Zusammensetzen

Die Neuen Alten. Gib’s zu, das wäre doch eine schöne Schublade für Menschen wie mich.

Dass die Schublade einen Henkel hat, merkt man erst, wenn er abbricht.

Manchmal überkommt mich pure Verzweiflung darüber, dass ich in der Trivialität der Themen meiner Mitmenschen keinen Ankerplatz finde.

Ankern zu können wäre so beruhigend.
Ankern an einer pseudosicherheitvorgaukelnden Boje.

Wie sehne ich mich danach, all dieses Gelabber, all diese Leerläufe abzustreifen wie eine Schlange ihre Haut.

Und nicht mehr besessen Besitz zu besitzen.
Was brauche ich wirklich?

Frei zu sein von Hab. Und gut ist.

Rein sein wollen, diese Sehnsucht.

Mehr im Weniger finden.
+  Vertrauen.
++  Trauen.
+++  Mir.
++++  Mich.
+++++  Dem Leben.

Weil das Leben keine Performance ist. Bestenfalls eine Illusion. Oder schlimmstenfalls.

Statt sesshaft zu sein nur noch sein zu wollen.
Nomadisch leben als Möglichkeit zu betrachten.
Und meine Sesshaftigkeit zu hinterfragen.
Sicherheit im Unsicheren zu ahnen.

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Inspiriert zum Nomadinnentum hat mich Michelle, deren Blog ich heute dank Emil entdeckt habe.

Anders fasten

Vor zwei Tagen habe ich bei Frau Rebis gelesen, wie wichtig es ist, nicht zu erstarren ob all des Umbruchs um uns herum.

„Doch, ja, wir leben hier weiter. […] sind viel bewusster als sonst dankbar für das, was wir haben, gestalten unsere Tage bunt und farbenreich, begegnen einander. Und das alles ist wichtig. Sich der Lähmung nicht hingeben. Und sich um sich selbst kümmern, scheinen die Befindlichkeiten noch so nichtig zu sein. Wenn ich selbst nicht hell bleibe, kann ich nicht nach außen strahlen. Niemandem würde das nützen.“

Quelle: gestreift-beruehrt-geteilt.blogspot.de

Sie hat so recht.

Ich neige zu Extremen. Erstarre ich nicht, verliere ich mich dafür in höchst leidenschaftlichen Aktionismus. Mache dies, mache das, will und will die Welt noch immer retten und merke dabei kaum, wie ich mich immer näher an ein Ich-kann-nicht-mehr manövriere. Mein Körper sagt schon seit Tagen – seit Wochen, wäre ich ehrlich – dass ich ruhiger treten soll. Ein Fieberfeuer bremst mich aus und die Ärztin schreibt mich krank. Die ganze Woche soll ich mich auskurieren.

Ich neige zu Extremen. Ich gebe mich mit Haut und Haar hin. Ganz oder gar nicht. Obwohl ich so viel Lauwarmes in meinem Leben kenne. Tue. Habe. Ambivalenzen überall.

Tagelang habe ich alles über die Flüchtenden aus Syrien gelesen. Kaum etwas anderes gedacht und gefühlt. Mich erinnert an die Zeit, als ich im Flüchtlingszentrum gearbeitet habe. An die Gespräche mit den Geflüchteten. An ihre Erfahrungen. Und schließlich räume ich im Fieberrausch meine Schränke aus. Verpacke. Liefere ab. Spende. Überlege, im Dorf eine Hilfsmittelsammlung anzuleiern. Oder zumindest im Haus. Oder doch nicht. Und ich lese auf Twitter, was andere tun. Was andere können. Was andere schaffen. Wo Hilfe nötig ist. Was schon erreicht wurde. Und ich lese auch auf FB. Ich teile da und dort. Retweete. Verlinke. Vernetze. Und ich leide. Ich leide mit. ich leide körperlich. Ich bin, so scheint es mir jetzt, wieder einmal besessen vom Leid anderer, weil ich es lösen möchte und nicht kann. Und weil es mir das eigene Leid erträglicher macht.

Doch auf einmal geht gar nichts mehr. Wie ein Ballon mit Loch sacke ich in mir zusammen.

Hochsensibilität ist Segen und Fluch. Ich sehe und nehme wahr, was andere nicht sehen und spüren. Aber ich kann so verdammt schlecht priorisieren, kann mich schlecht abgrenzen, bewerte alles gleich wichtig. Was es im Grunde ja auch ist. Weil jeder Mensch gleich wichtig ist.

Heute aber, heute – morgen vielleicht auch und vielleicht die ganze Woche? – heute faste ich Nachrichten, Krautreporter, Twitter, FB und Co.. Nennt mich egoistisch. Egal.

***

Und ganz allmählich tauchen wieder eigene Wörter auf. Und ich verstehe: Mich interessiert nicht das Abbild, sondern die Interpretation. Dieses Da. Dieses Jetzt.

Eine Geschichte ist das, was bleibt, wenn der Wasserstand sinkt. Das Schwere. Die Schicht da, die Insel, die sich nicht wegspülen lässt. Wörter sind Sandkörner. Erdklumpen die Sätze.

