elementar …

Elementar – Das aktuelle Thema, zu dem wir im Moment Bilder in unserm Bilderblog Pixartix zeigen, geht mir unter die Haut. War die erste Assoziation jene mit den klassischen vier Elementen, aus denen alles besteht (Wasser, Erde, Luft und Feuer), hat sich meine Wahrnehumg des Wortes längst ausgedehnt.

Elementar ist schon fast ein Synonym für Lebenssinn geworden. Was brauche ich, ich meine: was brauche ich wirklich?

Sonne. Wasser. Raum. Stille. Natur. Schönheit. Gehen. Innehalten. Weitergehen. Pause. Dich und dich. Mich selbst.

Hier ein kleiner (unperfekter und unspektakulärer) Eindruck von meinem heutigen Reussspaziergang – für all jene, die nicht rauskonnten und auch für alle andern …

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Der richtige Mix

Gestern vor einer Woche war es, als ich zu Irgendlink in die Pfalz fuhr. Wie fast immer, wenn ich alleine lange Strecken fahre, lief auch diesmal Musik. Hin und wieder sang ich mit. Ich liebe es, im Auto zu singen. Ich mag es, mich in meiner Schutzhülle aus Blech beinahe anonym – wenn wir vom Autokennzeichen absehen – voranzubewegen. Ganz anders als beim Zugfahren – obwohl ich aus ökologischen Gründen viel besser fände – fühle ich mich im Auto geborgen (und ja, ich weiß um die Illusion dieser Geborgenheit). Wie ich den Melodien und Stimmen meiner Lieblingsbands lauschte, dehnte sich auf einmal eine Erkenntnis wie ein Tintenfleck auf weißem Papier in mir aus. Sie begeisterte mich je länger je mehr ich sie von allen Seiten betrachtete:

Kati, nur so als Beispiel, hat eine wunderbare Stimme. Unvergleichlich. Sie singt ihre eigenen Songs mit einer Leidenschaft, die ansteckt. Sie tut auf ihren CDs etwas, das sie gut kann. Etwas, das so, auf diese Weise, niemand kann außer sie. Und sie kann noch viel anderes. Fein kochen. Lektorieren. Bloggen. Dafür kann sie bestimmte Dinge gar nicht und andere nur halbwegs gut oder durchschnittlich.

Du auch. Ich ebenso. Ein Musiker würde es möglicherweise unerträglich finden, wie mein Autoradio klingt. Ich finde, es klingt gut, doch mein Gehör ist ja auch nur mittelmäßig anspruchsvoll. Eine Starköchin fände vielleicht meinen Gemüselinseneintopf, den ich heute Abend gekocht habe, banal und ein genialer Hausmann meine Bügeleisen-Abstinenz beschämend. Und ganz gewiss fände eine Geografin meine Kenntnisse der Welt ziemlich rudimentär. Und das stimmt auch. Und das darf auch alles so sein!

Die gute Nachricht lautet nämlich: Ich muss überhaupt nicht alles können. Und noch nicht mal alles, was ich kann, muss ich gut können. Aber das, was ich gerne tue, das, was ich am liebsten mache, das sollte ich tun und zwar gut. Ich will natürlich– und darf das auch – alles immer so gut wie möglich machen. Doch gut ist wirklich gut genug. Perfekt gibt es eh kaum und zu perfekt ist eh nur stressig.

Nochmals, denn davon kann ich im Moment nicht genug bekommen: Ich muss nicht alles perfekt können. Ich muss auch nicht alles gut können und ich muss vor allem und überhaupt nicht alles können.

Was ich am liebsten tue? Schreiben. Mich ausdrücken. Worte finden. Und zwar (ja, auch das ging mir während jener Autofahrt vor acht Tagen durch den Kopf) nicht, um der Zuhörenden und LeserInnen willen, sondern weil ich sonst platzen müsste. Weil die Sprache mein Weg ist, das Leben auszuhalten. Halten. Balance halten. Und der Sinnlosigkeit so etwas ähnliches wie einen Sinn entgegenzusetzen, zumindest einen vorläufigen.

Einen oder zwei Tage nach dieser erkenntnisreichen Fahrt sage ich zu Irgendlink:
Ich glaube, die Erde gibt es bloß schon so lange, weil die da oben noch immer nicht den richtigen Mix gefunden haben. Die suchen und forschen nämlich nach dem idealen Mischverhältnis von Talenten. Der eine Mensch kann das, das andere Tier dies und jener Baum kann jenes. Wenn man das alles richtig mischt, könnte es friedlich und gut sein hier auf der Erde. Aber das genau passende Gleichgewicht herauszufinden stelle ich mir verdammt schwer vor. Weil ja immer welche neu dazukommen und andere dafür wegsterben. Und überhaupt. Aber, stell dir vor, sie schaffen es eines Tages! Wie schön es ist, wenn wir dann endlich alle unsere Talente miteinander teilen. Der eine tut das, die andere jenes. Und alle hängen wir miteinander zusammen. So ließe sich leben. Herrlicher Konjunktiv, was wäre ich ohne dich? Wie wäre es, wenn du uns ein bisschen Toleranz beschertest?

