Fernweh oder doch eher Heimweh?

Der Liebste ist schuld. Weil er neuliche dieses Huckelpiste-Bild gepostet hat. Eine ganze Flut von Bildern, eine Woge von Erinnerungen an unsere Reise zum Polarkreis hat er damit losgetreten.

Vor sieben Jahren wars. Und ein paar Bilder und die ganzen Texte gibts noch immer im Netz (siehe mein Bilderblog, mein Uraltblog und Irgendlinks Blog (zur Tour).

Schweden ist seit langem mein Sehnsuchtsland. Betrete ich schwedischen Boden ist’s um mich geschehen. Es fühlt sich einfach immer so richtig an, so heimisch, wenn ich dort bin.

Jetzt klicke ich mich einfach mal durch die Bilder von damals. Klickt, klickt, klickt … Bilder gucken ist fast so schön wie reisen. Aber nur fast … Nun ist es um mich geschehen. Ich vergeh’ fast vor Fernweh (oder Heimweh) nach Schweden. Und jetzt weiß ich auch nicht. (Pssst, eine der Optionen für die diesjährigen Sommerferien – allerdings jene, die wir uns eher nicht leisten können – spricht von Schweden. Mal schauen. Manchmal werden Träume ja wahr …)

(Etwa die Hälfte der Bilder sind von Irgendlink, die andern von mir. Die Reihenfolge für einmal zufällig, zufüllig sozusagen, aus der Fülle gepickt.)

→ Klick auf ein Bild und öffne so die Galerie.

 

Heimaten

Vor ein paar Tagen in Bern die plötzliche Erkenntnis: Das hier ist ein Stück von mir.

Das hier ist Heimat. Ich fühle mich in dieser Gegend daheim, fühle mich vertraut. Nicht nur die Stadt ist es, auch das Umland, das ich oft durchwandert und durchradelt habe in meinen total doch fast zehn Jahren in dieser Gegend. Das Bedürfnis ist riesig, jede Ecke, die ich früher gekannt, erlebt und geliebt habe, aufzusuchen, mich zu erinnern.

Fahre ich irgendwann wieder Richtung Osten, heimwärts, nun ja hierher, wo ich heute lebe, schmerzt mich der Abschied am Anfang immer fast körperlich. So lange bis es irgendwann irgendwo in mir drin ploppt, so lange bis etwas in mir drin fast hörbar zerreisst. Ähnlich wie der Druck in den Ohren bei schnell zurückgelegten Höhenmetern sich irgendwann wieder auflöst. Der Schmerz lässt nach, wenn ich wieder genug Abstand zwischen dort und hier gelegt habe. Nach einigen Tagen vergesse ich diese kurz aufgeflackerte Heimatgefühle und ich vergesse den Blick hinter den Vorhang wieder.

Und eigentlich geht es mir ja ein bisschen mit all den Orten so, an denen ich je gelebt habe. Frankreich und die Pfalz inklusive. Und natürlich auch mit der Gegend hier, mit der Heimat meiner Kindheit. Jedefalls wenn ich lange genug weg war. Heimkommen zu können ist etwas unglaublich Kostbares.

Aber was ist Heimat wirklich und was machen sie mit mir, diese meine vielen Orte, Gegenden, Landschaften? Und wie kann eine so viele Heimaten haben und sich dabei dennoch so heimatlos fühlen?

So viele andere

Nicht nur für mich selbst bin ich viele, wie Pessoa* es seinerzeit so schön formuliert hat. Ich bin auch für alle anderen immer wieder eine andere. Und das nicht nur, weil ich mich A gegenüber anders verhalten als gegenüber B. Nein, auch darum, weil A mich anders sieht als B. Weil A eine andere Perspektive auf mich und das Leben hat als B, weil A bisher andere Erfahrungen gesammelt hat als B.

Bin ich so viele andere?

