Von Gewohnheiten und anderen Geräuschen

1.)
Tun, was mir gut tut.
Weiß ich noch, was ich mir als Kinder wünschte,
erinnere ich mich noch daran, wovon ich als Kind träumte,
außer dass die Träume von einst nichts mit Abhängigkeiten zu tun hatten?
Dafür mit Farben, Geborgenheit, Weite und Raum,
ich hörte in ihnen das Abendlied der Amsel.
Roch frisch gemähtes Gras.
Ich träumte vom großen Lachen,
von erträglicher Nähe, in der es sich glücklich atmen lässt.
Erst heute begreife ich, dass Träume schrumpfen, je älter ich werde.
Größenverhältnisse verändern sich. Immer. Für immer.
Für einige Träume ist es zu spät (ist es das wirklich, solange ich noch lebe?)
andere sind nicht mehr wichtig.
Natürlich weiß ich, was mir gut tut. Was mir gut täte. Konjunktiv.
Zu viele Hindernisse auf dem Weg.
Müssen darf darin nicht vorkommen.
Hedonistin du!
Schon folgt die Verurteilung (wie kannst du nur, wo doch andere …),
die schrille Stimme in mir. Mutters Erbe.
Abhängigkeiten waren nicht vorgesehen.
nicht als ich Kind war und träumte.
Bin Teil einer Gesellschaft abhängiger Mensch. Konsumfixiert wie viele.
Das Perpetuum mobile des Kapitalismus schwebt im luftleeren Raum.

Immer weiter.
Weil wir Gewohnheitstiere sind,
weil wir weiterschlingen wollen, wenn wir erst einmal angebissen haben,
weil wir gerne an der Leine hängen und herumzappeln. Herumzappen auch.
Fortsetzung folgt.
Cliffhanger.
Adrenalin.

Mehr, immer mehr, mehr, mehr …
Oder lieber weniger, dafür mehr
tun, was mir gut tut.

2.)
Es fing an jenem Tag an, als ich am Morgen vergaß, in den Spiegel zu schauen und mir selbst dabei in die Augen blickte.

3.)
Irgendwann habe ich aufgehört zu glauben, dass es die andern sind, die uns Gutes tun sollen.
Irgendwann habe ich damit angefangen zu ahnen, dass letztlich nur ich selbst es bin, die mir wirklich Gutes tun kann.
Doch gut ist und gut tut etwas nur, wenn ich mir das Gute von Herzen gönne, es mir erlaube und es schließlich tue …

Barfuß auf Nacktschnecken

Ich gestehe, der Titel ist nicht eben appetitlich, zumal ich keine Freundin dieser braunen, schleimigen Tierchen bin. Spinnen mag ich da viel lieber. Dennoch habe ich mir diesen französischen Spielfilm, – übrigens eine Literaturverfilmung  – aufgenommen, als er vorgestern spät gesendet wurde, und ihn mir gestern Abend angesehen.

Zwei Schwestern, die in der ersten Szene ihre Mutter durch einen Hirnschlag, den diese beim Autofahren erleidet, verlieren. Die eine lebte bis dahin zusammen mit der Mutter im großen Familienhaus auf dem Land, die andere ist Anwaltsgattin und -sekretärin in Paris und bewohnt eine sterile hippe Stadtwohnung.

Lily, die jüngere der beiden, lebt ab sofort allein im großen Haus. Nach außen hin bricht das Chaos aus, denn Lily ist anders. Der Begriff verhaltensoriginell würde hier ziemlich gut passen, denn behindert ist sie keineswegs. Sie lebt so gegenwärtig, dass sich Lachen und Weinen im Sekundentakt abwechseln können. Sie geht mit dem Tod um wie mit einem vertrauten Freund. Sie sammelt tote Tiere wie andere Bierdeckel und nimmt ihnen die Felle ab, um sie in ihrem Gartenhäuschen zu Pantoffeln, Schlüsselanhängern und Kleidern zu verarbeiten. Und sie vermisst ihre Mutter, die sie sehr geliebt hat, mit einer Inbrunst, die einzig Clara, die große Schwester. ansatzweise nachvollziehen kann. Doch auch diese balanciert auf dem fragilen Grat zwischen der Angst, was denn die Leute denken könnten und der Lust, es ihrer Schwester gleichzutun.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=Bcrnz7zsTEY]