Stell dir vor, spinne ich weiter, wenn wir alle Teil dieser ausbalancierten Welt wären, bräuchten wir keine Schlüssel und keine Kripo mehr. Denn wer hätte, wenn alle zufrieden wären, noch Lust und Grund zu klauen oder einzubrechen oder jemanden umzubringen? Die Krimis in den Buchläden und Bibliotheken wären bald schon Klassiker und Zeitzeugen einer Welt, die mehr und mehr in Vergessenheit geraten würde. Nur noch in Büchern nachzulesen. Und niemand würde sagen: Früher war alles besser. Dafür: wie schön wir es doch haben!

Ach, wie liebe ich es, zu spinnen. Das kann ich ziemlich gut.

Depression zwischen Buchdeckeln #1 – Drüberleben von Kathrin Weßling

Gestern Morgen im Zug habe ich die ersten Seiten eines Buches gelesen, vor dem ich mich ebenso gefürchtet habe wie mich darauf gefreut. Gefürchtet, weil das Thema kein einfaches ist, denn Drüberleben erzählt die Geschichte einer depressiven jungen Frau, zumindest von einer Phase ihres Lebens, einer schwierigen, beinahe ausweglosen Phase sogar. Eine depressive Episode, wie sich das in Arztdeutsch nennt.

Von der ersten Seite an hat mich der Erzählstil berührt. Die Autorin und Bloggerin Kathrin Weßling, die bei ihrer Erzählung aus dem eigenen biografischen Brunnen schöpft, ist zwar noch jung, doch sie ist nicht nur eine wunderbare Beobachterin, sondern auch eine gnadenlos ehrliche Erzählerin.

coverVon der ersten Seite an bezieht sie mich ein in diese Grauzone zwischen Noch-einigermaßen-normal und Schon-neben-der-Spur. Wie sie über die Ängste ihrer Protagonistin schreibt, über deren Unvermögen, normal und gesund zu leben, ist meisterhaft. Da ist zu wenig vorhanden für ein glückliches Leben, aber noch zu viel um keine Hoffnung mehr zu haben, ganz aufzugeben. Eine Sackgasse …

Ich bin mittendrin im Buch, gehe mit Ida durch die Flure der Klinik, in die sie sich selbst eingewiesen hat und begreife, wie viel Mut es braucht, sich (immer wieder) fallen zu lassen und Hilfe anzunehmen. Denn eines Tages ging einfach gar nichts mehr.

Weßling schreibt essentiell und dennoch fast wie nebenbei über Themen wie Scham, Demütigungen, Ängste, Panikattacken, Abstürze. Und dies alles in einem latent galgenhumorigen Ton, dem ich mich nicht entziehen kann. Das Buch eignet sich besonders für alle, die entweder selbst depressiv sind oder aber mit Menschen zusammenleben, die es sind.

Mir tut es gut, zu lesen, dass ich nicht allein bin mit dieser „Veranlagung“, und dass ich nicht allein mit mit all diesen kruden Gedanken, die – wenn man erst mal drin ist – die einzige Wirklichkeit darstellen.

Mir wird auch bewusst, wie unterschiedliche Gesichter Depression hat und dass sie eigentlich kein Grund zur Scham ist. Eigentlich nicht. Aber uneigentlich schon, denn mir fällt es verdammt schwer, hier darüber zu schreiben. Schwächling. Mimose. Jetzt hab dich nicht so, du musst nur wollen, grübel halt nicht so viel! Das Gefühl, falsch zu sein, übersensibel, asozial … ach, viele Stempel werden uns aufgedrückt im Laufe eines Lebens.

Manchmal denke ich auch, dass es für jene unter uns, die sich mit größter Willensanstrengung noch oder immer wieder irgendwo im Bereich der Normalität aufhalten können, möglicherweise schwieriger ist, Depressionen zu haben, oder sich als depressiv zu outen – schließlich geht es ja irgendwie.

Wir schimmen im Lebenssee. Immer knapp am Ertrinken, aber dennoch geben wir nicht auf. Oder vielleicht doch. Und was dann?

