Patchwork | Textklau, Kunst oder Hommage?

Gestern schrieb ich auf fb ungefähr folgende Zeilen:

Wenn ich jetzt aus all den heute gelesenen wunderbaren Blogartikeln meine Lieblingssätze nehmen würde, nur mal angenommen, und damit – aus diesen veredelten Rohstoffen sozusagen – eine neue, eigene Geschichte schreiben würde, wäre das eine Hommage, Klau, Kunst gar oder alles aufs Mal? Und funktioniert – so ähnlich jedenfalls – nicht alles irgendwie? Everything Is A Remix?

Heute Morgen dachte ich mir: Warum eigentlich nicht. Und hier ist er nun, mein Remix mit Textelementem von Lakritze, Fürhilde, Demenz für Anfänger, Mützenfalterin, Der Emil, Andreas Glumm, Irgendlink und mir selbst. Die Text-Verbindungen stammen ebenfalls von mir. Teilweise habe ich einzelne Wörter und/oder Wort- und Satzteile gelöscht oder eingefügt, damit es als Ganzes sinnvoll ist.
Selbstverständlich freue ich mich, wenn auch andere diese Idee umsetzen. Vielleicht auf der Dada-Schiene oder …?

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Damals, die Geschichten mit gutem und schlechtem und die ohne Ende, das liegt schon tief innen. Wollte ich das loswerden, ich müsste mich aushöhlen. Diese Schwebe trägt mich von kleinen Glücken in die Nischen aus Kämpfen. Ständig muss man um irgendwas kämpfen, man muss andauernd sicher sein, und sichergehen, während man glaubt eigentlich unterzugehen, während man sicher ist, dass man gar nicht weitergehen kann, dass nur noch eine Pille deine Neurotransmitter überlisten kann. Aber du musst ja. Du musst ja atmen, wenn du das Gefühl hast unter dem tristen Alltag zu ersticken. Atmen. Atmen. Und ruhen. Schlafen. Ich könnte immer schlafen. Heute hätte ich sogar problemlos eine Stunde länger schlafen können, hätte eine Stunde weniger schwitzen müssen, mich eine Stunde weniger so angefressen gefühlt. So recht weiß ich grad nicht, wie und was das hier werden soll. Der Impuls, einfach meinen Krempel zu nehmen und wieder heimzugehen, ist stark …

Um fünf Uhr in der Früh schreckte ich auf. Nachdem ich vielleicht zwanzig Minuten am Stück geschlafen hatte, wachte ich von der Stille auf. Mutters Atem hatte ausgesetzt. Nach einigen Sekunden röchelte sie. Dann atmete sie weiter. Ich verliere alle Erwartungslosigkeit. Und die Schwellen, an denen auf einmal alles schwierig scheint, voraussetzungsvoll ist, weh tut. Und die Liebe, die alles überwindet. Vielleicht sogar den Tod. Mein Blick gleitet aus dem Fenster. Die Kinder auf der Bank am Bahnhof. Bewegungslos. Still. Eines dick und ganz grau gekleidet, das andere schmal und bunt. Sommerkleider, die gegen den Regen antreten.

Die Frage für wen man schreibt und warum. Und dass das nie folgenlos bleibt. Ein rosa Raunen, das dem Finger entschlüpft, überzeichnet das Alter – mein wahres Gesicht.

Wir müssen weinen und laut lachen. Wir müssen anhalten, einatmen und auch wieder aus. Wir müssen ausscheiden und unsere Schuhe binden, wir müssen Material vorzeigen und Emotionen beseitigen. Wir müssen so tun als ob, auch wenn dahinter eine Horde Rabauken wüten, die wir verschließen sollen, weil: wir müssen ja Anstand haben, und Werte, und wir müssen ja sittlich sein und solide. Wir müssen ja schreiben was die anderen lesen wollen, und sagen was die Menschen hören wollen, wir müssen ja lachen, wenn man lachen soll und weinen, wenn jemand bestattet wird.

Seit einer Woche verfällt Vater zusehends. Da ist nicht nur die runterhängende, an einen Schlaganfall gemahnende Backe, das Gesicht insgesamt wirkt schief und instabil, ein versinkendes Reich: Man hat wieder einmal versäumt, ihm die obere Zahnprothese einzusetzen. Ich löse die Bremsen seines Rollstuhls und schiebe ihn über den Gang in sein Zimmer.
„Da tun wir dir erst mal die Zähne rein.”

„Gerade Ihr Vater ist so ein netter Mann,“ sagt die Schwester mit dem dunklen Teint. „An guten Tagen macht er immer seine Späßchen mit mir. Weil wir beide den gleichen orangefarbenen Schlüsselanhänger um den Hals tragen, stellt er sich mir in den Weg, wie ein Bandit, und ruft: He, rück meinen Zimmerschlüssel raus! Verdammte Italienerin! Dabei bin ich gar nicht aus Italien, ich seh nur südländisch aus.”
Ich muss lachen. Verdammte Italienerin beschimpfte Vater Zeit ihres Lebens meine Mutter, eine Halbitalienerin.

Kein guter Tag. Ich bin froh, als ich mich verabschiede, und im Dunkeln auf den Bus warte. Ein scheiß Tag. Mit einem Ende, das einen glauben machen kann, der Herrgott erlaube sich seine Späßchen mit uns Menschen.

