Innen und außen

Es war einmal eine kleine, scharfe, würzige Zwiebel, die sich eines Tages anbot, Teil eines köstlichen Gemüseeintopfs zu werden. Halbe Zwiebel, geapptDa sie aber aktuell die letzte ihrer Art, in ihrem Zwiebel-Tontopf, war, beschloss ihre Köchin, unsere hübsche, kleine Zwiebel zu halbieren. Sie hatte vor, am nächsten Tag mit der zweiten Hälfte der dienstbereiten Zwiebel ein weiteres Gericht zu würzen. Darum also legte sie die kleine halbe Zwiebel, gut verpackt, in eine Dose.

Tage gingen übers Land in welchen die Köchin ihre Gemüsevorräte im Einkaufsladen aufstockte, neue Zwiebeln kaufte, neue Gerichte kochte und das Leben lebte, das sie eben lebte.

Als eines nicht allzu fernen Tages der Liebste unserer Köchin beim Zwiebelschälen mitanpackte, entdeckte er die kleine Dose mit der gut verpackten halben Zwiebel darin. Halbe Zwiebel, geapptStaunend wurden die beiden sogleich der halben Zwiebel gewahr, die die Zeit ihrer Ruhe dazu genutzt hatte, ihr Innerstes nach außen zu stülpen. Groß war die Freude der Köchin und des Kochs darüber, dass die vergessene Zwiebelhälfte die Zeit ihrer Vergessenheit nicht mit Faulwerden verbracht hatte, sondern geradezu über sich selbst hinausgewachsen war, sich weiterentwickelt hatte und dabei nichts von ihrer Schärfe und Würze verloren hatte. Was für eine wunderbare Sauce sich nun aus der halben Zwiebel kochen ließ!

Collage mit Zwiebelfotos

Empathie ist mehr

Ja, Freundin K. hat recht. Natürlich ist meine kleine Darstellung von Empathie, die ich neulich hier teilte, ziemlich einseitig herausgekommen. Empathie ist nämlich auch die Fähigkeit zur Mitfreude. Während Neid, Vergleich zwecks Besserdasteherei, Ab- und Ausbgrenzung ihr Gegenteil sind und Mitfreude verhindern.

Irgendwo stehen wir empathischen Menschen also immer mittendrin, mitten zwischen Mitfühlen & Mitleiden und Mitfreuen & Mitjauchzen. Das ist manchmal ganz schön anstrengend.

Den meisten empathischen Menschen, die ich kenne, fällt zudem geben leichter als annehmen. Mir auch. Doch dieses Jahr lehrt will mich so langsam dieses Annehmen zu lernen – materiell ebenso wie in Form von Fürsorge. Auch wenn es sonst mehrheitlich ein schweres Jahr für mich war, schaue ich doch dankbar dadrauf zurück. Und dass ich Menschen kennen darf, die bereit sind, mir ganz praktisch zu helfen, wenn ich nicht mehr weiterkomme.

Ihr – du, du, du und du – ja, auch ihr seid solche Menschen. Ich danke euch.

Glückwunschkarte mit halber Baumnuss in Herzform in Nussknacker, seitlicher Text mit Glückwünschen.

Hebet’nech Sorg!

Homo non sapiens

Es mag ja unanständig sein, dass ich jetzt und hier über mich und mein Leben nachdenke. Als wäre es wichtiger als das, was geschehen ist. Aber ich denke dennoch über mich nach. Ich denke mich im Kontext mit all dem, was geschieht, was geschehen ist, was geschehen wird. Ich bin mittendrin, Teil des Ganzen, nehme all die Wellen auf, die Wellen der Ereignisse um mich herum. Ich reagiere. Manchmal agiere ich sogar. Meistens bin ich Beobachterin, immer seltener Handelnde. Immer aber Mit-Denkende und Mit-Fühlende.

Und ja, ich denke also nicht nur über mich nach; fast ständig denke ich auch über unsere Welt nach. Über unsere Welt wie sie mehr und mehr zerbricht und auseinanderfällt. Ja. So, wie alles eines Tages auseinanderfällt. Vielleicht war das schon immer die Bestimmung der Welt. Vielleicht hat auch die Welt ein organisches Ende, nicht nur einen Anfang. Und vielleicht gibt es wirklich keine Hoffnung mehr für den Homo non sapiens, den unwissenden Menschen.

