob in Gesprächen mit FreundInnen, in Mails oder in Blogs selbst – irgendwie scheinen wir Bloggenden immer wieder auf großes Unverständnis zu stoßen. Nein, nicht um mich für mein sinnloses Tun zu rechtfertigen, schreibe ich diesen Artikel, sondern aus dem gleichen Grund, warum ich blogge.
Ich habe nicht das geringste Bedürfnis, mein Leben im Internet auszubreiten!, meinte S. vor ein paar Wochen.
Mein Leben interessiert doch niemanden, was sollte ich da schon erzählen?, meinte C.
Und selbst, wenn ich wollte: Wo sollte ich auch die Zeit hernehmen?, sagte R.
Da haben wir‘s: Ein geradezu unanständiges Mitteilungsbedürfnis, gepaart mit der hirnrissigen Hoffnung, andere könnten sich möglicherweise für die eigenen Gedanken, Bilder und Erlebnisse interessieren – das macht den wahren Blogger und die echte Bloggerin aus. Dazu ein scheinbar grenzenloses Zeitgefäß. Halt, da fehlt etwas, das Wichtigste sogar! Die Lust am Schreiben, die Lust am Erzählen, die Lust, Gedanken in Worte zu fassen. Ja, Lust. Nicht müssen, sondern wollen.
Doch ist ein Text erst mal lustvoll gepostet – was neudeutsch für ins Netz gestellt ist –, geht der Spaß weiter. Ich gestehe es: Ich liebe Kommentare. Als erstes, nachdem ich mein iPhone oder den Rechner eingeschaltet habe, schaue ich unmittelbar nach den Mails in meinem Blog und in meiner Bildergalerie vorbei und lese allfällige Kommentare. Freue mich. Zum Glück beeinflusst dies mein Kunstschaffen nicht wirklich, höchstens inspirierenderweise. Auch sind Kommentare kleine Motivationsspritzen, falls dies mal nötig sein sollte.
Die Kommentarstränge stillzulegen, könnte ich mir aus eben diesen Gründen nicht vorstellen. Ich liebe den virtuellen Austausch sehr, diesen Dialog, der nur dank moderner Technik möglich ist. Sich schriftlich mit Unbekannten auszutauschen, ist allerdings kein Phänomen der Moderne. Auch früher gab es Brieffreundschaften. In den letzten Jahren haben sich jedoch die Mittel der Kommunikation auf damals unvorstellbare Weise verändert. Und die anonymisierte Form, wie wir sie heute Dank der Pseudonyme kultivieren, macht den Austausch möglicherweise sogar ein wenig authentischer. Das Pseudonym ist quasi die Fasnachtsmaske. Für einmal im mehrheitlich positiven Sinn gemeint.
Bloggenderweise können wir – ähnlich wie beim Schreiben eines Romans –, eine neue Identität aufbauen. Wie Schreibende wissen, steckt ja in jeder Figur, die wir kreieren, immer ein Quäntchen ICH mit drin – und sei es nur ein bisschen vom Anti-ICH. Ebenso ist es beim Bloggen: Auch hier erschaffen wir gleichsam ein neues Selbst. Nein, Quatsch, was rede ich da? Wir erschaffen es nicht, wir lassen bloß eins unserer vielen Selbste an den Tresen, an die Tasten.
Kurz und gut: Schreiben macht Spaß. Und was Spaß macht, hat oft auch das Zeug zum Glücklichmacher. Ja, mich macht schreiben glücklich. Schreibenderweiser tauche in einen leicht berauschenden Zustand ein, den ich schlicht dadurch erreiche, dass ich in Gesellschaft von Worten bin. Dass ich meinem Innen im Außen, auf dem weißen virtuellen Blatt, Raum gebe. Egotrip pur oder ist Bloggen gar ein Weg zur Erleuchtung? Lacht nicht! Wer weiß das schon so genau?
Um mein Glück jedoch wirklich genießen zu können, gibt‘s noch einiges zu lernen. Zu verlernen wohl eher. Grübeln zum Beispiel. Willst du den Orgasmus, kommt er sicher nicht. Es ist doch so, dass, kaum werden wir uns des Glücks gewahr und grübeln über seine Ursache und Herkunft nach, wir auch schon aus der Glücksblase herausfallen. So will ich daher lernen, mein Glück so ähnlich zu genießen, wie es Kinder tun, die sich ihres Glücks als eigentlich normalen Zustand nicht bewusst sind.
