Diese Pflanze im Bad, keine Ahnung wie sie heißt. Ich mag sie, ich mag ihre vielen grünen Streifen, die aus der Mitte nach außen wachsen. Seit sie und ich hier in der Pfalz leben, wächst sie wie verrückt. Sie blüht und produziert neue Ableger. Zwanzig Jahre alt ist sie mindestens, doch geblüht wie jetzt hat sie noch nie. Und der Papyrus im Wohnzimmer – ich kann ihm beinahe beim Wachsen und bei der Vermehrung zuschauen. Der Drachenbaum? Ebenfalls prächtig, noch prächtiger als in Bern. Und die Orchidee, das aus Kernen selbstgezogene Cherimoya-Bäumchen, die Linde im Garten draußen?

Ach, ich könnte alle aufzählen! Allen meinen Pflanzen gefällt es super auf dem einsamen Gehöft. Mir auch.
Nein, das Leben ist nicht ideal, doch gibt es idealere Standorte und weniger ideale. Plätze, die uns gut tun. Plätze, an denen wir uns entwickeln und entfalten können. Orte und Menschen, die uns gut tun.
Ein Geschenk.
Kategorie: Herzgespinst
The (Mon)Day After
Mit Frühstücken, Aufräumen und Abschiednehmen ist der Montagmorgen viel zu schnell vergangen. Das achte Mainzer Kunstzwerg-Festival ist Vergangenheit. Die letzten Gäste sind abgereist, Brandstifter, T., seine Liebste sowie die beiden Künstler Mike und Robert aus New York und New Jersey. Sie alle waren seit Donnerstag mit uns hier zuhause.
Nur P., auch bekannt als Qqlka, ist noch da und der ist ja eigentlich nicht wirklich ein Gast. Er gehört sozusagen zum Haus und half heute meinem Liebsten das kleine Chaos – bestehend aus vollen und leeren Flaschen, vollen Säcken und leerem Mietkühlschrank – zu bewältigen, während ich wieder zur Arbeit gefahren bin. Ruhe kehrt ein auf dem einsamen Gehöft.
Doch unruhig war es die letzten vier Tage nicht wirklich. Turbulent eher … und lustig, inspirierend, lebendig, zuweilen chaotisch, immer bunt und belebend. Und vor allem sehr, sehr angenehm – all meine Ängsten zum Trotz. Die Leute, die hier ein und aus gegangen sind, haben sich sichtlich wohlgefühlt. Sie haben sich im Garten, auf der Terrasse im nahen Wald, im Atelier-Kulturraum oder in der Außenküche aufgehalten, haben geschlafen, nicht geschlafen, miteinander geredet, zusammen geschwiegen, sich gegenseitig zugehört, sie haben gestaunt und gedöst, geraucht die einen, das Feuer geschürt, getrunken, gegessen und sie haben den neuen Klängen gelauscht.
Verdichtetes Leben. Klangfarben vielerlei Kunst.
Ein besonderes Erlebnis für mich war die Begegnung mit der taiwanesischen Künstlerin Meng Wu (sprich: Mong), die hier nicht nur als sich selbst sondern auch als Blume auf dem Feld mit dabei war.
Mengs Blog: http://meng-hsuan-wu.blogspot.com/
Weil wir eine Wette abgeschlossen haben, die wir beide gewonnen und verloren haben (ja, das gibt’s), bekam jede von der anderen ein Bild geschenkt. Während des Samstagabend-Konzertes im knappen Licht der sphärischen Beleuchtung, eingehüllt in psychedelische, außerirdische Klänge malten wir nebeneinander vor uns hin. Ein tolles Erlebnis. Die Übergabe erfolgte gestern Vormittag auf einem Spaziergang über die Felder. Da, wo es ganz still ist, stehend unter einem Baum, vor uns der Horizont, hinter dem es immer weiter und weiter geht, überreichten wir uns unsere zur gegenseitigen Ermutigung gedachten Werke.
