Die Farbe Rot

Früher habe ich ja immer Originaltintedruckpatronen nachgekauft. Früher habe ich eh selten über ein Was-kostet-das? nachgedacht, wenn ich etwas brauchte. Dass es Alternativen zu den teuren Markenprodukten gibt, habe ich natürlich schon gewusst, aber wer will schon mit Spritzen hantieren und seine Patronen selbst auffüllen? Nicht in erster Linie aus finanziellen Gründen hatte ich einst dann doch damit angefangen, mit meist gutem Ergebnis. Eher stand damals der ökologische Aspekt im Vordergrund, sprich weniger Abfall, mehr Nachhaltigkeit. Heute ist es beiderlei, das mich zum Selbstbefüllen motiviert: Geldersparnis und Ökologie.

Seit der letzte Befüllung druckte mein Drucker kein Rot mehr. Allerdings nicht von Anfang an. Eher schleichend. Ich führte es dennoch auf die Selbstbefüllung zurück. Weil ich aber neulich neue, nicht selbstbefüllte Patronen – ein gutes Generikum, nur halb so teuer wie das Markenprodukt – nachgeladen habe und die rote Farbe noch immer nicht druckt, wusste ich: Am Selbstbefüllen kann es nicht liegen.

Bilder oder Fotos kann ich nun schon eine ganze Weile nicht mehr drucken (na ja, kann schon, sieht aber ziemlich bescheiden aus). Zum Glück muss ich das auch nicht so oft. Aber auch beim Kopieren und Drucken anderer Dinge wie Downloads von Formularen mit ein bisschen Rot in den Logos stelle ich fest, dass das Fehlen von Rot eben wirklich ein Fehlen ist.

Heute Morgen haben der Liebste und ich darum mal so richtig hingeschaut. Wir haben gesuchtmaschint, Tutorials geschaut und am Schluss herausgefunden, dass offensichtlich der Druckkopf kaputt ist. Die wiederholte Düsenreinigung hat nämlich nichts gebracht und an den Patronen scheint auch alles gut zu sein. Anders als bei den Selbstbefüllten wird uns sogar bei den Neuen der Tintenstand angezeigt. Rot sei voll, sagt die Anzeige.

Früher hätte ich jetzt einfach einen neuen Druckkopf bestellt. Heute weiß ich allerdings nicht, womit ich diesen finanzieren würde. Mit Kunst könnte ich zahlen, kein Problem, oder mit Texten. Mit Geschichten. Mit Büchern. Aber sag das mal einer IT-Material-Firma!

Vorhin, am Esstisch, haben wir darüber gesprochen, was man wirklich braucht und warum. In Utopia gäbe es einen zentralen Drucker, spinntisierte ich. Das Druckerhäuschen auf dem Dorfplatz. Alle, die ihn nutzen wollen, würden Sorge zu ihm tragen, würden Papier nachfüllen, würden Tinte nachkaufen.

Im Nicht-Utopia, in dem wir heute und hier leben, hat jede und jeder ihren und seinen eigenen Drucker. Es muss schließlich rasch gehen, alles. Für eine Runde über den Dorfplatz reicht die Zeit nicht.

Weiter stellt sich die Frage, wie dringend ich die Farbe Rot brauche. Nun ja, das ist wirklich eine gute Frage. Natürlich ist die im Drucker fehlende Farbe Rot keine Lebensnotwendigkeit. Wirklich nicht. Sogar schwarzweiß drucken würde ja zur Not gehen. Dann hätte ich halt blasse Logos. Graue Logos. Gelbgrünstichige Logos. Geht. Kein Problem. Erste-Welt-Problem.

Rote Frühlingsknospen mit feinem Spinnenfaden von oben. Im Hintergrund ein unscharfes Haus und ein grünes Gebüsch.
Leihgabe von Pixartix (https://pixartix.wordpress.com/2016/03/24/intermezzo-2-feines-faedchen/)

Stell dir eine Welt ohne rot vor. Und jetzt eine ohne blau. Und nun eine ohne gelb. Eine blasse Welt. Und jetzt stell dir einen Regenbogen ohne rot und violett vor. Und jetzt einen ohne blau. Und nun einen ohne gelb. Geht nicht? Stimmt, geht nicht. Jede einzelne der drei Grundfarben ist so wichtig wie die beiden anderen. Für einmal gibt es keine Dualitäten, keine Rivalitäten. Einfach nur Gleichwertigkeit.

Wie wir zwei so über die Farben sprechen und wie die Welt funktioniert, dieses Nicht-Utopia unserer Tage, realisiere ich, dass Farben für mich weit mehr sind als ein bisschen Bunt im Grau.


Falls jemand hier Lust haben sollte, mir den Druckerkopf zu schenken, schenke ich ihm dafür ein Bild nach Wahl (siehe Pixartix | Sofasophia appt die Welt | Instagram) oder sonst etwas aus meiner Kunst-Kiste (eine eigens geschriebene Geschichte zum Beispiel).
Ganz utopiaesk!
.
(Kontakt)

Warum wir das Echte erkennen sollten

Gestern hat Gerda Kazakou meinen Wollknäuelball, den ich im letzten Artikel abzuwickeln angefangen habe, aufgefangen und in ihrem Blog am roten Faden weitergestrickt. Herzliche Dank! Und herzliche Leseempfehlung – inklusive Kommentarstrang.

Gerda fragt sich unter anderem, wo die Grenzen zwischen echt und nicht mehr echt verlaufen. »Wieso ist das Foto eines Wolkenbergs ’echter’ als seine elektronische Bearbeitung? Kann das künstlich Bearbeitete nicht auch den Anspruch auf Echtheit erheben?«

Die einen machen Echtheit an den Gefühlen, die ein Kunstwerk in ihnen auslöst fest, vom Grad des Berührtwerdens durch das Kunstwerk, andere denken, dass Echtheit möglichst viel mit der Realität zu tun haben muss, wieder andere werden von Dingen, die sie echt wahrnehmen an frühere Erlebnisse und Erfahrungen erinnert und erkennen darum darin deren Echtheit.

