Ausgelesen II. #11 – Zwei Krimiautorinnen

Diesmal stelle ich gleich zwei Krimiautorinnen und je eins ihrer Bücher vor. Die eine, Ina Haller, lebt schon ganz lange in der Schweiz, ist aber in Deutschland geboren, die andere, Zoé Beck lebt in Deutschland, wählt aber als Schauplatz für ihre Romane häufig England.

Ob das Land, das uns geprägt hat, auch unsern Schreibstil prägt, ist eine Frage, über die nachzudenken sich gewiss lohnt. Wir sehen die Welt ja immer irgendwie durch den Filter unserer kulturellen und geografischen Prägungen und Erfahrungen. Deshalb mag ich vielleicht besonders Bücher, die in Ländern spielen, die ich kenne, mag oder die ich gerne bereisen würde. Skandinavische, französische, deutsche, englische und Schweizer Krimis lese ich definitiv am häufigsten.

Ina Hallers neues Buch Gift im Aargau knüpft am Vorgängerbuch (Tod im Aargau) an. Die Hauptfigur Andrina, Lektorin und inzwischen mit dem Kripobeamten Marco liiert, erlebt auch im zweiten Roman, der – wie der erste – in Aarau und Umgebung spielt, sehr spannende Mordermittlungen covergiftimaargauaus nächster Nähe mit. Diesmal gehört sie sogar zum Kreis der Verdächtigen, als es den Mord an einer ihrer Freundinnen aufzuklären gilt. Ihre stilistischen Schwächen macht Haller, studierte Geologin, mit ihrer originell und stringent erzählten Geschichte schnell wett.  Die Autorin verfügt nicht nur über das notwendige Hintergrundwissen zur höchst spannenden Materie der Giftmüllentsorgung, sondern verknüpft ihre Kenntnisse auch gleich zu einer höchst aufregenden Geschichte über Freundschaft und Vertrauen. Ein überzeugender Plot, der ganz nebenbei auch meine romantische Seele berührt.

Bei Zoé Becks Das zerbrochenen Fenster beobachten wir Pippa auf der Suche nach ihrem verschollenen Liebhaber Sean, dem ihre stinkreiche Familie, von der sie sich distanziert hat, keine Träne nachweint. Ihre Suche, die sie im Tagebuch akribisch nachzeichnet, wird schon bald recht krankhaft und es zeichnet sich bald ab, dass mehr hinter Seans Verschwinden steckt als gedacht. dzf_titel_small Parallel zu Pippas Tagebuchauszügen, die die letzten sieben Jahre skizzieren, erleben wir im Heute die Mordermittlungen an Cedrics noch ziemlich junger Stiefmutter mit. Der junge Lord Cedric hat sich ebenfalls schon vor dem Tod seines Vaters vor sieben Jahren von seiner reichen Familie distanziert, kann aber wegen seiner Soziophobie und anderer psychischer Probleme nicht wirklich ohne finanziellen Rückhalt leben. Wir blicken nach und nach hinter die Fassaden der reichen englischen und schottischen Gesellschaft und geraten dabei mit dem Journalisten Ben auf die Spur einer Frauenärztin, die Babys nach Wunsch per Samenbank produziert. Praktisch jeder und jede von Jennys Figuren hat einen an der Waffel, was die Figuren sowohl liebens- als auch hassenswert macht. Ist es Krimi, Thriller, Gesellschaftsstudie oder gar eine Parodie auf alle diese Genres, das Beck da vorgelegt hat? Ich weiß es nicht so genau. Lesen lohnt sich trotzdem.

Ausgelesen II. #10 – Zwischen zwei Wassern

Véro und ihr Partner, der Ich-Erzähler, verbringen ihren Urlaub in der Bretagne. Sie pflücken Muscheln auf den Granitfelsen von Feunteun Aod, als unvermittelt eine mächtige Welle vor den beiden aufsteigt und Véro verschluckt. Er überlebt wie durch ein Wunder – und genau das ist sein Problem. neeser_coverDie Verletzungen des Körpers lassen sich kurieren, doch wie lässt sich das Schicksal des Überlebenden annehmen?
Ein Jahr später reist der Erzähler erneut in das kleine bretonische Küstendorf. Er will Abschied nehmen, sich mit dem Meer und sich selbst versöhnen.
Andreas Neeser erzählt eine große, eine wichtige, eine existentielle Geschichte. Ich möchte mit Zitaten Lust auf dieses Buch machen, das mich sehr berührt hat.