Ich weiß ja, andere rufen dazu auf, bloß nicht in der Chor der Hoffnungslosen einzustimmen, sondern jetzt – besonders auch nach dem Unglück in Berlin – erst recht nicht alle Hoffnung zu verlieren, jetzt erst recht zusammenzustehen, jetzt erst recht mutig für Freiheit und für das Miteinander einzustehen.

Ja, auch das entspricht meiner Sicht der Dinge, auch wenn ich langfristig für die Menschheit wenig Hoffnung habe. Zumal ich nicht so genau weiß, worauf ich hoffen sollte. Die erwähnten Maßnahmen helfen dennoch dabei, das Unerträgliche zu ertragen. Im Großen ebenso wie im Kleinen helfen sie, und gesellschaftlich gesehen ebenso wie persönlich betrachtet. Ich denke an den Sinn des Apfelbaums, den wir auch angesichts des Weltuntergangs pflanzen sollen.

Sisyphos oder der Versuch, nicht durchzudrehen.

Ja, es ist schrecklich, was vor zwei Tagen in Berlin und gestern da und heute dort passiert ist. Und ja, ich bin traurig, sehr, ich bin in Gedanken am meisten bei denen, die Angehörige verloren haben und bei denen, deren Angehörige im Krankenhaus liegen.

Mein erster Gedanke, als ich am Montagabend vom Unglück in Berlin hörte, galt meinen Freundinnen und Freunden, die dort leben. Und meinen dortigen Bekannten aus der virtuellen Welt. Später fragte ich mich, was es ändern würde, wenn jemand, den ich kenne, betroffen ist. Wie anders Schrecken sind und werden, wenn wir selbst jemanden verlieren. Persönliche Betroffenheit macht aus abstrakten konkrete Erfahrungen. Deutschland ist näher als Aleppo.

Schrecklich ist es immer und überall, wenn Menschen aus welchen Gründen auch immer für andere Menschen Schicksal spielen. Schlimm und abstoßen, wenn die einen Menschen willkürlich und mit destruktiver Absicht die Leben anderer Menschen beeinflussen.

Doch wo und wann genau fängt diese Willkür eigentlich an?

[Spekulationen gibt es von mir nicht.]

Wildnis hin oder her

Gestern habe ich das Streamen* gelernt. Wie fast immer autodidaktisch. With a little help of a friend. Freundin M. hat vom neulich geguckten Film Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück geschwärmt, den sie mit ihrer Tochter geschaut hat. Sie wusste, dass er mir gefallen würde. Mit Freundin M. und ihren drei damals noch kleinen Mädels habe ich in einem früheren Leben in einer Hippiekommune im französischen Jura gelebt. Nun ja, Hippiekommune nennt die Jüngste in ihren Internetbiografien unsere damalige Wohnform, ich bevorzuge ja Lebensgemeinschaft. Egal. Jedenfalls ist es lange her und inzwischen sind wir alle irgendwie mehr oder weniger auf den digitalen Zug aufgesprungen.

Screenshot aus dem Filmtrailer

Wie auch immer, der Film, den ich gestern Abend gestreamt habe, hat mich tief berührt und an alte Erinnerungen und Sehnsüchte angeknüpft. Der Plot? Eine autark und zufrieden in der Wildnis lebende Familie, die zur Beerdigung der Mutter im Hippiebus in die Welt hinausfährt, gerät immer wieder zwischen die Fronten. Die Kinder, keineswegs ungebildete Wilde, überzeugen Onkel und Tante mit einem breiten Wissen um Zusammenhänge, dennoch sind sie nicht wirklich auf ein Leben in der sogenannten Zivilisation vorbereitet.

Welches ist die wirklichere Welt – die Natur oder die Stadt – und welches Wissen und Können ist wichtiger? Fragen, die am Familientisch beim Verwandtenbesuch diskutiert werden. Und nein, niemals wirkt der Film, wirkt die Geschichte, klischeehaft, niemals peinlich, niemals platt … Wunderbar dreidimensional wird hier erzählt, wunderbar humorvoll und köstlich schräg. Dazu sehr schön gespielt. Und tiefgründig.

Ja, hier sind sie wieder, die großen Fragen nach dem Ausstieg aus dem Hamsterrad. Die großen Fragen nach dem, was zählt.

