Über Parallelleben wurde schon viel geschrieben. Bei mir sind es zum Glück nur zwei. Eins dort, das andere hier. Hier, wo meine Wohnung ist, hier in der Schweiz, wo ich seit ein paar Stunden nun wieder – nach neun Tagen dort, beim Liebsten, in der Pfalz – meine Räume genieße, meine Künstlerinnenhöhle. Dreckige Wäsche am Boden. Viele neue Bilder auf dem Rechner. Dichte Tage waren das. Kreative. Inspirierende. Kunstvolle.
Am Freitagabend genoßen wir das geniale Theaterstück Happy Hour oder Liebe und noch’n Martini, gewoben aus Texten der wunderbaren Dorothy Parker und Liedern aus den Zwanzigern, das Silvia Bervingas, Bea Melendez und Theresa Fuhrmann erarbeitet und aufgeführt haben.
Gestern Nachmittag Besuche in zwei tollen Künstlerateliers, die – im Rahmen der Offenen Ateliers Rheinland-Pfalz 2014 – ihre Türen weit geöffnet hatten. Oppulente, farbenintensive Kunst. Wahrhaft berührende Bilder haben Peter Padubrin-Thomys und Artur Bozem ausgestellt. Hier ein paar kleine Häppchen.
Wer Zeit und Lust hat und/oder sich absichtlich oder zufällig in der Gegend aufhält, ist herzlich zu unserem Offenen Atelier am nächsten Wochenende eingeladen. Samstags und sonntags von 14-19 Uhr sind die Ateliertüren auf dem Rinckenhof weit offen für euch. Samstagabends grillen wir anschließend gemütlich. Mehr Details bei Irgendlink drüben.
Ich frage mich einmal mehr, ob nicht jeder Text, jedes Bild, jedes Gespräch ein Zipfelchen meiner vielen Leben ausdrückt, eine meiner vielen Lebensfacetten ist. Nein, wenn ich es mir so recht überlege, führe ich keine Parallelleben, denn das alles bin ich. Manchmal ist dort hier und hier dort und manchmal dominiert rot und manchmal grün. Mal bin ich still, mal lache ich laut und derb.
Gestern um diese Zeit saßen wir dort. Am Feuer. Zu viert – QQlka, Silvia, Irgendlink und ich. Heute sitze ich hier, daheim, an meinem Rechner. Alles ich.
Der Frauenversteher hat gemeinhin hüben wie drüben einen eher zweifelhaften Ruf. Ist er bei den „richtigen“ Männern – whatever this means – eher das Weichei schlechthin, wissen selbst die von ihm so verstandenen Frauen nicht so recht, ob sie ihm trauen dürfen oder ob das alles nur eine Masche ist. Anmache – nein, liebe Mit-KunstzwergInnen, nicht Pappmaché und auch nicht Papiergeschleimtes, schlicht und einfach Schleim pur. Wenn frau der Sache im Weltweiten Netz nachgehen will, findet sich wenig Hilfreiches. Dass der Frauenversteher Bescheid über ihre Lieblingsblumen, Modemarken, Spinnen- und Mäusephobien wissen sollte, macht ihn aber für mich noch lange nicht zum echten Mäuse- ähm Frauenversteher (oh, Freud!). Hingegen der Echte Frauenversteher | EFV® ist in Wahrheit einer, der die Straßenseite wechselt, wenn er merkt, das die Frau, die spätnachts vor ihm durch die ansonsten leere und stille Straße geht, nur deshalb immer schneller geht, weil sie in ihm einen potentiellen Verfolger vermutet. Das weiß auch Blogger Glumm und macht’s.
