#flussnoten19 | Tag 0 und Tag 1

22. Juni 2019

Wir haben fertig gepackt. Ich bin, wie oft in solchen Momenten, hibbelig, dünnhäutig, aufgeregt. Nicht nur der bevorstehenden Fernwanderung wegen, eher noch darum, weil ich noch niemanden gefunden habe, der zwei Wochen lang meine Topfpflanzen auf der Terrasse gießt. Ja, okay, Luxusproblem, aber ich liebe sie eben alle, und ich möchte sie darum nicht verdörren lassen. Zumal ich alle selbst gezogen habe oder – im Falle von Yucca, Friedensbaum und Zyperngras – aus winzigen Pflänzchen aufgezogen. Diesmal steht von den drei Frauen, die bisher, wenn ich einige Zeit wegfuhr, meine Pflanzen gepflegt haben, keine zur Verfügung. Meine Schwester, die über zwanzig Kilometer entfernt wohnt, würde zwar zur Not einspringen. So erleichtert ich über ihr Angebot bin, kann ich mich darüber doch nur bedingt freuen, denn der Aufwand wäre ja schon ziemlich groß. Hoffentlich meldet sich der Nachbar noch, dem ich ein Briefchen in den Kasten gelegt habe.

Beim Packen des Wanderrucksacks stelle ich außerdem fest, dass sich meine neue bpa-freie Wasserflasche ja gar nicht außen am Wanderrucksack anhängen lässt. Die Daniela-Düsentrieb-in-mir muss sich also eine Lösung ausdenken.

Irgendlink kommt auf die Idee, altes Gummischlauch-Gummiband zu verwenden. Was ein Superidee ist! Daran befestigte ich schließlich mit Schnur einen Rucksack-Klettversuchluss und fertig ist die Aufhängung. Die sich notabene sehr bewährt hat! In Konjunktion mit dem seitlichen Anzurrband des Rucksacks perfekt und leicht zu handhaben.

Gegen Mittag fahren wir los ohne dass ich von meinem Letzte-Hoffnung-Nachbarn etwas gehört hätte. (Er meldet sich erst am nächsten Tag, da er selbst in den Ferien gewesen ist, und schreibt: Klar gieße ich, kein Problem!)

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Endlich im Auto Richtung Berner Oberland. Ich brauche diesmal lange, bis ich vom Aufgeregt-Modus in den Ferien-Modus wechseln kann.

Den ersten Halt legen wir auf ’meinem’ Berner Friedhof ein. Lars’ Gärtlein. Ein lauschiger Platz. Ein trauriger Ort. Erinnerungen.

Erinnerungen bilden – im Nachhinein betrachtet – bei mir den roten Faden unserer Aarewanderung. Oft schwere, schmerzhafte Erinnerungen, die ich mit neuen, leichteren Erfahrungen zu ergänzen versuche. Integration. Altes und Neues zusammenbringen. Miteinander verweben. Dem Leichten erlauben, Schweres zu lichten.

Wie wir ab Bern über Land Richtung Thun weiterfahren, kommt uns spontan die Idee, ein Bad im Gerzensee zu nehmen. Wo wir doch schon fast daran vorbei fahren. (Dass wir zehn Tage später zu Fuß dort hinauf wandern würden, ahnen wir damals nicht.)

Im Gerzensee, der eigentlich ja nur Einheimischen vorbehalten ist und der einer meiner Lieblingsplätze aus meiner Zeit in Bern ist, tauche ich ein bisschen tiefer in den Ferien-Modus ein, wasche den Druck der letzten Wochen und Monate ein wenig ab. Dort, im noch angenehm kühlen Wasser, auf dem Rücken liegend, den Himmel und die Wolken betrachtend, beginne ich, mich einzulassen. Auf das Kommende. Auf das Seiende.

Fast auf die abgemachte Minute genau treffen wir abends bei M. und B. in Steffisburg ein. Die beiden Lieben haben uns angeboten, während wir die Aare erwandern, unser Auto zu hüten. Was für ein gemütlicher Abend mit meinem früheren Flüchtlingszentrum-Arbeitskollegen M. und seiner Partnerin B..

23. Juni 2019

Spontan beschließen die beiden, uns am Sonntagmorgen auf die Grimsel zu fahren, da sie schon lange nicht mehr dort oben gewesen seien. Für uns ist das ein Glücksfall, hätten wir doch mit dem öffentlichen Verkehr viel länger gebraucht, zigmal umsteigen müssen und dafür obendrein noch ziemlich viel Geld ausgegeben. (Leider ist für Menschen mit wenig Geld der öffentliche Verkehr schier unbezahlbar geworden.)

Irgendlink fährt mit uns genau jene Strecke, die wir Tage später wandern würden – wenn auch größtenteils auf anderen Wegen: Am Thunersee dem Nordufer und am Brienzersee auf der Autobahn dem Südufer entlang. Tage später werden wir immer mal wieder sagen: Das hier sind wir alles gefahren!

Ab Brienz nimmt der Sonntagsausflugsverkehr groteske Ausmaße an. Vor allem die Motorradfahrenden fallen negativ auf. Zwar fahren die meisten seriös, doch manche lassen die Motoren aufheulen und ihre Anti-Potenz hörbar machen, fahren aggressiv am Geschwindigkeitslimit, überholen an unübersichtlichen Stellen. Ein Eiertanz. Kurz: Die Passstraße ist sonntagslaut-laut-laut. Und ja, wir sind natürlich auch Teil dieses Lärms.

Die kurvige Straße steigt stetig an, ähnlich dem Druck in meinen Ohren. Und auf einmal sind wir oben. Passhöhe. Fast 2000 m ü. M. Weite. Menschen. Reisebusse. Autos. Motorräder. An vielen Stellen liegt noch Schnee. Im Grimselsee schwimmen Eisschollen.

Auf der Grimsel: Schwarze Bergspitzen mit Schnee garniert, Weite, blauer Himmel
Auf der Grimsel: Schwarze Bergspitzen mit Schnee garniert, Weite, blauer Himmel

Nach einem kleinen Rundgang fahren wir wieder zurück bis zu einer Stelle, an der sich gut anhalten lässt und von der aus wir gut den ersten Wanderweg erreichen können.

Abschied. Erste Bilder. Winken. Macht es gut, habt es gut, Danke!

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Hier beginnt sie nun, unsere Wanderung. Eigentlich wären wir gerne zur Grimselseestaumauer hochgestiegen, doch die Schneefelder bremsten uns aus. Also abwärts. Zum Rätischbodensee, dem ’zweiten Grimselsee’, hinunter. Bisschen Straße, bisschen Wiese um die Straßenserpentinen abzukürzen. So richtig Wanderweg ist es erst ab Rätischbodensee, den wir auf seiner linken Seiten umwandern. Umwandern wollen.

