Noch ganz wirr von den seltsamen Träumen schlurfte ich heute Morgen in die Küche. Wie froh ich war, dass mich J. durch seine Aufstehgeräusche geweckt hatte.
Auf dem Tisch dieser Gutschein von irgendwo. Wenn Sie ein Fotobuch kaufen, schenken wir Ihnen fünf Euro, steht da. Gutscheine sind wie Hyperlinks, murmle ich in die dampfende Teetasse. Denke wieder an den Alptraum. Endlich war ich den Werbeversprechen von F***book erlegen und hatte mir einen Account zugelegt. Kaum dabei kam die erste Mail. Von einer Freundin, die nach Mexico ausgewandert ist. Die Freundin gibt’s wirklich und Mexico auch, so viel ich weiß. Ob sie noch da lebt?
Cool!, dachte ich im Traum, und innert Minuten standen alle, die mich früher angebettelt hatten, doch auch bei F***book mitzumachen, in der Warteschlange der möglichen FreundInnen. Verzaubert war ich, im Traum, und beglückt, endlich dazuzugehören. Eine trügerische, beinahe kitschige Verzücktheit erfüllte mich. Doch noch im Traum waren auf einmal die Zweifel da. Zuerst solche wie: wann soll ich all diese Mails beantworten, wo ich doch schon mit den ganzen normalen Mails im Rückstand bin? Dann solche: Ich brauche das nicht! Ich will das nicht!
Wie in einem Netz steckte ich auf einmal in diesem Traum fest. Netz? Internet! Ich war bei Freundinnen und Freunden in Bern und wir diskutierten Vor- und Nachteile desselben. Gute Sache, sich zu vernetzen, keine Frage! Virtualität ist ein Segen, auch das ist mir sonnenklar. Doch brauche ich, brauchen wir diese Socialnetworks wirklich? Wenn ja, wozu?
Gutscheine sind wie Hyperlinks, murmle ich wieder. Wir folgen einem Versprechen, weil wir ja den Gewinn, der uns in Aussicht gestellt wird, nicht ablehnen, nicht verlieren wollen. Aussicht auf Gewinn! Schon blinken Dollarzeichen in den Augen und wir klicken eine Seite an. Überraschung! Und von dort folgen wir der nächsten Spur.
Da und dort hüpfen wir herum. Da und dort konsumieren wir. Da und dort werden uns Dinge versprochen (und oft genug nicht gehalten). Und vor allem werden wir da und dort subtil weichgekocht und auf Konsumtauglichkeit getrimmt, bis wir uns eines Tages nicht mehr wirklich frei bewegen können. Ein Klick genügt und schon weiß Ama***on, was ich zuletzt angeschaut habe. Ama***on vergisst nie etwas. And G***gle is watching you.
Wie gut, dass ich rechtzeitig erwacht bin. Wer weiß, was ich sonst noch alles angestellt hätte in dieser anderen Welt!
Tag: 29. November 2011
aufgelesen
Was ist Wahrheit? Ist eine fiktive Geschichte, wie die eben im Film „Me too – Yo también“ gesehene deshalb unwahr, weil sie nicht eine Lebensgeschichte zeigt, die sich wirklich in allen Details genau so wie gezeigt ereignet hat? Angelehnt sei die Geschichte, nur angelehnt an die Lebensgeschichte der Hauptfigur. Und die Hauptrolle spielt dieser Mann gleich selbst. Ein Mann, der über sich selbst sagt:
Es ist keine Krankheit! Es ist eine Kondition, ein Zustand. So wie der eine blond ist, habe ich eben das Down-Syndrom.
Quelle: Die Presse.com, 17. Juli 2010: Pablo Pineda: „Ich bin nicht krank!“
Als Psychologe mit Universitätsabschluss weiß er, wovon er redet, wenn er gegen die Gleichmachung einer Gesellschaft spricht, zugleich sich aber für die Gleichstellung aller einsetzt.
Aber nicht aus moralischen Gründen, sondern aus Gründen der Erfahrung. Es sind harte Erfahrungen, aber extrem bereichernde, die man durch eine Abtreibung eines behinderten Kindes niemals erleben würde. Eltern mit Kindern, die „anders“ sind, verbessern sich auch als Eltern. Sie werden toleranter und solidarischer. Das ist doch eine Chance, die man nützen sollte. Die Auswahl des Kindes à la carte ist nicht gut. Denn schlussendlich wählen wir das Perfekte. Und wenn dann alle gleich sind, sind wir um vieles ärmer. Auch Blumen sind verschieden, und alle sind schön. Der Drang zur sozialen Homogenisierung ist ein Übel der Gesellschaft. Wenn alle gleich denken, gleich aussehen, alle „uniform“ sind, dann ist das Faschismus.
Quelle: Die Welt Online, 10. Juni 2009: Pablo Pineda: „Und wenn dann alle gleich sind, sind wir um vieles ärmer.“
Schnitt.
Die Betrachtung der Dinge, so wie sie sind, ohne Ersatz oder Betrug, ohne Irrtum oder Unklarheit, ist eine edlere Sache als eine Fülle von Erfindungen.
sagte Francis Bacon.
Mit diesem Satz, den die Künstlerin und Fotografin Dorothea Lange, von Frau Mützenfalterin vorgestellt, gemäß Wikipedia in ihrem Fotolabor aufgehängt hatte, kann ich mich darum nur bedingt anfreunden. Mit großem Respekt vor jenen KünstlerInnen und DokumentaristInnen, die sich der Abbildung der Wirklichkeit verschrieben haben, wage ich zu behaupten, dass jede Abbildung letztlich ein Zerrbild ist. Natürlich ist der Versuch edel. Doch ist nicht auch der Versuch, mittels einer Fiktion, wertvolle Inhalte transportieren zu wollen, edel zu nennen? Edel im Sinne von ehrenwert. Altes Wort. Staubig. Im Grunde etwas, das wir heute belächeln. Wie Gutmensch. Den Versuch ist es allemal wert.
Erfindung – Imagination … sie kann, wie ich neulich schon bloggte, ein Wegbereiterin in eine heilere, menschlichere und tolerantere Mitwelt sein.