Oder bin ich einfach nur ein kleines bisschen mehr als die Summe all dieser vielen einzelnen Teile, die ich und die all die anderen von mir sehen, kennen, von mir zu sehen und zu kennen glauben, und aus denen sie und ich aufs Ganze schließen.

Wir glauben zu verstehen. Aber ist verstehen nicht viel größer und viel unmöglicher als wir denken?

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Manchmal sehe ich in anderen Menschen, die ich zu sehen und zu kennen glaube, Dinge – Talente, Kräfte, Potential –, die sie selbst nicht sehen können. Und manchmal sehen andere in mir solche Dinge, für die ich selbst blind bin.

Was also ist wahr? Was können wir wirklich sehen, in anderen, in uns? Da ist mehr Unbekanntes als Bekanntes, sagen die PsychologInnen über die Persönlichkeit von Menschen.

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Innen und außen – wie kongruent sind sie? Bei mir? Bei dir?


* »Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Übermass an Selbsten. Deshalb ist, wer die Umgebung verachtet, nicht derselbe, der sich an ihr erfreut oder unter ihr leidet. In der weitläufigen Kolonie unseres Seins gibt es Leute von mancherlei Art, die auf unterschiedliche Weise denken und fühlen.«
aus: Fernando Pessoa, “Livro do Desassossego”, Aufzeichnung vom 20.12.1932

Grundeinkommen und Komfortzonen

Unterstellungen – das sind sie doch, Schlussfolgerungen von Menschen, die – nur so als Beispiel – sagen, dass Menschen, bekämen sie erstmal ein Bedingungsloses Grundeinkommen, ihre Komfortzone nicht mehr verlassen würden. Was Andreas Hoffmann, Wirtschaftsjournalist bei Stern, vermutet.*

Wir rechnen vom eigenen kleinen Denken aufs große Ganze um. Ich nenne es Hochrechnungen. Und ich tue es oft und gerne. Von mir auf andere schließen ebenso wie von einmal Erlebtem auf zukünftig Erlebbares rechne ich hoch, wo immer es sich mir anbietet. Vor allem bei doofen Sachen. Bei mühsamen Erfahrungen. Weil es so einfach ist. So logisch irgendwie.

Trügerische Sache, denn genau so funktioniert die Welt nicht. Obwohl – manchmal könnte man das große Ergebnis im Nachhinein kleinrechnen und schlussfolgern, dass es doch so ist. Mit Sätzen wie ’Was zu beweisen war’, leicht ironisch und mit einem ’Ich wusste es doch!’ im Gesicht. Diese sich selbsterfüllende Prophezeiungsding. Das aber, so vermute ich, nur bei mir persönlich greift.

Ich kann, behaupte ich, nicht für eine Gesellschaft hochrechnen, es sei denn – wie im Fall Trump – ich hätte diese Gesellschaft eigenhändig manipuliert. Was ich aber im Fall eines Andreas Hoffmann nicht vermute.

Ich denke ja, dass das Bedingungslose Grundeinkommen Raum schafft für die wirklich wichtigen Dinge. Oft höre ich Berufstätige sagen, dass sie zu wenig Zeit haben, sich für soziale oder für künstlerische Projekte zu engagieren und für all jene andern Dinge, die die Welt zu einem besseren Ort machen, zu einem lebenswerteren.

Wir hätten mit dem Bedinungslosen Grundeinkommen mehr Zeit, über das Leben und über Werte nachzudenken, unser Handeln zu überprüfen (wer würde zum Beispiel noch freiwillig in einer Waffenfabrik arbeiten wollen?), Kriminalität wäre überflüßig … (na ja, das ist sie ja jetzt schon …). Wir würden endlich Raum haben, um zu tun, wovon wir immer träumten. Ich sehe viele dankbare Menschen, gewillt die Welt flächendeckend zu einem besseren Ort zu machen.

Eine weitere meiner kleinen Hochrechnungen besagt, dass genau das alles uns dazu motivieren würde, immer wieder unsere Komfortzonen verlassen.