Unsere Unzufriedenheit – ist sie nicht in erster Linie die Unzufriedenheit mit uns selbst. Weil wir nicht wirklich handeln, wie wir wollen. Weil wir nicht wirklich sind, wer wir sind. Weil … oh, nun köchelt meine Gedankensuppe. Die Suppe dickt ein. Die Essenz kommt zum Vorschein. Ihr Name ist Inkonsequenz. Darum, begreife ich, darum sind wir mit uns nicht im Frieden. Mit uns nicht. Mit der Welt nicht. Banal? Gut möglich. Mir egal, denn in mir drin habe ich diese Erkenntnis, die ja nun wirklich nicht neu ist, bisher nie so ganz mit allen Sinnen begriffen. Der Kopf reicht eben nicht um zu verstehen. Nicht ganz. Er ist nur ein Teil und selbst mein aktuelles Verstehen ist immer nur ein Anfang. Verstehen wollen ist nur ein Weg, eine Möglichkeit, das Leben irgendwie zu schaffen.

Nicht, dass nicht jeder Mensch grundsätzlich ganz viele Möglichkeiten hätte. In der Regel verbringt man aber sein Leben derart kanalisiert, dass die Möglichkeiten nicht so möglich erscheinen, dass man sie wählen könnte. Im kanalisierten Leben verbirgt sich die Unzahl dessen, was man alternativ zu der einen Sache, die man tut, machen könnte hinter einem dicken Vorhang namens Es-hat-ja-doch-keinen-Sinn. Und so laufen wir immer weiter auf unserer Sinnsuche. Auch ich laufe. Ich laufe immer wieder durch die Mittelstraße und denke: Mittelweg. Ob es den überhaupt gibt? Aufschreiben sollte ich das. Ein Buch schreiben. Einen Roman gar? Ein Roman ist ein anderes Kaliber. Fiktion, plotten, Geschichten weben, Personage lebendig werden lassen. Das ist echte Strafarbeit – im Vergleich dazu ist das Liveschreiben wie wenn man in der Schule eine Klassenarbeit schreibt, während der Lehrer mal eben den Raum verlässt und man nach Herzenslust abschreiben kann.

Oder vielleicht doch lieber selbst etwas erfinden? Eine Nachbarin, die mich kennt. Weiß sie etwa, dass ich die Bilder kenne, dass ich alles von ihr auf den Bildern gesehen habe? Ist in den Bildern vielleicht ein Programm verborgen, das die Betrachter der Bilder über die Webcamera des Notebooks überwacht?

Nein, ich verstehe nicht, wie das alles hier zusammenhängt, nur dass es das tut. Auch wenn da ganz bestimmt nicht überall Kameras hängen. Nicht so, wie ich es als Kind dachte, wenn ich Streiche spielte – dass nämlich immer jemand alles sieht, was ich tue. Einen allwissenden Big Brother gibt es nicht und auch keinen Liebgott, der alles sieht. Nicht meine Gedanken jedenfalls. Und auch nicht meine Phantasien. Schlimmstenfalls das, was ich hier in die Zeilen hacke und publiziere. Aber meine Gedanken und Träume? Nein. Nie. Vielleicht, weil ich sie selbst oft genug nicht sehe, nicht verstehe, sie mir nicht glaube?

Und ich kann auch oft nicht glauben, dass ich noch an mich glaube, ich kann nicht verstehen, dass Menschen das hier lesen. Ich kann nicht einfach nicht wissen, wieso manches passiert und weshalb nie etwas endet, was mich kaputt macht. Ich kann nicht und das ist das Problem.

Doch ich gehe weiter. Ob Mittelweg oder Umwege. Nein, ich bleibe nicht stehen. Ich fülle mir auf dem Weg nach Hause die Taschen mit Kastanien und Nüssen und ich bin nicht die einzige: mich beobachten Mäuse, ein prächtiges Eichhorn und Dohlen mit Eissplitteraugen. Unmäßig bin ich nicht, und es gibt genug, beruhige ich sie und ziehe meines Wegs.

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Ich bedanke mich für die Text-Anleihen hiermit allerherzlichst bei Lakritze, Fürhilde, Demenz für Anfänger, Mützenfalterin, Der Emil, Andreas Glumm, Irgendlink. Verzeiht, dass ich nicht vorher gefragt habe. Oder verzeiht mir auch nicht. Ich wollte einfach. Ich musste … Danke!

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Quellen in alphabetischer Reihenfolge:
http://demenzfueranfaenger.wordpress.com/2014/10/17/der-nachste-tag/
http://deremil.wordpress.com/2014/10/16/privattagebuch-tagesklinik/
http://deremil.wordpress.com/2014/10/17/kunstfuegung/
http://deremil.wordpress.com/2014/10/18/kennenlernen/
http://fuerhilde.wordpress.com/2014/10/17/du-bist-was-du-musst/
http://glumm.wordpress.com/2014/10/17/geplant-war-ewigkeit-13-die-letzten-tage/

http://lakritze.wordpress.com/2014/10/16/jahresringe/
http://lakritze.wordpress.com/2014/10/17/fulle/
http://muetzenfalterin.wordpress.com/2014/10/17/grau-und-grun/
http://sofasophia.wordpress.com/2014/08/15/10223/

Wörterstiche

Die Wörter flattern in meinem Bauch herum und furzen sich frei. Man riecht’s. Aber nur, wenn ich die Decke lüpfe. Sie wecken mich um halb acht, obwohl ich bis eins gelesen habe (im schwedischen Thriller Letzter Gruss von Marklund/Patterson***). Es gähnt mich und der Schlaf wacht hinter den Lidern, um mich nochmals rumzukriegen. Er weiß es nicht und ich weiß es nicht, ob ich jetzt aufstehen oder mich noch einmal drehen soll. Ich bin noch so müde. Andererseits gibt es heute viel zu tun, so dass es gut wäre, jetzt aufzustehen. Weil ich sonst nicht um sechs Uhr abends reisefertig sein werde.

