Rasante Verlangsamung

Hast du Angst vor dem Virus?, fragte ich vor einer Woche in meinem letzten Blogartikel. Und verneinte meine eigene Frage. Nun ja, vor einer Woche war das Virus ja auch noch viel weiter weg.

Was wird in einer Woche sein? Noch immer befinden wir uns alle in etwas ganz Neuem drin, da ist etwas, das wir so noch nie erlebt haben. Wir kennen uns nicht aus. Wir haben keine Kontrolle. Wir haben wenig Erfahrungswerte. So wie für jede*n von uns das Älterwerden immer wieder neue Wendungen bereithält – etwas geht unwiederbringlich zu Ende, während etwas Neues entsteht –, fordert uns alle dieses eine Virus heraus, unsere Gewohnheiten komplett auf den Kopf zu stellen.

Es ist näher gekommen. Es betrifft uns mehr denn je. Schulen schließen, soziale Kontakte sollen, um Kontaminierung zu reduzieren, auf ein Minimum heruntergefahren werden. Bei uns noch auf Basis von Vernunft, noch ohne Ausgangssperren, doch kulturelles Leben findet je länger je weniger auf Bühnen und immer mehr online statt. Das Gebot der Stunde lautet, die Ansteckungskurve flach zu halten. Die Rasanz zu verlangsamen.

Bevor Irgendlink heute Morgen losgefahren ist, um einem kranken Freund zu assistieren, haben wir einmal mehr über die Risiken gesprochen und über die Was-wenns. Sein Freund, der mindestens zweimal zur Conora-Risikogruppe gehört, könnte – so überlegen wir – das Virus längst wegen seiner häufigen Klinikaufenthalte mit sich herumtragen. Symptome gibt es ja nicht immer. Wir sind alle verletztlich, niemand weiß, wie unser Körper auf das Virus reagieren wird, wie stark unser Immunsystem ist, wie viel unsere Lungen verkraften. Apropos Lunge: Auch Irgendlink ist Teil der Risikogruppe. (Wie hatte ich so lange verdrängen, dass er vor einigen Jahren fast tödlich an einer ’systemischen Erkrankung mit einer verstärkten Immunantwort’ erkrankt war. Betroffen bei ihm waren vor allem die Lungen. Zwar waren alle Nachsorgeuntersuchungen seither ohne nennenswerten Befund gewesen, doch reagiert seine Lunge sehr sensibel, besonders auf Feinstaub.)

Seit dieser Erkenntnis heute Morgen bin ich doppelt froh um meine Vorsicht. Vielleicht ist es  mir jetzt sogar noch wichtiger als zuvor, dass ich mich nicht anstecke. Um ihn nicht anstecken zu können.

Was ich sagen will? Sobald die Risikogruppe ein Gesicht hat, wirds persönlich. Und oft beginnen wir erst zu handeln, wenn etwas persönlich wird. Nicht, dass wir nicht vorher schon ein wenig gehandelt hätten, doch wird das Handeln je persönlicher desto betroffener wir sind. Es wird zielgerichteter, es wird konkreter, schält sich aus der Abstraktion, die so ein Virus hat, heraus.

Inzwischen soll es (in der Schweiz) übrigens bereits Schnelltests geben, die innerhalb weniger Stunden erste Ergebnisse liefern können. So können Ansteckungsgefahren schneller gebannt werden. Und natürlich, wie gesagt, durch das konsequente Einhalten der behördlichen Empfehlung, soziale Kontakte, insbesondere Menschenansammlungen, möglichst zu vermeiden.

Ob ich immer noch keine Angst vor dem Virus habe? Hm. Doch. Vielleicht schon. Irgendwie. Großen Respekt auf jeden Fall. In Panik zu verfallen, vermeide ich.

Parallel zur wachsenden Angst und zum Ansteigen der Fallkurven sind in den letzten Tagen aber auch einige erfreuliche Dinge geschehen. Ich beobachte da etwas, das ich vorsichtig ein Aufkeimen von mehr Solidarität in der Gesellschaft nennen möchte.

Begrüßenswertes geschieht derzeit insbesondere in der kulturellen Szene und der Klimakrise-Bewegung. Hier entstehen in diesen Stunden wertvolle Online-Aktionen. Eine sehr wichtige Entwicklung! (Und wie schon so oft, wünschte ich mir, dass das Bedingungslose Grundeinkommen schon Realität wäre. Existenzsicherung!)

Wir haben mehr in der Hand als wir denken, geht es mir durch den Kopf.

Bei allem, was wir tun, sollten wir immer alle anderen mitdenken, die, die womöglich gerade jetzt mehr gefährdet sind als wir. Kollektiv vor Individuum.


Veranstaltungen

Musik (für Klassikfans)
Igor Levit spielte gestern online für sein virtuelles Publikum. Link
Heute geht es hier weiter: Link
Tägliche Konzerte, weiterhin täglich um 19:00 hier: Link

Lesung
Jasmin Schreiber liest heute Abend um 20:00 aus ihrem Bestseller Marianengraben, den ich neulich rezensiert habe, moderiert von Natascha Strobl: Link.
Allgemeine Infos hier: Link.
Zukünftige Lesungen von Jasmin Schreiber auf ihrem Twitchkanal: Link.

Klimademos
Wegen Corona wird ab sofort online demonstriert. Hier zum Beispiel: Link.

Depression zwischen Buchdeckeln #8 | Ausgelesen #31 | Marianengraben von Jasmin Schreiber

»Es geht um Depression, Trauer, kleine Brüder und um die langsamste Verfolgungsjagd in der Geschichte der Verfolgungsjagden.« So beschreibt die Autorin Jasmin Schreiber ihr Buch Marianengraben auf ihrer Webseite. Was irgendwie stimmt, aber irgendwie auch viel zu tief stapelt. Denn das Buch ist mehr. Es ist eine Liebeserklärung an das Leben. Nun ja, nicht von Anfang an, denn am Anfang wird gestorben. Paulas zehnjähriger Bruder Tim ertrinkt. In den Ferien. Und Paula, die Ich-Erzählerin, ist nicht da, um ihn zu retten.

Das Buchcover hat einen dunkelblauen, tiefseefarbigen Hintergrund. Darauf in hellviolett die Tentakeln eines Tintenfisches. In der Bildmitte in hellblau der Buchtitel, darüber kleiner der Name der Autorin, darunter der Begriff Roman, ganz unten am Bildrand der Verlagsname.
Cover des vorgestellten Buches

Paula, die kurz vor ihrer Doktorarbeit als Biologin steht, fällt in eine tiefe Depression. Zwei Jahre lang mäandert sie in tiefer Trauer durch ihr Leben und beginnt schließlich und endlich mit einer Therapie. Ihr Therapeut, mit dem sie – um dem Kern ihres Schmerzes nicht in die Augen schauen zu müssen – stundenlang über Kochrezepte diskutiert, gibt Paula den entscheidenden Schubser, der dazu führt, dass Paula eines Nachts Helmut kennenlernt. Eine turbulente Begegnung mit Folgen, die weder Paula noch Helmut hätten ahnen können. Und Hündin Judy schon gar nicht.

