Richtig falsch, oder?

Wie ich so die Wäsche aufhänge – Tücher genau so, Unterhosen natürlich anders, Pyjamateile wieder anders – geht mir durch den Kopf, dass meine These nicht stimmt. Dass ich mich selbst belüge, wenn ich behaupte oder zumindest anstrebe, die Dinge nicht mehr werten zu wollen. Tu ich nämlich nicht. Nicht hier, nicht beim Wäscheaufhängen. Und auch sonstwo nirgends. Es gibt bei mir richtig. Und falsch auch.
Ich hänge die Wäsche richtig auf, so richtig wie ich es von meiner Mutter und anderen früher mal gelernt habe. Nicht weil man (besser wohl frau) es einfach so macht, sondern aus guten Gründen. Weil es – wird es so gemacht – Arbeit beim Falten erspart. Wenn ich die Kleider mit einem kleinen Umschlag am Rand anklammere, kann ich mir das Bügeln sparen und die Kleider bleiben in Form. Zum Beispiel.
Richtig und falsch gibt es bei mir sehr wohl. Ich bewerte laufend, was ich tue. Was andere tun. Bewerten, so denke ich, bei der letzten Unterhose meines Liebsten, die ich an die Leine im Garten klemme, bewerten hilft beim Überleben. Würde ich nicht laufend Umstände nach Gefährlichkeitsgrad einstufen, wäre ich wohl längst unter einem Auto gelandet. Zum Beispiel.
Offenbar kann ich nicht leben, ohne Dinge für mich zu bewerten. Was ich aber kann, ist nicht zu verurteilen. Und das übe ich auch im Alltag. Weil ich nicht weiß, was andere wirklich denken, fühlen, erleben, erlebt haben, brauchen, nicht mehr brauchen, vermeide ich es, mit meiner Erfahrung und Meinung, will heißen mit meinen Werten, zu hausieren. Zum Beispiel.
Zurück in der Wohnung packe ich die Probenummer der Zeitschrift Connection zum Thema Vision aus und lese schon mal das Editorial. Muss grinsen. Ach, lest selbst:

Visionieren und bewerten
Wenn Visionäre als Spinner abgekanzelt werden geht es mir oft so, wie wenn ich von Spiris höre, dass sie „nicht mehr bewerten“ wollen: Da kann ich kaum glauben, wie eine so grundwichtige menschliche Eigenschaft, die wir alle haben und brauchen, dermaßen abgewertet wird. Sogar die intelligenten unter den Tieren können das und brauchen es: Sie haben Vorstellungen davon, wie etwas sein soll und vergleichen die wahrgenommene Welt mit dieser inneren Vorstellung – und natürlich bewerten sie auch, gutes Essen gegenüber schlechtem Essen, den richtigen Sexualpartner gegenüber dem Falschen, und so weiter. Der Vergleich der vorgefundenen Welt mit der inneren Vision des Erwünschten impliziert immer eine Bewertung.
Wolf Schneider

