Pragmatismus à la Suisse

Bin gestern Morgen mit diesem Satz hier erwacht:
Besser endlich Sommer und dafür nicht im Achtelfinal mit dabei als
kein Sommer und dafür im Achtelfinal mit dabei.

Irgendwie muss sich frau ja trösten, wenn alles Daumendrücken und sogar das „Hopp Chile“ rufen nix nützt.

Sommer tröstet über solche Verluste hinweg.
Sommer ist einfach toll.
Sommer auf dem einsamen Gehöft ist toller als toll.
Am tollsten aber ist, dass wir bald Urlaub haben.
Heute in einer Woche geht’s los. Insch’allah.

Hier bleibt irgendwie die Zeit stehen … oder geht sie vor?
Wäre ich eine Uhr, wäre ich lieber eine, die stehen geblieben ist oder lieber eine, die vierzig Minuten vorauseilt?
Erstere zeigt zweimal am Tag die richtige Zeit, weiss aber nicht wann, während die zweite immer falsch zeigt, dafür immer richtig daneben liegt.

bis der Durst gelöscht ist

Wenn ich bei mir einkehre
Gibt es kein Bier
Es gibt keinen Fussball
Und keine Chats
Da ist niemand  –

Erst nach einer Weile
Höre ich die Stille
Und nicke ihr zu
Etwas später
macht sie den Vorhang auf
die Welt schaut herein
Freundlich und bunt
Die Berge und das Flachland
Die Seen und die Städte
Menschen und Tiere
Alle ganz versunken
In die Zeit
In der sie stehen

Wenn ich bei mir einkehre
Ist es wie damals
Als ich noch klein war
Auf dem Brunnenrand kniete
und Wasser trank
Bis der Durst gelöscht war

Quelle: Rundbrief vom 22.6.10 von Linard Bardill

mehr über den Bündner Liederer und Lyriker …

mehr?

Liebe ist auch, wenn er und sie nicht gleich stark lieben, sagt das MigrosMagazin. Auf Seite 79 der aktuellen Ausgabe steht es schwarz auf weiß: Frauen lieben mehr.

Ich zweifle am Wort „mehr“. Wie lässt sich Liebe, wie lässt sich die Größe einer Liebe messen? Wie lässt sich die Größe des Himmels messen und die Tiefe der Erde und was fange ich mit irgendwelchen bei Umfragen ermittelten Zahlen in irgendwelchen Statistiken an? Liebt mehr, wer öfters sagt, dass er sie, dass sie ihn, sie sie oder er ihn liebt? Liebt mehr, wer Liebe durch vielerlei Geschenke, Handlungen und Gesten ausdrückt? Welches ist die Währung, in der sich Liebe messen lässt und bin ich naiv, dass ich überhaupt noch an die Liebe glaube – an jene Liebe, um die es im unten zitiertem Artikel geht, der Erotik einschließenden Liebe zwischen zwei erwachsenen Menschen?

Die einzige Währung, die ich gelten lasse, ist der Herzschlag. Hm, nein, stimmt so nicht und klingt irgendwie bescheuert. Oder kitschig. Zweiter Versuch: Die einzige Währung, die ich gelten lasse, ist das Maß der Hingabe. Doch, seien wir ehrlich, auch diese Bereitschaft, sich einzulassen, auch sie lässt sich nicht messen.

Ich werde, seit ich gestern untigen Artikel gelesen habe, dieses Bild hier nicht mehr los: Ganz lieben, ganz fest lieben, einander ganz fest zu lieben und sich einander zu öffnen und hinzugeben sei in jedem Fall hundert Prozent. Das „ein Prozent“ des einen Menschen ist kongruent mit dem „ein Prozent“ des anderen Menschen. Selbst wenn wir glauben, unser „ein Prozent“  sei grösser als das „ein Prozent“ unserer Liebsten … Aus der Sicht jedes Menschen ist sein „ein Prozent“ und ist sein „hundert Prozent“ so groß wie es eben möglich ist. Ganz. Wie groß oder wie klein etwas ist, wird immer eine Frage der Perspektive, der Relation und der Wahrnehmung sein. Manchmal sind zwei vermasselte Brötchen grösser, gewichtiger und eben „mehr“ als die siebenhundertfünfundneunzig, die ich bis dahin gebacken habe.