Patchwork mal wieder

Am Morgen, wenn ich aufgewacht bin, wecke ich auch gleich mein smartes Telefon und lasse mich von ihm über alle möglichen Dinge informieren. Ich spaziere durch die virtuelle Welt.

Dabei lese ich …

  • Und ich lese meine Lieblingsblogs auf dem WordPress-Reader. Damit lassen sich übrigens auch Nicht-WordPress-Blogs abonnieren.

Wofür lebst du?
Gesicht – überklebt mit eine Post-it, auf dem steht: Wofür lebst du?
= Heute habe ich bei Der Emil ein echt geniales Projekt gefunden. Die Erinnerungsguerilla. Mehr Infos gibt es, wenn du aufs Bild nebenan klickst oder auf diesen Link → hier. Ich werde sicher mitmachen. Wann und wie wird sich noch zeigen. Aber angefixt bin ich definitiv. Das ist Kunst, wie ich sie mag.

= Bei Mützenfalterin durfte ich auch heute wieder sehr nährende Gedanken über die Zukunft unserer Demokratie lesen. Lest selbst → hier klicken. Besonders hängen geblieben bin ich beim Hinweis darauf, dass es sogenannte KarriereverweigererInnen gibt. Darüber gibt es hier → klicken zu Haus Bartleby ← mehr.

= Bei der Schweizer Bloggerin Sunnechind (Sonnenkind) las ich heute über Möglichkeiten in der Schweiz, Güter für Flüchtlinge aus Eritrea, Syrien und andere Länder gemeinsam zu sammeln und nach Calais zu transportieren. So werde ich heute endlich meine Schränke ausmisten. Und später Seifen, Zahnpasta, Zahnbürsten und so weiter kaufen gehen. Was immer Menschen brauchen können. Ich will endlich nicht nur reden und schreiben, sondern endlich auch handeln. [mehr …]
#HilfefürCalais.
Schöne Decken für Kinder auf der Flucht zu nähen, überlasse ich, mangels Nähtalent, lieber andern. Wobei ich die Idee und das Projekt echt genial finde.

= Bei Canela, allerdings auf FB, habe ich schon vor ein paar Tagen einen wunderbaren Beitraglink gesehen, den ich mir heute endlich in Ruhe richtig anhören und ansehen konnte. Über das Gedächtnis der Bäume. Nein, keine Esoterik. Trockene Wissenschaft. Wer keine Zeit hat für den ganzen Beitrag, höre sich doch wenigstens Minute 7 bis 8 an: Über das Netzwerk des Waldes, das raffinierter und sozialer ist als jedes Internet. Ich gestehe: Das Sozialverhalten der Bäume hat mich sprachlos gemacht. Auch kann man heute nachweisen, dass Bäume Schmerzen leiden und Mitgefühl empfinden. Und dass sie sich gegenseitig unterstützen. Was ich immer schon ahnte und spürte, hat nun auch die Wissenschaft erkannt.

Waldfilm
Draufklicken zum Film

Alles hängt zusammen. Die Bäume zeigen uns wie!

  • Danach lese ich neue Tweets in meiner Timeline und besonders jene meiner Lieblingstweetles. Ich erfahre, was in Ungarn geht oder eben nicht. Informiere mich. Lese und fühle. Folge Links. Verlinke weiter. Retweete. Freue mich über die spürbare Solidarität.

+++

Zwar nicht heute Morgen, aber gestern Abend las ich in LIEBEN von Karl Ove Knausgård, wie er am 60. Geburstag seiner Mutter eine Rede hält. Eine sehr feine Rede.

„Es gibt einen Film von Frank Capra, in dem es genau darum geht. It’s a Wunderful Life von 1946. Es geht darin um einen guten Menschen in einer amerikanischen Kleinstadt, der am Anfang des Films in einer tiefen Krise ist und alels aufgeben will, was er hat. Dann greift ein Engel ein und zeigt ihm, wie die Welt ohne ihn gewesen wäre. Da erst ist er im Stande, zu erkennen, welche Bedeutung der für andere Menschen hat. Ich glaube nicht, dass du den Beistand eines Entels benötigst, um zu verstehen, wie wichtig du für uns bist. […] Du lässt allen umd dich herum genügend Platz , um sie selbst zu sein.“ So redet Knausgård zu und über seine Mutter. Eine schöne Hommage.

Mutter werde ich zwar mit fünfzig nicht mehr, aber vielleicht werde ich ja mal Leihgroßmutter, wer weiß? Das wäre ich wohl gerne … die weisen* Haare dazu hab ich ja nun. (*… ja, das muss so.)

Fällt mir der Film ein, den ich gestern auf Arte geschaut habe: Clara geht für immer.
Ein Film voller Leidenschaft in allen Facetten, äußerst überzeugend gespielt. All diese unendlich schönen und unendlich schweren Seiten der Liebe zwischen Mutter und Sohn (Clara als Mutter), Mutter und Tochter (Clara als Tochter) und zwischen Schwestern. Dramatisch, ehrlich, berührend.
[Zur Geschichte: Die 43-jährige Theaterschauspielerin Clara (Jeanne Balibar) bekommt eine vernichtende Diagnose: unheilbarer Lungenkrebs. Um sich einen qualvollen Tod zu ersparen, sucht sie eine Klinik in der Schweiz auf, um begleitete Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. – Die Schauspielerin und Sängerin Jeanne Balibar überzeugt in der charakterstarken und komplexen Rolle der krebskranken Clara.]
Triggerwarnung: Sterbehilfe. Krebs.