[Achtung, ab hier paddeln wir ohne Schwimmwesten in philosophischen Gewässern. Und wie es solcherlei Flüsse so an sich haben, ist eine Diskussion nie abschließend. Viele meiner nachfolgenden Gedanken sind außerdem eher metaphorisch als nur ausschließlich wörtlich zu verstehen.]

Sich Gedanken über die Echtheit von Kunst zu machen geht nicht ohne uns dem Begriff Hyperrealismus (wenigstens ein bisschen) anzunähern. Hyperrealismus zeigt die sogenannte Wirklichkeit in einer bisweilen viel zu heftigen, überzogenen, überzeichneten Echtheit. Hyperrealistische Werke – Bilder ebenso wie Skulpturen und anderes – sollen so aussehen wie echt, karikieren zuweilen das Echte sogar ein wenig und stellen damit auch die Frage nach dem Wesen der Dinge. Was durchaus in einem ironischen und/oder existentialistischen Kontext geschehen kann. In einem kommerziellen selbstverständlich auch. Ist sie damit überhaupt noch echt? Kann Überzeichnetes denn echt sein? Und Fiktion? Ist aber letztlich nicht fast jedes Kunstwerk ansatzweise fiktiv oder hinkt zumindest der Realität (zeitlich z.B.) hinterher? Und wie kann ein Werk da überhaupt den Anspruch auf Echtheit erheben?

Ron Mueck sagt in Art (Das Kunstmagazin, 5/2003):

»Ich wollte etwas machen, dem ein Foto nicht gerecht werden würde. […] Obwohl ich viel Zeit mit der Oberfläche verbringe, ist es doch das Innenleben, das ich einfangen möchte. […] Meine Arbeiten sind mein Statement.«

Ron Mueck war mir bis heute Morgen unbekannt, doch inzwischen, da ich auf Wikipedia ein wenig mehr über ihn und seine Kunst erfahren habe, teile ich Frau Mützenfalterins Faszination für seine Skulpturen. Oder vielmehr für die Idee, die ich darin ahne. (Link zum heutigen Artikel auf dem Mützenfalterin-Blog).

Wie sieht es denn nun mit dem Abbild eines Kunstwerks aus? Mit Fotografien überhaupt? Mit Bildern? Mit allem, was wir ausdrücken, egal mit welchen Mitteln? Vom Moment an, wo wir einen Ausschnitt und ein Medium gewählt haben und beginnen die Realität zu beschneiden, interpretieren wir sie ja bereits. Mit jedem Kunstwerk, mit jedem Bild – in Worten oder Bildern, aus Stein, Keramik oder was auch immer – interpretieren wir den einen ausgewählten Ausschnitt. Und ein Ausschnitt, eine Interpretation kann ja wohl nicht das Echte sein?

Nun … ich glaube ja eh nicht, dass letztlich das Kunstwerk an sich echt oder unecht ist*. Jedenfalls nicht primär und wenn, dann nur bedingt. Ich wage hier die These, dass die Frage nach der Echtheit in der Kunst einzig der oder die Kunstschaffende selbst in Bezug auf ihre/seine Werke beantworten kann. Was will sie, was will er? Was quillt aus seinem, aus ihrem Inneren? Was motiviert sie oder ihn? Wo liegt der Fokus? Auf der Arbeit, dem Prozess, dem Fluss, dem Entwickeln im Werden und im Sein? Oder geht es ihm oder ihr nur darum gesehen, gelobt, bestaunt zu werden? Es gibt für mich definitiv unterschiedliche Arten, Kunst zu erschaffen. Und es gibt sie auch heute noch, die echten KünstlerInnenseelen (dazu mein Essay von 2009).

Die und der Kunstschaffende, der echte Kunst schafft, ist gemäß meiner These nicht primär auf Wirkung bei den Betrachtenden bedacht. Ähm, nein, irgendwie anders. Hm, schwierig zu erklären. Denn natürlich wirkt und soll auch wirken, was wir kreieren. Aber wir kreieren, wenn wir echte Kunst kreieren, nicht um des Publikums willen, wir tarieren die Wirkung nicht vorsätzlich nach optimaler Wirkung aus. Verkaufbarkeit darf nie zentral sein. Wir kreieren, weil das, was da geschaffen werden will, von innen nach außen geboren werden will. Weil uns der Prozess nährt, uns befriedigt, uns begeistert. Wir erschaffen aus Leidenschaft.

Nun ja, ich weiß es ja. Das hier sind meine ganz persönlichen Maßstäbe. Ausgehend von den Dingen, die sind, wie sie sind. Ob wir sie nun benennen oder auch nicht. Auch ein ruhender Vulkan ist ein Vulkan. Er wird durch seine Beschaffenheit definiert, nicht durch den Namen, den ich ihm gebe. Auch nicht durch die Häufigkeit seiner Eruptionen. Wie eben das Wesen der Echtheit.

Ja, Echtheit hat viele Qualitäten – für mich vor allem nährende, wohltuende – und gerade in einer Zeit, wo wir nicht immer wissen und überprüfen können, was gefälscht/gefaked ist und was echt, finde ich es wichtig, dass wir nicht aufhören, nach dem Echten Ausschau zu halten. Selbst wenn sie Fiktion sein sollte, wie Kai es vermutet, den ich im letzten Artikel zitiert habe. Denn, wie gesagt, auch Fiktionen können durchaus echt sein.


* Hier ist echt oder falsch nicht so gemeint, dass dieses Bild an der Wand ein gefälschtes Picasso-Bild ist oder eben ein von ihm gemaltes.

Erkennen wir das Echte noch?

»Das Echte ist eine Fiktion, eine idealisierte Vorstellung vor dem Hintergrund unseres Weltbildes. Es ist nur individuell erkennbar.« So twitterte Kai gestern als Beitrag zu meiner Frage nach dem Echten.

Meine Frage ausgelöst hatte eine Werbemail, die mit dem Titel Absolut echt aussehen köderte. Außerdem hatte ich am Abend zuvor auf zdf zwei unterschiedliche SOKO-Folgen gesehen, die beide von gefakten Persönlichkeiten handelten.