Quelle: Connection Spirit 09/11 im Editorial von Wolf Schneider

schlaflos

Perversfrüh, um einen von Irgendlinks Zeitbegriffen zu verwenden. Erst nach sieben. Dazu Feiertag. Was allerdings für mich als Stellenlose egal ist. Hellwach bin ich. Gedanken stehen Schlange, wollen geschrieben werden. Wörter. Sätze.
Fürs Schreiben aufstehen? Tun wir nicht, nein, leider. So ähnlich bloggte Obengenannter gestern.
Tun wir nicht? Nein, Bloggen geht ja auch vom Bett aus. Wenn und falls ich ein mobiles Bloggophon zur Hand habe. Hab ich zum Glück.
In mir ist noch immer ein Feuer, das mich glauben lässt, dass ich nie mehr frieren kann. Und dies trotz des dicken Nebels, der vor den Fenstern wabert. Das Feuer gestern Abend war so heiß, dass ich die Wärme geradezu auf meinem Körperakku speichern konnte. Unser Feuer für AlleSeelen, unser Ritualfeuer. Was für ein kraftvolles Erlebnis, das wir Frauen da im nächtlichen Wald geteilt haben!
Bei Kürbissuppe am Ofen ging der Austausch in meiner Wohnung weiter. Einblicke in andere Lebensgeschichten zu erhalten, erfüllt mich immer mit Dank. Immer bin ich zuerst ein klein wenig Voyeurin, neugierig wie andere dies und jenes sehen und erleben, doch der Voyeurismus verdampft schneller als ich das Wort sagen kann. Und dann ist da einfach nur Mitempfinden in allen Varianten.
Es ist schon spät, als die Frauen gehen. Freundin U., zu Gast hier, und ich sitzen am noch immer warmen Ofen und tauschen weiter aus, bis die Sätze wirr werden und das Bier, das letzte, alle ist.
Da liege ich also im Bett, wieder zu wach um zu schlafen. Krimi lesen geht. Ein paar Seiten nur, bis Sandmännchen kommt. Geiziger Kerl! Immer nur für ein-zwei Stunden reicht das Zöix. Und um sieben ist der Stoff offenbar aufgebraucht.
Zu viel geht zurzeit ab, das mich wachhält. Der Film in meinem Kopfkinosaal setzt jetzt bei gestern Vormittag an.
Das für mich relevante Arbeitsamt, das allerdings einen viel eleganteren Namen als ebendiesen hat, befindet sich in einer Stadt in relativer Nähe. J. lädt mich aussteigen, um seinen Onkel B. im Krankenhaus zu besuchen.
Sehen und gesehen werden kennen wir alle. Das hier ist das Gegenteil. Hoffentlich kennt mich hier niemand. Hoffentlich sieht mich hier niemand!, steht in den Gesichtern der Menschen geschrieben, die hier ein und aus gehen. Die einen in Trainingsanzügen und mit großer Selbstverständlichkeit, da und dort sogar nach rechts oder links leise grüßend. Andere gehen scheu mit Blick auf den Boden durch die modernen Hallen. Die meisten sehen ganz durchschnittlich aus, unauffällig. Stellenlosigkeit ist kein Stigma, ich bin weder aussätzig noch böser als der Rest der Welt. Eine Schmarotzerin bin ich auch nicht, doch jetzt auf finanzielle Hilfe angewiesen. So what?
Ich stelle mich in die kurze Schlange am Infoschalter und will mich arbeitslos melden. Personalausweis, den schweizerischen, und Aufenthaltsbewilligung sind griffbereit.
Die Meldebescheinigung? Öhm, nein, hab ich nicht dabei. Hat der Mann am Telefon, ihr Kollege, nix von gesagt, sage ich zu den zwei netten jungen Damen, Azubi die eine. Sie sind wirklich nett, die zwei, melden mich trotzdem schon mal an und drücken mir einen Packen Papier (brennt sicher gut) in die Hand. Innerhalb einer Woche muss ich wieder kommen. Mit besagtem Papier. Okay, muss ich wohl.
Und schon steh ich wieder draußen. Hat doch gar nicht so weh getan. Obwohl. Wie es weitergeht, weiß ich ja noch immer nicht.
Die Türen sind offen.

Nussbaumsetzling, Eichensprössling …

Über die Bäume will ich schreiben – über das Leben der Wurzeln und Äste. Die Erde, die alles hervorbringt, erwähnen. Von Baumstammkraft erzählen, die wachsen lässt – in die Breite ebenso wie in die Höhe. Wie dankbar ich jedem einzelnen Baum dafür bin, dass er da ist! Bäume, ohne euch könnte ich nicht leben.
Und eines Tages werden sie gefällt. Nicht alle. Viele aber. Von Menschen, für Menschen. Für uns sterben sie, ohne sie wären wir längst erstickt. Doch auch nach dem Fallen leben sie weiter. Als Zeitungspapier ein paar Tage. Als Buchseite ein paar Jährchen oder mehr. Als Möbel gar länger als ein Menschenleben. Und als Feuerholz hoffentlich solange bis sie trocken sind.
Wärme und Holz. Holz und Wärme.
Grob gesägt liegt ihr da, ihr Holzstücke, an die Wand gestapelt. Menschen- und Baumkraft vereint. Mit der Säge werdet ihr nun ein weiteres Mal halbiert, damit ihr in den Ofen passt. Alsdann werdet ihr mit der Axt gespaltet. Zerteilt. In den Schubkarren gelegt. In die Kiste umgeschichtet. In die Wohnung getragen. Dankbar in die Glut gelegt.
Und jetzt? Letztes Aufbäumen. Finale. Asche.
Ich trage sie in den Garten zurück, wo alles wieder von vorne anfängt.
Dort ein Nussbaumsetzling, hier eine junge Eiche …

