Wie-war-doch-gleich-der-Blogartikeltitel,-den-ich-mir-heute-Morgen-ausgedacht-hatte?

Wir sind wie Computer, sage ich. Alles in unserem Leben braucht das entsprechende Programm, damit wir es öffnen und lesen können. Das Programm, das Liebe öffnet, sind bei mir die Gefühle.
Vergiss nicht, dass die Liebe da ist, selbst, wenn du grad nichts fühlen kannst. Genau wie eine Datei, die du geladen hast, aber nicht öffnen kannst. Die Infos sind auch dann da, wenn das Programm fehlt, sagt Irgendlink. Und die Liebe ist auch immer da.
Hm, was nützt mir eine Datei ohne Programm?, frage ich mich. Aber vermutlich ist es, wie du sagst. Hauptsache sie sind da, diese Dateien – ob nun lesbar oder nicht. Wir sind ja umgeben von unzähligen Dingen, die wir einfach „haben“, ohne sie je zu benutzen.
Wir befinden uns auf einer elsässischen Autobahn, irgendwo zwischen Basel und zuhause, und philosophieren. Endlich allein, nachdem wir unsere Mitfahrgäste am Basler Bahnhof verabschiedet haben. Es wird langsam dunkel, die Sonne malt rosa und orange Kleckse in die Wolken, die wie feuchte Wäsche am Horizont hängen. Feucht ist auch die Luft, feucht und frisch das neue Jahr. Mal regnet es, mal nicht. Aprilwetter am zweiten Januar. Tauwetter, das uns die Heimreise über die Berge des französischen Jura erleichtert hat. In St. Lupicin, wo wir sechs Tage Gäste in meiner ehemaligen Lebensgemeinschaft gewesen sind, lag Schnee. Tauender Schnee um genau zu sein.
Die Welt war weiß, in die wir für ein paar Tage eingetaucht waren, nachdem wir uns am Dienstagmorgen im Aargau von Freundin L. (1) verabschiedet hatten. Weiß und nass war die anschließende Woche gewesen, wenn ich von den anderthalb Sonnentagen absehe. Vermutlich unwesentlich, wer weiß das schon so genau, denn die Umgebung war so oder so zauberhaft. Wie froh ich bin, das J. mindestens einmal diesen unglaublichen Sternenhimmel bewundern konnte, wie es ihn nur in Gegenden gibt, die nicht zu nahe bei einer Stadt sind! „Unser“ Bach, die Lizon, war zum Fluss geworden, rauschte in einer Intensität, die ich noch nie so gehört hatte, obwohl ich seit meinem Wegzug vor fünfzehn Jahren oft und zu jeder Jahreszeit hier gewesen war.
Wir waren zehn-zwölf Leute, die sich zwischen den Jahren hier eingefunden hatten. Freundin M. (1) mit den ältesten drei Kindern, ihr Partner S., und ein paar zugewandte Orte wie wir beide, genossen die Stille des Platzes und das Zusammensein. Kochen, essen, abwaschen, Holz hacken, aufräumen, Böden kehren, einkaufen … alles wurde geteilt, der Dreck ebenso wie die Kosten.
Mir selbst ging es nicht sehr gut. Die Probleme und Sorgen des Alltags konnte ich – wie so oft – nicht einfach ausblenden. Zusammenfassend nur dies: ich lebe noch. Und es besteht Hoffnung.
Am ersten Tag des neuen Jahres haben wir einen Ort entdeckt, ganz in der Nähe meines früheren Zuhauses, der mir schlicht die Sprache verschlagen hat. Irgendlink und ich hatten einen Geocache gefunden und waren anschließend auf einem Wanderweg gelandet, der früher eine Eisenbahnlinie gewesen sein muss. Entlang der tosenden Lizon fanden wir einen kleinen Urwald voller moosbewachsener Bäume und Luft, die ihren Namen wirklich verdient. Ein kleines grünes Paradies. Meine Augen sogen das Grün auf und das schwere Herz wurde weich und ein klein bisschen leichter.

Am Ufer der Lizon

Am Stausee von Cuttura
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Wohl wahr: Liebe und all das, was das Leben lebenswert macht, sind auch da, wenn der jeweilige Indikator oder das entsprechende Programm grad nicht zu Verfügung stehen.
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Bilder: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).
Copyright by Sofasophia

