Im Kiental oder die vielen Herzen in meiner Brust

Als ich vorgestern Abend C. per Mail den spontanen Vorschlag gemacht hatte, ihren Geburtstag mit ihr zu verbringen, hatte ich nicht ahnen können, dass sie für ihren Geburtstag, gestern, mit einer Freundin eine kleine Wanderung im Kiental geplant hatte. Und noch weniger ahnte ich, dass diese Freundin ganz kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen absagen musste. Doch wusste ich um meine Sehnsucht nach den Bergen, die ich schon fast zwei Jahre nicht mehr gestillt hatte. Diese unstillbare Sehnsucht gilt insbesondere den Bergen des Berner Oberlandes. Nein, ich war keine Lückenbüßerin, denn C. wäre auch alleine gegangen. Mein Vorschlag passte dennoch perfekt, haben wir uns doch fast drei Jahre nicht mehr gesehen (siehe mein Blog).
Als nun gestern Vormittag C., die ich für mich gerne Wahl- oder Adoptiv-Mutter nenne, anrief und nachfragte, ob mein Vorschlag noch gälte, musste ich nicht lange überlegen. Schon kurz darauf setzte ich mich ins Auto, überlebte ein paar lästige Staus und tauchte auf einmal, Thun hinter mich lassend, in die Märchenwelt des Oberlandes ein. Magie pur.
Versuche ich zu beschreiben, wie ich mich fühle, wenn ich in die Gegend der wilden, reine Bergbäche eintauche, in diese Welt der satten Wiesen, die so grün sind, dass die Augen sich erst daran gewöhnen müssen, leises Glockengebimmel im Ohr, will es einfach nicht gelingen. Diese Farben, Gerüche, das Licht – all das, was das Schweizer Klischee nährt … Nein, Worte sind so unzulänglich. Auch lässt sich nicht beschreiben, was das alles mit mir macht. Dieses freie Atmen. Dieses Glück.
Von Reichenbach aus, wo wir uns treffen um mit nur einem Auto weiterzufahren, gelangen wir über eine schmale, kurvenreiche Straße nach Kiental. C. ohne ihre Hündin Shanta zu sehen, die vor ein paar Wochen altershalber gestorben ist, tut weh. Doch zu wissen, dass Shanta ein schönes Hundeleben gelebt hat, tröstet.
Wie oft wir diese Wege hier miteinander gelaufen sind!, sagt C. . Ihre Hand zeichnet einen großen Kreis.
Und ich? Ich war ewig nicht mehr hier. Schade eigentlich. Das letzte Mal? Da war doch dieses Openair, 2006, wo meine Lieblingsband sogar gespielt hat. Ich glaube, das war das letzte Mal. Aber nicht das letzte Mal, hoffe ich.
Wir fahren hinter Traktoren her, die von jungen Burschen gesteuert werden. Bergheuet. Emd, der zweite Schnitt. Heublumenduft. Alles Handarbeit. Mit Sense und Heurechen. Die Hänge zu steil für Motormäher. Es riecht, wie es nur im Sommer in den Bergen riechen kann. Ich romantisiere. Ich schöne mir die Welt zurecht, kann nicht, will nicht glauben, dass sich diese jungen Kerle und Mädels weit weg in die Stadt wünschen. Den Geruch von Bergwiesen, Schweiß und Stall, der ihnen anhaftet, für immer abgewaschen.
Nein, auch ich könnte hier wohl nicht immer leben. Nicht wegen der Umgebung, eher wegen den Menschen oder ihren vermeintlichen Erwartungen an mich. Dennoch mag ich sie, die OberländerInnen, ich mag ihren singenden Dialekt, der sich vom stadtbernischen doch sehr unterscheidet. Eher schon nähert er sich dem noch knorrigeren der WalliserInnen an. Die Landschaft, in der wir aufwachsen und leben, formt uns. Unser Denken, unsere Sprache, unsere Gefühle. Berge prägen. Täler prägen. Auch wenn es nicht meins ist, fühlt es sich so richtig richtig und existentiell an, dieses Bauern- und Landleben, dass sich auf den ersten Blick auf Melken, Käsen und Heuen beschränkt, auf Vieh- und auf Forstwirtschaft. Erinnerungen an meine Landdienste im Oberland – ich muss 17 oder 18 Jahre alt gewesen sein – tauchen auf. Wie ich täglich die Eier aus dem Stall holte, im Kuhstall half, die Kälber fütterte, die Kinder betreute. Jahre später, mit einem jungen Bauern liiert, als Hebamme bei einer Kalberete mit dabei, einer Zwillingsgeburt, bei der das erste Kalb tot zur Welt kam und wir, es war mitten in der Nacht, mit vereinten Kräften das zweite lebendig herausziehen konnten. Blut an den Händen. Das wackelige Kalb, die leckende Mutterkuh. Bilder flitzen in Sekundeschnelle vorbei. Später, mit meinem damaligen Partner H. auf B.s Alp. Ein paar Tage, an denen wir fast ausschließlich von Käse, Milch und Brot lebten. Und uns nichts fehlte. Wie anders könnten wir leben …
Im kleinen Dorfladen kaufen wir Ziegenkäse und Brot. Wie wir der Kien, diesem unbeschreiblichen, wilden Bergfluss, der durch graues Schiefergestein fließt, entlang wandern, später picknicken und weiter bergan steigen, wird mein Herz ganz still. Eine Stille, die mich noch bis heute begleitet. Dieser Stille verdanke ich es, dass ich meinen Plan, spontan noch Freundin M. oder eine andere meiner Berner Freundinnen zu besuchen – es zumindest zu versuchen –, nicht umgesetzt habe. Nur auf dem Berner Friedhof war ich noch. Frieden tanken.