Erkennen wir das Echte noch und wollen wir es überhaupt?

Was denn das Echte sei, wurde nach meinem obigen Tweet gefragt. Ehrlich gesagt fand ich ja die Frage viel einfacher zu beantworten als es andere Twitternde offenbar empfanden: Echt ist absolut, nicht relativ, hatte ich denn auch irgendwo geschrieben und ja, davon bin ich im Grunde auch überzeugt.

Echt ist doch einfach, was ist, wie es ist, hatte ich zuerst antworten wollen, aber den zu erwartenden endlosen Diskussionen darüber, ob denn das, was sei, wie es sei, wirklich sei, wie es sei, mochte ich mich dann doch nicht aussetzen und den Fragen danach, was denn schon sei, wie es sei. Und ob es das überhaupt noch gebe.

Ist also wirklich, wie Kai schrieb, nur individuell erkennbar was echt ist? Und nur vor dem jeweiligen persönlichen Hintergrund? Ist es also wirklich mit der Echtheit so ähnlich wie mit der Wahrheit, die letztlich relativ ist, individuell, von unserer Wahrnehmung beeinflusst und persönlich?

Während der Begriff Wahrheit für mich eher mit Werten, mit Unmateriellem, mit Richtlinien und Lebensgrundlagen verbunden ist, assoziiere ich beim Begriff Echt eher Diesseitiges, Sichtbares, Materielles, Zwischenmenschliches. Aber natürlich gibt es für mich deutlich Schnittmengen bei diesen Begriffen. Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit als menschliche Charakterzüge zum Beispiel.

Der Berg ist echt, keine Frage. Er ist.
Der See ist echt; und der Fluss auch.
Das Waldstück dort drüben auf dem Hügel ist echt.
Aber ist auch der Baum, den der Bauer auf die Wiese gepflanzt hat, echt? Ist er echt, obwohl er nicht von allein gewachsen, sondern bewusst gesetzt, vielleicht sogar gepfropft worden ist?
Macht ein menschlicher Eingriff in die Natur, in das Wesen anderer Wesen Echtes unecht?
Geht es nicht vielmehr um das Wesen an sich, dieses Ur-Echte in allem und gibt es dieses Ur-Echte überhaupt, wo doch alles – selbst ein kleines Kind – schon auf die eine oder andere Weise verbogen und geformt worden ist? (Man denke an die überlieferten Menschenversuche, als beabsichtigt wurde, herauszufinden, welches die Originalsprache der Menschen* sei.)
Aber – andersrum – kann denn nicht auch Geformtes, Kunstvolles, echt sein?
Ungekünstelte Kunst – ja, geht das denn überhaupt?

So gelangen wir zu Wirkung und Motivation. Wirkung zielt nach außen, Motivation kommt aus dem Innern, aus der Quelle. Denn das Innen ist für mich die Quelle der Echtheit.

Ich bin echt, wenn ich nicht darüber nachdenke, wie ich wirke und wenn ich keine Energie in meine Wirkungsabsicht verschwende. Wenn ich nicht wirken will. Wenn ich ohne Goldwaage spreche und schreibe, ohne Absicht und ohne Hintergedanken. Wenn ich einfach nur sein will, nein, noch nicht mal das: Wenn ich einfach bin. Unverstellt.

So gesehen bin ich natürlich nicht immer echt. Manchmal schütze ich mich und sage nicht immer alles und auch nicht immer genau das, was ich auf dem Herzen habe. Ich wäge ab, denn ich weiß, dass viele Menschen mit zu viel Echtheit und Offenheit nicht wirklich gut umgehen können. Darum beschneide ich mich, denke im Voraus über Sätze nach, die ich besser nicht so sagen sollte, wie ich sie denke und fühle. Weil sie missverstanden, weil sie gegen mich verwendet werden könnten.

Und natürlich bin ich auch mir selbst gegenüber nicht immer ganz echt. Ebenfalls um mich zu schützen. Weil manche Selbsterkenntnisse weh tun. Oder weil ich das, was da draußen geschieht, von mir fernhalten muss, weil es zu sehr weh tut, wenn ich mich damit auseinandersetze. Schmerzbegrenzung, Schadensbegrenzung sozusagen.

Manipulation, Irreführung, Absicht und Vorsatz sind für mich einige Synonyme für Unechtes. Gekünstelt, geschraubt, geschwollen, geziert, gezwungen, manieriert, süßlich, theatralisch, trügerisch, unnatürlich schlägt das Woxikon an Synonymen vor, und erfunden, falsch, gefälscht, getürkt, imitiert, künstlich kitschig, kopiert, nachgeahmt, nachgebildet, nachgemacht, synthetisch, unrichtig, unwahr ergänzt Ein-anderes-Wort.

So weit so gut. Hier also das Echte, dort das Unechte. Aber was tun wir nun mit jenen Dingen, die nur so aussehen, die nur so tun und die daher kommen wollen und sollen als seien sie echt, wie es mir ja die erwähnte Werbemail schmackhaft machen wollte?
Und warum bevorzugen manche Menschen eine Rolle statt der Echtheit? Was ist der Reiz des Fakes? (Warum muss ich jetzt bloß an Fasnacht/Karneval/Fasching denken?)

Jaja, ich weiß: Buisness, Schein vor Sein, Macht, Einfluss, Glitzerwelt, Konsum ankurbeln und Bedürfnisse wecken … oder ist die Antwort gar noch einfacher? → Weil es möglich ist.

Ob nun absolut oder relativ: Ich wünsche mir einfach, dass wir das Echte auch weiterhin erkennen können und vom Falschen unterscheiden. Uns zuliebe.

.