Und jetzt werde ich mal meine Schränke ausräumen.

Ja und Nein

Da war heute diese Szene im Büro meiner Kolleginnen. Tratsch über erlebte mangelnde Fairness. Darüber, dass Langjährigtreuen und ihren Stimmen keinen Raum beigemessen wurde beim Wissenstransfer von Alt zu Neu. Ihre Wut und ihre Frustration überträgt sich auf mich. Das, was da gelaufen ist, das darf man nicht. Und nein, ich kann nichts dafür. Wie für vieles nicht. Und wie für das Meiste, das da und dort schiefläuft. Zumal das hier längst Geschichte ist. Aber nicht vergeben und nicht vergessen. Nicht gut.

Ja, auch ich leide zuweilen an Ungleichgewichten an meiner Arbeitsstelle, Heute bringe ich sie endlich zur Sprache. Nicht bei ihnen, sondern dort, wo sie hingehören: beim Scheff. Ich rede Klartext. Ziehe Grenzen. Markiere meine Belastbarkeit.

Nein, ich mag das nicht. Möchte das nicht tun müssen. Aber wenn ich es nicht tue, wenn ich nicht NEIN und STOPP rufe, wird irgendwann alles auf meinem Schreibtisch landen; auch solches, das da nichts verloren hat.

Manchmal, ja ich gestehe es, manchmal beneide ich ja jene, die viel verdienen. Aber nicht wirklich, denn viel verdienen hat einen Preis. Viel Geld bedeutet auch viel Arbeit und wenig Zeit für sich. Es bedeutet noch mehr Verantwortung für die Mitwelt und es bedeutet höhere Steuern.

Sogar Freundinnen verstehen nicht, wie man mit so wenig Geld, wie ich es verdiene, leben kann. Und sich dabei (meistens) wohl zu fühlen. Nichts wirklich vermissen. Eine meiner Arbeitskolleginnen jammerte heute Morgen, dass sie doch geschieden sei und darum mindestens so und so viel Prozent arbeiten müsse, um durchzukommen. Oke. Sie lebt wohl anders als ich. Hat höhere Ansprüche und zahlt eben dafür den Preis, so viel zu arbeiten.

Zugegeben, Mangelgefühle, sogar Ängste, überkommen mich schon zuweilen. Was wäre, wenn … Und Altersvorsorge ist ein Fremdwort für mich. Und ja, hätte ich mehr, könnte ich mehr teilen. Und ich könnte mir ein besseres Auto kaufen, als ich es mit dem letzten Reservebatzen demnächst tun werde (gebraucht natürlich). Aber, so fragen ein paar Stimmen in mir drin, aber müsste ich denn dieses Geld, statt des Autokaufs, nicht besser spenden?

Solche Gedanken – sich nichts gönnen zu können – kenne ich ebenfalls gut. Ich bin Seite an Seite mit ihnen aufgewachsen.

Mangelgefühle sind es meinen Beobachtungen zufolge, die unser Sozialverhalten am nachhaltigsten prägen. Diese Angst zu kurz zu kommen ist es, die Menschen – behaupte ich mal – zu RassistInnen macht. Diese Angst, nicht gesehen worden zu sein (siehe Artikel von gestern). Diese Angst vor dem Abstieg, vor dem Wenig, vor dem Immer-weniger, vor der Not. Wenig macht Angst. Leere auch.

Ich kenne es, dieses Wenig. Es gab immer wieder Zeiten in meinem Leben, in denen ich buchstäblich kein Geld mehr hatte. Eine bewusste Entscheidung, die ich irgendwann Mitte zwanzig getroffen hatte, war diese: Mein Reichtum soll Zeit sein und irgendwie ging es immer. Dennoch bin ich noch immer nicht frei von dieser Angst vor dem Nichts.

Nicht alle haben diese Einfachheit, wie ich sie lebe, selbst gewählt. Manche sind in sie hineingeboren (ich im Grunde ja auch) und mangels Chancen und Bildungsmöglichkeiten darin hängengeblieben, manche sind am Leben zerbrochen, manche durch äußere Umstände hineingeraten. Und viele haben keine mentalen Werkzeuge und keine sozialen Kompetenzen, um mit ihrem Status-Quo adäquat umgehen zu können. Adäquat? Kann man das? Klingt geradezu zynisch.

Es ist der Umgang, den wir wählen können. Wie gehen wir mit dem um, was wir haben? Mit dem Material, das uns zur Verfügung steht. Immer wieder muss ich mich das fragen, auch wenn ich mir diese Frage schon so oft – und immer wieder ein bisschen anders und neu – beantwortet habe. Hader? Wut? Schuldzuweisung an andere?

