Am liebsten würde ich jetzt, genau jetzt, am Feuer sitzen. Oder als Option an der Sonne. Ich würde Reichlin lesen. Die Sehnsucht der Atome. Aber nein, darf ich nicht. Keine Zeit. Im Kopf diese Ruhelosigkeit. Verzettelung. ToDo-Hamsterrad. Sogar hier, auf dem einsamen Gehöft, wo sich Fuchs und Hase Guten Morgen zuflüstern. Allerdings sind die ToDos hier oben auf dem Berg selbstgestrickt. Bis zum Antritt meiner neuen Stelle im August zumindest. Ein einfaches ruhiges bescheidenes Leben. Alle Zeit der Welt. Jeden Tag wie er grad kommt.
Endlich Muße zum Schreiben. Eigentlich. Wie jetzt. Ich sitze zum ersten Mal an meinem neuen Arbeitsplatz. Auf der großen weißen Schreibplatte, die Irgendlink herbeigezaubert hat. Unter dem Dachfenster. Blick auf den Wald. Auf den Grat. Ich schreibe auf meinem alten Laptop und noch bin ich in meiner Künstlerinnenhöhle nicht mit dem weltweiten Netz verbunden. Noch schiebe ich Texte via USB-Stick von Rechner zu Rechner, denn das drahtlos-weltweite Netz von Irgendlink reicht nicht bis zu mir. Technik nur und alles eine Frage der Zeit.
Zeit. Zeit haben für … Keine Zeit haben, um …
Ja, ich möchte bereits fertig eingerichtet sein, fertig ausgepackt, doch da ist jeden Tag so viel anderes, das mich beschäftigt. Und eilen mag ich nicht. Zuviel Stress hatte ich in den Monaten zuvor. Alles hier hat eine andere, eine neue Wichtigkeit. Genau jene, die ich ihm, allem einzelnen, gebe. Der Wäsche, die ich wasche ebenso wie dem Brot, das ich backe. Doch vor allem schiebe ich endlich die Kunst in den Vordergrund. Das Fotografieren. Überall Sujets, die sich mir in den Weg stellen. Ebenso wichtig ist mir das Bearbeiten der Bilder und die Pflege meiner Bilddateien und der Kontakte innerhalb der iPhoneart-Community.
So weit so gut, doch am allermeisten geht es um Spurensuche: Wohin bin ich unterwegs? Was ist das Ziel meiner Kunst, meines Ausdrucks? Was habe ich zu erzählen, wenn oder falls ich denn etwas von allgemeinem Interesse zu erzählen habe? Und wer – hier kommt nun die alles entscheidende Frage – wer bitteschön sagt, wo die Linie zwischen Kunst und Nichtkunst verläuft?
Mal losgelöst von unseren künstlerischen Stoffwechselprodukten* und deren diskutierbarer Qualität: Ist Kunst, was mehr als einem oder einer gefällt? Nein, ich will keine neuen Definitionen, darum muss die Frage anders lauten: Wer definiert Kunst? Die Mehrheit? Eine kleine, bestimmende, (ein)gebildete Minderheit?
Muss ich die Antwort kennen, um meine Kunst kreieren zu können? Werde ichweiterhin meinen Weg gehen oder werde ich mich anpassen?
Was will ich überhaupt mit meinen Bildern? Anerkennung? Auch so ein Thema … Wer will sie nicht? Ich gestehe, dass mir die kürzlich erfolgte Ernennung zur Künstlerin des Tages Rückenwind gegeben, mir gut getan hat. Ja, Anerkennung tut gut, aber sie raubt dir auch die Unschuld. Sie schraubt die Messlatte höher und nun darfst du keinen Schrott mehr liefern.
Schrott? Zuweilen, wenn ich mich durch die laufend neu eingestellten Bilder auf der Gallerie von ipa, unserer Bilder-Community, klicke, schlucke ich leer ob der vielen leeren Bilder. Wo verläuft gleich noch die Linie zwischen Kunst und Nichtkunst und welche Kompetenzen habe ich, das zu beurteilen? Ich brauche Bilder, die mich berühren. Die mag ich und die inspirieren mich. Der entscheidende Punkt ist das Maß der Berührung. Geist und Seele atmen auf, sie freuen sich über Stimulation, über ästhetische Herausforderung, die Kopfgrenzen auch mal kitzeln oder ins Einstürzen bringen darf. Doch sind Kreationen, die uns berühren, nur schon deshalb Kunst?