Paula begibt sich spontan zusammen mit Helmut auf eine abenteuerliche Reise. Und es wird eine von jene Reisen, die Menschen zuweilen brauchen, um zu sich selbst zurückzufinden. Paula, von Helmut zuweilen Heulboje genannt, da sie beim kleinsten Anlass in Tränen ausbricht, erzählt hier von ihren Erlebnissen nach dem Tod ihres Bruders und so ist dieses Buch letztlich ein einziger langer Brief an Tim, in welchem sie sich immer wieder an Gespräche mit ihm erinnert. Und an seine Begeisterung für das Meer, deren tiefste Stelle, der Marianengraben, den Titel für das Buch liefert. Aus Gründen. (Und ganz nebenbei lernen wir auch viel über die Tiefen der Tiefsee.)

Weil sich Paula an Gespräche erinnert, erfahren wir viel über die Dynamik ihrer Beziehung zu Tim. Ihre Kapitel benennt Paula nach der jeweils aktuellen Tiefe ihres persönlichen Marianengrabens, dem Synonym für ihre Trauer.

»Jetzt liebe ich dich nur noch gefangen in einer Zwischenwelt aus Präteritum und Konjunktiv und in einer Realität, die vor deinem Tod ein Leben und danach nur noch ein Zustand war.« (S. 9.)

»Ich hatte schon oft in meinem Leben das Gefühl, einsam zu sein. […] Aber erst jetzt verstand ich, dass man nur wirklich einsam ist, wenn man zurückbleibt, wenn man übrig ist. Und dann fährt man in die Berge, weil sie so unendlich groß und mächtig sind und man selbst so klein, und man hofft, dass das irgendetwas kompensiert. Dass die Weite des Gebirges den Raum ausfüllen kann, den der andere zurückgelassen hat, dass das Schmelzwasser der Gletscher in alle kleinen Ritzen und Lücken eindringt und alles wieder mit Leben befüllt. Aber kein Gebirge der Welt kann diese Leere kompensieren.« (S. 52)

Jasmin Schreiber, ursprünglich Biologin wie Paula, schöpft, was das Sterben betrifft, aus einem tiefseetiefen Erfahrungsschatz. Sie begleitet ehrenamtlich Eltern, deren Kinder im Sterben liegen oder gerade gestorben sind. Als ehrenamtliche Trauerbegleiterin weiß sie, wovon sie redet. Und auch Depressionen sind ihr persönlich bekannt.

Ihre beiden Figuren hat sie sehr glaubwürdig und vielschichtig gezeichnet. Helmut und Paula kommen sich im Laufe der Reise, die sie zusammen unternehmen, innerlich näher und teilen Gefühle und Gedanken um geliebte und verstorbene Menschen. Sie sprechen sozusagen die gleiche Sprache, die Sprache der Trauer.

»Wenn Trauer eine Sprache wäre, hätte ich jetzt zum ersten Mal jemanden getroffen, der sie genau so flüssig sprach wie ich, nur mit einem anderen Dialekt.« (S. 96)

Wer jetzt aber meint, dass Marianengraben ein furchtbar trauriges Buch sein muss, täuscht sich. Und zwar mega. Noch nie habe ich über Trauer so ein witziges Buch gelesen, und das ohne jegleiche Plattheiten, Geschmacklosigkeiten oder Kitsch. Wer allerdings Heile-Welt und Happy End sucht, ist hier falsch.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal gleichzeitig so viel gelacht und geweint habe. Trotz aller Situationskomik erzählt die Autorin hier eine sehr schmerzhafte Geschichte, eigentlich sogar mehrere. Geschichten aber,  die mich allesamt – mit meinen eigenen Trauergeschichten – ein bisschen getrösteter zurücklassen. Und die mir Hoffnung schenken. Und immer wieder ein Lächeln.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei der Autorin und beim Eichborn-Verlag für das nicht nur innen, sondern auch außen wunderschön gestaltete Buch.


Eichborn Verlag

Webseite der Autorin: www.jasmin-schreiber.de

Dankeschön

Liebe Menschen

Blogbuchcover mit Blogtitel und Jahreszahl. Im Hintergrund blaue Kennzeichnungen auf dem rauh gesägten Holz eines gefälltem Baumstammes
Blogbuchcover mit Blogtitel und Jahreszahl. Im Hintergrund blaue Kennzeichnungen auf dem rauh gesägten Holz eines gefälltem Baumstammes

Auch wenn ich nicht blogge, schreibe ich, denn Schreiben ist für mich wie Atmen: überlebenswichtig.

Obwohl ich die Kommentarfunktion fast immer ausgeschaltet habe, nehme ich euch wahr. Ich danke euch dafür, dass ihr in eurem Leben eine kleine Nische für mich freigeräumt, in welcher ich meine Gedanken ausbreiten kann.

Mal kürzer, mal länger, die runden ebenso wie die kantigen. Die halbgaren Ideen ebenso wie manche Geschichten, die mir durch den Kopf und von da aus in die Tasten gehen. Aus meinen Blogtexten des vergangenen Jahres ist erneut ein Buch geworden, ein Blogbuch.

Ich bin dankbar für jede und jeden einzelne*n von euch. Auch für all jene Leserinnen und Lesern, die ich weder persönlich noch virtuell kenne. Danke für all die vielen stillen Mitlesenden. Danke, dass ihr an meinem Leben teilnehmt. Danke, dass ihr da seid.

Herzliche Grüße aus meiner Wörterwebstube
Sofasophia

+++

Diese Bücher dienen mir zur Erinnerung für das, was ich gedacht, gefühlt, erlebt und in Worte gefasst habe. Wider das Vergessen. Wenn ich sie euch hier zur Verfügung stelle, dann in der Hoffnung, dass ihr das Copyright respektiert und sie nur zum Eigengebrauch nutzt. Die Tippfehler gibts gratis obendrauf.