Ich übe. Ich übe den Weg des JA-Sagens. Nicht da, wo ein Nein hingehört, aber da, wo ich Umstände nicht ändern kann. Und wo das Ja mehr nährt als das Nein.

Ein Bild dazu gibt’s hier → klicken.

Sehen und gesehen werden − aber richtig

Über Bildung nachdenken heißt
über die Menschen und die Welt von Morgen nachdenken

Frau Mützenfalterin über die Poetischen Quellen:

„Und so beginnt auch Ordine mit einer Kritik des nützlichkeitsorientierten Denkens an den Universitäten. Er bedauert, dass seine Studenten, wenn er sie zu Beginn ihres Studiums fragt, was sie denn eigentlich erwarten, was sie erreichen wollen mit ihrem Studium, mehrheitlich antworten: Na einen Abschluss machen, um eine gut bezahlte Arbeit zu finden.

Statt eines Abschlusses als Ziel des Studiums, wünscht sich Ordine, die jungen Menschen sollten lernen, „ein besserer Mensch zu werden“. Sich im wahrsten Sinne des Wortes zu bilden. Denken zu lernen, insbesondere kritisches Denken zu lernen.

Sein Büchlein verkaufte sich bereits im Jahr des Erscheinens 65.000 mal allein in Italien. Inzwischen ist es nicht nur in Italien, sondern auch in Frankreich und Spanien ein Bestseller. Resonanz bei den für die Bildung verantwortlichen Politikern habe es hingegen nicht gegeben, bedauert Ordine, die italienischen Politiker schrieben lieber selbst Bücher, als die von anderen Leuten zu lesen.

Im weiteren Verlauf erklärt Ordine, dass die Sprache der Wirtschaft im Bildungswesen fehl am Platz ist. Warum das so ist, erklärte Abraham Flexner schon 1939. Sehr verkürzt wiedergegeben, indem er die Bedingungen und vor allem die Bedeutung für Grundlagenforschung beschreibt, ohne die keine bahnbrechende Erfindung möglich wäre.

Neugier ist die Basis von Kreativität, der Möglichkeit Neues zu entdecken, Fragen zu stellen, Dinge vielleicht zufällig zu finden.

Ordine zitiert Ionesco: Nutzlosigkeit ist für uns unerlässlich. Der moderne Mensch erscheint nicht nur Ordine als Gefangener des Notwendigen. Umso wichtiger sei Kunst, predigt Ordine. Kunst befreit, fördert eigenes, kritisches Denken, indem sie das reibungslose Funktionieren verhindert, behindert.

Nützlichkeit darf nicht ausschließlich wirtschaftlich und monetär definiert werden. Nützlich ist vielmehr alles, was dem Geist Nahrung gibt; Musik, Kunst, Literatur, Philosophie.“ (Zitat Ende)

Weiterlesen: muetzenfalterin.wordpress.com

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Bildung meint den ganzen Menschen

Frau Rebis schaut zurück auf 20 Tage Radreise und gibt Einblick in ihr Leben als Lehrerin:

„Und dann stehe ich am Ziel und werde mir all dessen plötzlich bewusst. Dass ich diesen für mich schier nicht zu bewältigenden Weg tatsächlich geschafft habe. Ich fühle mich wie ein Schulkind, das statt der 4minus die 4plus geschafft hat, erstmals, und keiner merkt’s. Denn da sind immer die mit den unangestrengten 1en, um es mit einem Schulbild zu vergleichen.

Und noch etwas wird mir bewusst: Dass ich mich anstrengen kann, dass ich einen Willen auf ein Ziel zu haben kann, ohne dass es verbissen und quälend wird. Dass ich an meine Grenzen gehen kann, ohne mich selbst zu zerstören. Dass es lohnt, seine Kräfte in selbst gesuchte, selbst gesteckte Ziele hineinzugeben, weil diese die einzig wichtigen sind.

Das alles möchte ich meinen Schülern unbedingt mit auf ihre Wege geben. Nur fühle ich mich dazu manchmal kaum ermächtigt, habe ich doch von Anstrengung und Mühe genau genommen keine Ahnung. In der Schule und ähnlich kopflastigen Bereichen, bei den Dingen, die in unserer Gesellschaft permanent mit Notenbewertung versehen werden, bin ich mein Leben lang ohne Mühe in der 1,0-Region herumgehopst. Dort hatte ich keine Gelegenheit, mich in Anstrengung, Ausdauer und Durchhaltevermögen auszuprobieren. Viele meiner „Leistungen“ bekam ich ohne Investition geschenkt. Ich habe mir die 1,0 nicht verdienen, nicht erarbeiten müssen. Sie war immer einfach so da. Darum fühle ich mich – unter anderem – auf spezielle Art lebensfremd. Beneidet von außen. Nicht wirklich beneidenswert aus der Innensicht. […]

Hier, wo durch eine Leistungs- und Bewertungswelt täglich Kinder vor sich hinleiden, wo die Außenbewertung durch Noten nur mittels eines urinneren Wertesystems aufgehoben werden kann, wo junge Menschen bei genau diesem Wachsen und Reifen eine helfende Stimme brauchen – hier gehöre ich hin.

Lange musste ich suchen, um dies herauszufinden.