Weil bei Lily das vermeintliche Chaos ausbricht, beschließt Clara, ihren Job – zumindest für eine Weile – aufzugeben und zieht zu ihrer Schwester aufs Land. Die beiden vertragen sich oft sehr gut, doch kann Clara schwer mit Lilys Ehrlichkeit umgehen, will sich nicht sagen lassen, dass ihre Ehe eine Farce sei und sie unglücklich darin gefangen. Dennoch schlägt sich Clara immer öfter auf die Seite von Lily, wenn andere Leute, zum Beispiel ihre Schwiegermutter, an ihrer Schwester Kritik üben. Lily erkennt mit ihrem sicheren Gespür für Echtheit Verbündete und Banausen und verhält sich ihnen gegenüber entsprechend liebevoll oder abweisend, was für Clara immer wieder sehr herausfordernd ist – sie steht zwischen den Stühlen.

Eines Tages hat Lily genug von Claras Kritik, besonders am unkonventionellen Schmuck auf dem Grab der Mutter, und haut ab. Drei junge Freaks, die im Laster durch die Lande fahren und alte Kleider für Flohmärkte sammeln, nehmen Lily mit und bringen sie wieder nach Hause. Nach einem Grillabend mit den drei Männern im Garten landet die brave Clara mit einem der dreien im Bett. Am nächsten Tag wird ihr endlich klar, dass sie nicht mehr in ihr altes Leben in Paris zurück will. Dass sie anders leben will.

Doch halt, mehr verrate ich nicht …

Zugegeben, die Handlung romantisiert das Landleben doch ein bisschen zu sehr und mag stellenweise klischeehaft und aufgesetzt wirken, doch die beiden Hauptfiguren bringen etwas rüber, was ich als Botschaft dieses Filmes betrachte: Wie viel Konvention brauche ich? Und wie viel Wildheit? Und vor allem: was ist normal und was verrückt?

Später. Ich liege im Bett. Es ist still und ich lausche nach innen. Ich frage mich, wann ich das letzte Mal wild war. Wann ich das letzte Mal getan habe, was mich meine Sinne, meine Intuition, mein Herz zu tun hießen. Wann ich zum letzten Mal im Wald gesungen und getanzt, das letzte Mal wie früher ein Bad im Herbstlaub genommen habe, wann ich zum letzten Mal …

Am Nachmittag hatte ich eine Kundin aufgesucht und sie in IT-Belangen gecoacht. Kundin U. wohnt sehr abgelegen, auf einem Hügel in einem alten Bauernhaus. So ähnlich habe ich früher oft gewohnt. Mit Holz geheizt. Auch eine Form von Wildheit, die ich heute nur noch lebe, wenn ich bei Irgendlink auf dem einsamen Gehöft bin. Nein, ich will nicht das eine gut, das andere schlecht nennen, denn ich mag meine Badewanne und ich mag warmes Wasser aus dem Wasserhahn. Ob mit oder ohne – davon werde ich weder wilder noch weniger wild.

Ich will einfach wieder mehr das zu tun, was das Herz mir zu tun rät, denn abhängig von der Frage zu sein, was andere denken, wenn wir dies und das tun, ist Gift. Nicht, dass ich dieser Frage ständig und überall nachhänge, doch sicher denke ich sie häufiger als früher.

Geht es hier um Ängste, frage ich mich? Allen voran jener, nicht verstanden zu werden, belächelt, nicht ernst genommen, wenn ist es denn wagen sollte, wieder wilder zu sein, wilder zu handeln?

Lily macht mir Mut, mich wieder mehr zu trauen. Obwohl ich mir deswegen nicht, wie sie, Schnecken über die Arme laufen lassen werde.

Das Überdenken meiner Werte – meine Währungsreform – dauert an.

Selbstverständlichkeiten

Ohne zu überlegen wie das geht, öffne ich ein Beitrag erstellen-Fenster. Beim Hacken dieser Zeilen überlege ich mir schon deutlich mehr, doch das Handling von WordPress geschieht inzwischen so automatisch, dass ich mich kaum mehr erinnern kann, wie es war, damals vor über vier Jahren, als ich WordPress kennengelernt habe. Nach vielen Jahren Webtagebuch auf einer handgestrickten Webseite fiel mir die Umstellung auf ein CMS-Programm allerdings sehr leicht, denn ich kannte ja die meisten Icons, viele Funktionen und ein bisschen HTML bereits, so ungefähr wie man eine Fremdsprache kennt.