Ein schöner Weg, den wir da gehen. Überall gurgeln und blubbern kleine Bächlein, die das Schmelzwasser entstehen lässt. Die Luft ist klar, der Himmel blau. Lunge und Seele atmen auf. Die Warnung vor Schneefeldern ignorieren wir nonchalant. So schlimm können die ja wohl nicht sein!, denken wir. Jedenfalls schaffen wir die ersten beiden ohne nennenswerte Probleme. Ich rutsche zweimal aus und lande im Schnee. Wie ein Käfer auf dem Rücken brauche ich Irgendlinks Hilfe beim Aufstehen. Der noch ungewohnte, schwere Rucksack nagelt mich am Boden fest. Dennoch, wirklich schlimm ist das nicht und wir wandern zuversichtlich weiter, weiter, weiter. Schön ist es hier, komm, weiter, weiter, noch mit der Unruhe der letzten Tage im Nacken … noch nicht im eigenen Tempo angekommen. Noch ungewohnt. Noch nicht im Jetzt.

Auf einmal liegt es vor uns, dieses Schneefeld, das wir nicht überqueren können. Zu breit. Zu schräg von oben links nach unten rechts in den See ragend. Eine Rutschbahn, die tödlich enden könnte. Ein falscher Tritt und du versinkst im Schnee oder rutscht ab und gleitest in den See. Nein. Geht nicht. Zu gefährlich. NEIN.

Also zurück auf Anfang. Zum Beginn des Wanderwegs. Alternativen zum nicht eben ungefährlichen Gang über die vielbefahrene Passstraße gibt es keine, aber wir könnten, so überlegen wir, damit wenigstens bis am Montagmorgen warten, denn jetzt fahren einfach zu viele Autos. Und vor allem zu viele Motorräder.

Eine Familie – Mutter-Tochter-Vater –, die ebenfalls am Schneefeld umgedreht ist, winkt uns zu, als sie uns zurückkommen sieht. Die Mutter deutet auf das Familienauto, das sie im einer Bucht am Anfang des Wanderweges geparkt haben. Sie deutet auf uns. Deutet an, dass wir als Mitfahrende willkommen seien. Wir recken die Hände. Signalisieren ein Ja. Mit Ausrufezeichen. Was für ein Glücksfall! Am Ende des Sees, an der Staumauer des Rätischbodensees, bedanken wir uns herzlich bei unserem Fahrer und seiner Familie und wandern zum nahen Wanderweg.

Schon bald finden wir einen schönen Platz für eine längere Pause. Eine immense Müdigkeit – dem ungewohnten Rucksackwandern ebenso geschuldet wie den letzten Tagen und Wochen, die dicht gewesen waren – macht sich in mir breit.

Wir beschließen, zunächst noch ein Stück weiter weg von der Staumauer mit ihrem großen Parkplatz und den Gebäuden zu wandern, aber uns baldmöglichst einen passenden Lagerplatz zu suchen. Es ist bereits etwa sechs Uhr und wir wollen es ja am ersten Tag nicht übertreiben.

Der signalisierte Wanderweg führt theoretisch über die reissende junge Aare, will heißen über eine den reissenden Aarebach querende Brücke, doch diese fehlt. Rechts und links der Aare felsiges Geröll, das ein improvisiertes Übersetzen verunmöglicht. Also bleibt uns nichts anderes übrig, wenn wir nicht erneut den ganzen Weg zurück zur Straße gehen wollen, als einen großen Bogen zu machen, um über Umwege auf den Wanderweg zurückzukehren.

Mehr schliddernd als absteigend gelangen wir eine Ebene tiefer und finden dank Navigationsapp wieder zurück zum Wanderweg. Diesem durch relativ feuchtes, hochalpines Grasland auf und ab folgend, suchen wir nach einem Platz für die Nacht, ein Stück relativ ebenes Land, nicht zu feucht, nicht zu felsig. Etwas abseits vom Weg werden wir schließlich fündig und bauen auf der trockensten und flachsten Stelle einer vom Schmelzwasser feuchten Wiese das kleine Wanderzelt auf.

Wir kochen uns eins der mitgebrachten Fertig-Gerichte – eine Reispfanne – und essen dazu Karottensalat. Wie köstlich es doch schmeckt, wenn man in der freien Natur gekocht hat.

Weil wir in einem der seltenen Funklöcher sind, spazieren wir nach dem Essen noch ein wenig zurück zu ein paar schönen Felsen, die wie Sofas am Wegrand liegen. Abendsonne. Weite. Sonnenuntergang. Und ja, so langsam komme ich an. In den Bergen. In der Natur. Im Hier.

Langsam wird es kühl. Die angekündigte Hitzewelle ist noch nicht auf der Grimsel angekommen. Wir schlüpfen müde in unsere Schlafsäcke und verbringen eine akustisch einzig vom Rauschen des nahen Aarewasserfalls untermalte erste Zeltnacht.

Bilder von Tag 1

Lest gerne auch Irgendlink über Tag 1 unserer Wanderung.


Kartenlink Tag 1

[googlemaps https://www.google.com/maps/d/embed?mid=18cb19-0q2dHBSe1eriS22tBy7K9r7H3N&w=640&h=480]

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#flussnoten19 | ein erster kleiner Rückblick

Ihr erinnert euch? Die Aargletscher sind es – diese Gletschergruppe in den östlichen Berner Alpen am Finsteraarhorn –, welche die Aare auf ihre lange Reise schicken, ins Tal, in den Rhein, ins Meer. Stetig abwärts fließt die Aare von da aus, durch Berge, Schluchten, kleine und große Seen.

Karte, die das Einzugsgebiet von Quelle bis Mündung in den Rhein zeigt Von Friedrich-Karl Mohr | CC BY-SA 3.0 de | Quelle: commons.wikimedia.org
Karte, die das Einzugsgebiet von Quelle bis Mündung in den Rhein zeigt Von Friedrich-Karl Mohr | CC BY-SA 3.0 de | Quelle: commons.wikimedia.org

Auf obiger Grafik sieht man die Wege der Aare gut. Angefangen beim Aargletscher – auf der Grafik unten rechts – hochoben, in der Mitte der Schweiz irgendwo beschreibt sie einen geschwungenen Loop bis ans Ostende des Brienzersees, durchfließt diesen, taucht kurz auf, quert das Bödeli zwischen den Seen, Interlaken genannt, fließt von Südost nach Nordwest durch den Thunersee, verlässt diesen und strebt nordwestwärts Richtung, Bern, Biel, von dort dann nordöstlich Richtung Solothurn, Aarau, Brugg. Schließlich mündet sie bei Koblenz (AG | CH) – bei 312m ü. M. – in den Rhein. Sie überwindet unterwegs einen Höhenunterschied von 1665m überwunden und legt 291,5 km zurück.

Ganz so weit sind wir nicht gewandert, ’nur’ bis Bern. Bis ins Strandbad Eichholz, das wir vorgestern Mittag erreicht haben. Wir waren fast exakt 11 Tage unterwegs von der Grimsel nach Bern.

Die ersten Tage wanderten wir mehrheitlich auf Bergwegen. Wer sich jetzt das Bild eines stetigen Absteigens macht, da der Fluss ja bis Brienz etwa 1100 Höhenmeter überwindet, täuscht sich. Zwar haben wir diese Höhenmeter tatsächlich unterwegs überwunden, doch für drei Höhenmeter abwärts gab es mindestens wieder einen oder zwei aufwärts und ja, dafür waren unsere Gelenke äußerst dankbar. Abwärts gehen ist im Gebirge nicht nur anstrengender, es ist auch gefährlicher. Insbesondere wenn du einen schweren Rucksack auf dem Rücken trägst.

