Keine Ahnung

Wenn stimmt, was ein Freund von J. einmal behauptet hat, dass nämlich das Schreiben eines Textes, wenn erst der Titel stehe, ganz einfach sei, kann ich heute bei diesem Titel für nichts garantieren. Weiterlesen bitte nur auf eigene Verantwortung.
Meistens weiß ich im Voraus, was in meinem Blogartikel stehen soll, bevor ich zu schreiben anfange. Nicht wörtlich, doch ich sehe deutlich seine Silhouette.
Heute nicht. Heute sehe ich nur huschende Schatten. Keine Ahnung, was sie von mir wollen. Schreib, raunen sie mir zu. Und ich schreibe.
Ich schreibe, wie die Zeit scheinbar stehenbleibt und ich zuweilen das seltsame Gefühl habe, mich dieser Tage gleichsam in einen Kokon einzuwickeln. Da ist diese surrealistische Langsamkeit, da ist dieser Geruch von Herbst und feuchter Erde und da der Geschmack von Ewigkeit, von Winterschlaf, von Tod.
Nein, keine Angst, mir geht es gut. Das Hamsterrad macht bloß Pause.
In dieser seltsamen Verschiebung der Zeitwahrnemung – können wir Zeit denn überhaupt anders begreifen als sie einfach wahrzunehmen, ganz und gar subjektiv? – kommt so etwas wie der Tod meiner Tante eigentlich zur rechten Zeit. Ein Tod kommt wohl immer zur rechten Zeit. Und zur falschen gleichermaßen. Nein, das meine ich nicht zynisch. Die Bewertung solcherlei Umstände sind eben eine Sache der persönlichen Wahrnehmung. Und sterben müssen alle eines Tages.
Morgen um diese Zeit ist die Abschiedsfeier, die ich in den letzten Tagen mit meiner Schwester vorbereitet habe, und für die ich zwei Tage in die Schweiz fahre, bereits Vergangenheit. Morgen um diese Zeit sitze ich bei Freundin L. auf dem Sofa und sophiere mit ihr über Göttin, die Welt und die Männer. Voraussichtlich.
Zeitspirale. War schon, was morgen sein wird? Die Wörter, die da stehen und schneller aufs Display meines iPhones huschen, als ich denken kann, entwickeln ein Eigenleben.
Ich will erzählen, wie wir gestern auf einem Spätnachmittagsspaziergang eine Kuh getroffen haben. Die Sonne ging unter, es war kühl und ich dachte an Morgensterns Wiesel, während die Kuh bäuerinnenseelenallein über eine Wiese spazierte und da und dort im Vorübergehen ein wenig Gras rupfte. Vielleicht hätte sie besser gefastet.
Katzen, Hunde und Kühe finden immer nach Hause. Und Hühner auch. Spätestens morgen früh, wenn das Euter voll ist, steht diese Kuh muhend vor der Stalltür!, sagte ich zu J.. In der Wildnis wäre eine moderne Kuh aufgeschmissen. Sie ist auf Milchproduktion getrimmt. Sie ist abhängig von uns Menschen, die wir sie ausbeuten. Nicht anders der moderne Mensch. Abhängig von Konsum und dessen Gütern (über deren Güte ich wenig Gutes zu berichten weiß).
Ob dieser Text wohl schon da war, irgendwo*, bevor ich ihn geschrieben habe? Was erklären würde, warum er so schnell erschienen ist. Dies würde zumindest die Frage nach Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit des Schreibens und Bloggens ein für alle Mal bekräftigen.
Schreibe, was da* ist. Fische, was da* ist: Schuhe, Dosen, Socken, Flaschen, Leichen … Den verdreckten See entrümpeln sozusagen?
Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung …
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* nur: wo???