Verständnis

Drei rotbemützte Bäume
Drei rotbemützte Bäume, verfremdet

Ich verstehe, warum wir uns Halstücher und Mützen anziehen. Krawatten werden mir wohl immer ein Rätsel bleiben.
Ich mag Barfußgehen auf der Erde und durch nasses Gras. Gehen in Stöckelschuhen tut mir nur schon beim Zuschauen weh.
Ich verstehe mich auf Schönheit und Ästethik. Nicht auf Effekthascherei.
Ich kann Stimmungen hinter der Schminke lesen. Von Maskeraden und Make-Up verstehe ich nichts.
Ich verstehe etwas von der Sprache der Liebe. Nichts aber von jener der Image- und Machtsymbole.
Ich erkenne, wenn jemand Hilfe braucht. Von Intrigen und Powergames habe ich keine Ahnung.
Ich liebe es, spontane Geschenke zu machen, aber mit Schenken-auf-Befehl kann man mich weit weg jagen.
Ich verstehe etwas von Gefühlen, mit dem Missbrauch derselben bin ich allerdings immer wieder überfordert.
Ich mag es, mir eine eigene Meinung zu bilden, sie aber als die einzig richtige zu betrachten, geht mir gegen den Strich.
Ich freue mich über Rückmeldungen für mein Tun. Auf Lob zu warten mag ich dennoch nicht.
Ich mag es, Herzblut und Zeit an Freundinnen und Freunden zu verschenken. Mich aber von Menschen ausnutzen und klein machen zu lassen ist überflüssige Kraft- und Zeitverschwendung.
Ich echauffiere mich immer mal wieder über Dinge, die andere tun oder lassen. Hasskommentare und Hassaktionen* gehen dennoch absolut nicht.
Ich verhalte mich solidarisch. Ausgrenzung und Ausbeutung toleriere ich nicht.
Ich stehe für Würde. Sie ist weder freiwillig noch ein Konjunktiv, sondern ein Menschenrecht.


*Bitte Petition unterzeichnen: Effektiver Opferschutz von Betroffenen der Onlinekriminalität
Danke im Namen der Betroffenen.

Die Ochsen mal wieder

Bereits vier Jahre und elf Monate ist es her, seit ich die Ochsen das letzte Mal in der Kupferschmiede Langnau spielen hörte. Natürlich war das nicht das letzte Konzert von Patent Ochsner, das ich seither gehört habe, doch gehe ich im Gegensatz zu früher aktuell nur noch selten an Konzerte. Den Ochsen und Ochsinnen aber halte ich die Treue.  Jahr um Jahr. Wann immer es geht.

Letztes Jahr tourte die Band leider nicht, darum besuchten wir, um das Leck zu füllen, vor elf Monaten ein Konzert, das Mimmo Locasciulli zusammen mit Büne Huber, dem Kopf von Patent Ochsner, ausgerichtet hatte (ich habe berichtet).

Langnau und Kupferschmiede? Das heißt endlich mal wieder Freundin B. (2) zu sehen. Vermutlich habe ich die meisten Ochsner-Konzerte mit ihr besucht. Mit ihr und immer wieder anderen Begleitungen. Auch Irgendlink war jetzt schon das xste Mal mit dabei – in über zehn gemeinsamen Jahren kommt da ja schon so einiges zusammen.

Nun ja, mit B. geht es irgendwie nicht anders als ganz vorne an der Bühne zu stehen. Und obwohl ich in den letzten Jahren deutlich lärmempfindlicher geworden bin, war es auch diesmal nicht zu laut. Vorne ist zudem am wenigsten Ablenkung durch tuschelnde Menschen, durch Unruhe im Publikum; und maximale Fokussierung auf die Musik ist möglich. Neben der tollen Musik ist man vorne einfach irgendwie ganz anders mitten drin. Die Menschen, die für uns ihre Tasten, Blechinstrumente, Saiten und Felle in Aufruhr versetzen, die uns mit ihrem Lachen, mit ihrer Kreativität, Übermut, Lebensfreude und Musikalität verzaubern, sind vorne ganz nah. Unmittelbar erlebbar.

Die Band hat eine Bühnenpräsenz, die mich jedes Mal mitreißt. Das hier ist nicht einfach nur eine tolle Show, das hier sind Menschen, die sehr präsent sind, sehr begeistert von dem, was sie tun, sehr lebendig und stark. Büne schiebt da und dort ein paar Worte ein. Zur Weltlage zum Beispiel. Über das Gute, das wir dem Hass entgegenhalten sollen. Er bezieht Stellung, er hat eine klare Haltung. Das Publikum, Jung und Alt, Kinder und Seniorinnen, hört aufmerksam zu. Es geht uns alle an. Wir alle können die Welt, unsere Umwelt, lebenswerter machen.

Eine Pause gibt es keine. Nach zwei Stunden ist das saugut zusammengestellte Konzert zu Ende gespielt und meine Füße sind müde vom Stehen und Tanzen. In mir drin diese Jetzt-Freude, wie ich sie bis jetzt an jedem Ochsen-Konzert erlebt habe. Eine Energie- und Akkuladung der ganz besonderen Art. Ich liebe diese Verbundenheit mit allem. Mit den Klängen, mit den lieben Menschen neben mir, mit den Musiker*innen auf der Bühne, mit mir selbst. Glück? Ja. Nennen wir es Glück.

Natürlich gibt es eine Zugabe. Und dann kommt er, dieser Moment, den ich jedes Mal habe, wann immer ich das Lied Für immer uf di höre. Ich löse mich auf. Ein Lied, das buchstäblich so schön ist, dass es weh tut. Dass mir jedes Mal, wenn ich es höre, von neuem die Tränen über die Backen rinnen lässt.

Vor der letzten Zugabe gibt es noch so einen Gänsehautmoment, einen, wie ich ihn noch an keinem einzigen meiner unzähligen Ochsner-Konzerte erlebt habe: Um die Ochsen und Ochsinnen wieder auf die Bühne zu locken singt der Saal den Refrain von Scharlachrot:

I boue mir myni tröim uuf rund um di
& male se scharlachrot a
I brönne mir di name z mitts i mys härz
chönnt schwöre dass I ewig blybe we üs nüt
drzwüsche chunnt.
(Lyrics)

Und jetzt passiert es: Auf einmal singt der ganze Saal mit. Kein Zugabe-Klatschen mehr. Kein Getuschel. Keine andere Geräuschen außer die singenden Stimmen. A cappella und saalfüllend.

Und natürlich kommt die Band nochmals. Und natürlich singt sie zum Abschluss Scharlachrot für uns. Eins der Lieder, die mir auch nach über zwanzig Jahren noch unter die Haut fährt.

Ich glaube, das war das berührendste und beste Oxenkonzert ever, sagte Irgendlink am Schluss.

Ich habe zwei kleine Videos auf Instagram eingestellt.
Büne über Gutmenschen
Monic rockt die Kupferschmiede

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Kleine Bildergalerie

Und jetzt noch zwei Screenshots aus den Stories* des Patent Ochsner-Accounts auf Instagram. Gescreenshotet, weil wir da drauf sind. Und weil ich mich so freue, dabeigewesen zu sein. (Die Pfeilchen zeigen, wo wir standen.)