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Bilder: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

alles verhält sich irgendwie …

Bloggen? Hm. Ja, schon, nur wo anfangen? Nun, es ist ja nicht so, dass ich Gedanken und Gefühle nicht irgendwie in Worte fassen könnte, eher ist es ein aktuelles Unvermögen, das Gewirr in mir sichten zu können. Denn obwohl doch jetzt endlich so etwas ähnliches wie Alltag in mein Leben einkehrt, jetzt, wo ich nicht mehr in ein mich täglich herausforderndes Projekt eingebunden bin (Ums Meer 2012, Irgendlink), ist nicht automatisch alles klar, einfach und übersichtlich.
Ich fühle mich wie pensioniert, sagte ich deshalb heute Morgen zum Liebsten. Nicht, dass ich nichts zu tun hätte, ganz und gar nicht, doch jetzt „muss ich wieder das tun, was ich will“, sozusagen. Veränderte Prioritäten. Zumindest, bis wieder ein Brotjob am Horizont auftaucht, der einen Gutteil meiner Lebenszeit auftunken wird. So habe ich beschlossen, mich endlich um meine Buchmanuskripte zu kümmern. Sie zu lesen, als seien sie von jemand anderem geschrieben worden, als wäre ich die Lektorin. Ob das geht?
Mit den Recherchen für das nächste Schreibprojekt werde ich am Montag anfangen. Über eine Tagung gilt es zu schreiben, die nächsten Samstag stattfindet. Intergrale Politik heißt der Bogen über dem Ganzen. Politik – ein Wort, das mich immer wieder heiß und kalt erwischt. So oft ich auch behaupten mag, dass ich nicht wirklich politisch sei, so oft muss ich mir eingestehen, dass das nicht geht. Wie ich auch nicht keine Meinung zu etwas haben kann. Denn alles ist eine Art Standpunkt, auch die Neutralität. Sage ich als Schweizerin, mit Neutralität im Blut sozusagen. Wie wir auch nicht nicht fühlen und nicht keine Befindlichkeit haben können. Alles verhält sich zum Rest irgendwie.
Über gelebte, lebbare Anarchie grüble ich neuerdings wieder vermehrt nach. Ist Anarchie jene neue Weltordnung ohne Herrschaft, wie ich sie mir früher so oft gewünscht habe? Diesen oft genug irgendwie inszeniert wirkenden, nicht ganz überzeugend wirkenden Widerstand gegen alles Etablierte, alles Strukturierte stelle ich heute oft in Frage. Nicht aber den guten Willen, der dahinter steckt, fühlte ich mich doch vor zehn, zwanzig Jahren ziemlich anarchistisch. Also nichts gegen authentischen Widerstand, gegen Zivilcourage, aufrichtiges Umdenken, Sehnsucht nach einer lebbaren, anderen, neuen Welt für alle. Die will ich auch, nur habe ich wohl aufgehört, daran zu glauben, dass es einen einzigen gangbaren Weg für alle gibt, eine einzige polititsche Form. So wie ich längst aufgehört habe, an eine einzige Wahrheit zu glauben.
Letztlich paddle ich mit allen Querköpfen, mit allen Bös- und Gutmenschen im gleichen Schiff. In einem Schiff mit unzähligen Lecks. Und da sind Myriaden von Riffs im offenen Meer. Wie gemeinsames Paddeln gehen könnte, hat sich Cambra in ihrem Blog vorgestellt. Vielfalt und Selbstbestimmung statt Einfalt und Vergleich. Ich halte es auch gerne mit Luisa Francia, die in ihrem Internettagebuch und in ihren Büchern immer wieder die Ressourcen Eigenmacht und Mitverantwortung betont. Jene Eigenmacht und jene Mitverantwortung, die sowohl mein eigenes Wohl als auch das Wohl aller im Sinn haben. Ohne kleingedruckte Fallen. Und ohne falsche Sentimentalität.