Im zerbrochenen Rückspiegel

Die erste der Rauhnächte heute. Immerhin doch ein Grund, mich heute ein wenig feierlich zu fühlen und mich mit den alten Sagen und Mythen auseinanderzusetzen, auch wenn ich Weihnachtsmuffelin bin. Wie wenig ich doch über die alten Geschichten im Grunde weiß! Immerhin etwas, das ich weiß. Vieles ist ahnen, spüren, wahrnehmen. Nein, nicht die Geburt eines suspekten Erlösers, ist es, die mich heute ein klein bisschen froh macht. Vielmehr ist es die Rückkehr des Lichts. Ansonsten sind diese Tage für mich schon lange eher schwierig und ich bin es längst leid, jedes Jahr langen Gesichtern erklären zu müssen, warum das für mich so ist. Wenn ich meine, mich erklären zu müssen, ist das allerdings ganz und gar mein Problem. Es ist nun mal so. Punkt.
Zeit der Rückblicke allerorten. Madame Thisis hat auf ihre ganz eigene Art ihr vergangenes Jahr gewürdigt. Pro Monat schrieb sie einen Artikel. Noch fehlt der Dezember. Auch andere BloggerInnen wie zum Beispiel Donna Cambra halten Rückschau, werten aus, was war, plaudern aus dem Nähkästchen, bereiten sich auf die rauen Nächte und die wilde Jagd vor, putzen aus und räuchern ihre Kammern. Ich lese solche persönlichen Texte sehr gerne, lieber als die überall erscheinenden Jahresrückblicke in den Zeitungen und im weltweiten Spinnennetz. Im Rückblickhalten, was mich selbst betrifft, bin ich allerdings ungeübt. Ebenso, wie ich die Züge eines Strategiespieles geschweige denn die nächsten Schritte meines Lebens nicht vorausdenken kann.
Neulich in Mainz sagte Mister Q. über einen seiner WG-Kumpel: Echt, der Mann kann jeden Menschen, der mal hier in der WG gewohnt hat, einfach in zweidrei prägnanten Sätzen zusammenfassen.
Wie wir doch das Einkochen lieben, dieses nachträgliche Schönen und Lästern des Erlebten. Wir mögen Auswertung, Konzentrat und Verdichtung. Sirup und Melasse, Suppe und Püree. Und wir lieben Schubladen, Ordnung und Abschlüsse.
Mein Fahrradrückspiegel ist zerbeult, verbogen und zerbrochen – und oft überflüssig. Zweifellos sinnvoll. Und ich liebe ihn. Seine Brüche vervielfachen die Rücksicht den Rückblick. Alles erscheint zwar ein bisschen kleiner, aber alles wird auch ein bisschen aus minim anderen Winkeln betrachtbar, da die Scherben sich beim Bruch minim verschoben haben. Verschiedene Blickwinkel haben noch nie geschadet. Außerdem bringen Scherben Glück, sagt der Volksmund. Denen, die es glauben zumindest. Darin sehe ich eine Flasche. Violett ihr Inhalt. Auf den ersten Blick zumindest. Oder türkis, wenn ich der kleinen Scherbe oben glauben soll. Dickflüssiges Innendrin. Mein Jahressirup bitte schön!
Pro Monat bekommt ihr nur ein paar Wörter oder Sätze, mehr nicht, dicht dick eingekochte Wörter allerdings. Ach, erstens meint übrigens den Januar. Zweitens den … na, ihr wisst schon, immer so weiter.
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erstens
Kälte. Traurigkeit. Seiltanz: Zweifel versus Mut. Vorstellungsgespräch mit Perspektiven. Ein bisschen Vorfreude. J.s Geburtstag. Erste Kisten werden gepackt und dabei ein paar Tränen vergossen.
zweitens
Hoffnung und Ungeduld tanzen. Trauer wabert ein bisschen und Vorfreude wächst. Der Neuanfang jenseits der Landesgrenze rückt näher. Kisten, immer mehr Kisten sind voll.
drittens
Die letzten Kisten werden gepackt. Ich arbeite meine Stellennachfolgerin ein und freue mich über sie. Unser großes, erfolgreiches PR-Event, stark von mir mitgeprägt, findet statt. Mein Abschluss in Bern. Noch mehr Tränen und zwei Herzen in mir, die heftig schlagen. Loslassen. Umzug.
viertens
Ankommen auf dem einsamen Gehöft, Stadttussilandei ich. Neuanfang. Übermut. Leere und Fülle. Ruhe. Irgendlink ganz nah. Geborgenheit.
fünftens
Euphorie. Zauber. Raum schaffen. Garten. Dürre. Gießkannen schleppen.
sechstens
Erste Risse im German Dream Of Life. Mein Geburtstag. Herzklopfen. Neue Hoffnungen. Alte und neue Kümmernisse.
siebtens
Blutige Tiefpunkte und sonnige Highlights (Schweden). Trauer und Freude tanzen engumschlungen und scheinen untrennbar.
achtens
Back home from Sweden. Die letzte Nacht vor der Rückkehr schlafen wir direkt am Strand. Neuer Anfang, neue Erfahrungen = neuer Job. Großer Schock, denn das deutsche Schulsystem und die mitgelieferte Mentalität sind mir fremder als gedacht. Theorie und Praxis sind zweierlei. Erste Erkältung.
neuntens
Überforderung. Erschöpfung. Erkältung die zweite. Die Kunstzwerge kommen ein paar Tage zu uns und stellen den Hof auf den Kopf. Wochen später unsere erste gemeinsame Ausstellung. Ich verkaufe zum ersten Mal eigene Bilder.
zehntens
Blaseninfekt. Urlaub in der Schweiz. Kündigung der Arbeit (auf meine Bitte hin). Erleichterung. Leere. Fragen. Viele Fragen und ein paar erste Initiativ-Bewerbungen.
elftens
Arbeitslosen-Papierkram. To Dos ohne Ende. Heimweh. Gute und schlechte Nachrichten. Meine Tante hört auf zu atmen. Wieder viele Fragen. Zwei meiner Manuskripte reanimieren. Noch mehr Fragen. Und noch mehr Bewerbungen.
zwölftens
Fast Forward-Knopf erträumen. Überhaupt träume ich sehr intensiv. Entscheidungen stehen an. Bewerbungen werden geschrieben. Innerer Rückzug. Eine große Entdeckung, die mir beinahe das Leben rettet – auf jeden Fall die Stimmung: Patent Ochsners nächste Platte wird eingespielt und auch diesmal wieder aufs Genialste literarisch und mit Bildern dokumentiert.(((Merci Büne!)))
(((Notiz an mich: Wenn ich das so lese, frage ich mich, warum ich überhaupt fast jeden Tag gebloggt habe, wo sich doch jeder Monat so einfach komprimieren lässt … )))