Hier ist so viel Bedürfnis nach Gesehenwerden. Je länger ich in der Schule arbeite, desto mehr spüre ich, dass dies vielleicht unsere wichtigste Aufgabe ist – den Kindern in die Augen sehen und sagen: Du bist gut, so wie du bist.
Im Laufe der Jahre hat sich dabei mein Fokus geweitet. Anfangs stach mir vor allem das Weh der Kinder hervor, die von unserer Schulform überfordert sind. Mehr und mehr nehme ich Kinder wahr, deren Abweichung von der als „normal“ definierten Mitte in anderer Form auftritt. Viele dieser Kinder leiden mehr oder weniger still. Alle diese brauchen verstehende Blicke, eine haltende Hand, ein Geländer, um ihren Weg weitergehen zu können. Sie alle brauchen ein Ich sehe dich. Dafür, glaube ich, bin ich in diesem Beruf gelandet. Im für mich richtigsten und schönsten Beruf der Welt. Wie gut das.

Abgeschweift bin ich. Alles hat ja immer mit allem zu tun. Darum geriet der Bogen so weit. Zurückkehrend also zu meiner „Sportleistung“. Plötzlich, in Hof auf der Straße, meldet sich das kleine Kind in mir. Mit seiner Sehnsucht, dass da jemand sagt: Das hast du gut gemacht. Ich sehe dich.

Und dieses gut, so sehnt es sich in mir, möge bitte nicht bewertend, nicht leistungsbezogen gemeint sein, nicht auf meine Höhenmeter bezogen, nicht auf meinen Mut diese anzugehen, noch nicht mal auf die Tatsache, dass ich diese „Leistung“ ohne Hadern, ohne Groll, ohne mentale Erschöpfung in Demut „vollbracht“ habe. Sondern für mein blankes, pures, nacktes Ich-Sein. Dafür, dass ich bin.
Du bist gut, so wie du bist.

Dieser Jemand muss ich mir wohl selbst sein. Das werde ich auch noch lernen, mehr und mehr.

All sowas fließt mir durch den Kopf, während ich durch Hof laufe, um etwas zu essen zu suchen. Und auf den Wangen fließen Tränen …“ (Zitat Ende)

Weiterlesen: gestreift-beruehrt-geteilt.blogspot.ch

Langeweile oder die Angst vor der Stille

Gestern Nacht

Stille. Nur der Mond und ich. Und die Hitze der Sommernacht; ja, die auch.

Vollmond im August
Vollmond im August

Heute Mittag

Mir ist es zu heiß – hier sind es 32 Grad – und ich bin froh, dass es ab Dienstag wieder kühler wird. Noch nicht lange her, war mir Hitze egal. Paar Jahre machen den Unterschied. Persönlicher und globaler Klimawandel sozusagen. Aber keine Angst, darum geht es heute nicht. Nicht hier.

Wandel dennoch. Wandlung. Veränderung. Neubewertung. Andere Blickweisen. Dazu eine wachsende Sehnsucht nach Verlangsamung und Entschleunigung.

Zunehmend fehlt mir das Verständnis, wann immer ich da und dort Sätze lese wie „Da und da ist es langweilig!“ oder „… schon bald machte sich Langeweile breit und ich ging“.

Wir halten es nur schwer aus, wenn nicht ständig etwas passiert. Wenn wir uns nicht ständig mit neuen Eindrücken füttern können. Ablenkung. Animation. Ja, klar, auch Inspiration suchen wir, und nein, ich will das alles auch gar nicht schlechtreden, aber …

„Ich kenne Leute, die nicht mehr fähig sind, kontemplativ in sich zu gehen, sich zu langweilen (das Wort wird noch aussterben), ein Buch zu lesen. Ich schaue um mich und sehe Leute, die ständig mit irgendwas (in der Regel mit ihrem Smartphone) beschäftigt sind. Vielleicht ist der letzte tiefe, zusammenhängende Gedanken für sehr viele Menschen schon sehr lange her.

Wir müssen uns dringend fragen, wie wir leben wollen, welche Ansprüche wir an uns selber haben und was zum Teufel ist eigentlich unser Selbstverständnis?“

Quelle: LARA PALARAs Philosophische Küche im Umbau

Was ist es, das uns so unruhig sein lässt? Mal abgesehen von all den digitalen Ablenkungsmaschinen, von denen ich auch ein paar beherberge.

Ist es die Angst vor dem Nichts? Vor der Stille?

Mögen wir einfach nicht gerne mit uns selbst allein sein und sind drum ständig darauf bedacht, etwas zu finden, das uns von uns selbst ablenkt? Fürchten wir uns gar vor uns selbst?

Angst?

Gestern, vor dem Einschlafen, hatte ich eine meiner Panikattacken, wie ich sie in unterschiedlicher Intensität schon seit vielen Jahren habe. Inzwischen habe ich gelernt, sie nicht mehr einfach nur zu fürchten, sondern immer mal wieder ihren Vorhang zu heben und dahinter zu schauen. Oft sind es bevorstehende Veränderungen oder konkrete, aber mir selbst im Moment unbewusste Verlustängste, die meinen Körper mit Angstgefühlen erschüttern und mir den Atem und den Schlaf rauben.