Fällt mir ein, wie ich heute Morgen – wie schon oft – über Wolfgang Herrndorfs selbstbestimmtem Tod nachgedacht habe. Hätte er in der Schweiz gelebt – oder in Holland –, ob er wohl zu einer Sterbebegleitungsinstitution gegangen wäre? Wieso ist selbstbestimmter Tod noch immer mit so unglaublich vielen – auch moralischen – Tabus behaftet?

Ich hoffe auf ein gesellschaftliches Umdenken, ein umfassendes Sensibler-Werden. Auch im Umgang mit Krankheiten, die nicht sichtbar sind. Wie Depressionen. Wie Posttraumatischen Belastungsstörungen. Wie Tinnitus.

Und wieder einmal fällt mir kein guter Schlussatz ein. Also setze ich einfach hier ein paar Punkte …

Von Unternullen und andern Zombies

Echt wahr, wenn ich ein paar Tage nicht schreiben kann (schreiben mag, weil ich zu müde bin), mutiere ich zum Zombie. Und ist es ein paar Tage Unternul draußen in der Welt vor der Haustür, mutiere ich zum Eiszapfen. Beides Zustände, die ich nicht mag.

Und wenn ich ganz ehrlich bin, und das bin ich, hasse ich Winter. Und ich verabscheue es auch, ständig unter Menschen zu sein. Obwohl ich Menschen – im Singular – mag. Meine Soziophobie erwacht vor allem in vollen Zügen und auf Bahnhöfen. Müsste ich nicht reisen, ich würde es nicht tun. Sag ich jetzt mal. Obwohl. Ich würde es vielleicht vermissen, irgendwann, wenn ich es nicht mehr täte. Nur: wohin? Mir fehlt die Neugier und ich vermisse sie nicht einmal. Sie kommt und geht, wie sie will. Im Sommer brummt sie gerne in mir vor sich hin und will gefüttert werden, im Winter macht sie, wie ich es am liebsten auch täte, Winterschlaf.

Weihnachtsmuffelin bin ich auch nicht bloß zum Spaß. Mir tut Weihnachten weh. Der ganze Heile-Welt-Heuchel-Glitzerkram tut mir weh. Darum ist dieses Blog, wie jedes Jahr, glitzerkramfreie Zone. Einziges Highlight im Dezember ist mir die Sonnwende mit den paar rauhen Nächten danach. Und Silvester mag ich, weil er das alte Jahr verabschiedet und dem neuen die Türe aufreißt.

Und nein, das ist alles kein bisschen bitter oder zynisch gemeint. Auch Ironie findet sich hier nicht, noch nicht mal ein Funken Satire. Dazu tauge ich nämlich nur bedingt. Es ist, wie es ist. Fakten. Meine Für-Wahr-Nehmung.

Ich lese Ortheil und lasse mich von seinem Erzählstil begeistern. Seine unsentimentale und doch das Herz öffnende Art, sich dem Leben und den Menschen auszusetzen, mag ich unglaublich gerne. Obwohl er beschreibt, ist sein Beschreiben fern von langer Weile, sondern ein Teilen mit besonderer Qualität.

Nun habe ich mich, während ich mich – zwischen den Worten – mit Hirsebrei füttere, ent-Zombie-isiert. Geschrieben, um nicht zu erstarren in der Immergleichform meiner Wochentage.

Montags bis mittwochs pilgere ich jeweils ins Büro und tue da, was dort zu tun ist. Stehe früh auf, komme spät heim und bezweifle täglich mein Dortsein, obwohl ich gewiss sinnvolle Dinge tue, Zahlen dressiere, Statistiken erstelle, Stellensuchenden Spesenentschädigungen auslöse, unsern Lehrling beschäftige und meine Lebenszeit vergehen lasse. Dennoch bin ich nur halb dort und das ist zu wenig. Die Leidenschaft, die ein Beruf zur Berufung macht, fehlt mir. Dort und noch. Und vielleicht überhaupt.

Ab Donnerstag arbeite ich jeweils für mein kleines aber feines Textbüro, das mit relativ wenig Werbeaufwand doch schon ein paar tolle Aufträge ans Ufer gespült hat. Am liebsten sind mir Lektorate und Textcoachings.

So, nun bin ich kein Zombie mehr und muss mich auch nicht vor die Kiste setzen und mich mit einem Film ablenken, sondern kann in aller Ruhe (wo bist du?) die letzten Seiten von Ortheils Buch, Das Kind, das nie fragte genießen.

Und irgendwann danach dieses Gekritzel ins Netz stellen.