Ich schreibe und blogge also, um mich glücklich zu fühlen? Oder schreibe ich, weil ich schon glücklich bin? Weder noch. Bloggen und Glück sind zufällige Bekannte. Oder Schwestern. Glück kommt möglicherweise am liebsten, wenn wir es locken und uns in seiner Nähe aufhalten. Und wenn wir so tun als ob. Dann kommt es und lässt sich in unserer Nähe nieder.
Doch am besten du vergisst das alles gleich wieder. Mit dem Kopf jedenfalls.
Bloggen tu ich wohl einfach, weil ich Lust dazu habe. Ob das nun unsinnig oder sinnvoll ist. Und ob Unsinn manchmal nicht sinnvoller ist, als all die ach so sinnmachenden Dinge?

eindeutig mehr

„Was mich immer wieder fasziniert, ist die Tatsache, dass Begriffe, von denen wir meinen, sie sind absolut gesetzt, in bestimmten Zusammenhängen ihre Eindeutigkeit verlieren.“
Einer dieser Sätze, die mir auf der Zunge zergehen. Mützenfalterin schrieb ihn im Kommentarstrang ihres Artikels über den Künstler Aaron Siskind (> mehr …)
Ja, richtig, auch Wörter sind relativ. Genau das habe ich gemeint, als ich neulich schrieb, dass viele Wertmaßstäbe von der Definition der jeweiligen Gesellschaft abhängen.
Nimm mal, nur so als Beispiel, das Wort „Gewissen“. Was fällt dir dazu ein? Und dir? Und jetzt denkst du kurz an das, was deine Eltern darunter verstanden haben. Eben.
„ich schreibe aus visionen heraus, die sprache ist zwar wichtig, aber in erster linie transportmittel. ich wähle die worte, aber einen kult mach ich jetzt auch nicht aus ihnen“, schrieb Luisa Francia gestern in ihr Webtagebuch.
Und ich? Ja, ich schreibe auch vor allem, weil ich eine Vision, eine Idee, eine Absicht habe. Berühren, anrühren will ich. Etwas auslösen. Die Welt ein bisschen lebenswerter machen, weil Lesen gut tun kann. Ich will ein Lächeln in ein Gesicht zaubern oder das Herz unter diesem Gesicht zum Nachdenken bringen.
Doch es gibt noch etwas dazwischen: Worte sind Transportmittel, ja, auch für mich, doch sie sind mir mehr als dies. Und ja, ich mach gerne zuweilen einen kleinen Kult aus ihnen. Denn ich liebe es, nicht nur das gute Wort zu finden, sondern das bestmögliche. So gut ich kann. Und genau da sind wir wieder bei der Eindeutigkeit. Das Beste? Was für mich eindeutig das beste Wort ist, mag dich möglicherweise nicht erreichen. Doch ich schreibe weiter.
Dreimal doch in einem Absatz? Den kleinen Widerspruch dieses Wortes mag ich. Brauche ich – habe ich zuerst geschrieben. Nein, brauchen tu ich ihn nicht, aber er tut mir gut. Was so ein einziges kleines Wort mit vier Buchstaben für dich, für dich oder für dich bedeuten mag, ist ganz und gar nicht unbedeutend.
Doch und Aber tut echt gut.

Spurensuche und Flucht-Gene

Fotos aus vielen Jahren gelebtem Leben. Schwarzweiß und bunt. Ich blättere mich durch die qualitativ eher schlechten Bilder, die meine Tante M. nicht eingeklebt, sondern einfach in den Umschlägen vom Fotolabor des Großverteilers belassen hat. Versuche die Welt aus den Augen meiner Tante zu sehen. Da – unzählige, ziemlich ähnliche Bilder von einer Baustelle. Von einem Balkon aus fotografiert, wie mir scheint. Hier Bilder von einem Zirkuszelt mit Rummelplatz. Sieht aus wie Zürich. Ein See im Hintergrund. Einige Schnappschüsse von der Bühne, wo eine Aufführung im Gange ist. Dort nun Bilder von Bäumen. Und immer wieder Bilder von Kindern. Viele Jahrzehnte hat meine Tante als Kindergärtnerin gearbeitet. Ich sehe glückliche Kinder, die basteln und malen. Der Sankt Niklaus. Schnee. Ausflüge. Waren die kleinen Mädchen auf den schwarzweißen Bildern noch mit kurzen Karoröcken bekleidet, tragen sie auf den Farbbildern bereits Jeans. Wie viele Kinder meine Tante wohl in ihrem Leben begleitet hat?, geht es mir durch den Kopf. Wie viele heute, nach vielen Jahren, wohl noch einen Gedanken an ihre Kindergärtnerin oder Primarschullehrerin verwenden, wie ich das zuweilen tue? Wie viele von ihnen wohl noch leben?
