besser

Nach einem abwechslungsreichen und arbeitsintensiven Samstag musste J. gegen Abend noch zum Baumarkt. Staubmasken für die laufenden Renovationsarbeiten da und dort standen ganz zuoberst auf der kleinen Liste, die sich – wüsste ich nicht Bescheid – ein wenig wie die Einkaufsliste eines Bankräubers anhörte. Ich hatte mich eben müde mit einem Norwegenkrimi aus der Bibliothek an die Sonne gesetzt und genoss das letzte Himmelsglühen der untergehenden Sonne. Vor mir der Garten, üppig und reich. In mir endlich mal wieder eine Ahnung von Ruhe. Dankbarkeit. Freude über den Augenblick.
Tschüss, bis gleich!
Kaum war der Liebste losgefahren, befiel mich die Lust, uns köstlich zu bekochen. Ich erntete Lauch, Fenchel, Tomaten, gelbe Kugelzuchini, Paprika und Auberginen und verwandelte das meiste davon in ein üppiges Ratatouille. Den Fenchel, zusammen mit Kartoffeln und Karotten aus dem Vorrat, verzauberte ich in ein göttliches Gratin.
Da hast du dich mal wieder selbst übertroffen!, meinte Irgendlink, als er sich zum dritten Mal nachschöpfte. Schöner Mist eigentlich, wenn ich es mir so recht überlege, denn jetzt kann eigentlich nichts besseres mehr kommen.

Warum müssen wir uns eigentlich immer selbst übertreffen?, fragte ich. Könnten wir wohl mit einem gleichbleibenden Status leben? Sogleich fiel mir der Abschiedsbrief einer Frau ein, die sich das Leben genommen hatte. Sie hatte geschrieben, dass sie die Hoffnung auf etwas Gutes, das noch kommen könnte, verloren und sich darum für diesen Weg entschieden habe.
Müssen wir, um am Morgen motiviert aufstehen zu können, ja, um überhaupt unser Leben leben zu können, etwas zukünftiges haben, auf das wir hoffen und worauf wir hinleben können: eine bessere Zukunft, eine Vision, der Wunsch, der Nachwelt etwas zu hinterlassen?
Oder geht es vielleicht schlicht darum, nichts mehr zu hoffen und zu erwarten und deshalb, und genau jetzt, glücklich zu sein?, sagte J.
Mit vollem Bauch lässt es sich wahrlich gut sofasophieren …

innen

Gestern hatte ich mir nur einen einzigen Satz ins Blog geschrieben und unter privat gepostet: Heute bin ich eine Scherbe … Gestern. Gestern ist Vergangenheit. Scherbe sein ist anstrengend. Doch Scherbe sein ist Realität. Alltägliche. Alles ist Bruchteil. Teil vom Ganzen.
Gestern diese starke Wahrnehmung meiner Dünnhäutigkeit und geringer Belastbarkeit.
Wie als Echo darauf habe ich heute im Spiegel-online über die Hochsensibilität, derer ich mir ja schon seit viereinhalb Jahren bewusst bin, diesen Artikel hier gelesen: www.spiegel.de/panorama/gesellschaft Gut so! Nun hat es also auch der Rest der Welt begriffen: Es gibt die einen und es gibt andere.
Heute? Heute bin ich … Eine Blume vielleicht? Eine Sonnenblume, die sich freut, dass sie nun vierzehn und ein paar Tage mehr Zeit hat, nur der Sonne zuzulächeln und ihren Hals nach deren Licht zu wenden. Ihr Innen nach innen und ihr Außen nach außen drehen. Zurechtrücken, zurecht schütteln. Alles so, wie sie es will, die Blume. Sie hat Ferien.
Innen-innen will ich mir begegnen, nicht mehr nur in diesen lärmigen Außen-Innenräumen hängenbleiben, die mich irgendwie ausdörren und aushöhlen zugleich.
Was ich finden werde? Keine Ahnung. Bis jetzt weiß ich nur eins: Mein Innen-innen hat ganz gewiss keine Regale.