Nervös? Ja, das bin ich ein wenig. Wie immer, wenn ich eine Reise ins Unbekannte mache. Und meistens auch vor Reisen ins Bekannte. Heute Abend fahre ich ja erstmal zum Liebsten aufs Einsame Gehöft. Morgen geht’s dann zu zweit weiter nach Hamburg, bevor es dann am Montag weiter nach Berlin geht. Ick freu‘ mir.

Und ja, ich bin nervös, angespannt, ein bisschen aufgekratzt. Man kann ja nie wissen. Bin auf Vorrat nervös sozusagen. Und auch ein wenig fremdnervös – ganz klar – stellvertretend für die Lesenden. Drei Bloggende lesen nämlich am Fraitagabend in Hamburg aus ihren Texten. Andreas Glumm, dessen Blogs ich schon lange lese, Sabine Wirsching, die ich inzwischen auch ab und zu auf ihren Blog besuche und und Candy Bukowski. Candys Texte hauen mich immer mal wieder fast um, so authentisch sind sie. Geschichte aus dem vollen Leben geschöpft – so nahe dran, so schmerzhaft nahe.

Ja, ich bin sehr gespannt auf diese drei. Glumm und Sabine kenn ich von Bildern, Candy nicht. Sie ist auch die einzige, die sich hartnäckig mit einem Synonym* vor allzu aufdringlichen Blicken schützt.

Doch was ist schon das Bild eines Menschen gegen das echte Leben, gegen den echten Menschen? Ach ja … Am Freitagabend werden noch andere Bloggende vor Ort sein, die ich bisher nur – wenn überhaupt – aus der virtuellen Welt kenne. Ich bin echt sooo gespannt. Und ja, eben nervös und angespannt..

Enttarnungen mag ich, ich mag das Echte, das, was unter und hinter Papieren und Tüchern und Vorhängen zum Vorschein kommen kann, wenn wir es zulassen. Enttarnungen sind ein bisschen wie Geburtstagsgeschenke. Wie damals, als Irgendlink und ich uns – richtig: zwecks BloggerInnenenttarnung! – in Bern kennenlernten. Vor über fünf Jahren. Enttarnt war das Pseudonym (* ja, so heißt es natürlich richtig) – dahinter zwei Menschen aus Fleisch und Blut. Doch ist ein Pseudonym, ein Nickname, nicht eher noch ein Synonym, wie ich es gerne nenne? Auch wenn ich als Sofasophia ein klein bisschen mutiger und frecher bin als in echt, ist sie dennoch ich; und ich bin sie. Und die andern Schreiberlinge? Wie ist es bei denen? Sind sie so, wie sie schreiben, ähm, will natürlich heißen, wie ich sie als Schreibende wahrnehme?

Ja, meine Anspannung bezieht sich auch auf die lange Fahrt von der Pfalz in den Norden. Sieben oder acht Stunden im Auto. Nicht dass das neu für uns wäre. Wir waren schon zusammen am Polarkreis und so. Aber eben: Es ist immer wieder herausfordernd. Dann der Zeltplatz im Süden Hamburgs – hoffentlich finden wir ihn auf Anhieb. Ach, Sofasophia, mach dir doch nicht so viele Sorgen und Gedanken. Das kommt schon gut … Das wird gut.

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Privat – oder so …

Wird es? Wird es bestimmt. Sage ich. Glaube ich. Hoffe ich.

So, und jetzt bin ich sogar endlich wach genug, um aufstehen zu können. Schreiben ist fast wie Kaffeetrinken, obwohl … da kann ich ja nicht mitreden, denn den trinke ich ja schon lange nicht mehr, weil er mich hyperig macht. Das kann ich ganz gut allein, auch ohne Kaffee.

Welcher Tag ist heute? Muss ich gleich mal zählen. Ach, schon Tag sechs. Fünf Tage ohne Nikotion sind geschafft, juhu … Ja, ich hatte einen Rückfall. Etwa zwei Wochen lang. Und das nach über fünf Jahren! Doch nun ist schon Tag sechs. Der erste Tag, an dem ich nicht mehr dieses Ziepen in der Brust, diese raue Gefühl in der Kehle habe. Der körperliche Entzug war diesmal echt hart. Aber ich wollte es so. Und ich will es so.

Heute waren es Wörter, die mich wachgeküsst haben. Wörter, die wie Mücken um mich herum geschwirrt sind. Wörterstiche können auch jucken. Und dabei kommt dann sowas raus. Blogartikel sind – sag es laut, Sofasophia!: – BLOGARTIKEL sind manchmal einfach nur Wörterstiche, nicht mehr und nicht weniger. Da hilft kein Kratzen, da hilft nur Schreiben.

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*** Oh weh, was für grottenschlechte Kritiken! Da bin ich mal gespannt. Bin erst am Anfang.

Die Sache mit der Inszenierung

Heute vor einer Woche war es. Die Vorratskiste, die ich mit den von mir angefertigten künstlerischen Objekten rund um das Thema was nährt bestücken wollte, stand leer und schön auf dem Teppich, den ich eigens vom Dachboden geholt hatte. Die Objekte und die Schubladen, die ich ebenfalls als Teil der Installation vorgesehen hatte, standen und lagen auf der Bühne und wussten nicht so recht, was sie mit sich anfangen sollten. Ich auch nicht.

Etwas zu inszenieren, in Szene zu setzen, war mir zum einen fremd und zum andern hatten diese Wörter etwas verwerfliches an sich, sie rochen falsch, schmeckten nach Vorspiegelung falscher Tatsachen und wollten überhaupt nicht zu meiner Idee, eines authentischen Kunstwerkes passen, zu einer Darstellung meiner Ideen. Darstellung? Uff, gleich noch so ein heikles Wort. Worauf habe ich mich da bloß eingelassen, seufze ich.

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ausgelegt

Ein Moment der Verzweiflung, gefolgt irgendwann vom Gedanken: Ich fange einfach mal an.

