Ich habe, wie so oft, vergessen, wie sich dieses Buch seinen Platz in meinem Büchergestell erschlichen hat. Es stand jedenfalls schon eine ganze Weile auf dem Tablar der zu lesenden Bücher herum und wurde eins ums andere Mal überholt. Krimis lese ich nun mal meist lieber als Bücher, die nicht eben leichte Kost sind. Was ich diesem Buch wohl ansah.
Nein, leichte Kost ist Im Namen der Salomé nicht. Dafür nährend.

Julia Alvarez ist – wie die Protagonistinnen dieser wahren Geschichte – selbst ein Kind der Dominikanischen Republik. Auch ist sie, wie diese, aus politischen Gründen in die Vereinigten Staaten geflohen. Sie weiß, wovon sie redet.
Wahre Lebensgeschichten zu erzählen, ist eine große Kunst. Alvarez rollt dazu zwei Fäden auf. Den einen, jenen Camilas, der Tochter, rückwärts. Im Alter der Pensionierung anfangend, wo wir sie in den Staaten kennenlernen, begleiten wir sie bis zurück in ihre Kindheit. Die Geschichte Salomés, Camilas Mutter, hören wir von frühester Kindheit an und erleben so die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts auf einer von Kriegen und Revolutionen geplagten karibischen Insel mit. Salomé Ureñas Poesie, die zuerst anonym, später unter ihrem richtigen Namen veröffentlicht wird, macht den Menschen Mut. Salomé, eine schüchterne junge Frau, wird unvermittelt zur Volksheldin gekürt und bald schon Muse der Nation genannt.
Die alles entscheidende Frage, die ihr so manches Opfer abverlangt, ist jene nach der Patria. Was ist Vaterland? Was ist Heimat? Wofür lohnt es sich, zu kämpfen? Immer wieder neue Revolutionen erschüttern das Land und immer wieder neue Anfänge werden gemacht. Salomé baut schließlich, als erste Frau, ein Lehrerinnenseminar auf, damit die jungen Frauen ebenfalls eine Bildung erhalten. Ihr Einsatz für Ihr Land ist leidenschaftlich. Der ihres Mannes, der später sogar – allerdings nur ganze vier Monate lang – Präsident des Landes wird, ebenso. Beide kämpfen sie für Freiheit und reiben sich dabei aneinander auf. Eine Beziehung, die trotz Leidenschaft und Hingabe zeitlebens eine einzige große Herausforderung ist. Vor allem für Salomé.
Die Autorin verwebt die beiden Fäden abwechselnd miteinander, so dass sich die beiden Frauen gleichsam in der Mitte treffen. Salomé stirbt an Tuberkulose, als ihre Tochter Camila erst drei Jahre alt ist. Ihr Leben lang geht Camila auf die eine oder andere Weise in den Spuren ihrer Mutter, doch versucht sie auch, sich selbst auf die Spur zu kommen und den eigenen Zielen Raum zu geben.
Politik, Freiheit und Emanzipation werden somit zu sehr persönlichen Themen. Letztlich kann niemand die Welt verändern ohne dabei sich selbst zu wandeln. Innen und außen sind zwei parallele Ebenen, die sich übergangslos ineinander auflösen.
Obwohl Camilas Geschichte – im Gegensatz zu jener Salomés – in der dritten Person erzählt wird, ist mir Camila näher als Salomé. Vielleicht weil sie in einer Zeit lebt, die mir vertrauter ist. Ihre Suche nach ihrer eigenen Art, leidenschaftlich zu leben und die Welt lebenswerter zu gestalten ohne dabei all die Mitmenschen, die sie liebt und denen sie sich verpflichtet fühlt, aus den Augen zu verlieren, ist eine schmerzhafte Gratwanderung. Wie gerne würde sie Spuren hinterlassen, wie gerne würde auch sie einfach einmal glücklich sein und aus den Schatten der Vergangenheit, der Geschichte, der Verwandtschaft, des Erbes ihrer Mutter treten und sich selbst sein. Ganz.