besser leben

Ich könnte besser leben, habe ich heute beim Lesen des eben erschienenen Spuren-Heftes Nr. 101 gedacht. Besser. Gesünder. Sinnvoller.
Wozu ich überhaupt lebe, frage ich mich nicht zum ersten Mal, wie ich da so im Wartezimmer des Orthopäden B. eine Antwort auf meine ständigen Fußschmerzen erhoffe. Lebe ich womöglich, um den anderen, die neben und mit mir unterwegs sind, ein paar Tipps zu geben? Tipps zum Beispiel, wie leben nicht funktionieren kann, denn da kenne ich ziemlich viele. Oder hilfreiche Tipps, wie A. sie zuweilen aus dem Rucksack zaubert. Immerhin hat sie mir geraten hat, hierher, zu genau diesem Orthopäden hier, zu gehen. Gut geraten. Was für eine schöne Praxis! Richtig angenehm, hell, luftig.
Besser und sinnvoller leben – wie das wohl geht?, sinniere ich, mir mit Schreiben die Wartezeit verkürzend. Oder will ich lieber erfolgreich leben? Was ist Erfolg überhaupt? Noch steckt mir das mulmige Gefühl in den Knochen, das ich heute Nachmittag, beim Lesen des Spiegel-Interviews mit Frau Chua hatte, der umstrittenen US-Chinesin, die ihre zwei Töchter zum Erfolg gedrillt hat. Über ihre fragwürdigen Ansichten zu Erziehung und Weltbild wurde schon viel geschrieben und geredet. Ich fokussiere darum nur einen kleinen Bereich des ganzen Themenkreises: Macht Erfolg glücklich? Und schon taucht sie wieder auf, die große Frage: was ist Erfolg überhaupt? Kann Erfolg auch das Gelingen von Herzensdingen meinen? JA, unbedingt. Gibt es eine allgemein gültige Definition? NEIN. Ist Glück gar eines der vielen Synonyme von Erfolg? …???
Besser leben … eigentlich ist aus meiner Perspektive ein besseres Leben primär an bewusstes, klares, absichtsvolles Sein, Lassen und Tun gekoppelt. An nährende Begegnungen. An Austausch. An Kreisläufe. Geben und nehmen, lernen, lehren, beobachten, wahrnehmen, be- und verarbeiten, ausdrücken.
Der Nussbaum macht es mir vor. Der Fluss auch, der See, das Meer. Kommen und gehen. Winziger Augenblick, bevor die Welle bricht. Winzige Stagnation, bevor alles von neuem anfängt. Der Punkt sei mehrdimensional, sagte gestern St., J.s Freund und Besucher aus Paris. Neueste Erkenntnis. Und bald werden wir die bis dahin unglaubliche vierte, fünfte, zehnte Dimension entschlüsselt haben. Verstehen kommt wohl erst später. Oder nie. Intuition wird ein Name einer dieser noch ungezähmten Dimensionen sein.
Wäre es gar besser, nicht zu verstehen oder machen uns Erklärungen glücklich? Macht Wissen glücklich? Zu wissen, was meinen Füßen fehlt und dass mir Einlagen beim besseren Leben und Gehen helfen werden, ist doch schon ein erster Schritt. Der ja, so die Volksweisheit, der Anfang jeder Reise ist. Auch jener durchs Leben.

Haltebucht

Anhalten und aussteigen. Dem Weg folgen, ein wenig, ihn
verlassen. Eigene Wege gehen. Über Felder. Brach
liegen sie da. Erholen sich von der Ernte. Über
Wiesen gehe ich nun. Sonnenwarmes
Gras. Im Windschatten des
Maisfeldes lege ich mich
hin. Lasse mich fallen und meine Augen über
den Himmel spazieren. Tanke blau. Und grün. Die
Augendeckel werden schwer. Ich versinke tief in
die Arme von Mutter Erde. Geborgen. Getragen. Gestärkt
wache ich irgendwann wieder auf. Zurück aus der
Zeitlosigkeit, wo Vögel sich
austauschen, Selbstgespräche führen
vielleicht. Ganz weit weg das
Rauschen von Autos. Ich stehe auf. Füße
auf unebenem Boden
seufzen wohlig. Glück jetzt. Und jetzt. Jetzt auch.



