Ausgelesen #27 | Die wundersame Mission des Harry Crane von Jon Cohen

Buchcover zeigt auf einem dunkelblauen Hintergrund ein goldenes Blatt. In dunkelblauen Handlettering-Buchstaben steht darin der Titel des Buches. Unter dem Blatt sind in weißen Lettern Autor- und Verlagsnamen zu lesen. Auf dem blauen Hintergrund leuchten goldene Punkte, die an Goldmünzen oder Sterne erinnern.
Buchcover zeigt auf einem dunkelblauen Hintergrund ein goldenes Blatt. In dunkelblauen Handlettering-Buchstaben steht darin der Titel des Buches. Unter dem Blatt sind in weißen Lettern Autor- und Verlagsnamen zu lesen. Auf dem blauen Hintergrund leuchten goldene Punkte, die an Goldmünzen oder Sterne erinnern.

Am Anfang von Jon Cohens Märchenroman sterben zwei Menschen. Doch keine Angst, trotz des traurigen Auftaktes ist Die wundersame Mission des Harry Crane keine traurige Geschichte. Märchen, Heldenepos, Weisheitsgeschichte? Auf alle Fälle lesenswert!

Wie schon oft finde ich persönlich den deutschen Titel übrigens ziemlich schlecht gewählt, zumal ich diesen Bandwurm-Titel-Trend eh nicht mag. Im Original heißt dieser Roman schlicht Harry’s Trees, was der Sache schon näher kommt. Harrys Bäume. Als Titel hätte mir auch Orianas Wald gut gefallen.

Was wäre, wenn über Nacht Wunder geschähen und die Probleme, die uns am meisten belasten, sich von selbst oder durch Zauberfeenhand gelöst hätten und unsere Welt beim Aufstehen eine andere wäre? Was wäre am Morgen anders?

Harry Cranes Antwort wäre vermutlich ziemlich einfach: Seine Zauberfee hätte über Nacht die Uhr zurückgedreht. So hätte er dieses eine Los nicht gekauft und seine Frau nicht an dieser gefährlichen Straßenecke warten lassen. Stattdessen wäre er mit Beth, seiner großen Liebe, wie geplant schnurstracks ins Kino gegangen. Der tödliche Unfall wäre nicht geschehen und Beth noch am Leben. Auch die zehnjährige Oriana müsste vermutlich nicht lange überlegen: Ihr wunderbarer Vater Dean wäre nicht gestorben.

So aber ist geschehen, was geschehen ist. Kurzum: wir brauchen ein neues Wunder. Harrys Wunder geschieht, als er einen Anruf von seinem Anwalt bekommt. Die Baufirma, die Beths Tod zu verantworten hat, zahlt sieben Millionen Schadenersatz. Geld allerdings, das Harry gar nicht will. Nur seinem großen Bruder Wolf zuliebe ist er mit zum Anwalt, der schließlich eine Schadenersatzklage angeleiert hatte. Harry will nicht das Geld, Harry will Beth. Die Schuld, die er sich an Beths Tod gibt, ist im Laufe des seither vergangenen Jahres nicht kleiner geworden. Nach dem anwältlichen Anruf setzt er sich darum in sein Auto und fährt los. Mitten in die Wälder Pennsylvanias, die erbisher tagtäglich von Berufs wegen verwaltet hat. Harry will nicht mehr leben. Mit Blutgeld schon gar nicht.

Derweilen ist Oriana davon überzeugt, dass ihr Vater Dean nicht tot ist, sondern sich in ein geflügeltes Tier verwandelt hat. Darum legt sie ihm im Wald seine Lieblingsleckereien hin. Überhaupt ist sie ganz oft im Wald. Mit oder ohne Bücher, die sie sich bei der betagten Bibliothekarin Olive in der Stadtbibliothek holt. Von ihr hat sie auch das handgeschriebene Märchenbuch des alten Grum, eine Geschichte, die sie schon viele Male gelesen hat. Ausgerechnet dieses Buch aber hat sie verloren. Vermutlich im Wald, an einem ihrer vielen schöne Leseplätze.

Oriana, die mit ihrer Mutter Amanda nach dem verlorenen Buch sucht, findet Harry, der beim Versuch, sich das Leben zu nehmen, von einer maroden Mauer gestürzt ist. Drei Menschen, die um einen geliebten Menschen trauern, lernen sich kennen – der Beginn einer großen Seelenfreundschaft. Amanda bietet Harry an, seine Beule zu verarzten, ist sie doch von Beruf Krankenschwester und von Natur aus sehr pragmatisch, ganz anders als ihre belesene und von Märchen besessene Tochter.

So kommt es, dass Harry für drei Wochen ins Baumhaus der Familie einzieht, um die Bäume zu zählen. Als Forstbeamter kommt ihm diese Ausrede gerade recht. Vielleicht kann er in dieser Zeit ja ein bisschen Frieden finden? Waren Wälder, waren Bäume denn nicht schon immer – schon als er ein Kind war –, seine große Leidenschaft gewesen? Auf ihren Ästen und in ihrem Blätterwerk hatte er sich versteckt, wenn ihn sein großer Bruder Wolf piesacken wollte oder die Eltern sich einmal mehr in die Haare geraten waren.

Schließlich beginnt er, den Wald und dessen Bäume zu erkunden und zu erklettern. Immer ein bisschen höhere. Immer ein bisschen mehr kommt Harry wieder zu Kräften. Die sich entwickelnde Freundschaft zwischen ihm und Oriana weicht allmählich Orianas Fixierung auf die Rückkehr ihres Vaters als geflügeltes Wesen auf. Gemeinsam wollen die beiden jetzt die Geschichte des alten Grum in die Wirklichkeit holen, der sein Glück gefunden hat, nachdem er all seine Schätze verschenkt hat. Harry fühlt sich in den Wäldern Pennsylvanias je länger je sicherer. Auch vor seinem Bruder Wolf, der einen Anteil von Harrys Schatz für sich beansprucht. Derweilen schlägt sich Amanda mit ihren Verehrern herum, die nach ihrem Trauerjahr anfangen, mit den Hufen zu scharren. Doch dann geschehen Dinge, mit denen niemand gerechnet hat.