„Im Nachhinein ist jedem Verhängnis zu entkommen. Der Konjunktiv schreibt jede Geschichte neu, das Leben hingegen geht nicht in Revision.“

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„Meine Klasse und Max, das wäre eine Konfrontation. Generation Copy/Paste und das lebende Original. Hipness gegen Verbindlichkeit, Bodycare gegen Natürlichkeit, Fastfood gegen Nachhaltigkeit. Übelzunehmen wäre das meinen Teenagern nicht. Wie sollten sie es besser wissen? Junge Menschen, die das zweck- und gewinnorientierte Leben zwingt, sich immer raffiniertere Vermeidungsstrategien anzueignen.“

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„Einen Gedanken, bevor die Welle kam, gibt es nicht. […] So muss es sein, sagte Véro, und wir legten uns ineinander, schmeckten im Mund des andern die faserigen Reste der Krabben. Als ich aus dir herausfiel, war ich nichts mehr, woran ich mich erinnern könnte.
Und dann war die Welle da. Ich hatte sie nicht kommensehen. […] Etwas hatte sie aus dem Meer herausgewuchtet, aufgetürmt unmittelbar vor unserem Muschelfelsen.“

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„Ich hatte mir diesen Moment sehr emotional vorgestellt. Auge in Auge mit dem Lebensretter. Und dann passierte nichts. […] Heute Morgen ist mir erneut bewusst geworden, das der Tod hier draußen immer auch etwas Anekdotisches hat. Man erzählt sich Geschichten vom Sterben, weil sie zum Leben gehören. Doch der Tod, über den gesprochen wird, ist immer ein entfernter Tod. Die Geschichten über das Sterben sind Platzhalter für die Sprachlosigkeit im Eigenen.“

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„Neuerdings schichte ich den Steinhaufen um, wenn ich herkomme. […] Es sind lange Tage hier oben. Nicht immer stehe ich sie durch. Wenn sich alles dreht im Kopf, wenn die Fliehkraft jeden einzelnen Gedanken gegen die Schädelwand drückt, kommen die Kopfschmerzen.“

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„Ich akzeptiere den Tod von Véro, und ich würde gerne auch seine Sinnlosigkeit akzeptieren. Ob ich es kann – ich weiß es nicht. Dass ich letztlich keine Wahl habe, ist mir jetzt klar. Dein Verdienst. Will ich je wieder einen klaren Gedanken fassen können, will ich überhaupt wieder etwas zustande bringen in meinem Leben, dann darf ich die Sinnlosigkeit des Todes nicht mit Sinn füllen wollen. Jede Sinnsuche würde mich von mir weg, aus mir herausführen. Ich muss die Sinnlosigkeit akzeptieren und hinter mir lassen. Einen anderen Weg, der mich bei mir selbst bleiben lässt, gibt es nicht. In mir drin gibt es keinen Sinn. Und einen anderen will ich nicht.“

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„Man funktioniert, man kämpft mit dem Alltag, der keiner mehr ist, und die Wunde frisst sich ein. Das Schmerzloch bemerkt man erst dann, wenn man längst begonnen hat, sich darin aufzulösen. Wenn man nicht trauern kann. Wies soll so etwas zu überwinden sein?“

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Andreas Neeser gehört schon seit langem zu den konstanten, hochinteressanten Autoren in der Schweiz, weil er die Möglichkeiten der Sprache ausschöpft. Seine literarische Arbeit wirkt über die Schweiz hinaus in die deutschsprachige Literatur hinein. Er ist einer der ganz spannenden Autoren, weil er eben nicht einfach den Leuten nach dem Maul schreibt, sondern das tut, was die Literatur kann: Fesseln, nicht nur über den Inhalt, sondern vor allem auch durch die Sprache.
Hardy Ruoss

Ausgelesen II. #9 – Der kalte Schlaf

Manchmal habe ich einfach Glück. Neulich surfte ich auf Onleihe, einem eBook-Leihportal, bei welchem meine Bibliothek angeschlossen ist und fand ein Buch von Sophie Hannah. War es der Vorname der Autorin und dessen Ähnlichkeit zu meinem Blogtitel oder war es eher der Titel des Buches – Der kalte Schlaf – der mich angesprungen hat? Neugierig habe ich die Buchinfos geöffnet und Buchzusammenfassung und Textausschnitt gelesen. Beides gefiel mir und darum lud ich das Buch für zwei Wochen auf meinen Reader ein. Und nun, zwei Tage später, habe ich es bereits fertig gelesen. Und das, obwohl das Buch alles andere als leichte Kost ist! Gut, meine Erkältung hat sicher dazu beigetragen, dass ich mir ein paar zusätzliche Lesestunden gegönnt habe … Dennoch. Es ist mal wieder eins dieser Bücher, das mich rundum überzeugt – nicht nur gefallen mir Idee und Plot, sondern eben auch der Schreibstil.

Der britische Humor der Autorin erinnert mich an jenen der genialen schottischen Autorinnen Kate Atkinson und Helen Fitzgerald. Und doch schreibt sie ganz anders ist. Und natürlich kann man auch Atkinson und Fitzgerald nicht wirklich vergleichen, doch allen ähnlich ist eben eine Art Fatalismus, gepaart mit liebevoll-schwarzem Humor.