Rückblick

Entschleunigung ist angesagt … Darum habe ich die letzten zwei Tage mit Sein und Sichten verbracht. Und ab und zu ein wenig geappt.
Die Bilder stammen vom Kunstzwerg-Spaziergang vom letzten Sonntag und zeigen LandArt-Kunstwerke von Karl Rudi Domidian aka Hundefänger. Ich habe im letzten Artikel davon erzählt.
Die beiden sehr unterschiedlichen Werke haben doch eines gemeinsam (außer dem Material natürlich): Sie sind Hohl- und Schutzräume. Während das eine kuppelförmig nach außen hin abgeschlossen ist, mutet das andere wie ein Boot an, das kieloben gestrandet ist und sich als Höhle eignet (in die Irgendlink geschlüpft ist).

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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Noch immer ohne Netz

Als wäre ich heute Nacht in diesem großen Kinohaus gewesen, weißt du, jenes in Saarbrücken, wo es von unten bis oben einen Kinosaal neben dem anderen hat, sagte ich heute Morgen nach dem Erwachen zu Irgendlink. Als wäre ich die ganze Nacht von Raum zu Raum gegangen und hätte mir da und dort ein paar Filmsequenzen angeschaut. Bilder zogen vorüber, Dialoge … Und immer ging ich weiter und weiter.
Ja, ruhelos waren die Träume und dennoch fühle ich mich wohlig erholt und gut gelaunt. Wir haben wieder im „richtigen Bett“ geschlafen, im irgendlinkschen, nicht im (schwieger)elterlichen Wohnwagen, in den wir während des Festivals ausgewichen waren, da Irgendlink seine Wohnung „untervermietet“ hatte.
Ruhe auf dem Hof. Keine Gitarrenklänge mehr, die drei Tage wie ein Klangteppich alles untermalt hatten – Stimmen, Lachen, sphärische Musik, Geschirrgeschepper und auch das Schlagen der Axt auf den Spaltstock. Auf dass das Grillfeuer niemals ausgehe.
Ruhe in mir, trotz der Bilderflut, so dass sich all die vielen bunten Eindrücke auf dieser neu aufgeschlagenen leeren Buchseite in mir verteilen und sich eine Nische suchen können.
Schon wie wir gestern – nur noch eine kleine ungefähr zehnköpfige Gruppe – mit dem LandArtisten Hundefänger im den Wald spazieren, um seine Kunstwerke, die er aus herumliegendem Holz gebaut hat, zu betrachten, stelle ich verwundert fest, dass der dem Event vorausgegangene innere Stress auf einmal von mir abgefallen ist. Auf dem Rückweg mache ich mit vier anderen noch einen kleinen Schlenker zu einem LandArt-Kunstwerk vom letzten Jahr. Wir steigen in eine Schlucht hinunter, vier Stadtmenschen und ich. Zumindest zwei sind kaum je in der Natur und im Wald. Wie wir auf dem Rückweg darüber reden und ich ihnen dabei zuschaue, wie sie relativ mühsam auf den rutschigen Wegen in der Schlucht unterwegs sind, wird mir bewusst, dass sogar das eine Ressource ist: sich im Wald zurecht finden. Etwas für mich Selbstverständliches ist für andere überhaupt nicht selbstverständlich. Ja, gut, ich weiß, das ist nicht neu. Doch ich vergesse zuweilen, dass das, was ich kann, eben nicht einfach Allgemeingut ist. Wie oft bewundere ich andere dafür, dass sie dies und das können, sich dies und das trauen. Würde ich jedoch in ihre Haut schlüpfen, wüsste ich, dass das alles ganz einfach ihr Ding ist.
Eigentlich war das ganze 9. Mainzer Kunstzwergfestival wie ein bunter Teppich. Als Jan am Samstagabend seine Musik mit uns teilte, ich sass mit geschlossenen Augen im Raum, hatte ich den Eindruck, dass jeder Klang, den er mit seinen technischen Hilfsmitteln und Instrumenten erzeugte, eine Farbspur ist. Ein Farbtropfen, der ins Wasser fällt und sich mit den anderen Tropfen vermischt. Und er sei der Alchemist, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort den richtigen Hebel bewegte und so quasi die Töne, ihre Essenzen, miteinander vermischte. Die Töne flossen ineinander, legten sich umeinander und trugen mich mit sich fort.
Irgendwie ähnlich floss alles miteinander ineinander, was war. Auch all die vielen Gespräche. Am meisten Spuren haben wohl die politisch und philosophisch gefärbten Gespräche hinterlassen, die ich mit dem Performancer Dr. Treznok und seiner Assistentin Friederike geführt habe. Um die „postnatale Abtreibung behinderter Neugeborener“ ging es dabei vor allem, denen ja angeblich nur ein Leben voller Leid bevorstehe, wenn man dem Australier Peter Singer glauben will (dies hier mal als Stichwort/Notiz. Ich habe vor, mich damit später (vielleicht auch im Blog) eingehend zu beschäftigen).
Wie wir beide gestern, nachdem alle abgereist sind und alles mehr oder weniger wieder an seinem Platz stand oder lag, miteinander am Feuer sassen und vom übrig gegebliebenen Nudelsalat schmausten, war sie auf einmal da, die Ruhe.
Verrückt: Heute Abend schon werde ich wieder in die Schweiz zurückfahre. Jetzt aber bin ich hier. Und das ist gut so.
(geschrieben auf dem iPhone, da wir noch immer kein Internet haben)

