Bloggitis und Schwester Glück

Die Diskussion um Sinn und Unsinn der virtuellen Tagebuchschreiberei – sprich Bloggen – macht immer mal wieder die Runde. Ob in Gesprächen mit FreundInnen, in Mails oder in Blogs selbst – irgendwie scheinen wir Bloggenden immer wieder auf großes Unverständnis zu stoßen. Nein, nicht um mich für mein sinnloses Tun zu rechtfertigen, schreibe ich diesen Artikel, sondern aus dem gleichen Grund, warum ich blogge.
Ich habe nicht das geringste Bedürfnis, mein Leben im Internet auszubreiten!, meinte S. vor ein paar Wochen.
Mein Leben interessiert doch niemanden, was sollte ich da schon erzählen?, meinte C.
Und selbst, wenn ich wollte: Wo sollte ich auch die Zeit hernehmen?, sagte R.
Da haben wir‘s: Ein geradezu unanständiges Mitteilungsbedürfnis, gepaart mit der hirnrissigen Hoffnung, andere könnten sich möglicherweise für die eigenen Gedanken, Bilder und Erlebnisse interessieren – das macht den wahren Blogger und die echte Bloggerin aus. Dazu ein scheinbar grenzenloses Zeitgefäß. Halt, da fehlt etwas, das Wichtigste sogar! Die Lust am Schreiben, die Lust am Erzählen, die Lust, Gedanken in Worte zu fassen. Ja, Lust. Nicht müssen, sondern wollen.
Doch ist ein Text erst mal lustvoll gepostet – was neudeutsch für ins Netz gestellt ist –, geht der Spaß weiter. Ich gestehe es: Ich liebe Kommentare. Als erstes, nachdem ich mein iPhone oder den Rechner eingeschaltet habe, schaue ich unmittelbar nach den Mails in meinem Blog und in meiner Bildergalerie vorbei und lese allfällige Kommentare. Freue mich. Zum Glück beeinflusst dies mein Kunstschaffen nicht wirklich, höchstens inspirierenderweise. Auch sind Kommentare kleine Motivationsspritzen, falls dies mal nötig sein sollte.
Die Kommentarstränge stillzulegen, könnte ich mir aus eben diesen Gründen nicht vorstellen. Ich liebe den virtuellen Austausch sehr, diesen Dialog, der nur dank moderner Technik möglich ist. Sich schriftlich mit Unbekannten auszutauschen, ist allerdings kein Phänomen der Moderne. Auch früher gab es Brieffreundschaften. In den letzten Jahren haben sich jedoch die Mittel der Kommunikation auf damals unvorstellbare Weise verändert. Und die anonymisierte Form, wie wir sie heute Dank der Pseudonyme kultivieren, macht den Austausch möglicherweise sogar ein wenig authentischer. Das Pseudonym ist quasi die Fasnachtsmaske. Für einmal im mehrheitlich positiven Sinn gemeint.
Bloggenderweise können wir – ähnlich wie beim Schreiben eines Romans –, eine neue Identität aufbauen. Wie Schreibende wissen, steckt ja in jeder Figur, die wir kreieren, immer ein Quäntchen ICH mit drin – und sei es nur ein bisschen vom Anti-ICH. Ebenso ist es beim Bloggen: Auch hier erschaffen wir gleichsam ein neues Selbst. Nein, Quatsch, was rede ich da? Wir erschaffen es nicht, wir lassen bloß eins unserer vielen Selbste an den Tresen, an die Tasten.
Kurz und gut: Schreiben macht Spaß. Und was Spaß macht, hat oft auch das Zeug zum Glücklichmacher. Ja, mich macht schreiben glücklich. Schreibenderweiser tauche in einen leicht berauschenden Zustand ein, den ich schlicht dadurch erreiche, dass ich in Gesellschaft von Worten bin. Dass ich meinem Innen im Außen, auf dem weißen virtuellen Blatt, Raum gebe. Egotrip pur oder ist Bloggen gar ein Weg zur Erleuchtung? Lacht nicht! Wer weiß das schon so genau?
Um mein Glück jedoch wirklich genießen zu können, gibt‘s noch einiges zu lernen. Zu verlernen wohl eher. Grübeln zum Beispiel. Willst du den Orgasmus, kommt er sicher nicht. Es ist doch so, dass, kaum werden wir uns des Glücks gewahr und grübeln über seine Ursache und Herkunft nach, wir auch schon aus der Glücksblase herausfallen. So will ich daher lernen, mein Glück so ähnlich zu genießen, wie es Kinder tun, die sich ihres Glücks als eigentlich normalen Zustand nicht bewusst sind.
Ich schreibe und blogge also, um mich glücklich zu fühlen? Oder schreibe ich, weil ich schon glücklich bin? Weder noch. Bloggen und Glück sind zufällige Bekannte. Oder Schwestern. Glück kommt möglicherweise am liebsten, wenn wir es locken und uns in seiner Nähe aufhalten. Und wenn wir so tun als ob. Dann kommt es und lässt sich in unserer Nähe nieder.
Doch am besten du vergisst das alles gleich wieder. Mit dem Kopf jedenfalls.
Bloggen tu ich wohl einfach, weil ich Lust dazu habe. Ob das nun unsinnig oder sinnvoll ist. Und ob Unsinn manchmal nicht sinnvoller ist, als all die ach so sinnmachenden Dinge?