Später, nach der letzten Improvisation im Atelier – unterstützt von zwei spontan eingeladenen Alphornisten und gefilmt von einem begeisterten Saarländisch-Rundfunk-Team, das über das dreitägige Festival für Mittwoch eine Sendung plant – reisten die meisten Leute ab. Auch Meng.
Werden wir uns je wiedersehen?, fragten wir uns. Ich weiß es nicht. Doch vergessen werde ich sie nicht.
Gestern Abend war ausbaumeln angesagt. Wie halbtote Fliegen hingen wir, zu acht noch, in den Bänken, und tauschten uns aus. Ausgelassen, müde, authentisch, aufgekratzt. Mike (sk orchestra) und Robert (P.A.S.) schenkten mir gleich drei handsignierte CDs.
Thanks for helping us feeling at home. Was für ein schönes Kompliment!
So habe ich mit Katis nigelnagelneuer CD On The 2nd Thought, die ich mir heute Abend anhören werde, ganz schön viel neuen Sound im Haus.
Bliss happens
Heute zitiere ich sehr gerne wieder einmal Luisa Francia. Ihr Webtagebuch ist für mich eine immerwährende Herz-, Seelen- und Hirnnahrung.
ich glaube das wichtigste ist nicht, dass man viel geld hat, sondern ein leichtes herz – und nette nachbarInnen! habe ich reichlich.
luisa francia am 30.08.2011 um 08:36:43
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das haben mich jetzt einige gefragt: wie schafft man es, ein leichtes herz zu haben? nichts festhalten. ärgern und weg damit, weinen und weg damit. dann hat man irgendwann keine speicherkapazitäten für das blöde, weil das schöne so viel platz braucht.
vom verdrängen wird das herz allerdings nicht leichter. irgendwie muss mans einmal durch die wahrnehmung ziehen, um es loslassen zu können. ich habs mal in „starke medizin“ so gesagt: die bitterkeit kommt von allein. heiterkeit will gelockt werden.
luisa francia am 1.09.2011 um 08:06:14
endlich
Heute habe ich eins meiner Manuskripte, das Loch im Eis, wachgeküsst. Noch immer fiebrig, fiebriger als gestern, war ich bei meiner Ärztin und ließ mich bis morgen krankschreiben. Vielleicht geh ich aber morgen auch arbeiten. Je nach Zustand. Fiebrig und kreativ geht oft sehr gut bei mir. Schreibrausch und Fieberrausch sind sich ähnlich. Etwas zum Abschluss bringen, endlich, das will ich. Endlich das Ende neu schreiben. Endlich einen Verlag finden. Endlich an mich glauben.
Draußen sitzen Irgendlink und zwei Gäste am Feuer. Ich werde mich jetzt zu ihnen setzen. Pause muss sein.
Von Ekelpegeln, Maßstäben und einem wilden Haufen Kunstschaffender
Ein bisschen graut es mir schon. Gastgeber und Gastgeberin zu sein ist gar nicht so einfach. Vor allem, wenn die Gästeschar aus einem wilden und internationalen Haufen PerformancekünstlerInnen besteht, die uns und ein noch unbekanntes Publikum drei Tage unterhalten werden. Wobei … unterhalten ist da vielleicht nicht ganz das richtige Wort.
Es geht um Begegnung!, hat Brandstifter gesagt, vor zwei Wochen, als wir die infrastrukturellen Details des Kunstzwerg-2011-Events besprachen. Okay, ich bin nur ZaunGastgeberin, Trittbrettfahrerin irgendwie, wie bei allem, was Irgendlink vor meinem Umzug auf das einsame Gehöft eingefädelt hat und ich nun mit ihm gemeinsam ausbade. Am meisten wünsche ich mir fürs Wochenende angenehme, stressfreie Tage. Und es soll allen wohl sein. M., meine hamburgische Freundin aus Bern kommt bereits morgen Abend, ebenso ein paar Leute vom Kunstverein Mainz.
Fertig mit der Ruhe. Meine zwei Krankheitstage habe ich in einer Blase verbracht. Sie haben mir sehr gut getan und ich hatte endlich mal wieder Zeit zum Alleinsein, zum Nachdenken, zum Schreiben, zum Nichtstun. Das ist die schöne Seite am Kranksein: Du musst nichts. Niemand erwartet etwas von dir.