Ohne Netz

Auf dem einsamen Gehöft in der südlichen Pfalz, wo ich bis vor ein paar Monaten gewohnt habe. Wieder hier zu sein, fühlt sich seltsam an. Die rauschenden Pappeln wie eh und je. Der Grillplatz. Der Garten. Eine frühreife Baumnuss, die knapp an meinen Ohren vorbei auf den Boden fällt.
Aber vor allem ist da der Liebste, endlich zurück von seiner langen Reise. Wie schön es wäre, jetzt einfach Zeit für einander, Zeit für eine sanfte Landung zu haben! Zeit für ein paar wenige Menschen, Zeit für dosierte Begegnungen da und dort. Zeit, um zusammen Bilder anzuschauen, Zeit, sich Geschichten und Erinnerungen an die letzten Monate hinzugeben.
Dass sich Irgendlink vor seiner Reise auf das erste Augustwochenende ein kulturelles Event auf dem Hof aufgeladen und das Datum danach schlicht vergessen hat, ist menschlich, insbesondere wenn man eine Reise macht, die einen siebentausendsechshundert Kilometer ums Meer führt.
Doch auch ein vergessenens kulturelles Event will vorbereitet sein, vor allem wenn man Gastgeber ist, eine einfache Infrastruktur zur Verfügung stellt und selbst als Kunstschaffender mitbeteiligt ist. Deshalb müsste es eigentlich nicht auch noch sein, dass das Internet aus unerfindlichen Gründen in den letzten vier Monaten „kaputt“ gegangen ist. Nicht zu alledem, was zu tun ist. Mal tragen wir es mit Fassung und weichen auf unsre iPhones aus, mit denen wir ja auch übers (hier superlangsame) Handynetz ins Internet kommen, mal nerven wir uns über das Fehlen der kabellosen Verbindung mit dem Universum. Zumal Irgendlink Kunststraßen- und andere Reisebilder nach Paris mailen müsste, damit sein Künstlerfreund die geplante Diaschau für die Ausstellung in Los Angeles bauen kann. Doch zuerst muss er ja, ganz nebenbei, seine siebeneinhalbtausend iPhone-Bilder auf den Rechner laden. So oder so, alles ist ein wenig zu viel. Die Zeit, sich langsam wieder auf dem Hof und beieinander einzufinden, wird von all den anderen To-Dos einfach aufgefressen.
Gestern Nacht sind bereits ganz überraschend die ersten Künstler angekommen. Jetzt ist das Paar, dass das Event schmeisst, zur Hälfte am Einkaufen und zur zweiten Hälfte am Diesunddasen. Und ich nehme mir eine kleine Insel voll Zeit, vor dem Sturm sozusagen, um diese Zeilen auf die Bluetooth-Tastatur zu hacken, die mit Jürgen ums Meer gereist ist. Schnell und langsam sind ganz nah beieinander. Die Sonne fällt, gefiltert vom Nussbaum, auf den Tisch, und die Hühnerclique, vom Fuchs arg dezimiert, scheint Siesta zu halten. Kein Gackern weit und breit. Nur das Rauschen der Pappeln und ferner Verkehr, der über die Sickinger Höhe rollt.