Die ersten Tage waren darum für mich besonders herausfordernd, da ich nach der langen Fernwanderabstinenz erstmal in mir das Gefühl fürs Rucksackwandern wiederfinden musste.  Rhein (2016) und Reuss (2014) sind ja nun doch schon ein paar Jahre her und Kondition und Fitness sind ja nicht so meine direktesten Nachbarinnen. Beides kommt aber – so lehrt mich die Erfahrung –, wenn ich gehe, wieder. Wenn ich in meinem Tempo gehe. Wenn ich meine Grenzen nicht zu rasant auszudehnen versuche. Wenn ich sorgsam mit mir umgehe. Nicht, dass ich das immer getan hätte. Aber irgendwie kommt das nach und nach wie von selbst. Die Kraft wächst. Der Mut wächst. Die Ausdauer wächst. Und sogar die Muskeln.

Von Brienz bis Bern waren es nicht mehr so viele Höhenmeter, doch da es an den Seen nicht durchgängig gute – will heißen schattige und idealerweise teerfreie – Wanderwege in Seenähe gibt, haben wir oft Wege am Berghang gewählt. Nicht zuletzt wegen der schattenspendenden Bäume.

Von Interlaken aus sind wir sogar spontan mit dem Postauto in die Berge, nach Habkern, gefahren und dort, parallel zum Seeweg, der Höhenkurve entlang Richtung Beatenberg gewandert. Dort war es zum einen ein paar Grad kühler, zum anderen hatten wir eine bessere Weitsicht. Und was für eine! Eiger, Mönch und Jungfrau zum Greifen nah.

Die Strecke Thun-Bern ist mehrheitlich flach. Hier bestand die Herausforderung darin, Wege zu finden, die nicht allzu besonnt und bevölkert sind – wilde Übernachtungplätze waren rar. Mal gingen wir auf der einen, mal auf der anderen Aareseite. So erreichten wir Bern am elften Wandertag – nach ungefähr hundertzwanzig gewanderten Kilometern. Ob und falls ja, wann wir den Rest der Aare erwandern werden, ist offen.

Screenshot unserer Wanderung auf der App-Karte. Die Kurve sieht aus wie ein Waldsofa im Profil.
Screenshot unserer Wanderung auf der App-Karte. Die Kurve sieht aus wie ein Waldsofa im Profil.

Übernachtet haben wir dort, wo es uns gefiel, wo wir Platz gefunden haben. Das wird in der Schweiz an den meisten Orten geduldet oder ist sogar einfach so erlaubt, da die Schweiz wie Schottland und die meisten skandinavischen Länder das Jedermannsrecht kennt. Dieses Recht besagt, dass man auf öffentlichem Grund campieren kann, wenn man sich an die Grundregel hält, den Platz in Ordnung zu verlassen und die Biosphäre nicht zu stören (Infos gibt es > hier). So haben wir es gehalten. Wir haben immer allen Müll mitgenommen und zuweilen auch herumliegenden Abfall miteingepackt. Physische Spuren haben wir hoffentlich keine hinterlassen, vom plattgetretenen Gras da und dort einmal abgesehen.

Über das Leben unter freiem Himmel, über Zeltausrüstung, Schlafsack und Matten gibt es viel Literatur, weshalb ich nur diesen einen Tipp gebe: ausprobieren! Es lohnt sich, ein bisschen mehr Geld für gute und faire Outdoor-Produkte auszugeben statt Billigprodukte zu kaufen, die schnell verschleißen und beispielsweise nicht lange wasserdicht sind.

Ach ja, den Strombedarf für unsere Smartphones – die uns als Notizbücher, Wanderkarten, Photoapparate und Telefone dienten – haben wir größtenteils mit Irgendlinks Solarpanel gedeckt, das er zuweilen am Rucksack angeschnallt mit sich herumtrug. Wir hatten drei volle Powerbanks dabei, die wir ein einziges Mal – bei der Übernachtung im Garten einer Pilgerin, die uns spontan in ihre Welt eingeladen hatte – in eine ’richtige’ Steckdose einstöpseln konnten.

Diesmal haben wir nicht wie andere Male über unsere Fernwanderung gebloggt, sondern vor allem auf Twitter berichtet, kurze spontane Impressionen, Notizen, Flussnoten.

Geplant ist, dass sowohl Irgendlink als auch ich unsere Notizen in einen kleinen Reisebericht verwandeln werden. Für unsere Blogs.

Bleibt uns gewogen, denn ’Fortsetzung folgt’. Demnächst in diesem Theater.

#flussnoten19 | Von der Grimsel aareabwärts

Mich auf die Gegenwart einlassen. Nicht schon beim Wandern in blogbaren Sätzen denken. Anders hingucken.

Ob ich es schaffe?

So ganz tue ich es nicht, denn immerhin gibts auf Twitter den Häschtägg #flussnoten19, wo Irgendlink und ich Gedanken zum Unterwegssein twittern.

Was auffällt: Die Umstellung von ständigem Beschäftigtsein im Alltag in den Fernwanderferienmodus fiel mir diesmal schwerer als auch schon. Alltagssorgen. Gewöhnung an Bücher/Filme/Chats, Politik, Klimakrise etc. – diesmal will ich davon so wenig wie möglich.

Will einfach nur sein. Auftanken. Natur. Manchmal bedeutet das natürlich auch, über die Hitze zu jammern. Oder über Teerstraßen. Einfach wahrnehmen, was ist. (So richtig einfach ist das aber natürlich nicht.)

Hier. Jetzt. Biwacklager im Aareflussbett. Der Morgenkühle wegen in Vollmontur. Klamme Finger. Heiße Tasse. Flussrauschen.

(Es ist Mittwoch, 7:41. Der Upload zickt. Okay, dann halt später.)

Wenn die Berge rufen | #flussnoten19

Die Aare also. Dieser Fluss, an dem ich vor vielen Jahren geboren wurde. Dieser Fluss, in dessen Nähe ich die meiste Zeit meines Leben gelebt habe. (Aufzählungen erspare ich euch. Ich bin so oft umgezogen, dass ich selbst manchmal nicht mehr weiß, in welcher Reihenfolge ich wann und wo gelebt habe.) Sie hat mich geprägt, die Aare. Auch die wenige Jahre, die ich nicht im Dunstkreis der Aare gelebt habe, wohnte ich – fast immer – in der Nähe eines Gewässers, zum Beispiel an der Limmat mit ihrem schönen Zürichsee.

Kurz und gut: Es ist höchste Zeit, endlich herauszufinden, woher mein Heimatfluss überhaupt kommt.

Es sind die Aargletscher – eine Gletschergruppe in den östlichen Berner Alpen am Finsteraarhorn –, welche die Aare gebären, auf ihre lange Reise schicken, ins Tal, in den Rhein, ins Meer. Als Hauptquell nennt Wikipedia den Unteraargletscher auf 1977m ü. M. im Grimselgebiet.

Von da aus fließt die Aare stetig abwärts, durch Berge, Schluchten, kleine und große Seen, um schließlich bei Koblenz – bei 312m ü. M. – in den Rhein zu münden. Bis dahin hat sie einen Höhenunterschied von 1665m überwunden und 291,5 km zurückgelegt.