Der Körper weiß, was mir gut tut. Und wenn ich es nicht schaffe, Gutes für mich zu tun, dann weiß er es erst recht. Das Fieber ist im Laufe des Nachmittags gesunken und der Hals tut nur noch ein bisschen weh. Die Nase tröpfelt ein wenig vor sich hin, doch die Ohren sind wieder frei. Ob ich morgen fit für die Arbeit bin, wird sich beim Erwachen zeigen.
Während ich am frühen Abend – auf dem Weg der Besserung bereits – Irgendlinks Außenküche samt Tresen putzte und von monatealtem Spinnwebenmief befreite, da dieser Bereich von den Gästen mitbenutzt wird, kam ich nicht umhin darüber nachzugrübeln, warum die einen Menschen Sauberkeit brauchen, damit sie sich wohlfühlen können, während andere ihr gegenüber beinahe resistent oder zumindest gleichgültig sind.
Wege zum individuellen Sauberkeitspegel gibt es viele. Ich gehöre zu jenen Menschen, die bereits wieder nach relativ kurzer Zeit putzen, damit der Dreck mich nicht eines Tages gänzlich auffressen kann. Ich halte es auch darum so, weil ich beim Putzen oft auch Ruhe in meine Gedanken bringen kann. In meinen vier Wänden jedenfalls. Andere putzen – ob am liebsten oder weil sie es nicht länger aufschieben können, sei dahingestellt – erst dann, wenn sich so richtig viel Dreck angesammelt hat. Dann lohnt es sich so richtig!, sagen diese Menschen. Besser oder schlechter gibt es hier nicht. Jeder Mensch hat da einen eigenen Maßstab.
Jedem und jeder den ganz persönlichen Ekelpegel! Ich lass dir deinen, lass du mir meinen … mein elftes Gebot!
Ähm, und falls du noch nicht weißt, wo du dein Wochenende verbringen willst: Kunstzwergfestival ist bestimmt eine gute Wahl. Bis bald?
Lärm
Mit gemischten Gefühlen fahre ich nach O., wo der heute beginnende Yogakurs der örtlichen Volkshochschule stattfindet. Aus einem Angebot von sage und schreibe ganzen drei Kursen auf dem Platz Z. habe ich mich für diesen einen Kurs entschieden. Meinem Rücken Gutes tun, ist Motivation eins. Neue, ähnlich gesinnte Menschen kennenzulernen die zweite. Und drittes, viertens und fünftens spielt auch die Neugier mir: Wie wird in meinem Gastland Yoga praktiziert?
Ich finde den gesuchten Ort auf Anhieb, finde sogar einen kostenlosen Parkplatz gleich auf der anderen Straßenseite und treffe vor dem Haus eine Frau, die ebenfalls nach einer Yogini aussieht, einer Frau, die Yoga praktiziert. Wir finden gemeinsam den Eingang und gehen, mangels Beschilderung, einfach mal treppauf. Wir hatten den richtigen Riecher, doch ich reibe mir die Augen, als ich den hässlichen Gymnastikraum betrete. Mit Schuhen. Die könne ich mit herein nehmen, sagt die Lehrerin, als ich Anstalten mache, sie draußen auszuziehen. Wie bitte? Einen Yoga-Raum mit Schuhen betreten?, denke ich und schlucke lee. Ich werde – wie schon von der anderen Frau, die mit mir geparkt hat – von der Lehrerin mit Sie und Nachnamen begrüßt. Wieder schlucke ich leer. Bin ich hier auf der Arbeit oder was?
Schrilles Licht, lautes Geplapper, keinerlei Atmosphäre, die Entspannung verheißt. Immerhin ist in der Mitte des Raumes ein Arrangement aus Tüchern und Teelichtern. Noch ohne Licht allerdings. Die Lehrerin geht von Frau zu Frau – Männer sind keine im Kurs – und legt uns ein zu unterschreibendes Blatt vor, das aussagt, dass wir eigenverantwortlich hier sind. Ich unterschreibe.