Geschiebe #1

Meine Nerven! Siebzehn nach Mitternacht hab ich endlich das Postfach ausgefegt und alle überflüssigen Altlasten entfernt. Alle Mails sind feinsäuberlich in Ordner abgelegt. Ich habe Übersicht geschaffen. Puh. Das Kissen ruft. Doch noch lauter schreit mein Blog: Schreibe! Natürlich gehorche ich ihm. Mein Blog weiß schließlich, was sich gehört.
Gestern hat mein drei Jahre alter Laptop, der mich bis jetzt noch nie im Stich gelassen hat, genau dies getan: mich im Stich gelassen nämlich. Auf einmal, es war kurz vor Mittag, fraß das Teil keinen Strom mehr übers Kabel. Es ignorierte, dass es mit dem Stromnetz verbunden ist. Warum mir das irgendwie bekannt vorkommt, kann ich mir nicht wirklich erklären. Was ich auch versuchte – Aus- und Einstöpseln aller Kabel sowie Neustart –, nix half: Mein Laptop verweigerte die Nahrung. Zum Glück war sein Akku randvoll. Vollgefressen streckte mir also mein Zweitliebster die Zunge raus und auch mein Allerliebster wusste sich keinen Rat. Er meinte, dass es wohl eher nicht am Ladedingsbums liege, sondern im Teil drin etwas nicht mehr richtig ticke.
Okay, doch was tun? Logisch: Daten sichern, solange es noch vollgefressen ist, das Tierchen, und sich Infos rauskitzeln lässt. Backups wollte und sollte ich eh längst machen. All die Texte, Artikel, Bilder und Tagebucheinträge! Gerade als ich die letzten Bilder auf die extraterrestrische Platte geschoben, geschubst und gezerrt hatte, stirbt das Teil. Auf dass es bald wieder belebt werde …Ein Winterschlaf, wer weiß das schon?
Nun mühe ich mich auf meinem alten Teil ab, das diesen Frühling – dank D. – seine Wiedergeburt feiern durfte. Abmühen tu ich mich primär mit Aktualisierungen aller Art, allen voran mit meinen beiden Mailprogrammen, die meine drei Mailkonten verwalten und die in der Zwischenzeit neue Zugangswege bekommen haben. Siehe da: Viertel nach Mitternacht kommt die letzte Testmail rein. Sie sagt: Alles geht, alles fließt.
Sage nun bloß keiner und keine, dass die virtuelle Welt nicht ihrer ganz eigenen Magie gehorcht!

jetzt und immer

Wenn ich wie jetzt so dasitze – am Wohnzimmertisch in der warmen Stube –, denke ich: So könnte es eigentlich immer sein.
Wenn ich wie gestern Abend mit sympathischen, inspirierenden Menschen zusammen bin – mit den Frauen der neu ins Leben gerufenen Frauen-treffen-Frauen-Runde in meinem Wohnzimmer –, denke ich: So könnte es eigentlich immer sein.
Wenn ich alleine bin, alleine Auto fahre, alleine spazieren gehe, alleine in meinen Gedankenräumen herumtanze, denke ich: So könnte es eigentlich immer sein.
Heute beim Spätstück mit meinem Liebsten, wie wir so vor uns hin murmeln und über dies und das philosophieren, denke ich: Eigentlich ist mein persönliches Lebensziel ganz einfach: Glücklich zu sein.
Einfach? Sobald es mir gelingt, mir selbst bedingungslos das Beste zu gönnen. Ohne jegliche Selbsteinschränkungen wie „ich darf doch nicht glücklich sein, solange andere leiden!“ Niemand hat etwas gewonnen, wenn ich nicht gut zu mir selbst schaue!
Laut gedachtes, das hier, Gedanken in Worte gepacktes Gespinst. Ich erhebe keine literarischen Ansprüche. Heute nicht. Zu viel ist in mir drin in Bewegung, zu viel beschäftigt mich. Meine berufliche Zukunft ebenso wie was ich heute noch alles tun werde. Tun? Lassen! Sein!
Einmal nichts zu tun ist gar nicht so einfach. Vielleicht sogar ähnlich herausfordernd wie glücklich zu sein. Beide übrigens irgendwie anarchistische Ansinnen. Ganz und gar unökonomische Ansätze. Wer glücklich ist, muss nämlich keine Lecks füllen, muss nicht konsumieren, ist immun gegen Werbeversprechen. Wer nichts tut ebenfalls, da er ja nichts tut, eben auch nichts konsumiert.
Nichts tun konkret: Putzen? Nö, heute nicht, heute nur tun, was das Überleben sichert. Kochen und Holz holen, damit wir nicht verhungern und erfrieren, ist erlaubt. Und Buch lesen auch, die Seele füttern. Bloggen. Und glücklich sein. Jetzt.