Ob Frauen mehr als Männer lieben, ist nicht wirklich relevant. Dass wir lieben, ist relevant. Neulich habe ich in einem Roman gelesen, dass zu lieben das größte sei, was es gibt. Jemanden zu lieben sei größer als geliebt zu werden. Mag sein. Ich persönlich finde gegenseitiges Geben und Empfangen am allerschönsten. 🙂

Hier nun der erwähnte Artikel:

Das vermeintlich schwache Geschlecht ist bekanntlich in vielem stärker — nach neusten Erkenntnissen auch im Lieben. Das berichten Forscher der Bradley University in Illinois USA. Sie wollten von über 15 000 Menschen in 48 Ländern wissen, wie stark sie Liebe empfänden. Es stellte sich heraus, dass fast überall auf der Welt die Frauen intensivere Liebesgefühle entwickeln als Männer. Diese Diskrepanz ist umso grösser, je emanzipierter Frauen sind, und ist interessanterweise in der Schweiz am größten. Nirgends investieren Frauen so viel mehr Gefühle als Männer. Gemäß der Studie sind grundsätzlich politisch stabile, wohlhabende Länder der Liebe am ehesten zuträglich. Wer in Armut oder Krieg aufwachse, habe mehr Mühe, Bindungen aufzubauen. Das gilt auch für arrangierte Ehen oder solche, die der wirtschaftlichen Absicherung dienen.

Quelle: Migros-Magazin Nr. 25 vom 21.Juni 2010 (http://www.migrosmagazin.ch/pdf/index.cfm?ausgabe=201025&seite=79)

oder nicht

Da ist dieses Bild. Aufgenommen irgendwo nach Béziers und vor Perpignan. Es ist der 14. Mai 2010 und ich bin unterwegs nach Borredà. Kurz nachdem ich es aufgenommen und mich wieder ins Auto gesetzt habe, erhalte ich eine SMS von J.. Mit den Koordinaten seines Standortes. Er habe einen wunderbaren Platz gefunden, schreibt er. Nach dreieihalb Wochen werden wir uns endlich wiedersehen. Vorfreude. Nur noch ungefähr hundert Kilometer Luftlinie trennen uns.

Da ist dieses Bild. Zuerst bin ich daran vorbei gefahren. Immer weiter, immer vorwärts. Wie viele schöne Häuser ich sehe! Würde ich bei jedem stehenbleiben, wäre ich an diesem Tag wohl noch länger als elf Stunden unterwegs.

Hundert Meter nach dem Haus eine Ausweichstelle. Noch ignoriere ich die drängende Stimme: Halt an und mach ein Bild! Ich fahre weiter. Schließlich ein Kreisvortritt. Wieder die Stimme: Es ist noch nicht zu spät! Ich fahre im Kreis und nehme die Ausfahrt zurück in die Richtung, aus der ich gekommen bin, halte in einer Ausweichbucht an, packe die Kamera und steige aus. Wind und Mittagshitze schlagen mir entgegen und ich begreife allmählich, dass ich Regen und Nebel hinter mir gelassen habe. Endlich Südfrankreich. Dass ich bald das Meer sehen werde, ahne ich mehr als dass ich es weiß.

Da ist dieses Bild. Da stehe ich also. Vor dem Haus. Fern anderer Häuser steht es einsam an einer Straße, die A mit B verbindet. Ein Haus, das bessere Zeiten gekannt hat. Ein Haus, das einst mit viel Liebe bemalt worden ist. Ein Haus, in dessen Hof alte Geräte vor sich hin gammeln. Ein Haus wie ein älter werdender Mensch, dem vieles, das früher zählte, unwichtig geworden ist. Dennoch hat es, was andere nicht haben: Erinnerungen. Und diese wunderbare Fassade. Das Gesicht eines weisen, alten Mannes.

Ein Bild, das dafür steht, dass ich meinem Impuls gefolgt bin. Wäre ich einfach weitergefahren, gäbe es dieses Bild nicht. Kein Weltuntergang. Ihr wüsstest alle nichts von diesem Bild und würdet es nicht vermissen. Ihr wüsstet nichts von der Geschichte, die das Haus mir erzählt hat und ich euch. Nicht weiter schlimm. Wir könnten alle auch ohne dieses Bild weiterleben. Und ohne das Lesen dieses Artikels ebenso.