vergleichen

Ja, so ein paar Reizwörter aus meiner Jugendzeit hab ich gut gehütet und gefüttert. Und die ganzen Jahre mit mir herumgetragen. Wörter, die normalerweise für einen Menschen in meinem Alter längst im Alltag integriert und sogar mit persönlichen Erfahrungen aufgefüllt sind. Und die normalen Menschen nicht weh tun.
Wir gewöhnen uns nämlich an alles, wir sind anpassungsfähig und wir – so las ich es heute im Buch „Der Menschenmacher“ von Cody McFayden – wir alle wollen nur das eine: glücklich sein. Wenn das Glück nicht von selbst kommt, biegen wir uns das Leben so zurecht, dass es erträglich wird und ein klein bisschen nach Glück riecht. Selbst inmitten der allermiesesten Umstände. So sagt es Mr. Jones, der „Böse“, im Finale des Buches, das mir die letzte paar Tage buchstäblich den Atem geraubt hat. Diese Aussage kann ich, obwohl sie von Mr. Jones kommt, unterschreiben. Wir passen uns an. Immer. Wir vergessen und verraten möglicherweise dabei unsere Ideale, die wir hatten, als wir jung waren. Oder wir überschreiben sie einfach, wie wir es ständig mit früheren Dokumenten tun, die wir mit neuen Inhalten füllen.
Immerhin habe ich mir ein paar Reizwörter bewahrt. Vergleichen ist so eins. Und Wettbewerb sein Bruder. Beide verursachen mir Gänsehaut, noch immer, denn es gibt ja immer Menschen, die besser sind als ich. Zumal ich ja in fast allen Belangen Mittelmaß bin. Klar, es gibt da auch schlechtere, schwächere, immer, doch Tatsache ist schlicht und einfach, dass ich mich und andere nicht vergleichen will. Ich will mich nicht messen, will nicht besser und will aber auch nicht schlechter sein. Nein, will ich nicht. Eigentlich. Denn alle haben etwas, das nur sie sind und nur sie können.
Wettbewerb vergiftet das friedliche Nebeneinander, die Vielfalt aller, die Kreativität und Urtümlichkeit in uns drin, weil er durch irgendwelche definierte Vorgaben innerhalb einer Zielgruppe oder einer Gesellschaft die Leistungen der Betroffenen normt und begrenzt. Wie wenn ich beim Pizzateig die Ränder abschneide, die über den Blechrand baumeln. Im Gegensatz zum Pizzateig geht es beim Wettbewerb aber um Menschen. Und die, die nicht in die Norm passen, werden verschlungen, wie ich es mit kleinen Teigstücklein schon mal tue, statt sie an einer Ecke innerhalb des Blechs anzukleben. Persönliche Leistung lässt sich nunmal schwer normen. Wozu auch!
Zugegeben im Bereich von Naturwissenschaften wie Mathematik und Chemie ist Leistungsvergleich noch nachvollziehbar und vertretbar, doch all die menschlichen Variablen zählen da ja sowieso nicht. Doch wenn es um unfassbare und individuelle Lebensbereiche geht, halte ich Vergleiche für heikel. Wettbewerb und Vergleich im großen Bereich Kunst – ob nun bildende oder darstellende Kunst, Musik oder Literatur ist dabei unwesentlich – ist prekär. Machen wir uns doch nichts vor. Heutzutage, wo viele KünstlerInnen – zu viele? – gut bis sehr gut sind, ist es in erster Linie eine Frage von Beziehungen, wer weiterkommt. Dazu braucht es natürlich auch gute Nerven und das Talent sich zu vermarkten.
Seit drei Wochen nun läuft bereits die Ausschreibung zu einem Wettbewerb bei IPA, unserer iPhoneArt-Community. Ein Wettbewerb mit einem Siegespreisgeld von tausend Dollar. Nach langem Hin und Her und acht Tage vor Anmeldeschluss habe ich heute nun doch zehn meiner Bilder angemeldet. Irgendlink hat mir eine Liste mit seinen zwanzig Favoriten aus meiner Galerie überreicht. Er zumindest scheint an mich und meine Kunst zu glauben.(((Danke!)))
Während ich mich selbst durch meine Bilder klicke, stelle ich fest, dass ich nur mit einem Teil seiner Favoriten einverstanden bin. Viele alte Bilder find ich längst doof und lösche sie bloß deshalb nicht, weil diese Galerie für mich eine Art Archiv darstellt (und natürlich auch, wegen der Kommentare da und dort und der Klicks, die dann verloren wären). Seltsamerweise mag ich einige Bilder besonders gerne, die nie jemand kommentiert oder als Favoriten gekennzeichnet hat. Welche Bilder sind nun die wirklich guten, die ich anmelden soll? Jene, die der Mainstream oder mein Liebster mögen – oder jene, die ich selbst am besten finde? Was tun? Mich mit mir selbst vergleichen – ach, ich tue es ja ständig, entgegen meiner oben erwähnten Absicht! Und auch mit andern vergleiche ich mich doch ständig. Seien wir doch ehrlich, ich Doppelmoralapostelin, ich.
Irgendwie schaffe ich es schließlich, meine zehn Favoriten zu finden. Und einzustellen. Nun heißt es warten. Im Januar geht es mit jurieren los. In der ersten Phase bestimmen sämtliche Teilnehmenden die angeblich besten fünfzig Bilder – durch anklicken vermutlich, wie bei den vorherigen Wettbewerben. Diese fünfzig werden im nächsten Schritt von einer kleineren Jury bewertet und das Siegerbild wird – wie gesagt – saftig prämiert.
Was ist es, das mich antreibt, mich auf solche Dinge einzulassen und über Reizwortgrenzen und andere Rationalitäten zu springen? Ist es das Geld? Der Thrill? Die Sehnsucht nach Anerkennung und Durchbruch? Die eine kleine Stimme sagt: Vielleicht kannst du gewinnen! Die andere laute Stimme sagt: Vergiss es! Der Verstand sagt: Das Ergebnis des Vorjurierens ist reine Glückssache. Was so natürlich nicht ganz stimmt, aber ich rede es mir ein. Bist du nämlich innerhalb der Community bekannt, wirst du vermutlich häufiger angeklickt. Wenn du Glück hast, kommst du so also in den Kreis der fünfzig. Wenn nicht, dann nicht. Und wenn ja, was dann?
Catch me, if you can!*

Bild: Screenshot meiner Bilder in der Galerie (hier klicken)
* Titel des zweiten Bildes von links.