EDIT: *Die Filmsequenz, aus welcher ich den ersten Shot geklaut habe, ist jetzt, 11.11.19, in den Ochsen-Highlights zu sehen.

Auf dem Screenshot ist die violett beleuchtete Bühne mit den Musiker*innen zu sehen, davor ein paar Reihen Publikum, ganz vorne sind wir drei, mit drei Pfeilen markiert.
Screenshot der Instagram-Stories von Patent Ochsner

Büne Huber singt ins Mikrofon, hellgrünes Licht, neben Bühne der Keyboarder. Auf dem Bild folgender Text: Always be yourself aber immer alwayser be a Gummibaum, in Anspielung auf das Lied Gummibaum. Rechts im Bild Irgendlinks halber Kopf als Schatten von hinten.
Screenshot der Instagram-Stories von Patent Ochsner

 

Wie Menschsein sein könnte

Ich habe da schon lange so ein Ideal vom Menschen und vom Menschsein in mir drin. Mein Ideal, wie wir sein könnten. Wie wir sein sollten. Wie ich gern wäre.

So ist mein idealer Mensch liebevoll und geht sowohl mit sich selbst als auch mit seinen Mitmenschen achtsam um. Selbstliebe und Liebe sind seine innere Haltung, die sein Handeln steuert. Ungekünstelte Liebe, die aus dem Selbstverständnis und dem Verständnis vom eigenen Wert und dem Wert jedes anderen Wesens gewachsen ist.

Mein idealer Mensch handelt respektvoll, kreativ, reflektierend und auch wenn er Fehler macht – denn die macht er, und nicht zu knapp! –, bleibt er den anderen und sich selbst gegenüber liebevoll. Er verzeiht sich selbst.

Je nachdem, was mein idealer Mensch für ein Temperament und für einen Charakter hat, arbeitet er eher still vor sich hin oder macht sich sichtbar. Er setzt sich für eine lebenswertere Welt ein, im Bewusstsein, dass alles vergänglich ist. Er ist gegenwärtig, ist sich aber sein Vor- und sein Nachher jederzeit bewusst. Mein idealer Mensch ist in der Lage, jetzt aus Überzeugung zu agieren und auf Umstände zu reagieren.

Dieser ideale Mensch ist sich nicht zu schade, den Dreck aufzuwischen, den andere verursacht haben – zum Wohl aller. Er tut es ohne jede Servilität, weil er weiß, dass alle zusammen im gleichen Boot sitzen. Aber er tut es auch in einer kritischen Haltung, denn er lässt sich nicht ausnützen. Er hat Rückgrat und eine klare innere Haltung.

(Ja, ich weiß, ich habe sehr hohe Ideale. Geht das auch in kleiner?, fragen manche. Nö, geht nicht.)

Ein solcher Mensch gedeiht natürlich nicht von allein und das ideale Umfeld um darin ideal aufzuwachsen gibt es natürlich auch nicht, so wie es auch die ideale Kindheit nicht gibt. Und auch die idealen Lebensbedingungen gibt es nicht.

Außerdem haben manche mehr Glück als andere. Und manche haben tauglichere Krücken als andere. Manche können mit den zur Verfügung stehenden Werkzeugen besser umgehen als andere. Manche haben von Natur aus ein sonnigeres Gemüt als andere. Und vergessen wir nicht: Ganz viel, was geschieht, mit uns geschieht, können wir nicht beeinflussen. Und alle erleiden wir im Laufe des Lebens Verletzungen, die uns beeinflussen. Unser Denken, unser Handeln.

Kurz: Wir alle leben nicht unter idealen Bedingungen und unsere Befindlichkeiten sind selten ideal. Darum können wir oft nicht unseren Idealen gemäß denken und handeln. Ich jedenfalls bin von meinem Ideal weit entfernt. Dennoch und vielleicht auch darum bin ich froh, dass ich ein paar Vorbilder habe, die Selbstliebe, Schwachseindürfen, Empathie leben. Ja, ich weiß, Vergleiche sind müßig und ja, auch diese Menschen sind nicht ideal. Dennoch denke ich, dass wir alle Vorbilder und Ideale brauchen, um uns vorwärts zu entwickeln.

Es braucht Menschen wie Greta Thunberg oder Luisa Neubauer. Oder auch wie die neuseeländische Präsidentin und viele andere, die im Stillen handeln. Es braucht Menschen, die nicht aus Profiliersucht Gutes tun, denen es egal ist, was die andern von ihnen denken, die ihr Handeln am Nutzen für andere messen, nicht am Nutzen fürs eigene Ego.

Es braucht einen Wertewandel. In allen Lebensbereichen. Je länger je dringender.

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Apropos Wertewandel:
Gestern habe ich das neue Asterix-Heft – Die Tochter des Vercingetorix – verschlungen. Ich kann es nur herzlich empfehlen.

Hier gibts einen kleinen Happen zum Anfixen:

Die vier abgebildeten Comic-Strips aus dem neuen Asterix-Band zeigen eine Szene auf dem Schiff. Im ersten Bild sieht man zwei alte und einen jungen Gallier, die darüber reden, dass sie die Tochter des Häuptlings in Sicherheit bringen müssen. Der junge Mann ist Kapitän des Schiffes und heißt Letibix. Normalerweise transportiert er Blumen. Er zitiert im dritten Bild den Beatles-Song Imagine. Ihr mögt sagen, ich bin ein Träumer, doch wie ihr, glaube ich, dass eines Tages Frieden herrschen wird.  Im vierten Bild sagt er: Stellt euch vor, es gibt keine Grenzen mehr, Römer und Gallier tauschen ihre Waffen gegen Saatgut und pflanzen überall gemeinsam Getreide und Blumen ...
Halbe Seite aus dem neuen Asterix-Band (Bildbeschreibung im Quelltext)

Notizen am Rande #4

Früher war das Internet – die Blogosphäre insbesondere, und ja, auch Twitter – eine Spielwiese; wie Frisbees flogen unter den Blog- und Twitterparkbäumen Texte und wohlwollende Kommentare durch die Luft das Netz, man begleitete sich gegenseitig , man besuchte sich, diskutierte miteinander, hatte Spaß.

Und nein, das wird jetzt kein ’Früher war alles besser’-Text. Denn das stimmt so nicht. Früher war es nicht besser, früher war es anders. Der Kontext ist schwieriger geworden, der Wind rauher und die Temperatur ist gestiegen. Die Welt hat Fieber. Wir sind immer mehr geworden, wir sind so viele geworden. Unüberschaubar viele. Dieses Wachstum hat uns maßlos werden lassen, hat unseren Glauben an Grenzen und Gebote getilgt und uns respektlos zu sein ermöglicht. Wir sind ein unorganischer Dreckhaufen geworden.