Der bevorstehende Flug Irgendlinks, überübermorgen Vormittag von Alta nach Oslo, am Nachmittag von Oslo nach Frankfurt macht mit nervös. Zumal ich weiß, dass Irgendlink nicht gerne fliegt und er auch noch nicht weiß, ob und wie der Fahrradversand klappen wird. Ist es seine Nervosität oder ist es meine, sie ich spüre? Hinter der Nervosität lauert die Angst, dass etwas geschieht. Flugzeugabstürze sind zum Glück selten, sage ich mir. Doch Ängste sind irrational, wie wir wissen, meine jedenfalls. Fast alle meine Ängste sind irrational. Und nur ganz wenige kann ich mit dem Verstand und mit Erklärungen weg-ixen.

Angst also. Angst in vielen kleinen Alltagsdingen, die wir tun und lassen. Angst vor der Langeweile, die uns doch schon schön mit der Weile verbinden könnte, mit der Ruhe, mit dem Sein. Aber da ist eben auch gleich die Angst vor dem Alleinsein zur Stelle. Und jene vor der Stille. Vor der Nähe zu sich selbst.

Angst ↔ Mut

Ich füttere meine Ängste neuerdings mit Mut. Ich versuche, mir in konkreten Angstmomenten mutige Alternativen vorzustellen, denke mir Gegengewichte aus, fühle Gegengewichte. Nein, das ist nicht einfach. Aber einen Versuch wert.

Respekt und so Sachen

Ich habe Respekt vor Menschen, die in größeren Zusammenhängen denken können. Frau Meike zum Beispiel. Diesen Artikel gestern, den ich auf Twitter verlinkt habe, müsste Pflichtlektüre sein.

Bitte lies ihn: Die Enden der Skala (hier klicken). Wie Übervölkerung Seximus auslösen kann und zu kurzes Denken und Fehlinformationen uns in eine Einbahnstraße führen, aus der es vielleicht kein Zurück mehr gibt.

Auf dem Weg zur Arbeit denke ich über diesen Text nach. Denke darüber nach, dass und wie wir Menschen uns vielleicht eines Tages selbst ausrotten. Weil es noch nicht mal mit dem Umdenken klappt, geschweige denn mit dem Umhandeln. Unser Körper, so sinniere ich unterwegs, unser aller gemeinsamer Körper ist die Erde. Oder unsere Mutterbrust. Aber so wie wir damit schindludern, nun ja … ihr wisst es selbst.

Tendenziell verliere ich ob all des Schrecklichen, das ich um mich herum und in der Welt wahrnehme, den Blick für das Gute, für die Details, für die Schönheit. Aber nein, das kann es auch nicht wirklich sein, denn das fördert ja meine Absicht, die Mitwelt zu einem besseren, lebenswertvolleren Ort zu machen, auch nicht.

Vollgepackt mit Post aus dem Kasten, öffne ich die Schulhaustüre. Ein paar Kinder sitzen an den Tischen im offenen Foyer und scherzen miteinander. Einige brüten über Heften, einige grüßen mich.

Respekt!, denke ich. Wie es der Welt geht, wie es unseren Mitmenschen geht, wie es mir selbst geht, hängt davon ab, wie viel Respekt ich-du-er-sie-es von den andern bekomme/bekommt und diesen entgegenzubringen fähig ist.

Doch wie bringt man einem Kind Respekt bei?, frage ich mich, während ich die Bürotür aufschließe. Manche haben ihn, manche nicht. Respekt kommt von Rücksicht und äußert sich darin, dass wir unsere Mitmenschen und unsere Mitwelt aufmerksam wahrnehmen und behandeln, freundlich mit allen umgehen, aufrichtig sind und aufmerksam sind auf deren Bedürfnisse und deren Belastungsgrenzen. Und dass wir uns unseres Handelns im Kontext mit unseren Mitmenschen und unserer Mitwelt, dass wir uns der Wechselwirkungen bewusst sind. Mit uns selbst mit drin, denn Respekt fängt bei mir an. Schließt mich ein. Ich bin Teil meiner Mitwelt.

Wechselwirkungen also, mich als Teil des Ganzen wahrnehmen, wissen. Das kann aber nur funktionieren, wenn alle mitmachen. Oder viele. Wenn viele in großen Zusammenhängen denken. Wenn viele Verantwortung übernehmen.

Demokratie gut und schön, aber nicht immer handelt die Mehrheit richtig. Nicht, wenn sie gleichgültig geworden ist, nicht, wenn sie verstummt ist und wegschaut. Nicht, wenn sie Affe spielt – Siehtnix, Hörtnix, Sagtnix.