Der Anfang vom Ende – Akt 1

Neeeeinnnnn … , ertönt es vielstimmig. Mehr als dreißig Kinderaugen starren mich an. Eine Mischung aus Enttäuschung und Unglauben.
Dann komm ich auch nicht mehr hierher!,
sagt der elfjährige M., nachdem sich das kollektive Nein wieder gelegt hat. Das können Sie mir doch nicht antun!
Und wenn ich mich nun umbringe?,
sagt der zwölfjährige F.. Und später: Das war doch eben nur ein schlechter Witz, Frau M., nicht wahr. Ich meine, dass Sie gehen?
Wenn Ihnen Ihre neue Stelle nicht gefällt, kommen Sie dann wieder zu uns zurück?, fragt H., eine vorwitzige Elfjährige, die mich schon beinahe an den Rand des Wahnsinns getrieben hat.
Wieso gehen Sie denn überhaupt?, fragt der neunmalkluge, zehnjährige L. Ich druckse herum. Dass sich das schwer erklären lässt. Will nicht, dass die Kinder meinen, dass ich wegen ihnen gehe. Denn das ist es nicht. Ich gehe mir zuliebe. Weil ich etwas anderes brauche.
P., die Gruppenleiterin, die ich bereits heute Morgen per Telefon mit meinem bevorstehenden Rücktritt schockiert habe, drückt mich fest an ihr Herz. So, das musste jetzt einfach sein, sagt sie, nachdem wir uns kurz im Team – bevor die Kinder kamen – ausgesprochen haben. War hart, mein Rücktrittsgeständnis, härter als gedacht. Wie traurig meine Kolleginnen reagiert haben, ging mir echt unter die Haut. Umso schöner, von ihnen allen auch viel Verständnis zu spüren.
Noch zwei Wochen. Ich werde es schon schaffen und ich erlaube mir, die Rosinen meiner Arbeit zu genießen. Heute hat die Arbeit mit den Kindern nämlich richtig Spaß gemacht. Ich habe nichts mehr zu verlieren. Ich kann ganz offen sein. Muss niemandem mehr etwas beweisen, am wenigsten mir selbst. Muss nicht mehr müssen. Darf dürfen.
So müsste es sein. So dürfte es sein, meine ich natürlich 🙂