Wie es dagegen ist, wenn jemand dieses ganze Basiswissen noch nicht hat, erlebten Irgendlink im August und gestern bei unserm zweitägigen Blogkurs … (siehe auch hier und hier).

Bei einer umfassenden Einführung in WordPress und einer rudimentären in GIMP wurde mir bewusst, wie viel ich inzwischen weiß und kann. Und zugleich auch wie wenig ich weiß. Denn es gab sie natürlich auch, die Situationen, wo Irgendlink und ich auf Anhieb keine Antworten kannten, erst welche finden mussten und schließlich doch alle Probleme irgendwie lösen konnten, die auftreten, wenn man WordPress-Land noch nicht gut kennt.

Ja, so vieles mache ich selbstverständlich und doch habe ich alldas auch einmal gelernt. Alles habe ich ein erstes Mal gemacht, ein erstes Mal entdeckt, vieles mir unterwegs selbst beigebracht, durch Experimentieren herausgefunden … Viel Neues habe ich gestern dazugelernt – by doing aber auch durch Irgendlink.

In Kursen Wissen vermitteln ist darum auch immer Selbstentwicklung. Ich bin sehr dankbar für die neuen Erfahrungen. Ganz besonders über die Erkenntnis, dass das, was für mich selbstverständlich ist, nicht nichts ist, sondern – besonders für andere – sogar ziemlich viel …

Rätselslösung

Wie ich da im Büro hockte, am Mittwochvormittag wars, und mit rauchendem Kopf an einer für Nichteingeweihte möglichst leicht verständlichen Anleitung für das Führen unserer monatlichen TeilnehmerInnenstatistik brütete, fiel mir ein, dass mich Kollegin F. am Dienstag gebeten hatte, mich doch biitte-biitte der Kaffeekasse anzunehmen.

Da mein Kopf summte, war mir eine handwerkliche Abwechslung höchst willkommen. Während ich stundenminutenlang Fünf-, Zehn-, Zwanzig-, und Fünfzigrappen- sowie Ein- und Zweifrankenstücke in Zehnerstapel türmte, musste ich ans Steinmännchenbauen denken. Nicht ganz unähnlich, denn hier wie dort geht es darum, die bereits bestehenden Türme nicht durch Unachtsamkeit ins Wackeln zu bringen. ZEN im Büro.

Schon beinahe fertig, dachte ich dankbar daran, dass mich kein einziges Telefonklingeln aus meiner materiellen Meditation gerissen hatte. Kaum gedacht, schreckte mich auf einmal doch ein Bimmeln aus meiner Ruhe auf. Ein ehemaliger Projekt-Teilnehmer hatte eine Frage, die ich ihm allerdings nur unter Zuhilfenahme unserer Datenbank beantworten konnte. Doch mein PC döste auf Standby. Die Tastatur hatte ich gar leichtsinnigerweise unter den Destop geschoben und die Schreibunterlage war mit Münztürmchen vollgestellt. MIst!
Einen Moment bitte, ich muss erst den Tisch freiräumen? Nein, das konnte ich nun wirklich nicht sagen. Ich bat den Teilnehmer darum, kurz zu warten, zog die Papiere, auf die ich meine Türme gebaut hatte, vorsichtig zur Seite und betete zum Gott der Münzen, dass meine Türme einen Umzug überleben mögen. Vermutlich war er grad auf dem Klo, der Münzgott, denn die Zwanziger, die Zehner und die Fünfziger kämpften arg mit der Schwerkraft, einige kippten gar halb um. Doch immerhin hatte ich nun wieder Platz für meine Tastatur und konnte die Datenbank samt benötigtem Teilnehmer-Dossier öffnen und dem wartenden Herrn die gewünschte Antwort erteilen.