Einsteigen. Nach Hause fahren. Zuhause ist überall
da, wo ich sein kann, die ich bin.

rückwärts schreiben

Gegen den Strom anfühlen. Über schönes schreiben – sollen-wollen jedenfalls – in dieser trüben Welt. Denn schönes ist immer irgendwo. Auch. Nicht immer nur schwarz. Die Dinge in den Dingen und dahinter von vielen Seiten betrachten. Wahrnehmen. Sinne öffnen. Neue Wörter finden für das Alltägliche. Wörter für Unbeschreibliches. Wörter für die Liebe. Und Wörter für die Schichten unter der Fassade.
Wenn ich diese Wörter hier lese, bereits jetzt, kaum geschrieben, Wörter, die sagen sollen, was ich spüre, stoße ich sogleich mit dem Kopf an. Grenzen ringsum. Fast als hätte ich ein Bild zu malen oder zu fotografieren, und stellte fest, dass mir entweder die entscheidende Farbe zu mischen nicht gelingt, oder dass mir das richtige Licht fehlt, um abzubilden, was und wie ich es mir vorstelle. Unzulänglichkeit in Bezug auf meinen Ausdruck, auf meine Ausdrucksmittel – eine Erfahrung, die mich immer wieder so hilflos macht. Tiefenschärfe – mal gelingt sie, mal nicht.
Ungeduld spüre ich, Ungeduld im Wunsch, Worte zu finden, um Erlebnisse auch für andere nachvollziehbar zu machen. Worte, die über eine einfache Beschreibung hinaus gehen. Worte, die fühlbar machen sollten, die konservieren könnten, was ich spüre, was ich wahrnehme.
Es ist dieser Wunsch, der mich das Schreiben als Ausdrucksmittel hat finden lassen. Dieser Wunsch ist es, der mich vorantreibt. Ein Wunsch, der mich so oft mit meiner Unzulänglichkeit konfrontiert.
Beobachten lernen, noch besser, noch sensibler, das ist der Weg, den ich gehen will.

zerbrochen verkaufen

Dass ich einem Glas je dankbar für seinen Zerbruch sein würde, hätte ich wohl nie für möglich gehalten. Bringen Scherben Glück? Dieses Glas – es ist mir im Frühling beim Ausmisten von J.s Außenküche aus den Händen gerutscht. Eine Weile stand es auf dem Tresen herum. Licht und Schatten küssten es Tag für Tag und ich zögerte den Wegwurf hinaus. Eines Tages, das Licht war besonders schön, fotografierte ich es von verschiedenen Seiten. Eine der Aufnahmen bearbeitete ich weiter und genau in diesen Tagen kam eine Wettbewerbsausschreibung für eine iPhone-Ausstellung. Kurzlebigkeit war das Thema und mein Bild kam großformatig mit in die Ausstellung, die der Preis für die zwanzig besten Bilder war. Broken Glass – in Venarey/Frankreich erstmals ausgestellt. Gestern habe ich es beinahe verkauft. Heute nicht nur beinahe. Ein fetter roter Punkt ziert nun die weiße Wand.

Bild 1: siehe Titel
Auch ein paar andere Bilder haben neue Besitzerinnen und Besitzer gefunden. Ich freue mich, dass ich die Erfahrung machen darf, dass unsere Bilder auch andere Menschen berühren.
Eine junge Frau, die heute unsere Ausstellung besucht hat, zeigte mir eine App, die ich noch nicht kannte. Ja, ich gestehe es, ich habe sie sofort aus aus dem weltweiten Netz gefischt und mit der neuen Software noch in der Galerie bereits erste Bilder kreiert. So ein Spaß.