Ein Echter Frauenversteher | EFV® ist in Wahrheit einer, der sich der latenten Angst der Frau vor der physichen Übermacht der Mannheit bewusst ist, einer, der weiß, dass Frauen eher intuitiver und irrationaler als der Durchschnittsmann, so es den überhaupt gibt, wahrnehmen und handeln. Damit höre ich aber mit der Verallgemeinerung der Frau und ihrer Reduzierung auf einzelne Eigenschaften auch schon auf. Der einzige Unterschied zwischen Mann und Frau besteht nämlich – mann höre und staune – einzig im unterschiedlichen Geschlecht. Genauer gesagt, am etwas andern Mix der Hormone. Ansonsten sind sich Mann und Frau nämlich gar nicht mal so unähnlich. Beide haben Angst. Beide haben Mut. Beide mögen das eine und verabscheuen das andere. So haben wir zum Beispiel am letzten Wochenende, am besagten Kunstzwergfestival, herausgefunden, dass Menschen, die Lakritze, Salmiak und ähnliche Süßigkeiten NICHT mögen, gewisse eher schräge Musik dafür mögen, während Menschen die Süßigkeiten wie Lakritze & Co. mögen, dafür gewissen Musik NICHT mögen.Eine Inkompatibilität von Geschmäckern sozusagen.Und dies sogar unabhängig vom Geschlecht! Zugegeben, die Umfrage war womöglich nicht repräsentativ genug um wissenschaftlich anerkannt zu werden, doch die Tendenz war so deutlich, dass wir durchaus gewisse marktrelevante Schlüsse ziehen könnten. Womit wir bei der Männerversteherin, der Echten Männerversteherin | EMV® wären.
Will ich nämlich Männer wirklich verstehen, muss ich zuallererst aufhören damit, voreilige Schlüsse zu ziehen. Auf die Gefahr hin, meinen Ruf als die emanzipierte Frau, die ich bin (und das sowohl gerne als auch aus Notwendigkeit), einzubüssen (was mir allerdings ziemlich am A*** vorbei geht), oute ich mich hiermit als Echte Männerversteherin | EMV®. Richtig, liebe Frauen und liebe Männer, echt und Männer und verstehen stecken da drin. Geht das überhaupt zusammen? Und wenn ja, warum behaupte ich sowas von mir? Na ja, ich habe immerhin ein Kunstzwergfestival mit nur einer andern Frau und Herrscharen – ja, das muss so, ist kein Tippfehler! – von Männern heil überlebt. Und es ging mir sogar ziemlich gut dabei. Nein, man muss sich dabei nicht verbiegen, man muss sich auch nicht so sehr integrieren oder gar wie ein Gummibärchen in Wasser auflösen, dass man selbst zum Quasi-Mann wird (obwohl ich ja dank Whiz Freedom® nun auch im Stehen … aber das ist ein anderes Thema).
Item. Es reicht schon, den Mann als Menschen der selben Spezies mit leicht veränderter (zugegeben ein wenig vereinfachter) Mixtur wahrzunehmen, ihn nicht zu fürchten, seine Ängste zu wahrzunehmen, genau hinzuschauen und hinzuhören, sich auf ihn einzulassen. (Wie es allerdings zugeht, wenn Männer ganz unter sich sind, werde ich nie wissen. Will und muss ich zum Glück auch nicht. Obwohl …Vielleicht werden sie ja endlich ganz weich und offen und authentisch? Oder werden sie eher derber als ich ahnen kann, weil sie – ähnlich wie zickenkriegerische Frauen – stets den Platzhirschstatus anstreben oder verteidigen müssen? Das hängt vermutlich von Alter, Reife, Bildung und anderen Faktoren ab …). Die Echte Männerversteherin | EMV® muss das jedoch nicht kümmern. Sie interessiert sich dafür dafür (ja, das Wort muss doppelt) zu verstehen, wie der Graben zwischen Mann und Frau entstand, wozu er schlecht ist und warum noch immer so viel polarisiert und Halbwissen mit Vorurteilen aufgebauscht wird, statt dass wir von beiden Seiten die herumliegenden Steine statt zu Mauern zu Brücken verbauen.