Schon bald konnte das Türmchenbauen weitergehen und bald darauf das große Zählen. Ich schätze zweihundert Franken und beschloss meine BlogleserInnen ebenfalls mitschätzen zu lassen (siehe letztes Artikelchen). Irgendlink, am Abend beim Bilderbetrachten, vermutete 183.– Franken in Kleingeld und Leserin Szintilla ungefähr hundert Franken weniger … alle drei lagen wir daneben. Irgendlink am wenigsten, er hat sich nur um etwa vierzehn Franken verschätzt, denn ein Zweifrankenstück, 89 Einfranken-, 104 Fünfzigrappen-, 88 Zwanzigrappen-, 66 Zehnrappen- und 18 Fünfrappenstücke ergeben zusammen genau 168 Franken und zehn Rappen.

Klar, ich hätte das alles der Bank überlassen können, werde ich auch, bald!, doch die Summe brauche ich halt fürs Kassenbuch. Ab und zu ein bisschen Sisyphusarbeit muss doch einfach sein.

Auf der Flucht

Als Lia nachschaute, waren alle weg. Spurlos.
Wie sollte sie ohne sie alle bloß arbeiten können? Etwa alles selber machen? Von Hand ihre Gewebe spinnen?

Nach anfänglichem Übermut machte sich langsam aber sicher Panik breit.
„Wo sind wir überhaupt?“, murrte die Erste.
„Wir werden uns verirren!“, behauptete Nummer zwei.
„Was soll bloß aus uns werden?“, fragte die Dritte.
„Und das also nennt sich Freiheit?“, wollte der Vierte wissen.
„Ich friere!“, jammerte die Fünfte.
„Was wollt ihr denn? Wieder zurück?“, insistierte Nummer sechs, verantwortlich für die Flucht. „Zurück? Wieder jeden Tag verkannt ausharren? Wie bisher dieses Begrabschen erdulden? Erinnert euch, wer ihr seid!“

Die anderen murrten kleinlaut vor sich hin. Freiheit hatten sie sich anders vorgestellt. Freier, übermütiger, autonomer. Sie hatten zwar einander, doch das Netz war rissig …

Lia hatte keine Wahl. Sie musste weiterweben. Spann von Hand vor sich hin. Fühlte sich allein. Verlassen. Gut, sie musste zugeben, sie hatte die Anwesenheit ihrer Mitarbeitenden zu selbstverständlich genommen. Hatte gemeint, dass sie alle im gleichen Boot säßen. Hatte oft genug – geradezu gedankenlos – auf ihnen herumgehackt.

Dankbar dachte sie an die vielen schönen gemeinsamen Stunden zurück, doch schien ihre Wahrnehmung derselben einseitig gewesen zu sein, wie sie nun erkennen musste. Waren sie aus Abenteuerlust verschwunden? Wollten sie etwas demonstrieren? Streikten sie gar? Lia setzte sich auf. Fragte sich, wie und ob sie diese verrückte Bande zurückholen konnte. Sie vermisste jeden einzelnen!

Sie würde ihnen einen Brief schreiben! Und zwar von Hand.

„Ich habe Post für euch!“, murmelte Pit, der Brieftauber, mit vollem Mund und ließ den Brief aus seinem Schnabel zu Boden segeln. Es regnete, so dass dieser in einer Pfütze landete. Alle hechteten sofort hin und begannen zu tuscheln.
„Von ihr! Mach endlich auf …!“ So viele waren sie, dass niemand wirklich wusste, wem diese Aufforderung nun galt. Jeder gab sie weiter. Nummer sechs fühlte sich für die derzeit herrschende Missstimmung und das ganze Schlamassel verantwortlich. Stundenlang hatten alle auf ihr herumgehackt. Deshalb trat sie nun vor und öffnete sorgfältig den schönen Umschlag.

War sie von der Traufe – wie der Brief hier – nicht buchstäblich im Regen gelandet?