Das Gefühl, mich in einen Sportverein verirrt zu haben, breitet sich in mir aus. Ich schaue mich um. Geht es anderen auch so? Ich lege mich hin, wie ich das zu Anfang einer Yogastunde – müßig zu sagen, dass ich eine Yogastunde in der Schweiz meine – gewohnt bin. Entspannung geht aber nicht. Zu viel Unruhe im Raum. Zu hell das Licht. Zu viel Lärm. Lärm umgibt mich, seit ich zu arbeiten angefangen habe, auf Schritt und Tritt. In der Schule ganz besonders. Und jetzt sogar hier: da gehe ich extra ins Yoga, um mich zu entspannen und was finde ich dort? Lärm. Geplapper. Gekicher.
Noch mehr als das Geplapper selbst stört mich jedoch die Unsensibilität der Anwesenden. „Hier komme ich!“, ist das deutsche Lebensgefühl schlechthin, habe ich neulich definiert. Und vielleicht ist es genau das, was uns Schweizerinnen und Schweizer zuweilen eine leichte kollektive Antipathie für unsere deutschen Nachbarinnen und Nachbarn empfinden lässt.
Sorry, ich will hier nicht lästern. Und ich sollte nicht vergleichen, ich weiß, denn zugegeben, die einzelnen Menschen – die Kinder in der Schule ebenso wie die Menschen, die ich hier kennengelernt habe und kennenlerne – sind alle, für sich genommen, liebenswert. Doch alle auf einem Haufen sind sie doch recht – sagen wir mal – gewöhnungsbedürftig, selbst für eine wie mich, die aus einem nahen Nachbarsland kommt.
Die Stunde fängt an. Die Lehrerin entzündet die Kerzen. Sie stellt sich kurz vor und sagt etwas über die Bedeutung und Herkunft von Yoga, was sie im Laufe der Stunde durch eingestreute Inputs vertieft. Offenbar sind ein Teil der Anwesenden schon das zweite Halbjahr dabei, während andere neu im Kurs, doch yogageübt und noch andere gänzlich Yogaanfängerinnen sind. Eine große Herausforderung also, die die Lehrerin allerdings gut bewältigt. Sie ist mir sehr sympathisch, ganz besonders als sie sagt, dass wir im Raum ruhig sein und nicht reden sollen. Ob das was bringt? Wir werden sehen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, um eine Floskel an den Haaren herbeizuziehen. Oder gleich zwei.
Da ich doch schon eine rechte Zahl verschiedene Yogalehrerinnen erlebt habe, masse ich mir an, die Qualität der Anleitung einer Yogastunde beurteilen zu können. Die Lady hier macht es wirklich gut. Einzig schwierig ist für mich, da ich ja nicht so gut höre, dass sie sich während der Anfangsübungen, die wir liegend ausführen, im Raum bewegt und manchmal so weit von mir entfernt ist, dass ich sie schlecht verstehen kann. Ansonsten fand ich die Lektion inklusive Schlussentspannung sehr schön und sogar – jaaaa! – sehr ähnlich, wie ich es mir von meiner Lieblingsyogalehrerin Ch. in Bern gewöhnt bin.
Peinlicherweise klatschen ein paar Frauen nach dem leider viel zu kurzen, abschließenden Om-Singen und dem anschließenden Namasté-Abschiedsdankgruß. Klatschen? Also echt! Und schon geht das Geschwätz wieder los. Und da wird nicht etwa nur leise geredet, nein, so laut wie auf der Straße oder in der Kneipe gegenüber. Meine Idee, hier Leute kennenzulernen, ist vielleicht nicht umsetzbar, denn ich kann nur schleunigst die Flucht ergreifen. Insbesondere, da uns die Lehrerin geraten hat, den Abend still zu vollenden.
Im Auto grüble ich vor mich hin: Wie lernbereit für etwas neues sind wir alle – noch? Wie intolerant bin ich selbst? Muss wirklich alles wie „zuhause in der Schweiz“ sein?