Hannahs Figuren sind wunderbar schräg und doch so echt, so liebevoll und menschlich, so gut, so böse, so kaputt, so genial, so tolpatschig und so sensibel wie das wirkliche Leben. Irritierend an Hannahs Erzählstil mag sein, wie die Autorin nicht nur immer wieder die Perspektiven wechselt, sondern auch zwei Ich-Erzählerinnen das Wort erteilt.

cover der kalte SchlafDass eine Hypnosetherapie schlussendlich den Schlüssel für zwei Morde und noch mehr Mordversuche liefern würde, hätte Amber auch nicht gedacht, als sie eines kalten Novembernachmittags ihre Schlaflosigkeit behandeln lassen will. Natürlich glaubt sie nicht wirklich an den Humbug und kann es darum nicht so richtig nachvollziehen, was sie davon halten soll, als eine Erinnerung hochsteigt, die sie gar nicht wissen kann. Die Therapeutin, die die Rahmengeschichte-Erzählerin ist und auch von Amber sehr glaubwürdig und mit deren ganzer Skepsis geschildert wird, liefert im Laufe der Geschichte einige sehr spannende Zusammenhänge aus der Psychologie. Sie erzählt über das Wesen von Erinnerungen, wie Verdrängung funktioniert und wie Narzissmus entsteht. Für mich als Nicht-Psychologin klingt alles sehr nachvollziehbar und im Kontext mit der Geschichte auch glaubwürdig, doch was eine psychologisch geschulte Person darüber denken würde, weiß ich nicht. Der Verweis auf eine Liste konsultierter Fachliteratur sagt mir aber, dass die Autorin es sich  nicht leicht gemacht hat.

Sophie Hannah zeichnet ihre Figuren so herrlich lebendig, menschlich und dreidimensional wie ich es mag. Dabei karikiert sie zwar ein klein wenig, ohne dabei aber klischeehaft zu werden. Ich mag vor allem Amber, die mich mit ihrer Art, die Welt zu sehen, ein bisschen an mich selbst erinnert. Wie ich oft genug, stößt auch sie immer wieder auf Unverständnis, wenn sie etwas wahrnimmt, was niemand anders so sieht. Weiter schätze ich die Ausgewogenheit der Erzählperspektiven. Das Ermittlungsteam  der Polizei hat ungefähr gleich viel Präsenz wie die in die Mordfälle verwickelten Personen und die Geschichte entwickelt sich entsprechend vielschichtig. Dennoch sind, wie ich inzwischen erfahren habe, die Polizisten – allen voran Charlie Zailer und ihr Partner Simon Waterhouse  – der rote Faden in den Büchern von Sophie Hannah.

Nun habe ich mir bereits ein weiteres Buch dieser Autorin geliehen. Ein älteres. Ich hoffe, dass mich Das fremde Haus ebenso packt wie Der kalte Schlaf.

Ein bisschen dreckiger …

Meistens stelle ich hier Bücher vor, die ich mag. Weil ich sie mag. Wenn das, was mir gefällt, überwiegt, hat ein Buch Chancen, in meinem Blog vorgestellt zu werden. Als Vielleserin (bei durchschnittlich zwei Büchern pro Woche) kann ich allerdings nicht jedes Buch vorstellen, sorry. Was ich auch nicht kann, ist ein Buch ohne kritischen Blick zu lesen. Nein, ein Buch muss nicht perfekt sein, um mir zu gefallen, doch es muss mich überzeugen. Ich muss dem Autor, der Autorin die Geschichte glauben, denn auch fiktive Geschichten müssen wahr sein. Inhaltlich konstruiert wirkende und allzu perfekt gestrickte Geschichten sind mir suspekt. Wie zum Beispiel jene von Hanns-Josef Ortheils Das Verlangen nach Liebe.

Meine nachfolgende Kritik erhebt nicht den Anspruch, eine klassische Literaturkritik zu sein, eher ist es eine inhaltliche Annäherung. Oder Auseinandersetzung. Ein Verriss gar?

Kurz und gut: Ich nehme dem Autor diese Geschichte nicht ab. Schon beim Lesen fragte ich mich ernsthaft, ob der Schriftsteller je eine Liebesbeziehung hatte. Eine längere, meine ich. Keine Ahnung. Ich werde nachher mal im Internet forschen, denn – zugegeben – viel weiß ich nicht über Ortheil. Ja, ich gestehe es, mich stört die Idealisierung der Liebe, wie sie vom Ich-Erzähler Johannes und somit natürlich vom Autor selbst impliziert wird. Nicht, dass Liebe nicht idealisiert werden darf, das nicht. Ich mag romantische Gedichte sehr, zum Beispiel, oder auch Momentaufnahmen glückseligen Liebesausdrucks in Textform. Dennoch nehme ich Ortheil diese Geschichte nicht ab. Die Figuren sind zu ideal, die Umstände sind zu ideal, die Zufälle sind zu ideal und die Dialoge sowieso.

Am meisten aber stolpere ich über etwas anderes: über die subtile Botschaft, die den roten Faden dieses Buches bildet. Ich unterstelle Ortheil, mit seiner Geschichte implizieren zu wollen, man könne nur einmal lieben, einmal eine große Liebe leben, sich nur einmal einem andern Menschen von ganzem Herzen hingeben oder zumindest, dass das das Ideal sei (meine Assoziation mit Freuds Theorie, die Frau könne nur auf eine Art einen richtigen Orgasmus erleben, ist so abwegig wohl gar nicht).