„Ihr Lieben! Gleich zuerst will – ja muss! – ich euch nachdrücklich sagen, dass ich euch nicht brauche. Ehrlich! Ich kann ohne euch leben. Doch wisst ihr was? Ich vermisse euch sehr. Jede einzelne, jeden einzelnen!
Ich begreife erst jetzt, wie reich und kostbar ihr mein Leben gemacht habt. Offensichtlich beruhte dies bis anhin nicht auf Gegenseitigkeit, wie ich nun traurig festgestellt habe. Da verbrachte ich doch meine bisherigen Tage im irrigen Glauben, mit euch eine gemeinsame Form des Ausdruckes, der Kunst gar, gefunden zu haben. Wie frau sich täuschen kann. Doch ich verstehe schon, dass ihr es möglicherweise anders empfunden habt. Mir bleibt nichts übrig als euch ziehen zu lassen, so ihr das vorhabt. Dazu wünsche ich euch eine gute Reise.
Falls ihr jedoch zurückkehren wollt, werde ich euch mit offenen Armen empfangen und euch zukünftig mit mehr Respekt und Achtsamkeit wertschätzen. Versprochen!
Herzlich grüßt Euch Lia“

Nummer sechzehn schnüffelte vor Rührung. Nummer sechs schaute sich um, sah lauter betretene Gesichter.

Natürlich wurde es demokratisch beschlossen.
Ebenso wie der Streik.
Oder die Flucht.
Oder die Reise.
Oder das Abenteuer.
Wie auch immer: Sie machten alles demokratisch. Na ja, so gut es eben ging. Denn Nummer sechs, auch F genannt, hatte manchmal schon so ihre Allüren. Und R war oft unzimperlich. B hingegen war verträumt und N reichlich wehleidig.

Als Lia am nächsten Morgen nachschaute, waren sie wieder da. Sie streichelte jeden einzelnen sanft.
„Wir sind doch ein Team!“, flüsterte sie dankbar.
„Auf zu neuen Taten!“, sagte Ausrufezeichen munter. L nickte bestätigend und F tat, als hätte sie ihren Platz auf der Tastatur nie verlassen.

(aus Sosos Archiv, 2007)

+++++++++

Heute Morgen habe ich auf Lias Blog eine feine Geschichte gelesen, die sich um die Magie des Schreibens dreht. Beim Lesen habe ich mich an eine eigene Kurzgeschichte zum Thema erinnert. Witzigerweise heißt die Protagonistin meiner sechs Jahre alten Geschichte Lia, woran ich mich heute Morgen beim Lesen aber nicht mehr erinnern konnte. Ich habe meine Geschichte entstaubt und hoffe, sie macht euch Spaß. 🙂

Danke dir, liebe Lia, fürs Erinnern … 🙂

Leicht in den Oktober mit Easy October

Hier präsentiere ich euch ein kleines Stück einer heute neu im deutschsprachigen Raum releasten Platte.
Eine Platte übrigens, die zu mir passt wie eine bequeme, schöne Jacke, die man nie mehr hergeben will.
So mag ich Oktober. Hoffentlich gibt’s auch im November solche schönen Überraschungen.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=ELtuu3GzYnA]

Eine Kritik zur Platte findet sich hier.

Währungsreform

Ich fahre von Nord nach Süd. Es ist Montagvormittag. Drei Tage her. Monoton die Strecke, die ich inzwischen fast wie in Trance fahre. Nein, nicht die Strecke ist monoton, sondern die Tatsache, dass ich sie schon so oft gefahren bin. Wiederholung macht Dinge glatt und kantenlos, stumpf, unspektakulär. Wiederholung und Routine verkürzen aber auch die Zeit, die wir für etwas brauchen. Und schaffen damit Raum im Kopf und Herz.

Fakten und Interpretation – das eine nicht ohne das andere, sinniere ich. Fakten? Ist denn nicht alles, was ich als Faktum definiere, äußerst fragil und dem Wandel durch Zeit und Entwicklung ebenso ausgesetzt wie alles andere? Auch sogenannte Fakten sind nicht in Stein gemeißelt. Sogar Fakten sind Momentaufnahmen, wenn auch verhältnismäßig objektive. Der Interpretation haftet dagegen von Anfang an Subjektivität an. Aus Erfahrung gewachsene Subjektivität. Ein Faktum wird erst durch Interpretation verständlich – das eine nicht ohne das andere, wie gesagt.

So sinne ich fahrend vor mich hin. Summe das eine oder andere Lied vom ins Autoradio gestöpselten mp3-Player mit und überlege, woran es liegt, dass mir das eine Lied heute ganz besonders gut gefällt, während ich das eine oder andere Stück weiterklicke, weil es mich jetzt nervt.