Gestern Nachmittag, als ich Freundin L. besuchte – Lehrerin, zurzeit für einige Wochen krankgeschrieben –, sprachen wir einmal mehr über das Hamsterrad. Erst jetzt, wo sie es temporär verlassen musste/durfte/konnte, fällt ihr auf, wie schnell das Rad gedreht hat und wie sehr es sie verbraucht und entkräftet hat. Ausgebrannt? Jein, eigentlich nur auf die Belange der Schule bezogen, sagt sie. Und ja, sie wird aus dieser Erfahrung Konsequenzen ziehen, das Pensum reduzieren, vielleicht noch etwas Anderes, etwas Neues anpacken, vielleicht … Auf einmal sind wieder Möglichkeiten da, die noch vor zwei oder drei Monaten gar nicht gedacht werden konnten. Wann und wie auch? Dazu fehlten Kraft und Zeit. Schließlich galt es, im Hamsterrad mitzurennen, ohne anzuecken, ohne zu fallen.

Wir rennen, um den Standard halten zu können. Um mehr kaufen zu können. Um uns endlich den ersehnten Urlaub leisten zu können, den wir dringend brauchen, weil wir vom Rennen im Hamsterrad so kaputt sind. Oder immer mehr Leute rennen auch schlicht und einfach nur um zu überleben.

Wer von uns wäre in der Lage, in der Wildnis zu überleben?


* Beim Link unter der Grafik eine der aufgeführten Sream-Quellen wählen und anklicken. Ich habe StreamCloud.eu gewählt. Es gibt leider keine permanente Links zum Film. Warnung: Wer keinen Adblocker hat, muss sich zuerst einiges an Werbung gefallen lassen.

Ich empfehle Adblock Plus für werbefreies Internet.

Empathie

Die Fähigkeit des Mitfühlschmerzempfindens als Zeichen von Empathie finde ich wunderbar. Ich bin froh, dass um jeden Menschen, der diese Fähigkeit hat. Obwohl ich – wie paradox – ganz besonders bei meinen Liebsten ja nicht will, dass ihnen irgendwer irgendwie weh tut und ihnen irgendwas antut. Empathie ist ein Fluch. Empathie ist ein Segen. Von ihrem Vorhandensein hängt das Wohl einer Gesellschaft ab.

In Bezug auf mein Leben macht es mich sehr dankbar, dass ich Menschen kennen und lieben darf, die meinen Schmerz mitfühlen können. Und die ihren Schmerz mit mir teilen, damit ich ihn mitfühlen kann.

Wenn ich selbst intensive Schmerzphasen habe – seelische oder körperliche –, fliehe ich zuweilen in die Schmerzen anderer, fliehe ich in Bücher, in Filme.

Anderer Mensche Schmerzen kommen mir aber oft sehr nahe – zu nahe? –, so nah als wären sie eigene. Oder sie mischen sich mit den eigenen.

Das sind jene Phasen, wo einfach alles nur weh tut. Das ganze Leben. Diese Fluchten in die Ablenkung sind in diesen Fällen missglückt. Oder auch nicht. Denn manchmal ist Schmerz unausweichlich. Manchmal ist er einfach auch nur Scheiße.

Andere, besonders allerliebste Menschen, mit meinem Schmerz, Teil meiner Geschichte, zu belästigen, zu belasten, lässt mich an Entjungferung denken, an das Ende ihrer Unschuld. Nur in traurig statt in schön. Etwas, das war und nie mehr so sein wird wie vorher.

Vielleicht wird man so zynisch. Bitter. Pessimistisch. Hoffnungslos.
Vielleicht wird man so lebendig. Liebesfähig. Stark. Hoffnungsvoll.
Vielleicht ist der Konjunktiv der Anfang aller Veränderung.

Was zählt und warum

Mein letzter Blogartikel hat eine spannende Diskussion ausgelöst. Ich danke euch allen, die dazu beigetragen haben.

Zu eurer Beruhigung: Ich habe keineswegs vor, zukünftig hier für meine Artikel Geld zu nehmen, das möchte ich nochmals klarstellen. Meine Frage war rein hypothetischer Natur, da ich mir zurzeit sehr viele Gedanken über verschiedene Bereiche und Formen von Werten und Wertschätzung mache; Selbstwertschätzung, Fremdwertschätzung, Ausdrucksformen von Wertschätzung, Marktwerte von Menschen und Dingen wie Dienstleistungen und Kunstobjekten.