Nein, natürlich nicht. Dennoch. Hm. Verbesserungen anzuregen ist erlaubt. Und genau das werde ich vermutlich das nächste Mal tun … Mal sehen.
dankbar
Weil ich nach diesem arbeits- und begegnungsintensiven Tag keine Lust habe, den Laptop aufzustarten, blogge ich per iFon und beschwöre damit ein bisschen Ferienfeeling herauf.
Über Freundschaft und Chemie habe ich die letzten Tage viel nachgedacht und wie es kommt, dass zwei Menschen Freunde oder Freundinnen werden. Mit Freundin U. im schwarzen Wald habe ich darüber gemailt und heute Morgen, am Telefon mit meiner deutschen Freundin A., die seit vielen Jahren in den spanischen Bergen lebt und die ich „zufällig“ über internette Verbindungen kennengelernt habe, sofasophierte ich ebenfalls darüber. Wir redeten über unsere erste und bisher einzige, zehn Tage dauernde persönliche Begegnung in den Alpujarras vor vier Jahren und wie dort ein roter Faden zu wachsen begonnen hat, der virtuell immer dicker und stabiler wurde.
Das brachte mich auf die Idee, einmal die Essenz all meiner Freundschaften zu extrahieren. Oder, mathematisch gesprochen, den gemeinsamen Nenner zu finden. Falls das geht, denn jede Freundschaft hat ja letztlich ihre ganz eigene Farbe.
Meine Essenzen:
Gleiche Augenhöhe: Mit allen meinen Freundinnen und Freunden nehme ich mich auf gleicher Augenhöhe wahr. Niemand ist der Scheff, beide Seiten bringen sich zu gleichen Teilen und gleichwertig in die Beziehung ein.
Negativform: Die eine Person dominiert und gibt die Richtung vor. Sie drängt sich mit zwar gutgemeinten, aber ungefragt erteilten Ratschlägen auf.
No smalltalk und keine Floskeln: Die Gespräche drehen sich um Themen, die über das Wetter hinausgehen. Natürlich wird auch mal über gemeinsame Bekannte ausgetauscht, doch in erster Linie geht es um uns selbst, um Befinden, Gedanken, Prozesse und Gefühle. Und immer wieder wird zusammen gelacht, denn liebevoll miteinander zu lachen, ist der Kitt zwischenmenschlicher Beziehungen.
Negativform: Das ein- oder gegenseitige Interesse erlischt, nachdem die üblichen Floskeln und Allgemeinplätze abgehakt sind.
Vertrauen: Dieses ist die Voraussetzung einer jeden Freundschaft. Kann ich sein, wie ich bin? Fühle ich mich mit der anderen Person geborgen und wohl? Traue ich der anderen Person zu, mir vorurteils- und wertfrei zu begegnen?
Negativform: Eine Herzöffnung ist erschwert, da die eine oder andere Person einen unruhigen, belehrenden oder sonstwie nicht vertrauenserweckenden Eindruck macht.
Solidarität: Auch wenn sich befreundete Menschen einmal nicht einig sind, unterstützen sie sich ungefragt gegenseitig.
Negativform: Kaum besteht Uneinigkeit, fällt der eine oder die andere über den oder die andere/n her.
Bereitschaft, auch unbequemes zu teilen: Ist eine Person in einer schwierigen Lebensphase, kann sie ihre Probleme erstens mit der anderen Person teilen und zweitens auf deren Unterstützung in der gewünschten Form und im hilfreichen Umfang zählen.
Negativform: Kaum hat eine Person eine Krise, ist die andere anderweitig unabkömmlich und hat keine Zeit. Oder aber sie textet die andere Person mit RatSCHLÄGEN zu.
Gegenseitige Kritikfähigkeit und -bereitschaft: Wer einen Menschen gern hat, will sein bestes. Doch ungefragt Rat erteilen, zeugt von schlechtem Stil. Auch ungefragte Kritik ist uneffizient. Will ich einer Freundin sagen, was ich über ihre in meinen Augen vielleicht fragwürdigen Prozesse oder ihre für mich nicht nachvollziehbaren Entscheidungen denke, frage ich nach, ob sie an meiner Meinung interessiert ist. Sagt sie ja, teile ich meine Gedanken mit ihr. Sonst nicht.