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’Einisch im Jahr’, so sang Hanery Ammann auf seiner schon bald zwanzig Jahre alten Solo-Platte Solitaire, exakt einmal im Jahr durften die Mönche im Kloster, hoch oben im Himalaya, etwas sagen. Genau einmal im Jahr hatten sie die großartige Gelegenheit, zu sagen, was sie dachten, fühlten, sahen, erlebten. Und das taten sie auch. Einmal im Jahr kritisierten oder lobten sie dann auch den Brei, der ihnen tagtäglich vorgesetzt wurde.

Warum bloß schwirrt mir zurzeit dieser Song mit dieser seiner bizarren Metapher immer mal wieder durch den Kopf?

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Ich denke, dass die meisten von uns sich – trotz allmöglicher Selbstzweifel – unter dem Strich doch eher als guten denn als bösen Menschen denken. Ich jedenfalls denke mich als ’nicht in der Lage, schreckliche Dinge zu tun’.

Ziemlich sicher hocken jedoch all die schrecklichen Dinge ebenso in mir wie die guten. (Und in dir und in dir.) Bestimmt hockt das Glück neben der Scheiße und das Gut neben dem Böse.

Ist Glück in uns drin angelegt oder besucht es uns eher von außerhalb? Ist Glück etwas Seiendes oder etwas Geschehendes?

[Notiert, nachdem ich das Buch ’Der dunkle Garten’ (2019) von Tana French fertiggelesen hatte.]

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Heute hat fast alles einen politischen Subtext, ein politisches Vorzeichen. Alles, was wir tun und sagen und machen, ist eine Aussage. Steht in einem Zusammenhang zu. Ist Teil von. Daran lässt sich nichts ändern. Eine Nicht-Aussage, eine Nicht-Haltung gibt es nicht, denn mit allem, was wir tun-sagen-denken, bewirken wir etwas.

Und ja, das war früher auch schon so. Das war immer so. Darin ist sich der Mensch gleichgeblieben. Geändert hat sich nur die Menge an freischwirrenden Gedanken; sie ist mitgewachsen.

Die größte Herausforderung unserer Zeit scheint mir, mit dieser unübersichtlichen Masse umgehen zu lernen. Mit der Masse an Mitmenschen. Mit der Masse an Meinungen. Mit der Masse an Befindlichkeiten. Mit der Masse an Kaputtheit. Mit der Masse an Dreck, den wir hinterlassen.

Alledem etwas Lebensbejahendes entgegenzuhalten ist die eigentliche Herausforderung unserer Zeit.

Von brechenden Deichen und Menschen, die Fakten verleugnen, während andere sie ernst nehmen

Am meisten unter die Haut ist mir jene Szene, wo Sonja ihre Tochter Femke sucht – in der Leichenhalle eines Krankenhauses unter vielen toten, mit weißen Laken zugedeckten Kindern, welche die Überschwemmung der holländischen Küstenregion nicht überstanden haben. Und ja, sie findet Femke.

Überhaupt: In den ersten drei Folgen der niederländisch-belgischen Mini-Serie Wenn die Deiche brechen gibt es viele sehr dramatische Szenen (2017, aktuell in der NDR-Mediathek), während die Folgen 4-6 vor allem davon erzählen, wie das Leben nach der Überschwemmung weitergeht.

Ganz am Anfang der Serie begleiten wir die junge Mutter Sonja und ihre Kinder Femke und Kevin, auf dem Weg ins Gefängnis, wo Ronnie, Sonjas Mann, eine Strafe abbüsst. Sonja und ihre Kinder sind bereits auf dem Weg dorthin in die Vorboten eines gewaltigen Sturms geraten und verunfallen auf dem Heimweg beinahe.

Nicht nur Sonja, auch Ronnie, treffen wir im Laufe der sechs Folgen immer wieder. Und Samir, einen Gefängnismitarbeiter, der bleibt, als längst alle anderen gegangen sind. Weiter treffen wir das wohlsituierte Ehepaar Wienesse samt ihren zwei Teenietöchtern und einem Haufen Eheprobleme; und wir beobachten den niederländischen Premierminister Kreuger, der mit seiner Regierung und jener Belgiens die folgenschwere Entscheidung trifft, die Küste noch nicht sofort zu evakuieren. Eine Entscheidung, die er später sehr bereut. Später, als ein Drittel der Niederlande unter Wasser steht und unzählige Menschen gestorben sind und noch mehr vermisst werden.

Weitere Leidtragende sind Kimmy, die – weil ihre Mutter es von ihrem Arbeitsplatz im Krankenhaus aus nicht schafft, ihre Tochter von der Schule abzuholen – bei Herr Stein, einem alten Mann, der eigentlich mit dem Leben abgeschlossen hat, Unterschlupf findet. Auf ihrer Flucht treffen sie Samir und Ronnie und landen Tage später halberfroren in einem Flüchtlingslager.

Geschichten und Gesichter. Menschen. Menschen auf der Flucht. Flüchtlinge im eigenen Land.

Trailer

Zu heftig? Zu dick aufgetragen? Ich glaube nicht. Ich bin fast sicher, dass sich solche Dramen bald auch in Europa abspielen werden. Sie geschehen so ähnlich bereits, doch bis jetzt noch so weit weg, dass wir weggucken können, wenn wir wollen.

Seit ich das Buch Szenen aus dem Herzen gelesen habe, das die Mutter von Greta Thunberg vor anderthalb Jahren, also noch vor Gretas erstem Schulstreik für das Klima, geschrieben hat, bin ich sicher, dass uns nur noch ein sehr radikales Umdenken und Andershandeln helfen kann. Ich las zwischen diesen Buchdeckeln gründliche Recherchen, Fakten und Zahlen, von Gesprächen mit Expert*innen, vor allem aber auch die turbulente Geschichte einer Familie, die sich dem Klima verschrieben hat.

Buchcover zeigt Greta am Boden sitzend neben ihrem Schulstreikplakat, darüber Titel in roter Schrift, darüber die Namen der Autor*innen und des Autors (ganze Familie Thunberg-Ernman)
Buchcover | Szenen aus dem Herzen

Es gibt Menschen, welche die ganzen wissenschaftlichen Fakten zur Klimakatastrophe, die inzwischen weltweit und von unabhängigen Stellen benannt werden, als Weltverschwörung, als Klimahype, als Klimahysterie abtun. Sogar Medien wie die Weltwoche – na ja, wirklich wundern tut es mich natürlich nicht –  machen bei diesen Schmutzkampagnen mit und teilen in ihren Medien Artikel von Klimaleugne-Lobbyisten. Mich gruselt.

