Spurensuche und Flucht-Gene

Fotos aus vielen Jahren gelebtem Leben. Schwarzweiß und bunt. Ich blättere mich durch die qualitativ eher schlechten Bilder, die meine Tante M. nicht eingeklebt, sondern einfach in den Umschlägen vom Fotolabor des Großverteilers belassen hat. Versuche die Welt aus den Augen meiner Tante zu sehen. Da – unzählige, ziemlich ähnliche Bilder von einer Baustelle. Von einem Balkon aus fotografiert, wie mir scheint. Hier Bilder von einem Zirkuszelt mit Rummelplatz. Sieht aus wie Zürich. Ein See im Hintergrund. Einige Schnappschüsse von der Bühne, wo eine Aufführung im Gange ist. Dort nun Bilder von Bäumen. Und immer wieder Bilder von Kindern. Viele Jahrzehnte hat meine Tante als Kindergärtnerin gearbeitet. Ich sehe glückliche Kinder, die basteln und malen. Der Sankt Niklaus. Schnee. Ausflüge. Waren die kleinen Mädchen auf den schwarzweißen Bildern noch mit kurzen Karoröcken bekleidet, tragen sie auf den Farbbildern bereits Jeans. Wie viele Kinder meine Tante wohl in ihrem Leben begleitet hat?, geht es mir durch den Kopf. Wie viele heute, nach vielen Jahren, wohl noch einen Gedanken an ihre Kindergärtnerin oder Primarschullehrerin verwenden, wie ich das zuweilen tue? Wie viele von ihnen wohl noch leben?
In einem der vielen Umschläge finde ich ein paar gute Aufnahmen, die M. in jungen Jahren zeigen. Eine schöne Frau war sie, bis zuletzt. Doch immer findet sich ein ernster Ausdruck in ihrem Gesicht, der auch nicht durch einen lächelnden Mund verwischt werden kann.
In einem Briefumschlag finde ich einen einundfünfzig Jahre alten Zehn-Mark-Schein. Ungefaltet. Mit dem Spruch versehen, dass Fälschen von Geld mit Zuchthaus bestraft wird. Mit mindestens zwei Jahren.
Ungefähr fünf Euro könnte der noch wert sein, sagt J., doch ich habe nicht vor, ihn zu tauschen. Eher lasse ich ihn rahmen. Als Sinnbild und Mahnmal, dass alles im Laufe der Jahre seinen ursprünglich definierten Wert verliert. Oder wandelt. Und dass viele Wertmaßstäbe von der Definition der jeweiligen Gesellschaft abhängen. Mancher Geldschein auf dieser Erde ist nicht mal mehr das Papier wert, auf das es einmal gedruckt worden ist.
Später finde ich im Karton mit den geretteten Dingen eine Tüte voller Briefe. Die muss mir meine Schwester eingesteckt haben. Schön, denn anhand der Briefe, die andere an meine Tante geschrieben haben, gelingt es mir vielleicht, sie ein bisschen umfassender zu begreifen, überlege ich, und lese schon mal den einen oder anderen. Die Mails von früher, denke ich. Allesamt natürlich handgeschrieben und oft viele Seiten lang. Einer meiner vorläufigen Lieblingsbriefe stammt aus den Fünfzigern und hat meine Tante in Rom erreicht. Die beiden Frauen – ich nehme jedenfalls an, das die schreibende Person eine Frau war – sprechen sich offenbar mit Nachnamen an, den sie aber wie Vornamen verwenden. Die Schreiberin duzt meine Tante und sowohl in der Anrede wie auch mitten und zwischen den Zeilen ist tiefe Vertrautheit fühlbar. Über das Zigeuner-Gen und über das Flucht-Gen redet die Schreiberin, sesshaft geworden, im Gegensatz zu meiner reisenden Tante, die offenbar auf der Suche nach ihrem Platz ist. Hm. Die Schreiberin ist mit ihrem Status nicht wirklich glücklich, erzählt jedoch vom Versuch, das Leben immer wieder so zu akzeptieren, wie es eben jetzt ist.
Wieso nur kommt mir dieser Monolog so bekannt vor? Der Brief, obwohl schon über fünfzig Jahre alt, könnte so ähnlich auch heute von einer meiner Freundinnen stammen. Oder von mir.
Nein, ich fühle mich längst nicht mehr als Voyeurin. Es ist mir, als freue M. sich, dass ich mich für sie und ihre Geschichte auch posthum interessiere.

0 Kommentare zu „Spurensuche und Flucht-Gene“

  1. Fast habe ich das Gefühl, du hörst ihr gerade zu … Aus dem, was du schreibst, geht ein Gefühl von Frieden hervor, den ich nicht definieren kann. Ich glaube, wenn ich so gut mit dem, was mir von geliebten Menschen, die vorausgegangen sind, hätte umgehen können, ginge es mir umsoviel besser. Danke, dass wir dir dabei zusehen können. Noch einwenig mehr, und ich sehe deine Tante richtig vor mir.
    Schlaf‘ gut …

  2. das fluchtgen… da dachte ich es wäre eine erfindung von mir… ich eitle… lach- wir menschen haben das nomadentum tiefer in uns, als uns alle sesshaftigkeit glauben machen will… das ist heute so und war wohl vor 50 jahren nicht anders. die platzsuche im leben. der ort, der raum, die mit-menschen.
    ich kann förmlich die fotos sehen, die schwarzweißen und die bunten
    sehe deine tante
    schaue auf dich
    herzlichst u.

  3. @ sherry
    danke für deine worte. ich werde vielleicht ein paar bilder einscannen und hier posten. bei meiner mutter war das abschiednehmen ganz anders, fremder irgendwie. ich denke, so von der denkart bin ich mehr wie meine tante. für mich ist dies hier ein sehr spannender, heilsamer prozess. danke für dein interesse!
    @ li ssi
    ja, bei diesem brief musste ich sehr an dich denken. menschen sind menschen sind menschen. ewig suchende … findende auch, göttinseidank!
    liebe grüße, d.

  4. finden… sich selbst… der ort ist sekundär- gestern erwarb ich einen roman von hilde domin, hier der klappentext:
    „In einer Zeit, die nicht nur im Äußerlichen zu einer der Flüchtlinge geworden ist, sondern auch im Innern des nach seiner Heimat suchenden Menschen, gibt Hilde Domin in ihrem Roman „das zweite Paradies“ die Hoffnung, nicht Suchender bleiben zu müssen, sondern die wichtigste Rückkehrerfahrung, die zu sich selbst. Das zweite Paradies: die Vison eines verheißenden Landes, das am Ende eines weiten Weges liegt… Man verzichtet auf seinen Besitz. Aber man ist immer zu ihm unterwegs.“
    später dann las ich deinen artikel. nein, zufälle gibt es nicht. alles ist mit allem verbunden, netze weben sich…
    allerliebste grüße an dich und deinen liebsten u.

    1. waaaas? hilde domin hat auch romane geschrieben? ich kenne und liebe bisher nur ihre lyrik. bitte leihst du mir das buch anschließend aus, biiiitttee!
      danke für den tipp und liebgrüß
      d.

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