Negativform: Bei jeder Situation, in der sich die eine Person befindet, gibt die andere ungefragt und ungebeten ihre Meinung ab.
Sensibilität: Alle meine FreundInnen verfügen über große soziale Kompezenzen und eine überdurschnittliche Sensibilität. Das ist vielleicht gar der verbindendste Faktor. Sich in einander einzufühlen ist nur so annähernd möglich.
Negativform: Die eine Person versteht und/oder spürt gar nicht wirklich hin, was die andere meint.
Kurz und gut: Menschen, die mir so begegnen, wie ich es kursiv geschrieben habe, können nicht meine Freunde oder meine Freundinnen werden.
Dennoch ist es mehr als die Summe der erwähnten Elemente aus meiner unvollständigen Liste, das das Wesen einer Freundschaft ausmacht.
Im Grunde ist es der nicht in Worten fassbare Funke, der am Anfang einer Freundschaft steht, jenes Leuchten in den Augen, eine Art geheimer Code gar oder auch einfach die Art, wie ein Gespräch verläuft oder wie jemand auf etwas reagiert … Ein Anfang wie ein Doppelpunkt.
Freundschaft ist Alchemie: Was geschieht, wenn zwei Menschen im Reagenzglas des Lebens geschüttelt werden. Wie Essig und Öl das eine Mal, ein anderes Mal wie Kaffee und Milch.
Freundschaftliche Liebe kann niemand machen, Freundschaft ist ein Geschenk.
Den erwähnten Freundinnen A. und U. gewidmet, dankbar für unsere Freundschaften. Und natürlich auch allen anderen FreundInnen.
dream on
Nein, die Kinder sind es nicht primär, die dazu beitragen, dass mich mein neuer Job stresst. Obwohl ebendiese Kids ganz schön ausprobieren, wie weit sie bei mir gehen können. Nein, es sind auch nicht nur die schlechten Bedingungen, obwohl ich bei mehr Lohn gewiss motivierter wäre. Was mich am meisten stresst, ist eher etwas irrationales und ganz und gar nicht neu. Es ist die simple Tatsache, dass mein Brötchenjob mir Lebenszeit abzwackt. Lebenszeit, die ich in etwas investiere, das mir nur bedingt wichtig ist, ich aber dennoch nicht halbherzig machen kann. Weil ich einfach nicht halbherzig arbeiten kann. Zeit, die mich ermüdet, weil ich mich engagiere. Vor allem aber Zeit, die ich nicht frei gestalten kann. Was ein großer Traum von mir ist, eine Illusion natürlich, doch ein schlichter Wunsch: meine Zeit selbst zu gestalten und keine materiellen Sorgen haben zu müssen. Doch wenn ich kein Geld habe, muss ich logischerweise welches verdienen. Und wenn ich meine Kunst nicht vermarkte und/oder wenn sie niemand kauft, gibt es auch kein Geld. Ergo muss ich arbeiten. Es ist wohl am meisten dieses Müssen, das mir nicht gut bekommt. Weil ich nicht gerne muss. Ich will wollen, nicht müssen, denn eigentlich arbeite ich gerne.
Schnitt.
Heute, auf dem Weg zur Arbeit – über meine Erschöpfung und Müdigkeit nachgrübelnd –, musste ich an den Krug denken, der zum Brunnen geht bis er bricht. Wie es verschiedene Krüge gibt – irdene, gläserne, solche aus Blei oder Kupfer, gibt es auch vielerlei Menschen, zumindest die einen und die anderen. Die einen kaufen oder töpfern sich einfach, wenn der alte Krug gebrochen ist, einen neuen. Oder noch besser: sie lassen sich einen schenken. Die anderen grübeln Jahre, bevor der Krug auch nur ans Risse machen und Zerbrechen denkt, schon an den bevorstehenden Bruch und was sie tun werden, wenn er eines fernen Tages tatsächlich brechen wird. Falls er denn brechen wird, so lange sie leben. Mit ihren Angst-vor-den-Scherben-Sorgen versauen sie sich jegliche Alltagsfreude. Irgendlink gehört zu den einen, ich nicht, leider.