Doch in meinem Hinterkopf gibt es noch ein anderes Bild. Ein Bild, das nie fotografiert worden ist. Ein Bild, das einen einsamen Baum gezeigt hätte. Im Hintergrund Gewitterstimmung, die sich nicht mit Worten beschreiben lässt. Auf unserem Weg nach Ille-sur-Tête war es gewesen, ein paar Tage vor Silvester. In den Ferien. Ein Bild, dass es nun nur in der Erinnerung zweier Menschen gibt. Jener Baum – er wird nie wieder so aussehen wie an jenem Tag. Augenblicke kommen und gehen. Bilder werden aufgenommen oder nicht.

Live vom Bundesplatz

Eine Live-Berichterstattung vom diesjährigen Berner Flüchtlingstag ab Bundesplatz – das wäre eigentlich die Idee gewesen. Bild und Text per eiFöun. Da ich aber schlicht und einfach vergaß, mit meinem neuen Wunderteilchen ein Bild zu knipsen, geschweige denn ein paar, gibt es jetzt eins von unserer Bürokamera. Es passt so richtig zur Stimmung. Einen Stand zu dekorieren macht bei Regen einfach nicht wirklich Spaß. Auch nicht, wenn mensch selbst auf Halbmast ist und sich in „Hätten wir doch bloß“-Gespräche verwickeln lässt. Die erste Schicht war schnell vorüber. Die zweite steht mir jetzt gleich noch bevor. Ich hoffe, sie geht schnell und schmerzlos vonstatten. Immerhin sehe ich meinen Arbeitskollegen P. mal wieder, mit dem ich immer viel lache. Und Scheff himself wird mit mir die letzte Stunde schieben und aufräumen. Das kann ja heiter werden 😉 hoffentlich im wörtlichen Sinn …

Einer dieser Tage III

Noch kaum vierundzwanzig Stunden alt und schon hat mir mein neues Telefon das Leben gerettet. Spätestens um halb vier hätte ich an der XYstraße sein sollen, um dort drei Straßenspiele abzuholen, die wir morgen an unserem Spiele-Stand am Berner Flüchtlingstag auf dem Bundesplatz einsetzen wollten – neben anderen Aktivitäten. Konjunktiv.

Wie so oft hatte ich mal wieder die Zeit verbummelt. Ich war nicht wirklich motiviert gewesen, überhaupt nach draußen zu gehen. Noch immer Fieber. Mattigkeit. Dazu bisschen Regen. Auch begreife ich erst um zehn nach drei, als ich im Auto sitze, dass freitags bereits ab drei Uhr Feierabendverkehr herrscht. Viel zu langsam und an tausend roten Ampeln vorbei kriechen Sternchen und ich durch Berns Straßen. Verursacht durch meine Schlappheit verfahre ich mich dann auch noch im Botschafterquartier, wo ich mich schlecht auskenne. Die Zeit wird knapp und knapper. Ach wie froh ich doch bin, dass mir mein eiFöun Guugls Straßenkarten zur Verfügung stellt und ich – dank Kompass – herausfinde, wo genau ich bin. Ein kleiner Anruf bei XY und bald darauf bin ich am Ziel. Mit Verspätung zwar, aber was soll’s.

Dort dann der große Schock: Die Straßenspiele sind für mich und mein Sternchen zu groß und zu schwer. Ich muss abwinken und unverrichteter Dinge ins Büro fahren, wo ich die letzten Vorbereitungen für den großen Tag treffe.

Zuhause erwartet mich ein voller Briefkasten. Gut getarnt ein amtlicher, mausgrauer Umschlag. Verkehrspolizei steht oben links. Mein Herz setzt einen Takt aus, um danach doppelt so schnell weiter zu klopfen. Ich widerstehe der Versuchung, den Umschlag bereits im Treppenhaus aufzureißen. Will mich hinsetzen. Gut durchatmen. 93km statt 80 sei ich gefahren, steht da. Kurz nach Basel. Vor zehn Tagen. M***!

Kann so ein Tag noch besser werden?

(((Edit: Ja, er kann … danke, J., für deinen Anruf 🙂 )))

So unschuldig war der heutige Morgen …

Alltagskunst im Wohnzimmer.

Mein Hackbrett.

(Was mir an den Bildern gefällt, die das eiFöun macht: Die Bilder rauschen so sehr, wenn sie mit knappem Licht aufgenommen worden sind, dass sie bereits wieder genial aussehen. Wie Polaroidaufnahmen irgendwie. Witzig zum Bearbeiten.

Doch mit genügend Licht gemachte Bilder sind zum Teil richtig genial.)