Die Echte Männerversteherin | EMV® ist eine Forscherin, sie ist eine, die nicht glauben will, dass die beiden Geschlechter sich ihres Geschlechtes und des kleinen Unterschieds wegen bewerten und bekämpfen müssen, sie ist eine Idealistin, eine Träumerin, eine, die die Hoffnung nicht aufgibt, dass Frieden zwischen den Geschlechtern irgendwie machbar und sogar langfristig möglich ist. Denn ganz ehrlich: Obwohl ich mehr Rechte für die Frau will (ebenso viele wie sie der Mann ganz selbstverständlich hat), will ich wiederum nicht, dass der Gemeine Mann (der sich vom Kaputten, vom Bösen, vom Gewalttätigen, vom Etcetera-Mann deutlich durch seine Harmlosigkeit unterscheidet) nur aufgrund seines Geschlechts eine Kollektivschuld tragen muss wie wir Frauen sie – hierzulande weniger, aber anderorts noch immer sehr – kennen und kannten. Es darf nicht sein, dass physische Vorteile (hier sind Muskeln gemeint) so gewichtig sind, dass sie höher gewertet und gewichtet werden als die Summe aller Einzelteile, die einen Menschen ausmachen – unabhängig seines Geschlechts. Auch fehlende Phantasie, fehlende Empathie, fehlende Einfühlsamkeit in das andersgeschlechtliche Gegenüber dürfen nicht verallgemeinert und auf den Rest der Mannheit übertragen werden.
Give Men A Chance!, also. Mein kleines Plädoyer für Integration statt Segregation schreibe ich in der womöglich trügerischen Hoffnung, ein klein bisschen zum Weltfrieden beitragen zu dürfen. Selbst wenn es, wie die geneigte Leserin und der geneigte Leser gemerkt haben dürften, ein klitzekleinebisschen satirisch daherkommt.
Wird mir von außen keine Struktur vorgegeben, finde ich meine eigene. Seit einer knappen Woche lebe ich nun mit Irgendlink und mehr oder weniger Gästen auf dem Einsamen Gehöft. Freund QQlka ist nach dem Kunstzwergfestival, das wir am letzten Wochende feierten, gleich hier geblieben. WG-Leben auf dem Künstlerhof. Zu dritt wuseln wir draußen, im Atelier und in der Wohnung herum. Die Ausstellung, das Offene Atelier, zu dem Irgendlink und meine Wenigkeit am 20./21. September hierher einladen, rückt mit Elefantenschritten näher.
Die letzten Tage habe ich weitere Ideen gesammelt, gesichtet, zum Teil umgesetzt, mich aber vor allem dem Kunst-Gehäuse, dem Kernstück der vorgesehenen Rauminstallation, gewidmet, einem Vorratsschrank. Die Militärtruhe von Irgendlinks Großvater habe ich buchstäblich von altem Staub befreit, von Dreckschichten und Spinnweben. Das Innenleben haben wir mit Brettern, die als Tablare dienen, aufgewertet. Der Deckel ist die Schranktüre, weil die Truhe aufrecht im Raum steht. Schwerter zu Pflugscharen war gestern, heute werden Militärtruhen zu nährenden Kunstobjekten.
Was nährt
Wie ich gestern die letzte Schicht Leinölfirnis auftrage, kommt Freundin S. vorbei. QQlka sitzt am Biertisch und kleistert an seiner tollen Skulptur. Irgendlink ist oben und bloggt. Später kommt Freund R. und auf einmal sitzt eine fünfköpfige Hof-Familie gemütlich schwatzend am freien Biertisch. Schorle, Kaffee und Tee, gute Gespräche, Sonne – was will mensch mehr?
Während Irgendlink später im Atelier Freundin S.s PC auseinanderschraubt und neu – wieder funktionierend – zusammensetzt, öle ich die letzten Bretter. So macht Leben einfach Freude, so lebe ich gerne. Fühle ich. Sage ich. Denke ich.
Später, QQlka und Freundin S. haben eingekauft, sitzen wir am Feuer, essen Gegrilltes, lassen den Tag Tag sein und die Nacht Nacht werden und ich fühle mich, wie immer öfter in der letzten Zeit, zufrieden, glücklich, erfüllt vom Wissen, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin.
Am Anfang war die Glut. Nein, falsch. Das Papier. Die Pappe. Ein paar Äste, aufgelesen in der Hühnerweide. A. schichtet in schönster Pfadfindermanier eine kleine Anbrennvorlage für ein großes Feuer zurecht. Entfacht das Bauwerk, fächelt Luft zu, freut sich an der großen Flamme, legt neue Ästchen nach. Tolles Feuer.