Selig, die einen Krug haben, den sie füllen können.
Tag Null
Was es heute noch alles zu tun gibt! Neben Packen stehen leider noch ein paar andere Stichworte auf dem Zettel. Ölwechel zum Beispiel. Kann nun zum Glück bereits abgehakt werden. „Focus“ ist bereit für die Reise. Eine letzte Wäsche dreht ihre Runde in der Maschine. Faserpelze. Falls es kalt ist unterwegs. Nicht auszuschließen, wenn ich mir den Wetterbericht so angucke.
Doch überall – sogar in Stockholm – ist es wärmer hier. Also bloß weg! Und wer weiß, vielleicht laufen wir ja irgendwo dem Sommer über den Weg? Weil es hier regnet, hängt eine lange Wäscheleine quer durch meine Wohnung. Riecht irgendwie gut und aussehen tut’s auch witzig. So what?
Meine Vorfreude wächst, seit wir gestern beim Frühstück beschlossen haben, doch nordwärts zu fahren. Was Entscheidungen doch an Kräften freizusetzen vermögen! Seit wir in der Pension in Rendsburg bei Kiel ab morgen Abend zwei Übernachtungen gebucht haben, wird die abstrakte Reiseidee plötzlich konkrekt. Danke, Andrea, für den Tipp!
Im Urlaub kann ich einfach einmal nur das tun und lassen, was ich will, sagte J.s Mutter, bevor sie neulich weggefahren sind. Ich muss mich einmal um nichts sorgen. Außer um mich.
Ja, und das ist es genau, was ich jetzt auch brauche. Und Abstand zum Alltag. „Uf u drvo“ nennt sich dieses Lebensgefühl gut Berndeutsch, „auf und davon“.
Noch sind aber ein paar letzte Dinge zu erledigen. Im Garten ebenso wie im Haus gilt es Ordnung zu schaffen. Ach, und die Qual der Wahl steht mir auch noch bevor: Welches Buch soll ich bloß mitnehmen? Ob ich wohl überhaupt zum Lesen kommen werde?
stolpern, aber nicht stürzen
Zum Glück gibt es Internet. Googleseidank gibt es Suchmaschinen. Hast du ein Problem – irgendeins! – bist du damit bestimmt nicht allein. Auf jede Frage kennt das weltweite Netz eine Antwort. Noch besser: Für jedes Thema gibt es ein Forum. Von Abort bis Zeckenbiss ist alles dabei. Immer gibt es Menschen, die das gleiche erlebt haben, ähnliches zumindest, schlimmeres gar. Kompetent oder nicht – doch mitgeteilt muss es werden.
Wie tröstlich, dass ich damit nicht alleine bin!, denke ich, während ich die Beiträge meiner Leidensgenossinnen lese. Der hat das geholfen, jener dieses. Ich spüre unglaublich viel Menschlichkeit in den Zeilen und glaube beinahe, diese Frauen hier persönlich zu kennen.
Dennoch: meine Erfahrungen kann nur ich selbst machen. Niemand, nicht einmal mein Liebster, kann sie mir ersparen. Nicht den Krankenhausaufenthalt, nicht meine Achterbahn fahrenden Gefühle. Doch ob ich diese mit anderen teilen will, kann nur ich selbst entscheiden.
Der Grat zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre ist im Zeitalter von Internet sehr schmal geworden. Pseudonyme verhüllen oft nur, gleich einem dünnen Umhang, das allernötigste. Deshalb werde ich hier auch nicht weiter über die intensiven Erlebnisse der letzten Wochen berichten. Höchstens indirekt.
Schnitt.
Unseren Urlaub haben wir aus diversen Gründen verschieben müssen, doch wie es aussieht, wird Irgendlink seinen Großauftrag bereits morgen oder am Mittwoch abschließen können und danach steht einer Reise mit dem Zelt nichts mehr im Weg. Ich freue mich auf das Abenteuer.
Wir planen, wieder live zu berichten. 🙂