Auf Instagram hat mir heute eine Followerin ein wunderbares, ganz und gar unerwartetes Kompliment gemacht. »…es git uf ganz insta nüt wo mir besser gfallt als dini siite! so guet dini gedanke und fotos…. lg yvonne« [Übersetzung: Es gibt auf ganz Insta(gram) nichts, das mir besser gefällt als deine Seite. So gute Gedanken und Fotos.] Von einer mir unbekannten Followerin, wohl verstanden. Und ich sage das jetzt nicht um anzugeben, sondern weil es mich einfach freut und ich diese Freude gerne teilen will. Und ja, auch weil es mir sehr viel bedeutet, dass jemand meine Kunstwerklein wertschätzt, sich auf sie einlässt, sich von meinen Gedanken berühren lässt. Vielleicht ist es genau das, was ich überhaupt will, mit meinen Blogtexten, meinen Bildern: Berühren. Anrühren. Zum Schmunzeln, zum Nachdenken, zum Hinschauen, zum Lachen bringen. Etwas auslösen.

Ja, ich gestehe es: In aller Bescheidenheit wünsche ich mir vermutlich, ein bisschen mehr als x-beliebig und austauschbar zu sein. Und ein klein bisschen verstanden zu werden ist ebenfalls eine meiner leisen Hoffnungen. Und ja, ernst genommen zu werden auch.

Geld oder nicht Geld ist letztlich die Frage nach dem Überlebenkönnen. Ob reich sein glücklich macht, bezweifle ich. Von allem, was wir brauchen, genug zum Leben zu haben, setzt dennoch Energie frei, die nicht da ist, wenn wir immer zu wenig haben. Das gilt in allen Bereichen, nicht nur in monetären. Genug Freiraum ist mir so wichtig wie genug Geld zu haben. Wobei ja auch aus Mangel ganz viel Kreatives geboren wurde, zu allen Zeiten.

Dennoch halte ich die Veredelung von Not und Mangel für zynisch. Auch glaube ich nicht mehr an einen übergeordneten Sinn von Not und Mangel, Leid und Krankheit. Höchstens den, dass solche Umstände uns alle, Betroffene ebenso wie Außenstehende, zum Handeln und Umdenken motivieren sollten.

Ja, genug von allem für alle. Das ist mein allergrößter Wunsch.

Nun überlasse ich aber gerne dem Liebsten das Wort. Irgendlink hat zu meinem letzten Artikel folgendes kommentiert:

»Der Markt frisst sich voran bis zur vollständigen Monetarisierung. Es gibt kaum noch kostenlosen Parkraum. An Tankstellen zahlt man für Luft. In China, hoffentlich ist es nur ein Fake, kostet Luft in Flaschen viel Geld. Kinder spielen nicht mehr einfach so wie früher draußen auf den Straßen. In Kitas hütet man sie für viel Geld. Man stirbt auch nicht mehr mit Liebe gepflegt im eigenen Bett. Der letzte Weg führt oft durch eine eiskalt dem Markt unterworfene Krankenhausmaschinerie mit so lange sinnlosen Operationen und Maßnahmen, bis die Krankenkasse endlich den Geldhahn zudreht oder das Privatvermögen aufgebraucht ist.
Der Zugang zum Strand kostete vor dreißig Jahren selten etwas. Der Zugang zu Naturschutzgebieten oder Naturwundern auch nicht.
Die große Geldkrake hat in der Zeit, in der ich auf dem Planeten bin, ihre Arme bis in die entlegensten Winkel des Miteinanders gestreckt.
Es tut weh, das miterlebt haben zu müssen.

Und am wehsten tut das Ringen mit sich selbst, endlich kleinbeizugeben und mitzumachen. Sich dem zu widersetzen, unbezahlbar, heroisch und unglaublich dumm.

Ich habe viele gute Ideen, wofür man Geld nehmen könnte und das Schlimme daran ist, dass andere die Ideen auch irgendwann haben und dass einer sie umsetzt, der nächste ihm folgt und weitere folgen werden und so holt sich der Markt alles, bis es irgendwann nichts mehr gibt, was nicht verrechnet wird, bis kein einziges unbezahltes Ding mehr übrig ist und wir nur noch aus Waren und Dienstleistungen bestehen, sogar das Lächeln wird irgendwann Geld kosten.