Wir Schlampen

Nein, keine Rechtfertigung, wir Schlampen können nicht anders, wir sind so. Die meisten meiner Freundinnen und Freunde sind auf die eine oder andere Art Schlampen. Mich eingeschlossen. Jawohl. Das musste einfach mal gesagt werden. Rechtfertigung nein, wie gesagt, Definition ja gerne – einfach um Missverständnissen vorzubeugen (könnte mir eigentlich konsequenterweise egal sein).
Den Begriff Schlampe, wie wir ihn anwenden, haben Freundin C.(2) und ich bei der Schweizer Bestsellerautorin Milena Moser und ihren Büchern Schlampenbuch, Schlampenyoga und anderen geklaut. Denn, wie gesagt, da gibt es viele andere Verwendungsmöglichkeiten. Wenn ich im Internet surfe, drehen sich alle herkömmlichen Definitionen um das Leben in der Horizontale.
Doch Schlampen gemäß Moser et altri sind kurz gesagt Frauen, denen es am A… vorbei geht, was die netten NachbarInnen denken. Zugegeben, das sind dann schon die höhere Weihen – sprich: schwarzer Schlampengurt – und so weit bin ich leider noch nicht. So fasse ich es allgemeiner: Wir Schlampen tun und lassen, was wir nötig finden. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Dafür tun wir gerne, was Spaß macht, wir Schlampen, frei nach dem Motto Übermut ist immer gut. Um dahin zu kommen ist allerdings der dornige Weg der inneren Zensur durch äußere Instanzen zu überwinden. Nicht einfach, das kann ich laut sagen.
Schlampen sind übrigens nicht etwa, um da ein paar gängige Klischees und Vorurteile aus dem Weg zu räumen, per se schlampig, denn jene Dinge, die ihnen wirklich am Herzen liegen, machen sie mit vollem Einsatz, leidenschaftlich und mit Herzblut. Dafür sehen sie das Unkraut Beikraut in den Ritzen zwischen den Platten nicht, es sei denn, um es fotografisch zu ehren. Schlampig sind sie nur in den Augen der anderen, weil sie beispielsweise ausgedienten Dingen neues Leben einhauchen statt es dem Sperrmüll zu übergeben. Das Ignorieren von Sprüchen wie Das macht man nicht!, Du enttäuschst mich aber!, Ich habe von dir mehr erwartet! und anderer Bockmist vom selben Kaliber sind gute Übungen auf dem Weg zur Initiation in die Schlampenzunft. Und zugleich dienen sie der Selbstkontrolle. Bringen solche Aussagen eine Schlampe in Ausbildung aus dem Stand, gibt es noch viel zu tun. Gib aber bloß nicht auf. Das Ziel lohnt sich!
Schlampen im Alltag? Während Nicht-Schlampen die Waschmaschine genau eine Minute nach dem sie fertig geschleudert hat, leeren und die Wäschen aufhängen, trinken Schlampen in aller Ruhe den Kaffee, Tee, Wein oder Likör aus, lesen dazu mitten am Tag ein paar Seiten im Krimi, bloggen und schreiben, statt vor der eigenen Türe zu kehren, und holen die Wäsche später. Trocken wird sie nämlich früher oder später sowieso. Schlampen stehen auch nicht sofort vom Tisch auf, kaum dass der oder die Letzte in der Runde den letzten Bissen in den Mund geschoben hat. Oder gar vorher. Sie bleiben sitzen, denn sie lieben gemütliches Zusammensein. Das Geschirr kann warten. Dies noch: Schlampen mögen Worte wie später, irgendwann und mañana nicht nur des schönen Klanges wegen, dennoch leben sie jetzt.
Eine Schlampe ist niemals Sklavin, sondern Gebieterin ihrer Dinge, ihrer Uhr und der Außenwelt. Ob Haushalt, Büro, Atelier, Garten oder was auch immer, ist dabei einerlei. Eine Schlampe ist eigenmächtig und selbstbestimmt. Ob dies wohl der Grund ist, warum wir Schlampen noch immer diskriminiert, verleumdet, verfolgt und nicht verstanden werden?
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Anmerkungen:
Selbstverständlich gibt es auch männliche Schlampen und Nicht-Schlampen. Alle weiblichen Formen gelten auch für sie.
Halbschlampen gibt es allerdings nicht.
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Freundin C.(2) gewidmet, die bald zum zweiten Mal Mama wird. Es lebe das Schlampentum!

Lebenslügen

Ich kann nicht die sein, die ich bin, sagt sie. Nicht hier. Und vielleicht nirgends. Jedenfalls nicht die, die sie wirklich sei. Nicht nach außen jedenfalls. Aus Angst vor Missverständnissen passe sie sich an, spiele ihre Rolle, gibt sie zu. Allerdings sei sie wohl zu wenig gut, um wirklich erfolgreich täuschen zu können. Die anderen vielleicht, sich selbst aber nicht – nicht wirklich, nur  oft und nur scheinbar. Diese alles entscheidende Frage, wozu sie eigentlich hier sei – wirklich-wirklich, übergeordnet, sinnstiftend – würgt sie einmal mehr und sitzt ihr im Nacken. Diese Frage aller Fragen hat, wie es aussieht, nur eine Weile geschlafen – oder hat sie sich gar tot gestellt? –, aber weg war sie nie, nicht wirklich (und sie frage sich, sagt die Frau, wie andere diese Frage für sich so gut verdrängen oder so erfolgreich und befriedigend beantworten können) und während sie sich weiterhin nach außen hin adäquat verhält und die Rolle geschickt, so gut es eben geht, spielt, fällt niemandem groß auf, nicht mal ihr selbst, dass sie irgendwie falsch spielt. Eigentlich. Nicht absichtlich, sondern einfach um zu überleben, was in sich eine Paradoxie darstellt, da sie ja nicht weiß, wozu sie eigentlich lebt, wie sie sagt. Mein Fluss staut, ich hinke, ich stolpere. Warum ist ‚einfach leben‘ so schwer?

(by me)
Schnitt.