Bild 2: Gast R.s Füße, mit der neuen App (iMajicam) kreiert …
In all den vielen Gesprächen des Tages wurde mir eins bewusst: Kunst zu schaffen darf Spaß machen!

Bild 3: Yes, it’s a Selfie … mit der neuen App gebaut … 🙂
alle Bilder: iDogma (außer dem Upload)

Farben und ihre Wirkung

Diese Bilder, sie sind so … sooo … so stark, so farbig …, sagte eine Besucherin heute Nachmittag, die über unsere Ausstellung in der Zeitung gelesen hat und deshalb zum einsamen Gehöft gefahren ist.
Ein anwesender Journalist stellte unzählige Fragen zur Technik. Es schien ihm kaum vorstellbar, dass ein Smartphone zu solchen Taten, sprich Bildern, fähig ist. Dass alle unsere Bilder einzig und allein auf den iPhones gestaltet worden sind.
Mir gefällt dieses Bild total gut, sagte eine Dame, es ist so leuchtend und kräftig. Kein Wunder, dass es einen Wettbewerb gewonnen hat.

Broken Glass, 40 x 30, Fotoabzug, gerahmt
————————————–
Kurz und gut … es hat Spaß gemacht, mit unseren Gästen über Kunst, iPhoneographie und das iDogma zu plaudern, zu lachen, zu diskutieren, ihnen Crashkurse in Appologie zu erteilen und sich über die Reaktionen zu freuen, die unsere Bilder auslösten. Spannende Menschen waren da. Bekannte und neue Gesichter.
Morgen geht’s weiter. Schön, aber auch anstrengend ist es, die eigenen Innenwelten sichtbar zu machen.
Und genau über Sichtbarwerdung und Erfolg sowie die Angst vor beiden haben wir geredet, mit R. und S., und über den Weg einer Künstlerin, S. herself, die über Umwege ihren eigenen Kunstweg gefunden hat. Ein sehr inspirierendes Gespräch, das weit über die offizielle Öffnungszeit hinausgegangen ist.
Offenen Türen und offene Herzen – eine gute Erfahrung!
Hier klicken zum kleinen App-Lehrgang: Von der Idee zum Kunstwerk (pdf)
Hier klicken zu einer vierseitigen Dokumentation mit Bildern von unserer Ausstellung „Offenes Atelier 2011“ (pdf)
————————————–
Infos zur Ausstellung im Rahmen der Offenen Ateliers Rheinland-Pfalz
Wir haben etwas über siebzig mit dem iPhone fotografierte und bearbeitete Werke ausgestellt.
Ein Großteil sind Fotoabzüge in Rahmen, ein weiterer Teil auf Aludibond aufgezogene Fotoabzüge.
Ein Poster „Urban Artwalk Winterthur 2011“ mit Bilder von uns beiden.
Einige Direktdrucke auf Aludibond.
Mitausgestellt ist die Edition „Labyrinth“ von Jürgen Rinck (4 Kunstdrucke) und Stefan Folz (Text), geplant 2007, erschienen im September 2011 in der edition s beck, Homburg.

Herzklopfen

Ein bisschen ist mir zumute wie vor meiner ersten Lesung. Die erste Ausstellung! Okay, ich stelle nicht allein aus, dazu fehlt mir der Mut. Ich stehe in Irgendlinks Windschatten. Er hat zwei Drittel der Bilder kreiert. Ich bin Trittbrettfahrerin, sozusagen. Gast-Mitausstellerin. Dennoch. In dieser Ausstellung steckt so viel Herzblut. In all den kleinen Details. In der Werkliste. In den Bildbeschriftungen. Und natürlich ganz besonders in all meinen Bildern: Wie werden sie ankommen? Werden sie berühren? Werden sie verstanden?
Wie damals, als ich meine ersten Texte publiziert hatte, schlägt mein Herz laut.
Natürlich kreiere ich primär um des Prozesses willen, ich kann nicht anders. Doch ebenso natürlich ist die Hoffnung auf Resonanz. Selig die Künstlerin, die gänzlich frei von solchen Hoffnungen ist. Ich beneide sie unendlich.
Der neue Tag ist schon eine Stunde alt. Wir haben viel gearbeitet. Ein weiterer Abend im Atelier. Fast alles ist nun an seinem Ort. Kommt und seht! 🙂