Es geht auch nicht um Geld und wieviel, sondern um die Richtung, in die wir Menschheit uns bewegen. Manchmal versuche ich mir vorzustellen, wie ein weltweites Armutsgelübde aussähe, was vielleicht genau die entgegengesetzte Richtung zur dämonischen Marktkrake wäre.«

Wie war doch gleich dieser berühmtes Satz?

»Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.«

Quelle: Weissagung der Cree (Ureinwohner Amerikas)

Was nix kostet, ist nix wert

Den Spruch im Titel habe ich das erste Mal gehört als ich vor etwa fünfundzwanzig Jahren, als junge Buchhändlerin, eine Weihnachtsaushilfe übernehmen sollte. Die Geschäftsführerin sagte ihn bei den Lohnverhandlungen. Ich hatte mich vermutlich mal wieder unter meinem Wert verkaufen wollen und wir haben uns vermutlich irgendwo geeinigt; wo habe ich natürlich längst vergessen. Die Stelle war wohl ziemlich stressig, so meine Erinnerung, und ich habe vermutlich einen okayen Lohn bekommen. Ist lange her und bereits sepiafarben im Erinnerungsschublädchen irgendwo in meinem Kopf abgelegt.

Ich gehöre ja zu denen, die am liebsten alles gratis hergeben würden. Und ja, ich gehöre auch zu denen, die am liebsten alles gratis bekommen würden. Dann wäre mir das doofe Geldding nicht immer im Weg. Es bräuchte in meiner utopischen Welt keine Währung und alle hätten alles und Zugang zu allem. Auch alle Ideen wären frei. In meinem Utopia gäbe es weder Neid noch Vergleiche, weil wir dazu keinen Grund hätten, dafür gäbe es ganz viel Solidarität. Leute, die allein sein wollen, würden in Ruhe gelassen und nicht zum Miteinander gedrängt. Andere, die lieber nicht immer alleine wären, fänden Anschluss an Gleichgesinnte. Undsoweiterundsofort. Und ja, natürlich, würde es allen gut gehen und alle wären zufrieden und freigebig.

Steckt womöglich hinter meiner fixen Alles-gratis-Idee der Gedanke, die Angst gar, dass meine Produkte –Texte, Bilder etc. – sowieso nicht markttauglich, nicht gut genug, für andere sowieso nicht interessant und sowieso wertlos sind (siehe Titel)? Und ist, was kostenlos ist, wirklich weniger wert als was kostet?

Wir Bloggerinnen und Blogger verschenken immer wieder ganz viel unserer Zeit, ganz viel Herzblut, ganz viel Arbeit, ganz viel Energie, Wissen, Können, Wollen, Freude, wenn wir einen Blogartikel schreiben. Wir tun das in erster Linie, weil wir es gerne tun. Weil wir das tun wollen. Weil wir denken, etwas zu sagen zu haben manchmal sogar und weil wir womöglich auch ein Quäntchen Sendungsbewusstsein in uns drin haben. Dennoch ist es grundsätzlich so, dass wir teilen, dass wir verschenken. Ich jedenfalls.

Heute fand ich ein Blog mit einer Paywall, einer Zahlschwelle. Eigentlich keine schlechte Idee. Wer einen Monat Zugang will, zahlt 4.99 €. Die ersten drei Tage sind gratis. Ambivalent ist es dennoch. Wird das die Zukunft sein? Wird es bald zwei Blogklassen geben, die wertlosen, kostenlosen und die kostbaren, bezahlten?

Ihr alle hier, die ihr dieses Blog lest, sagt mal gaaanz ehrlich: Würdet ihr – rein hypothetisch – für kommende Artikel zahlen, falls es sie auf einmal nicht mehr gratis gäbe?

Ich bezweifle es. Ihr würdet das Blog einfach nicht mehr besuchen. Oderrr?

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Pssst, allfällige materielle Dankeschöns fürs mein diesjähriges Blogherzfutter sind zurzeit hoch und herzlichst willkommen. Hier lang gehts zum Spendensparstrumpf. Das Passwort gibts hier (Mail an mich).

Ein Kunstausflug nach Meisenthal – Nachlese

Am letzten Samstag besuchten Irgendlink und ich nach einem schönen herbstwinterlichfrühlinghaften Spaziergang zum Lemberger Wasserfällchen das Städtchen Meisenthal. In der früheren Glasbläsermanufaktur fand auch dieses Jahr eine kleine Kunstausstellung statt.