Tue ich, in dem ich die Objekte nach Verwandtschaften ordnete. Hier die Objekte zum Thema Lebensfreude, Phantasie, Farben, Sinnlichkeit, Musik … Dort die Objekte, die meine Idee von Stille, Leere, Loslassen, Sterben und noch mehr Stille wiedergeben. Daneben die Objekte, die sich mit Liebe, Freundschaft, Erotik und so weiter beschäftigen. Ach, und die Bilder – wohin mit ihnen? Aufhängen – und wenn ja wo? Anlehnen? Wie unbedarft ich doch bin. Muss ich bedarft sein und wenn ja, wie sehr? Ist es nicht genau das, was ich will: nichts in Szene setzen? So grüble ich vor mich hin – teils zufrieden, teil unzufrieden mit dem Ergebnis. Ich will ja nicht einfach dekorieren, ich will etwas erzählen.

QQlka schlägt mir – auf meine Frage hin – vor, die drei Schubladen in immer gleichem Abstand an die Wand zu hängen um den Schubladenstock-Effekt hinzubekommen. Gute Idee! Irgendlink nagelt mir die Schrauben in die Wand. Schrauben nageln? Jepp. Geht. Mit Dübeln sogar.

Langsam wird das Ganze konkret. Aber so richtig richtig fühlt es sich nicht an. Noch nicht. Es ist, wie auf einem schmalen Absatz balancieren und nicht runterfallen. Bloß, dass ich runterfalle. Ständig. Das Gleichgewicht will sich einfach nicht einstellen.

Ich rufe schließlich die beiden Kunstbübchen herbei und will ihre Meinung hören.
Zu unruhig, sagt Ex-Galerist QQkla. Irgendlink nickt nachdenklich.
Genau, ich weiß. Nur, was kann ich tun?, sage ich.
Die Bilder da müssen woanders hängen. An einer Stellwand zum Beispiel.
Oh, Ich habe noch eine, eine schmale!, sagt Irgendlink und holt das Teil.
Gut!, sagt QQlka, und der große Hocker da ist zu groß, da muss ein kleinerer hin. Wie wäre es mit dem roten?
Wir probieren es aus.
Wow, das wird ja immer besser!,
lache ich.
Inszenierung, sagt der Galerist, Inszenierung ist das Zauberwort.
Ich schlucke leer.

Übersicht ohne Stellwand_fB
Übersicht, ohne Stellwand

Später verstehe ich: wir alle sind Inszenierende. Auch dieser Text ist eine Inszenierung. Eine In-Szene-Setzung meiner Gedanken. Auch die Kleiderwahl ist eine Inszenierung, selbst wenn es ganz banal Shirt und Jeans sind, die ich trage.

Wo immer ein spiegelndes Gegenüber in unserm Leben vorkommt, werden wir Inszenierende. Und womöglich selbst ohne den Spiegel …?

Reizwörter verlieren ihren Schrecken, wenn ich sie öffne. Wenn ich mich ihnen öffne.

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… und mich öffnen werde ich auch am nächsten Freitagabend! Einer etwas andern Inszenierung. An einem etwas andern Ort. Am 3. 10. 2014, um 19 Uhr im Schulterblatt 73 in Hamburg lesen die BloggerInnen Andreas Glumm, Candy Bukowski und Sabine Wirsching aus ihren Texten.

Vintage inscription made by old typewriter
Draufklick macht groß!

10 – 9 – 8 … badouff!

Am Tresen auf dem Rinckenhof. Bin müde. (Da mein Laptop sein Gedächtnis verloren hat, benutze ich vorübergehend einen alten Laptop von QQlka. Klasse. Toll, endlich mal wieder ein Laptop, der läuft. Schneller als mein zehnjähriger und zuverlässiger als der sechsjährige.)

Was bin ich müde. Die Ausstellung ist seit paar Stunden fertig gehängt und aufgebaut. QQlka hat uns geholfen. Hat gesagt, was geht, wie’s besser wäre, was nicht geht und warum. Klasse, so ein Galeristen-Coaching! Bin froh. Froh und müde. Müde und froh.

Nun nur noch einkaufen, Kaffee und so. Dann darf es morgen werden. Und übermorgen. Und Gäste dürfen kommen. Auf den Rinckenhof. Kommt. Wir freuen uns.

Später grillen wir. Und nun: publizieren.

ausgleichen

Die Natur ist grausam. Sagt man. Dachte ich schon oft, wenn ich mich umschaute. Unheilbare Krankheiten, (zu viel/zu wenig) Sonne, (zu viel/zu wenig) Regen, Überschwemmungen und Unwetter, Aborte, unerträgliche Schmerzen, Unfruchtbarkeit, Geburtenüberschuss … Grausam – ist es das, was die Natur wirklich ist? Oder ist das alles nicht einfach dieses uralte Spiel von Werden und Vergehen? Die Natur als Jongleurin. Leid ist letzlich einfach unsere Wahrnehmung dessen, was in der Natur um uns und in uns geschieht. Nein, das ist nicht zynisch gemeint, einfach als Feststellung.

Ist Grausamkeit nicht vielmehr eine menschliche, zielgerichtete, auf Zerstörung und Leid ausgerichtete Tätigkeit aus Motiven, die wir alle – offen oder verschlossen – irgendwo in uns tragen? Nein, die Natur ist nicht grausam, sie folgt nur ihren eigenen Gesetzen. In die wir Menschen uns schon viel zu oft eingemischt haben. Die Natur folgt ihren Zyklen, ihrem eigenen energieausgleichenden Kreislauf. Sie folgt den Gesetzen des Ausgleichens. Ebbe und Flut. Die Natur handelt nicht mit Vorsatz böse, nicht aus persönlichen Gründen, nicht aus Hass und Rache. Ausgleichen ja, aber Gerechtigkeit üben, nein, das tut die Natur nicht. Die Natur ist weder grausam noch gerecht. Aber sie ist auch nicht nicht grausam und sie ist auch nicht ungerecht. Sie ist.