Der Plot? Judith, die erfolgreiche Kunsthistorikerin und Kuratorin und Johannes, der berühmte Konzertpianist sind aus beruflichen Gründen in Zürich und begegnen sich dort zufällig. Nach achtzehn Jahren Funkstille, die ihrem Beziehungsbruch nach acht Jahren gemeinsamen Lebens gefolgt war. Beider Liebe zueinander erwacht sofort wieder, war nie vergangen und eine behutsame Annäherung beginnt. Die beiden führen höchst wunderbare Gespräche über ihre Kunstprojekte und  tauchen vor allem tief in ihre gemeinsame Vergangenheit ein. Ein großes „Weißt du noch?“ beginnt und spricht von wunderbaren acht Beziehungsjahren, die abrupt endeten, als Johannes, früher von einer Konzertreise zurückgekehrt, Judith in flagranti bei einem einmaligen Liebesabenteuer mit einem finnischen Arbeitskollegen erwischt. Klischeehafter könnte der Bruch nicht sein, dachte ich, aber nun gut. Krank vor Kummer wendet Johannes sich ganz und gar von Judith ab und geht auf ihre Versöhnungsversuche in keiner Weise ein. Er widmet sich nur noch seinem Pianospiel und wird somit auch immer besser. Seine Agentin Tanja sorgt dafür, dass er ein disziplinierter Künstler wird, der für seine Kunst lebt und nur hin und wieder – mal mit ihr, mal mit andern Frauen – ein wenig sexuelle Zerstreuung erlebt. Johannes ist kein unglücklicher Mensch, das nicht, doch die Sehnsucht nach Judith, die er vergessen geglaubt hatte, bricht beim Wiedersehen geradezu aus ihm heraus. Er verliert kurz den Boden unter den Füßen, doch letztendlich wird nun sein Spiel noch besser und die wunderbaren Gespräche mit Judith inspirieren ihn zu neuen Konzertideen. Auch Judith wird von der neuen alten Liebe überwältigt und kann sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Sie lässt sich unmitterlbar für die aktuelle Ausstellung von seinen Ideen inspirieren. Dass es am Rand der Geschichte auch zwischen Anna, Judiths Assistentin und Johannes knistert und natürlich immer wieder neu zwischen Johannes und Tanja … na ja, für mich ist das ein bisschen zu viel des Guten. Ein eitler Ich-Erzähler, denke ich, der es genießt, von attraktiven Frauen bewundert zu werden … Wer kann es ihm verargen?

Die wunderbare und wunderbar erzählte Geschichte endet natürlich mit einem wunderbaren Happyend und ich muss gestehen, dass ich Geschichten lieber mag, die ein bisschen dreckiger sind. Echter, glaubwürdiger.

Bis zur Stelle, wo die Agentin Tanja, die im Internet Judiths Liebensleben recherchiert und dabei auf mindestens drei Männer (sooo viele?!) in Judiths Biografie gestoßen ist, Johannes mit ihrem Wissen konfrontiert, ertrug ich das Buch ziemlich gut. Doch ab dort schluckte ich immer mal wieder leer. Judith, das Flittchen? Johannes erschütterten die neuen Informationen und so ließ er Judith keine Ruhe, bis er alles über ihre Männer wusste, was er zu wissen müssen glaubte. Dass die drei Beziehungen in den letzten achtzehn Jahren eher Zweck- als wirkliche Liebesbeziehungen gewesen seien und dass sie sich nie wieder in einen andern Mann verliebt habe, sagt sie Johannes schließlich sehr deutlich. Okay. So soll es denn sein. Dennoch. Ich glaube diese Geschichte nicht. Zwar kenne ich auch einige Paare, die schon ewig und einen Tag zusammen sind, doch die waren eben in dieser Zeit immer zusammen, nie getrennt, schon gar nicht achtzehn Jahre. Wenn man jedoch so viele Jahre eigene Wege geht, wie kann es dann sein, dass man niemandem begegnet, der das Herz nicht ein wenig schneller schlagen lässt?

Kurz und gut: Ich kann mir nicht vorstellen, dass man – bei einer solchen Biografie – nur einmal geliebt hat. Man kann mehrere Menschen lieben, mehrere Partner, mehrere Partnerinnen. Ich weiß es, denn ich habe es erlebt. Und alle meine Lieben waren wahr und echt. Jede Liebe war wie eine erste Liebe. Non, je ne regrette rien …

Jede Liebe ist anders, hat andere Grundfarben, hat andere Formen, andere Dimensionen, ist unvergleichlich, gleicht somit nur sich selbst und ist ohne Vorbild.

Und noch nie in meinem früheren Leben habe ich so geliebt wie jetzt, wie heute, weder mit diesen Ressourcen noch mit diesen Gedanken. So ist für mich jede Liebe eine erste Liebe. Eine ewige Liebe. Die aktuelle Liebe sowieso.