Wir sitzen am Tisch unweit der Grillstelle, schauen mal zum Feuer, mal einander in die Augen. Erzählen dies und das und auf einmal ist A. weg. Auf dem Feuer liegen inzwischen ein paar richtig fette Prügel, die auch schon da und dort ein bisschen kokeln und rötlich tun. Wir sitzen, reden, schauen. Die große Flamme wird kleiner und kleiner, mehr als ein bisschen Glut haben die großen Äste nicht gefangen.
Die Mittelschicht fehlt, sage ich. Wenn ich etwas ziemlich gut kann, dann Feuer. Mittelschicht wird beim Feuermachen unterschätzt. Mittelschicht braucht es, damit auch die Großen, die großen Holzstücke, Feuer fangen können. Doziere ich. QQkla bestätigt meine Theorien. Ach, die Normalverteilkurve!, seufze ich. Wir denken, lebhaft unterstützt von den beiden Rs und T, darüber nach, ob es ethisch und pädagogisch vertretbar sei, dem Feuer, das nächstens auszugehen droht, auf die Sprünge zu helfen. Oder es ausgehen lassen. Lassen dürfen. Denn man darf doch einem andern Menschen nicht einfach so dreinfunken, sagen wir. Als Kunstschaffende ist das eh keine Frage. So diskutieren wir die Vor- und Nachteile, dass der Feuerlerneffekt für A. gleich Null sei, wenn jemand von uns in seiner Abwesenheit einfach „sein“ Feuer optimiere. … und überhaupt, wo käme man da hin, wenn sich alle immer und überall einmischen würden? Andererseits, wo kämen wir hin, wenn wir es täten. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort. So funktioniert sie doch, die Welt!, sagt jemand. Alle gucken zu, wie sie vor die Hunde geht und niemand mischt sich ein. Niemand wehrt sich. Niemand legt Hand an.
Du meinst, sage ich, du meinst also, es ist womöglich doch besser, wenn ich nun aufstehe und das Feuer schüre?Ihm mittelschichtiges Holz füttere. Zwei-drei Handgriffe für eine bessere Welt. Die Runde nickt, doch da bin ich schon aufgestanden und schichte die Hölzer geringfügig neu, Heldin des Feuers ich. Nun fächle ich Luft dazu und schon brennt das Feuer wieder. Mittelschicht eben, die braucht es. Ich habe die Welt gerettet!, sage ich, als ich mich wieder auf die Bank setze.
Schnitt.
Es ist eine halbe Stunde nach Mitternacht. Irgendlink, QQlka und ich haben uns abgesetzt. Das abendliche Konzert strapaziert unsere Gehörorgane ganz schön. Kunstzwerg ist nicht klein und niedlich, sondern ziemlich groß, jedenfalls in Sachen Dezibel. So viel Größe ist manchmal nicht einfach auszuhalten. Wir drei sind müde, doch zum Schlafen ist a.) die Umgebung noch zu laut und b.) sind wir noch zu aufgekratzt. Ein Fast-Vollmond-Spaziergang ist da doch das beste, was man tun kann. Zu den zwei Birken und wieder zurück. Auf der Europenner-Bank eine lange Pause. Philosophieren über Kunst. Und warum sie manchmal weh tut, weh tun muss. Während Irgendlink im Sitzen einschläft, erzählt mir QQlka, wie er das sieht. Wie das funktioniert mit den Schmerzgrenzen. Und dass es Schmerz gibt, den wir uns – wie beim Abknubbeln einer Kruste – zufügen, weil wir es nicht lassen können, weil wir an die Grenze gehen müssen, weil es für uns womöglich ein heilsamer Schwerz ist oder wird, was wir aber erst erfahren, wenn wir es ausprobiern … Auch gibt er zu bedenken, dass die, welche die Musik, die Kunst, das Ding eben machen, eine andere Wahrnehmung haben, als jene, die von außen zuschauen. Während ich ihm zuhöre und der fast volle Mond aus den Bäumem schwarze Schattenrisse zeichnet, öffnet sich mir wieder ein neuer Raum des Verstehens.
Sonntagmorgen Blick aus dem Zelt
Wie wir zurück zum Hof kommen, liegt eine friedliche Ruhe über der Menschengruppe an den Tischen und am Feuer. Mir ist wohl, obwohl ich Kopfweh habe. Ich gehe ins Zelt, das Irgendlink und ich ganz zuunterst auf der Hühnerwiese aufgebaut haben, weil er seine Künstlerbude an die Veranstalter und ein paar Gäste abgetreten hat.