Sandsteinweisheiten

Irgendwo in einem kleinen Dorf lebte eine Frau, die in ihrem Leben schon ganz viele Steine gesammelt hatte. Jeder einzelne Stein hatte eine eigene Geschichte, wie er irgendwann in ihr Leben gekommen war. Einige Steine hatte sie selbst gefunden und nach Hause getragen, andere waren ihr von Freunden als Geschenk überreicht worden. Wieder andere waren schon lange vor ihr da gewesen. Genau da, wo später ihr Haus gebaut worden war. Doch wenn wir genau sein wollen, waren eigentlich alle Steine schon vor ihr da gewesen. Viel länger waren sie alle schon da, sehr viel länger. Vielleicht deshalb mochte die Frau ihre Steine so sehr. Zugegeben, es ist anmaßend, Steine als Besitz zu sehen. Das wusste die Frau und deshalb behandelte sie die Steine auch mit sehr großem Respekt.
Da lagen also überall in ihrer Wohnung Steine herum, Sandsteine einträchtig neben schlichten Kieselsteinen, Granitbrocken neben Edelsteinen und Versteinerungen neben erstarrten Lavaklumpen. Steine seien irgendwie weise, sagte die Frau eben zu ihrer Freundin, mit der sie Tee trank. Steine hätten schon alles gesehen. Den Anfang der Welt hätten sie miterlebt und sie würden auch noch da sein, wenn wir Menschen längst wieder vergangen seien.
Weise?, fragte sich ein kleiner Sandstein, den die Frau letzte Woche auf einem Spaziergang aufgehoben hatt. Er lag direkt an der Sonne, auf dem Fensterbrett. Von seinem Platz aus konnte er alles sehen. Und alle. Wie schön es hier war! Dass es so viele andere Steinarten gab, hatte er nicht einmal geahnt. Steine mit allen möglichen Mustern, in allen Schattierungen, Farben und Texturen. Wie schön sie alle waren! Zum Glück sah niemand zu ihm hin. Der kleine Sandstein konnte sich keinen Reim darauf machen, warum er hier war. Warum er mitten unter diesen wunderschönen Steinen sitzen durfte. Schließlich war er ja nur ein kleiner Sandstein. Ein paar Sandkörner, die vor unzähligen Jahren zufällig auf Quarz getroffen und sich durch ein paar weitere ebenso zufällige Begebenheiten mit diesem verkittet hatten.
Im Berg, wo er sein ganzes bisheriges Leben verbracht hatte, waren übrigens noch ganz viele von seiner Sorte. Eines Tages als Menschenkinder in seiner Nähe herumgetollt hatten, waren einige von ihnen heraus gepurzelt. Lustig war das gewesen. Zuerst. Doch schon bald war es langweilig geworden. Am Boden liegend hatte er keine so gute Aussicht mehr gehabt wie zuvor in der Felswand. Sein Leben war irgendwie sinnlos geworden. Bis sie gekommen war, die Menschenfrau. Sie hatte ihn gefragt, ob er mit zu ihr kommen wolle. Zugegeben, das hatte ihm gefallen, und natürlich hatte er eingewilligt. Nun war er da. Inmitten all der Schönheiten. Am besten gefiel ihm der Stein dort drüben. Er glänzte, seine Oberfläche war anthrazitfarbig und er hatte viele verschiedene Einsprengsel, die je nach Tageszeit hell oder dunkel funkelten.
Hart wie Granit sollte man sein, hatte jemand von den anderen Steinen geflüstert. Vielleicht war es sogar der kleine, grüne Edelstein gewesen, der sich manchmal ein wenig aufspielte. Er könne heilen, hatte er vorgestern behauptet. Und wenn!, dachte der kleine Sandstein. Aber du bist dennoch nicht so schön. Und schon gar nicht so schön hart wie der Granit da drüben.
Hart, ja, hart wäre er gerne, unser kleiner Sandstein. Nicht so weich, dass er immer darauf aufpassen musste, nicht kaputt zu gehen. Eingebettet in der Felswand war das kein Problem gewesen. Erst nachdem er herausgefallen war, fingen die Probleme an. Wenn die Frau das Fensterbrett abstaubte, nahm sie ihn ganz vorsichtig hoch und wischte die Sandbrösel unter ihm weg. Ich vergehe, dachte er jedes Mal. Ich werde immer weniger. Bald bin ich ganz weg. Und meine Teile werden überall verstreut sein. Ich bin viele, bestehe aus unzähligen Körnern und nur dem Quarzzement verdanke ich, dass ich überhaupt da bin. Noch da bin. Glücklicherweise gefällt mir wenigstens meine Hautfarbe. Immerhin etwas. Rötlich und hellbraun ist wirklich ganz in Ordnung. Doch ich wäre einfach zu gerne hart. Ganz hart. Wie Granit. Niemand könnte mir etwas anhaben. Niemand könnte mich einfach zerbröseln. Niemand würde über mich spotten. Hart sein ist alles! Für uns Steine ist das das Wichtigste überhaupt!
Während sich der kleine Sandstein mehr und mehr in etwas hinein steigerte, das sich schon bald nicht mehr bremsen lassen würde, fühlte er auf einmal, wie er aufgehoben wurde. Schon wieder abstauben?, fragte er sich. Das hat sie doch heute Morgen erst gemacht.
Schau!, hörte er die Stimme der Frau, dieses Kerlchen hier habe ich neulich im Steinbruch drüben gefunden. Er lag auf einmal vor meinen Füßen. Fast wäre ich weitergegangen, doch ich konnte nicht anders. Ist er nicht wunderschön? Mir gefällt, dass er so fein, weich und zerbrechlich ist. Er fällt beinahe auseinander. Eigentlich ist er wie ich. Wie gerne wäre ich manchmal so hart wie der Granit dort drüben. Dann schaue ich mir diesen Stein hier an und denke: Es ist gut, so zu sein wie ich bin. Weich. Porös. Durchlässig. Zerbrechlich. Ich bin so. Sinnlos Granit sein zu wollen. Granit hat es genug auf der Welt. Aber wir Sandsteine sollten uns nicht mehr länger dafür schämen, dass wir Sandsteine sind. Diese Welt braucht uns …
Behutsam hatte sie den rotbraunen Stein wieder aufs Fensterbrett gelegt. Sie spazierte mit ihrer Freundin durch die Wohnung und ihre Stimmen wurden leiser. Auch unser kleiner Stein war ganz still geworden. Und ein klein bisschen größer geworden war er auch, innen drin auf jeden Fall.