In einem der vielen Umschläge finde ich ein paar gute Aufnahmen, die M. in jungen Jahren zeigen. Eine schöne Frau war sie, bis zuletzt. Doch immer findet sich ein ernster Ausdruck in ihrem Gesicht, der auch nicht durch einen lächelnden Mund verwischt werden kann.
In einem Briefumschlag finde ich einen einundfünfzig Jahre alten Zehn-Mark-Schein. Ungefaltet. Mit dem Spruch versehen, dass Fälschen von Geld mit Zuchthaus bestraft wird. Mit mindestens zwei Jahren.
Ungefähr fünf Euro könnte der noch wert sein, sagt J., doch ich habe nicht vor, ihn zu tauschen. Eher lasse ich ihn rahmen. Als Sinnbild und Mahnmal, dass alles im Laufe der Jahre seinen ursprünglich definierten Wert verliert. Oder wandelt. Und dass viele Wertmaßstäbe von der Definition der jeweiligen Gesellschaft abhängen. Mancher Geldschein auf dieser Erde ist nicht mal mehr das Papier wert, auf das es einmal gedruckt worden ist.
Später finde ich im Karton mit den geretteten Dingen eine Tüte voller Briefe. Die muss mir meine Schwester eingesteckt haben. Schön, denn anhand der Briefe, die andere an meine Tante geschrieben haben, gelingt es mir vielleicht, sie ein bisschen umfassender zu begreifen, überlege ich, und lese schon mal den einen oder anderen. Die Mails von früher, denke ich. Allesamt natürlich handgeschrieben und oft viele Seiten lang. Einer meiner vorläufigen Lieblingsbriefe stammt aus den Fünfzigern und hat meine Tante in Rom erreicht. Die beiden Frauen – ich nehme jedenfalls an, das die schreibende Person eine Frau war – sprechen sich offenbar mit Nachnamen an, den sie aber wie Vornamen verwenden. Die Schreiberin duzt meine Tante und sowohl in der Anrede wie auch mitten und zwischen den Zeilen ist tiefe Vertrautheit fühlbar. Über das Zigeuner-Gen und über das Flucht-Gen redet die Schreiberin, sesshaft geworden, im Gegensatz zu meiner reisenden Tante, die offenbar auf der Suche nach ihrem Platz ist. Hm. Die Schreiberin ist mit ihrem Status nicht wirklich glücklich, erzählt jedoch vom Versuch, das Leben immer wieder so zu akzeptieren, wie es eben jetzt ist.
Wieso nur kommt mir dieser Monolog so bekannt vor? Der Brief, obwohl schon über fünfzig Jahre alt, könnte so ähnlich auch heute von einer meiner Freundinnen stammen. Oder von mir.
Nein, ich fühle mich längst nicht mehr als Voyeurin. Es ist mir, als freue M. sich, dass ich mich für sie und ihre Geschichte auch posthum interessiere.

Wie viel wiegt Liebe?

Wie ich da gestern Nacht nordwärts fahre, tun sich mir all die vielen Geschichten, Stränge, roten Fäden aller Menschen auf, die ich getroffen habe. Ich sehe vor meinem inneren Auge ein buntes Gewebe. Ein Teppich.