Mütter und Töchter – ein Thema, das wohl jede Frau auf die eine oder andere Weise beschäftigt, denn Töchter sind wir alle, auch nachdem uns die Mütter eines Tages verlassen haben.
Alvarez‘ Erzählstil ist schlicht. Melodiös irgendwie, dennoch kommt er ohne Schnörkel und Wertung aus. Der rhythmische Wechsel zwischen Salomés in erster Person erzählten Geschichte und jener Camilas hat durchaus etwas poetisches.
Lesen! 🙂
Kategorie: kulturell
Exhibitionismus und andere Tugenden
Über Exhibitionismus hatten wir gesprochen, zwischen Nacht und Morgen irgendwann, und dass doch im Grunde jeder Mensch – mehr oder weniger – das Zeug zur Selbstdarstellung habe. Vielleicht sei es gar eine Art Überlebensnotwendigkeit.
Später waren wir nach H. gefahren, an die „größte Buchmesse der Welt“, wie sie sich ganz unbescheiden nannte. Top oder Flop?, rätselten wir auf der Fahrt.
Während einer grottenschlechten Lesung aus einem ziemlich schwach getexteten, doch von einem „richtigen“ Verlag herausgegebenen (!) Roman, konnte ich nicht umhin, mich fremdzuschämen, denn mir war die Autorin sympathisch. Immerhin war der Plot irgendwie originell. Doch mit Klischees hat die Dame – weiß Göttin – nicht gegeizt.
Ich hoffe, dass mich weder meine liebevoll kritischen FreundInnen noch mein selbstkritischer Verstand je so weit verlassen werden, dass ich auf die Idee kommen sollte, einem Verlag einen solch unausgereiften Text anzubieten.
Die Messe war in einem einzigen großen Raum untergebracht. An Tischen hatten sich ein paar vorwiegend auf Fantasy spezialisierte Kleinverlage der Region aufgebaut. Gerne würde ich jetzt berichten, welch wunderbare Bücher in Kleinverlagen erscheinen. Und keineswegs will ich hier nun kleine Verlage verunglimpfen oder gar alle in einen Topf werfen. Zudem verstehe ich von Fantasy nicht wirklich viel. Was ich aber – auch an schlechten Tagen – erkennen kann, ist, ob ein Text gut und vielleicht sogar sehr gut ist. Oder mindestens gutes Mittelmaß, was ja auch okay ist.
Ich hatte mich auf dier Suche nach einem ebensolchen Text gemacht und nahm dazu ziemlich viele Bücher in die Hand. Gut geschrieben waren einzig jene, die in den größeren oder gar großen Verlagen erschienen sind. Schon Covergestaltung und Textlayout zeigen, ob an einer Geschichte wirklich professionell gearbeitet wurde. Mit professionell meine ich keineswegs Mainstream, denn Individualität ist wunderbar. Nicht jedes Buch muss gleich aussehen, doch ein angenehm griffiges, nicht ganz glattes, eierschalenfarbenes Papier, das – allerdings nicht bis knapp an den Rand! – mit einer klassischen Serifenschrift bedruckt ist, liest sich einfach leichter, als ein zu eng, zu voll und/oder zu groß gedrucktes Buch. Wenn es dann noch vollschwarz auf hochweiß und womöglich in serifenloser Schrift daher kommt, dann großes Autsch!
Doch das Formelle soll ja letztlich nicht allein den Ausschlag geben, ob ein Buch gut ist. So bin ich dann doch nicht, nein, und darum habe ich das eine oder andere mich äußerlich nicht ansprechende Buch aufgeschlagen und ebendort zu lesen angefangen, wo ich den Finger hineingelegt hatte. Die Buchhändlerin in mir ist eben nicht auszumerzen. Schlagen mir schon im ersten zufällig ausgewählten Abschnitt zehn Adjektive, zwanzig Füllwörter, dreiundzwanzig Klischees und siebzehn Wiederholungen entgegen, schlucke ich erst einmal leer und versuche es mit einem nächsten Abschnitt. „Plötzlich ganz unvermittelt kriegte ich Gänsehaut“. Schon wieder großes Autsch. Nächstes Buch. Und so weiter.