Das Buch, Unter dem Tagmond der neuseeländischen Autorin Keri Hulme, das Luisa Francia am 25.November 2011 in ihrem Internettagebuch beiläufig erwähnt hat, lässt mich seit Tagen nicht mehr los. Der Titel hatte sich mir beim Lesen des Artikels eingeprägt. Er hat sich mir auf die Schultern gehockt und mich bedrängt, ihm zuzuhören. Schließlich war das Buch gekauft.
Eine verstörende, unbequeme Geschichte, in der Tat, wie es auf dem Umschlag steht. Fertig bin ich noch nicht. Noch ungefähr hundertachtzig Seiten des umfangreichen Buches fehlen. Es zu lesen, tut zuweilen so weh, dass ich weinen muss. Es ist die Geschichte der exzentrischen Künstlerin Kerewin, die eines Tages in ihrem selbstgebauten Wohnturm einen tauben, blonden Jungen findet und tags darauf dessen Pflegevater Joe, einen Maori, kennenlernt. Das Kind sei vor drei Jahren, noch vor Kerewins Ankunft an dieser Küste, nach einem heftigen Sturm wie Strandgut an Land gespült worden. Das gesunkene Schiff wurde nie geborgen. Die Eltern, ebenfalls an Land gespült, waren tot und weltweit nirgends als vermisst gemeldet worden. Eine kleine Spur führt nach England, doch sie versandet. Auch der Pflegevater hat seine Wurzeln zur Herkunftsfamilie verloren, zudem sind seine Frau und sein kleiner Sohn kurz nach dem der Findelsohn Simon in die Familie aufgenommen worden ist, an Grippe gestorben. Kerewin, die unnahbare, höchst sensible, verletzliche und zu Depressionen neigende Künstlerin, hat vor einigen Jahren wegen tiefgehender Probleme ihre Familienbande gekappt und ist als vorläufige Station ihrer Selbstfindung – und offenbar mit genug Geld, um ohne Anstellung leben zu können – hier, im Turm, am einsamen Strand, gelandet.
Die drei zufällig Zusammentreffenden entwickeln eine seltsame, intensive Freundschaft. Die beiden Erwachsenen sind in erster Linie um das Wohl von Simon besorgt, der sich, nicht zuletzt wegen seiner Sprachlosigkeit, sehr unangepasst und unkonform verhält. Dass sein Vater ihn liebt und ihn züchtigt scheint für Kerewin am Anfang normal zu sein, bis sie entdeckt, dass der ansonsten zärtliche und liebevolle Vater seinen Sohn zuweilen bis aufs Blut misshandelt.
Wir teilen als Lesende den Alltag dieser Schicksalsgemeinschaft. Wir lauschen philosophischen Gesprächen von Kerewin und Joe, erfahren Joes Lebensgeschichte und warum Kerewin eine Weile in Japan gelebt und dort Aikido studiert hat, diesen Lebensweg der Versöhnung. Wir sehen Wutausbrüche, wir erleben Versöhnungen. Und schließlich sind wir dabei, als alles überbordet und die Staumauern einreißen.
Die Autorin ist stilistisch in keine Schublade zu stecken. Sie erzählt oft sprung- und bildhaft, Gedankenfetzen werden eingewoben und Dialoge sind nicht immer als solche erkennbar  – waren das eben Gedanken oder haben die beiden miteinander geredet? Dann wieder erzählt sie ganz klassisch, was die drei Menschen jetzt in der Hütte aus Kerewins Kindheit erleben, die sie gemeinsam für ein paar Wochen Ferien aufsuchen. Niemals zählt sie auf, niemals erklärt sie zu viel, und immer bin ich als Betroffene mitten drin. Sogar die Wutausbrüche Simons, Joes und Keres sind irgendwie nachvollziehbar.
Was die drei Menschen erleben, hat für mich etwas sehr archetypisches, beinahe gleichnishaftes, ohne aber je moralisch zu sein. Zwingend existentiell die Thematik. Letztlich geht es auch um Lebenslügen. Um Hoffnungslosigkeit ebenso wie um Sehnsüchte. Nach Erlösung. Nach Freispruch. Nach Heilung. Und letztlich ist es eine Liebesgeschichte der ganz und gar anderen Art. Wie sie endet? Darauf bin ich schon sehr gespannt.

*leere Zeile*

Zu viele Farben, zu viele Bilder, Kontraste, Geräusche, Texte. Zu viele Geschichten. Einfach viel zu viele Eindrücke aus allen Richtungen. Zu viel von allem. Reizüberflutung. Alles gleichzeitig und deshalb nicht wirklich aufnehmbar. Dazu viel zu wenig Ruhe innen drin. Stille, warum weiche ich dir aus? Warum lass ich dich nicht ein? Ich sitze da und hätte alle Zeit der Welt für dich und was tue ich stattdessen? Ich surfe, ich lese. Klicke Bilder an, klicke Texte an, schreibe Kommentare da und dort. Gebe meinen Senf dazu. Bin da betroffen, leide dort ein wenig mit und klicke mich weiter. Und bilde mich weiter – ganz beiläufig. Bilde es mir jedenfalls ein.
Es denkt in mir. Laut denkt es in mir. Lauter laute Wörter. Buchstaben, die ich ausspucke, jetzt und hier und ich begreife, dass alles, was mich da draußen stört, schon und immer auch in mir drin ist. Leistung bringen müssen? Kannst du sogar zuhause am Schreibtisch haben! Voilà: Sogar beim Bloggen. Beim Bilder einstellen auch und beim Rückmeldungen geben. Sogar welche zu bekommen ist nicht leistungs(druck)frei. Dank wird erwartet. Glaube ich jedenfalls. Dieser Jahrmarkt der Eitelkeiten hier und jetzt, frei nach William Makepeace Thackeray. Transponiert in die Gegenwart. Eitelkeit ist zeitlos. Doch Eitelkeit nährt ein bisschen. Das Ego immerhin.
Und was nährt den Bauch? Wozu den Antrag auf Wohngeld ausfüllen? Ein bisschen mehr Geld zu haben, ist nicht schlecht, scheint es mir. Entlastung ist willkommen. Entspannung tut gut und Geld regiert die Welt, sagen sie. Sie? Wir. Ich. Ich auch. Auch ich brauche es, das Geld. Die Kohle. Den Schtutz. Auch ich kann ohne es und sie und ihn nicht einkaufen. Auch ich glaube zuweilen, mehr als mir lieb ist, dass Haben die Seele nährt. Stimmt es sogar? Eingewoben in der Materie, wie ich es bin, ist Haben mitverantwortlich für Wohlgefühl. Ich sage nur iPhone. Ich sage nur Auto.
Nein, ich plädiere hier nicht für Kaufen. Nicht für Habenmüssen. Nicht für mehr. Nicht für größer. Nicht für Big Business. Und schon gar nicht für Weihnachten und so Zöix. Nein, ich plädiere nicht für diesen Hype. Ich boykottiere ihn sogar. Wie schon seit vielen Jahren gibt es von mir keinerlei Geschenke, keinen Christbaumklimbim und auch kein Adventsgekränzel. Null Kitsch. Null Sentimentalität. Null Weihnachtsprogramm. Und null Karten. Bestenfalls zur Sonnwende und zum neuen Jahr einen Gruß. Lieber schreibe ich jedoch Briefe, Karten und Mails, wenn ich Lust dazu habe.
Dennoch fühle ich mich virtuell übersättigt. Dauermüde vom Hören, Sehen, Verarbeiten. Immerhin und zum Glück ist das meiste davon, was ich aktuell als stressig empfinde, handgestrickt.
Schnitt.
Und jetzt? Darf frau sowas veröffentlichen? Ein Text mehr, der im virtuellen Netz herum schweben wird. Ein paar Zeilen nur. Worte. Wörter. Leerlauf möglicherweise. Gedanken, wie sie alle denken. So what?
Wenn ich hier einmal einen tollen Text geschrieben habe, muss ich deswegen nicht immer geniale Texte schreiben. Ist mit Bildern nicht anders. Mut zum Unperfekten. Mut zum Prozess. Und ja, es darf auch mal durchschnittlich sein, was wir produzieren, was wir leisten. Unsere Messlatten dürfen ruhig rauf und runter gehen. Ein Stressfaktor weniger, wenn wir uns dies erlauben.
Ein leeres Bild. Ein weißes Blatt Papier. Nackter Baum. Pause. Punkt. Lücke.
Ja!