Anschließend spazierten wir ins Kulturhaus der Künstlergruppe Artopie und genoßen die kreative Vielfalt der Meisenthaler KünstlerInnen. Im Verkaufsbazar, Baz’Artopie, staunten wir über die Fülle und erfreuten uns am Humor in all den vielen kleinen und großen Kunstwerken.

Spaziergang im Lemberger Wald

Impressionen von der Ausstellung in der Glasbläsermanufaktur Meisenthal

Irgendlink zweimal vor roter Fabrikhalle mit den großen, weißen Buchstaben Cou
GIF – Bitte Bild anklicken, falls es nicht automatisch läuft

Impressionen vom Baz’Artopie Meisenthal

Ungekünstelt

Neulich hat Jürgen Küsters Alterego Buchalov über Zufall gebloggt. Darüber, dass ihm da, beim Bild unten, ein Fehler unterlaufen sei. Der zweite Druck mit der Farbe Orange sei nicht genau an die vorgegebene Markierungen gelegt worden. Erst habe er über das Ergebnis geflucht und sich geärgert. Irgendwann muss wohl die Einsicht gekommen sein, dass das Ergebnis doch eigentlich ziemlich gut geworden ist.

Zweifarbiger Holzdruck von Jürgen Küster
Bild von Jürgen Küster, frech zu Illustrationszwecken ausgeliehen | per Klick aufs Bild direkt zum Blog/zurBildquelle

UnArt nannte ich solche Bilder in einem Kommentar.

Zufällig oder absichtlich entstanden? Dass der Zufall mitspielt und nicht jede Pinselstrichwirkung voraussehbar ist, wissen wir längst. Auch, dass aus vermeintlichen Abfallprodukten durch Wiederverwendung Gefälliges oder gar richtig Kunstvolles entstehen kann. Ja, darüber, was Kunst ist, habe ich hier, im Blog, schon wiederholt nachgedacht. Ein endloses Thema.

Manchmal fühlt sich das Leben für mich jedenfalls an wie das obige Bild von Jürgen Küster. Mehrere Schichten, die eigentlich synchron, kongruent, deckungsgleich, verbunden sein sollten – jedenfalls nach Plan des Kunstschaffenden –, es aber aus irgendwelchen Gründen nicht sind. Auf dem Bild hier sieht das scheinbar Missglückte toll aus, in mir drin fühlt sich das allerdings eher schief an, unausgewogen, schwindligmachend.

Bildbearbeitungsprogramme wie GIMP & Co. ermöglichen es, verschiedene Bildebenen übereinander zu legen. Für Bildmontagen nutze ich diese Technik regelmäßig.

Im echten Leben mag ich Ebenenverschiebungen nicht wirklich. Obwohl Leben ja auch irgendwie Kunst ist. Oder eben doch eher UnKunst?

Ja und Nein und das Etwas mittendrin – neuaufgelegt

Heute reblogge ich mich selbst. Vor fast genau zwei Jahren habe ich den folgenden Blogartikel geschrieben. Gefunden habe ich ihn vorhin, weil ich nach dem Namen der jährlich stattfindenden Ausstellung gesucht habe, die wir heute besuchen werden. Baz’Artopie heißt sie und findet im lothringischen Meisenthal statt. Sie ist ein Mix aus Ausstellung und Weihnachtsmarkt. Ich bin gespannt, mit welchen Eindrücken wir heute nach Hause kommen werden.

Und nein, der nachfolgende Text hat nur indirekt mit der Ausstellung zu tun.


Eine der vielen Herausforderungen unserer Leben besteht für mich darin, manche Dinge als unabänderlich zu akzeptieren. Vergangenheit zum Beispiel. Oder die Richtung des Wassers, in die es fließt, und wie es die Steine schleift und formt.

Naturgesetze erkennen wir daran, dass sie für alle gleich sind, weder gut noch böse. Einfach da. Gegeben. Eine Grundbedingung unserer physikalischen, unserer materiellen Welt. Einzig sich selbst gehorchend.

Doch warum das Wasser manchmal so leise und manchmal so laut fließt, immer wieder anders, nach Regen, vor Regen, bei Wind, bei Sturm, Ebbe und Flut – wer kann es verstehen? (Wirklich meine ich.) Und können wir die Gewalt der Natur, auch wenn sie scheinbar willkürlich waltet, so ohne Zaudern bejahen, zumal es uns nie gelingen wird, sie zu beherrschen? Selbst alle Dämme und Deiche der Welt vermögen Wind und Sturm nicht zu stoppen.