undurchdringlich # 2

Verrückt, wie das Leben grad so wirbelt. Verrückt, den Gedanken zu denken, dass Irgendlinks Reise heute Abend (oder morgen Vormittag) zu Ende ist. Diese Reise, die ihn und mich, unsere Leben und auch die Leben anderer, über vier Monate (mit)bestimmt hat. Fertig. Schluss. Aus. Und wir ab morgen wieder zusammen. Zumindest für ein paar Tage.
Wenn wir das Leben als Kreis begreifen, ist ein Ende kein Ende. Und noch nicht mal ein neuer Anfang. Es sei denn, ich stelle mir den Kreis als Ding mit Schwellen und Absätzen vor. Ende und Anfang? Kontinuum wohl eher. Raum im Raum auch. Oder kein Raum.
Ähnlich verstehe ich die Bilderserie, die ich seit vorgestern am appen bin. Angefangen hat alles mit dem Schnappschuss meiner ersten beiden reifen Tomaten. Die Lust darauf, Bilder mit verschiedenen Apps – Programme für ein Smartphone – zu bearbeiten, zu äppen auf neudeutsch, was ich letztes Jahr geradezu süchtig betrieben habe, scheint also doch nicht verschwunden zu sein. Doch unter den Schmerzen der vermeintlichen Sehnenscheidenentzündung (vom Umzug und Putzen), die sich über viele Wochen nicht heilen ließ (bis ich entdeckte, dass es ein Tennisarm ist, den ich mit gezielten Dehnungsübungen innert weniger Wochen selbst heilen konnte) – unter besagten Schmerzen jedenfalls war jede nicht zwingend notwendige Arbeit am iPhone und am Laptop schon zu viel. Was sich auf meine Schreiblust und auf meine Applust sehr unmittelbar ausgewirkt hat. Und nicht eben toll war. Es wuchs die Erkenntnis, dass ich das Schreiben brauche (ja, und auch das Bloggen, wie es aussieht).
Bevor ich mich nun auf den Weg Richtung Emmental und Bern aufmache, um meine wieder genesene Freundin B. zu besuchen und am Abend meine SchreibfreundInnen zu treffen, will ich hier mal wieder ein bisschen Farbe reinbringen.
Das Ursprungsbild und ein paar Zwischenschritte … (groß werden die Pix durch draufklicken …)
             

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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt). Zum Teil mehrmals verwendete Apps: Hipstamatic, Photowizard, Blender, Decim8, ToonCamera, TurboCollage.