Beim Schreiben habe ich mich immer wieder mit ähnlichen Themen beschäftigt. Besonders innerhalb meiner nicht-virtuellen, höchst inspirierenden Berner Schreibgruppe. Der Stil von A. ist einfach unnachahmlich. Dicht. M.s Figuren haftet stets dieses leicht absurde an, während S. immer einen Touch Grusel in seine Texte einpackt. Muss ich deswegen nun auch gruselig, absurd, dicht oder sonst wie schreiben? Muss ich nicht. Entweder jemand mag meine Schreibe – was mich natürlich freut – oder er oder sie mag meine Schreibe nicht. Damit kann ich leben. Wie wichtig ist dennoch der Austausch? Wie wichtig ist, dass ich mich vernetze, dass ich die Werke anderer anschaue, lese, betrachte, mich inspirieren lasse?
In unserer Bilder-Community kann man sich durch Kommentare schreiben und Favoriten wählen, vernetzten. Worüber Irgendlink und ich zuweilen scherzen. Wer von uns beiden hat mehr Fans? Bei wem wurden mehr Bilder als Favoriten ausgewählt? Ich schleime mich ein, du schleimst dich ein, wir schleimen uns ein? Ist die Quantität der Kommentare ein Hinweis auf die Qualität der Bilder?
Sind meine Bilder anders geworden, verkrampfter, seit ich neulich Künstlerin des Tages sein durfte? Sind meine Bilder anders, seit ich herausgefunden habe, was andern besonders gut gefällt?
Ich muss auf einmal an meinen Deutschlehrer im Gymnasium denken. Er stand auf dramatische Texte, also schrieb ich dramatische Texte. Nein, damit habe ich weniger meine Seele verkauft als mir bewiesen, dass ich nach Auftrag schreiben kann. Könnte.
Doch am liebsten beschreibe und fotografiere ich, was ist. Was ich sehe. Was mich beschäftigt.
Und noch lieber lese ich jetzt gerade ein paar Seiten Reichlin.
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* eine ältere Wortkreation meines Liebsten
(verfasst heute Nachmittag)
Kategorie: laut gedacht
hingefahren – Teil 2
Schreiben sei Luxus, sagte die Stimme im Traum, die tat als wüsste sie. Sie weckte mich morgens um vier. Es gäbe viel zu tun.
Nichtschreibend die Welt betreten.
Im Garten das Beet bepflanzen. Die Wohnung aus- und einräuchern. Frühstücken zuerst. Brot und Käse. Trinken. Tee. Saft. Ja. Vielleicht besser nicht mehr schreiben. Nicht schreibend leben. Schreiben wozu auch? Wer einmal MRs Lyrik gehört hat, wer sich ihre Sätze, ihre Wortgefüge auf der akustischen Zunge hat zergehen lassen … Ach, was rede ich da.
Vergleichen ist müßig. Blaugrünes Blau und grünblaues Grün müssen nicht gleich sein. Rot gleich wenig wie grau oder gelb.
Schreiben ist Luxus, sage ich. Mag sein, doch einer, den ich mir gönne solange es noch Wörter hat.
zu MRs Wortspielereien: begriffsstudio.de
ausgewählte Texte von MR: lyrikline.org
Farben weben
Grad hab ich so eine Phase, wo ich mich intensiv mit Farben und Formen auseinandersetze. Mit Bildern und Worten.

Bild: Bern. Letztes Mal als Bernerin in der Altstadt. Letzte Besorgungen am letzten Dienstag. Kurz darauf die Fahrt nach Deutschland.

Bild: J. und ich haben über die möglichen Folgen eines Super-Gaus philosophiert. Nicht auszudenken … oder eben: BESSER NICHT!

