schlaflos

Perversfrüh, um einen von Irgendlinks Zeitbegriffen zu verwenden. Erst nach sieben. Dazu Feiertag. Was allerdings für mich als Stellenlose egal ist. Hellwach bin ich. Gedanken stehen Schlange, wollen geschrieben werden. Wörter. Sätze.
Fürs Schreiben aufstehen? Tun wir nicht, nein, leider. So ähnlich bloggte Obengenannter gestern.
Tun wir nicht? Nein, Bloggen geht ja auch vom Bett aus. Wenn und falls ich ein mobiles Bloggophon zur Hand habe. Hab ich zum Glück.
In mir ist noch immer ein Feuer, das mich glauben lässt, dass ich nie mehr frieren kann. Und dies trotz des dicken Nebels, der vor den Fenstern wabert. Das Feuer gestern Abend war so heiß, dass ich die Wärme geradezu auf meinem Körperakku speichern konnte. Unser Feuer für AlleSeelen, unser Ritualfeuer. Was für ein kraftvolles Erlebnis, das wir Frauen da im nächtlichen Wald geteilt haben!
Bei Kürbissuppe am Ofen ging der Austausch in meiner Wohnung weiter. Einblicke in andere Lebensgeschichten zu erhalten, erfüllt mich immer mit Dank. Immer bin ich zuerst ein klein wenig Voyeurin, neugierig wie andere dies und jenes sehen und erleben, doch der Voyeurismus verdampft schneller als ich das Wort sagen kann. Und dann ist da einfach nur Mitempfinden in allen Varianten.
Es ist schon spät, als die Frauen gehen. Freundin U., zu Gast hier, und ich sitzen am noch immer warmen Ofen und tauschen weiter aus, bis die Sätze wirr werden und das Bier, das letzte, alle ist.
Da liege ich also im Bett, wieder zu wach um zu schlafen. Krimi lesen geht. Ein paar Seiten nur, bis Sandmännchen kommt. Geiziger Kerl! Immer nur für ein-zwei Stunden reicht das Zöix. Und um sieben ist der Stoff offenbar aufgebraucht.
Zu viel geht zurzeit ab, das mich wachhält. Der Film in meinem Kopfkinosaal setzt jetzt bei gestern Vormittag an.
Das für mich relevante Arbeitsamt, das allerdings einen viel eleganteren Namen als ebendiesen hat, befindet sich in einer Stadt in relativer Nähe. J. lädt mich aussteigen, um seinen Onkel B. im Krankenhaus zu besuchen.
Sehen und gesehen werden kennen wir alle. Das hier ist das Gegenteil. Hoffentlich kennt mich hier niemand. Hoffentlich sieht mich hier niemand!, steht in den Gesichtern der Menschen geschrieben, die hier ein und aus gehen. Die einen in Trainingsanzügen und mit großer Selbstverständlichkeit, da und dort sogar nach rechts oder links leise grüßend. Andere gehen scheu mit Blick auf den Boden durch die modernen Hallen. Die meisten sehen ganz durchschnittlich aus, unauffällig. Stellenlosigkeit ist kein Stigma, ich bin weder aussätzig noch böser als der Rest der Welt. Eine Schmarotzerin bin ich auch nicht, doch jetzt auf finanzielle Hilfe angewiesen. So what?
Ich stelle mich in die kurze Schlange am Infoschalter und will mich arbeitslos melden. Personalausweis, den schweizerischen, und Aufenthaltsbewilligung sind griffbereit.
Die Meldebescheinigung? Öhm, nein, hab ich nicht dabei. Hat der Mann am Telefon, ihr Kollege, nix von gesagt, sage ich zu den zwei netten jungen Damen, Azubi die eine. Sie sind wirklich nett, die zwei, melden mich trotzdem schon mal an und drücken mir einen Packen Papier (brennt sicher gut) in die Hand. Innerhalb einer Woche muss ich wieder kommen. Mit besagtem Papier. Okay, muss ich wohl.
Und schon steh ich wieder draußen. Hat doch gar nicht so weh getan. Obwohl. Wie es weitergeht, weiß ich ja noch immer nicht.
Die Türen sind offen.