Ist der Wind darum böse, uns feindlich gesinnt? Ich sage: Nein. Weder Wind noch Feuer, Erde, Sonne und Regen haben gute oder böse Absichten. Sie gehorchen nur ihrem Sein. Sie sind das, was sie sind.

Sollen wir uns den menschengemachten Regeln und Gesetzen gleich vertrauensvoll beugen wie denen der Physik? Sollen wir? Dürfen wir überhaupt? Müssten wir nicht unterscheiden und werten, wem sie dienen, bevor wir ihnen vertrauen? Wohin allzu vertrauensvoller Gehorsam führen kann, wissen wir längst.

Vieles schmeckt mir nicht, aber weil ich hungrig bin, esse ich es doch. Weil es einfacher, billiger und bequemer ist, als mir etwas besseres zu suchen. Aber ich gestehe es: vieles was ihr mir vorsetzt, ist mir zu salzig. So salzig, dass ich dennoch nicht aufhören kann, es zu verschlingen, obwohl es meine Geschmacksknospen beleidigt. Ich weiß und ich merke, dass es mir nicht gut tut, aber etwas in mir, etwas, worüber ich keine Kontrolle habe, ruft nach mehr. Will mehr. Es hat viele Namen, das Etwas, das Phänomen. Ich nenne es Glutamat. So heißt es manchmal. Auch. Aber nicht nur. Das Etwas mit den vielen Namen hat auch viele Gesichter. Für viele heißt es auch Normalität. Ja, klar, auch ich bin normal. Wenn auch ein wenig anders normal als die normalen Normalen, die das Etwas von Herzen lieben. Dieses Etwas, das sie auf dem Mainstream hält, weil es da so einfach ist.

Tout le monde il est gentil* | Dieses Bild habe ich an der Baz’Art** fotografiert. Wer es erschaffen hat, weiß ich leider nicht.

Nein, wenn man nur schnell genug mitläuft, ist es kein Problem. Wenn man nur schnell genug schlingt, schnell genug springt, schnell genug arbeitet, schnell genug rennt, schnell genug Ja sagt, schnell genug leistet, scheißt, trinkt, mitschreit, mitmacht, mitläuft. Mitten drin im guten alten Großen Hamsterrad. Die Große Masche. Die Straße der normalen Norm ist schmal geworden. Rechts und links vom Mittelstreifen, wo früher breite Wege waren, ragen nach ein bisschen Teer und Beton schon bald scharfe Ränder aus der Erde. Sie schneiden tief, wenn du drauf trittst, und werfen dich aus der Bahn. Einmal draußen, auf dem grünen Streifen – wo es sich sehr angenehm liegt, wenn du ehrlich bist – ist es schwer, wieder ins Hamsterrad zu kommen. Erstens weil dieses immer schneller dreht, zweitens weil du merkst, dass du es nicht mehr willst. Nicht das Rad, nicht das Tempo, nicht das Etwas. Obwohl du weißt, dass du es solltest. Du kennst ja nichts anderes. Und du weißt ja, dass du, wenn du im Großen Hamsterrad mitrennst, vom Großen Hamster Ende Monat Futter bekommst. Damit deine Backen nie leer werden.

Da. Nimm noch ein bisschen Etwas. Hier. Schau. Es hat genug. [Es ist billig. Da drüben steht die Fabrik. Die Rohstoffe sind einfach hergestellt, vollsynthetisch.] Da, nimm.

Zu salzig!, sagst du. Aber nein, doch nicht salzig. Das muss so! Ehrlich. Glaub mir, das hier ist der Geschmack der Menschen. So wollen sie es. Sie lieben es. Iss!

[Es ist eben nicht alles ein Naturgesetz, was schon immer irgendwie so und nicht anders funktioniert hat.]

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* Tout le monde il est beau, tout le monde il est gentil (deutsch: Die Große Masche) ist eine französische Komödie mit Jean Yanne aus dem Jahr 1972, die sich schon damals über die Gehirnwäsche aus der Welt der Medien mokierte.

https://dailymotion.com/video/xko3d3

** Baz’Art in Meisenthal: hier klicken


Quelle: Ja und Nein und das Etwas mittendrin
by Sofasophia am 12.12.2014