Quelle: MDR und Twitter

Umwucht

Rundlaufen wäre das Ziel, sagen sie. Ausgewogen, ausgewuchtet, so muss es sein. Ich aber eiere. Zu viel Umwucht. Eigentlich war das schon immer so. Ich habe, wäre ich Rad, eine hässliche Acht. Hätte eine Delle, einen Knick in der Außenwand wäre ich eine Kugel. Ich eiere, laufe nicht rund.

Nun ja, wer sagt, dass Rundlaufen das Wahre ist? Bloß weil es rundläuft, weil es bequem ist und wir beim Rundlaufen nirgends anecken?

Was ist das Wahre?

Meine Normalität ist das Eiern. Und ja, es ist anstrengend, verdammt anstrengend. Weil, eiernd kannst du keine Bahn halten, wirst immer in die eine oder andere Richtung rollen ohne es zu wollen. Eiernd bist du ziellos.

Unfassbar. Unhaltbar.
Eiernd rollst du davon.

Toter Winkel – Filmbesprechung

Gerne empfehle ich den Film Toter Winkel aus der ARD-Mediathek weiter. (Klick) Sowohl die Geschichte selbst als auch die schauspielerische Umsetzung aller Beteiligten haben mich überzeugt.

Bildscreenshot
KLick aufs Bild = Direkt in die Mediathek

»Karl Holzer sucht nach der Wahrheit über seinen Sohn Thomas, der offenbar unbemerkt zum rechten Terroristen geworden ist. Auf der Suche nach der Wahrheit hinterfragt er auch eigenes Handeln. Die Erkenntnis am Ende bleibt vielschichtig.« So beschreibt der Sender diesen subtil aufgebauten Film.

Es waren nicht einmal in erster Linie die intelligenten, natürlichen, glaubwürdigen Dialoge, die mich überzeugten, mehr noch war es all das Unausgesprochene, die Mimik, der Subtext. Visuelle Aussagen, die hinkommen, wo Worte es nicht hinschaffen. Stille Aufnahmen, ohne Worte. Bewegungen, Handlungen, die für sich sprechen.

Eben singt Opa Holzer, Dorffrisör, noch mit seiner Enkelin, während er ihre Haare schneidet, als auf einmal sie Lieder anstimmt, die ihm die Haare zu Berge stehen lassen. Bei der Auswahl des Kaninchens für den Sonntagsbraten erkennt Papa Holzer, dass sein Sohn die rassenbedingten Selektionsmerkmale, mit welchen er wettbewerbstaugliche von -untauglichen Kaninchen unterscheidet, offenbar auch auf Menschen zu übertragen begonnen hat. Holzers Ambivalenz wird körperlich fühlbar.

Die Handlung, die meistens sehr ruhig daher fließt, wirft Fragen auf. Zum Beispiel: Wer ist mein Sohn wirklich?

Längst bin ich Holzers Kopf geschlüpft und suche mit ihm nach dem bimmelnden Handy in der Werkstatt des Sohnes, das ihn schließlich auf eine Spur bringt, die sein Leben auf den Kopf stellen wird.

»Aber das Wichtigste ist doch die Familie!«, sagt seine Frau, als er vor der Wahl steht hin- oder wegzuschauen.

Ihr aber schaut hin! Aber seid gewarnt, manchmal tut es weh.

Grenzenlos

Manchmal frage ich mich ja schon, wie das mit den Hühnern, den Eiern und den Menschen wirklich ist. Also wirklich, meine ich. Und ob da zuerst der unzufriedene Mensch war, der seine Gehässigkeiten in die Welt hinauswirft oder ob es vorher, zuallererst, dafür noch einen Grund braucht. Einen, der die folgenden Gehässigkeiten halbwegs nachvollziehbar macht. Und ich frage mich auch, wer für diesen Grund verantwortlich ist. Und wer wir sind, wir Menschen, dass wir uns alles erlauben. Dass wir uns alles erlaubt haben. (Ist ja nichts ganz neues.) Alles möglich gemacht, haben wir uns; alles, das möglich ist. Und ob das für uns eher gut ist oder ob es schlussendlich eher zerstörerisch wirkt. Dass wir alles können, heißt ja nicht, dass wir alles tun müssen, was wir könnten. (Na ja, fast alles.) Aber Fakt ist, dass alles möglich ist. In der Kunst ebenso wie im Alltagsleben. (Na ja, fast alles.)