* Historische Versuche mit Menschen: Einer Geschichte[2] von Herodot (ca. 490-424 v. Chr.) zufolge, unternahm Pharao Psammetich I. (regierte 664–610 v. Chr.) in Ägypten einen Versuch, die Ursprache der Menschheit zu erfahren.[3] Er gab einem Hirten zwei neugeborene Kinder und befahl, diese so aufzuziehen, dass sie niemals ein gesprochenes Wort vernehmen sollten. Er wollte auf diese Weise herausfinden, in welcher Sprache die Kinder zuerst ein Wort sagen würden. Nach ca. zwei Jahren streckten die Kinder bittend die Hände aus und sagten „Bekos“. Dies hieß in der Sprache der Phryger „Brot“. Der Pharao schloss daraus, dass die Phryger eine noch ältere Rasse als die Ägypter wären. Herodots Geschichte ist allerdings wohl eher dem Reich der Märchen und Sagen zuzuordnen als der Wahrheit.
Das Experiment wurde im 13. Jahrhundert von dem italienischen Chronisten und Franziskaner-Mönch Salimbene von Parma verwendet, um Kaiser Friedrich II. zu verunglimpfen.[4] In dessen Darstellung allerdings starben die Säuglinge frühzeitig mangels Zuwendung.
(Quelle: Wikipedia)

 

Zusammenhängend

Ich kenne fast nur auf die eine oder andere Weise beschädigte Menschen. Menschen, die chronische Krankheiten, starke Beschwerden, psychische Krankheiten und seelische oder körperliche Schmerzen haben. Menschen, die auf ganz unterschiedliche Weise am einen oder andern leiden; am Leben und an dessen Schatten. Natürlich ist die Spanne sehr breit, was die Schwere der Beschwerden, die Wahrnehmung derselben sowie der Umgang mit oder das Leiden an ihnen betrifft.

Im Kreis der mir lieben und nahen Menschen gibt es einige, die meiner Meinung nach dringend mehr Unterstützung von außen bräuchten; finanzielle die einen (manche sehr dringend), andere eher kompetentere oder besser vernetzte Hilfe als die bisher erhaltene.

Manche dieser Menschen, die mir am Herzen liegen, sind den Weg von Pontius nach Pilatus in vielen Variationen gegangen, auf Umwegen, auf scheinbar vielversprechenden Abkürzungen, dabei mal mäandernd, mal auf allen Vieren, mal aufrecht und dabei immer wieder neu hoffend, dass doch endlich, eines Tages, eine gute Lösung für ihr Problem gefunden werde.

Einige sind auf diesem Weg, obwohl sie teilweise sichtbare Gebrechen haben, immer wieder in die Schublade der hysterischen HypochonderInnen gesteckt worden und wurden in ihrem Leid nicht ernst genommen. Schließlich kann da doch nichts sein, wenn mit den zur Verfügung stehenden Diagnosemethoden keine Ursachen für die Beschwerden zu finden sind. Oder aber sie sind in die Schublade ’Das können wir nichts machen, das ist psychisch!’ gesteckt worden. (Und selbst wenn es so wäre? Wäre es denn nicht genauso wichtig, diese möglichen Ursachen ernsthaft zu untersuchen?) ’Das bilden Sie sich bestimmt nur ein!’ ist ebenfalls eine wenig hilfreiche Reaktion auf noch nicht definierte Krankheitsbilder oder solche, die atypisch für ein bereits definiertes Krankheitsbild sind.

Speziell denke ich an eine Freundin, die schon länger wegen unterschiedlicher inzwischen längst chronischer Beschwerden in Behandlung ist. Unterwegs wurde sogar mal ein gutartiger Tumor entdeckt und entfernt, doch die Hauptbeschwerden blieben weiterhin bestehen und die Ursachen sind bisher unerkannt. Nun endlich tut sich eine ganz neue Spur auf und ich hoffe soo sehr, dass es diesmal die richtige ist. Auf der Suche nach Auslösern kam nämlich endlich jemand auf die Idee, ihren Hormonhaushalt unter die Lupe zu nehmen. Dabei wurde ein eklatanter Mangel eines sehr wichtigen Hormons festgestellt, der bekannterweise(!) genau zu einigen ihrer Symptome passt. Etwas, worauf in den ganzen Jahren noch nie jemand sein Augenmerk gerichtet hatte. Weil bestehende Zusammenhänge nicht hergestellt worden sind.

Die Zusammenhänge, in denen wir uns bewegen – die körperlichen ebenso wie die gesellschaftlichen, die mentalen ebenso wie die politischen – sind weit komplexer als wir es ahnen. Sie zu sehen, sie zu verstehen, sie überhaupt herstellen zu können, erfordert Wissen und Kenntnisse, die wir oft nicht oder nicht umfassend genug haben, um überhaupt auf die richtige Lösung kommen zu können. (Interesse und Neugier sind dabei auch nicht zu unterschätzen, aber sie ersetzen das Wissen nicht.)

Wichtig also auch, dass wir immer wieder bereit dazu sind, davon auszugehen, dass es noch immer unentdeckte Dimensionen und ungelöste Fragen gibt. Im Menschen ebenso wie in der Welt. [Man denke an den quadratischen Flächenländer aus dem Buch Flächenland, der seinen Mitbewohnern von der dritten Dimension erzählen wollte und auf lauter Unglauben gestoßen ist.*]

Ich plädiere einmal mehr für individuelle, für persönliche Lösungen. Und das in einer Welt, wo alles immer mehr normiert und standardisiert wird. Natürlich gibt es Parallelen von Mensch zu Mensch, doch was der einen geholfen hat, ist bei der anderen – trotz ähnlicher Beschwerden – unwirksam oder sogar kontraproduktiv. Jeder und jede leidet eben anders.

Zum Heilwerden braucht es in der Regel eben mehr als einfach nur die richtigen Tabletten oder ein bisschen mehr guten Willen und gute Ratschläge.

Was das ganze menschliche Miteinander kompliziert macht. Und auch darum ist Respekt vor unserer Unterschiedlichkeit so dringend notwendig.