anders

Ein Bild taucht auf. Jeder Mensch sei ein Kreis. Menge, denke ich. Was uns ausmacht, ist die Menge alldessen, was da ist. In uns. Sicht- und unsichtbares. Verstecktes. Jede und jeder eine Menge. Mit den einen überschneiden sich Interessen, Schnittmengen entstehen, größere, kleinere. Bei anderen berühren sich nur die Kreislinien und bei wieder anderen nicht einmal diese.
Dennoch sitzen wir alle im gleichen Boot. Kreise auf dem gleichen Blatt Papier.
Erde. Boot. Papier.
Wir alle, mit Ausnahmen, die es immer geben wird, sind von dem Kreis, den wir selbst darstellen, zumindest so weit überzeugt, als dass wir uns darin auskennen und ihn für richtig halten, im großen Ganzen. Und für wichtig auch. Wir wissen, welche Regeln in diesem Kreis gelten und gehen davon aus, dass die Regeln im Nachbarskreis und in all den anderen Kreisen ähnlich sind. Überraschung! Sind sie nicht. Nicht immer jedenfalls. Eher weniger als mehr. Die anderen Regeln sind zuweilen sogar so was von anders als unsere, dass wir nur den Kopf schütteln würden beim Versuch sie zu verstehen. Was andere als Regeln für ihren Hamsterrad-Kreislauf definiert haben, muss aber deshalb nicht schlechter sein. Doch anders reicht den einen oft schon, um respektlos und grob zu werden. Verbal oder handgreiflich.
Auch die Definition von Notwendigkeiten ist unterschiedlicher als wir ahnen. Was die eine braucht, geht dem anderen am A… vorbei. Wie ich da so gestern mit Freundin A. in einer Konditorei in B. sitze und wir über Göttin, die Welt und die Männer philosophieren, über Befindlichkeiten und Lebenssinn, über Bedürfnisse und Bedürftigkeit – Schuhe kamen im Gespräch übrigens keine vor! – wird mir bewusst, dass das, was ich zum Leben brauche, längst nicht alle anderen brauchen. Solche Gespräche zum Beispiel nähren mich weit mehr als zehn Stücke Torte. Und während andere sich nur wohlfühlen, wenn sie jeden Tag zehn Stunden arbeiten können, brauche ich viel Stille. Während andere den Winter lieben, den Schnee kaum erwarten können, es sie bei solchem Wetter nach draußen zieht und sie glücklich aufatmen, wenn es endlich kühler wird, hänge ich bei solchem Wetter am liebsten auf dem Sofa und träume von Winterschlaf und lauen Sommernächten.
Die Kreise, die wir vorhin gezeichnet haben, die Menschen, die wir sind – wir füllen die einzelnen Kreismengen nun im zweiten Schritt noch dadurch, dass wir weglassen, subtrahieren, was für jede überflüssig ist. Ihr wisst schon: Kreis A braucht dies nicht, während Kreis B ohne dies kaputt gehen würde. Wieder wird es so mit den einen Schnittmengen geben, mit anderen Berührungen und mit noch anderen keinerlei Kontakt. Und doch kreisen wir noch immer auf dem gleichen Blatt Papier.
Was ich zum Beispiel absolut nicht brauche? Weihnachten. Weihnachtsstress. Weihnachtsbeleuchtung. Weihnachtsgeschenke. Weihnachtsbesuche.
(Klammer auf: Würde ich diese meine Überflüssigkeiten zum neuen Gesetz erheben, bekäme ich mächtig Probleme. Nein, nicht primär mit den lieben Kinderlein, mehr noch mit den Wirtschafts- und Werbefuzzis allüberall. Die würden wohl ganz anderes weglassen, Pausen vielleicht, Müßiggang. Klammer zu.)
Ein anderer würde nur allzu gerne auf die Farbe rot verzichten, weil sie zuweilen in den Augen weh tut, weh tun kann. Andere wieder können sehr gut ohne Bücher sein, und noch andere brauchen keine Milch. Die einen brauchen Coolness nicht, andere schon. Ähnlich geht es mit Machismo. Mit Zigarren und mit Schokolade. Alle aber können eins nicht weglassen, eins nicht. Ob als Sehnsucht oder gelebt: ein warmes Nest brauchen alle. Eigentlich. Geborgenheit. Wohlwollen. Raum, die und der sein zu können, die und der wir sind. Dieser kleinste gemeinsame Nenner ist so klein nicht und ein paar andere Buchstaben mit viel Gewicht und wenig Aufwand gehören ebenfalls dazu: TOLERANZ.
Der Mensch sei ein Kreis. Nein, nicht Konjunktiv, den kreisen tun wir alle. Und stolpern und wieder aufstehen auch. Weitergehen.