Ja, lästere du nur Sofasophia! Bis du den Mut hast, eines deiner fast fertigen Manuskripte zu veröffentlichen …, dachte ich. Diese Autorinnen und Schriftsteller hier haben immerhin Mut!. Und wenn die sich trauen, dann könntest du es eigentlich auch. Schlechter kann es ja nicht sein, was du gesponnen hast.
Im städtischen Kunstsaal, wo Irgendlink und ich anschließend einer Führung durch die Ausstellung eines regionalen Kunstfotografen beiwohnten, hüpfte mein Kulturherz vor Freude. Ich war von der Vielfalt der Themen und auch von der Hängung begeistert. Diese zeugte von großem Verständnis und Gespür für den Inhalt der Bilder. Dennoch … die Führung war für meinen Geschmack zu lang, denn ein sich selbst erklärendes Bild muss, ebenso wie ein guter Text, nicht erklärt werden. Es und er sind sich selbst genug.
Na ja, wir sind eben alle, wie gesagt, exhibitionistisch veranlagt … Vielleicht sichern wir uns gar so das Überleben?
Wie das Internet unser Denken verändert
Heute Morgen in der Zeitschrift DU geniale Gedanken über unseren täglichen Umgang mit dem Internet gelesen:
Anthroplogie – Nicholas Carr
Wie das Internet unser Denken verändert
Literaturstudenten, die keine Bücher mehr lesen. Informationsstakkato, das die Kreativität blockiert. Nervenstrukturen, die sich rasch umwandeln: Der Erfolg der digitalen Technik verändert nicht nur unser Leben, sondern auch unser Gehirn. Nicholas Carr zeigt, in welche Richtung.
Hier gucken für Infos zum DU-Heft. Eine Leseprobe aus dem Buch („Wer bin ich, wenn ich online bin …“), woraus der Artikel aus dem DU-Heft zitiert worden ist, gibt es hier.
Ach, und schon bin ich mittendrin, mitten im weltweiten Netz von Links und Hyperworld. Hilfe, ich bin eine Gefangene im Netzwerk unserer Bilder-Community!, habe ich vor drei Tagen zu meinem Liebsten gesagt, spätabends, vor dem Laptop sitzend.
Internet macht zwar Multitasking, aber wir sind dabei – weil sich unser Hirn im Laufe der Zeit verändert – andere Kompetenzen zu verlieren. Urteilsvermögen zum Beispiel. Wir übernehmen auch nur so als Beispiel ungefragt Vorgaben und Strukturen, die das Internet vorgibt. Die vermeintliche Freiheit von Internet ist trügerisch. Wir sind alles Süchtige. Wir lenken uns ab. Wir verlieren Tiefgang und Konzentrationsfähigkeit. Sagt Carr. Und vieles mehr, das sehr lesenswert ist. Und zu denken gibt.
Von Schiebereglern und anderen Lebensnotwendigkeiten
Ich komme zu nichts. Das heißt eigentlich vor allem das: ich komme nicht zum bloggen. Dabei hätte ich so viele Ideen. So viele Dinge, über die ich schreiben möchte. Über das Leben zum Beispiel. Und über die Menschen.
Ihr müsst wissen: hier …, also genau da, wo die Pünktchen sind – so jedenfalls stellte ich es mir heute Morgen vor, als ich den Notizzettel, der jetzt neben mir liegt, geschrieben habe – hier wäre also ein Screenshot einer geöffneten App. Das Abbild meines iPhone-Bildschirmes, deutsch gesagt. Es würde die Mini-Schieberegler zeigen, mit denen ein Bild auf dem Display des iPhones bearbeitet werden kann. Links dunkel, rechts hell. Links keine Sättigung (sprich schwarzweiß), rechts übersättigtes Bild. Links wenig, rechts viel Kontrast. Und so weiter.