Anfang, Ende und der Dazwischenraum

Überall wird gestorben. Ein junger Mensch ist tot, lese ich bei Wildgans. Und hier stirbt der Vater eines meiner Kinder aus der Schule. Ein Jahr älter als ich war er nur. Schon lange krank, jetzt tot. Punkt. Einfach so.
Das Kind verhielt sich gestern beinahe normal, was ich ihm nicht verdenken kann. Mitten in allem Trauern und Weinen brauchen wir Nischen, wo alles wie immer, wie gewohnt sein soll.  Haushalt besorgen. Einkaufen gehen. Verrückt ist es dennoch immer wieder, wenn Menschen vor der Zeit sterben, wie es so bös im Volksmund heißt. Wobei ich daran nicht glauben mag. Kurze Dochte brennen schneller herunter, so meine Theorie. Ich gehe davon aus, dass einfach nicht alle gleich viel Docht im Gepäck haben, wenn sie geboren werden. Ich glaube daran, dass wir leben um etwas zu verstehen. Vielleicht sind die einen damit schneller fertig. Wer weiß das schon?
Dennoch, zurückbleiben, wenn jemand Liebgehabter stirbt, ist einfach nur schrecklich. Schrecklich und unbegreiflich.
Gestern habe ich am zweiten meiner wachgeküssten Manuskripte gearbeitet. Der Suizid von Elena, den ich darin aufrolle, löst bei Pascale, einer ihrer Fallschirmspringkolleginnen, einiges aus. Ich zitiere hier aus „Freier Fall“, das ich auch bald verlagsbereit haben will. Ein Jahr gebe ich mir noch für die Vollendung.

So also sieht Leere aus. Die Kirche war voll davon. Abgesehen von der Handvoll Menschen in ihr. Links saßen Ivan, seine Eltern, wie ich annehme, ein Paar in Ivans Alter und zwei ältere Frauen. Wir saßen rechts. Pierre war da, ebenso Sandro, Damian und Steve von den SkyJumpers. Vom Kurs waren Daniela, Sabrina, Samuel, Andrej, Dominik, Bert, Petra und ich gekommen. In die Reihe hinter uns hatten sich die beiden Polizisten, die mich vor ein paar Tagen vernommen hatten, gesetzt.
Ich hasse Beerdigungen. Ich hasse Kirchen und Orgelmusik. Und ich hasse dieses ganze Brimborium, das um den Tod herum gemacht wird. Nein, den Tod hasse ich nicht. Ich respektiere ihn. Bloß … Wie lässt sich das Wissen um die Vergänglichkeit mit unserm Wunsch nach Sicherheit verbinden?
Die Orgel bemühte sich zu dröhnen und katapultiert mich in die Luft.
Ich fliege. Mein erster Flug, der Tandemflug mit Damian. Kaum in der Luft begreife ich, dass Widerstand zwecklos ist. Ich ahne, während mir der Wind um die Ohren pfeift, dass sich den Stürmen des Lebens einzig mit Mut und Leichtigkeit begegnen lässt.
Der Pfarrer begann zu sprechen. Taschentücher wurden gezückt. Nasen geschnäuzt. Das volle Programm.
Freiheit. Leichtigkeit. Ich sehe Elena vor mir. Bei ihrem ersten Alleinflug. Ihr Gesicht leuchtet. Sie springt kurz nach mir. Wir winken uns zu. Nach der Landung fallen wir uns um den Hals. Lachende Weiber. Im Gras. Die andern setzen sich zu uns, angesteckt von diesem Lachen, das uns die ganzen Kurs-Tage begleitet hat.
Damian stupste mich in die Rippen, als Pierre zur Kanzel schlurfte und uns mit einer Stimme, die so gar nicht zu ihm passte und kaum trug, von Elenas Begeisterung für das Fallschirmspringen erzählte. Seine Hände hingen schlaff an ihm herunter. Im Namen von SkyJumpers sprach er den Eltern und Ivan, den ich vom Tandemflug her kannte, sein Beileid aus. Floskeln. Vielleicht auch nicht.
Kalte Grauheit. Ich rieb mir die klammen Hände, froh, dass die Feier zu Ende war. Orgelmusik.
Später, im Restaurant, setzte ich mich zu Ivan. Er schien mich nicht wiederzuerkennen. Sein Gesicht war eingefallen, blass. Wie Wachs. Eine Marionette, die noch immer funktionierte, obwohl die Fäden von nichts als Leere gehalten wurden. Als ich ihn an unseren gemeinsamen Tandemflug vor zwei Jahren erinnerte, schüttelte er fast unmerklich den Kopf, als ob dieser leer sei. Keine Bilder mehr.
Trauern wir nicht weniger um die Verstorbenen als um uns? Das Loch tut weh. Amputierte sind wir.
Ich vermisse Elena. Zu wissen, dass ich sie nie mehr wiedersehen und nie mehr mit ihr zusammen springen werde, schmerzt. Dass wir nicht mehr zusammen lachen werden.
Ahnte ich, was sie beschäftigt hat?
Ich saß neben ihr, als die beiden Jungs über Base Jumping gesprochen haben. Hätte ich es gefährlich finden sollen, dass Elena ihrem Gespräch folgte? Nein. Elenas Todessprung ist ihre Geschichte. Punkt.