Was ich Stunden später hiermit tue …

Immer bewegt

Heute bin ich mit dem Gefühl erwacht, immer irgendwie in Bewegung zu sein. Lärm im Kopf. Herzrasen. Wenn nicht außen, dann zumindest innen. Diese innere Unruhe macht mich schlaflos. Und weil ich nicht schlafen kann, bin ich immer irgendwie unruhig (Huhn und Ei – wer war zuerst?). Schlaflosigkeit ist Daueranspannung, Festhalten, Anhaftung. Unruhe eben. Schlaf aber ist Ruhe. Entspannung, Loslassen, Hingabe. Danach sehne ich mich sehr, doch der Weg dahin ist kaum zu gehen, denn ich muss doch schließlich …

Kaum erwacht, wecke ich normalerweise mein Telefon, damit es mir erzählen kann, was ich in den letzten acht Stunden alles Unwichtiges verpasst habe. Heute zögere ich. Will ich das überhaupt? Will ich ständig wissen, was (nicht) läuft? Will ich oder muss ich gar?

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Natürlich tue ich es dann doch und lese im WordPress-Reader, dass sich auch Sherry Gedanken über digitale Existenzen macht. Erstaunlich, wie manchmal bestimmte Themen von da nach dort schwappen. Gestern zum Beispiel stieß ich an mehreren Stellen auf das Mutterthema. Heute nun ist es offenbar die Internetsucht.

In der Kommentardiskussion, die sich an Sherrys Artikel anschließt, geht es um den Umgang mit dieser Sucht und um die Auswirkungen derselben. Sherry schreibt: Unser Gedächtnis diffusiert, weil wir nichts mehr tief verarbeiten, im Grunde gehen wir nämlich davon aus, dass unser Smartphone unsere externe Festplatte ist und wir uns ja nichts mehr merken oder tief verstehen brauchen, Google ist ja immer da.

Das Verrückte: Wir tun das alles freiwillig – am Anfang jedenfalls. Wie bei jeder Sucht eben. Wir wollen vernetzt sein, dazugehören, mitreden, kommentieren, unsere Gedanken hinausschrei(b)en.

Vernetzt, ja, genau. Wichtig. Fällt mir dazu ein, dass ich neulich ein ziemliches Problem mit meinem Netzwerk hatte. Aus irgendwelchen Gründen synchronisiert iTunes (das ich mehr hasse als liebe, aber dennoch für Backups verwende) meine iPhone-Kontakte nicht mehr auf mein Google-Mailaccount wie gehabt, sondern neuerdings irgendwo mit einer und auf eine Windowsschiene. Warum auch immer.

Nichts böses ahnend ließ ich dummerweise die Synchronisation einfach mal zu. Danach war mein Telefon gefüllt mir uralten Mailadressen vom alten Windows-Laptop, den ich nur noch für iTunes und hin und wieder für Word-Office verwende. Über eine Stunde Arbeit hatte ich, um ungefähr vierhundert alte und doppelte Mailadressen hinterher wieder zu löschen. Auf dem Telefon will ich nämlich nur aktuelle Daten und in erster Linie Wohnadressen und Telefonnummern. Immerhin entdeckte ich später, dass sich das Telefon direkt mit meinem Googleaccount synchronisieren lässt – genau wie beim Kalender. Ein-zwei Sachen neu einstellen und gut ist. Eigentlich.

Erst allmählich entdeckte ich, dass alle Geburtstage, die ich je auf meinem iPhone unter den Adressen eingegeben hatte, weg waren – offenbar hatte die mein Googleaccount bei früheren Synchronisationen bis dahin gar nie zur Kenntnis genommen. Mist! Zwar gibt es ja noch die gute alte Liste auf Papier, zum Glück, doch da drauf habe ich seit ungefähr zwei oder drei Jahren kaum mehr neue Namen und Daten geschrieben. Schließlich habe ich ja mein iPhone und mache regelmäßig Backups – wozu also eine Liste führen? Dass ein Backup eigenen Gesetzen gehorcht und nicht alle Daten frisst, habe ich nun begriffen und bin noch immer dran, Daten zu rekonstruieren. Um der Geburtstage willen. Damit ich mir nicht selbst merken muss, wem ich wann gratulieren darf.

Wie sagte Sherry so schön? Unser Telefon ist unsere externe Festplatte. Wir lagern unser Gedächtnis aus. Damit wir nicht mehr selbst nachdenken müssen?, frage ich mich.