Das Bild habe ich nicht gemacht, ihr stellt es euch jetzt einfach mal vor.
Und stellt euch gleich auch die Menschen in eurem Umfeld vor. Sie alle haben Eigenschaften. Es gibt keinen Menschen ohne Eigenschaften. Nennen wir sie hier einfach mal Kontraste. Stellt euch weiter vor, dass es für jede der Eigenschaften einen Schieberegler gäbe. Links Antipathie, rechts Superempathie. Zum Beispiel. Oder Links sozialkompetent, rechts diktatorisch.
Nehmen wir mal die Generalin vom vorletzten Artikel: Ihr Schieberegler wäre beim letzten Punkt ganz rechts. Nur so als Beispiel.
So setzt sich jeder Mensch aus hunderttausendsiebenhunterdreizehn Nuancen zusammen und hier hinkt das Bild auch schon. Natürlich kann ein Mensch nicht mit Schiebereglern erfasst werden. Dennoch, um das Bild noch ein klein bisschen auszureizen, jeder Mensch hat eine absolut noch nie dagewesene Farbmischung, obwohl es doch nichts neues unter der Sonne gibt. Das Bild hat was!
Die zweite Schule übrigens, die ich gestern besucht habe, war ganz anders, als jene, die ich am letzten Donnerstag besucht habe. Die Verantwortliche war wohl ähnlich alt und auch relativ streng, doch – um unsere Regler zu zitieren – war ihre Strenge liebevoll-sensibel nicht diktatorisch. Sie nahm die Kinder ernst und ihr Umgangston war wohlwollend.
Ob ich das Bearbeiten von Bildern so mag, weil ich mir dabei die Welt nach meinem Gusto zurechtfärben und zurechtkontrastieren kann?
Apropos: Bei einer Ausstellungsausschreibung in Frankreich* zum Thema „schnelllebig“, wo ich vor ein paar Wochen Bilder einreichen konnte, habe ich offenbar überzeugt. Alle meine Bilder wurden angenommen. Eins davon wird sogar – mit neunzehn anderen – in Großformat ausgestellt. Dass Irgendlink ebenfalls im Boot ist, macht mich doppelt froh!
Ab Ausstellungsbeginn werden alle Bilder virtuell hier ausgestellt: klicken!
haben und sein
Am liebsten würde ich jetzt, genau jetzt, am Feuer sitzen. Oder als Option an der Sonne. Ich würde Reichlin lesen. Die Sehnsucht der Atome. Aber nein, darf ich nicht. Keine Zeit. Im Kopf diese Ruhelosigkeit. Verzettelung. ToDo-Hamsterrad. Sogar hier, auf dem einsamen Gehöft, wo sich Fuchs und Hase Guten Morgen zuflüstern. Allerdings sind die ToDos hier oben auf dem Berg selbstgestrickt. Bis zum Antritt meiner neuen Stelle im August zumindest. Ein einfaches ruhiges bescheidenes Leben. Alle Zeit der Welt. Jeden Tag wie er grad kommt.
Endlich Muße zum Schreiben. Eigentlich. Wie jetzt. Ich sitze zum ersten Mal an meinem neuen Arbeitsplatz. Auf der großen weißen Schreibplatte, die Irgendlink herbeigezaubert hat. Unter dem Dachfenster. Blick auf den Wald. Auf den Grat. Ich schreibe auf meinem alten Laptop und noch bin ich in meiner Künstlerinnenhöhle nicht mit dem weltweiten Netz verbunden. Noch schiebe ich Texte via USB-Stick von Rechner zu Rechner, denn das drahtlos-weltweite Netz von Irgendlink reicht nicht bis zu mir. Technik nur und alles eine Frage der Zeit.