Gerechtigkeit ist eine Erfindung von uns Menschen, aber eine die in der Praxis nicht funktioniert. Sie scheitert schon daran, dass wir alle – innerhalb eines allgemein gültigen Rahmens, den wir mehr oder weniger okay finden – sehr unterschiedliche Vorstellungen von Gerechtigkeit haben.
Die „richtige Höhe” von Steuern zahlen zum Beispiel.
Das „richtige Strafmaß” bei Vergehen festlegen oder gar
Todesstrafe für Mörder?
Suizidhilfe für Betagte, die nicht sterbenskrank sind, aber lebenssatt, und die selbstbestimmt sterben wollen – geht das?
Auf Gewalt mit oder ohne Gewalt reagieren?
Sich vom Wetter, den Ämtern, der Nachbarin, dem Autofahrer auf der Überholspur nebenan ungerecht behandelt fühlen.

Ja, wir haben fürwahr viele Gründe, das Leben ungerecht finden zu dürfen. Oder grausam.

Ich übe mich aktuell darin, der Natur über die Schultern zu schauen und mich dem Prinzip des Ausgleichens anzunähern. Ein Prinzip, über das ich schon sehr oft gegrübelt habe. Gegrübelt darüber, warum es unter uns Menschen doch immer wieder irgendwie zu funktionieren scheint. Dort gebe ich etwas, da bekomme ich etwas zurück. Mich diesem Naturgesetz anzuvertrauen, braucht Mut.

Heute Morgen, bei meinem Spaziergang durch ein paar meiner virtuellen Lieblingsräume, las ich Candys Arikel über den Kreislauf Mensch. Für alle genug. Das Prinzip des Ausgleichens auch bei ihr. Ha – wie toll ist das denn? Ja, auch solche nährenden Texte dienen dem menschlichen Energieausgleich. So habe ich das Bloggen noch nie betrachtet. Danke, Candy, dass ich dich hier zitieren darf!

„Hast Du Hunger?”[, fragt Candy den mageren Transsexuellen, der sie in der Nähe ihrer Wohnung um Wasser und um eine Hose gebeten hat]. Etwas Brot und Käse, originalverpackt, wechselt durch die Hände und lässt seinen Blick betroffen zu Boden wandern.
„Hör zu, ich will Dich damit nicht demütigen. Ich denke nur, manchmal geht ein Tag so schnell vorbei und irgendwann fällt einem auf, man hat noch gar nichts gegessen. Stell Dir vor, die beiden Jeans und T-Shirts konnte ich mal tragen. Aber da werde ich im Leben nicht mehr hineinpassen. Sie werden sicherlich nicht fehlen.”

Er schnäutzt sich in den Saum seines schmutziggrauen Tüllkleides und wünscht meiner Familie bis in den x-ten Ahnengrad Glück und gute Engelsmächte. Psst. Alles gut. Die behelligen wir damit nicht. Ein wenig überraschendes Glück für dich und mich. Damit hat das Schicksal schon genug zu tun.

Wir lächeln beide etwas schief.
Danke.
Gerne.

Gute Nacht.

Hinter mir zischt das Öffnen der Wasserflasche. Es war ein brüllend heißer, reicher, leiser Tag.
Genug da, für alle.

Und Gabi fehlt der Hauch einer Vorstellung, wie dankbar ich ihm bin, etwas von dem Wenigen das mir gerade möglich ist, in den großen Kreislauf Mensch, zurück zu geben.

Candy Bukowski

Quelle: den ganzen tollen Artikel findest du bei Candy Bukowski

Hundert Archen werden kommen und uns retten

Die heutige Geschichte von unterwegs hat uns Andreas Glumm zur Verfügung gestellt.

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Hundert Archen werden kommen und uns retten

Spaziergänge mit struppigen Hunden sind eine gesunde Sache, sagt der Doktor, schon wegen der vielen Hundehaare, die man beim Gehen einatmet und die sich weiträumig ums Herz legen und es abfedern.

Lebt man zudem im Bergischen Land, im fiebrigen Wupperdelta, in der Neuen Eisenzeit, wo die Wälder wieder rauschen, dann ist das Herz mehr als gewappnet.

Dann darf man noch viel längere Spaziergänge machen.

Oder, wie mein türkischer Arbeitskollege Erhan vor Jahren zu sagen pflegte, bevor er sich beim Ein-Euro-Job wieder mal in die Kulissen verdrückte: “Erhan jetzt Spazirrgehen bla-bla-bla!” Dann streckte er einem die Zunge raus und war weg für den Rest des Tages.

Sehr gesund.

Spazierengehen.

Ein Wort, das fatalerweise in der Kindheit an die Tugendhaftigkeit verfüttert wurde, an biedere Sonntage mit Oma und Opa. Dabei ist es ein Streunen. Ein wildes Klettern, ein Raufen im Morast! ein Brennen! Ein Erobern von Landschaft! Den Göttern folgen, in ständiger Vorfreude auf den nächsten Schritt!

voran!

*

“Das ist nicht schön!” schnaubt die Gräfin.

Na, da hat sie recht.

Das ist in der Tat nicht schön, wenn man aus der Haustüre tritt und es wabert ein Geruch durch die Luft, als habe der mopsige alte Mann von gegenüber Leberwurstbrötchen gegessen und in der Folge mehrmals kräftig aufgestossen.

“Ich hab überhaupt keine Lust mehr auf Spazierengehen”, jammert sie.

“Ja ich denn?” jammere ich zurück.