Die Geschichte entwickelt nach und nach eine ihr eigene Dynamik, die sowohl märchenhaft als auch lebensnah ist. Jon Cohen webt eine weise und phantasievolle Geschichte, von der ich am Schluss nicht weiß, ob sie Märchen, Heldenepos, Weisheitsgeschichte, Liebesroman, Coming of Age-Geschichte oder Feelgood-Roman ist. Nun – sie ist all das. Und noch viel mehr. Liebevoll und warmherzig geschrieben ist sie pure Medizin für Menschen, die Bäume lieben, gerne teilen, gerne träumen und die Hoffnung auf ein menschlicheres Miteinander nicht aufgeben wollen.

Herzlichen Dank an den Suhrkamp-Verlag für das Rezensionsexemplar.


Jon Cohen | Die wundersame Mission des Harry Crane – Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Alexandra Kranefeld

Erschienen: 02.10.2018
insel taschenbuch 4662 | Klappenbroschur, 536 Seiten
ISBN: 978-3-458-36362-0
Auch als eBook erhältlich

D: 15,95 € | A: 16,50 € | CH: 22,90 sFr

Suhrkamp

Ausgelesen #26 | Into madness von A. K. Benjamin

Buchcover. Im Hintergrund laufen von oben nach unten abwechselnd gelbe und blaue Wellenlinien. Darauf zuoberst in weißen Großbuchstaben der Autorname, darunter in blauen Großbuchstaben der Buchtitel, kleiner der Untertitel, unten rechts der Verlag. Von unten links geht eine blaue Figur zum oberen Bildrand. Um sie richtig zu sehen, müsste man das Bild nach links drehen.
Buchcover. Im Hintergrund laufen von oben nach unten abwechselnd gelbe und blaue Wellenlinien. Darauf zuoberst in weißen Großbuchstaben der Autorname, darunter in blauen Großbuchstaben der Buchtitel, kleiner der Untertitel, unten rechts der Verlag. Von unten links geht eine blaue Figur zum oberen Bildrand. Um sie richtig zu sehen, müsste man das Bild nach links drehen.

Ich kann dieses Buch nicht besprechen ohne vor ihm zu warnen. Weil es ziemlich verrückt ist. Und weil es verrückt. Weil es Sichtweisen verrückt. Weil es auf den Kopf stellt, was wir für unverrücktbar hielten. Weil es Geschichten erzählt, die vom Verrücktwerden und vom Verrücktsein handeln.

Ich mag das Buch, weil es nicht nur verrückt, sondern auch zurechtrückt. Es räumt zum Beispiel mit dem Märchen des omnipräsenten Arztes und der allwissenden Ärztin auf.

Der englische Originaltitel lautet Let me not be mad – A story of anravelling minds (Lass mich nicht verrückt sein – Eine Geschichte über das Entwirren des Verstandes) und wie so oft gefällt mir dieser besser als die für die deutsche Ausgabe gewählte Version.

Was sich am Anfang wie ein persönlich gefärbtes Sachbuch mit spannenden Fallanalysen liest, wird zunehmend zu einer Spurensuche, die, je länger wir dem Neuropsychologen Alasdair Benjamin, Ally, beim Leben zuschauen, desto verrückter wird. Irgendwann sind wir von Lesenden zu Mitfühlenden geworden, Teil seiner Gedanken, Teil seiner Suche, Teil seines eigenen Leids.

Er hatte uns gewarnt, ziemlich am Anfang des Buches. Er hatte erklärt, dass die Fallbeispiele aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes verfremdet worden seien. Was einleuchtet. Erst kurz vor dem Finale des Buches wird klar, was Benjamin mit seiner Information meinte, dass er auch über seine eigenen Erfahrungen schreibe.

Eben noch hatte uns der auf Diagnostik und akute Rehabilitation spezialisierte Arzt einige klinische Begegnungen präsentiert. Wir hatten eine verwirrte ältere Frau namens Lucy kennengelernt, die Alzheimer hat – oder nicht. Und da war dieser merkwürdige Junge gewesen, dessen Aggressionen und Autoaggressionen die Eltern hatten den Arzt aufsuchen lassen und dann war auch noch jener fünfzigjährige Geschäftsmann, dessen schwere Hirnverletzung ihn zu einem exaltierten unberechenbaren Menschen gemacht hatte. Benjamin entgeht in seinem Beratungsraum in einem verschuldeten Londoner Klinikum nichts. Auch nicht die Schweißflecken, die sich über Lucys Kleid bewegen und einer animierten Landkarte auseinander driftender Kontinente ähneln. Benjamins Blick ist scharf und er findet Worte, um den Dingen Gestalt zu verleihen, für die weniger Sensiblen, weniger für solcherlei Reize Empfänglichen der Blick fehlt. Er trägt nicht nur das Herz, er trägt auch das Hirn auf der Zunge und es gelingt ihm problemlos, all die Widersprüche des wissenschaftlichen Betriebes mit all seinen Grenzen in der Diagnose und der immer vorhandenen Möglichkeit von Fehldiagnosen nebeneinander zu stellen. Dass Weißkittel auch nur Menschen sind, dass auch sie gute und schlechte Tage haben, wird klar, als bei Lucy, die nach der Diagnose Demenz alle Anzeichen einer Demenz entwickelt, obwohl sie klinisch gesehen gesund ist und die Diagnose de facto falsch war. Benjamin zeigt, dass das menschliche Bewusstsein ein beschränkter Ort ist, an dem selten alles so ist wie es anfangs aussah. Und sich eben auch Ärztinnen und Ärzte irren können.