 


* Wikipedia dazu: »Zurück in seiner zweidimensionalen Welt erscheint dem Erzähler eine Kugel, ein Gast aus unserer dreidimensionalen Welt. Erst nach langer Mühe gelingt es der Kugel, das Quadrat von der Existenz der dritten Dimension zu überzeugen, und sie nimmt es zu einem Rundflug über seine zweidimensionale Heimat mit. Der nun zur vollen Erkenntnis der Dimensionalität gelangte Erzähler übertrifft daraufhin die Kugel, seinen Lehrer, darin, indem er sogar die Denkbarkeit vier- und höherdimensionaler Welten beschreibt, was die Kugel verärgert, die ihn deshalb zurück in seine Welt stößt. Als der Erzähler seine Erkenntnis der höheren Dimensionen schließlich unter den Bewohnern von Flatland verbreiten will, stößt er allerdings nur auf Irritation und wird schließlich als Aufrührer eingekerkert.«

Ausgelesen #14 – Manitoba von Linus Reichlin

Endlich habe ich Reichlins neuestes Buch, Manitoba, gelesen.

Das Buch löst Sehnsucht aus, Sehnsucht nach Wurzeln und nach Ursprüngen einerseits, andererseits aber vor allem nach Ursprünglichkeit, nach mehr Natürlichkeit und mehr Zusammenhang.

Einer sehr gute Buchbesprechung – inkl. Plot/Spoiler – findet sich hier (KLICK). Trotz des Spoilers lohnt es sich auf jeden Fall, Manitoba selbst zu lesen.

Reichlin wechselt fließend die Ebenen legt Ge-Schichten auf Ge-Schichten, die mehr sind und tiefer reichen als der erste Blick offenbart. Was vordergründig wie ein Roadmovie anmutet – alternder, mittelmäßiger Autor auf der Suche nach seinen indigenen Wurzeln im den Weiten der USA – wird nach und nach zu einer ernüchternden Bilanz. Heimat und Heimatlosigkeit liegen näher beeinander als wir denken, schlussfolgere ich mehr als einmal. Rückblicke rücken auf einmal in ein anderes Licht und auch die Wahrheit ist – oder spielt – ver-rückt.

Je mehr sich Max, der Protagonist, in die Geschichten aus dem Tagebuch seiner Urgroßmutter vertieft und mit seinen eigenen Recherchen über das Leben der amerikanischen Urbevölkerung Ende des neunzehnten Jahrhunderts verwebt, desto mehr identifiziert er sich mit seinem Urgroßvater, einem Krieger aus dem Volk der Arapahoe. Er denkt über die Folgen von Einwanderung und Kolonialisierung nach. Über Bräuche, über Kulturen und darüber, ob es sich denn wirklich gelohnt hat, damals, die Indianer zu vertreiben. Wo diese früher in ihren Tipis gelebt haben, steht jetzt ein Burger King und die Menschen hier langweilen zu Tode. Wozu?

Was heute ist, wird in ein paar hundert Jahren, in ein paar tausend Jahren nicht existiert haben. Reichlins existenzphilosophischen Gedanken, die er Max denken lässt, gehen unter die Haut und letztlich bleibt die Frage, was wir alle hier eigentlich verloren haben.

Dazu passt jener kleine Filmausschnitt, den ich gestern irgendwo im Netz gesehen habe, auch aus den USA. Der letzte Schrei: Freiluftyoga mit jungen Ziegen, die zum Beispiel den Yogini über den Rücken laufen – damit die Menschen wieder einmal berührt werden, wieder mit Natur in Berührung kommen, wenigstens in Form von Tieren. So sehr ich Ziegen mag, und Tiere eh, so sehr missfällt mir, dass Tiere zu Dingen, zu Spielzeugen degradiert werden (wobei ich zum Beispiel die Aufgabe von Therapie- oder auch Blindenhunde sehr sinnvoll finde). Aber die Aussage ist unüberhörbar: Der Mensch ist Natur und will sich mit ihr verbinden. Der Dauerstress ist unmenschlich, wir brauchen Entspannung, wir brauchen Natur, wir brauchen Zusammenhänge.

Aber wir haben uns von klein auf daran gewöhnt, in einer immer künstlicheren Welt zu leben, die uns vor den Unbilden der Natur schützt. In der Wildnis, in welche sich Max für eine kurze Zeit zurückzieht, könnten die wenigsten von uns länger als ein paar Tage überleben.

Mit Reichlin frage ich mich, ob diese Entfernung von unseren Wurzeln wirklich das Ziel von Evolution sein kann. Und nein, ich glaube nicht, dass der Mensch die Krone der Schöpfung ist.

Dazu dieses kleine Schlusspünktchen hier:

»Das ist natürlich Ironie und Sarkasmus, aber je länger man darüber nachdenkt, desto weniger dann doch nicht. Wie viele hunderttausende, millionen Jahre Evolution, Kultur und Zivilisation waren eigentlich notwendig, um bei einem so abstrakten Konzept wie Postleitzahlen anzukommen und wie konnte das nur alles so geschehen? Ist das purer Zufall oder lief notwendigerweise alles auf Postleitzahlen hinaus? Wenn wir die Geschichte hunderttausend Jahre zurückdrehen und neu ablaufen lassen würden, würde die Menschheit wieder bei Postleitzahlen landen? Bei Post überhaupt? Oder würde irgendwas komplett anderes passieren?«

Quelle: Schöne Tweets, die man lesen sollte (I) von @noemata auf Der Lampiongarten

So viele andere

Nicht nur für mich selbst bin ich viele, wie Pessoa* es seinerzeit so schön formuliert hat. Ich bin auch für alle anderen immer wieder eine andere. Und das nicht nur, weil ich mich A gegenüber anders verhalten als gegenüber B. Nein, auch darum, weil A mich anders sieht als B. Weil A eine andere Perspektive auf mich und das Leben hat als B, weil A bisher andere Erfahrungen gesammelt hat als B.

Bin ich so viele andere?

Oder bin ich einfach nur ein kleines bisschen mehr als die Summe all dieser vielen einzelnen Teile, die ich und die all die anderen von mir sehen, kennen, von mir zu sehen und zu kennen glauben, und aus denen sie und ich aufs Ganze schließen.

Wir glauben zu verstehen. Aber ist verstehen nicht viel größer und viel unmöglicher als wir denken?