“Leberwurst”, denkt der Hund, die Nase hart im Wind.

Ach was! Spaziergang am frühen Abend! Zur besten Sportschau-Zeit im Herbst! Leichter Regen! Ritual! Abenteuer!

Wir drehen eine Runde über die Felder. Es riecht nach Leder und Licht, nach unserer Erde. Nach wenig Schlaf und kess durch die Zellen klimpern. Nach Radfahrern, die von hinten heranflattern, nach Hundekötteln am Wegesrand, dick wie Sonntagsbuchstaben.

Alle drei Meter bleibe ich stehen und notiere etwas. Eine Idee, ein Bild, ein kleiner Satz.

“Was schreibst du denn da andauernd auf?”

“Drei Meter Sätze”, sag ich.

*

Wir biegen in den Wald ein. Der Wald in den Wupperbergen ist eine große dunkle unheimliche Truhe. Man kann dreißig Mal an derselben Stelle abbiegen und glauben, jeden kleinen germanischen Feuerbusch zu kennen, doch biegt man aus Versehen auch nur einen halben Meter zu weit rechts ab, tut sich gleich unbekanntes Terrain auf, die neue, die andere Welt.

Spaziergang.

Ein kleines Blatt, das AUGENSCHEINLICH keine Lust hat, zu Boden zu fallen, steht mitten in der Luft. Regungslos. “Ich bin ein Wunder”, säuselt es wie angetrunken und schwebt auf uns zu, tänzelt wie am unsichtbaren Faden. Den Trick offenbart das Gegenlicht: das kleine Blatt ist tot vom Baum gefallen und hat sich in einem Spinnennetz verfangen, das quer über den Weg gezimmert wurde, in Kopfhöhe.

“Dass der Tod so schön sein kann, so leicht”, murmelt die Gräfin.

Jäh reißt ein Windstoß das Blatt fort; wie eine Sternschnuppe saust es um mich herum und kracht mir mitten auf die Stirn, samt Spinnennetz. Die Gräfin lacht frei heraus. Es sind kleine LSD-Tränen.

Sie steht da wie das Sterntalermädchen.

*

Wir alle sind nur da Mensch, wo wir uns fallen lassen können, ohne wenn und aber, keine Stützräder und keine Fixseil, wo wir ohne Angst in den Augenblick hineinrauschen.

Geschlagene anderthalb Stunden sind wir auf dem alten Postweg unterwegs. Andauernd bleibt einer stehen, um sich etwas anzugucken, der andere schliesst auf und schaut es sich auch an. Wir kreisen wie Satelliten um die eigene Geschichte.

“Das ist kein Gehen, das ist relativ flottes Stehen”, übernehme ich die Deutungshoheit.

Wir verlassen den Andromedanebel der gesicherten Pfade und kraxeln die Wupperberge rauf und runter, der Hund begeistert voran. Das ist sein Metier. Unterwegs in unwegsamen Gelände, die Nase am Boden, ein Trüffelschwein.

“Molli riecht wie meine alte Blockflöte”, schnupperte die Gräfin am Fell des Hundes, “wenn das Mundstück nass war, voller Speichel.”

*

Erinnerungen an die Kindheit waren unsere Morgengabe, vom ersten Moment an. Wenn man sich kennenlernt, spürt man instinktiv, ob der andere ähnlich aufgewachsen ist. Ob man in etwa das gleiche braucht im Leben. Als wir uns kennenlernten, war da als erstes dieses Muttermal über ihrer Oberlippe, diese Schokoperle. Ich hatte ein Grübchen, in dem ein Muttermal Platz hatte. Das ging in Ordnung. Das passte.

Es konnte losgehen.

*

Als Frau Moll noch klein war, gerade dem Welpenalter entwachsen, räuberte sie oft mit Spikey, einem Rüpel von einem Schäferhundrüden aus der Nachbarschaft. Die Nahkämpfe der Beiden endeten oft mit Zahnfleischbluten und ausgerupften Fellbüscheln, sie knallten mit den Rippen aneinander, dass es nur so schepperte, unter Einsatz des ganzen schnaubenden Hundekörpers.

Doch Frau Moll ist nicht mehr so beweglich, sie knickt schon mal mit den Hinterläufen ein, gerät ins Stolpern.

“Unsere alte Oma”, ruft die Gräfin verliebt.

*

Der Wald, ein Körbchen voll schräger Geräusche. Eicheln gehen zu Boden, Kastanien klackern. Eine Krähe kräht im Fliegen mit ihrem Kumpan um die Wette.

“Krah-krah!”

“Wenn man im Herbst vorüberfliegende Krähen hört, ist man innerhalb Sekunden im Mittelalter”, meint sie. “Dieser Herbst ist uralt.”

“Bronzezeit”, schätze ich.

Wir stöbern in Schonungen, entdecken einen verwunschenen, illegalen Grillplatz, wir rücken dem Wald tiefer auf die Pelle: über den alten Postweg, wo uns alle anderthalb Meter ein frischer Kuhfladen auflauert.

“Wie zum Teufel kommen Kühe in den Wald?”

“Zu Fuß”, vermute ich. “Die grillen hier. Das ist ein uralter Grillplatz der Kühe.”

Auf Laub geht man weich, wie auf frischen Leichen.

*

Ich kann nicht anders. Mir entfährt ein “kleil!”, weil sich mein Sprachzentrum auf die Schnelle nicht entscheiden kann zwischen “Klasse!” und “Geil!”, als die Gräfin sich die rote Lederleine von Frau Moll um die Hüfte wickelt, drapiert mit okkergelbem Laub tanzt sie die Herbst-Domina, im Napoleonmantel.

KLEIL!

Die Gräfin, ein seltsames, ein seltenes Arrangement von Frau.

Wie lange noch.