(copyright by Sofasophia)

heimgehen

Verdichtung. Zufriedenheit. Über-
holspur. Wiederholung. Müdigkeit. Lebens-
lust. Anderes. Jetzt. Neu. Bereit.
******
Da war die Idee, neulich, alle meine Notizzettel, die sich links neben meinem Laptop angesammelt haben – Traumfetzen, To Do-Listen, Geschichtenanfänge, Blogideen – allesamt aneinander gereiht ab- und aufzuschreiben. Sie zu verdichten. Einzukochen. Wörterkompott. Da muss doch ein roter Faden drin sein. Gemeinsamer Nenner. Essenz. Endlich weg mit den alten Zetteln. Platz schaffen. Platz für neue Zettel.
******
Ebenfalls neulich gedacht, dass ich – theoretisch zumindest – noch gut und gerne vierzig Jahre täglich kochen werde, Zwiebeln schneiden. Und jede Woche putzen. Jeden Monat das Bett frisch beziehen. Jedes Jahr dem Sommer nachtrauern. Jedes vierte Jahr den neunundzwanzigsten Februar als Bonustrack genießen. Stetige Wiederholung – sie kneift und sie erleichtert. Ich muss nicht denken, einfach nur leben, muss einzig der Spur folgen, die ich einst gelegt habe. Irgendwann. Aus irgendeinem Grund. Grundlos vielleicht. Nur gehen muss ich. In ständig enger werdenden Kreisen. Der Mitte entgegen. Und dabei immer wieder Neues entdecken.
******
Gestern auf dem Heimweg – nachmittags von der Arbeit und abends kurz vor zehn nach dem Yoga – auf einmal die Erkenntnis, dass ich dabei bin, heimzufahren. Nach Hause. Dass ich hier, in der Fremde, zuhause bin. Endlich wieder zu Hause. Nicht mehr in Bern, nein, jetzt hier zuhause. Auf dem einsamen Gehöft. Verinnerlichte Erkenntnis – auf einmal war sie da. Zufriedenheit im Bauch. Glück unter der Haut, genau da, wo dick und warm mein Blut durch die Adern fließt. Vielleicht weil ich lebe. Oder ganz und gar ohne Grund.