Also echt, das gibt mir wirklich zu denken …

Andere Sonnenstrahlen

In einer Biostunde war’s, an der Fachhochschule. In einem anderen Leben. Irgendwie muss mich das Bild nachhaltig beeindruckt haben. Herr H. hatte ein Holzfass an die Wandtafel gemalt (damals malten Lehrpersonen nämlich noch auf Tafeln). Bei diesem Holzfass waren alle Dauben unterschiedlich lang. Auf jede einzelne Daube schrieb unser Biolehrer einen Mineralstoff, den Humus beinhaltet (man frage mich jetzt aber bitte nicht was – Mineralstoffe halt). Wir diskutierten nämlich schon eine ganze Weile über das natürliche Gleichgewicht der Erde und wie es zu erhalten sei. So kamen wir auf Düngung zu sprechen und wie heikel es sei, einen Volldünger zu verwenden. Letztlich gehe es doch darum, von allen einzelnen Komponenten nur genau so viel zu düngen, wie es brauche, damit das Gleichgewicht wieder stimme. War von einem Mineralstoff wenig vorhanden (die kürzeste Daube), konnten die andern Stoffe eines Volldüngers eh nur bis zum Niveau des am wenigsten vorhandenen Stoff greifen – veranschaulicht durch das Bild mit dem Fass

Fülle das Fass mit Wasser. Es überläuft im Moment, wo die kürzeste Latte erreicht ist. Dieses Prinzip hat einen schönen Namen, den ich leider vergessen habe – nicht aber das Prinzip an sich, das Überdüngung ebenso verdeutlicht wie Überdosierung von Medikamenten wie Breitband-Antibiotika oder Breitband-Vitaminpräparate. (Und ja, zum Glück habe ich sogar in Bio mit genügend abgeschlossen. Manchmal bereue ich, dass mich gewisse Themen, als ich jung war, so wenig interessiert haben.)

Was ich sagen will? Seit ein paar Tagen weiß ich endlich, warum ich seit Monaten so schlapp und oft auch kraftlos und niedergeschlagen bin. Und weshalb mein Kreislauf hin und wieder beinahe kollabiert. Und warum ich häufig sehr schlecht schlafe. Vitamin D – das Sonnenvitamin – ist bei mir Mangelware. Eisen auch, aber das war schon oft so. So tief ist der Vitamin D-Wert, dass mich meine liebe Berner Ärztin, die ich endlich mal wieder aufgesucht hatte, gleich am Morgen nach der Blutwertkontrolle anrief, um mir das Mittel ihrer Wahl telefonisch mitzuteilen.

Sofort nach dem Anruf habe ich in den Weiten des Webs nach Infos zu meiner Diagnose gefischt und ein paar Antworten gefunden. Spannend, was da und wie alles miteinander zusammenhängt. Ich bin fasziniert und erschüttert, wie viel an unserm Vitamin D-Pegel mit dran hängt und wie wenig ich darüber gewusst habe. Angeblich sind in unseren Breiten etwa ein Drittel der Menschen in den Wintermonaten unterversorgt. Was zum einen mit dem Fakt von wenig Sonne und falschem Einstrahlwinkel im Winterhalbjahr zu tun hat, aber zu einem andern, großen Teil auch mit den Lebensgewohnheiten. Das Leben vieler spielt sich mehr oder weniger drin ab. Und Solarium-Sonnenlicht produziert leider kein Vitamin D im Körper. Über die Nahrung nehmen wir sowieso kaum Vitamin D auf.

Nun fülle ich also mein Leck mit täglichen Vitamin D-Dosen. Wie das Leck in meinem Fass entstanden ist, kann ich mir noch immer nicht erklären, doch ich staune einmal mehr über alle Zusammenhänge, über die Weisheit des Körpers, über die Auswirkungen eines einzigen Mangels auf das ganze Rest-System. Ja, ich staune auch über die Forschung, die Vitamin D-Mangel mit allem möglichen Krankheiten und Symptomen in Zusammenhang bringt. Eine Aussage, irgendwo im Netz gelesen, klingt nach: Über Vitamin D zu reden (Information und Werbung) ist nicht sehr attraktiv, weil Vitamin D sehr einfach und sehr günstig herzustellen ist. Daran ist die Pharmaindustrie kaum interessiert. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber es gibt mir zu denken. Mit genug Vitamin D ließen sich womöglich viele Folgekrankheiten vermeiden, die der Pharmaindustrie aber unbehandelt viel mehr Geld einbringen.

Wie man idealerweise zu genug Vitamin D kommt, fragst du? Immer wieder Zeit unter dem freien Himmel verbringen und dabei möglichst viel ungeschützte Haut an die Sonne lassen (eine halbe Stunde oder so direkte Sonne – je nach Hauttyp). Und genau das ist im Winterhalbjahr verdammt schwierig … tja …

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte Ihre Ärztin oder Ihren Apotheker.