Karte, die das Einzugsgebiet von Quelle bis Mündung in den Rhein zeigt
Karte, die das Einzugsgebiet von Quelle bis Mündung in den Rhein zeigt

Von Friedrich-Karl Mohr | CC BY-SA 3.0 de | Quelle: commons.wikimedia.org

So weit werden wir es in den zwei Wochen, die wir uns freigeschaufelt haben, allerdings nicht schaffen. Nicht im gebirgigen Auf-und-Ab, nicht mit den 15kg-schwerem Wanderrucksäcken mit Zelt-Matte-Schlafsack auf den Rücken. Auch geht es ja nicht um sportliche Leistung, es geht um Entschleunigung, um Ruhefinden, um Kraftschöpfen.

Manche Aarewege bin ich bereits früher in meinen Leben schon geradelt – allein, mit andern, mit Irgendlink. Andere Teilstücke sind uns von gemeinsamen Wanderungen bekannt. Doch jenen Abschnitt ganz oben im Berner Oberland haben wir beide bisher weder erwandert noch erradelt. Darum werden wir – wie vor drei Jahren beim Rhein – bei der Quelle anfangen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren wir auf den Grimselpass, da dort irgendwo die Aare, inmitten von Bergseen, ihr Dasein als Fluss anfängt.

>> Karte Grimsel <<<

[googlemaps https://www.google.com/maps/embed?pb=!1m17!1m8!1m3!1d10971.27604956059!2d8.322541!3d46.5710443!3m2!1i1024!2i768!4f13.1!4m6!3e2!4m3!3m2!1d46.5728261!2d8.331545!4m0!5e0!3m2!1sde!2sch!4v1560783763454!5m2!1sde!2sch&w=600&h=450]Am Samstag werden wir Freunde am Thunersee besuchen und bei ihnen übernachten. Bei ihnen dürfen wir auch das Auto abstellen, um von dort aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Berge zu fahren.

Die ersten Wandertage sehen dann ungefähr so aus:
>>> Karte <<<

[googlemaps https://www.google.com/maps/embed?pb=!1m25!1m12!1m3!1d175259.74878618063!2d8.054490034953101!3d46.65770042045961!2m3!1f0!2f0!3f0!3m2!1i1024!2i768!4f13.1!4m10!3e2!4m3!3m2!1d46.5728261!2d8.331545!4m4!2s46.74310%2C+8.05306!3m2!1d46.7431!2d8.05306!5e0!3m2!1sde!2sch!4v1560783722308!5m2!1sde!2sch&w=600&h=450]Ich freue mich total.

Ob wir bloggen oder twittern werden, wird von der Tageslaune abhängen, vom Netz, von der Befindlichkeit. Vielleicht werden wir auf Twitter sogar unseren Rheinwander- und Rheinradelhashag #Flussnoten wachküssen. Und vielleicht sogar das gleichnamige Blog?

Die Tageslaune wird es zeigen.

Ausgelesen #28 | aufgeschrieben von Hannah C. Rosenblatt

Von der ersten Seite des Buches an ringe ich darum zu verstehen. Aber ist, so frage ich mich, Verstehen überhaupt möglich oder ist dieser Wunsch vielleicht – hier und allgemein – eine Anmaßung? Geht es denn für mich als Leserin überhaupt darum, zu verstehen, was Hannah C. Rosenblatt in ihrem Buch ’aufgeschrieben’ aufgeschrieben hat?

Buch auf Holztisch. Der eierschalenweiße leinengebundene Umschlag ist oben mit kleinen schwarzgeprägten Lettern bedruckt, die der Name der Autorin nennen, unten steht mittig in schwarzen Lettern in geprägter Handschrift der Buchtitel ’aufgeschrieben’.
Buch auf Holztisch. Der eierschalenweiße leinengebundene Umschlag ist oben mit kleinen schwarzgeprägten Lettern bedruckt, die der Name der Autorin nennen, unten steht mittig in schwarzen Lettern in geprägter Handschrift der Buchtitel ’aufgeschrieben’.

Hannah C. Rosenblatt ist eine junge nicht binäre Person mit Kindheitserfahrungen im Bereich organisierter sexualisierter Gewalt. Nachdem sie_r diesen Alltag aus Bedrohung und Ausbeutung endlich verlassen hatte, war sie_r in ein Hilfesystem geraten, das nicht nur half, sondern auch behinderte. Zu dieser Zeit war sie_r bereits viele, eine Traumafolge. Ihnen wurde eine DIS, also eine dissoziative Identitätsstörung, diagnostiziert, eine dissoziative Identitätsstruktur. Wie genau das aussieht und wie es sich anfühlt, kann nicht mir nicht wirklich vorstellen. Darum zweifelte ich schon sehr bald an meinem Anspruch, Hannah C. Rosenblatts Buch mit einer Besprechung auch nur annähernd gerecht werden zu können. Als Leserin fühlte ich mich immer wieder als Voyeurin. Und war zugleich eben so oft von der Schönheit der Texte tief berührt. Verwirrt auch und immer wieder neben mir, atemlos, erschüttert.

Obwohl der kleine Band nur 96 Seiten dick ist, brauchte ich lange, um ihn zu Ende zu lesen. Manches Lesen tut weh. Dieses Lesen hier, weil in den Texten die erlebte Gewalt thematisiert wird. Mal subtil mal konkret. Obwohl das Wort Gewalt nicht oft vorkommt, wird sicht- und fühlbar, was Gewalt an einem Kind bewirkt. Bewirkt? Ob dies das richtige Wort ist für das, was ich meine?

Auch das macht dieser Text mit mir. Ich schaue genauer hin. Ich betrachte Wörter, ich betrachte Begriffe aus einer anderen Perspektive. Sie haben neue Farben, neue Gewichte bekommen.

Hannah Rosenblatts Texte läsen sich, würde ich nur die Oberfläche betrachten, wie Momentaufnahmen aus zusammenhangslos scheinenden Dialogen und Monologen. Doch der erste Blick täuscht. Jedes Gespräch erinnert mich an ein Ringen um Klarheit, an ein Balancieren auf einem dünnen Seil.

Sind es die unterschiedlichen Ichs der Autorin, die da miteinander sprechen oder sind es Personen aus Fleisch und Blut, die da mit der Autorin am Küchentisch sitzen? In der Buchwerbung steht: ’Hannah C. Rosenblatt konnte nur aufschreiben, was sie ihren Eltern zu sagen hat.’

Ich nenne es für mich ein Kammerspiel, wobei sich der Wortteil ’-spiel’ ganz und gar falsch anfühlt. Wie begrenzt wir doch mit unseren Ausdrücken sind. Bestenfalls die Lücken taugen. Womöglich sind auch sie so etwas wie Protagonistinnen in Rosenblatts Texten?

Ich springe beim Lesen in meinen eigenen Innenräumen hin und her und kaue an einzelnen Brocken herum. Schwer verdauliche Kost. Aber weggucken zählt nicht. Und ich will das lesen.