Alles ist eine Momentaufnahme. Ich bewerte ständig. Alles. Und ich synchronisiere ständig die Außenwelt mit meinem Innen. In beide Richtungen. Verdammt anstrengend ist das.

Abgleichen ist eins, das andere, dass ich laufend alles bewerte, meist unbewusst. Und ungefähr. Zuweilen aber auch sehr exakt. Zehn Dänische Kronen sind heute genau einen Franken und fünfundsechzig Rappen wert. In Euro irgendetwas anderes. Und in Pfund nochmals anders. Und alle haben sie recht. Heute zumindest. Da ist eine Skala in meinem Kopf. Meine verinnerlichte Wertetabelle. Von Geburt an ist sie mit mir gewachsen.

Natürlich rechnen wir nicht nur Währungen auf, nein, alles – trotz dem Gelabber von Du-sollst-nicht-werten. Ich schaue Menschen an, unterwegs bei der Raststätte. Ich gehe den einen aus dem Weg, während ich andere, die meisten, nur am Rand wahrnehme. Noch anderen schenke ich sogar ein Lächeln. Zurück im Auto wird mir klar, dass der Steinzeitmensch in mir zu glauben meint, wem er trauen kann. Und dabei auch mal ganz schön danebengreifen kann.

Altes Steinzeit-Wissen? Sind es nicht einfach Konditionierungen, die mich die Dinge so und nicht anders bewerten lassen? Ich mache die Probe aufs Exempel: Warum denkst du, frage ich mich, dass Zugfahren am frühen Morgen schlimm ist? Erfahrung, versuche ich eine erste Antwort, doch ich merke sofort, dass sie mir nicht genügt. Der Begriff Erfahrung ist mir zu diffus.

[Gut, eine mühsame Erfahrung kann durch eine angenehme Erfahrung überschrieben, aufgewogen werden, überlege ich. Doch erst wenn objektiv mehr mühsame als gute Erfahrungen gemacht worden sind, dann können wir von Fakten sprechen und das Wort Erfahrung als Antwort dulden. Wiegen jedoch Fakten wirklich mehr als Wahrnehmungen? Wiegt denn nicht das mühsame schwerer als das angenehme? Schon wenig schwarze Farbe kann einen ganzen Eimer weiße Farbe versauen, aber um schwarze Farbe aufzuhellen braucht es ungleich viel mehr weiß. Heißt das nun, dass es viel mehr Gut als Böse braucht, um ein Gleichgewicht hinzubekommen … in mir und dir? Auf der Welt?]

Morgendliche Zugfahrten, die richtig schlimm waren – laut und stinkig – kann ich, ganz ehrlich gesagt, vermutlich an zwei Händen abzählen, während jene, die neutral oder beinahe heiter verliefen, irgendwo in mir drin, im großen Niemandsland, abgebucht worden sind. So what? Und all die andern schlimmen Dinge – Montagmorgen zum Beispiel oder Staustehen – sind, von nahem betrachtet, eigentlich auch nur halb so schlimm.

Wie ich mich langsam der Schweizer Grenze nähere, fasse ich einen Beschluss: Alles was ich in der nächsten Zeit tue, sehe, spüre, höre, will ich prüfen, mich fragen, warum ich so und so und nicht zum Beispiel so und so über dies und das denke. Und mich fragen, wer mich so denken lässt. Woher kommt der Maßstab in meinem Kopf? Nein, ich will nicht das berühmte Kind aus der Badewanne kippen, denn viele meiner inneren Werte sind bewusst gewählt. Ich habe mir über viele Dinge des Lebens bereits und immer wieder Gedanken gemacht, alle andern, die unbewussten, die verinnerlichten, die reflexartigen Werte bedürfen allerdings einer Reform. Ob ich gar eine neue Währung einführen soll – meine?

Am Meer und anderswo

Eigentlich hatte ich erst ein paar Tage vor unserer Reise in den Norden Muße, mir die Unterlagen zu unserm Feriendomizil, das wir beinahe beiläufig gebucht hatten, anzuschauen. Ein kleines nordisches Holzhaus in direkter Meernähe. Wie sich herausstellen sollte eine gute Wahl!