heimat-los

Sie sind ihre Heimat los geworden, die Ausgewanderten. Kein leichtes Los. Sie haben ihre Heimat, so sie denn eine hatten, losgelassen. Oder wollen genau das nicht. Oder üben es noch. Oder sind kleben geblieben – irgendwo zwischen den Grenzen, die nur im Kopf bestehen. Und jetzt sind sie da, wo irgendetwas besser sein muss. Irgendetwas muss hier besser sein, sonst wären sie dort geblieben, wo sie vorher waren. Ob Flüchtlinge oder Liebende – wer auswandert, nimmt das Los auf sich, Heimat gegen kaum Bekanntes zu tauschen. Ein nicht immer ganz freiwilliger Tausch von Bekanntem gegen Ahnungen. Von Vertrautem gegen Erwartungen. Unscharfe Ränder des Bildes im Herz. Farben, die changieren, unklar sind sie zuweilen, dann wieder, je nach Blickwinkel, so scharf, dass sie blenden und blinzeln lassen. Blinzeln, um gleich wieder hinzuschauen. Wahrnehmen gegen Widerstände. So viel Gegenteiliges, so viel Vergleich.
Ob das Gewählte besser ist, zeigt sich erst, wenn Zeit vergangen ist. Wenn gelebt wurde. Wenn die kleinen Wurzeln in der neuen Erde ausschlagen und neue Verästelungen bilden. Wenn die tägliche Bahn der Sonne allmählich vertraut ist. Wenn das heurige Laub zusammengerecht ist. Wenn die alten Blätter neuen Knospen Platz geschaffen haben. Leere Äste an leeren Bäumen künden von Heimweh. Und doch sind es auch die Bäume, die Heimweh heilen. Sie fragen nicht nach Nationalitäten. Dafür schenken sie Gelassenheit, wenn du sie lässt. Und sie machen Mut, dem neuen Boden zu vertrauen.
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Wie wir da, es ist Freitagabend spät, tanzend durch den Raum und die Zeit schweben, bin ich überall zuhause. Nicht mehr heimatlos. Zufällig bin ich in der Schweiz und die Stimmen um mich herum klingen vertraut. Die Musik auch. Eine Sprache, die nicht übersetzt werden muss. Alles vertraut.
Am Samstagnachmittag am Zürichsee, bei J.s Cousin und dessen Familie, unterhalten wir uns in drei Sprachen, ich zumindest. Mit dem fünf Wochen alten Little-D. plaudere ich Schweizerdeutsch und er versteht. Seine weisen Augen ruhen in meinen und erzählen von drüben. Von früher. Von bald. Erzählen von Ewigkeit und Jetzt. Mit C. und J. reden wir hochdeutsch, zuweilen auch französisch, C.s Muttersprache. Als schließlich spontan in der Schweiz wohnende, französische Freunde an der Türe klingeln und an den Kaffeetisch mit eingeladen werden, babeln wir dreisprachig, da Mösiö C. noch nicht so gut deutsch kann. Nur Little-D. versteht noch alles, scheint mir. Fremdsprachen kennt er keine. Er hört die Worte, die Sprachen der Herzen.
Wenn ich keine Worte finde, weder gesprochene noch unaussprechliche, fühle ich mich fremd. Hier nicht, zum Glück, und auch dort nicht. Nein, nicht fremd, aber heimatlos. Hier wie dort. Ja, sogar dort, in der Schweiz, trotz meines tollen FreundInnennetzes, weil ich dort kein Zuhause mehr habe. Und hier, im neuen Land, weil meine Wurzeln noch nicht verwachsen sind. Es braucht Zeit, sagen die Weisen. Und Geduld. Kein leichtes Los, doch, zumindest in meinem Fall, ein selbstgewähltes.
Und letztlich, auch das sagen die Weisen, ist meine Heimat überall. Hier wie dort. Und sie war und ist schon da. Immer. In mir.

Noch mehr Medizin

Da hab ich doch gestern tatsächlich den künstlerischen Ausdruck als meine Lebensmedizin zu erwähnen vergessen! Echt unglaublich. Aber ich habe ja auch die Atemluft nicht erwähnt, nicht das Feuer, die Wärme am Ofen, auch das Wasser nicht, das aus dem Hahn und aus der Quelle fließt. Und nicht die Erde, die mich trägt. Nicht mal die Liebe, nicht mal sie habe ich aufgezählt. Zu selbstverständlich das alles?