+++

Manchmal sehe ich in anderen Menschen, die ich zu sehen und zu kennen glaube, Dinge – Talente, Kräfte, Potential –, die sie selbst nicht sehen können. Und manchmal sehen andere in mir solche Dinge, für die ich selbst blind bin.

Was also ist wahr? Was können wir wirklich sehen, in anderen, in uns? Da ist mehr Unbekanntes als Bekanntes, sagen die PsychologInnen über die Persönlichkeit von Menschen.

+++

Innen und außen – wie kongruent sind sie? Bei mir? Bei dir?


* »Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Übermass an Selbsten. Deshalb ist, wer die Umgebung verachtet, nicht derselbe, der sich an ihr erfreut oder unter ihr leidet. In der weitläufigen Kolonie unseres Seins gibt es Leute von mancherlei Art, die auf unterschiedliche Weise denken und fühlen.«
aus: Fernando Pessoa, “Livro do Desassossego”, Aufzeichnung vom 20.12.1932

Grenzenlos

Manchmal frage ich mich ja schon, wie das mit den Hühnern, den Eiern und den Menschen wirklich ist. Also wirklich, meine ich. Und ob da zuerst der unzufriedene Mensch war, der seine Gehässigkeiten in die Welt hinauswirft oder ob es vorher, zuallererst, dafür noch einen Grund braucht. Einen, der die folgenden Gehässigkeiten halbwegs nachvollziehbar macht. Und ich frage mich auch, wer für diesen Grund verantwortlich ist. Und wer wir sind, wir Menschen, dass wir uns alles erlauben. Dass wir uns alles erlaubt haben. (Ist ja nichts ganz neues.) Alles möglich gemacht, haben wir uns; alles, das möglich ist. Und ob das für uns eher gut ist oder ob es schlussendlich eher zerstörerisch wirkt. Dass wir alles können, heißt ja nicht, dass wir alles tun müssen, was wir könnten. (Na ja, fast alles.) Aber Fakt ist, dass alles möglich ist. In der Kunst ebenso wie im Alltagsleben. (Na ja, fast alles.)

Ist es, weil wir keine Definitionen mehr kennen, weil wir den Definitionen ihre Gültigkeit verboten haben, ihnen ihre Inhalte genommen haben?

Und wann eigentlich sind wir Menschen so krass extrem geworden? Hängt es damit zusammen, dass wir immer mehr Halbwissen und immer weniger wirkliches Wissen mehr haben?

Und weil wir nichts mehr wirklich wissen – wie auch, wo wir doch viel zu viele Quellen haben, um noch zu wissen, zu sehen, zu erkennen, zu schmecken, welche von ihnen gutes Wasser hat und welches Wasser uns schaden wird – trauen wir allem und niemandem mehr. Und selbst wenn jemand gründlich recherchiert (ja, das gibt es noch immer in dieser postfaktischen Zeit), ist der Wahrheitsgehalt letztendlich Vertrauenssache. In einer misstrauischen, sarkastisch-zynischen Welt.

Wer sagt, was geschrieben und gedruckt wird? Und wer, was verschwiegen wird und warum?

Wir leben zwar in einer (fast resp. theoretisch) zensurfreien Welt, hier im Westen, aber auch Selektion ist eine Form von Zensur.

Ob sie einer der Gründe für die heute fast alltäglich gewordenen Gehässigkeiten ist?

(Ach und gerade frage ich mich, sehr un|zeitgeistig allerdings, ob Grenzen wirklich so schlimm sind.)

Zu viel, zu wenig oder einfach genug

Wie viel Stille ist gut für uns und wie viel Leere?
Wie viel Fülle, Stimulation, Anregung, Inspiration, Ablenkung, wie viele Eindrücke, Geschichten, Erlebnisse, Erfahrungen, Aufgaben ertragen wir und tun uns gut?
Wann brauchen wir Ablenkung und wann eher Zu-Lenkung, sprich Konzentration? Wie viel Herausforderung brauchen wir?

Eine krankgeschriebene Freundin findet nach über einem Monat zuhause, dass es sie zu wenig herausfordert, sich einfach nur zu erholen, einfach nur gut zu sich zu schauen. Ich verstehe sie gut. Dennoch: ich bin grundsätzlich sehr gerne zu Hause. Ich bin wohl so die typische Homeoffice-Type und eben auch gerne allein. Außerdem nährt mich das Schreiben, der kreative, reflektierende Ausdruck. Ich bin froh, dass ich schreiben kann. Und dass ich kunsten mag.

[Ich verstehe dennoch, dass manche am Zuhausesein leiden, zum Beispiel weil sie arbeitslos sind. Weil ihnen dabei auf eine ungesunde Weise langweilig ist. Weil ihnen das berühmte Dach auf den Kopf fällt. Weil sie keine (geistige) Herausforderung haben.]

Schreiben und kunsten – was wäre ich ohne diese beiden Werkzeuge? Sie sind die Gefäße, in welche ich gieße, was in mir vorerst formlos daherfließt. Betrachte ich diesen Fluss, wächst der Wunsch, danach zu formen, was ich sehe. Zu verdauen, was ich erlebe. Schließlich auch mich mitzuteilen, andern zu erzählen, was der Fluss an mein Ufer gespült hat. Und ja, im Schreiben mit drin leben sowohl der Wunsch, etwas vom Erlebten und Erfahrenen weiterzuverschenken (wenn es denn etwas Heilsames war, das ich in Worte gießen will) als auch der Wunsch, etwas vom Erlebten und Erfahrenen loszuwerden (wenn es etwas Anstrengendes, Leidvolles war), durch das Aufschreiben zu verwandeln.

Und da dümpeln auch immer ein paar Geschichten, die von mir nach außen geschubst werden wollen. Die meisten noch im Schlafanzug oder in so leichten Kleidern, dass sie draußen erfrieren würden. Irgendwelche Worte für sie zu finden wäre nicht das Problem. Aber jene Worte zu finden, in denen sie ihrer Aufgabe angemessen gekleidet sind, diese Geschichten, das ist meine Herausforderung des Schreibens.