Nach und nach verändert sich das Erzähltempo – zuerst schier unmerklich –, und schon bald sind die Sprünge auf der Zeitachse der Erzählung nicht mehr immer ganz einfach nachzuvollziehen. Auch die Andeutungen mehren sich, dass Benjamin selbst ein Seiltänzer und Gratwanderer ist, ähnlich seinen Patientinnen und Patienten. Sein Blick hinter den Vorhang des alltäglichen Horrors neurodegenerativer Erkrankungen gleicht mit viel gutem Willen einer schwarzen Komödie und oft weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Unberührt sein geht nicht. Längst bin ich mitten drin. Teil der Geschichten. Intelligenz, Weisheit und Wahnsinn wohnten schon immer nahe beieinander.

Nach und nach offenbart sich, wie es um Benjamin selbst steht. Die Beziehung zur Mutter seiner beiden Töchter ist zerbrochen, neue Liebschaften scheitern an seiner analytischen Vorgehensweise und spätestens als er für den britischen Ironman trainiert und diesen dann auch tatsächlich bestreitet, wird klar, dass auch Benjamin selbst psychisch krank ist. Dass er es wohl schon immer war. Während er mit seinem Rennrad durch die britischen Berge rast, denkt er über das Profil seiner Kunstfigur Brad76 nach, das er erschaffen hatte, um auf einer Datingplattform eine neue Partnerin zu finden. Ein Prozess, der ihn wahnsinnig gemacht habe. Kein Detail seines Profils hat er dem Zufall überlassen. Obwohl fast nichts der Realität entspricht. Manisch und getrieben versucht er, sein Leben, das mehr und mehr auseinander zu brechen droht, zusammenzuhalten, versucht, bei der Arbeit, professionell zu bleiben, was ihm immer weniger gut gelingt, und wird schließlich eines Tages vor die Wahl gestellt, selbst in die Therapie zu gehen oder mit der Arbeit aufzuhören. Längst arbeitete er da schon nicht mehr mit Patient*innen.

Augenzwinkernd erzählt der Autor von einem Syndrom, das vom Kollegium nach ihm benannt wurde: Dieses Benjamin-Syndrom handelt vom Impuls, Geschichten zu erzählen, die vordergründig witzig und selbstironisch sind, sich aber ungewollt gegen die Erzählenden selbst richten. Sein Buch ist das beste Beispiel für das besagte Syndrom, denn Benjamin erzählt schonungslos, schönt nicht, übertreibt aber auch nicht wirklich, nicht jedenfalls im Sinne einer inszenierten Übertreibung. Mich erinnert der Text übrigens streckenweise an Knausgård.

Das Erzähltempo nimmt weiter zu, Benjamins Verwirrung, durchwoben von analytischen und gesellschaftpolitischen und -relevanten Erkenntnissen, klugen Lebensweisheiten und seiner unüberlesbaren Sehnsucht nach dem Verständnis der großen Zusammenhänge mit den kleinen Details wird dichter und schließlich bleibt seiner Vorgesetzten nur noch eins: Ihm ein Sabbatical aufzunötigen.

So verlässt Benjamin seinen Arbeitsplatz im Krankenhaus und verbringt einige Monate in einem Meditationszentrum irgendwo im Fernen Osten, wo er sich der Selbstheilung und der Achtsamkeit widmet. Auch hier – vor allem zu Beginn – geschieht nichts ohne Selbstironie, trotz aller Ernsthaftigkeit. Und es ist keineswegs ein einfacher Prozess, den er da durchläuft. Im Gegenteil. Wer immer über das Leben nachgedacht und es analysiert hat, kann diesen inneren Lärm nicht einfach ausknipsen. Der Autor durchlebt eine schwierige Zeit und obwohl es eigentlich verboten ist, schreibt er immer mal wieder einige Erkenntnisse auf. Mal dienen diese eher der Forschung, der Selbsterforschung, mal eher dem persönlichen Heilungsweg. Wie soll man das auch trennen können?

»’Wahnsinn’, das Symptom des Festhaltens am Ich: unser Zwang, uns ständig selbst zu bestätigen. Es ist, als würde man den Vorhang beiseite ziehen und entdecken, dass der große und schreckliche Zauberer von Oz ein tatteriger alter Mann ist, der zugibt, dass er statt eines Herzens und eines Gehirns nur eine Uhr und ein Diplom geben kann. […] Nach Vorhang über Vorhang ist nur noch ein nackter Neunzigjähriger im letzten Alzheimer-Stadium übrig, der kaum mehr blinzeln kann. Bis nichts mehr hinter dem Vorhang ist. Lass mich nicht nichts sein.« (Zitat, S. 221, eBook)

Benjamin wäre nicht er selbst, wenn er das Buch mit weisen violett schimmernden Szenen und verklärten Erkenntnissen aus dem Meditationszentrum beenden würde. Im Gegenteil. In seinem letzten Kapitel sitzt er in einem Londoner Pub, überlagert ist diese Momentaufnahme mit einer Szene aus einem Trickfilm. Und auch Alkohol ist mit im Spiel. Leben ist eben mehr, als die einzelnen Teilchen an die richtigen Stellen zu fügen. Das Gesamtbild ändert sich laufend und hat eigentlich keine klaren Ränder.

Ich mag A. K. Benjamins Buch sehr. Es ist letztlich, unabhängig vom Genre, ein Hilferuf, ein Beitrag zur Aufklärung über psychische und neurodegenerative Erkrankungen und hat viele Leserinnen und Leser verdient. Mutige Menschen, die sich nicht scheuen, sich auf diese doch recht verrückte Geschichten einzulassen. Inzwischen lebt Benjamin (Pseudonym) übrigens in Indien, wo er eine Klinik für Kinder mit neurologischen Störungen aufgebaut hat.

Herzlichen Dank an den Ullstein-Verlag für das Rezensionsexemplar.


Into Madness | Geschichten vom Verrücktwerden
Erzählendes Sachbuch, Memoir
Hardcover und eBook
Aus dem Englischen von Simone Jakob
288 Seiten
ISBN: 978-3-86493-067-6
D: € 20.00/19.99 | CH: Fr. 25.90/Fr. 21.–

Verlag: Ullstein extra

R wie Rohtext und wie Rückblende | Mein ABC des Schreibens

Hier nun ein weiterer Teil meiner  Serie Mein ABC des Schreibens. Es ist dies eine Sammlung persönlicher Schreiberfahrungen. Im Menü werden die einzelnen Beiträge alphabetisch geordnet angezeigt, so kann ich beim Erstellen der Texte quer durch die Liste springen. 😉

Heute hüpfe ich zum R.