Bild: Der Beweis ist erbracht. Heute Morgen nach dem Frühstück kann J.s Finger nicht ruhen, meiner – ich gestehe es – auch nicht: J. und ich sind hochgradig süchtig. Schon denken wir über die Gründung einer Gruppe Appsüchtiger nach. Die AA, die Anonymen Appsüchtigen. Nein, wir langweilen uns nicht miteinander, wir inspirieren uns.

Bild: Das Leben ist verrückt. Die einen sterben, andere werden geboren. Wieder andere müssen fliehen. Und ich darf hier in relativer Sicherheit leben. Verrückt.

Bild: Hast du noch Worte?
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Zur Technik: Alle diese Bilder sind mit dem iPhone aufgenommen und auf dem iPhone bearbeitet worden. Hochgeladen aufs Blog habe ich diese fünf hier allerdings auf dem heimischen Rechner. Hätte ich sie, wie oft, direkt vom iPhone ins Blog geschubst, wäre es iDogma-Art pur.
Ich liebe es, mit den verschiedene Möglichkeiten zu spielen. Zum Beispiel kann ich mit der App „Diptic“ Bilder und Bildausschnitte spiegeln. So setze ich mir gerne hin und wieder die Welt neu zusammen.
Grenzgänge
Die Zeit ist wie ein teures Lebensmittel, hat U. heute kommentiert. Eine Minute mit Schmerzen beim Zahnarzt ist länger als eine Minute am abendlichen Feuer. Zeit – so relativ und unfassbar. Eine halbe Stunde liebevolles Kochen in der neuen Küche, die schon fast fertig eingerichtet ist, ist um Längen köstlicher als eine halbe Stunde Abkratzen von Window-Color-Bildern, die mir meine Vermieterin gut meinend überlassen hat. Damit ich selbst entscheiden könne, ob ich sie behalten oder eben entfernen wolle.
Jeder Ton, den wir hier auf Erden erzeugen, setzt sich ins Unendliche im Universum fort, zitiert Freundin U. im Kommentar zu meinem gestrigen Artikel. Alles, was wir sagen, wird gehört. Jede Aktion erzeugt eine Reaktion. Während ich an den Fensterbildern rum mache, agiere, mich abreagiere, sende ich allerdings nicht sehr schöne Wellen ins Universum, muss ich gestehen. Denn die erwähnten Fensterbilder lassen sich leider, trotz Hilfe eines Putzmittels, nur mit brachialer Gewalt – will heißen durch intensivstes Kratzen mit dem Glaskeramikspachtel – entfernen. Ich spintisierte dabei über meinen Raum. Meinen neuen Wohnraum. Lebensraum. Lebenstraumtraum.
Landnahme. Wie wird ein Raum zu meinem Raum? Wie kann ich meinen Raum – ob gemietet oder gekauft ist für die persönliche Mentalität vermutlich zweitrangig – bewahren, im Wissen, dass ich überall nur Gast bin. Hier wie dort. Besucherin.
Und wieso muss ich mich bloß so ärgern über die Klebkraft dieser Fensterbilder? Je mehr ich mich ärgere, desto fester scheinen sie zu kleben. Hat mein Ärger mit der dabei verrinnenden Zeit zu tun, die mich reut? Mit meinen müden Füßen, die sich seit Tagen kaum mehr zu erholen scheinen? Oder weil ich lieber Kisten auspacken als farbverschmierte Fenster putzen würde? Ein Kopfproblem, sagt Irgendlink.
Die Zeit ist wie ein Lebensmittel. Wie wahr. Ein teures Gut.
Inseln schaffen. Wie die kleine Siesta im neuen Schlafzimmer mit den Dachfenstern, nachdem Irgendlink und ich mir einen wunderbaren großen Arbeitsplatz direkt unter einem dieser Dachfenster kreiert haben. Eine neue, größere Tischplatte und schon bin ich glücklich und sehe mich hier sitzen und an meinen Texten weben.
Mein (T)Raum: Wahren. Teilen. Bewahren. Grenzen weiten. Grenzen hüten. Ich bleibe dran.