Ist es, weil wir keine Definitionen mehr kennen, weil wir den Definitionen ihre Gültigkeit verboten haben, ihnen ihre Inhalte genommen haben?

Und wann eigentlich sind wir Menschen so krass extrem geworden? Hängt es damit zusammen, dass wir immer mehr Halbwissen und immer weniger wirkliches Wissen mehr haben?

Und weil wir nichts mehr wirklich wissen – wie auch, wo wir doch viel zu viele Quellen haben, um noch zu wissen, zu sehen, zu erkennen, zu schmecken, welche von ihnen gutes Wasser hat und welches Wasser uns schaden wird – trauen wir allem und niemandem mehr. Und selbst wenn jemand gründlich recherchiert (ja, das gibt es noch immer in dieser postfaktischen Zeit), ist der Wahrheitsgehalt letztendlich Vertrauenssache. In einer misstrauischen, sarkastisch-zynischen Welt.

Wer sagt, was geschrieben und gedruckt wird? Und wer, was verschwiegen wird und warum?

Wir leben zwar in einer (fast resp. theoretisch) zensurfreien Welt, hier im Westen, aber auch Selektion ist eine Form von Zensur.

Ob sie einer der Gründe für die heute fast alltäglich gewordenen Gehässigkeiten ist?

(Ach und gerade frage ich mich, sehr un|zeitgeistig allerdings, ob Grenzen wirklich so schlimm sind.)

Ausgelesen #13 – Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara

Ungefähr siebzehn Stunden habe ich an der Seite Judes und seiner Freunde verbracht. Siebenhundertsiebzig Seiten habe ich in den letzten Wochen gelesen und dabei Herzblut und Wasser geschwitzt. Meine durchschnittliche Lesezeit pro Seite lag bei diesem Buch bei 1,17 Sekunden. Ja, sowas messe ich zuweilen. Es ist meine Art Liebeserklärung an ein Buch: Schau her, so viel Zeit bist zu mir wert.

Und bei diesem Buch, Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara, war es das jede Sekunde. Auch wenn es je länger je schmerzhafter wurde, weiterzulesen. Bereits bei den Kriminalromanen der irischen Autorin Tana French, die ich ja diesen Frühling entdeckt habe, stellte ich fest, dass mir leidvolle Lebensgeschichten – ob nun fiktive oder echte – je besser geschrieben desto schmerzhafter unter die Haut gehen. (Natürlich wusste ich das schon vorher, aber diese beiden Autorinnen schreiben einfach so genial, dass ich ihre Geschichten schier unerträglich in ihrer Dichte und Eindringlichkeit finde. Ich kann mich ihnen nicht entziehen. Sie berühren mich auf eine Weise, die ich vorher entweder nicht an mich heranlassen konnte oder nicht gekannt habe oder nicht wahrzunehmen in der Lage gewesen bin …).

Auf der Verlagswebseite wird das Buch mit folgendem Satz beworben: »Sie werden über dieses Buch sprechen wollen.«
Ja, stimmt, das möchte ich.