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R wie Rohtext

Ein Rohtext heißt so, weil er tatsächlich noch roh ist wie ein ungekochtes Ei, ungekocht, schwer verdaulich.

Das Schreiben des Rohtextes ist immer(!) der erste Schritt zu einem fertigen Text. Selten können wir einen Text, den wir uns ausgedacht und in die Tasten oder aufs Papier gebracht haben, genauso für eine Artikel, eine Geschichte, deine Dokumentation oder einen Roman verwenden (von absoluten Geistesblitz-Sequenzen und von einzelnen Sätzen, die einfach so sitzen, einmal abgesehen). Ich spreche hier natürlich nicht von kurzen Texten, die wir auf die Schnelle für einen Tweet oder einen kurzen Blogpost raushauen, ich spreche von längeren, komplexeren Texten, die mehr als nur Tagesfliegen sein sollen. Ich spreche von Texten, die publiziert und gelesen werden wollen.

Das Schreiben eines Rohtextes fordert uns viel ab. Dieses Schreiben ist wie die Phase erster Verliebtheit zum Text, den wir in uns tragen, ein Feuer, das in uns brennt, und in diesem Moment, wenn wir ihn niederschreiben, gebären wir unseren Text. Somit ist dieser Schreibprozess eine große kreative und sehr herausfordernde Arbeit. Eine Arbeit, die ohne jegliche Zensur geschehen sollte. Ohne Schere im Kopf. Ohne jemanden, der die einzelnen Kapitel oder Absätze anschaut und dazwischen ruft, das da was fehlt und dort ein Stück zu viel herausragt. Ohne Stimme, die kritisiert.

Mit diesem Rohtext schaffen wir das Skelett eines jeden fertigen Textes. Seine Urform. Er ist der Tonklumpen auf dem Tisch. Bis zur fertigen Geschichte wird dieser Klumpen in aller Regel noch mindestens dreimal überarbeitet.

Das erste (zweite, dritte …) Mal überarbeitet ihn die Autorin* (mit oder ohne Hilfe) selbst – und das heißt nicht in erster Linie nach neuen Synonymen suchen, Fehler finden und Sätze umstellen, das heißt das Skelett mit Fleisch unterfüttern. Nach diesem ersten Überarbeitungsprozess sollte eine Fachperson dazugezogen werden, eine Lektorin*. Auch diese Person sollte sich definitiv nicht nur auf Fehler, sondern auch auf den Erzählstrom und auf mögliche Unstimmigkeiten in der Geschichte einlassen.

Vorhin habe ich folgendes getwittert: »Ich bin übrigens die, die merkt, wenn der Protagonist, der angeblich am Morgen danach wegen der Putzaktion des Tatortreinigungsteams keinen Kaffee mehr im Haus hat, am Abend vorher welchen getrunken hatte.«

Es sind diese kleinen Unstimmigkeiten, die wir im Rohtext getrost übersehen dürfen, die uns aber bei der Überarbeitung, also wenn wir den Text das erste Mal als Ganzes vor uns haben und am Stück lesen, auffallen sollten, uns selbst oder dann spätestens unserer Lektorin*.

Falls das Bisherige noch nicht deutlich genug war: Rohtexte gehören nicht veröffentlicht. Sie sind privat und sollten wirklich nur jenen Menschen gezeigt werden, die mit ihnen umzugehen wissen. Rohtexte sind Sandburgen, rohe Eier, Glashäuser und darum sehr empfindlich gegen Erschütterung und Bruch. Der rohe Schreibprozess ist so gesehen der sensibelste Teil des Schreibens, der auf Störungen und Verunsicherungen anfälligste. Im Rohtext spielt es keine Rolle, ob eine Geschichte genießbar oder zumutbar ist. Das sollte sowieso nie Hauptkriterium fürs Schreiben sein, nicht im Rohtext jedenfalls.

Wichtiger in diesem Schreibstadium ist die Authentizität. Denk beim Schreiben möglichst wenig ans Lesepublikum. Denk daran, die Geschichte so zu erzählen, wie sie erzählt werden will, denn jede Geschichte hat eine ihr eigene Dynamik.

Und vergiss nicht: Eine Geburt muss nicht genießbar sein, eine Geburt ist eine blutige Sache … und Rohtextschreiben ist gebären.

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R wie Rückblende

Alle, die Bücher lesen und/oder Filme schauen, kennen Rückblenden. Sie sind ein sogenanntes Stilmittel, das es den Lesenden ermöglicht, rasch die Zeitebenen zu wechseln. In Filmen wird zuweilen – je nachdem wie weit in der Zeit zurückgeblendet wird – ein Grunge-Filter über die Szene gelegt, damit sichtbar wird, dass wir uns in einer vergangenen Zeit befinden. In Büchern gibt es solche Filter nicht, weshalb wir neben der schlichten Konjugation der Verben auch mit Erzählperspektiven und anderem arbeiten sollten.

Erzählen wir beispielsweise den Hauptstrang unserer Geschichte im Präsens, der Gegenwartsform, wird die Rückblende – je nachdem, wo auf der Zeitachse sie sich ereignet hat – in einer der drei uns zur Verfügung stehenden Vergangenheitsformen erzählt.

Ich verwende in der Regel die ’vollendete Vergangenheit’ (Präteritum) für vollendete Tatsachen. Vorvergangenheit (Plusquamperfekt) und Vorgegenwart (Perfekt) bieten sich je nach Zeitebene als Zwischenetagen an. Nicht ganz einfach, das hier in aller Kürze zu theoretisieren. Außerdem können andere solcherlei Theorie besser erklären (hier zum Beispiel).

Was ich sagen will? Die Erzählebenen sind Stilmittel, die wir gezielt einsetzen können, um unserer Geschichte mehr Dimension zu geben.