Dazwischenzeitloch
Fühlt sich gut an. Seltsam auch. Ungewohnt leer. Freundin M. hat nach der letzten Kiste sogar den gröbsten Dreck weggekehrt.
Nun gibt es hier nur noch ein bisschen Küche, Futon und Putzzeug. Reicht zum Leben. Eigentlich.
Wir haben gefrühstückt. Unsere beiden Gäste sind abgereist. Vor mir eine leere Obstkiste als Tisch. Sitzen tun wir auf improvisierten Sackkissen. Freundin B. kommt um zwölf. Dazwischenzeit. Loch. Leere. Fülle. Stille. Sein.
Ein Schwedengefühl, jetzt. Nach dem Frühstück die traditionelle Blogsequenz. Ferienfeeling ein wenig.
Was für eine elende verkappte Materialistin ich doch bin!, sagte ich zu Irgendlink. Gestern spätnachmittags. Siesta vor dem Konzert. Alles im LKW verstaut. So viele Dinge.
Später das Konzert. Hammer war es … Büne und seine Band haben drei Stunden ihr bestes gegeben. Witzig, ernst, tiefgründig, romantisch. Alt, neu, ewig.

Bild: iDogma-Art –
aufgenommen mit Hipstamatic, bearbeitet mit PS Express und Pic Grunger, veröffentlicht mit Blogger+.
05:55
Ich schaue auf meinen Wecker. Nullfüf-füfefüfz. Das gleichnamige Lied von Züri West erklingt. Im Kopf. Melancholische Sentimentaltät. Schlafen dürfte ich noch eine ganze Stunde. Ist ja erst nullfünf-fünfundfünfzig.
Doch ich liege schon seit einer Stunde wach. Drehe mich, wende mich, schiebe Gedanken von West nach Ost wie Vargas‘ Kommissar Adamsberg die Wolken. Und zurück von Ost nach West.
Ich lasse nahe und ferne Erlebnisse Revue passieren. Den gestrigen Abend zum Beispiel. Mein Abschiedsgeschenk fürs X, das Hilfswerk, für das wir arbeiten, sei das gewesen, hatte Kollege M. bei seiner Abschiedsumarmung gemeint. Gut möglich. Fragt sich nur, wer da wem ein Abschiedsgeschenk gemacht hat.
Es steckte unglaublich viel Zeit und Arbeit hinter diesem Event, keine Frage. Und noch mehr Herzblut. Den Bühnenpoeten PL, den Rapper KB und die Sprachkursteilnehmerin TH zusammen auf die Bühne zu holen und sie Geschichten über Sprache, Weisheit und Verständnis erzählen zu lassen ist eins, es dabei aber zu so einem wunderbar witzigen, unterhaltsamen Abend werden zu lassen, das andere. Das es gelungen ist, ist wirklich ein Geschenk. Ein Geschenk auch für mich, denn der Einsatz und die schlaflosen Nächte haben sich offensichtlich gelohnt.
Meine heutige Schlaflosigkeit gilt unter anderem meinem Rückblick auf fast drei Jahre Hilfswerkarbeit. Da ist Dankbarkeit für Gelerntes, für Erfahrungen, Begegnungen und ganz besonders für die Menschen, mit denen ich unterwegs war. Dankbarkeit und Freude. Als mir Kollegin K., die heute an meinem „Letzten“ nicht dabei sein kann, gestern Nachmittag ihr persönliches Abschiedsgeschenk überreichte, musste ich doch tatsächlich fast heulen. Ganz zu schweigen von all den Abschiedsumarmungen und -wünschen gestern Abend nach dem Event.
Mein Rückblick schließt die ganzen letzten sechs Berner Jahre ein. Die Heimat zu verlassen sei ein mutiger Schritt, meinte gestern die Scheffin meines Scheffs zu mir. Hat sie recht? Kann ich meine Heimat wirklich verlassen? Wenn ich sie in mir drin habe, ist sie doch immer dabei. Heimat ist das Schneckenhaus, das wir alle in uns tragen.
Sprache ist überall, heißt es im Manifest der Berner Spoken-Word-Gruppe „Bern ist überall“. Ja, und auch Kommunikation ist überall. Nicht-kommunizieren geht nicht. Wo Sprache ist, ist Heimat. Überall.