»Ein wenig Leben ist ein unvergleichlich mutiger Roman über Freundschaft als wahre Liebe. Ein wenig Leben handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern in New York, die sich am College kennengelernt haben. Jude St. Francis, brillant und enigmatisch, ist die charismatische Figur im Zentrum der Gruppe – ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. Immer tiefer werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten. Ein wenig Leben ist ein rauschhaftes, mit kaum fasslicher Dringlichkeit erzähltes Epos über Trauma, menschliche Güte und Freundschaft als wahre Liebe. Es begibt sich an die dunkelsten Orte, an die Literatur sich wagen kann, und bricht dabei immer wieder zum hellen Licht durch.«

Es ist ungeheuer schwierig für mich, keine weiteren Details zu verraten, keine Diskussion vom Zaun zu brechen, keine Themen in den Raum zu werfen, ohne zu spoilern. Die wenigsten wollen schließlich ein Buch lesen, von dem sie schon vorher wissen, wie es ausgehen wird, von dem sie den Plot vorher schon kennen.

Da ich aber dennoch darüber schreiben möchte, habe ich beschlossen, einen zweiten Artikel, einen mit Passwort, zu schreiben (das PW ist der Namen der Autorin in Kleinbuchstaben und ohne Leerschlag), den nur jene lesen können, die es wollen. Und die Triggerwarnung gebe ich gleich mit: Es kann weh tun. Es geht um Leben und Tod.

Zum passwortgeschützten Artikel bitte → hier klicken.

Nicht zu viel verrate ich aber, wenn ich zu diesem Buch schreibe, dass man es vermutlich nicht lesen kann, ohne selbst über die eigenen Freundschaften nachzudenken, ohne selbst über die eigene Liebe zu Freundinnen und Freunden, zu Partnerin oder Partner, zu Eltern nachzudenken.

Jude, Willem, JB und Malcolm lernen sich, wie erwähnt, bereits am College kennen. Jude, der wegen seiner großen Intelligenz eine Klasse überspringen konnte, wird eine Art Nesthäkchen bleiben, um das sich die anderen sorgen, besorgt sind. Was ihm peinlich ist, denn dass er hinkt und hochintelligent ist, dazu freundlich und schweigsam, ist am Anfang dieser Freundschaften wohl das Auffälligste an ihm. Die anderen sind weit auffälliger. Malcolm, der Architektur und JB, der Kunst studieren wird, lebten und leben ein relativ überschaubar sorgloses Leben, doch auch sie werden im Laufe der Geschichte, die sich über fast fünfzig Jahre hinzieht, verändern und den einen oder anderen Sorgen- und Schmerzberg zu überwinden haben. Willem, der eine Weile als ambitionsloser Schauspieler kellnert, bevor er entdeckt wird, und Jude, der sich für ein Jura-Studium entscheidet, leben zu Anfang der Geschichte in einem winzigen Dreckloch in einem der eher unangesagten Quartiere New Yorks. Ihr größter Reichtum ist die Freundschaft, die sie miteinander verbindet, nicht nur sie beide, alle vier, teilen so vieles. Einzig Judes Herkunft, die Geschichte seiner Verletzungen, wird allen lange ein großes Rätsel bleiben. Nach und nach, je älter die Freunde werden, kommen wir, als Lesende, diesem Rätsel ein wenig auf die Spur. Aber eigentlich wollen wir es gar nicht so genau wissen. Und doch: Wir wollen es wissen, natürlich, um verstehen zu können.

Ja, Jude erlebt Freundlichkeit, erlebt Freundschaft, erlebt elterliche Zuwendung und Liebe, aber dennoch …

Und jetzt? Das Buch lesen! (Und/oder meinen passwortgeschützten Blogartikel, wer möchte.)

Nichts gegen Schönheit, aber …

Mein letzter Artikel könnte den Eindruck erwecken, dass ich mit Schönheit nichts anfangen kann. Das Gegenteil ist der Fall. Ich brauche es, mich in schöner Umgebung mit schönen Dingen, mit schönen Menschen zu umgeben. Weil Schönheit eine heilsame, wohltuende Wirkung auch mich hat.
Bloß: Was ist Schönheit?

Nur schon, wenn ich schreibe, dass ich mich gerne mit schönen Menschen umgebe, wird es schwierig.
Weil: Was ist Schönheit?