Ein weiteres für Rückblenden oft genutztes Stilmittel sind Überschriften mit Orten und/oder Jahreszahlen, die in Titeln vorkommen und den Lesenden zeigen, wo genau wir uns gerade jetzt befinden.

Auch ein veränderter Blickwinkel, aus welchem wir eine bestimmte Stelle erzählen, sagt etwas darüber aus, dass wir uns gerade jetzt in einer vergangenen Zeit befinden, und eignet sich darum als Arbeitsmittel für Rückblenden ausgezeichnet: Wird also normalerweise die Geschichte aus der Perspektive von Figur X und Figur Y im Jetzt erzählt, kommt mit dem Rückblende-Stilmittel namens Blickwinkelwechsel eine weitere Perspektive und/oder Figur ins Spiel. Beispielsweise eine nicht namentlich definierte Figur, die wir nur ’er’ oder ’sie’ nennen. So kann bewusst Spannung aufgebaut werden, da die Lesenden nicht wissen, wer diese Person ist.

In Rückblenden können zudem auch eher faktische Informationen zum Hintergrund, welche die Lesenden auf der Hauptstraße der Geschichte noch nicht erfahren haben, die aber für den Verlauf der Geschichte gut oder gar notwendig zu wissen sind, eingewoben werden.

Kurz gesagt: Rückblenden verleihen einer Geschichte Tiefgang und können – mit Stilmitteln wie Zeitebenen, Perspektive und Zusatz-Informationen – einen Kontext, eine Erzählumgebung schaffen.


*Männer sind natürlich mitgemeint.

A wie Adjektiv | Mein ABC des Schreibens

Das hier ist der erste Teil meiner neuen Serie Mein ABC des Schreibens. Ich teile hier in loser Folge persönliche Schreiberfahrungen  – mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

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Adjektive, die sich umgehen lassen, sollten umgangen werden. Das sage ich oft und gern. Adjektive? Na, diese kleinen, netten, süßen, doofen, aufdringlichen, errötenden Wörter, die ein Wort beschreiben.

Insbesondere mag ich persönlich ja die vorhersehbaren, verdoppelnden, allzu oft gehörten nicht. (Außer sie werden als Stilmittel genutzt und natürlich gibt es zu jeder Regel Ausnahmen.) Ich behaupte, dass Adjektive viel zu oft bevormunden und den Leseerlebnishorizont unnötig einschränken. Meinen auf jeden Fall.

Beispiel:
Statt: Er lehnte sich erleichtert zurück.
Vielleicht so: Er lehnte sich zurück, blies die Luft aus den Lungen und dachte, dass er es nicht besser hätte machen können. Jedenfalls nicht heute.

Einerseits ist bereits im erwähnten Sich-zurück-Lehnen eine latente Erleichterung fühlbar, was ein Adjektiv überflüssig macht. Andererseits illustriere ich hier, wie statt mit Adjektiven mit kleinen sinnlichen Sätzchen eine Atmosphäre gezeichnet werden kann, die die Erleichterung der Figur fühlbarer macht als es ein Adjektiv je kann. Außerdem habe ich so die Gelegenheit neue Spuren zu legen und aus der Perspektive der Figur neue Informationen einzubringen.

Ich empfehle, statt mit Adjektiven, die gewünschte Stimmung – wie gesagt aus der Sicht der Figuren – in ergänzenden Sätzen fühl- und sichtbar zu machen. Mit Details für alle fünf Sinne. Auch darf die Leserin neugierig gemacht werden. In obigen Beispiel liegt der Fokus auf dem Wort heute. Die Leserin fragt sich: Was ist denn heute für die Figur so besonders?

Für Adjektive gilt für mich:

    • so wenig wie möglich, so viel wie nötig
    • so unerwartet wie möglich
    • so originell wie möglich

Ganz vermeiden lassen sie sich nicht, aber wenn man sich erst einmal darauf eingelassen hat, sie nicht – wie viel zu oft – als Platzhalter oder Abkürzung für Handlungen zu verwenden, wird das Schreiben herausfordernder.

Und nein, es geht mir nicht um ein krankhaftes Suchen nach möglichst originellen Begriffen, sondern darum, aus der Box zu steigen, sich noch mehr auf die Szene, die erzählt wird, einzulassen und mit sinnlichen Eindrücken die Lesenden zu überraschen, ihnen Wiedererkennungsmomente zu schenken oder aber sie aus vertrauten Lesegewohnheiten herauszuholen und – ganz besonders – sie so in die Geschichte hineinzuholen.

Denn darum geht es letztlich: die Lesenden wollen mit auf die Reise genommen werden und nicht als Zuschauende außen vor gelassen werden.


*Männer sind natürlich mitgemeint.

Mein ABC des Schreibens

In loser Folge ergänze ich mit Blogartikeln folgendes kleines Schreib-ABC und erzähle über meine persönlichen Gedanken und Erfahrungen beim Schreiben & Publizieren.

Tipps oder Wünsche bitte in den Kommentaren oder per Mail.

A wie Adjektiv
B wie Backup
B wie Buchmarkt
C wie Chronologie
D wie Deppenapostroph
D wie Dramaturgie
E wie Erzählperspektive
E wie Epilog
E wie eBook
E wie Écriture automatique
F wie Figurentwicklung
G wie Geschichteentwicklung
G wie Genitiv
H wie Humor
I wie Indieverlage
I wie Inhalt
J wie Journalismus
K wie Klischee
K wie Korrektorat
L wie Lektorat
M wie Mindmapping
M wie Manuskript
N wie Novemberschreiben/Nanowrimo
O wie Orthografie
P wie Phantasie
P wie Prolog
P wie Plotten
Q wie Querverweis/Quellen
R wie Rohtext
R wie Rückblende
S wie Selbstverlag/Selfpublishing
S wie Scrivener/Schreibsoftware
Sch wie Schreiblähmung/Schreibflow
Sch wie Schreibstil/eigene Stimme
T wie Tippfehler
U wie Unterhaltung
Ü wie Überarbeitung
V wie Verlegen/Verlagssuche
W wie Wasser und Wein
X wie Xaver (Figuren und ihre Namen)
Y wie Y-Writer/Linux-Schreibsoftware (siehe S)
Z wie Zurückweisung/Absage
Z wie Zuschussverlage

Ausgelesen #25 | Durch Feuer und Wasser von Camilla Grebe und Åsa Träff

So lange habe ich ewig nicht mehr für das Lesen eines Buches gebraucht. Mehrere Wochen knabberte ich an Durch Feuer und Wasser. Und das, obwohl ich mich sehr auf das neue Buch, den fünften Teil, der beiden schwedischen Krimiautorinnen-Schwestern, gefreut hatte, deren bisher erschienene Bücher der Serie um die Therapeutin Siri Bergmann ich letztes Jahr alle gelesen habe.