Es geht um Vertrauen, es »geht um Vertrauen in eine Welt, der ich maximal entfremdet bin«, lese ich auf Seite 51. Ich nicke, denn manches verstehe ich. Verstehe ich jedenfalls irgendwie, auf meine Weise. Die gleichen Wörter, die in das eine bedeuten, bedeuten für die Rosenblatts womöglich etwas ganz anderes, vielleicht ähnlich, niemals gleich. Manchmal maximal entfremdet. Ja, das resoniert in mir. Wie Echokammern, geht es mir durch den Kopf. Wie Echos aus der Vergangenheit klingen Rosenblatts Gespräche in mir nach und hallen weiter. Und machen etwas mit mir.

Ist das hier Lyrik, Poesie, Essay?, frage ich mich zuweilen. Novelle, wie es auf dem Buch steht, passt aus meiner Sicht nur bedingt. So oder so: Hannah C. Rosenblatts Texte passen in keine Schublade.

Jeder Satz wie ein fließender Bach, ein Fluss, ein Turm. Etwas Geschaffenes, etwas Geschafftes, etwas Abgetrotztes – nicht künstlich, umso künstlerischer. Immer so, als wäre jedes Wort dort, wo es steht, genauso gewachsen. Wie ein Baum, der zu wenig Wasser bekommen oder nicht genug Platz hatte, und kaum Erde um die Wurzeln. Und dennoch ist er gewachsen. Allem zum Trotz ist er sogar schön gewachsen.

Glitzer auf Scheiße? Wären diese Texte und die Gründe, sie zu schreiben, nicht so scheiße, wäre das alles hier buchstäblich und wortwörtlich wunderschön. Ja, dieses Buch hier in meiner Hand ist wunderschön. Leinengebunden, ein haptisches Hach-Erlebnis. Schön und scheiße – so nahe beieinander. Auf die Hinterseite des Buches ist folgender Text tätowiert:

»Jede Gewalt trifft einen Körper.
Jeder Körper ist ein Raum.
Jeder Raum kann Versteck
und Gefängnis gleichzeitig sein.
Jeder Raum ist Zeuge.

Dieses Buch öffnet eine Tür.«

Die Alltäglichkeit, die Üblichkeit bildet den Rahmen der oft sehr kurzen Kapitel. Doch kurz ist nur das, was wir im ersten Moment sehen. Fangen wir zu lesen an, stellen wir fest: Das hier ist hochkonzentriert, das hier ist eine Essenz, das hier sind eingekochte Gedanken, die sich nicht einfach hurtig überlesen lassen.

Als Figuren in Rosenblatts Erzählungen treten neben den verschiedenen Innens unter anderem Kaffeetasse, Teller, Tiefkühltruhe, Spüle, Sofa, Wanderschuhe und Tresen auf. Sie alle nehme ich sowohl gegenständlich als auch metaphorisch wahr. Absicht oder nicht? Oder sie kommen einfach vor, weil sie da sind. Weil sie die Welt der autistischen Autorin bevölkern.

Da ist die Erinnerung an eine Beratungsperson, die über das Kind Hannah gesagt hatte, dass es das Gras wachsen höre. Und wie das Kind Hannah danach versucht hatte, dieses Wachsen zu erlauschen, zu unterscheiden, und wie es daran scheiterte, sich wegen seines Unvermögens schämte und erst viele Jahre später als Leserin diese Redensart endlich verstehen konnte.

»So viele Ichs, da kann kein Selbst mehr sein.« Darum springt die Erzählperspektive oft von ich zu sie zu er zu wir. Ich bin die Betrachterin, ich stehe außen und ich habe letztlich keine Ahnung, wie es innendrin ist, wenn man viele ist.

Hannah Rosenblatt handhabt die Wörter wie Plastilin, formt sie um, gestaltet sie neu. Ich sehe Wörter, die sich neu gebärden, neu geborene Aussagen entwerfen und ich ahne die Notwenigkeit dahinter. Da sind schließlich immer wieder andere Du, andere Gegenüber, wie sollte da die Sprache sich nicht mitwandeln dürfen?

Damals, als die Rosenblatts noch ein Kind waren, haben es alle gewusst. Und alle haben geschwiegen, auch die pädagogischen Erwachsenen. Obwohl es doch nicht zu übersehen war. Und doch ist da keine Anklage im ganzen Buch. Es war so. Es gab nichts anderes.

»’Ich hasse euch nicht.’
Sie stehen im Rahmen der Küchentür und schauen sie ein letztes Mal an.
’Nicht einmal das.’

Das Ende dehnt sich aus und berührt meine Füße.«

Die Texte lassen ahnen, wie schwierig es ist, ein Leben ohne die gewohnte strukturelle organisierte sexuelle Gewalt leben zu lernen. Ein normales Leben eben – ohne zu wissen, wie das gehen könnte. Ein Leben, das in die Leben der anderen hineinpassieren kann.

Im Nachwort nimmt mich Mai-Anh Boger in die Pflicht. Ich bin als Lesende zur Zeugin geworden, sagt sie. Ich kann nicht mehr wegrennen, nicht mehr weggucken. Nein, das will ich auch nicht. Immerhin entbindet mich die Nachwort-Autorin aber vom Versuch, verstehen zu müssen. Denn das, bei aller Liebe, kann ich nicht. Nicht wirklich.

Die Autorin selbst schreibt in ihrem Nachwort darüber, dass Schreiben ihr Tor zu sich selbst ist. Wie sie die Grenzen der Stille abschreitet und die abgebrochene Steine und Steinchen aufhebt und aufschreibt.

Ich wünsche ihr, dass sie nicht aufhört, diesen Weg zu sich selbst zu erforschen. Und weiter aufzuschreiben, was gut tut.

Wer über das Buch hinaus mehr von Hannah C. Rosenblatt lesen will, ist herzlich eingeladen, ihr Blog zu besuchen: Ein Blog von Vielen.

Ich bedanke mich bei der Edition Assemblage herzlich für das Rezensionsexemplar.


Hardcover
120x180mm
96 Seiten
15.00€
978-3-96042-053-8
Edition Assemblage
März 2019

#umsLand Bayern … jetzt gehts los

Gestratz, den 15. Mai 2019 – In dem winzigen Gästezimmer auf dem Prinzenhof wird es langsam warm. Die Heizung haben wir nachts ausgemacht.

Von der Fahrt in die allgäuischen Hügel unweit des Bodensee waren wir ziemlich müde gewesen, gestern Nachmittag, als wir gegen vier hier angelangt waren. Unsere kleine Picknickpause nach dem Einkauf in einem herzigen Dofladen unterwegs, in Opfenbach, hatten wir im Auto abhalten müssen, zu kalt der Wind, dazu immer mal wieder Regentropfen, garstiges Wetter.

Am Prinzenhof angelangt war unser Zimmer noch nicht bezugsbereit, so dass wir – zumal das Wetter sich gebessert hatte – uns zu einem langen Spaziergang zur Schweineburg und zurück aufmachten.

An der Schweineburg – einem Aussichtspunkt hier in der Nähe – hatte Irgendlink vor einem Jahr gesessen, mit Passant*innen geschwätzt, ein paar Bilder gemacht und schließlich kurz darauf seine erste Touretappe vollendet.

Auch wir machen ein paar Bilder. Gleich und doch nicht gleich. Wie schnell sich doch die Wolkengebilde verändern!