Zeit. Zeit haben für … Keine Zeit haben, um …
Ja, ich möchte bereits fertig eingerichtet sein, fertig ausgepackt, doch da ist jeden Tag so viel anderes, das mich beschäftigt. Und eilen mag ich nicht. Zuviel Stress hatte ich in den Monaten zuvor. Alles hier hat eine andere, eine neue Wichtigkeit. Genau jene, die ich ihm, allem einzelnen, gebe. Der Wäsche, die ich wasche ebenso wie dem Brot, das ich backe. Doch vor allem schiebe ich endlich die Kunst in den Vordergrund. Das Fotografieren. Überall Sujets, die sich mir in den Weg stellen. Ebenso wichtig ist mir das Bearbeiten der Bilder und die Pflege meiner Bilddateien und der Kontakte innerhalb der iPhoneart-Community.
So weit so gut, doch am allermeisten geht es um Spurensuche: Wohin bin ich unterwegs? Was ist das Ziel meiner Kunst, meines Ausdrucks? Was habe ich zu erzählen, wenn oder falls ich denn etwas von allgemeinem Interesse zu erzählen habe? Und wer – hier kommt nun die alles entscheidende Frage – wer bitteschön sagt, wo die Linie zwischen Kunst und Nichtkunst verläuft?
Mal losgelöst von unseren künstlerischen Stoffwechselprodukten* und deren diskutierbarer Qualität: Ist Kunst, was mehr als einem oder einer gefällt? Nein, ich will keine neuen Definitionen, darum muss die Frage anders lauten: Wer definiert Kunst? Die Mehrheit? Eine kleine, bestimmende, (ein)gebildete Minderheit?
Muss ich die Antwort kennen, um meine Kunst kreieren zu können? Werde ichweiterhin meinen Weg gehen oder werde ich mich anpassen?
Was will ich überhaupt mit meinen Bildern? Anerkennung? Auch so ein Thema … Wer will sie nicht? Ich gestehe, dass mir die kürzlich erfolgte Ernennung zur Künstlerin des Tages Rückenwind gegeben, mir gut getan hat. Ja, Anerkennung tut gut, aber sie raubt dir auch die Unschuld. Sie schraubt die Messlatte höher und nun darfst du keinen Schrott mehr liefern.
Schrott? Zuweilen, wenn ich mich durch die laufend neu eingestellten Bilder auf der Gallerie von ipa, unserer Bilder-Community, klicke, schlucke ich leer ob der vielen leeren Bilder. Wo verläuft gleich noch die Linie zwischen Kunst und Nichtkunst und welche Kompetenzen habe ich, das zu beurteilen? Ich brauche Bilder, die mich berühren. Die mag ich und die inspirieren mich. Der entscheidende Punkt ist das Maß der Berührung. Geist und Seele atmen auf, sie freuen sich über Stimulation, über ästhetische Herausforderung, die Kopfgrenzen auch mal kitzeln oder ins Einstürzen bringen darf. Doch sind Kreationen, die uns berühren, nur schon deshalb Kunst?
Beim Schreiben habe ich mich immer wieder mit ähnlichen Themen beschäftigt. Besonders innerhalb meiner nicht-virtuellen, höchst inspirierenden Berner Schreibgruppe. Der Stil von A. ist einfach unnachahmlich. Dicht. M.s Figuren haftet stets dieses leicht absurde an, während S. immer einen Touch Grusel in seine Texte einpackt. Muss ich deswegen nun auch gruselig, absurd, dicht oder sonst wie schreiben? Muss ich nicht. Entweder jemand mag meine Schreibe – was mich natürlich freut – oder er oder sie mag meine Schreibe nicht. Damit kann ich leben. Wie wichtig ist dennoch der Austausch? Wie wichtig ist, dass ich mich vernetze, dass ich die Werke anderer anschaue, lese, betrachte, mich inspirieren lasse?
In unserer Bilder-Community kann man sich durch Kommentare schreiben und Favoriten wählen, vernetzten. Worüber Irgendlink und ich zuweilen scherzen. Wer von uns beiden hat mehr Fans? Bei wem wurden mehr Bilder als Favoriten ausgewählt? Ich schleime mich ein, du schleimst dich ein, wir schleimen uns ein? Ist die Quantität der Kommentare ein Hinweis auf die Qualität der Bilder?