Ich selbst finde mich ja nicht schön. Nun ja, auch nicht wirklich hässlich. Aber eben: Das Wort schön würde mir für mich selbst niemals einfallen. Und doch: Auf manchen Bildern, die der Liebste von mir macht, fühle ich mich schön. Weil ich mich darauf gesehen, erkannt, verstanden fühle. Weil ich so aussehe – mit meinen Augen, die mich sowohl von innen als auch von außen sehen können und kennen –, wie ich mich fühle. Ganz. Als eine Einheit von Innen und Außen.

Diese Art Schönheit meine ich, wenn ich sage, dass ich mich gerne mit Schönheit – schönen Menschen, schöner Umgebung, schönen Dingen – umgebe. Nicht die gemachte Schönheit, dieses Perfekte, Gepuderte, Aufgebretzelte. (Unter uns gesagt: Fassaden irritieren und verunsichern mich ja eher. Vielleicht ist es ja ihr Zweck, das Innere zu verbergen, auf falsche Fährten zu locken?)

Frau Rebis hat es in einem Kommentar zu einem Blogartikel wunderbar formuliert: »Das Perfekte ist immer ein Gemachtes und mit viel Anstrengung verbunden, die noch dazu letztlich nutzlos bleibt (da ja kein Ende möglich ist). Das Vollkommene als das voll (aus mir heraus) Gekommene ist, was ich mir als „Ziel“ setzen könnte. Das Wort Ziel trifft es ja gar nicht. Es bleibt ja Prozess, Bewegung und Weichheit darin, etwas, was „Ziele“ im klassischen Sinne sonst nicht haben. Irgendwie so: wenn zwischen mir und meinem Ausgedrückten keine falschen Erwartungen(?) mehr stehen, dann wird es vollkommen.« Besser hätte ich es nicht formulieren können.

Auch ist Schönheit theoretisch etwas Persönliches, Individuelles, nichts also, trotz Goldenem Schnitt & Co., nichts, was ich mir diktieren lassen sollte.  Doch Grayson Perry zeigt in seinem Buch So geht Kunst!, dass wir letztlich irgendwann schön finden, was wir immer und immer wieder sehen. Schönheitsideale sickern peu à peu in uns ein. Was schlimmer klingt als es ist. Oder schlimmer ist als es klingt. So oder so: eine eigene ästhetische Meinung zu haben, ist gar nicht mal so einfach. Wir alle sind nicht immun gegen Bilder, gegen Einflüsse, gegen Gewohnheiten. Ich sag nur Schlankheitswahn und Jugendwahn versus Speck und Falten.

Dennoch: »Was ist schön?« heißt ab sofort »Was finde ich schön?«

Ich zum Beispiel finde die Bilder von K.eckstein, die sie von Elke, der Mützenfalterin, gemacht hat, wunderschön. Auch der liebevolle Blick ist es, den ich hier so speziell wunderschön finde. Diese Natürlichkeit und Echtheit! Ja, das ist für mich Schönheit. Vollkommene Schönheit – im Sinne meines letzten Artikels, wo ich für den vollkommenen Ausdruck plädierte.

Wir wissen, dass Liebe schön macht. Selbst auf Bildern, die den Liebsten zerzauselt und nach klassischen Maßstäben unvorteilhaft zeigen, finde ich ihn schön, wunderschön. Weil ich sein Innen und sein Außen verbunden sehe. Dieses Schön eben, das hinter den Vorhang schaut. Davon wünsche ich uns wieder mehr.

Das Schönheit-Ding

Dieser Moment, auf den man so lange hingelitten hat, dieser Moment des Todes, muss nun nicht mehr gefürchtet werden. Er ist gekommen und er schuf eine neue Wirklichkeit, eine neue Lücke, mit der wir nun leben lernen. »Der Wind weht weiter«, hat Irgendlink heute getwittert. Das trifft es gut. Weiter ist ja nicht nur ein Synonym für weiterhin, sondern auch ein Komperativ von weit. Und ja, Weite tut unseren Herzen gut. Besonders dann, wenn jemand stirbt. Der Tod liegt im Wesen und in der Natur alles Lebendigen.