Und deinen gesunden Menschenverstand.

Ausgelesen II. #6 – Koma

Während unserer Herbstferien im dänischen Jütland waren wir einkaufen. Im Kwickly. An sich nichts weltbewegendes. Bloß ein paar Lebensmittel und einen Teddybären. Für das neue Enkelkind meines dänischen Cousins, den wir nach dem Einkauf besuchen würden. Das Kwickly ist trotz seiner Größe ein sehr angenehmes Kaufhaus. Was mir zuhause ein Gräuel ist, mag ich in andern Ländern. Ich streife dort gerne durch Ladenregale, gucke mir Produkte an und vergleiche sie mit jenen zuhause. Im Kwickly hatte es uns besonders das Bierregal angetan: Was für eine Auswahl! Kurz und gut: wir blieben länger als geplant und fanden auch wirklich einen tollen kleinen Bären. Aber was ist schon ein toller kleiner Bär ohne schönes Geschenkpapier drumrum?

Wer sucht, der findet. Und noch viel mehr als gedacht. Bücher nämlich. Eigentlich nur eins, doch eins, worauf wir über zwei Jahre gewartet hatten. Eins, das wir Tage später auf dem Rückweg nach Süddeutschland – bei unserer kleinen Stippvisite bei Kollege S. in Itzehoe – unbedingt und sofort kaufen mussten. Wenn es bereits von Norwegisch auf Dänisch übersetzt worden war, dann gewiss auch auf Deutsch?

KomaNein!, sagte die Dame im Buchladen, die noch nie etwas von Nesbø gehört hatte. (Was ich ihr nicht so ganz verziehen habe, wenn ich ehrlich bin. Wie kann man als Buchhändlerin Nesbø nicht kennen?).
Nein, sagte sie also, das Buch ist noch nicht erschienen. Ich schielte auf den Bildschirm und las es mit eigenen Augen. Neuerscheinung: 11. November. Unsere Mundwinkel senkten sich synchron. Wie bitte? Noch soo lange warten? Zum Glück hatte ich den Umschlag des dänischen Buches Tage zuvor im Kwickly fotografiert und mir eine ungefähre Übersetzung des Klappentextes aus dem Netz gefischt. Immerhin wussten wir nun, dass unser Held doch nicht gestorben ist.

Ganze zwei Jahre hat uns Jo Nesbø im Ungewissen darüber gelassen, ob Harry Hole noch lebt. Bloß ein Cliffhanger am Ende von Larve, dem neunten Teil der Serie, oder gar das Ende derselben? Wie haben wir spekuliert! Dass er noch lebt. Ob er tot ist. Ja. Nein. Sicher nicht. Aber sicher. Oder doch nicht?

Vor vier Jahren haben Irgendlink und ich Jo Nesbø entdeckt und seither Buch um Buch verschlungen. Eine Klasse für sich, wie dieser Autor schreibt! Nicht nur führen alle Figuren, selbst jene in den Nebenrollen, ein glaubwürdiges Eigenleben und nicht nur wachsen einem diese allzu menschlichen Gestalten mit jedem gelösten (und ungelösten) Fall ein bisschen mehr ans Herz, sondern übertrifft sich der Autor auch mit jedem neuen Buch selbst. Souverän gestaltet er seine Plots, baut Spannungsbögen auf und ab und bleibt dabei – trotz aller oftmals krasser und phantasievoller Fiktion – dennoch auf dem Boden. Zugegeben, im Koma, wie das neue Buch auf Deutsch heißt, gibt es einige Szenen, die …

…neeeiiin, ich verrate diesmal hier nichts über den Plot, sonst behauptet Irgendlink bloß wieder, ich hätte ihm schon alles verraten und er brauche das Buch gar nicht erst zu lesen … 🙂 (Danke, dass du mir den Vortritt gelassen hast!)

Bloß dies noch: der dänische Titel Politi (Polizei) passt – wie so oft – besser als die deutsche Titel-Version.

Ein über sechshundert Seiten dickes Buch, das ich am liebsten in einem Stück gelesen hätte …

Zettelwirtschaften und Gesetzebrechen

Die sich selbst auferlegten Gesetze – Dieser Satz steht auf einem Zettel, der schon eine ganze Weile auf meinem Schreibtisch vor sich hin döst. Warum ich ihn aufgeschrieben habe, weiß ich nur noch ganz vage.

Ich erinnere mich an die Aussage eines Kollegen. Er mache etwas ganz Bestimmtes immer genau gleich. Ausnahmslos. Und auch immer zur gleichen Zeit. Weil er dann sicher sei, dass es gut gehe. Denn es sei bisher immer gut gegangen.