undurchdringlich # 1

Undurchdringlich liegen sie da, die
Folien. Undurchdringlich, un-
erträglich dicht. Blickdicht. Wenn
ich sie bewege, ein wenig nur, hin und her, und
sie neu ordne, aufschüttle wie
eine Bettdecke, neu
arrangiere … Auf einmal sehe
ich zwischendurch. Neue Farb-
mischungen an der Wand.
– Schnitt –
Kürze! Da – nimm die Schere. Das Messer. Schneide weg, was zu viel ist. Säble weg. Na, mach schon.
Ja. Aber. Was denn noch? Hab ich doch schon. Ist doch alles wichtig, was noch da steht.
Noch tausendfünfhundert Zeichen zu viel! Zu lang! Kürze!
– Schnitt –
Beim nächsten Artikel mache ich alles anders. Gaaanz anders. Zuerst schreibe ich, statt als Rohstoff und Ausgangsmaterial ein Brainstorming mit zig spontan aufgeschriebener Details zu verwenden, nur Stichworte auf. Nur die Knochen. Die Essenz. Das Gerüst. Statt mit viel fange ich das nächste Mal mit wenig an. Wie die Töpferin. Nicht wie die Bildhauerin wie bisher, die wegklopft, was zu viel ist. Weil sie sieht, was darin sitzt, was darunter, dahinter wartet und befreit werden will.
War ich nicht immer schon eher die Steinhauerin denn die Töpferin? Habe ich nicht immer schon lieber ab- statt aufgetragen?
Und jetzt? Wage Neues!

Nadelöhre

Ja, ich weiß, über Nadelöhre wurde schon viel geschrieben. Auch hier in meinem Blog. Darüber was mit mir geschieht, wenn verschiedene äußere Umstände sich (wie Folien auf dem guten alten Hellraumprojektor – uf bärndütsch Prokischriiber –) auf- und übereinander legen. Gelegt werden. Vom Leben. Umstände, auf die ich keinen Einfluss habe, jedenfalls nicht zeitlich, nicht direkt. Dennoch sind sie logische Konsequenzen davon, dass ich mich irgendwann auf irgendetwas eingelassen habe. Dass ich irgendwann den einen statt den anderen Weg gegangen bin. Dass ich eine Wahl getroffen habe.
Die eine Folie, sie liegt irgendwo in der Mitte, zeigt mich, wie ich dieser Tage an einem Artikel – es ist eine Buchbesprechung – schreibe, den ich am Mittwoch abgeben soll. Dass sie da liegt, hat damit zu tun, dass ich so bin wie ich bin. Anders gesagt, sie liegt da, weil ich vor fünf Jahren ein Beinah-Burnout und deswegen meinen damaligen Job geschmissen hatte. Bei den Recherchen über meine Krankheitssymptome fand ich heraus, dass ich nicht krank sondern einfach ein wenig anders bin. Einfach nur hochsensibel. Und dass es noch andere auf diese Art Anders-Seiende gibt. Und dass darüber zurzeit intensiv geforscht wird. Nachdem ich darüber einen kleinen Artikel verfasst und diesen mit der Bitte aufklärend über dieses „Phänomen“ zu berichten an ein paar Zeitschriften geschickt hatte, erhielt ich von einer tollen Zeitschrift den Auftrag, doch selbst einen ausführlichen Artikel darüber zu schreiben. Seit damals bin ich mit an Bord dieses Teams und genieße es, durch das Schreiben nicht nur das Schreiben selbst zu trainieren, sondern mich, gegen Bezahlung, mit äußerst spannenden Themen auseinandersetzen zu können. Wie aktuell über das neuerscheinende Buch eines amerikanischen Hirnforschers, der einige wirklich bahnbrechende Zusammenhänge erkannt hat.