Sind meine Bilder anders geworden, verkrampfter, seit ich neulich Künstlerin des Tages sein durfte? Sind meine Bilder anders, seit ich herausgefunden habe, was andern besonders gut gefällt?
Ich muss auf einmal an meinen Deutschlehrer im Gymnasium denken. Er stand auf dramatische Texte, also schrieb ich dramatische Texte. Nein, damit habe ich weniger meine Seele verkauft als mir bewiesen, dass ich nach Auftrag schreiben kann. Könnte.
Doch am liebsten beschreibe und fotografiere ich, was ist. Was ich sehe. Was mich beschäftigt.
Und noch lieber lese ich jetzt gerade ein paar Seiten Reichlin.
_______________________________________________________________
* eine ältere Wortkreation meines Liebsten
(verfasst heute Nachmittag)
hingefahren – Teil 2
Schreiben sei Luxus, sagte die Stimme im Traum, die tat als wüsste sie. Sie weckte mich morgens um vier. Es gäbe viel zu tun.
Nichtschreibend die Welt betreten.
Im Garten das Beet bepflanzen. Die Wohnung aus- und einräuchern. Frühstücken zuerst. Brot und Käse. Trinken. Tee. Saft. Ja. Vielleicht besser nicht mehr schreiben. Nicht schreibend leben. Schreiben wozu auch? Wer einmal MRs Lyrik gehört hat, wer sich ihre Sätze, ihre Wortgefüge auf der akustischen Zunge hat zergehen lassen … Ach, was rede ich da.
Vergleichen ist müßig. Blaugrünes Blau und grünblaues Grün müssen nicht gleich sein. Rot gleich wenig wie grau oder gelb.
Schreiben ist Luxus, sage ich. Mag sein, doch einer, den ich mir gönne solange es noch Wörter hat.
zu MRs Wortspielereien: begriffsstudio.de
ausgewählte Texte von MR: lyrikline.org
Resümee
Ein paar Bilder vom Wochenende:
Samstag – das Fest …





****************************************************************************
Sonntagnachmittag – bei N. …




Die Skulpturen habe ich mit freundlicher Einwilligung der Künstlerin Walburga abgebildet.
(siehe: www.steinbildhauerei-herrmann.de)
weitgereist
Am Anfang war Axels Einladung. Vor Wochen schon. Dass wir herzlich eingeladen seien, mit ihm seinen fünfzigsten Geburtstag zu feiern. Obwohl wir ja Axel nur aus der Blogospähre kannten und umgekehrt. Seltsamerweise freuten sich Irgendlink und ich sehr, obwohl wir doch beide nicht unbedingt die Typen für Großanlässe sind. Auch Bloggerin Wildgans sei eingeladen, schrieb Axel. Was alles ein bisschen leichter machte und zusätzlich unsere Neugier weckte. Wann hast du schon die Gelegenheit, Bloggende live kennenzulernen?
Bloggen ist so eine Sache. Bloggenden sind ja auch bloß Menschen. Doch wer sind sie wirklich – so ganz ohne den schützenden Vorhang des weltweiten Netzes? Bloggende zu enttarnen birgt schon so gewisse Risiken. Von Nebenwirkungen solcher Enttarnungen will ich gar nicht erst reden. Oder doch einfach kurz erwähnen, dass jene von Irgendlink und Sofasophia vor bald zwei Jahren nicht ohne Folgen geblieben ist. Ich wäre heute, ohne diese, nicht mit Sack und Pack hier, auf dem einsamen Gehöft.
Samstagmittag. Wir fuhren also los. Nach Franken, wo Axel lebt und das – wie ich gelernt habe – zwar Bayern ist, aber eben doch nicht richtig Bayern. Franken eben.