Wieder steigt dieses Wort auf: Dankbarkeit. Keine Hülse für mich. Kein schnelles Dankeschön, sondern eine innere Haltung, die erst in den letzten Jahren gewachsen ist. Dankbarkeit trotz …
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Der Antrag auf Wohngeld liegt auf dem Tisch. Ein Formular, das mir das Überleben sichern hilft, wenn ich es ausgefüllt und eingereicht haben werde. Dankbarkeit für diese Möglichkeit.
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Aus der Küche riecht es nach Torta di Pane. Brottorte. Nach einem Südschweizer Rezept, ausgeführt à la Sofasophia. Aus altbackenem Brot lässt sich ein wunderbarer Kuchen zaubern. Und aus Stroh Gold spinnen. Aus Buchstaben Sätze. Dankbarkeit.
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Die Reisetasche steht bereit, ein paar Sachen sind schon gepackt. Den Rest stecke ich später ein. Morgen mit dem Liebsten in die Schweiz an ein Fest mit FreundInnen fahren und dort mit dem Lieblingsmenschen andere Lieblingsmenschen treffen. Dankbarkeit.
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Das letzte Mal. Ein Buch über den letzten 6 hat Wildgans neulich vorgestellt. Das letzte Mal von was auch immer ist wie rückwärtsfahren im Zug. Wir wissen erst, wenn wir im Gotthardtunnel sind, dass wir vor fünf Minuten die letzte Palme der Südschweiz gesehen haben. Wir wissen erst, wenn es heute kalt ist, dass gestern der letzte warme Tag war. Und wir wissen erst, wenn wir auf dem Sterbebett liegen, dass dies der letzte Morgen war.
Ich fahre im Zug lieber rückwärts. Die Landschaft, die ich zurücklasse, franst aus, zieht an mir vorbei. Langsam werden die Dinge kleiner, die ich verlasse. Anders beim Vorwärtsfahren. Da kommen die Dinge mit der Wucht alles Neuen auf mich zu. Kommen ungefragt, wollen Aufmerksamkeit, wollen, dass ich reagiere. Das erste Mal. Heiß ersehnt, mit Erwartungen vollgepackt, die kaum zu erfüllen sind und die genauso oft im Nachhinein geschönt werden. An das erste Mal werden wir uns immer erinnern, ob aufgepimpt oder pur ist dabei unerheblich, und wir werden das vorläufig letzte Mal immer damit vergleichen. Bis zum nächsten Mal jedenfalls. Und wir tun so, als gäbe es immer ein nächstes Mal. Immer. Dafür bin ich dankbar.
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Bild: iDogma –
fotografiert mit ProCamera (Collage von mir aus Papier), beschnitten mit PS Express, bearbeitet mit Dynamic Light, Segmentix, Autopainter und Blender. Finish mit Pic Grunger

Gute Medizin

Was tut mir gut? Was verleibe ich mir am liebsten ein, wenn ich Mut brauche? Mit was würze ich gerne – so eine Art Lebenswürze? Welches Getränk lässt mich heiter werden und was esse ich, wenn ich Nervenruh brauche? Was gibt mir im Winter Sommerfrische und was ist so eine Art Allheilmittel?,

fragt Cambra in ihrem Blog.
>> > Und ich? Was tut mir gut?
# Luisa Francias Bilder aus Portugal (luisa in alentejo – 30.11.2011 um 12:44:45) und der Hinweis darauf, dass ihr neues Jahreshoroskop 2012 bereits im Netz hängt (hier klicken).
# Wenn mein Liebster mir nach dem Erwachen den Rücken streichelt und massiert.
# Die Nachspürpausen zwischen zwei Yoga-Asanas. Sie sind genauso wichtig wie die Übungen selbst, denn ohne sie gibt’s Muskelkater.
# Die Erkenntnis, dass es ohne Pausen im Leben nicht vorwärts gehen kann.
>>> Was verleibe ich mir am liebsten ein? Was macht mir Mut?
# Schwarze Schokolade, die langsam auf der Zunge zergeht.
# Spaghetti – mit Gemüse- & Tomatensauce, mit Zitronen- & Peperonisauce, mit Pesto, mit Käse, nature …
# Joghurt – nature, mit Honig oder mit sauren Früchten (Zitrone, Orange, Sanddorn …).
# Tomaten in allen Variationen.
# Erd- und andere Beeren.
>>> Womit würze ich mein Leben?
# Mit Kreuzkümmel im Gemüse-Curry.
# Mit Dill zu Joghurt mit Zitronensaft an Gurkensalat.
# Mit Pfefferkörnern in einer Gemüsesauce.
# Mit Salz im richtigen Mass.
>>> Welche Getränke schenken mir heitere Gelassenheit?
# Tees, allen voran Yogitee, Ingwertee und Lavendel-Rosenblüten-Tee.
# Ein heißer Apfelsaft.
# Ab und zu eine heiße Schokolade, am liebsten nach einer Herbst- oder Winterwanderung. Aber wirklich richtig heiß muss sie sein!
# Ein dunkles Bier am Feierabend, am Feuer genossen (am liebsten ein Ittinger).
>>> Womit beruhige ich meine Nerven?
# Mit einer Herzumarmung eines lieben Menschen.
# Mit dem Sound von Patent Ochsner (waas? Die kennt ihr nicht? Hier gibt’s mehr …).
# Mit einem warmen Bad bei Kerzenlicht.
# Mit Baldriantropfen oder -dragées.
# Mit Lavendel- oder Hopfentee.
>>> Wo hole ich mir Sommerfrische?
# Im Blutorangensaft (je Winter desto mehr).
# Aus der Musik, die wir auf der Sommerferienreise oft gehört haben.
# Aus den extrahierten Düften des Sommers, zum Beispiel aus einem Heublumenbad …
# Aus den Beeren im Tiefkühlfach.
# Aus dem Marmeladenglas. Selbstgemachte Johannisbeeren schmecken göttlich nach Sommer!
# Aus einem Sommerkrimi.
>>> Was heilt mich, wann immer ich es brauche?
# Ein Gespräch mit einer lieben Freundin.
# Das Zusammensein mit lieben Menschen, allen voran mein Lieblingsmensch J..
# Alleine zu sein.
# Mein Laptop oder mein Notizbuch. Sie sind meine Werkezeuge, wenn ich mir alles, was weh tut, von der Seele schreiben will.
# MUSIK! Je nach Stimmung Rock, Indie, Experimental, World, Classic oder Folk.
# Tanzen …
# und so weiter …
Sollte ich, so wie das Cambra im erwähnten Artikel getan hat, ein Bild mit meinen Medizin-Dingen arrangieren, wüsste ich nicht, wo anfangen. Bin ich gar abhängig von all diesen Dingen, von so genannten Äußerlichkeiten, die mein Wohlbefinden unterstützen, frag ich mich. Und: Was wäre ich ohne dies alles?
Halt, halt, jetzt weiß ich, was ich auf meinen Medizintisch lege! Einen Papierbogen. Könnt ihr ihn vor euch sehen? Weiß. Groß. Und da drauf steht nur ein einziges Wort, das all die Dinge meint, die ich aufgezählt habe: DANKBARKEIT.