Buchcover von Durch Feuer und Wasser. Es zeigt eine Schneelandschaft mit einer roten Autospur, die von unten in die Bildmitte verläuft und am Horizont verschwindet. Darüber, in der oberen Bildhälfte, die Namen der beiden Autorinnen und der Buchtitel. Beides in schwarzen Buchstaben.

Doch dieses Buch konnte ich nicht so nebenbei lesen. Es forderte meine ganze Aufmerksamkeit. Und das schafft längst nicht jedes Buch. Hier lag es zum einen daran, dass die beiden Schwestern schreiben wie sie eben schreiben und zum anderen am Thema.

Grebe und Träff schreiben sinnlich, authentisch und detailreich. So fühlbar, dass es mich zuweilen fast umhaut. Die beiden Autorinnen lassen mich immer wieder so unmittelbar an den Gedanken und Gefühlen ihrer Protagonist*innen teilnehmen, dass es mir zuweilen vorkommt, ich säße selbst mitten in der Runde der Ermittelnden.

Siri, die Psychotherapeutin und Hauptfigur der Serie, arbeitet seit einiger Zeit nicht mehr mit ihren Freunden in einer Gemeinschaftspraxis, sondern unterstützt die Kriminalpolizei Stockholm beim Erstellen von Täter*innenprofilen. Gleichzeitig versucht sie, Vergangenes aufzuarbeiten.

Auf einmal verschwinden kurz nacheinander das zehnjährige Mädchen Nova-Li und sein sechsjähriger Bruder Liam, die beide bei Pflegeeltern gelebt haben. Was hat es mit den Bildern auf sich, die die Ermittlungsgruppe kurz darauf von den beiden im Internet findet und wer ist die junge Frau auf den Bildern, die mit dem Mädchen Brot bäckt? Auch sie gilt als verschwunden und so langsam glaubt die Polizei nicht mehr, dass die labile und jähzornige Mutter der Kinder dahintersteckt. Aber warum hat diese versucht, beim Sozialamt an die fallrelevanten Unterlagen und Protokolle, die Auskunft über die Unterbringungsorte der Kinder geben, zu kommen? Und warum verschwindet eine zweite junge Frau, nachdem die Leiche der ersten jungen Frau gefunden wurde?

Merkwürdig ist, dass die beiden Kinder und die zweite junge Frau auf den Bildern glücklich aussehen. Doch warum wirken die Zimmer auf den Fotos, als wären die Szenen vor dreißig Jahren aufgenommen worden? Und wer ist überhaupt dieser Junge, dem wir als Lesende in datierten Rückblicken immer wieder über die Schultern blicken dürfen? Angefangen mit einem Brand, den dieser versehentlich gelegt hat und der sein Leben mit einer Nachhaltigkeit, die kaum zu überbieten ist, überschattet.

Parallel zur Aufklärung dieses vielschichtigen dramatischen Falls, der von ihr emotional alles fordert, gelangt Siri auch privat an ihre Grenzen. Sie versucht, ihre Ehe zu retten und der Beziehung zu Aina, ihrer ehemals besten Freundin, nach dem Treuebruch eine zweite Chance zu geben. Immer wieder bedrängt sie die Angst um das Leben der beiden verschwundenen Kinder, zumal Liam, der vermisste Junge, genau so alt wie ihr eigener Sohn, Erik, ist.

Die beiden Autorinnen erzählen erneut eine aufwühlende Geschichte, die weniger wegen Gewaltszenen als wegen ihrer sensiblen Themen unter die Haut geht und der ich auch diesmal wieder fünf von fünf Sterne verleihe. Übrigens unabhängig davon, dass mir der btb-Verlag das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Wofür ich mich an dieser Stelle herzlich bedanke.


Durch Feuer und Wasser, Psychothriller, Psychotherapeutin Siri Bergmann ermittelt (5)
Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
Taschenbuch, Broschur, 480 Seiten, 12,5 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-442-71724-8
10,00 [D] inkl. MwSt. | € 10,30 [A] | CHF 14,50 * (*empfohlener Verkaufspreis)
eBook epub
ISBN: 978-3-641-20282-8
9,99 [D] inkl. MwSt. |CHF 12,00 * (* empf. VK-Preis)

Verlag: btb

Das ’Kunst ist für alle’-Ding

»Als ich Ende Dezember 2018 den Entschluss gefasst habe, endlich einen Kunstwerke-Shop online zu stellen, hatte ich nicht geahnt, welche Odyssee mir bevorsteht«, schreibt Irgendlink im ersten Blogartikel seines nigelnagelneuen Online-Shops. »Ob ich es schaffen würde, so viele verschiedene Kunstwerke zu kreieren, dass dabei jeden Tag ein Bild herausspringt? Die Kunst ist das Eine. Sie zu verkaufen das Andere. Und die geeignete Plattform für den Verkauf zu finden ist wieder eine andere Geschichte.« Als alter ‚Kunstkonzepter‘ trage er ein schweres Kreuz und könne nicht einfach künstlermorgenblütenträumend darauf los geschäftstätigen, schreibt er im letzten Newsletter der alten und zugleich ersten Newsletter der neuen Ära, den er gestern versendet hat. »Vielleicht erkennt Ihr die feinen Details, die sich im Laufe des Jahres im Kunstshop noch zeigen?«

Schaut selbst.