Und ich sehe die vielen Papierbündel und –säcke vor mir, die wir an die Straße gestellt haben, meine Schwester und ich. Wir haben gestern, bei ihr zuhause, die persönlichen Sachen meiner Tante, die sie in ihrem Zimmer im Pflegeheim bei sich gehabt hatte, gesichtet. Ein großer Teil waren Worte. Beschriebenes Papier. Einladungen zu Vernissagen, zerlesene und noch nicht einmal ausgepackte Zeitschriften, Ausstellungslisten, Steuerunterlagen, Rechnungen …
Soweit so gut. Doch da waren auch unzählige Kassenzettel aus den letzten beinahe dreißig Jahren dabei, die sie feinsäuberlich aufgehoben und die jeweilige Konsumation dazu geschrieben hatte. Da und dort ein Geldschein und ein paar Münzen. Weiter fanden wir unzähligen Dinge, die sie in zigfacher Ausführung gehortet hatte. Streichholzschachteln, Fuselroller, Zahnbürsten, Lippenpflegestifte. Sammlerin war sie, leidenschaftlich sparsam. Festhalten, was ist. Beschreiben. Sich erinnern.
In klitzekleinen Büchlein hatte sie in ihrer akkuraten, wunderschönen, klitzekleinen Handschrift über das Leben nachgedacht. Selbstverständlich konnte ich solche sehr persönlichen Dinge nicht wegwerfen. Oder? Vielleicht hätte sie gewollt, dass alles weggeworfen wird. Vielleicht hatte sie gehofft, dass jemand eines Tages ihre Notizen liest und ihren Gedanken zuhört. Und annähernd versteht, zu verstehen versucht, wer sie war. Ob ich das darf? Ob sie das wollte?
Wie vergänglich ein Leben ist, führten wir uns buchstäblich mit jedem neuen Bündel vor Augen, das H. und ich an den Straßenrand trugen. Als hätte es das Altpapierabfuhr-Team geahnt, kam es ausgerechnet gestern, ganz untypisch, erst nachmittags um zwei, als wir die letzten Säcke herausgetragen hatten. Wir schauten vom Fenster aus zu, wie das schwere Gefährt den Schlund aufriss und Sack für Sack und Bündel für Bündel verschlang. Recycling. Da entsteht schon bald Papier, das von neuem beschrieben und bedruckt werden kann. Ich schluckte leer und wischte mir verstohlen eine Träne aus dem rechten Augenwinkel, als das Auto endlich wieder Fahrt aufnahm, um beim nächsten Haus anzuhalten.
Das Gespräch mit meiner Tante E. nach der Abschiedsfeier fällt mir ein. Als ich sie fragte, ob sie nicht Lust habe, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben, winkte sie lachend ab.
Wozu?,
fragte sie. Ich lebe, das genügt. Nein, so wortwörtlich hat sie zweites nicht gesagt. Verstehen geht nicht wirklich. Ich interpretiere.
Die einen – wie ich, ich gestehe es – haben das Bedürfnis sichtbare Spuren zu hinterlassen, schreibenderweise oder sonst wie. Andere, wie meine Tante E., sind einfach da. Sie hinterlassen Spuren, während sie leben. Für jetzt. Sie haben kein Interesse, ihre Biografie zu verewigen. Auf eine sich selbst wertschätzende Art sich nicht wichtig nehmen, nenne ich das. Klingt paradox. Ist es vermutlich auch. So wie fast alles. Schreiben ebenso. Wozu Spuren aus der Vergangenheit in die Zukunft legen? Wozu und für wen?
Die Fahrt von A. nach Z. zieht sich unglaublich in die Länge. Ich bin unsäglich müde. Habe schlecht geschlafen. Habe in L.s Gästebett zur Wolfsstunde wachgelegen und gegrübelt. Über Lebenswert, Rücksicht, Ethik und so Sachen. Die Fahrt alleine zu bewältigen, strengt mich an. Ich habe keine Übung mehr. Früher fuhr ich diese Strecke jeden Monat, weshalb meine Nerven früher Muskeln hatten, die mir halfen, diese Strecke ohne große Anstrengung zu schaffen. Nun aber haben sie Muskelkater. Ich fühle mich zudem wie am Vorabend wieder fiebrig, während ich die vielen Gespräche verdaue.