was mich nährt

Letzten Donnerstag, genau also vor einer Woche, habe ich eine wirklich wunderbare Erfahrung machen dürfen.
Männer, jetzt bitte kurz weghören, ähm weglesen. Das hier versteht ihr nämlich nicht, nicht wirklich.
Mit Freundin M. war ich bei Franziska Schi. im St. Galler Frauentempel. Ich darf darüber einen Artikel, einen Erfahrungsbericht für „meine“ Zeitschrift schreiben. Nichts lieber als das! Beschreiben lässt sich zwar schwer, was wir zwölf Frauen da gemeinsam erlebt haben. Diese Atmosphäre! Ein Bad in Rosenduft und Kerzenlicht. Singen zur Shrutibox. Wie gut das getan hat, der Stimme auf diese Art Raum zu geben!

Der ganze Abend war so farbig, unglaublich nährend, berührend und ist von Herzen jeder Frau zu gönnen. Natürlich und eigentlich auch jedem Mann.
Doch die haben ja meist etwas andere Vorlieben. Ihr wisst schon: auf Löcher, Tore und Mücken zielen und so. Zugegeben, das verstehen dafür wir Frauen nicht. Jedem Tierchen eben sein Pläsierchen.
Letzte Woche, in Winterthur, kamen Irgendlink und ich im gastlichen Winterthurer Garten in den Genuss eines spontanen kleinen Openair-Konzerts. N. spielte Gitarre, R. seine Hang. Dieses Instrument wird in der Schweiz hergestellt, leitet seinen Namen vom berndeutschen Wort Hang für Hand ab und wird mit ebendieser – allerdings mit zweien – gespielt. Klingen tut das so:
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=mS8eipuXYWg]
Zum Thema habe ich hier eine wunderbare Website gefunden. Davide Swarup ist wahrlich ein begnadeter Hang-Spieler. Seine Musik ist äußerst inspirierend für mich. Besonders beim Schreiben des neuen Artikels über den Frauentempel bei Franziska.