Über den Tod und die Möglichkeiten, ihm mit künsterlichen Mitteln zu begegnen, denke ich schon lange immer mal wieder nach. Und über Schönheit und Kunst. Über Vergänglichkeit und Zerfall.

Schönheit kann kein Ziel sein, titelte Klaus Harth neulich eins seiner Bilder. Auch im Buch So geht Kunst! von Grayson Perry geht es um Ähnliches. Auch um den Unterschied von Schönheit und Ästhetik und warum Kunst nicht schön sein muss, Schönheit ihr eher sogar zuwiderläuft. Es geht Perry auch darum, zu zeigen, was Schönheit überhaupt ist, warum wir etwas als schön definieren und wo die Schnittstellen zwischen guter und dekorativer Kunst sind.

Und das alles inmitten einer Gesellschaft, in welcher Schönheit, Schönsein und schöner Schein viel zu wichtig geworden sind.

Bei einem Gespräch letzte Woche, am Lagerfeuer, ging es unter anderem um die Rollen von Schauspielerinnen und Schauspielern und dass letztlich nicht Schönheit über Qualität entscheidet, sondern Ausdruck; diese ganz besondere Fähigkeit, auszudrücken, was in der Rolle drin ist und von innen nach außen transportiert werden will und soll.

Ähnliches diskutierte ich am Sonntagnachmittag mit einer anderen Freundin. Perfektionismus ist ja eine meiner (Un-)Tugenden und nicht nur für mich eher negativ konnotiert. Wer nicht an Perfektionismus leidet, kann ihn nämlich nicht wirklich verstehen. nicht seinen Sinn, bestenfalls seinen Unsinn. Dieser innere Zensor, der mit nichts zufrieden ist, ist sehr mächtig und macht auch mächtig Druck. Erst in diesem sonntäglichen Gespräch wurde mir klar, dass mein Perfektionismus dem vollkommenen Ausdruck, nachdem ich mich sehr sehne und für den ich bis vor kurzem keinen Namen hatte, zuwiderläuft.

Vollkommener Ausdruck nenne ich also ab sofort, wenn es möglichst exakt gelingt, das Innen möglichst ungefiltert, ohne Widerstände, ohne Verfremdungen, nach außen zu bringen, nun ja, eben vollkommen auszudrücken. Ohne Abstriche und ohne nette Opfer zu bringen für KritikerInnen und für all jene, die es lieber nett & dekorativ mögen. Eigentlich ist es ja wie bei der oben erwähnten Schauspielerei: Vollkommener Ausdruck ist, wenn es gelingt, ein vollkommenes Medium der Rolle, der Botschaft, zu sein, die von innen nach außen will. Vollkommener Ausdruck ist, wenn es gelingt, das Innending authentisch zu materialisieren. Egal, ob es schön oder gefällig ist.

Nun ja, ich stolpere noch viel zu oft über die Filter schön und gefällig. Noch verfälschen sie immer mal wieder meinen Von-innen-nach-außen-Transport. Dennoch will ich mich lieber weiterhin diesem Versuch des vollkommenen Ausdrucks widmen als die nie und nimmer erreichbare Perfektion erreichen zu wollen.

Vollkommenheit ist doch auch eine Form von Perfektion, denkst du jetzt womöglich, und fragst dich, wo da der Unterschied sei. Vollkommen ist für mich viel weniger negativ gefärbt als perfekt, es ist für mich der natürliche Zustand von etwas, vollkommen ist für mich eher ein Synonym von natürlich, also nicht aufgepimpt, aufgebretzelt, zurechtgeschliffen, zurechtgepfriemelt, sondern genauso gewachsen. Geworden. Von innen nach außen geholt. In sich vollendet.

Wortklauberei vermutlich. Egal, auch Wörter sind ja letztlich vergänglich.