Die Argumente der Leugnenden sind so populistisch wie polemisch und gleichen im Prinzip jenen, die in der rechtsradikalen Politik verwendet werden. Was mich ebenfalls nicht wirklich wundert. Die Antwort auf die Frage, wessen Interessen da mit welchen Mitteln bedient werden, entlarvt. Wo es um die kurzfristige Wohlstandsmehrung einiger weniger geht, wurden Fakten schon immer nach Belieben zurechtgebogen.

Für mich und für immer mehr Menschen aus allen Generationen aber geht es um alles. Es geht uns um die langfristige Verbesserung der Lebensqualität all jener, die auf dieser Erde leben.

Darum auch teile ich die Anliegen der internationale #FridaysforFuture-Bewegung. Heute und in den nächsten Tagen- in der Schweiz zum Beispiel am 28. September – gehen so viele Menschen wie noch nie für einen grundsätzlichen Systemwechsel auf die Straßen; für ein globales Umdenken, nicht nur wie bisher im Kleinen, sondern eben auch im Großen.

Doch wer nicht auf die Straße kann, muss nicht untätig bleiben. Solidarität und Flagge  zeigen gehen auch anders. Zum Beispiel mit einem Like für Frau Traumspruchs CybDemo-Aktion Alles fürs Klima auf Blog und Twitter:

Ausgelesen #29 | Es ist Sarah von Pauline Delabroy-Allard

Das Cover zeigt die schwarzweiße Fotografie einer rauchenden, jungen Frau, die in einem weißen Hemd oder Bademantel links im Bild auf dem Fensterbrett sitzt und nach außen rechts guckt. Draußen sind Bäume zu sehen. In schwarzen Großbuchstaben steht der Titel im untersten Bildfünftel, der Name der Autorin in weißen kleineren Großbuchstaben in der Bildmitte rechts.
Buchcover

Die junge Französin Pauline Delabroy-Allard schreibt als ginge es um Leben und Tod. Und letztlich tut es das auf temporeiche, geradezu schwindligmachende Weise auch.

Das hier ist eine Liebesgeschichte, wie ich sie so noch nie gelesen habe. Eine Amour fou, die je länger je mehr weh tut. Die zwei bis dahin heterosexuellen jungen Frauen – Sarah und die Ich-Erzählerin – begehren und lieben sich schon bald mit einer Raserei, die einem Flächenbrand ähnelt. Die beiden könnten nicht unterschiedlicher sein. Sarah, klassische Musikerin und Künstlerin, lebt zudem so ganz anders als die Ich-Erzählerin, die als Lehrerin arbeitet. Schon bald können die beiden nicht mehr ohne einander sein. Doch auch miteinander wird es immer schwieriger. So schwierig, dass die Ich-Erzählerin sich immer wieder krankschreiben lassen muss. Als Alleinerziehende mit einer kleinen Tochter und bis dahin immer zuverlässig Agierende steht ihre Welt auf einmal Kopf. Sie verliert ihre innere Mitte immer mehr, und der Boden unter ihren Füßen beginnt zu schrumpfen.

Es kommt wie es muss. Die beiden trennen sich. Das heißt, Sarah trennt sich von der Erzählerin. Doch nur, um immer wieder zu ihr zurückzukommen. Bis Sarah eines Tages ihrer Partnerin etwas erzählt, das das Leben der beiden noch grundlegender verändert als alles Bisherige.

Nach und nach wird Es ist Sarah auch zur Geschichte einer Depression, ja, es ist nicht zuletzt eine Geschichte zweier depressiver Frauen. Eine Geschichte von Verlassen und Verlassen werden. Eine Geschichte von Krankheit und der Sehnsucht nach Ganzheit. Eine Geschichte von der leisen Hoffnung, beim Versuch eines Tages wieder ein überschaubares, aushaltbares Leben zu führen, nicht kaputt zu gehen. Denn ja, dieses früher so normale, so alltägliche Leben ist für die Erzählerin inzwischen unvorstellbar geworden.

Pauline Delabroy-Allard hat mich mit ihrer eindringlichen Sprache und der allumfassenden Sinnlichkeit ihrer Erzählung buchstäblich aus den Socken gehauen. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen, bis ich es fertig hatte. Weil es mitreißt. Weil es so rasant, so intensiv, so berührend, so erschöpfend, so aufwühlend geschrieben ist. Und so traurig. Es nicht gelesen zu haben, wäre allerdings keine Option.

Ich bedanke mich herzlich bei der Frankfurter Verlagsanstalt und der Autorin, die mir mit diesem Rezensionsexemplar aufwühlende Lesestunden geschenkt haben.


Frankfurter Verlagsanstalt FVA
Übersetzt von Sina de Malafosse
192 Seiten
Hardcover
Ca. € 22,– (Print, D), € 14,99 (eBook, D)
ISBN 978-3-627-00266-4 (Print), 978-3-627-02276-1 (eBook)
FVA

Seifenblasen, aber anders | #lesswaste #unverpackt #DIY #selbstgemacht

Angefangen hat bei mir das alles nicht erst, als die Diskussionen über Plastik in den Weltmeeren immer lauter geführt wurden. Und auch nicht erst, als Greta Thunberg vor über einem Jahr leise ihren öffentlichen Protest begonnen hatte. Mein Bewusstsein für die Umwelt und ihren Schutz war schon immer dagewesen.

Vielleicht weil wir arm waren, hatte ich schon immer versucht, die Ressourcen, die mir zur Verfügung standen, so schonend wie möglich einzusetzen.
Ein paar kleine Beispiele gefällig?
Wasser sparen: Nicht bei laufendem Wasser einseifen oder Zähne putzen.
Strom sparen: Licht löschen, wenn ich ein Zimmer verlasse.
Motor ausmachen, wenn ich an der Ampel stehe.
Auto nur benutzen, wenn ich etwas nicht mit dem Fahrrad oder ÖV schaffe.
Müll trennen und wo möglich vermeiden.
Naturschutz sowieso: Keinen Müll in die Natur werfen. All das war für mich immer das Normale.

Dennoch gestehe ich, dass ich noch vor einem Jahr weit weniger konsequent und nachhaltig handelte als heute. Und ich hoffe, dass ich weiterhin dranbleibe und meinen ökologischen Fußabdruck noch kleiner machen kann.

Im Haushalt habe ich inzwischen einiges, worüber ich früher milde lächelte oder auch nur zu faul dazu war, umgesetzt. Insbesondere im Bereich Körperpflege und Reinigung, denn Wasser ist jene Ressource, die ich aktuell als die Bedrohteste aller Ressourcen vermute. Seit ich das erste Mal über das Vorkommen von Mikroplastik in Körperpflegeprodukten und selbst in der Nahrungskette las, habe ich angefangen, Wasser noch mehr zu schützen und ich habe inzwischen anders putzen gelernt.