Nicht das zu tuende Ding an sich ist hier wichtig, sondern die Idee, dass wir – wenn etwas einmal auf eine bestimmte Art geglückt ist – das nächste Mal wieder glücken wird, nämlich wenn wir die gleichen Vorzeichen einhalten, wenn wir der gelegten Spur folgen. Es lässt mich aufhorchen, denn noch immer bin ich dabei, meine Spuren zu überdenken, besonders jene, die schon so tief sind, dass ich mich kaum mehr daran erinnern kann, den Weg ein erstes Mal gegangen zu sein.

Sicherheitsdenken? Aberglaube? Bequemlichkeit? Zeitmangel? Erfahrung? Es ist – jedenfalls bei mir – von allem ein wenig, was mich dazu bringt, etwas, das gut läuft, weiterhin so zu tun wie bisher. Und doch … etwas in mir sagt mir, dass die Vorhersagbarkeit der Dinge dem Leben die Luft zu atmen nimmt. (Ob ich wohl deshalb kaum je nach Rezepten koche?)

Oder ist es gar eine Art innerer Zwang, der mich – ähnlich wie wir das bei Menschen mit Autismus beobachten können – dazu bringt, genaue Abläufe einzuhalten? Sofort blinkt das Wort Sicherheitsdenken ganz groß bei mir auf. Ach, aber was weiß ich denn schon wirklich? Wie können wir verstehen, wie andere Menschen wirklich ticken?

Da war heute Morgen dieser Dialog mit dem Liebsten. Über Unterschiede bei der Auswahl jener Themen, die uns bewegen, haben wir gesprochen und wie es kommt, dass einige Themen, über die ich schon als Kind nachgedacht habe, für ihn kaum relevant sind.

Das Bild vom guten alten Setzkasten, mit dem früher Bücher und Zeitungen gedruckt worden sind, tauchte auf. Die leeren Zeilenfächer, mit denen wir zur Welt kommen, werden im Laufe eines Lebens gefüllt. Beim einen so, bei der andern so. Einige bleiben leer, andere sind voll klitzekleiner Wörter und bei andern steht nur ein einziges Wort.

Kurz und gut: Wir alle schreiben eine eigene Geschichte. Mit den immer gleichen Buchstaben. Auch solche Sätze wie der mit den sich selbstauferlegten Gesetzen. Eins von meinen ist, dass ich einen Blogartikel erst hochlade, wenn er meinen Stilansprüchen genügt.

Heute breche ich mein Gesetz und lade einen Artikel hoch, der ganz einfach daherkommt. So wie er ist. Ungeschminkt. Vielleicht hat er sogar Mundgeruch. Ich lasse ihn jetzt einfach los.

Links von rechts und links

Emil hat mir einen genialen Link gesteckt. Zu einem Gespräch zwischen Christa Wolf und Elke Erb aus dem Jahre 1977. Ausgangslage dazu war die Bitte des Verlagers um ein Vorwort, das Frau Wolf für Frau Erbs neuen Gedichtband verfassen soll. Wolfs Anliegen, sich Erbs Texten annähern zu können, ist der rote Faden des Gesprächs, das für mich sehr wichtige Themen berührt.

Wolf: Den Ursachen für die Spannungen in deinen Texten – deinen eigenen Konflikten und Stimmungen – wird nicht erlaubt hervorzutreten. Sachlichkeit soll walten. Ich wüßte gern: Wie gehst du mit dir um in Krisenzeiten.

Erb: Da ist, vor Jahren, die Entscheidung gefallen. Ich hab mir gesagt: Ich kann mich in den Berufen, die es gibt, nicht bewegen. So kann ich diese Formen, die die Menschheit hat, nicht richtig mitvollziehen. Ich bin außerhalb der Form. Und das ist eine Chance und ein Risiko. So ungefähr. Und in dieser Situation ergibt sich ja das Äußerste, was man als konstruktiver Mensch machen kann.

Mein gestriger Blogartikel galt ja dem Themenbogen der Eigenverantwortung für unser eigenes Wohlergehen. Natürlich soll das nicht auf Kosten anderer geschehen, doch ist die Fürsorge für uns selbst auch ein Weg, die Welt zu verbessern. So ähnlich hat es Luisa Francia damals, in einem Kurs vor sechs- oder siebzehn Jahren gesagt: es nützt niemandem, wenn du dich vom Elend der Welt fertigmachen lässt. Das raubt dir nur Kraft, die Welt lebenswerter zu machen.