Bevor ich ins Büro gefahren bin, war ich zuerst für eine Stunde im Chefbüro im Nachbarort – den Chef bei seiner Abschlussarbeit für die Weiterbildung coachen. Sein Büro ist auch in einer Schule, einer Grundschule. Wie ich vom Parkplatz zum Büro gehe, höre ich hinter mir die Stimme eines Mädchens, eine singende, eine glücklich singende Stimme. Ich drehe leicht den Kopf und sehe sie. Vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Mit dem Trottinett auf dem Weg zum Kindergarten. Selbstversunken. Eins mit sich und der ganzen Welt. Ich gestehe, dass ich sie um ihre Leichtigkeit beneidet habe. Und ich habe ihr ganz fest gewünscht, dass sie sich viel davon bewahren kann. Dass sie ihr Lied nie verliert, und nie die Lebensfreude. Aber dass sie Verantwortung übernimmt. Dass sie mitfühlt und mitdenkt. Und dass sie in Zusammenhängen denken lernt.

Human meint human. Eigentlich.

Es ist ja nicht so, dass es zu anderen Zeiten sehr viel anders wäre als jetzt. Nur halt anderswo. Weiter weg. Wo man besser wegschauen kann. Ich jedenfalls.

Und nun geht das grad überhaupt nicht mehr. Nicht bei mir. Und obwohl ich weiß, dass ich im Moment – hier wo ich bin – nicht viel ausrichten kann, außer Haltung zu zeigen, fühle ich mich schuldig. Nicht, weil ich Kriege angezettelt habe. Aber weil ich Teil dieser Gesellschaft bin. Schuldig? Oder nennen wir es wohl besser mitverantwortlich.

Ich sitze da und stelle mir vor, wie sich diese Familie wohl fühlt, von der gestern die Kaiserin (→ hier) gebloggt hat. Das Kleinkind, das körperlich behindert, mit den Eltern und seinem Geschwister auf der Flucht war. Wochenlang vielleicht. Wie sich das Kind fühlt, wie es denkt, was es denkt, was es sieht, wenn es morgens in diesem Moabiter Flüchtlingslager aufwacht. Was fühlt die Mutter? Was der Vater?

Es gelingt mir nicht, diese vielen flüchtenden Menschen als Masse zu sehen. Ich sehe Menschen. Einzelne Menschen. Viele einzelne Menschen, die genau so wie ich denken, fühlen, hungrig & durstig sind, bedürftig, müde, sich zurückziehen wollen …

Wenn dann andere Menschen in unserer Zeit und in unseren Ländern so tun, als hätten sie mit alledem nichts zu tun, kommt mir die Galle hoch.

Eine tolle Antwort auf einen solch ignoranten Kommentar hat hier Liisa geschrieben:
„Dass sich heute Clans um Ölquellen schlagen, viele Länder Dikatoren haben, etc. etc. sind in den allermeisten Fällen Folgen kolonialen Verhaltens von Europäern, das bis in die Jetztzeit – nur mit anderen Mitteln und heute (meist) nicht mehr so bezeichnet – fortgesetzt wird. Es sind die Folgen davon, dass wir (Europäer, Deutsche, US-Amerikaner, etc.) Waffen in diese Länder bzw. an Diktatoren verkauft haben, und uns daran Jahr für Jahr goldene Nasen verdienen.

Sie haben recht, dass die Vergangenheit, bzw. Teile davon nicht der einzige Grund sein sollte, warum wir Menschen in Not heute helfen, aber es ist einer von diversen Gründen. Weitere Gründe sind z.B. die Menschenrechte, die nicht nur für privilegierte Weiße/Reiche gelten, sondern für alle Menschen und dass man Menschen in höchster Not nicht die Tür vor der Nase zuschlägt.“
(Quelle: Kommentar von Liisa Charming Quark)

Schnitt.

Vor ein paar Tagen. Zwei Zwölfjährige haben sich geprügelt.  Einer ist auf den andern los. Hat ihn getreten. Tage später hat jener, der zugeschlagen und getreten hat, den andern um Verzeihung gebeten. Der andere hat ihm verziehen. Im echten Leben. In dieser Welt.

Allen Menschen Frieden – ja, das wünsche ich mir, seit ich denken und wünschen kann. Allen. JAWOHL, ALLEN! Auch wenn dieses verdammte ALLEN auch jene meint, die Kriege anzetteln.

Nein, es ist nicht so, dass es zu anderen Zeiten sehr viel anders wäre als jetzt. Leider nicht. Ich wünsche mir für mich, dass ich in mir endlich Frieden mit dieser Welt voller Kriegsherde machen kann. Nicht resigniere und verbittere, sondern bereit zu handeln. Dass ich meine Kraft nicht in die Empörung und das Entsetzen, nicht in die Hilflosigkeit und Verzweiflung stecke, wie ich es im Moment leider tue, sondern dass ich sie für Mitgefühl und Handeln-bei-Bedarf einsetzen kann.