Natürlich gibt es auch Gutes zu sagen über dieses Buch: Ortheil erzählt toll. Ich mag seine philosophischen Exkurse, seine Beschreibungen von Menschen, Orten, Stimmungen, ich bin begeistert von seiner Beobachtungsgabe und seiner Wortwahl. Weil ich Zürich kenne, dort selbst gelebt habe, bin ich ihm wie selbstverständlich durch die vertrauten Straßen gefolgt. An den See. Der Limmat entlang. Durchs Niederdorf …

Wer glückliche Liebesgeschichten mag, soll dieses Buch unbedingt lesen. Denn eins ist es wirklich: sehr schön.

Ohne Kleider

Eine meiner Lieblingsfiguren aus der Kunstmärchen-Literatur* ist das Kind, das sich nicht scheut, die Wahrheit zu sagen. Während alle Angst davor haben, dumm dazustehen, sagt das Kind, was es sieht:
Aber der Kaiser hat ja keine Kleider an.

Ich wünsche mir wieder diesen unverstellten Blick auf und in die Welt. Und den Mut, auszusprechen, was ist.

Hier eine kleine Hommage an dieses Kind in mir, in dir, in uns, das die Wahrheit sieht: Ein Bild ohne Bild. Ein nacktes Bild.

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Appspressionismus: von A-Z auf dem iPhone kreiert (fotografiert & montiert).

* Hans Christian Andersen: Des Kaisers neue Kleider

Über Privilegien und die Wut im Bauch

Er sitzt einfach da. Der Kaffee ist kalt geworden. Später Nachmittag und er kritzelt Männchen. Und Kreise. Pfeile. Ein bisschen Voodoo auf Papier. In seinem Bauch grummelt es. Dieses Telefongespräch eben, mit seinem Vermieter. Diese Intoleranz. Zum Kotzen.

Wut. Wut ist jene Kraft, die ihn antreibt. Erfüllt. Mehr als jede andere. Wut darüber, dass die Welt nicht ideal ist. Wut darüber, dass so viele Menschen nicht sehen nicht sehen wollen! wie die Welt vor die Hunde geht. Dass die Welt auf die Hilfe jedes einzelnen angewiesen ist. Dass sie ihr Umdenken, ihre Solidarität braucht. Da ist Wut in ihm, heiße Wut, auf all jene Menschen, die mit andern, schwächeren Menschen – weil sie kein Geld haben oder weil sie zu dumm sind, es zu merken – umspringen wie mit Marionetten. Ausbeutung. Missbrauch. Und da ist auch Wut darüber, dass er zu den Privilegierten gehört, ja, auch diese Wut spürt er. Wut darüber, dass er in meiner sogenannten Privilegiertheit doch so verdammt hilflos ist. Oder vielleicht resigniert. Oder phantasielos.

Ja, da ist auch Wut darüber, dass die Welt schon so starr ist, dass sich in unserm Alltag so wenig verändern lässt, neu erfinden, neu erschaffen. Oder fehlen ihm bloß die Ideen, wie er diese Welt zu einem bessern Ort mitgestalten könnte? Oder das Selbstvertrauen … Und vielleicht ist er, geht es ihm durch den Kopf, sogar am allermeisten wütend genau darüber, dass er gar nicht so anders ist als alle andern. Er schüttelt den Kopf.

Die Wut steht ihm im Weg. Will er vorwärts, steht sie da. Will er nach links oder nach rechts, steht sie da. Und hinten? Auch da steht sie. Sie verhindert, dass er etwas tun kann. Sich zu verändern zum Beispiel. Dankbarer zu werden, wie Christa ihm einmal vorgeschlagen hat. Dankbar dafür, dass er in einem sicheren Land lebe. Dass er ein Dach über dem Kopf habe, genug Geld auf dem Konto für die Wohnungsmiete und das Brot auf dem Tisch.

Was für eine Arroganz! Er redet laut. Es hört ihn ja doch niemand. Was für eine Arroganz, zu denken, dass das besser ist als … okay. Aus den Augen der Ärmsten dieser Welt sind das gewiss Vorteile, große sogar, Vorteile, die das Leben erträglich machen. Aber dennoch ist es doch auch anmaßend, wissen zu meinen, was andere wollen oder brauchen. Schlussfolgerungen treffen wir immer aus der Warte unseres Wissensstandes, unserer Erkenntnisse, unserer Erfahrungen … Er schreibt diesen Satz auf. Er scheint ihm wichtig. Wissen. Erkenntnis. Erfahrung. Kreist die Worte ein. Fährt den Buchstaben wieder und wieder nach – solange bis die Wörter ihren Sinn verloren haben. So ist es doch. Je älter er wird, desto weniger glaubt er daran, dass unser Wissen, dass unsere Erfahrungen und Erkenntnisse wahr sind. Wahr im Sinne von allgemeingültig.

NEIN!, schreibt er groß. All sein Wissen ist doch immer nur eine Momentaufnahme – gemessen an der Ewigkeit kleiner als ein Pünktchen.