An Herausforderungen mangelt es mir wahrhaftig nicht. Eher ist es die Konzentration, die mir zuweilen fehlt. Ich lasse mich noch immer viel zu schnell ablenken. Darum will ich endlich ernst machen mit der Meditation. Nach zig Versuchen in früheren Zeiten und meinem Fazit, dass ich es ja doch nicht kann, wage ich den hundertundersten Versuch. Auf dass es klappen möge. Vielleicht mit geführten Meditationen. Zum Beispiel jenen auf meinen Apps. Oder mit einer der Bodyscan-Meditationen, die ich vorhin auf Youtube gefunden habe. Seit drei Tagen übe ich. Und ich fühle mich bereits innerlich ruhiger.

Weiter übe ich mich darin, nur noch etwas aufs Mal zu tun. Mich nicht mehr ständig von Kurznachrichten (Wire, Twitter, etc.) ablenken zu lassen, vor allem nicht, wenn ich am Arbeiten bin. Oder aber mir bewusst ein Fenster öffnen und Kurznachrichten schreiben. Aber ich will nicht mehr immer alles miteinander mischen. Statt alles nebeneinander, kakophonisch, lieber eins nach dem anderen tun.  Achtsam und bewusst. Und liebevoll. Beobachtend.


Übersicht über einige Meditationen:
https://www.youtube.com/results?search_query=k%C3%B6rper+body+scan

Körperscan:
https://www.youtube.com/watch?v=CdcxM5iyFs8

Leerstellen & Leerschläge

Apostroph Dass mich Deppenapostrophe nerven, die viele Menschen vor ein Genitiv-S setzen (Anna’s Garten), habe ich ja schon am einen oder andern Ort bekannt. Diesen Apostroph gibt es nämlich in der deutschen Sprache nicht. In unserer Sprache ist der Apostroph ein Stellvertreter für einen ausgelassenen Buchstaben (drum ist ja Hans‘ Garten möglich).

Sorry, aber manche Regeln müssen einfach sein. Punkt.

Dass nun aber zum Deppenapostroph auch immer öfter der Deppenleerschlag kommt, dieser Leerschlag da, wo eigentlich ein Bindestrich hinkommt (Motor Inspektion statt Motor-Inspektion oder Motorinspektion), finde ich bedenklich.

Und ja, zu viel Leerschläge werden auch im falschen Umgang mit Bindestrichen gemacht. Wenn nämlich der Bindestrich als Gedankenstrich (Halbgeviertstrich, der ein bitzeli länger ist als der Bindestrich) verwendet missbraucht wird, sieht das dann so aus: Motor – Inspektion.

Riesengroßes Autsch.

Die ersten beiden Unsitten sind der englischen Sprache abgekupfert. Haben sich wie Schlingpflanzen in unsere Sprache eingefressen. So willkommen mir multikulturelles Gut im zwischenmenschlichen Bereich ist, so intolerant bin ich bei der Sprache. Nennt mit spießig, aber für mich gebühren jeder Sprache ihre Regeln.

Konkret: Schreibe ich englisch, verwende ich ein Genitiv-S und es heißt somit Anna’s garden. Kein Thema. Und dann heißt es auch Motor inspection, mit Leerschlag dazwischen.

Warum mir das so wichtig ist? Weil die deutsche Sprache schön ist. Tippfehler sind lässlich und passieren allen. Davon spreche ich nicht. Ich spreche von Sorgfalt. Unsere Sprache ist Teil unserer Umwelt, darum sollten wir ihr Sorge tragen. Sprachschluder ist für mich wie Müll am Strand. Dosen oder Scherben, an denen man sich stößt oder sich gar verletzt. Abgesehen davon, dass sie da nichts verloren haben.

Ich habe nichts gegen Sprachneuschöpfungen und Wortspiele, und ich liebe den kreativen, gerne auch anarchistischen Gebrauch der deutschen Sprache; aber solange wir so tun als würden wir deutsch schreiben, dann sollten wir nicht nur so tun als ob. Das macht nicht Sinn, sondern ergibt Sinn und ist sinnvoll (Sinn machen ist, aber das wisst ihr bestimmt all, eine falsche Übersetzung von to make sense).

Ähm. Wo war ich gleich?

Ach ja, Leerschläge. Und Leerstellen. Am richtigen Ort sind sie absolut notwendig.
Musik ohne Pause? Vergiss es.
Texte ohne Abstände zwischen den Wörtern und auch zwischen den Buchstaben sind unlesbar. Unverständlich.

Tage ohne Pausen machen krank.
Arbeit ohne Ausgleich auch.

Alles ohne Nichts ist tödlich.

Und ich vermute, ganz still und leise, je länger ich als Leserin virtuell mit Irgendlink im kargen, schönen, stillen Lappland unterwegs bin, dass wir nur deshalb so viel Bespaßung und Ablenkung brauchen, weil wir vergessen haben, wo der Ausschaltknopf ist.

+++

(… jaja, ein bisschen ist das natürlich augenzwinkernd gemeint. Ich kann ja nicht verlangen, dass alle … ja, was überhaupt? … na, ihr wisst schon … aber weh tut’s mir halt schon … )

_________________________

Mehr über die Deppenleerschläge gefällig?

Mehr über die Deppenapostrophe gefällig?

EDIT (Nachtrag am Nachtag)

Es ist NICHT meine Absicht, Menschen, denen das Schreiben nicht so leicht fällt, zu nahe zu treten oder gar jemanden zu verletzen.

Ich nerve mich über fehlerhaftes Deutsch vor allem in publizierten Texten von sogenannten und selbsternannten Profis wie WerbetexterInnen, Journis, RedaktorInnen etc.

Bedingungslos?

Ich arbeite gerne. Und je mehr das, was ich arbeite, meinem Wesen und meinen Werten entspricht, desto lieber arbeite ich. Ja.

Aber.