Ende und Anfang finden sich, es ist ein Wiederaufnehmen des Fadens.

Zurück auf dem Hof ist das Zimmer fertig hergerichtet und wir machen ein Nickerchen, bevor wir in die Badwirtschaft Malleichen gehen, um unsern Hunger zu stillen. Was hatte unsere Gastgeberin gleich noch gesagt? Sie hätten noch immer kein gutes Netz hier in der Gegend. Dafür gebe es auf den Dorfplätzen Hotspots. Nach dem Essen fahren wir auf Gestratzs Dorfplatz und – siehe da! – können (nur kurz, das Auto kühlt schnell aus) ein paar Nachrichten und Tweets absetzen.

Das Thermometer sinkt auf vier Grad, als wir zum Hof zurück fahren. Die Kalte Sophie ist in ihrem Element, macht ihrem Namen alle Ehre.

Heute gilts ernst. Auf dem Dorfplatz werden wir uns in ein paar Stunden verabschieden. Das Auto wird seine Schätze freigeben: Ein Fahrrad, ein paar Packtaschen voller Kleider, Lebensmittel, Schlafsack, Zelt, Matte, Kocher und so weiter.

Wo wird Irgendlink heute wohl entlang radeln? Wo sein müdes Haupt hinbetten? Zelt oder Gästezimmer? Wird er besseres Netz haben als hieroben auf dem Prinzenhof?

+++

Kurz nach zehn. Nach dem Schwätzchen mit der Gastgeberin sind wir nun wieder im Dorfplatz-Hotspot. Jetzt gehts ans Eingemachte. Ich bin nicht gut in Abschieden.
(Ob wir heute Abend genug Netz haben werden? Nun ja.)

Weiterlesen könnt ihr bei Irgendlink, der zeitgleich bloggt.

Weiterradeln ums Land Bayern: Was bisher geschah.

Es war der 5. September 2018, als Irgendlink den ersten Teil seiner #UmsLandBayern-Tour abschloss. In Lindau setzte er damals ein vorläufiges Semikolon; und in Lindau wird er ab nächster Woche seine Bayern-Geschichte weitererzählen.

Irgendlinks Reiseblog-Konzeptkunst beinhaltet nicht einfach nur hübsche Geschichten von unterwegs, die mit beliebigen Schnappschüssen illustriert sind, sondern sie ist ein weiser Mix aus klugen Texten und faszinierenden Bildern, die den Blick weiten.

Sein Konzept? Wenn er ein Land oder eine Region möglichst nahe an der Grenzen umradelt, schaut er über den Tellerrand und erhält dabei einen guten Einblick in die regionale Kultur, das Miteinander und die Themen, mit denen sich die Menschen, die auf der anderen Seite einer Grenze leben, beschäftigen. Ohne streng verfasstes Drehbuch, aber mit einer meist im Voraus festgelegten Route auf beschilderten Fernradwegen lässt er sich auf Land und Leute ein, nimmt als Reisender für eine kurze Zeit Teil am Alltagsgeschehen vor Ort und berichtet darüber in Bild und Text.

Wer sich warm lesen und wissen will, wie alles begann, klicke bitte hier.
Wer zur Auffrischung den Sprung von damals zu jetzt tun will, klicke bitte hier.
Und wer ab sofort virtuell mitreisen will, folge Irgendlink spätestens ab nächster Woche auf dem Blog-Gepäcktträger oder auf Twitter.

Zum Anfixen nun ein kleines Müsterchen vom zweiten Tag der letztjährigen Etappe.

Screenshot aus einem Blogartikel von Irgendlink. Textzitat und Bild. Zitat: "Unendlich langsam gibt die Senke ihren Inhalt preis und ja, da isser ja! Mein künstlich im Hirn geschaffenes touristisches Highlight. Synaptisch selbst generiertes Gold. Sieht klasse aus. Ein Glück, dass die Maisfelder schon geschreddert sind. Das verstärkt den Kontrast und gibt dem achtzehn Meter langen Flügel, der wie die Schwinge eines Teufelsrochens aussieht und der an einer Seitenwand eines Opels Manta festgeschweißt ist noch mehr Kraft. Wieder runter ins Kirnautal. Achwas, von Tal kann längst keine Rede mehr sein. Ich befinde mich in einem von der Hitze gedörrten Hügelland. Obstwiesen und Abgeerntetheit. Erreiche kurz vor Boxberg einen höchsten Punkt in der Nähe des Jüdischen Friedhofs außerhalb von Eubigheim. Unterquere die Autobahn. Lärm. Endlich Lärm und Normalität jenseits der ungewohnten Stille. Und ab geht die Sause ins Taubertal." (Ende Zitat) In der Mitte des Zitats das Bild der im Text beschrieben Skulptur eines Opel Manta auf kiesigem Boden unter blauem Himmel. Im Hintergrund gelbbraunes Ackerland.
Screenshot aus einem Blogartikel von Irgendlink. Textzitat und Bild. Zitat: „Unendlich langsam gibt die Senke ihren Inhalt preis und ja, da isser ja! Mein künstlich im Hirn geschaffenes touristisches Highlight. Synaptisch selbst generiertes Gold. Sieht klasse aus. Ein Glück, dass die Maisfelder schon geschreddert sind. Das verstärkt den Kontrast und gibt dem achtzehn Meter langen Flügel, der wie die Schwinge eines Teufelsrochens aussieht und der an einer Seitenwand eines Opels Manta festgeschweißt ist noch mehr Kraft. Wieder runter ins Kirnautal. Achwas, von Tal kann längst keine Rede mehr sein. Ich befinde mich in einem von der Hitze gedörrten Hügelland. Obstwiesen und Abgeerntetheit. Erreiche kurz vor Boxberg einen höchsten Punkt in der Nähe des Jüdischen Friedhofs außerhalb von Eubigheim. Unterquere die Autobahn. Lärm. Endlich Lärm und Normalität jenseits der ungewohnten Stille. Und ab geht die Sause ins Taubertal.“ (Ende Zitat) In der Mitte des Zitats das Bild der im Text beschrieben Skulptur eines Opel Manta auf kiesigem Boden unter blauem Himmel. Im Hintergrund gelbbraunes Ackerland.

Quelle: https://irgendlink.de/

Notizen am Rande #3

Ich finde es wertvoll, dass wir Menschen die immer wieder gleichen Erkenntnisse, Wahrheiten und Weisheiten in immer wieder von Mensch zu Mensch andere Bilder packen, um uns ihrer Essenz anzunähern und sie zu verstehen versuchen.
Vielleicht entstand aus dieser Fähigkeit die Literatur. Und die Philosophie. Und die Wissenschaft.

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Ja, natürlich, es sind vor allem die Großen, die in Sachen Klimakatastrophe tätig werden müssten, ja, die sich regelrecht einen Wettkampf in Sachen C02-Reduktion liefern sollten. Doch dort stehen leider noch immer andere kurzfristige Interessen im Vordergrund.

Umdenken geht uns aber alle etwas an, es ist etwas, das wir alle können – nicht nur Schüler*innen, Eltern und Wissenschaftler*innen. Es ist unser aller Zukunft und unabhängig davon, dass ich persönlich eher ein pessimistisches Zukunftsbild hege, möchte ich es dennoch nicht unterlassen, meinen Teil dazu beizutragen, den CO2-Ausstoß möglichst gering zu halten.