Ein bisschen schüchtern waren wir schon, als wir die vielen Leute sahen, doch Axel und seine Liebste hießen uns so herzlich willkommen, dass wir uns auch tatsächlich schon sehr bald sehr willkommen fühlten. Ein Lächeln hier, ein freundliches Wort da und schließlich dürfen wir Wildgans und ihre kleine Schwester R. kennenlernen. Sympathische Menschen überall. Eine sehr angenehme Atmosphäre. Da und dort werden kleine und große Gespräche geführt. Und unbedingt muss hier auch das wunderbare Büffet erwähnt werden. Köstlich!
Livemusik. Lachende Menschen. Einlagen aller Art. Verwandte, Arbeitskolleginnen und –kollegen und der große Freundeskreis haben sich mächtig ins Zeug gelegt, mit akustischen, visuellen und verbalen Einlagen den sympathischen Jubilaren zu ehren.
Spätnachts, im Pensiönchen, fallen wir todmüde in unsere Betten, um nur wenige Stunden später mit den anderen Gästen in der Gaststube zu frühstücken. Spätstück gab’s dann gleich anschließend, zurück in der Mühle. Wieder schöne Begegnungen. Kürzere und längere Gespräche. Die Einladung gar, am traditionellen Pfingstzelten des Freundeskreises teilzunehmen. Welche Ehre!
Gehen, wenn es am schönsten ist, soll man, wird gesagt. So fuhren wir also um den Mittag herum weiter. Anschlusstermin. Auf dem Land. Bei N., einem alten Freund von Irgendlink. Hach, was für eine zauberhafte Gegend, die N. bewohnt! Nur schon die Anreise ließ mein Herz höher schlagen. Und erst der Spaziergang in der Nähe! Gespräche über die Welt, die Liebe und das Leben. Vertrauter Austausch. Unanstrengend. Erholsam. Ja, richtig gut tat es, hier, mitten in der Natur, zu sein.
Als Schlussbouquet besuchten wir Walburga (http://www.steinbildhauerei-herrmann.de/index.html), die uns ihre Steinkunst zeigte. Es juckte mich geradezu in den Händen. Die schon lange in mir dösende Lust, endlich einmal einen großen Stein zu bearbeiten, erwachte mal wieder. Bisher habe ich – leider – erst mit Specksteinen gearbeitet, der Softversion des großen Steines quasi. Ein kleiner Vorgeschmack auf den großen Stein, den harten Stein, gab mir dies trotzdem. Ja, ich habe sehr großen Respekt vor dem Prozess der Steinbearbeitung – vor dem handwerklichen Teil ebenso wie vor dem künstlerischen. Doch eben auch große Lust, mich eines Tages auf diesen Prozess einzulassen.
Schließlich erneut Abschied nehmen. Auch hier gehen wir wieder, wenn es am schönsten ist. Mit der Absicht, bald wiederzukommen oder N. bei uns zu begrüßen.
Heimreise. Autobahn. Gemetzel zwar, doch schön war immerhin die Landschaft, die wir querten. Frühlingsschön. Üppig grün. Blüten überall.
Und schön auch, dabei den Liebsten neben sich zu wissen.
Schön, dieses Ja für einander in sich zu hegen.
Schön, das Leben, diesen Ausschnitt, unseren Ausschnitt davon, genießen zu dürfen.
(Bilder folgen in einem zweiten Eintrag)
Vorhang
Frühmorgens. Schon wach. Der große Tag. Am Nachmittag kommen die Umzughelfenden und wir füllen gemeinsam den LKW, den J. am Montag vollgepackt über die Grenze fährt. Doch heute und bis dahin ist noch viel zu tun.
Heute Abend dann dies hier, lange Wochen vorfreudig erwartet:

Büne ist Meccano Destructif Commando. Zwei Monate lang. Und heute in meinem Lieblingskulturraum. Was für ein Schlussbouquet!
Mehr dazu unter: http://www.buenehuber.ch/
Doch vorher heißt es in die Hände spucken 🙂
Luxus und so Sachen
Bevor ich mich an meine weitere Überarbeitungsarbeit am Loch im Eis mache, die ich zurzeit mit disziplinierter Konsequenz oder konsequenter Disziplin betreibe und vor Mittwoch abschließen will, fällt mir mein Blog mal wieder ein, das verwaiste. Fast verwaiste, jedenfalls.