Urinstinkte

Als ich diesem Wort, ich war vielleicht neun oder zehn Jahre alt, das erste Mal begegnet war – vermutlich in einem der Erwachsenenbücher, die unser Büchergestell dank eines Buchclubabonnements dekorierten, zu dem sich meine Eltern, die beide kaum Bücher lasen, von einem Vertreter hatten überreden lassen –, hatte ich Urin stinkte gelesen.
Das ist ja falsch!, dachte ich damals, richtig muss da stehen: Urin stank. Die eigentliche Bedeutung erschloss sich mir erst beim nochmaligen Lesen der Passage. Zumindest theoretisch.
Instinkte – jede hat sie, kaum eine denkt mit zehn darüber nach. Instinkten verdanken wir, die wir leben, dass wir noch leben. Der erste Schrei nach Milch – nichts anderes als Instinkt, ein Urinstinkt. Natürlicher Trieb. Eine Verhaltensweise, die ohne reflektierte Kontrolle abläuft, steht bei Wiki. Zum einen sind dies Verhaltensweisen, die vollkommen ohne Erfahrung schon beim erstmaligen Ausführen beherrscht werden, zum anderen aber auch solche, die durch Erfahrung erworben wurden, sagte Darwin. Doch als zehnjährige hatte ich einfach ein neues Wort gelernt und meiner noch fast leeren Biofestplatte hinzugefügt.
Was ich mit zehn noch nicht wusste, ist, dass sich Instinkte auch ignorieren lassen. Jenen Instinkt, so gut wie möglich für sich selbst zu sorgen und sich das Bestmögliche zu gönnen, zum Beispiel. Kann so rum auch Selbstsabotage genannt werden. Opferhaltung ist ihre Schwester. Na ja, darüber habe ich damals nicht nachgedacht. Ganz viel wusste ich damals nicht. Und ganz viel weiß ich auch jetzt noch nicht. Doch immerhin erkenne ich heute Zusammenhänge. Und ich stelle fest, dass ich meinen Instinkten wieder mehr traue, selbst wenn sie meinem Kopf zuweilen widersprechen.
Konkret: Meine neue Arbeitsstelle, bei der ich mich die letzten zwei Monate täglich gefragt habe, wie ich da am besten wieder raus komme. Fluchtinstinkt. Bisher habe ich ihn ignoriert, habe ihn schweigen geheißen, habe weggeschaut. Keine Zeit zum nachdenken. Muss ja arbeiten. Und schlafen (was kaum ging). Um wieder arbeiten zu können.
Bis vor zehn Tagen. Ferien sind wirklich eine gute Sache! Endlich habe ich wieder Zeit und Raum für mich. Und ich kann wieder gut schlafen. Keine Alpträume mehr.
Instinkt trifft auf Vernunft. Bauch trifft auf Kopf.
Instinkt sagt: Schau, jetzt geht es dir wieder gut. Diese Arbeit ist Gift für dich!
Kopf sagt: Kannst da nicht weg, brauchst doch das Geld.
Stimmt!, sage ich. Beide habt ihr Recht!
Mein Überlebensinstinkt siegt. Ich werde mir kündigen lassen, habe ich gestern entschieden. Der Felsbrocken, der mir in diesem Moment von Schultern und Herz gepoltert ist, ließe sich in Deutschland glatt als Berg verkaufen.
Und jetzt? Ich war draußen und habe Holz geholt. Mein Ofen singt, das Holz knackt. Ich hacke Kleinholz zu Spänen. Trage Kürbisse in den Keller. Koche Suppe, später. Schreibe an meinem Manuskript weiter. Trinke Tee. Fülle die Anmeldung für eine Gruppenausstellung in Mainz aus. Schreibe Bewerbungen für eine neue Arbeitsstelle, die besser zu mir passt. Ich sorge gut für mich. Und ich vertraue auf meine Instinkte.
Es ist warm und behaglich in meiner Künstlerinnenbude. Für Wärme zu sorgen ist bestimmt auch irgend so ein Urinstinkt, da bin ich fast sicher.

Nadelöhr

Ich halte diese Enge, die immer entsteht, bevor etwas voran geht – aktuell bevor wir morgen losfahren – grad nur schwer aus. Listen liegen herum, für C. dies und für M. jenes einpacken. Klar freue ich mich riesig auf unserer Reise in die Schweiz. Wir werden schließlich ein paar meiner Lieblingsmenschen treffen. Die meisten habe ich seit dem Frühling nicht mehr gesehen. Und am Donnerstagabend werde ich an einer Veranstaltung teilnehmen, über die ich schreiben werde. Für meine Zeitschrift. Ein Auftrag. Futur I.
So weit so gut, Grund zur Freude. Futur I? Präsens?
Fakt ist, dass meine Erschöpfung heute die Talsohle erreicht hat. Präsens. Will heißen, ich hoffe, dass es nicht mehr tiefer geht. Ich fühle mich einfach nur erschöpft und müde. Menschenmüde vor allem, diedeckeüberdenkopfziehenwollend sozusagen. Darum schwingt neben der großen Vorfreude auf meine Freundinnen und Freunde in der alten Heimat auch ein wenig Angst mit. Präsens. Dass es zu viel sein wird. Dass wir zu viele Termine abgemacht haben. Dass es stressig wird. Dass … Futur I.
Nein, Sorge auf Vorrat bringt nichts. Die Abwechslung wird gut tun. Wenn wir endlich losfahren, wird die Schwere von mir abfallen. Futur I.
Der Augenblick allein zählt – oder wie war das gestern gleich noch? Geht es vielleicht schlicht darum, nichts mehr zu hoffen und zu erwarten und deshalb, und genau jetzt, glücklich zu sein? (Zitat J.) Präsens.
Ob ich die nächsten sechs Tage von unterwegs bloggen werde? Keine Ahnung. Ich werde dem Lustprinzip frönen. Präsens und Futur I.
Winkewinke schon mal 🙂