Heute las ich in ihrem Webtagebuch, das ich hier schon so oft zitiert habe, folgendes. Offenbar bewegt sie sich aktuell in ähnlichen Gedankenströmen.

luisa in bayern – 05.11.2013
ja, so seh ich das: wir nehmen nur einen bruchteil der komplexen wirklichkeit wahr, die sich unentwegt verändert und neu gestaltet. die gestaltet und verändert wird. die sich aus energie aufbaut und wieder auflöst. da wir selbst auf die materie unseres körpers angewiesen sind – und was soll die frage: nehmen wir uns zu ernst? wir müssen uns ernst nehmen. wir sind alles was wir haben – fällt uns dieser tanz der teilchen, die ständige auflösung und neuentstehung schwer. wir möchten, dass das was wir kennen bleibt. nichts bleibt.

luisa in bayern – 06.11.2013
gestern mit sabine beim mittagessen kamen wir auf glücksgefühle. die assoziation „schlechtes gewissen“ kam derart schnell bei mir auf dass ich den rest des tages darüber nachdachte. wenn ich vollkommen glückselig bin, steht manchmal in einer ecke meines bewusstseins diese dunkle wolke: die armen anderen. was natürlich völlig bescheuert ist. denn wenn ich in meiner angeschlagenen körperlichen verfassung, mit pflege meiner mutter, mit dem älter werden und relativ wenig geld glückselig sein kann, kanns eigentlich jede/r. das glück zu wollen scheint in der allgemein herrschenden vorstellung dass das leben hart, schwer und schmerzhaft ist, wie eine egoistische, ja oberflächliche flucht aus der wirklichkeit, hat aber in wahrheit auch mit disziplin zu tun: nicht in die suchtstruktur des leidens und beklagens zu fallen. wenn du opfer bist scheinst du immer moralisch im recht zu sein. so ist es aber gar nicht.

zum beispiel bin ich zwar am glücklichsten, wenn ich allein umherstreife, wenn ich verbindung zu den wesen der natur aufnehme, die sonne, den mond, die wolken, den himmel, die sterne, die steine, wind und erde wahrnehme, wenn ich die düfte der bäume, der blumen, des waldes, der erde rieche, wenn ich ins wilde wasser eintauchen kann. wenn ich im yoga plötzlich meinen körper, meinen atem völlig neu spüre. doch war ich auch bei der geburt meiner tochter glückselig, und als ich die erste drehbuchförderung bekam, als ich es zum dölma la, dem höchsten punkt bei der kailash umrundung geschafft hatte, als ich nach dem unfall aufwachte und merkte ich lebe noch. als ich in der wüste marokkos sass und das funkeln der quarze wahrnahm, während mein bauch nach der tumoroperation heilte. beim mehrstimmig jodeln bin ich glücklich und wenns draussen stürmt und drinnen so gemütlich ist, mit all meinen farben und spielsachen, meinen magischen dingen, mit kerzen und büchern. und auch bei kuchen und kaffe bei meiner schwester. wenn meine tochter glücklich ist, bin ichs auch und wenn mum mich total zum lachen bringt. ich bin glücklich wenn eine plötzliche erkenntnis das hirn erhellt, wenn in mir eine neue forschungsleidenschaft entsteht. seltsamerweise bin ich auch glücklich wenn ich nachts irgendwo ankomme, lissabon, lagos, dakar oder so und diese mischung aus glückseligkeit und verlorenheit spüre.

Quelle: salamandra.de

Ebenfalls heute habe ich entdeckt, dass WordPress neuerdings bei mir mitliest und beim einen oder andern Artikel unten seelenverwandte ältere Texte aus meinem Blog anzeigt. Ganz überrascht habe ich heute einen eigenen Text gelesen und mich überhaupt nicht an ihn erinnern können. Geht euch das auch so? Vor fast genau zwei Jahren habe ich diese Zeilen hier geschrieben …

Ja, richtig, auch Wörter sind relativ. Genau das habe ich gemeint, als ich neulich schrieb, dass viele Wertmaßstäbe von der Definition der jeweiligen Gesellschaft abhängen.
Nimm mal, nur so als Beispiel, das Wort „Gewissen“. Was fällt dir dazu ein? Und dir? Und jetzt denkst du kurz an das, was deine Eltern darunter verstanden haben. Eben.

[…]

Ja, ich schreibe auch vor allem, weil ich eine Vision, eine Idee, eine Absicht habe. Berühren, anrühren will ich. Etwas auslösen. Die Welt ein bisschen lebenswerter machen, weil Lesen gut tun kann. Ich will ein Lächeln in ein Gesicht zaubern oder das Herz unter diesem Gesicht zum Nachdenken bringen.

mehr … sofasophia.wordpress.com