Eine weitere Folie – sie liegt ganz oben – zeigt mich und Irgendlink, wie wir uns vor über drei Jahren kennen- und lieben gelernt haben. Wie wir das eine oder andere Projekt realisiert, die eine und andere Ausstellung auf die Beine gestellt und schließlich im letzten Winter das „Ums Meer 2012“-Projekt ausgetüftelt haben. Mein Part war es, die Fäden des steigenden Heißluftballons irgendwie in der Hand zu behalten, so dass dieser zwar hoch steigen, aber nicht davon treiben kann. Lange, sehr lange Fäden – bis zu den Shetlands reichen sie und bis nach Bergen. Nun rolle ich sie langsam wieder auf, damit sie am nächsten Mittwoch, wenn Irgendlink und ich uns endlich wieder sehen werden, ganz eingerollt sind. Fäden halten heißt und hieß, da und dort Türen zu öffnen, ein ziemlich buntes Blog zu pflegen, Bilder hochzuladen, Newsletters und Pressemitteilungen zu verschicken … Ein Job, der nach einer gewissen Einarbeitungszeit zu Alltag geworden ist und täglich zwischen einer halben bis zwei Stunden Zeit erfordert. Ein Job, den ich mit Leib und Seele mache. Ein Job aber auch, der nach viel Herzblut verlangt.
Auf einer ebenfalls ziemlich weit oben liegenden Folie sehe ich mir zu, wie ich an meinen eigenen Schreibprojekten arbeite. Meine vier recht unterschiedlichen Romanmanuskripte, denen eigentlich nur noch der letzte Schliff fehlt. Nein, nicht nur. Vor allem fehlt ihnen mein Mut. Die Verlagssuche zu wagen, ist ein großer Schritt. Noch zu groß. Zumal mir die Frage im Weg steht, wer denn bitteschön tiefgründige Romane über Suizid, Amok, Missbrauch und andere menschliche Abgründe lesen mag. Immer wieder höre ich das Echo eines Satzes von Hansjörg Sch.. In einem Schreibseminar bei diesem Schweizer Bestseller-Autor fiel der Satz: Wenn ihr ein Thema habt, über das ihr schreiben „müsst“, dann tut es. Sich für Themen verbiegen, funktioniert nicht. Fakt ist: Freundinnen und Freunde glauben mehr an meine Texte als ich.
Eine weitere Folie zeigt mich auf der Suche nach meinem Platz im Leben. Arbeitsstellen hatte ich schon ziemlich viele. Und ich habe – dank meiner vielseitigen Talente und meiner verschiedenen Ausbildungen – auch schon einiges gesehen und unter dem Strich waren alle Stellen irgendwie super. Aber eben: nach einiger Zeit musste ich weiterziehen. Immer auf der Suche nach dem Wahren. Hoffend, DEN Job zu finden, der mich bis in alle Ecken meines Seins befriedigt. Okay, den gäbe es ja, das wäre nämlich eine Mischform der bereits erwähnten Folien, allerdings gegen Bares. Mindestens so viel, dass ich davon leben kann. Und nicht jeden Rappen fünfmal drehen muss. Auf dieser Folie sieht man mich, wie ich zurzeit mal sehr optimistisch, mal eher skeptisch Zeitungen und Internet nach passenden Stellen absuche. Manchmal bin ich für eine Stelle über-, dann wieder unterqualifiziert. Oft schreibe ich auch einfach tolle Firmen an, die mich interessieren. Bis jetzt erfolglos.
Auf anderen Folien sehe ich mich mit Freundinnen und Freunden zusammen, sehe wie ich dies und jenes unternehme, sehe wie ich mal zweifle, mal Mut schöpfe, sehe mich gehen und stehen, sehe mich innehalten und neu anfangen, sehe mich straucheln, sehe mich fallen, sehe mich wieder aufstehen.
All diese Folien, dicht auf dicht, liegen auf der gläsernen Scheibe, angestrahlt und auf die weiße Wand projiziert. Mittendrin, irgendwo ein kleines weißes Loch. Das Nadelöhr. Ich schlüpfe hindurch, auf die andere Seite des Haarrisses.