Mach doch auch mit beim Crowdfunding #Blogger für Flüchtlinge – Menschen für Menschen: Jetzt spenden: Bitte hier → klicken!

screenie Blogger für Flüchtlinge

Das Schamding

Immer wieder staune ich, worüber Knausgård sich alles so schämt oder was ihm – für ihn selbst oder stellvertretend für Linda, seine Frau – alles so wahnsinnig peinlich ist. Da gibt es diese Stelle in seinem Buch LIEBEN, wo er mit seiner Frau und seiner Mutter in https://i2.wp.com/waslesen.ch/wp-content/uploads/2014/04/Lieben.jpgeinem Restaurant eine ungenießbare Fischsuppe vorgesetzt bekommt. Alle drei versuchen es abwechselnd in der Küche mit einer schüchternen Reklamation, bekommen keinen Ersatz und verlassen schließlich, ohne gegessen aber bezahlt zu haben, das Lokal. Und ihm ist es total peinlich. Ob Scham kulturell verschieden ist, frage ich mich da nicht zum ersten Mal. Ich bin auf jeden Fall diesbezüglich unbarmherzig. Wenn ich etwas nicht essen kann, gebe ich es zurück, bezahle es nicht und es ist mir nicht peinlich. Wenn ich etwas zahle, dann muss es auch essbar sein.

Aber Scham ist mir natürlich nicht fremd. Ich erlebe Scham vor allem bei seelischen oder seelisch-körperlichen Unzulänglichkeiten, Dinge, die ich energiemäßig nicht schaffe, für die ich nicht stark genug bin. Zum Beispiel, dass ich so geräusch- und geruchsensibel bin, ja, dafür schäme ich mich manchmal. Dass ich mit Lärm und Gestank nicht wirklich locker umgehen, solche Dinge nicht einfach ignorieren kann. Weghören und wegriechen geht fast nie. Oder aber ich schäme mich für doofe Tippfehler. Ja, und für tollpatschige Missgeschicke im Alltag, bei der Arbeit, Vergesslichkeiten. Alles sehr menschliche Dinge im Grunde, die uns allen passieren, aber Dinge halt, in denen ich den hohen Ansprüchen an mich selbst nicht genüge. Die daraus entstehende Scham ist seltsam unfassbar, selten fassbar, benennbar. Und sie ist selten auf einen Menschen gerichtet, vor dem ich mich konkret schäme, noch nicht mal wirklich auf mich selbst. Eher auf die unfassbare, unbekannte Masse von Menschen, die mir eigentlich egal sein könnte.

Ja, auch Fremdschämen tue ich mich manchmal. Für mein Land vor allem in politischen Belangen. Für meinen Kanton (= Bundesland). Für mein Dorf auch. Zum Beispiel nach Abstimmungen, die unerwartet nach rechts kippten. Ja, solche kollektive, solidarische Scham kenne ich; ansonsten, persönlich, für andere, ist mir fremdschämen je länger je fremder geworden.

Schreibend denke ich über mögliche Zusammenhänge oder Auslöser zwischen Scham und Eitelkeit nach. Vielleicht hängen diese beiden Themen stärker zusammen als wir denken? Und was zum Teufel ist Eitelkeit eigentlich genau? Was will sie? Wem dient sie und wohin zielt sie?

Und was passiert eigentlich mit mir, wenn ich etwas getan habe, das mich beschämt? Herzklopfen, ein heißer Kopf, ein bisschen Wut auf mich selbst. Irgendwann später – hoffentlich, meistens und immer häufiger – ein Grinsen. Ein Ist-ja-nicht-soo-schlimm-Gedankenkuss als Selbsttrost. Denn, ganz ehrlich, da ist (in aller Regel) niemand, der meine schamhaften Momente auf einer schwarzen Liste festhalten oder mich nun verachten würde. Und selbst wenn? Was geht mich dieser Mensch an, der mich verurteilt, weil ich nicht unfehlbar bin? So what?

Dennoch triggert die Scham. Bloß da zu stehen, nackt, bloßgestellt – dieses Schamding weckt wohl in mir, in fast allen von uns, alten Schmerz aus der Kindheit. An der Wandtafel stehend, die physikalische Gleichung nicht lösen können, weil ich die Formel nicht mehr weiß, die ich auf dem Stuhl dort hinten noch wusste. Ich ahne, dass es solche Erlebnisse sind, aus der wir unsere Scham geformt haben. Die uns zu schamhaften Wesen gemacht haben. Mir imponiert diesbezüglich Lindas Mutter, um wieder zu Knaugårds Buch zurückzukommen.

Diese Szene mag ich, wo Knausgard über eine Silvesterfeier erzählt, im Laufe derer sich alle sechs Freunde, drei Paare, gegenseitig ihre schrecklichsten Kindheitserlebnissen erzählen und dabei rückhaltslos offen sind. Linda erzählt von ihrer Mutter. Die keine Scham kennt. Die aber gerade durch ihre schamlose Art, sich für sie, ihre Tochter, einzusetzen, Linda sehr oft in tiefste Verlegenheit gestürzt hatte. Wieder diese Scham, die wir als Kinder so ganz anders denn als Erwachsene wahrnehmen. Für Kinder ist Scham das Monster, das uns für immer und ewig verschlingt.

Ich stutze, dass die Offenheit dieser Runde offenbar eher ungewohnt und unerwartet ist, ein bisschen der Müdigkeit und dem Alkohol geschuldet wohl auch. Schade eigentlich, denn unter Freunden sollten wir uns doch trauen. Oder ist es wohl so, dass wir uns doch nicht so ganz trauen, uns andern zuzumuten?

Oh ja, da steckt Vertrauen und Mut im Satz. Und beides braucht es wohl, um das Schammonster zu überlisten.