Putzen als Politikum? Ja. Denn längst ist alles politisch. Sogar Müll. Oder vor allem Müll. Kurz: Alles, was wir tun und lassen, alles, was wir hinterlassen.

Natürlich ist der Versuch, den eigenen ökologischen Fußabdruck möglichst klein zu halten, ein winziges Tröpfchen auf den heißen Stein. Aber ich stelle mir ja gern vor, dass wir alle, wenn wir alle bewusster leben, doch noch etwas verändern können, doch noch der Klimakatatrophe Einhalt gebieten können. Vielleicht.

Darüber diskutieren, ob sie menschengemacht ist oder ob das, was da weltweit gerade geschieht, eine dieser Katastrophen ist, die die Erde immer wieder heimgesucht haben, ist letztlich müßig. Die Fakten einer rasanter als noch vor Jahren gedachten Veränderung lassen sich nicht mehr leugnen. Die Erde hat Fieber, nannte es eine liebe Freundin neulich. Und das, ihr Lieben, das geht uns alle etwas an.

Angesichts des Ausmaßes dieser unabsehbaren Veränderungen ist mein kleiner Versuch, wenigstens im eigenen Haushalt etwas zu tun, natürlich lachhaft. Aber vielleicht kann ich dich anstecken. Und dich und dich. Und dann sind wir schon ein paar mehr.

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Als ich als Sechzehnjährige entschied, keine Tiere mehr zu essen, gaben dazu vor allem politische Themen wie Massentierhaltung und Tierfutterzucht und damit natürlich die Welthungerthematik den Ausschlag. Der Gesundheitsaspektgelangte erst nach und nach in mein Bewusstsein, doch von meiner Mutter habe ich eine gewisse Vorliebe für Reformhäuser geerbt. Also rückte auch gesunde Ernährung mehr und mehr in meinen Fokus. Damals, in den frühen Achzigern, waren meine Freundin und ich mit unserer Entscheidung vegetarisch zu leben noch Exotinnen gewesen, belächelt, unverstanden. Später lernte ich zum Glück immer mehr Gleichgesinnte kennen. Auch meinem damaligen Entschluss, Nestlé zu boykottieren, bin ich bis heute, mehr oder weniger konsequent, treu geblieben.

Ja, manches tue ich, um mich besser zu fühlen, auch wenn ich nicht an eine Auswirkung meines Handels glauben kann.

Und nein, ich bin beileibe nicht in allem konsequent. Manchmal weiß ich schlicht zu wenig über die Herkunft eines Produkts und manchmal bin ich schlicht zu faul, mich vertiefter zu informieren. Außerdem sind es so viele Baustellen und es ist unmöglich, sie alle zu überblicken. Ernährung und Wasser sind ja nur zwei Themen. Dennoch hängt letztlich alles zusammen und das hier ist eine Stelle, an der ich konkret etwas tun kann.

Ich begrüßte es sehr, wenn unsere Gesetzgebung nachziehen würde. Ich wünsche mir, dass die Menschen, die wir gewählt haben – und in diesem Herbst in der Schweiz neu oder wieder wählen werden –, um unsere Legislative und Exekutive zu bilden, handlungsbereiter wären. Konkreter. Effizienter. Ich glaube inzwischen, dass es ohne Verbote oder massive Einschränkungen und Nutzer*innen-Steuern nicht mehr geht (ich sage nur Fliegen und Kreuzfahrten).

Wenn Politiker*innen statt an den eigenen Geldsäckel primär an das Wohlergehen der Menschen, und zwar nicht nur denen im eigenen Land, denken würden, wäre ein erster Schritt getan, die Katastophe vielleicht noch abzuwenden.

(Geht wählen, Schweizer*innen, aber wählt weise!)

Global denken, lokal handeln.

Der gute alte Ökospruch aus meiner Jugend hat nicht an Aktualität verloren.

Darum habe ich eines Tages an einem Ende des riesigen unüberschaubar großen und unfassbar komplizierten Puzzles angefangen. Und du? Machst du mit?

Essig hast du bestimmt im Haus, aber wie sieht es bei dir mit Soda, Natron, Zitronensäure und Kernseife aus? Hast du diese Dinge, kannst du deinen Putzschrank nach und nach ausmisten. Abgesehen davon, dass diese Dinge das Abwasser weniger belasten, sind sie auch viel günstiger als all die Chemiebomben.

Im Mai habe ich hier bereits einige Rezepte vorgestellt. Manches habe ich ausprobiert, manches davon hat sich bewährt.

Hier sind meine Lieblingsrezepte:

1.) Körperpflege

  • Körper (Seife)

Ich benutze zum Duschen und Händewaschen schon sehr lange vorwiegend Naturseifen gerne auch mit guten, natürlichen Düften. Meine Lieblingsseifen lege ich gerne vor dem Gebrauch im Schrank zwischen die Kleider, damit sie da vor sich hinduften können.

Vor einigen Monaten habe mich in die Seifen von Dr. Bronners verliebt, aber inzwischen gibt es ja in jedem guten Bioladen, jeder guten Drogerie und jedem guten Unverpackt-Laden eine große Körperseifenauswahl.

Einzig bei den Haaren war ich mit Seife nie wirklich glücklich, darum suchte ich weiter und fand folgende Lösung, die sich ziemlich einfach selbst machen lässt (und in entsprechenden Läden und im Internet erhältlich ist).

  • Haare: Festes Shampoo (keine Seife, sieht aber so aus)
  1. 6 g Kakaobutter oder Sheabutter
  2. 25 g des pfanzlichen Tensids SLSA (Sodium Lauryl
    Sulfoacetate)* (nur mit Feinstaubmaske anwenden)
  3. 25 g Speisestärke
  4. 6 g Brokkolisamenöl
  5. optional 5-7 Tropfen ätherisches Öl (ich habe Rosmarin genommen)
  6. optional Lebensmittelfarbe (fürs Auge, wer mag)

Die Butter in einem Glas im Wassserbad schmelzen. Die trockenen Zutaten in Schale mischen. Die flüssige Butter dazugeben. Mischen. Vor dem Kneten die ätherischen Öle zugeben. Gut durchkneten und in drei Stücke formen. An der Luft oder in Förmchen trocknen lassen. Vor der ersten Anwendung mindestens einen Tag gut durchtrocknen lassen. Direkt aufs Haar anwenden oder in kleine Seifensäckchen gelegt.

Sollten die Stücke bröseln, lassen sie sich gut wieder zusammenfügen und neu formen. So aufbewahren, dass die Stücke immer wieder trocknen können.

Wichtig: SLSA nur mit Mundschutz (Maske oder großes Tuch) anwenden, da es sehr fein ist (Feinstaub).

*alternativ Tensid SCI (Sodium Cocoyl Isethionate) verwenden. Es ist besonders mild und palmölfrei, allerdings etwas schwerer zu bekommen.