Zum Manifest: http://www.beatsterchi.ch/index___id=5751&l=de.html
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Von Reichlin und den Sternen
Der Assistent der Sterne. Von Linus Reichlin. Genau! Darüber hatte ich gestern bloggen wollen. Gestern Morgen, gleich nach dem Aufstehen. Doch später war die Idee weg. Einfach so. Verschwunden waren Aufhänger und Einstieg ins Thema. Und mit ihnen auch der Grund, warum ich über dieses Buch hatte schreiben wollen. Über dieses Buch, das mich – wie schon lange keins mehr – gepackt hatte. Ein Krimi, den ich gar in der Nähe meiner Lieblingskrimischreiberlinge Jo Nesbø und Fred Vargas anzusiedeln wage. Die Figuren sind wie bei diesen beiden eigenständig, eigenwillig und überraschen immer wieder mit der Tatsache, dass sie nicht den gängigen Klischees entsprechen. Die Geschichte bleibt unvorhersehbar bis zur letzten Seite und am Schluss weißt du nicht, wer nun eigentlich der Bösewicht ist. Oder sind es gar alle wie im richtigen Leben? Auch gibt es bei Reichlin keine dieser immer irgendwie unglaubwürdigen Wendungen zum Guten. Die Rettung von außen. Deus Ex Machina. Was geschieht, geschieht, weil es folgerichtig ist. Und doch unerwartet. Und trotz der Dramatik unspektakulär. Verrückte Kontraste bis ins Detail. Dazu eine schlichte, komplexe Sprache, die mich anspricht.
Okay, das alles war es aber nicht, was ich gestern hatte schreiben wollen. Da war nämlich noch ein Fetzen Traum drin gewesen und darüber hatte ich schreiben wollen. Ich hatte die Geschichte nach dem Ende des Buches weitergeträumt. Leider kommen verblasste Träume selten zurück. Ihre silbernen Haare lassen sich nicht festhalten. Träume fliehen, wenn du ihnen zu nahe kommst. Auch Ideen haben es an sich, ätherischem Öl gleich, zu verduften. Wenn du sie nicht aufschreibst zumindest. Manchmal selbst dann.
In Worte fassen lassen sich nicht alle gern, weder Ideen noch Menschen. Geschichten schon gar nicht. Nur wenn du Glück hast und sie es zulassen.
Jetzt gehe ich besser ins Bett. Mein Tag war lang und streng und ich bin müde. Ich weiß kaum mehr, wo oben und unten ist und ob Buchstaben nicht einfach eine andere Form von Wassermolekülen sind – die vierte Form, neben Wasser, Eis und Dampf sozusagen – und Geschichten demzufolge nichts anderes als Getränke. Sie können uns benommen machen oder nähren, aber sie können uns auch beruhigen oder auf- und anregen.
Ach, und noch was, Reichlin lesen ist eine gute Idee. Fast so gut wie Trinken und Träumen.
es geht aufwärts
Es ist die Angst vor dem Aufstieg, die mir zuweilen die Freude am Leben vergällt. Auf einmal wusste ich es. Glasklar. Wenn ich diese Angst überwinden könnte, würde ich meine latenten Ängste vor dem Leben mehr und mehr verlieren.
Wir hatten Z. längst hinter uns gelassen, J. und ich, und radelten Richtung Hornbach. Immer südwärts. Der erste Frühlingstag. Der erste Tag ohne lange Unterhose. Der erste Tag ohne Mütze und Handschuhe … Kilometer um Kilometer fuhren wir vorwärts. Geradeaus. Abwärts. Und wieder geradeaus durch die bald schon in üppigem Grün strahlende Landschaft. Immer südwärts, wie gesagt. Feriengefühle ein bisschen.
So mag ich Radfahren, sagte ich zu Irgendlink. Damals, als der Po noch nicht weh tat. Kleine Steigungen nahmen wir locker. Die Sonne schien, die Vögel pfiffen. Mensch, was willst du mehr?