Ich fange dort an, wo ich es kann. Umweltschutz durch Vermeiden von Müll zum Beispiel oder Umweltschutz durch Benutzen von möglichst natürlichen und schadstofffreien Produkten. Und natürlich auch durch möglichst bewussten und möglichst wenig Konsum.

Spüli, Waschmittel, Putzmittel und Pflegeprodukte selbst herstellen ist einfacher als du denkst – mit Efeu aus dem Wald oder mit Zitronenschalen zum Beispiel.* Oder dann an Orten einkaufen, die nachhaltig handeln.

Nachhaltigkeit. Puh, ein großes Wort. Eins aber auch, das – ähnlich wie der Begriff Bio – droht, überstrapaziert und damit verwässert zu werden, seine Schärfe zu verlieren. Nichtsdestotrotz können wir versuche, dem was wir tun, mehr langfristigen Wert zu verleihen

Ja, natürlich, was ich als Einzelne tue, ist immer nur ein winziges Tröpfchen auf einen riesigen heißglühenden Stein. Aber wir wissen ja alle, dass noch jeder Regen mit einem kleinen Tröpfchen angefangen hat. Wenn wir also immer mehr sind, immer mehr werden, die bewusster leben, können wir etwas verändern. Hoffentlich.

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Wenn ich die Festplattenordnung meines Rechners anschaue, ist das wie ein Blick in mein Hirn. Eine Ordnerstruktur, die ich völlig logisch finde. Andere müssten sich erst einarbeiten. Ja, da gibt es manche Parallelen zwischen Hirn und PC. Dennoch ist der PC weit weniger komplex als mein Hirn.
Zuweilen wünsche ich mir beinahe, dass ich im Hirn auch so einfach aufräumen könnte.

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Zugegeben, die Umstellung vom gekauften Spülmittel meiner Biomarke auf mein selbstgemachtes war nicht ganz einfach. Mir fehlte vor allem der mit Frische verknüpfte Duft. Natürlich, ich könnte meinen Mitteln ätherische Öle zusetzen, doch wozu eigentlich? Frische Düfte sind in Sachen Sauberkeit ziemliche Verarsche. Frische Düfte sind in unserem Erfahrungsschatz mit Sauberkeit verknüpft, dabei sind die meisten Düfte synthetisch und tragen schon deshalb nicht zu Sauberkeit bei. Eher belasten sie das Abwasser.

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Ich fühle die Gedanken, die ich denke, ich fühle mein Gedachtes.
Und umgekehrt denke ich meine Gefühle. Nahtlos sind die Übergänge.
Trennen kann ich die beiden Bereiche nicht, so es überhaupt zwei sind.

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In der aktuellen ’Ökologie als Lifestyle’-Diskussion stört mich, dass immer mal wieder die Rede von Ersatz ist. Dieses Produkt hier ersetzt Fleisch, jenes Produkt ersetzt Haushaltfolie, Plastik, Kunststoff …

Mich macht das stutzig. Warum Ersatz? Wer braucht schon diesen ganzen Kunststoff wirklich? Oder Fleisch? Dafür brauche ich wirklich keinen Ersatz. Es gibt so viele wunderbare, köstliche Dinge, die meinen Bedarf an all den lebenswichtigen Dingen decken – Genuss inklusive.

Oke, bei Haushaltfolie sieht es ein wenig anders aus, manchmal ist sie einfach toll. Aber oft geht es ohne. Darum habe ich mir Bienenwachstücher selbst gebügelt.

Zurück zum Stolperbegriff ’Ersatz für’. Setzt diese Formulierung denn nicht gesellschaftlich verankerte Gewohnheiten und Muster voraus? Die gilt es heute zu überdenken. Welche Dinge, welche Produkte brauche ich wirklich? Welche benutze ich ohne über ihre Notwendigkeit nachzudenken?

Nein, mir geht es nicht darum, mir oder uns allen wegen unserer Nutzgewohnheiten ein schlechtes Gewissen einzureden. Eher darum, mir meine einmal näher anzuschauen. Und dich zu ermutigen, es mit deinen auch zu wagen.

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Du und ich können die gleichen Krankheitssymptome haben. Aber ob es die gleiche Krankheit ist, wissen wir oberflächlich betrachtet nicht. Und selbst nach einer genauen Diagnose ist es nicht gesagt, ob die Behandlung, die wir brauchen, für beide gleich ist noch ob sie bei dir und mir gleich wirken wird.

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Gott, so glaube ich übrigens, ist letztlich nur ein menschgemachter Begriff. Ein Hilfskonstrukt. In diesem Begriff steckt die geballte Sehnsucht der Menschheit danach, Unerklärliches zu verstehen. Gott wird so zur personifizierten Brücke von innen nach außen. Nachvollziehbar.

Doch, aufgepasst, sobald wir etwas derart Unfassbares personifizieren, dogmatisieren und mit Macht aufladen, kann es uns in Abhängigkeiten bringen, die denen zu Suchtmitteln ähneln.

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Ob das Chaos da draußen in dieser Menschheit daher rührt, dass wir den Kontakt zum Erdboden, zu den Wurzeln von Bäumen und Gräsern, verloren haben?


*Die Rezepte unter den Links habe ich erst teilweise getestet, eine Art Auswertung folgt später mal.

Was geht

Vor bald einem Jahr war es. Am Vorabend unserer großen Reise in den Norden Schwedens. Der Liebste hatte meinem iPhone 5S* einen neuen Akku verpasst – keine einfache Sache. Während der Ferien und auch noch eine Weile danach hielt der Akku dann auch, was er versprochen hatte: Er ließ mein Handy arbeiten, zäh und ausdauernd, mit jugendlichem Übermut geradezu. Nennen wir diese hundert Prozent, die mein Handy damals zu laden und zu leisten fähig war, ein bisschen provokativ die ’normalen hundert Prozent’, wenngleich es letztlich keinen wirklich verbindlichen, absoluten Maßstab für hundert Prozent gibt – weder bei Geräten noch bei Menschen. (Denn ja, das hier ist durchaus als Metapher zum Menschsein gedacht).

Die Zeit zog übers Land und es wurde Herbst. Irgendwann spielte ich das neue Update des Betriebsprogramms aufs Handy, iOS 12. Mag sein, dass das neue Betriebssystem den nicht markeneigenen Akku nichterkannte oder schlicht und einfach nicht mochte oder was auch immer: Fakt war, dass mein doch noch fast neuer Akku neuerdings nach immer kürzerer Zeit leer war. Eben zeigte er noch achzig Prozent an, dann siebzig und – schwupp! – war ich bei zwanzig. Ich konnte, während ich am Handy Bilder bearbeitete oder Blogs las, fast zuschauen, wie die Anzeige sank.

Natürlich erinnerte mich das an früher, Stichwort Memory-Effekt. »Als Memory-Effekt wird der Kapazitätsverlust bezeichnet, der bei sehr häufiger Teilentladung […] auftritt. Der Akku scheint sich den Energiebedarf zu merken und mit der Zeit, statt der ursprünglichen, nur die bei den bisherigen Entladevorgängen benötigte Energiemenge zur Verfügung zu stellen. […] Sinkt die Zellenspannung unter diesen Mindestbedarf ab, wird die Zelle für die Nutzung unbrauchbar, obwohl sie noch weiterhin elektrische Energie liefern kann.« Sagt Wikipedia.