Natürlich habe ich es nicht vergessen. Im Alltag denke ich ständig: Das blogge ich. Dies muss ich in Worte gießen. Das muss ich mir merken. Aber eben.
Die Zeit. Die Konzentration. Die Tagesform. Die Disziplin. Die Faulheit. Alles Faktoren, die je nach Verhältnis zueinander und von ihrer Position innerhalb der Gleichung dafür sorgen, dass das Produkt gleich Null ist. Ist eigentlich egal, wenn ich nicht blogge. Ja, wenn dann genau noch dieser Gedanke dazu kommt, kann nix entstehen, kann kein Gedanke Text werden.
„Meine Ideen können gar nicht alle aus meine meinem Kopf raus“, sagt Patrick Zeller. Hab ich heute in einem Interview über den vielseitigen Musiker gelesen. In der Kulturagenda vom 16. – 22.12. Das seien allerdings Luxusprobleme, fügt er gleich an.
Ja, recht hat er, denke ich. Realistisch betrachtet sind die meisten Themen, über die wir uns den Kopf zerbrechen, sogar die meisten Probleme, die wir lösen oder zumindest wälzen, eben dies: Luxusprobleme. Ihre Lösung oder Nichtlösung bedroht weder unser Leben noch unsere Gesundheit. Vielleicht bereitet das eine oder andere Unannehmlichkeiten, kleine Einschränkungen, ein bisschen Stress, Herzschmerz oder was weiß ich. Und ob ich etwas davon blogge oder nicht, geht 99,99999% der Menschheit am A… vorbei.
Ist Schreiben und Bloggen, ist Kunst und Kultur Luxus?, frage ich mich und lese weiter in der Kulturagenda. Auf der gleichen Seite finde ich einen Klartext von Thomas Beck. Es geht um die kulturelle Frühförderung.
Ich zitiere: „Erstens haben Kinder nach einem Jahr Musikunterricht einen Intelligenzquotienten, der acht bis neun Punkte höher ist als ohne Musiktraining. Zweitens: Kinder mit Musikunterricht haben ein besseres verbales Gedächtnis. Drittens: Musizierende Kinder können komplizierte Sätze besser verstehen. (…) Leistung, sagt Lutz Jäncke, sei immer ein Produkt von „Wollen mal Können mal Möglichkeit“: Ist ein Faktor gleich null, sei auch das Resultat gleich null. Kinder also, die keine Gelegenheit haben, mit Kunst in Kontakt zu kommen, sind damit von den vielfältigen positiven Sekundäreffekten ausgeschlossen. Kulturelle Bildung ist wahrlich kein „Nice to have“. Ich frage mich vielmehr, wie lange wir es uns noch leisten können, durch eine zu geringe Stimulierung kindlicher Gestaltungslust in der Schule kreative Potenziale ungenutzt zu lassen. Potenziale, die die Gesellschaft der Zukunft auf allen Ebenen so nötig hätte. Das ist die wahre Ressourcenproblematik hinter der kurzsichtigen Finanzdebatte.“ (Zitat Ende. Kursivsetzung durch mich).
Hat da wer was von Luxusproblemen gesagt?
_______________________________________________________________________
EDIT: Heute, es ist der 19.12. 2010, bei Luisa Francia auf salamandra.de ein ganz besonderes Plädoyer für Kunst gefunden:
„wie muss es menschen gehen, deren kindheit eingeschlossen ist in alltagsabläufe und wirklichkeitsvorstellungen, die mit dem eigenen leben absolut nichts zu tun haben! mich hat nicht widerstand befreit, sondern die konsequente treue zu meinen eigenen bildern, meinen überzeugungen, meinen wahrnehmungen. kunst hat mein leben gerettet.“
Quelle: Luisas Internettagebuch-Eintrag vom 19.12.2010 um 12:34:25
(Kursivsetzung durch mich.)