Die Idee von der Radtour kam von meinem Liebsten. Ich selbst hatte für heute nur ein einziges Anliegen auf dem Herzen. Eine deutsche SIM-Karte samt Vertrag für mein smartes Mobiltelefon wollte ich erstehen, denn bald schon würde ich im deutschen Netz fischen und telefonieren. Ganz zuoberst auf meinen Wochenplan hatte ich vorgestern diese Pendenz gekritzelt, da ich ja endlich mal meine Adressänderung verschicken wollte. Wir würden also einfach auf der Durchfahrt beim Telecom-Laden vorbeifahren und anschließend weiter südwärts radeln. Gesagt, getan.
In Hornbach Boxenstopp. Wasseraustausch. Gedanken ebenfalls.
Erinnerst du dich? Heute Vormittag beim Frühstück hast du vorgeschlagen, wir könnten heute eine größere Tour machen, an die sechzig Kilometer. Mir sei das zu viel, habe ich dir gesagt. Untrainiert wie ich bin, sagte ich zu Irgendlink. Zuweilen überfordern wir Menschen uns gegenseitig mit unseren Ideen, Wünschen, Bedürfnissen, Begrenzungen. Du mich zuweilen mit deinen großen Plänen, ich dich wohl mit meiner Angst vor dem Abenteuer.
Mittelwege gehen … Hm, was meinst du, kann das Gehen von Mittelwegen, kann das Finden von Kompromissen langfristig glücken, ohne das die beiden Menschen, die sie schließen, unglücklich dabei werden? Führt womöglich der einzig wahre Weg der Selbstverwirklichung über den Egoismus?
Manchmal wohl ja, manchmal nein. Gewiss müssen wir manchmal kompromisslos unser Ding tun, doch manchmal müssen wir uns aneinander reiben und dabei gemeinsame Wege finden. Laut denken, sagte ich, verhilft mir zu Klarheit. Ist es ein Zeichen der Reife und der Liebe, fragte ich J., oder ist es ein Zeichen der Resignation, wenn wir uns mit Mittelwegen zufrieden geben?
Ein Thema, das wir ausgiebig diskutierten … Bis zur nächsten Steigung zumindest. Denn die kommt immer irgendwann.
Es ist die Angst vor dem Aufstieg, die mir zuweilen die Freude am Leben vergällt, begriff ich, es ist die Angst vor der Angst. Es ist meine Nichtakzeptanz von Steigungen in meinem Leben. Mein Trotz gewissen Naturgesetzen gegenüber, sozusagen.
Sich anstrengen, sich verausgaben, nach Atem schnappen, das rasende Herz im Hals klopfen zu spüren, während ich eine Steigung nehme, empfinde ich als unangenehm, doch hinterher fühle ich mich gestärkt und bin stolz, es einmal mehr geschafft zu haben und oben angelangt zu sein.
Grenzen sanft weiten wie im Yoga, immer ein klein wenig weiter, ein klein wenig länger aushalten, das mag ich. Aber bitte auch schön sanft im richtigen Leben! Einfach immer schön so, dass ich dabei in meinem eigenen Tempo vorangehen und meiner Angst in meinem Tempo begegnen kann.
Einundvierzig Kilometer und viele Höhenmeter später langen wir um achtzehn Uhr wieder auf dem einsamen Gehöft an. Mein Po ist wund. Meine Beine, meine Füße sind müde und ich bin glücklich. Erschöpft lasse ich mich ins Bett fallen. Und ein klein bisschen mutiger.
alles neu
Just another Blog?
Alles neu macht …
Für einmal ist es bereits der April, der alles neu macht, denn ungefähr am ersten April – kein Scherz, nein! – werde ich hier den Vorhang lüften und erzählen, wie es mir in der Fremde ergeht.
In der Fremde?
Na ja. Irgendwie nah und irgendwie fern …
fern von Bern …?
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Was bisher geschah?
Sofasophia verlässt ihre geliebte Heimat. Bern – die Stadt ihres Herzens. Sie will es wissen. Sie will Neues entdecken. Dem Ruf der Liebe folgen. Nein, der Liebste hat sich nicht gedrängt, aber er hat sie eingeladen, an seiner Seite – in der schönen Pfalz, jenseits der schweizerischen Grenze – zu leben, zu spinnen, zu wohnen, zu lieben und zu sein.