Wir gewöhnen uns an alles, heißt es. Alles, das wir mehrmals tun, gibt irgendwo Muskeln. Oder stumpfen wir bloß ab? Töten Gewohnheiten unsere Fähigkeit, zu merken, wann genug ist? Ich spiele tatsächlich unterwegs mit dem Gedanken, irgendwo im Elsass in einem Landgasthof unterzukommen, doch die Sehnsucht nach meinem Bett hält mich davon ab. Die Sehnsucht nach J., nach meiner Wohnung, nach meinem Zuhause lässt mich weiterfahren und auf einmal, nachdem ich die Hälfte der Strecke geschafft habe, wird es leichter. Als würde ich auf Schienen fahren, als wäre ich eine Zahnradbahn, die von der gegenüberliegenden Bahn angetrieben, gezogen wird. Da fällt mir die Waage ein. Die Balkenwaage. Auf der einen Waagschale liegt mein Leben, mein Beziehungsnetz in der Schweiz, auf der anderen mein neues Leben in Deutschland. Die Liebe zu J. und all die neuen Beziehungen. Wie viel wiegt Liebe? So viel, dass ich dorthin will, dort zu Hause sein will, wo J. ist. Auch wenn die schweizerische Waagschale schwer wiegt, die deutsche ist schwerer. Oder leichter. Je nach Definition. Definition ist alles.
Liebe ist leicht. Liebe wiegt schwer. Liebe ist gut und Liebe nährt.
Fremd bin ich da wie dort. Außer im Kanton Bern bin ich – wenn wir von meiner Autonummer ausgehen jedenfalls – überall fremd. So dachte ich im Kanton Zürich und im Kanton Aargau, wo ich mich die beiden letzten Tage aufgehalten habe. Stimmt dennoch nicht. Im Kanton Aargau habe ich – ebenso wie im Kanton Zürich – viele Jahre gelebt. Früher. Vertrautes berührt Fremdes, Altes das Neue.
Geschichte ist, was war. Geschichten sind, was ist, war, sein wird. Rote, blaue, gelbe, bunte Fäden, verwoben zu einem riesigen Teppich, der stetig wächst und längst aufgehört hat, jemandem zu gehören. Das Leben sind alle Fäden zusammen. Alle. Alle Schichten. Verdichtet. Von überall her kommend. Ohne Anfang, ohne Ende.
Mein Faden, dein Faden, sage ich müde.
Meine Meinung, deine Deinung,
sagt mein Liebster. Später am Feuer. Wir erzählen uns unsere Zwei-Tage-Geschichten, weben unsere Fäden in den riesigen Teppich.

Gästebettgedanken

Dienstagabend. Ich habe mich ins Gästebett meiner Freundin L. gekuschelt. Mein Kopf dröhnt. Die lange Strecke, die ich gefahren bin, lässt meine Ohren rauschen. All die Begegnungen und Gespräche waren durchwegs bereichernd. Obwohl meine Tante doch alleinstehend und schon sehr alt war, sind erstaunlich viele Menschen zur Abschiedsfeier im Andachtsraum des Alters- und Pflegeheimes, wo sie ihre letzten Lebensjahre verbracht hatte, erschienen.
Meine Schwester, der Pfarrer und ich, die wir die Feier vorbereitet hatten, waren der Ansicht, dass es schöner wäre, statt frontal, gemeinsam im Halbkreis zu sitzen. Gesagt, getan. Der Organist entlockte dem Klavier wunderbare Klänge, die persönlichen Texte und Erzählungen, die geteilt wurden und sogar die Kirchenlieder und der nette Bibeltext hätten meiner Tante bestimmt gefallen. Will heißen, haben ihr bestimmt gefallen. Mir war nämlich mittendrin so, als säße sie in unserer Mitte. Mein Cousin R. meinte später, er sei noch nie an einer so persönlich gehaltenen Beerdigung gewesen.
Anschließend gingen wir zu neunt mit einigen Gästen und Verwandten in ein nahes Restaurant. Meine angeheiratete achtzigjährige Tante – sie ist die Witwe meines jung verstorbenen Onkels, die ich, ebenso wie ihre Söhne, seit viel zu vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte – und ich saßen uns im Restaurant vis-à-vis. Ihren Augen sind die achtzig Jahre nicht anzusehen. Eine ansteckende Kraft strahlt sie aus, Tante E., und als sie von ihren beiden Reisen ans Nordkap erzählte, schlug mein Herz gleich noch höher. Einer ihrer drei Söhne lebt mit seiner Familie in Skandinavien. Sie ist eine wilde starke Frau, die Altwerden in ein neues Licht rückt.