Zwei Wochen sind leider immer viel zu schnell vorbei. Zwei Wochen mit ausschlafen, Strandspaziergängen, Fahrradtouren, Geocaching, Fotografieren, Philosophieren, Städte erforschen, meinen Cousin und seine Familie in Svendborg besuchen und dort, ganz nebenbei, das beste Bier der Welt entdecken. Kopenhagen erleben. Zwei Wochen ohne Blog. Zwei Wochen nach der eigenen inneren Uhr leben. An den Abenden die zweite und dritte Sarah Lund-Staffel auf DVD genießen. Einen Fernseher zu haben und seinen Freuden und Leiden zu erliegen (z.B. beim ersten Horrorfilm meines Lebens).

Ferien wie im Bilderbuch, wenn ich es mir so recht überlege …

Hier eine kleine optische Zusammenfassung für jene unter euch, die ein bisschen Ostsee-Nordwind um die Ohren mögen …

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Bilder:
Nikon/Gimp &
Appspressionismen (iPhoneArt)

Ohne Leine

Ich lasse mich von der Leine. Ich werde darum eine Weile offline sein. Gut so. Ich freue mich drauf. Vielleicht werden die zwei Wochen genügen, damit ich nachher nicht mehr zurück an die Leine, heißt online, gehen will? Wer weiß.

Ferien nennt sich das bei uns in der Schweiz. Urlaub hier in Deutschland, von wo aus wir morgen nordwärts fahren. Nach Süddänemark. Nach Haderslev. Ferien heißt zwei Wochen nicht arbeiten. Zwei Wochen nicht früh aufstehen müssen. Zwei Wochen nicht und nichts müssen. Nur tun, was ich will. Am Manuskript weiterschreiben und -feilen vielleicht. Womöglich mal wieder einige Bilder aufnehmen? Mal sehen.

Nur tun, was wir wollen. Nichts müssen. Nichts sollen. Nicht mal meinen, bloggen zu müssen.

Und mich erholen. Die Migräne gestern Abend war ein deutliches Zeichen meines Körpers. Mich wieder mehr nach innen wenden, soll ich, sagt er mir. Nicht immer rennen. Nicht immer Erwartungen erfüllen. Nicht immer nett sein. Nicht immer die andern zuerst …

Darum habe ich mich heute ruhig verhalten. Erholung und Alleinsein statt mit Irgendlink und den andern der Col Art-Kunst zu frönen. Und ein gutes Buch lesen.

ewigdeincoverEwig Dein habe ich gelesen. Wäre da nicht die Empfehlung Emils gewesen, der zwei Bücher des Autors Daniel Glattauer gelesen und im Blog empfohlen hat, hätte mich der Titel wohl in die Flucht geschlagen.

Im Supermarkt lernt Judith, Mitte dreißig und Single, Hannes kennen. Kurz darauf taucht er in dem edlen kleinen Lampengeschäft auf, das Judith, unterstützt von ihrem Lehrmädchen Bianca, führt. Hannes, Architekt, ledig und in den besten Jahren, ist nicht nur der Traum aller Schwiegermütter – auch Judiths Freunde sind restlos begeistert. Am Anfang empfindet Judith die Liebe, die er ihr entgegenbringt, als Genuss. Doch schon bald fühlt sie sich durch seine intensive Zuwendung erdrückt und eingesperrt. All ihre Versuche, ihn wieder aus ihrem Leben zu kriegen, scheitern – er verfolgt sie sogar bis in ihre Träume …

(Quelle: www.hanser-literaturverlage.de)

Ein Buch, das unter die Haut geht. Eine Geschichte, die ich sicher nicht so schnell wieder vergessen werde. Und eins ist sicher: Sobald ich die andern beiden Bücher von Glattauer in die Finger bekomme, werde ich sie ebenfalls verschlingen. Der Autor versteht es vorzüglich, seine Figuren so dreidimensional, menschlich und glaubwürdig zu malen, dass ich beinahe damit rechne, ihnen auf der Straße zu begegnen.

Auf dem Rückweg von meinem sonnigen Waldspaziergang kann ich darum der Sitzbank nicht wiederstehen, die – von zwei Birken umrankt – mich geradezu nötigt, die letzten Seiten des Buches zu verschlingen. Books are a girl’s best friend!

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LIebe Leserinnen und Leser, ich sage jetzt auf Wiederlesen bis irgendwann im Oktober oder so und winke euch herzlich zu.