Sofasophia ist neugierig. Und auch ein wenig ängstlich. Und sie freut sich auf deinen Besuch hier.
Demnächst in diesem Kino!
wohin und woher
Part I
Wenn ich aufstehe, das zerwühlte Bett verlasse und Richtung Küche tappe, noch schlaftrunken, noch ohne Licht, noch erwachend, kann ich mir die Welt da draußen nicht vorstellen. Sie ist nicht. Es ist nur das, was ich jetzt bin. Nur ich. Ich und meine Träume, die langsam von mir abfallen. Ich und meine Visionen, meine Hoffnungen, meine Sorgen, meine Ängste.
Ich ziehe die Jalousien hoch. Sonnenstrahlen küssen den Küchentisch. Und den dort herum fläzenden Möbelprospekt, der als Beilage die Wochenzeitung eingedickt hatte. Betten. Perfekte Schlafzimmer, minimal möbliert, mit Kunstdrucken an den Wänden. Perfekt gemachte Betten, faltenlos wie die leichtbekleideten Damen, die sich darauf räkeln.
Sterile Betten, die so gar nicht nach Lust, nicht nach Liebe, nicht nach Leidenschaft aussehen.
Seltsam eigentlich, ist doch das Bett, ist doch das Schlafzimmer jener Ort, wo wir am meisten uns selbst sind. Ganz. Wild. Verträumt …
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Part II
5. Habe keinen Respekt vor der Autorität anderer, denn es gibt in jedem Fall auch Autoritäten, die gegenteiliger Ansichten sind.
Ein Satz, den ich neulich beim Blogroll-Surfen via Wildgans bei Zigeunerweib gelesen habe. Hat Betrand Russel gesagt. Unter anderem.
Nicht, dass ich den Satz so ganz unterschreiben könnte, aber die Essenz hat was. Jede Ansicht hat ihr Gegenteil – bloß: was war zuerst?
Diese Woche ergab es sich, dass ich für Internetrecherchen ein paar Mal hintereinander virtuell Zeitung gelesen habe. Wie bei Blogs lassen sich solche online-Artikel kommentieren. Und wie die guten alten Papierbriefe von Lesenden spiegeln Kommentare die Sicht der jeweiligen Gesellschaft wider. Ob es eine Durchschnittssicht ist, die da auf dem Bildschirm abrufbar ich, kann ich allerdings nicht beurteilen. Sowenig wie ich übrigens an sogenannt repräsentative Umfragen glauben kann. Sind nicht immer die eine Gesellschaftgruppen lauter und melden sich eher zu Wort als andere? Deshalb weiß ich also nicht, ob es repräsentativ ist, wenn auf einen kritischen Artikel mit eher rot-grünen Klang zur Wahl des Hardliners Amstutz in den Ständerat, vor allem braune Antwortschreibende das Wort ergreifen, den Artikelschreiber mit Wortmüll bewerfen und ihn gar einseitig nennen. Und drohen, Amstutz‘ Wahl, sei erst der Anfang gewesen … Mir stockt der Atem. Wohin gehen wir? Wir – als Gesellschaft, als einzelne?
Demokratie heißt nebeneinander leben, sich respektieren. Heißt kommunizieren, versuchen, andere Ansichten zu verstehen, heißt sich reiben ohne sich aneinander aufzureiben.
Habe zwar Respekt vor der Autorität anderer, doch denke daran, dass es immer Autoritäten gibt, die gegenteiliger Ansicht sind. Dein Respekt sei wohlwollend, aber nicht unterwürfig.
(by Sofasophia)
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Part III
Ich öffne die Haustüre. Sie ist die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit, die Schleuse zwischen Innen und Außen. Fast unmerklich ziehe ich, sobald ich die Schwelle überschreite, eine Schutzhaut an. Traum, Wildheit, Geborgenheit lasse ich drinnen und betrete die kalte Welt da draußen.
Die kalte Welt?
Jede Ansicht hat ein Gegenteil.