Nein, das hier ist nicht einfach ein weiterer Online-Shop und auch nicht einfach ein weiteres Blog. Und auch nicht einfach nur Kunstvermarktung. Das Ganze ist ja bekanntlich immer mehr als die Summe seiner Teile. Wusste ja schon Aristoteles. Soweit zurück reicht die Idee zu diesem Shop aber nicht, obwohl sie auch nicht wirklich neu ist. Schon seit einer Weile konnte man ja bei Irgendlink Bilder und Poster über sein Alltags- und Livereisen-Blog kaufen. Dort allerdings umständlich, via Mail, und ohne direkte Zahlungsmöglichkeit. Das ist nun vorbei, denn ab sofort kann man direkt einkaufen.

»Ich möchte mich 2019 auf die Serie 365-Daily konzentrieren. Jeden Tag ein 12 x 12 cm großes Bild zum Sammeln. Für einen bezahlbaren Preis, so dass jedeR mitmachen kann.«

Tolle Sache! Von den Dailies – auf Holz aufgezogene, quadratische Kunstwerke – kann ich schon ein kleines Liedlein singen, denn ich habe bereits meine Sammlung gestartet.

Die täglich neuen Bilder kann man nämlich ganz einfach zu einer eigenen, sehr persönlichen Wandcollage zusammensetzen – absolut einmalig und immer wieder anders. Nach Lust und Laune. Links die ersten drei Bilder von Freundin M. (2) und rechts meine eigenen ersten drei Dailies.

Und nein, ich bekomme keine Provisionen dafür, dass ich hier meinen neuen Lieblingsshop anpreise. Wobei, … vielleicht macht mir der Liebste ja gelegentlich ein neues Daily 😉


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Von Katzen und anderen Lebewesen

Heute Morgen ist mir ein vermeintlich harmloses kleines Tierfilmchen ins Netz gegangen und ich habe es dummerweise sogar angeklickt. Und ja, manche dieser Filmchen mag ich manchmal richtig gerne. Manche tun mir sogar richtig gut und stellen ein Gegengewicht zu all dem Hässlichen dar, was man in den sozialen Medien so zu sehen, zu hören und zu lesen bekommt.

Das besagte Filmchen von heute Vormittag zeigte zwei junge Tiere, zum mutmasslichen baldigen Verkauf eingesperrt in zwei nebeneinander stehenden Glasboxen. Ich tippe auf Tierladen. Links im Bild die Box einer kleinen weißen Katze, rechts im Bild die Box eines jungen weißen Hundes. Im Hintergrund nervig-laute Popmusik, von der ich aber nicht sagen kann, ob die nachträglich unter den Film gelegt wurde oder vor Ort gespielt worden ist. Das Miauen der Katze jedenfalls war deutlich zu hören.

Immerhin waren die Glasboxen in ihrer ganzen krassen Sterilität, die für mich an Tierquälerei grenzt, oben offen – ansonsten hielt man die kleinen Tiere in diesen viel zu kleinen Boxen ziemlich isoliert. So sehr, dass die schlaue Katze beschlossen hatte – vermutlich war es nicht das erste Mal –, ihren Hundekumpel nebenan zu besuchen.

Warum sie es nicht auf direktem Weg getan hat, weiß ich nicht. Vermutlich war direkt zwischen den Boxen die Glaswand höher als nach vorne. Die junge Katze nimmt also den beschwerlichen Weg außenrum auf sich, zieht sich an den oberen Rand ihrer glatten, sterilen Glasbox  hoch und hangelt sich – dort angelangt – über ihre Boxkante und an dieser entlang zur Kante der Nachbarbox. Unter Zuspruch, leisem Bellen, Vorfreude und Ermutigung ihres Hundekumpels lässt sie sich schließlich in dessen Box fallen. Beiderseits große Freude!

Und ja, natürlich ist das süß, cute, nett, lieblich, klug. Tolle Katze! Jippie und alles wunderbar. (Vorbildlich und toll daran finde ich vor allem, dass sich die Katze holt, was sie braucht. Dem Hund, weniger kletterbegabt, blieb diese Möglichkeit versperrt.)

Aber wenn ich solche Filme sehe, blutet trotzdem mein Herz: WTF ist das für eine Tierhaltung? Aquarien für Nicht-Fische? Okay, man kann die halt gut sauber machen, aber ehrlich? Die spinnen doch, die Menschen, Tieren ein solches Umfeld aufzubrummen!

Zeig mir, wie du mit Tieren umgehst und ich sage dir, wer du bist.
Zeig mir, wie du mit Menschen, die hilfsbedürftig, schwach, behindert sind, umgehst und ich sage dir, wer du bist.

Solche Filme und eigentlich noch mehr die Tatsache, dass viele Menschen solche Filme lieben, machen mich traurig, empören mich und ich fühle mich vor allem so verdammt hilflos. Und denke immer wieder: Die spinnen doch, die Menschen. (Nun ja, das denke ich natürlich nicht nur beim Gucken solcher Tierfilmchen, sondern je länger je öfter.)

Ich befürchte, dass wir Menschen, jedenfalls viel zu viele von uns, das Gespür für Natur, für natürlich, für artgerecht und für nah am Lebendigleben verloren haben und dass viele Menschen gar nicht mehr wissen, was Wesen natürlicher- und lebendigerweise fühlen. Und ja, damit meine ich nicht nur Tierwesen, Pflanzenwesen und so weiter, damit meine ich auch uns Menschenwesen.

Wann, wo und warum haben wir dieses Gespür für das Leben, diesen unseren natürlichen gesunden Menschenverstand verloren, so wir ihn denn überhaupt je hatten?

Manchmal denke ich, dass sich die Menschheit, wäre sie ein einzelner Mensch, je länger je mehr in einem ziemlich suizidalen Zustand befindet. In einem selbstlieblosen, selbstzerstörerischen auf alle Fälle. Und ja, solche Filme sind im Grunde gar keine schlechte Parabeln für den Zustand der Welt.