Quelle: spinnrad.ch

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2.) Verpacken: Statt Haushaltfolie Bienenwachs-Tücher

Mit dem überflüssigen Bienenwachs aus den Bienenstöcken eines Freundes habe ich mir Bienenwachstücher selbst gemacht (mit dünnem Bauwollstoff und Jojobaöl und einem Bügeleisen).

Das Bienenwachs-Tuch duftet herrlich nach Bienenwachs und hat außerdem antibakterielle Eigenschaften. Je nach Größe ist es geeignet zum Zudecken oder Verpacken von angeschnittenem Obst & Gemüse, frischen Kräutern, Schälchen und Schalen, Salatschüsseln oder Kuchen sowie zum Einpacken von (geschmiertem) Brot und Käse und vielem mehr.

Durch die Wärme der Hände wird es formbar und flexibel und haftet so an allen glatten Oberflächen und an sich selbst. Brot lässt sich darin auch einfrieren.

Gereinigt wird diese ökologische Frischhaltefolie mit etwas lauwarmen Wasser und einem Lappen. Das Wasser perlt vom Wachstuch sofort ab und trocknet schnell. Bei stärkeren Verschmutzungen kannst du auch ein wenig biologisch abbaubares Spülmittel verwenden.

Dank des eingearbeiteten Jojobaöls bleiben die Tücher lange elastisch und hygienisch (ca. ein Jahr).

Ältere Wachstücher können wieder aufgearbeitet werden. Entweder du gibst sie kurz in den Backofen oder du bügelst nochmals kurz (unter Backpapier) drüber.

Eine gute Anleitung gibt es hier.

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3.) Geschirr spülen

  • Mit Zitronenspüli
  1. 3 Bio Zitronen
  2. 100 ml Bio Apfelessig
  3. 200 Gramm Speisesalz
  4. 400 ml Wasser

Die Zitronen einfach vierteln und mixen. 200 g Salz dazu und nochmals mixen. Alles zusammen mit dem Wasser und dem Apfelessig in einen Kochtopf. Aufkochen und etwa 5 – 10 Minuten warten. Fülle das Spülmittel in deine Behälter. Es schäumt nicht, macht aber schön sauber. Da kein Konzentrat, braucht es davon ein bisschen mehr als von üblichen Spülis.

Quelle: careelite.de und andere

  • Mit Efeuspüli
  1. Ca. 20 Blätter zerkleinerte Efeu-Blätter in einen Kochtopf mit 500 ml Wasser aufkochen
  2. Nach 5 Minuten auf hoher Temperatur Herd ausschalten.

In Gläser abfüllen und immer mal wieder kräftig schütteln um die Saponine zu lösen. Es schäumt, aber nicht sehr stark, was aber auf die Reinigungswirkung keinen Einfluss hat. Nach frühestens fünf Stunden die Blätter absieben.

Für den Geschirrspüler ein wenig Waschsoda dazugeben.

Kühl aufbewahren, hält sich nicht sehr lange.

Quelle: diverse

  • Pulver für die Geschirrspülmaschine
  1. 100g Zitronensäure
  2. 100g Natron
  3. 200g Waschsoda

Alles gut mischen und in ein Glas oder Gläser abfüllen. Ein bis zwei Esslöffel Pulver vor jedem Spülgang in das dafür vorgesehene Fach der Spülmaschine geben.

Durch die enthaltene Zitronensäure sparst du dir den Klarspüler.

Quelle: utopia.de 

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4.) Wäsche waschen

  • Mit Efeu
  1. 10 Efeublätter
  2. 2 EL Waschsoda
  3. für Wollwaschmittel: 2 EL Natron anstatt des Waschsodas
  • Für eine normale Ladung Wäsche einfach 10 frische große Blätter in eine Socke oder ein Waschsäckchen packen und mit in die Waschmaschine geben. Bei stärkeren Verschmutzungen oder hartem Wasser ein bis zwei EL Waschsoda ins Waschpulverfach geben.
  • Keine Sorge: Mit Efeu kannst du Wäsche jeglicher Couleur waschen! Weiße Wäsche wird nicht grün.
  • Für Wolle oder Seide statt des Sodas besser Natron verwenden, denn das wäscht schonender.

Alle 4-5 Wäschen mal einen Schuss Essig ins Waschmittelfach dazugeben, um einer Verkalkung vorzubeugen. (Der Geruch verfliegt.)

Quellen: paleo360.de und experimentselbstversorgung.net

  • Mit Kernseife und Soda
  1. 30 g Kernseife raspeln
  2. 4 EL Waschsoda
  3. 700 ml Wasser

Alles in hohem Topf aufkochen, gut rühren, abkühlen lassen (ca. eine Viertelstunde)

⇒ jetzt noch nach Wunsch 3 Tropfen Ätherisches Öl zugeben

Wieder umrühren. Das fertige Waschmittel in die Wunschbehälter abfüllen.

Vor jeder Anwendung des Waschmittels die Flasche kurz kräftig schütteln. Pro Waschgang etwa 200 ml der selbst gemachten Flüssigkeit nehmen, je nach Wasserhärte.

Für Wolle oder Seide statt Soda Natron verwenden. Soda ist zu stark für solche Fasern.

Alle 4-5 Wäschen mal einen Schuss Essig ins Waschmittelfach dazugeben, um einer Verkalkung vorzubeugen. (Der Geruch verfliegt.)

Quelle: hier und andere

Weitere konkrete Optionen: smarticular.net

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6.) Allzweckreiniger und Entkalker

  • Aus Orangenschalen und Essig
  1. ein großes Einmachglas oder ein anderes Schraubglas
  2. eine Sprühflasche
  3. Schalen von ungespritzten Zitrusfrüchten (etwa von Zitronen, Orangen oder Limetten)
  4. hellen Tafelessig
  5. Vier Wochen Geduld

Zitrusfrüchte eignen sich super für Reinigungsmittel, denn sie haben aufgrund der enthaltenen Säure eine hohe Reinigungskraft und punkten durch ihre ätherischen Öle mit einem frischen Duft. Zitronen sind in Reinigungsmitteln besonders effizient.

Für das Rezept reicht ein günstiger Tafelessig.

Quelle: paleo360.de

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7.) Diverses

Verstopfe Abflüsse reinigen:

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8.) Hilfsmittel & Links

Waschen mit dem Guppyfriend- Waschbeutel
Das ist eine erste pragmatische Lösung gegen Mikroplastikverschmutzung durch Waschen. (Unbezahlte Werbung.) [Mehr Infos …]

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Weiteres kluge Tipps zum ökologischen Haushalt gibt es hier [klicken, careelite] und auf vielen anderen Seiten im Internet wie
und anderen