Nasses Laub glimmt tief im Forst, abseits der Pfade, der Hund buddelt im Erdreich, im Windschatten unserer Worte.

Die Gräfin nimmt sich vor, in Zukunft nicht mehr so viel und sorglos zu plappern, (“ach du Schande!” rufe ich aus, “mein armes Notizbuch!”), sondern ihre Gedanken lieber ins Nichts rascheln zu lassen, “dann bin ich glücklich.”

“Na schön”, sag ich. “Dann lauere ich mit dem Notizbuch künftig im Nichts.”

Geht in Ordnung. Auch gut.

*

Entlang der Bahngleise. Im Schotter nach Gegenständen fahnden, die Leute aus dem Regionalzug werfen, der alle zwanzig Minuten zwischen Solingen, Wuppertal, Remscheid verkehrt:

3 mumifizierte dunkle Rosen im Gleisbett.

“Eine Rose ist noch ein bisschen schön”, sagt die Gräfin, und legt sie zurück. “Vielleicht ist hier mal jemand tödlich verunglückt. Was meinst du? Vielleicht ist das eine Kultstätte.”

“Kann sein.”

Es kann vieles sein. Und es ist auch viel. Gewesen, vor allem. Vergangenheit überall. Solange der Mensch lebt, produziert er Vergangenheit. Und je mehr Menschen auf der Erde leben, desto mehr Vergangenheit ist in der Welt. Es ist eine mächtige Überproduktion. Man weiss nicht mehr wohin mit all der Vergangenheit. Große Deponien bedecken schon den Kontinent: VERGANGENHEIT! Ein Maximum an FRÜHER, wohin man auch den Blick wirft.

(Weil wir die Zukunft nicht kennen, multiplizieren wir einfach unsere Vergangenheit und glauben, hundert Archen werden kommen und uns retten.

Ja sicher.)

*

Ein warmer Herbstschauer pixelt vorübergehend die Gegenwart. Die Haut. Es regnet – Bindfäden?

“Wieso Bindfäden? Nein, es regnet – Bleistifte! Graphit!” ruft sie.

Und mutmaßt sofort: “Oder meinst du, der liebe Gott gurgelt? Es riecht sogar ein bißchen nach Odol.” Sie schnuppert an ihrem Ärmel. “Hier. Riech mal.”

“Leberwurst?” frag ich vorsichtig, weil ich nicht gut rieche.

“Odol! Blödmann!”

*

Pferdegetrappel in der Ferne, ein Streifen Sonne fegt heiß über unsere Köpfe, als ur-plötzliches Bügeleisen.

“Wo kommt denn die Sonne auf einmal her..?”

Ist schon wieder verschwunden.

“War nur ne Bügelvisite.”

*

Plötzlich Kuddelmuddel in der Luft. Zwei Vogelschwärme geraten aneinander, kurzfristiges Aufbrausen, denn genauso schnell wie es begonnen hat, wird die Kollision für beendet erklärt, und jeder fliegt wieder seines Luftraums.

Der Waldweg verläuft eine Weile schnurgerade, ist sogar mit Kopfstein gepflastert. Ein Biker kommt uns entgegen, mit Stirnlampe und Leuchtdioden an den Knöcheln. Fesch und sportiv rumpelt er übers Pflaster, doch als wir auf gleicher Höhe sind und grüßen, stösst er nur ein klägliches “Moin..!” aus, wie ein defektes Hodenkehlchen.

“Schätze, sein Skrotum ist angegriffen von allerhand Überlandfahrten”, so die Gräfin.

Dann doch lieber Spaziergang. Ein tugendhaftes, zutiefst biederes Wort, in der Kindheit an langeweilige Sonntage verfüttert. Dabei ist es ein Streunen. Ein Klettern und ein Raufen im Morast! Den Göttern folgen, in ständiger Vorfreude auf den nächsten Schritt! weiter!

voran!

Da taucht eine Buche vor uns auf. Präsentiert längst vergangene Botschaften, eingeritzt ins Holz. ONLY TO MY LADY-FRIEND.

Erstaunliche Daten: 23. 3. 1976. MARCH 1966. 22. 3. 1946. (!)

“..BELLA.. EYE OF MY..”

Manche Zeichen sind tief in die Baumrinde gesunken, lassen sich kaum noch entziffern, anderes wirkt wie gestern erst eingeritzt. Es ist diese plötzliche Präsenz, die verblüfft, die Wiederentdeckung eines Evergreens.

Selbst die Sonne sucht sich ein Loch in den Wolken und schaut uns zu.

MARCH 1946. HENRY U. BELLA. (Ich folge einem Pfeil zur anderen Seite des Stamms..) HENRY AND BELLA IN THE WOOS TONIGHT! Es wurde ein D vergessen im August 1946, IN THE WOODS TONIGHT. War es ein Soldat der Alliierten, der sich am bergischen Frollein (Bea) bediente?

“Hallooo.. ihr Zweiiiii!” hallt es durch die Wupperberge, eine erregte Walddurchsage der Gräfin, die bereits den Hang hoch ist. Ich blicke den Hund an, der Hund bellt mich an: nichts wie hinterher!

Feuerahorn raschelt unter unseren Füßen und Pfoten.

Der Herbst ist die einzige Jahreszeit, wo es im Wald brennt, aber niemand muss löschen, hatte sie am Morgen gemeint, als wir loszogen. Der Herbst ist der Feuerläufer.

Die Sache ist geritzt.

© für Texte & Bilder bei Andreas Glumm | 2014

unterwegs

Die heutige Geschichte von unterwegs hat Susanne Popp verfasst.