Bei L. ist nun Ruhe im Haus. Alle sind wir schlafen gegangen, die anderen drei müssen früh auf. Im Dorf ist es still, vereinzelt, in der Ferne, höre ich Autos, denn das Dachfenster steht offen. Auf dem Nachttisch liegt ein Band von Calvin & Hobbes. Wie gut, Freundinnen zu haben, die wissen, was mir nach einem solchen Tag gut tut.

Keine Ahnung

Wenn stimmt, was ein Freund von J. einmal behauptet hat, dass nämlich das Schreiben eines Textes, wenn erst der Titel stehe, ganz einfach sei, kann ich heute bei diesem Titel für nichts garantieren. Weiterlesen bitte nur auf eigene Verantwortung.
Meistens weiß ich im Voraus, was in meinem Blogartikel stehen soll, bevor ich zu schreiben anfange. Nicht wörtlich, doch ich sehe deutlich seine Silhouette.
Heute nicht. Heute sehe ich nur huschende Schatten. Keine Ahnung, was sie von mir wollen. Schreib, raunen sie mir zu. Und ich schreibe.
Ich schreibe, wie die Zeit scheinbar stehenbleibt und ich zuweilen das seltsame Gefühl habe, mich dieser Tage gleichsam in einen Kokon einzuwickeln. Da ist diese surrealistische Langsamkeit, da ist dieser Geruch von Herbst und feuchter Erde und da der Geschmack von Ewigkeit, von Winterschlaf, von Tod.
Nein, keine Angst, mir geht es gut. Das Hamsterrad macht bloß Pause.
In dieser seltsamen Verschiebung der Zeitwahrnemung – können wir Zeit denn überhaupt anders begreifen als sie einfach wahrzunehmen, ganz und gar subjektiv? – kommt so etwas wie der Tod meiner Tante eigentlich zur rechten Zeit. Ein Tod kommt wohl immer zur rechten Zeit. Und zur falschen gleichermaßen. Nein, das meine ich nicht zynisch. Die Bewertung solcherlei Umstände sind eben eine Sache der persönlichen Wahrnehmung. Und sterben müssen alle eines Tages.
Morgen um diese Zeit ist die Abschiedsfeier, die ich in den letzten Tagen mit meiner Schwester vorbereitet habe, und für die ich zwei Tage in die Schweiz fahre, bereits Vergangenheit. Morgen um diese Zeit sitze ich bei Freundin L. auf dem Sofa und sophiere mit ihr über Göttin, die Welt und die Männer. Voraussichtlich.
Zeitspirale. War schon, was morgen sein wird? Die Wörter, die da stehen und schneller aufs Display meines iPhones huschen, als ich denken kann, entwickeln ein Eigenleben.
Ich will erzählen, wie wir gestern auf einem Spätnachmittagsspaziergang eine Kuh getroffen haben. Die Sonne ging unter, es war kühl und ich dachte an Morgensterns Wiesel, während die Kuh bäuerinnenseelenallein über eine Wiese spazierte und da und dort im Vorübergehen ein wenig Gras rupfte. Vielleicht hätte sie besser gefastet.
Katzen, Hunde und Kühe finden immer nach Hause. Und Hühner auch. Spätestens morgen früh, wenn das Euter voll ist, steht diese Kuh muhend vor der Stalltür!, sagte ich zu J.. In der Wildnis wäre eine moderne Kuh aufgeschmissen. Sie ist auf Milchproduktion getrimmt. Sie ist abhängig von uns Menschen, die wir sie ausbeuten. Nicht anders der moderne Mensch. Abhängig von Konsum und dessen Gütern (über deren Güte ich wenig Gutes zu berichten weiß).
Ob dieser Text wohl schon da war, irgendwo*, bevor ich ihn geschrieben habe? Was erklären würde, warum er so schnell erschienen ist. Dies würde zumindest die Frage nach Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit des Schreibens und Bloggens ein für alle Mal bekräftigen.
Schreibe, was da* ist. Fische, was da* ist: Schuhe, Dosen, Socken, Flaschen, Leichen … Den verdreckten See entrümpeln sozusagen?
Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung …
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* nur: wo???