Keine Ahnung, ob das der Grund für den immer rascheren Kapazitätsverlust meines Handyakkus ist, zumal ich den Akku extra immer ganz runtergespielt habe, um ja bloß nicht einen Memory-Effekt zu provozieren. Von Anfang an habe ich es so gehalten.

Inzwischen sind aus den ursprünglichen ’normalen hundert Prozent’ vielleicht noch dreißig Prozent übrig geblieben, die wiederum ihre eigenen ’neuen hundert Prozent’ darstellen. Wie klein diese hundert Prozent sind, stelle ich besonders dann fest, wenn ich sehe wie wenig Strom das Handy für eine Ladung von zehn Prozent auf hundert Prozent braucht, gut sichtbar, wenn ich es über die Powerbank lade.

Unweigerlich denke ich an uns Menschen. An mich ebenso wie an liebe Freund*innen. Meine hundert Prozent sind nicht mehr, was sie einst waren. Es sind meine persönlichen hundert Prozent, meine Kapazität zwischen null und hundert ist verglichen an den früheren – könnte man diese denn absolut erfassen – deutlich kleiner geworden. Zum einen hat das persönliche Gründe, zum anderen gehört das zum Älterwerden. Und es ist okay.

Diese hundert Prozent, die ich oben provokativ ’normal’ genannt habe, sind nämlich höchstens im Sinne der Normalverteilungskurve normal. Von unseren persönlichen hundert Prozent auf jene eines beliebigen anderen Menschen zu schließen, ist ganz großer Mist. Passiert uns aber allen immer mal wieder. In beide Richtungen. Aber Vergleichen ist ganz große und ganz unnötige Kraftverschwendung.

Was also mit mir und meinen Ressourcen anfangen? Gut zu mir schauen. Selbstfürsorge. Achtsamkeit.

Mit dem Handy ist das so eine Sache. Ich trage ihm Sorge, klar, doch seit Monaten überlege ich, ob ich weiterhin mit einem altersschwach gewordenen Handy leben oder mir doch irgendwann ein neues Aus-zweiter-Hand-Handy suchen soll. Und nein, das ist nicht nur eine Frage der Finanzen. Man schließt ja diese Dinger eben auch irgendwie ins Herz.


*Ich habe es vor etwa dreieinhalb Jahren (mit kaputtem Glas, das ich repariere ließ) von Freund S. übernommen habe. Handys kaufe ich aus Überzeugung nur noch aus zweiter Hand.

Über das Weben von Geschichten | F wie Figuren- und G wie Geschichteentwicklung | Mein ABC des Schreibens

Stell dir einen Stück Wolle vor. Direkt vom Schaf. Roh. Ungewaschen. Ungesponnen. Braun. Weiß. Schwarz. Hellbraun. Das Stück Wolle als Gleichnis für dein Leben. Oder für das Leben einer Figur aus einer Geschichte.

Du fühlst, denn du fühlst genau hin!, du fühlst also, dass es an der Wolle noch Wollfett hat. Und Grassamen. Und kleine Ästchen, vielleicht sogar winzige Steinchen. Und Sand. All das ist Teil deines Lebens.

Um aus deiner Lebenswolle eine Geschichte stricken, häkeln oder weben zu können, brauchst du ein Spinnrad. Oder eine Spindel. Ohne spinnen geht nämlich gar nichts. (Außer du willst filzen. Das geht auch ohne zu spinnen.)

Eine Spindel* also. Was der Spinnerin die Spindel, ist übrigens der Schreiberin der Schreibblock. Die Spindel – bestehend aus einem stabförmigen Schaft und einem Spinnwirtel als Schwungmasse – macht nun durch entspanntes, dosiertes Drehen und Ziehen aus einem wilden Stück Rohwolle einen feinen (oder groben) Wollfaden. Fingerspitzengefühl braucht es dabei also schon ein wenig.

Sieh an! Das hier ist dein Lebensfaden. Du kannst ihm eine Farbe geben, wenn du willst. (Manche tun das.) Es ist dein Faden, deine Geschichte. Zwar konntest du das Material nicht selbst aussuchen und auch die Spinnerin nicht, aber ein bisschen kannst du jetzt mitbestimmten, wo dein Faden sich hin- und herschlängelt.

Vielleicht aber steht dieser Faden hier auch für die Geschichte einer Figur. Einer Figur, die du dir für deine Erzählung ausgedacht hast.

Und jetzt, da wir schon so schön dabei sind mit Bildern zu weben, stellen wir uns all die anderen Fäden vor. Andere Lebensgeschichten. Kannst du sie vor dir sehen? Kannst du sie fühlen? Manche Fäden sind glatt, andere eher flauschig, manche weich, andere rauh. Es gibt dicke, zähe, leicht reissbare, fast unsichtbare, glitzernde Fäden. Und es gibt solche, die ganz kurz und andere, die lang sind und auf große Knäuel gewickelt.

Sie fangen irgendwo an, diese Fäden, treffen aufeinnder, verweben sich miteinander, verbinden sich zu Zöpfen. Zu Zopfmuster, Lochmuster, Gewebe, Strickpullover, Häkelarbeit.

Egal wie … Faden liegt an Faden. Faden wickelt sich um Faden. Mal durcheinander und verknotet, mal ganz ordentlich.

Und jetzt willst du also die Geschichte dieses Gezöpfels, das da vor dir liegt, in Worte fassen? Nimm eine Schere. Erzählen erfordert eine scharfe Klinge.

Denn jetzt geht es darum, den Zopf sorgfältig auseinanderzuschneiden. Lege jetzt Fadenstück für Fadenstück hintereinander. So dass sich die Materialien abwechseln. So dass sie eine einzige bunte Spur bilden. Erzählen kann man nämlich immer nur nacheinander, immer nur eine Spur aufs Mal.

Achte gut darauf, kein Fadenstück zu verlieren.

Erzählen bringt es mit sich, dass die Choronologie der Geschichte nicht wirklich eingehalten werden kann, dass wir erzählend durch die Zeit reisen. Gleichzeitiges kann nicht gleichzeitig erzählt werden. Was aber geht, ist von dieser Gleichzeitigkeit zu erzählen. Worte können Fäden hin und her schieben.

Und nun hast du deine Geschichte fertig erzählt. Sieh mal! Jetzt ist der Zopf, der auseinandergeschnittene, wieder zusammengewachsen.

Erzählkunst versus Schere: Die Erzählkunst gewinnt. Immer.

Schere – Stein – Papier? Na, dann erzähl mal!


Das hier ist ein weiterer Teil meiner Serie Mein ABC des Schreibens. Ich teile hier in loser Folge persönliche Schreiberfahrungen  – mehr nicht. Aber auch nicht weniger.


*Wenn du spinnenphobisch sein solltest, bitte nicht Spindelbilder suchmaschinen, alle anderen bitte hier lang für mehrere Spindel-Bilder und hier gibts ein einzelnes Spindel-Bild.