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ich war unterwegs
zum größten moment
meines lebens
kurz davor
berühmt zu werden
also: quasi prominent

gerade fühlte ich mich froh
da merkte ich voller schreck:
mein fahrschein war weg
und zwei sitzreihen weiter
stand der kontrolleur
also ich ging vorsichtshalber
aufs klo

während ich
um das gesicht zu wahren
tat, was man so tut
an diesem ort,
ging der moment vorbei –
das war vor ein paar jahren
doch meine Stimmung
blieb heiter

ich bin unterwegs
zum größten moment
meines lebens
kurz davor
berühmt zu werden
also: quasi prominent

Text für die Reihe Geschichten von unterwegs auf Sofasophien, Fallmaschen & Herzgespinste

open book with letters falling into the pages

© für Bild & Text: Susanne Popp | 2013

Von abgefahrenen Zügen

Leider erst gestern habe ich vom Geschichtenwettbewerb erfahren, den Fatima Vidals Verlag ausschreibt. Freund M. arbeitet bereits am Buchcover.

Als zugfahrende Frau hätte ich gewiss etwas zu erzählen gehabt. Ich denke an Pendlergeschichten à la Bänz Friedli, denke an die Zug-Anthologie Im Nachtzug nach Wien und ich denke an meine nicht wenigen Blogartikel, die ich bereits zum Zugfahren geschrieben habe.zug abgefahren Da hätte sich doch bestimmt etwas machen lassen, sinniere ich. Vielleicht hätte ich sogar mal wieder eine meiner Voller Einsatz-Geschichte schreiben können, wie ich sie früher eine Weile gesponnen habe? Oder gar ein dadaistisches Gedicht? Ich überlege vor mich hin und erzähle auch dem Liebsten vom Wettbewerb. Gib ihm ein paar Wörter und das Künstlerhirn fängt an zu arbeiten. Sofort entwickelt er vor meinen Augen und Ohren einen witzigen Plot.
Mach doch auch mit!, sage ich.
Mal schauen, sagt er.
Da wusste ich allerdings noch nicht, dass der Wettbewerb gestern Anmeldeschluss hatte.

Wettbewerben begegne ich ambivalent. Zum einen verdanke ich meine erste Veröffentlichung – und vielleicht indirekt auch alle nachfolgenden? – einem Wettbewerbspreis. Acht Jahre ist das nun her. Zum andern finde ich es immer sehr ambivalent, zu einem bestimmten Thema zu schreiben. Gut, wenn ich einen Schreibauftrag bekomme, schreibe ich auch zu einem bestimmten Thema, doch da es sich dort immer um Sachartikel handelt, die mit Recherchearbeiten einhergehen, liegt der Fall anders. Das eine ist Handwerk, das andere ist Kunst. Und ja, eine gute Geschichte zu schreiben ist Kunst. Wer etwas anderes behauptet, hat noch nie eine gute Geschichte geschrieben und noch nie eine schlechte gelesen.

Die Frau im Zug also … Dass ich nicht mitmachen werde, hat diesmal nicht die Muse entschieden. Gut so, da kann ich ja wieder schreiben, was ich will …

Ausgelesen II. #12 – Die Frau, die nie fror

Eigentlich lese ich ja fast nie Romane aus den USA, jedenfalls nicht Krimis. Dass der Roman mit dem tollen Titel Die Frau, die nie fror in Boston/USA spielt, habe ich erst beim Lesen begriffen. Ausgewählt habe ich dieses Bibliotheksbuch primär, weil mir das Cover gefiel. Und der Titel sowieso.cover fraufror

Elisabeth Elo erzählt Pirios Geschichte sehr unmittelbar in Ich- und Gegenwartsform. Pirio und ihr Kumpel Ned werden beim Hummerfischen in der Bucht vor Boston von einem riesigen Schiff gerammt und erleiden dabei Schiffbruch. Der Frachter begeht Fahrerflucht, was beim herrschenden Nebel sehr einfach ist. Pirio erinnert sich nur noch an die Farbe des Bugs. Grau. Dass Pirios Körper mit Kälte so gut klar kommen würde, wusste sie nicht. Sie überlebt vier Stunden im eiskalten Wasser, während Ned, nachdem er einen Notruf funken konnte, ertrinkt. Pirio wird als Sensation gefeiert, als Heldin und Überlebende, was ihr gar nicht recht ist. Auch für die Navy und die Forschung ist sie ein Wunder und wird schon bald wissenschaftlich untersucht. Doch da sie nicht nur einen guten Freund verloren hat, sondern auch eine sehr traumatische Erfahrung erlitten hat, will sie bald wissen, was wirklich passiert ist. Zumal die Küstenpolizei die Suche nach dem fahrerflüchtigen Frachter schon bald aufgibt.

An Neds Trauerfeier lernt Pirio einen Mann kennen, der ihr einige seltsame Fragen stellt. Langsam begreift sie, dass mehr hinter dem Schiffsunglück steckt. Sie und ihre Freundin Thomasina, Mutter von Neds Sohn Noah, deren Patin sie ist, beschliessen, herauszufinden, was die wirkliche Ursache für Neds Tod ist. War das Unglück Absicht? Auch Pirios Vater, mit ihrer Mutter vor vielen Jahren aus Russland eingewandert, behauptet, dass Ned ermordet wurde. Pirios hartnäckige Suche löst einen Rattenschwanz von Ereignissen, Bewegungen und Erkenntnissen aus. Wozu auch einige neue Einsichten in das Leben ihrer vor vielen Jahren verstorbenen Mutter gehören.

Mehr verrate ich aber nun wirklich nicht, denn das Buch ist schlicht und einfach lesenswert. Nicht zuletzt, weil es die Autorin schafft, ihren Ökokrimi weder allzu zynisch noch wirklich moralisch zu schreiben. Ein absolut lesenswertes Buch, das mich von der ersten bis zur letzten Seite gepackt hat.