Auf einmal kann er durchatmen. So lässt sich die Wut halbwegs ertragen, sie schrumpft und wird relativ.

Seine Augen werden nass. Es tropft auf die Kritzelei. Das große NEIN verschwimmt. Sehnsucht steigt auf, denn noch immer will sein Herz an die Liebe glauben und daran, dass sie die einzige Kraft ist, die wirklich zählt, die wirklich verändern und heilen kann, die wirklich wirklich ist. Er will. Jetzt. Obwohl sie kaum mehr zu erkennen ist, so sehr wurde sie verkleidet, übermalt, mit Füßen getreten, pervertiert und ins Gegenteil verdreht.

Ist sie wirklich unkaputtbar? Wenn es denn etwas göttliches gäbe, dann sie. Wenn …

(Ausschnitt aus dem Manuskript von Loch im Eis, Rohfassung 2014, © by Sofasophia)

Ausgelesen II. #8 – Die Frau im Spiegel

Ich gestehe, dass ich zu jenen Frauen gehöre, die die „Kriminalromane werden vor allem von Frauen gelesen“-Statistik mitbegründen. Nicht nur lese ich tatsächlich viele Krimis, ich gucke auch viele. Bitte fragt mich bloß nicht wieso. Die These, dass Krimis ein Aggressionsabbau-Potential haben, kann ich weder bestätigen noch dementieren. Obwohl … ein bisschen Psychohygiene bewirken sie sicher, diese Mordgeschichten, wenn auch nur im Sinne von: Auch andere haben es manchmal schwer (nein, das ist NICHT zynisch gemeint …).

Aber eigentlich, wenn ich genau hinspüre, geht es mir um die Menschen. Wie verhalten sich Menschen in krassen Situationen? Wie gehen sie mit Unrecht, mit Drama, mit Tod und Leid um? Die Antwort? Immer wieder anders. Und das ist es wohl, müsste ich die Frage nach meiner Krimi-Sucht beantworten, was ich sagen würde: Die Figuren sind immer wieder anders. Und immer geht es um Tod – auf immer wieder andere Art. Ein Thema, das für mich kein Tabu, sondern sehr wichtig ist – schon als Kind – Leben und Tod, um genauer zu sein.

Lange Vorrede, ich weiß, um auf mein aktuelles Zug-Buch einzuspuren. Ich lese Die Frau im Spiegel von Eric-Emmanuel Schmitt. Und nein, das ist KEIN Krimi. Und doch äußerst spannend. spiegel_coverDas Buch greift ein Thema auf, das uns alle – Frauen wie Männer – angeht. Schmitt erzählt von drei sehr unterschiedlichen Frauen aus drei verschiedenen Zeitepochen (Mittelalter, Anfang zwanzigstes Jahrhundert und Gegenwart), die über Umwege endlich zu sich selbst finden.

In jeder Zeit war es schwierig sich selbst zuliebe, gegen den Strom zu schwimmen. Das ist heute nicht anders als vor sechshundert Jahren, als Anne statt der Heirat mit einem jungen hübschen Burschen ein Leben als Mystikerin wählt. Und es ist heute nicht weniger schwer als vor hundert Jahren als Hanna ihren goldenen Käfig verlässt, um Psychoanalytikerin zu werden. Auch Anny, die Hollywoodschauspielerin springt aus dem Karussell aus, um sich auf die Suche nach ihrer wahren Natur zu machen. In vorgefertigten Rollen leben wir alle, auch wenn wir vermeintlich freier als je zuvor leben. Wie oft lassen wir uns von falscher Rücksicht oder Scham bremsen statt auf unsere Intuition zu hören … Oder wir lassen uns von wirtschaftlichen und existentiellen Ängsten ausbremsen. Nachvollziehbar.

Aber. Ja, das ABER und die Frage WIE SONST? taucht in Großbuchstaben vor meinen inneren Augen auf. Ich lasse die beiden ein, füttere sie und lasse zu, dass sie mir in den Ohren liegen. Ob ich ihnen eines Tages antworten kann und Schritte tun – ähnlich wie Anne, Hanna und Anny in Schmitts Buch?

Schmitt erzählt als Mann die Schicksale von Frauen. Kann das gut gehen? Ja, es kann, es tut. Ich bin positiv überrascht. Ein lesenswertes Buch.

Ausgelesen II. #7 – Die Analphabetin, die rechnen konnte

Ohne angefangenes Buch fühle ich mich nur als halber Mensch. Die Zeit zwischen zwei Büchern finde ich immer irgendwie schwierig. Wie ohne Krücken, wenn ich den Fuß gebrochen hätte. Oder wie kurz vor einer Zigarette, als ich noch rauchte. Nun habe ich also wieder dieses gefährliche Stadium erreicht, denn heute Nachmittag habe ich die Analphabetin ausgelesen. Was wohl als nächstes kommt? Ortheil?

die-analphabetin-die-rechnen-konnte_coverVon Jonassons erstem Roman hatte ich viel gehört. Wie toll er sei und wie phantastisch. So habe ich mich nun auf diesen seinen zweiten Roman eingelassen und ihn wirklich mit Genuss gelesen. Ja, mit Genuss. Mit viel Genuss sogar. Dennoch auch mit höchst zwiespältigen Gefühlen.
Apartheid, Aufrüstung, Abrüstung und Flucht sind heikle Themen. Jonassons Erzählton ist flapsig, vereinfachend, humorvoll und immer mal wieder sarkastisch. Geht das zusammen – darf man das?