Aber Arbeiten zu können, zu arbeiten, die Arbeit an sich – das alles ist nicht das, was mich ausmacht. Ist nicht das, was meinen Wert definiert. Ist nicht das, wofür ich primär geliebt und wertgeschätzt werden will. Ich bin nicht meine Arbeit. Das ist einer der Gründe, warum ich mir das Bedingungslose Grundeinkommen herbeiwünsche. Möglich, dass es in der Schweiz angenommen wird, nächstes Jahr, bei der Abstimmung. Es wäre zwar ein Wunder, doch unmöglich ist es nicht.

Die Vorstellung, dass alle Menschen – unabhängig von gesellschaftlichem Status, von gesundheitlichem Zustand, von sozialem Umfeld – Ende des Monats bedingungslos ein Grundeinkommen bekommt, beflügelt mich. Eine Utopie? Wer zahlt das und wird es nicht zwangsläufig zu einer Art Inflation kommen? Wer es bezahlen soll, haben klügere Köpfe als ich ausgetüftelt. Umverteilung ist das Zauberwort. Das mit der Inflation? Mag sein.

Doch wenn wir es nicht ausprobieren, wird es zu einer zunehmenden Inflation des Menschen und seines Wertes kommen. In diesem Prozess stecken wir ja bereits mittendrin (fest).

Es wollen gar nicht alle nicht arbeiten gehen müssen, sagen Gegnerinnen und Gegner. Stimmt. Und es muss ja auch niemand nicht arbeiten gehen (müssen), nur soll sich niemand mehr über die Arbeit, die er tut oder nicht tun kann/darf, definieren müssen, insbesondere wenn es eine Arbeit ist, die ein Mensch nur tut, weil er sonst nicht überleben kann.

Nein, ich will hier jetzt nicht weiter über das Bedingungslose Grundeinkommen, das BGE, sondern über meinen Wunsch, über meine Vision – nenn es Utopie! – vom selbstbestimmten Leben erzählen. Davon, dass es uns allen viel besser ginge, wenn wir mehr das tun würden, was wir tun wollen, als was wir tun müssen. Müssen hat ja meist – am Rand oder primär – mit Überleben zu tun. Mit Geld. Mit Verdienst. Mit Status und mit Image.

Eine Welt, die mir persönlich fremd ist. Obwohl ich ja nun schon fast 50 Jahre in ihr drin lebe.

Schnitt.

Was ist von einem Künstler zu halten, der so wenig wie möglich konsumiert, um so wenig wie möglich vom Geld abhängig zu sein, und der sich, seine Ideen und seine Fotoausrüstung mit eigener Kraft per Fahrrad ans nördlichste Ende der Welt schiebt, um von unterwegs über das gelebte Leben – unmittelbar im Moment des Erlebens – schreiben, erzählen und es mit Bildern illustrieren zu wollen? Was ist von einem Künstler zu halten, der – auch wenn er einfach und bescheiden lebt – seine Mitmenschen, oder zumindest jene unter seinen Mitmenschen, die seine Kunst lieben, um Unterstützung bittet?

Viel!, sage ich, weil er sich und seinem Weg treu ist und weil er an die Kraft der Crowd glaubt.

Mit Crowdfunding wurden schon viele großartige Projekte von der Idee in die Wirklichkeit geholt. Crowdfunding verstehe ich als Tausch: Du gibst von deinem Herzblut und ein bisschen von deinem Geld für ein wertvolles Projekt und erhältst später etwas konkretes dafür, dass du das Projekt unterstützt hast. Die Kraft, die Energie der Crowd, der Gruppe, des sozialen Netzes, darf nicht unterschätzt werden.

gemeinsamWir sind Teile eines Ganzes. Unterschiedlich. Ähnlich. Grundsätzlich verbunden.

Wenn alle einander helfen, ist allen geholfen.

Von wem auch immer dieser Satz ist: Er ist wahr. Wir alle sind mit Herzen, die brennen können, geboren worden. Wir alle haben schon gebrannt, für das eine oder andere. Die einen für das Leid von Tieren, andere kümmern sich um Kinder in Not, andere kämpfen gegen Frauenhandel, Internetpornografie oder für Menschenrechte und Gleichberechtigung von Menschen und von anderen Menschen, die anders sind, denken, fühlen …

Wir alle brennen für etwas, wenn wir lebendig sind. Und wenn alle das tun und unterstützen, wofür sie brennen (statt sich gegenseitig dabei zu behindern und zu konkurrieren), ist allen sogar noch mehr geholfen.

Die einen brennen für Kunst. Dafür, das Leben mit anderen Augen zu betrachten, mit bildnerischen oder mit literarischen Mitteln zum Beispiel. Kunst und Kreativität sind Kräfte, sind Türen, sind Wege, Werkzeuge und Möglichkeit, das Leben zu begreifen. Anders als nur mit den Alltagsaugen.

Kunst?
Nein, sie ist nicht lebenswichtig.
Ja, sie ist lebenswichtig.

Ein Volk, eine Gesellschaft ohne Kultur, ohne Kunst, ohne Ausdruck gibt es wohl nicht. Und gäbe es dieses Volk, würde es wohl über kurz oder lang zu Grunde gehen.

Irgendlink ist ein Chronist. Ein Chronist der Zeit. Von Anfang an hat er die digitale Entwicklung miterlebt, genau hingeschaut, experimentiert, sich selbst darauf eingelassen. Und nun will er hinschauen, während er ans Nordkap radelt. Hinschauen und berichten: Was hat sich in den letzten zwanzig Jahren verändert?

Willst du ihm über die Schulter schauen? Just do it! Am 15. Juni radelt er los. Und bloggt täglich frisch. Auf http://irgendlink.de und auf https://twitter.com/irgendlink

Ach, und ja, das Crowdfunding darfst du auch unterstützen. Musst du aber nicht. Obwohl es sich lohnt. Hauptsache du machst dein Ding → hier klicken zum Tausch-Tisch!

____________________________

Mehr über das Bedingungslose Grundeinkommen (in der Schweiz) gibt es hier:

– Zur Volksinitiative in der Schweiz: bedingungslos.ch
Grundsätzliches zum Thema: grundeinkommen.ch