Sie prokrastiniert mal wieder.

Manchmal frag ich mich ja schon, wie das sein wird, wenn ich wieder eine bezahlte Arbeit haben werde. Und wie ich das alles hier gemacht hätte, wenn ich bereits von Anfang an – also gleich nach dem Umzug zurück in die Schweiz vor vier Monaten – wieder einen Brotjob gehabt hätte. Doch am allermeisten frage ich mich, wie das andere machen. Wann andere all das machen, was ich Tag für Tag mache. Kurz und gut: ich bin ausgelastet.
Ich arbeite an Auftragsartikeln, ich redigiere Irgendlinks Kunst-Reise-Blog, ich schreibe Bewerbungen, ich recherchiere für zukünftige Artikel, ich bereite dies und das für den Kunstzwerg vor, ich versuche einen Leih-iPad für Irgendlink aufzutreiben*, damit er mit diesem nächsten Monat eine noch zu kreierende Flashshow seiner Kunststraße „Ums Meer 2012“ in Los Angeles zeigen kann. Dort wird ab Mitte August das bisher größte Kunstevent im Bereich iPhoneArt stattfinden. Eine einmalige Chance, das Kunststraßenprojekt einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Der erhoffte Sponsor kann leider keinen iPad zur Verfügung stellen, wie wir heute erfahren haben. Schade. Woher nehmen und nicht stehlen? Low Budget-Kunst war schon immer herausfordernd. Und kreativitätsfördernd.
Schnitt.
Heute Morgen, nach dem Erwachen, war alles da. Alles. Fast Wort für Wort. Ich hätte mich hinsetzen und losschreiben sollen. Ich hätte den ganzen Artikel, die ganze 3000 Zeichen-lange Rezension über das neuro-wissenschaftliche Buch, den ich am nächsten Mittwoch abgeben muss, jetzt schon geschrieben. Roh zumindest. Ich hätte … Doch weil mir alles Mögliche und auch einiges Unmögliches die Sicht verstellt hat und ich nicht konzentriert an einem Text arbeiten kann, wenn dieses Alles-Mögliche meine Gedanken blockiert, muss ich zuerst den Alles-Mögliche-Berg abtragen. Und das habe ich heute getan. Einiges zumindest.
Ich frag mich (oder wohl lieber nicht), was ich morgen für Ausreden zur Hand haben werden, um die Arbeit an der Buchbesprechung weiter vor mich her zu schieben, wo doch auf der langen Liste schon einiges abgehakt ist. Bald sind die Ausreden aufgebraucht und bald muss ich ins kalte Wasser springen.
Im kalten Wasser werde ich denken: Ach, wie schön! Das ist mein Element! Warum habe ich bloß solange damit gewartet?
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* Tipps und Ideen, wie ich einen iPad leihweise auftreiben könnte, bitte gerne an mich (siehe Kontakt).

Alles ist schon da.

Überraschung! Wir müssen nicht mehr länger suchen, jagen, kaufen, laufen, rennen und kämpfen, denn alles-alles ist schon da. Stattdessen können wir endlich hegen, pflegen, fürsorgen und Raum schaffen – für all das, was schon da ist. So denke ich, als ich gestern Nachmittag mit Baby-A. im Arm meiner Nichte I., der Mama des kleinen Wundern auf meinem Schoss, gegenüber sitze. Ich bin verzaubert, wie immer, wenn ich ein neues Menschenkind kennenlerne.
Alles ist da. Noch klein, aber da. Ihre wissenden Augen in meinen. Ein Blick, der standhält und mich hineinzieht. Hinein in die Ewigkeit, hinein an Orte, die ich längst vergessen habe. Orte, denen die Kleine noch viel näher ist als wir. Wie ein Bambusrohr, das in kürzester Zeit in Teleskopmanier wächst, wächst auch diese kleine Menschenkind heran und hat nun bereits ein paar Kompetenzen mehr drauf als schreien, trinken und die Windeln zu füllen als vor vier Monaten. Bereits hält es den Kopf mit der eigene Muskulatur, die vor zwei Monaten dazu noch nicht in der Lage gewesen war. Bereits kann es sich vom Rücken auf den Bauch drehen, bereits dies und bereits das. Und bald noch mehr. Bald stehen, bald gehen, bald tanzen, bald trotzen. Alles schon da. Auch das Wissen, wie wachsen geht.
Je nach Nährboden auf dem ein Samen fällt, entfaltet sich der eine und andere mehr oder weniger. Oder gar nicht. Je nachdem, ob da Raum und Platz sind, und Grenzen und Kanäle.
Für mich selbst bin ich es, die diese Räume und Zäune definiert. Heute. Früher waren es andere, früher ließ ich mir den Raum und die Erde unter meinen Füssen von anderen zuteilen. Tue ich es heute wirklich selbst? Ich könne verkümmerte oder noch nicht gekeimte Saat reanimieren und ich könne – so jedenfalls behaupten die Autoren* des Buches, das ich rezensieren werde und deshalb zurzeit lese – auch bereits Gewachsenes durch gezielte Übung formen, als Form der neuronal inspirierten Therapie. Die Gehirnforschung hat, so lese ich mit wachsendem Interesse, neurologische Zusammenhänge zwischen Emotionen und Hirnaktivitäten entdeckt und erforscht aktuell Wege, wie emotionale Stabilität und Gesundheit erreichbar sind. Ein Ausweg aus der Depression?
Alles ist schon da! Sagte ich doch. Nur sind uns eben oft die Zugänge, Schlüssel und Zusammenhänge nicht bekannt.
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* Titel und Autoren darf ich leider noch nicht nennen, da das Buch noch nicht veröffentlicht ist.