Dennoch – ich mochte die Hauptfigur, das Mädchens Nombeko, von der ersten Minute an. Wie sie allen Widrigkeiten zum Trotz ihr großes Talent für Mathematik lebt und damit immer wieder für Verblüffung und Überraschungen sorgt. Wie sie sich in temporär unabänderliches schicken kann, um dennoch laufend nach Lösungen von Missständen Ausschau zu halten. Und wie sie schließlich in Schweden landet, eine Atombombe, die übrig geblieben ist, im Gepäck und dort dafür sorgt, dass diese Bombe keinen Schaden anrichtet, ist schon verrückt. Und genial. Eine schwarzhäutige Pippi Langstrumpf. Eine Heldin.

Und natürlich ist alles ein Märchen. Und wenn wir das Buch genauso lesen, mit dem Wissen, wie viel Wahres doch in Märchen steckt, ist das Buch wirklich genial. Dass es nur ein Abklatsch seines Vorgängerbuches („Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“) kann ich nicht bestätigen, weil ich jenes noch nicht gelesen habe. Werde ich aber. Denn mir gefällt Jonassons Sprache. Mir gefällt die Verrücktheit seiner Menschen. Wie alles schief geht und wieder ins Lot kommt. Ein Buch, das trotz aller Ironie, auch viele Denkanstöße gibt. Ein Buch über Fanatismus und was dieser anrichten kann. Und auch ein Buch über grenzenlose Freundschaft.

Ein Video-Interview mit Jonas Jonasson: Hier klicken.

Einen ganz anderen Roman habe ich früher ebenfalls hier vorgestellt und heute erneut aus dem Regal geholt. Einen Roman von Linus Reichlin. Das Leuchten in der Ferne. (Und hier habe ich über das Buch geschrieben.) Dass Reichlin in B. aus diesem Buch vorliest, fünf Fahrradminuten von meinem Zuhause entfernt, habe ich zufällig auf einer Plakatwand gelesen. Die Lesung, eine Matinée, war genial. Sehr gut moderiert, mit interessanten Publikumsfragen gewürzt und dazwischen drei tollen Lesebeiträgen von Reichlin. Wer das Buch noch nicht kannte, hat nur genau so viel darüber erfahren, dass er es lesen will. Und jetzt steht also ein Reichlin mit Widmung und Signatur in meinem Büchergestell … 🙂

Von Löchern und Lecks

Vor- und Nachteile einer Krankschreibung gibt es viele. Einer der Vorteile, den ich schamlos genieße und ausnutze, ist, mir Zeit für die weitere Arbeit an meinem Manuskript Loch im Eis nehmen zu können.

Das erste Drittel des Buches ist vorläuftig fertig überarbeitet und auf dem Weg zu oder schon angekommen bei meinen drei Erstleserinnen.

Ich bin nun dabei, den Rest der Geschichte, die ich ziemlich detailliert im Kopf vor mir sehe, seriös auf Papier zu plotten, um mich nicht in den verschiedenen Strängen zu verheddern.

Zum einen begleiten wir Alessa, die Ich-Erzählerin, dabei wie sie ihrer Freundin Christa in einer heftigen Lebenskrise zur Seite steht und zum andern sehen wir, wie Anna, Alessas Mutter, sich mit ihrem nahen Tod auseinandersetzen. Und wir erleben, was für Alessa und Christa besonders herausfordernd ist, Danio, Christas Ex-Freund, dabei, wie er den Halt im Leben mehr und mehr verliert.

Mehr verrate ich für den Moment nicht. Hier noch einen kleine nigelnagelneue Leseprobe:

Sein Leck ist unsichtbar. Darum ignoriert er es. Beweisen kann man so etwas sowieso nicht. Das Leck, das schwarze Loch frisst alles auf. Es frisst das Nichts auf, mit dem er sich füttert. Die Leere. Den Mangel. Es ist über all die Jahre nicht kleiner geworden. Immer ruft es nach mehr. Sein Loch will Liebe, Verständnis, Berührung, Aufmerksamkeit. Doch selbst die beste Speise nährt ihn nicht. Und das Loch erst recht nicht. Alles läuft aus. Alles läuft davon.

Wer das Loch gerissen hat oder woher es kommt, weiß er nicht – nur kennt er das Ziehen, das Reißen und er ahnt mehr als er es weiß; dass es nämlich schon immer da war. Schon so lange, wie es ihm gelingt, sich zurückzuerinnern. Als würde er sich weit aus dem Fenster lehnen und dem Kind zuschauen, dass er war.