Notizen am Rande #2

Wieso soll man eigentlich körperlichen Schmerz auf keinen Fall ignorieren, weil er auf etwas Ernstes hinweisen könnte und sich möglichst schonen und Belastungen vermeiden, aber bei psychischem Schmerz sagen sie: da musst du durch!, denn dieser solle angeblich nämlich stark machen, weil er uns ja nicht umbringe …

»Apropos Vermeidung, schon mal jemand einem Nussallergiker gesagt, dass er durch den Walnusseisbecher einfach durch muss?«

Julia von Blütenstille

Ich werden den Eindruck nicht los, dass da etwas ziemlich falsch läuft in unseren Denkwelten. Schmerz ist doch Schmerz: ob nun die Seele schmerzt oder das Kniegelenk.

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Die Arbeitgeber*innen, die Wirtschaftsmenschen, die Was-auch-immers dieser männerdominierten Welt hätten es ja am liebsten, wenn wir Menschen alle stromlinienförmig wären, ohne Kanten, genormt, rund, flüssig, glatt und am liebsten ohne Fehler und gänzlich wartungsfrei. Der Druck auf uns Menschen ist enorm und fängt immer früher im Leben an. Nun, darüber müssen wir wohl nicht diskutieren. Auch nicht, dass immer mehr Menschen, die diesen Normen nicht entsprechen, aus dem Rennen fliegen, kaputt gehen, krank werden – körperlich ebenso wie psychisch.

Kranke aber sind unberechenbar, körperlich Kranke vielleicht noch ein bisschen weniger als psychisch Kranke. Aber letztlich sind alle Kranken nicht kalkulierbar. Also drangsaliert man sie von oben und von außen mit allen Mitteln und allen möglichen Sanktionen, um ihnen dieses Krankgewordensein-am-Leben schnellstens auszutreiben. Dass das vermeintlich ’kleinere Übel’, eine Rückkehr in die stromlinienförmige Anpassung an die Ansprüche der Arbeitswelt, aber langfristig eben eine Art JoJo ist, berücksichtigen sie dabei nicht.

Ich kenne so viele Beruftstätige, die immer am Limit leben. Doch am Limit lenkt der Zufall.

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»Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.«

Es muss ein sehr kluger Mensch gewesen sein, der diese Erkenntnis erstmalig in so einfache und klare Worte gegossen hat. Ich tippe auf eine Wasserträgerin.

Mein Bedürfnis nach Weite

Ich erwachte heute mit Gedanken zu Enge und Weite. Was welche Gefühle in mir erzeugt und warum.

Enge mag ich nicht, Weite dagegen sehr. Außerdem haben Begriffe wie Weite und Enge für mich neben der persönlichen immer auch eine politische und ökologische Dimension.

Was ist es denn, das in mir Gefühle von Enge erzeugt und mir das Atmen schwer macht?

  • Menschen und Aussagen, die darauf hinzielen, einzelne Menschen oder auch ganze Menschengruppen auszuschließen, auf ganz unterschiedliche Weise. Und aus ganz unterschiedlichen, für mich oft nicht nachvollziehbaren Gründen.
  • Dumme Menschen, die keine Zusammenhänge verstehen.
  • Menschen, die Fragen stellen, die mir im gegebenen Setting zu persönlich und/oder übergriffig sind.
  • Behörden, die Macht haben und diese missbräuchlich einsetzen.
  • Menschen, die die Grenzen anderer einmalig oder regelmäßig überschreiten.
  • Zynismus und Ironie ab einer persönlichen inneren Schwelle.
  • Menschen, die etwas von mir oder andern wollen, es aber nicht direkt sagen und damit potentiell missverständlich kommunizieren.
  • Jegliche Form von Manipulation, insbesondere subtile, sich im Subtext befindliche.
  • Menschenmaßen auf Plätzen und Bahnhöfen.
  • Lärm.
  • Stark parfümierte Menschen.
  • Starke Gerüche und Gestank.
  • Extreme wie Hitze oder Kälte.
  • Hektik.
  • Kassenschlangen.

Was mich dagegen Weite empfinden und mich gut atmen lässt?

  • Ein Spaziergang oder eine Wanderung in der Natur.
  • Der Wald.
  • Radfahren.
  • Weitblick und Aussicht.
  • Gewässer von außen oder schwimmend erlebt.
  • Menschen, die echt sind und echt über sich reden.
  • Menschen, bei denen ich nicht immer überlegen muss, wie sie meinen, was sie sagen und ob sie mit einer Aussage etwas bezwecken wollen.
  • Wohlwollende Menschen, die zuhören können, ohne gleich zu meinen, sie müssten Lösungen aus der Tasche ziehen.
  • Herzliche Toleranz und gegenseitiges Verstehen.
  • Herzumarmungen und achtsame Berührungen.
  • Gegenseitige Rücksichtnahme aus Empathie.

Ja, ich werte, ich bewerte, und nein, ohne Werte und Werten kann und will ich nicht und ja, ich weiß, dass beim Üben von Achtsamkeit nicht gemeint, dass ich alles dulde, hinnehme, mit mir machen lasse, was mir geschieht.

Gemeint ist dagegen ein klares und nicht-wertendes Gewahrsein dessen, was in jedem Augenblick geschieht. Jetzt. Und jetzt. Ein Beobachten: Ist, was ich jetzt erlebe, für mich angenehm, unangenehm oder neutral? So kann ich üben, beengende Situationen – denn alles Beengende lässt sich ja nicht umgehen –, in einem ersten Schritt wertfrei zu erfahren und so zu akzeptieren, wie sie sind. Erst danach kommt dann das mit dem Verändern. Denn manches geht, manches nicht.
Manches heilt, manches nicht.
Was heilen kann, heilt.
Was unheilbar ist, heilt nicht.
Das ist die Natur der Dinge.
Manche abgebrochenen Äste wachsen nach, manche nicht.
(Von nachwachsenden Beinen habe ich allerdings noch nie gehört.)

(Und nein, das ist nicht zynisch gemeint.)