Schon immer hungerte das Loch in ihm, danach dazuzugehören, danach nicht so sehr anders zu sein, nicht so sehr zu sein wie er. So? Wie so ist er denn überhaupt und wie viel anders darf einer denn sein, um nicht aufzufallen, um nicht rauszufallen? Eigentlich ist er doch ganz in Ordnung. Vielleicht.

Aber niemand merkt es, weil er unsichtbar ist. Er selbst ist das Leck. Er selbst ist das schwarze Loch. Und wenn er noch so sehr sein Inneres nach außen stülpt um das Loch zu finden und zu reparieren, er findet es nie. Er bekommt es nicht zu fassen, denn das Loch ist ja er selbst.

Und darum, darum wird er nie genug bekommen. Nie genug Liebe. Nicht von ihr. Schon gar nicht von sonst wem. Und darum gibt es nur eins.

Depression zwischen Buchdeckeln #1 – Drüberleben von Kathrin Weßling

Gestern Morgen im Zug habe ich die ersten Seiten eines Buches gelesen, vor dem ich mich ebenso gefürchtet habe wie mich darauf gefreut. Gefürchtet, weil das Thema kein einfaches ist, denn Drüberleben erzählt die Geschichte einer depressiven jungen Frau, zumindest von einer Phase ihres Lebens, einer schwierigen, beinahe ausweglosen Phase sogar. Eine depressive Episode, wie sich das in Arztdeutsch nennt.

Von der ersten Seite an hat mich der Erzählstil berührt. Die Autorin und Bloggerin Kathrin Weßling, die bei ihrer Erzählung aus dem eigenen biografischen Brunnen schöpft, ist zwar noch jung, doch sie ist nicht nur eine wunderbare Beobachterin, sondern auch eine gnadenlos ehrliche Erzählerin.

coverVon der ersten Seite an bezieht sie mich ein in diese Grauzone zwischen Noch-einigermaßen-normal und Schon-neben-der-Spur. Wie sie über die Ängste ihrer Protagonistin schreibt, über deren Unvermögen, normal und gesund zu leben, ist meisterhaft. Da ist zu wenig vorhanden für ein glückliches Leben, aber noch zu viel um keine Hoffnung mehr zu haben, ganz aufzugeben. Eine Sackgasse …

Ich bin mittendrin im Buch, gehe mit Ida durch die Flure der Klinik, in die sie sich selbst eingewiesen hat und begreife, wie viel Mut es braucht, sich (immer wieder) fallen zu lassen und Hilfe anzunehmen. Denn eines Tages ging einfach gar nichts mehr.

Weßling schreibt essentiell und dennoch fast wie nebenbei über Themen wie Scham, Demütigungen, Ängste, Panikattacken, Abstürze. Und dies alles in einem latent galgenhumorigen Ton, dem ich mich nicht entziehen kann. Das Buch eignet sich besonders für alle, die entweder selbst depressiv sind oder aber mit Menschen zusammenleben, die es sind.

Mir tut es gut, zu lesen, dass ich nicht allein bin mit dieser „Veranlagung“, und dass ich nicht allein mit mit all diesen kruden Gedanken, die – wenn man erst mal drin ist – die einzige Wirklichkeit darstellen.

Mir wird auch bewusst, wie unterschiedliche Gesichter Depression hat und dass sie eigentlich kein Grund zur Scham ist. Eigentlich nicht. Aber uneigentlich schon, denn mir fällt es verdammt schwer, hier darüber zu schreiben. Schwächling. Mimose. Jetzt hab dich nicht so, du musst nur wollen, grübel halt nicht so viel! Das Gefühl, falsch zu sein, übersensibel, asozial … ach, viele Stempel werden uns aufgedrückt im Laufe eines Lebens.

Manchmal denke ich auch, dass es für jene unter uns, die sich mit größter Willensanstrengung noch oder immer wieder irgendwo im Bereich der Normalität aufhalten können, möglicherweise schwieriger ist, Depressionen zu haben, oder sich als depressiv zu outen – schließlich geht es ja irgendwie.

Wir schimmen im Lebenssee. Immer knapp am Ertrinken, aber dennoch geben wir nicht auf. Oder vielleicht doch. Und was dann?

Fällt mir ein, wie ich heute Morgen – wie schon oft – über Wolfgang Herrndorfs selbstbestimmtem Tod nachgedacht habe. Hätte er in der Schweiz gelebt – oder in Holland –, ob er wohl zu einer Sterbebegleitungsinstitution gegangen wäre? Wieso ist selbstbestimmter Tod noch immer mit so unglaublich vielen – auch moralischen – Tabus behaftet?

Ich hoffe auf ein gesellschaftliches Umdenken, ein umfassendes Sensibler-Werden. Auch im Umgang mit Krankheiten, die nicht sichtbar sind. Wie Depressionen. Wie Posttraumatischen Belastungsstörungen. Wie Tinnitus.

Und wieder einmal fällt mir kein guter Schlussatz ein. Also setze ich einfach hier ein paar Punkte …