Ehrlich, Kunstzwergfestivals machen ganz schön Spaß. Aber, ebenfalls ganz ehrlich, ich bin auch immer wieder froh, wenn sie vorüber sind. So viele Gespräche über Kunst, Nicht-Kunst und das Leben als Kunstschaffende, wie ich sie in den letzten zwei Tagen, seit ich auf dem Einsamen Gehöft, das dieser Tage alles andere als einsam ist, geführt habe, müssen erst mal wieder verdaut werden.
Schnitt.
Sonntagabend. Schon dunkel. Ich sitze am Esstisch neben der Feuerstelle. Die Laptoptastatur liegt im Dunkeln. Halb neun ist es schon schwarz. Auf dem Feuer brunzeln Dinge. Nur noch sechs Leute sind wir. Gemütlich ist es. Und doch: herbstlich kalt. Bevor meine Hände abfrieren, werde ich gleich auf publizieren klicken, das Kunstzwergfestival sein lassen, was es war – toll! intensiv! anstregend! – und mich am Feuer aufwärmen.
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Mehr übers Kunstzwergfestival auch bei Irgendlink drüben: > hier und > hier und > hier.
Schreib zuerst einen Zettel, eine Liste, sonst kriegst du das nicht auf die Reihe!, mahne ich mich. Ich gehorche mir. Abstimmen steht drauf, Mail an Schreibgruppe und anderes. Schließlich habe ich ja nun zwei Tage mehr Zeit, weil ich erst am Freitag nach Deutschland fahren werde statt heute. Zeit – darum geht es. Nein, falsch. Nicht Zeit, nicht wirklich, sondern dieses Ding im Kopf, das so ähnlich wie eine Sanduhr funktioniert und mir weismachen will, Zeit sei knapp. Kann sie das sein? Sind es nicht vielmehr meine Wahrnehmung, meine Ansprüche, meine Vorsätze, meine Innen- und Außenpflichten, die im Verhältnis zu der mir zur Verfügung stehenden Zeit zu groß sind?
Wie auch immer. Was ich sagen wollte: Weißleim ist eine tolle Sache. Damit kann man nicht nur kleben, man kann auch eine Art Lackschicht über Papier ziehen. Denn Weißleim wird, wenn er trocken ist, durchsichtig. Und schützt so das Papier ein bisschen. Wie Kleister, den ich schon lange kaufen wollte. Was ich damit sagen will? Nichts. Außer vielleicht, dass Weißleim einer meiner im Moment – neben Farben und Papier – am meisten verwendeten Werkstoffe ist.
Lebensrad
Während ich an den einzelnen Elementen meiner Installation arbeite, überfluten mich laufend neue Ideen. Ich werde nicht alle umsetzen können. Oder vielleicht einfach noch nicht. Am 20./21. Sept. werde ich einfach das ausstellen, was da ist. Womöglich, ziemlich sicher sogar, wird die Installation auch danach weiter wachsen, werden laufend neue Elemente dazukommen, denn „Was uns wirklich nährt“, ist eine Thema, das sich auf so vielerlei Weise verstehen lässt. Meine Installation ist ein Antwortversuch, so persönlich und so allgemeingültig es eben geht. Wie hat es Irgendlink gestern so schön geschrieben?
„Sie zeigt eine dreidimensionale Installation, welche die Betrachtenden dazu verführt, sie mit allen Sinnen zu erleben. Die Inhalte der einzelne Objekte – als Vorratsgefäße gestaltet – werfen die Frage auf, was uns wirklich nährt. Die Künstlerin hat für ihren „Vorratsschrank“ vor allem Holz, Glas, Farben und Papier verwendet.“
Vorgegenwart. Als wäre ich schon fertig. Bin ich längst nicht. Warum auch immer. Weil ich zu undiszipliniert bin. Weil ich noch andere Baustellen am Bein habe. Weil ich mein Geschäft voranbringen sollte und will. Weil …
Wie hat CQ gestern so schön gesagt? KünstlerInnen sollten von der Gesellschaft, in der sie leben, unterstützt werden, entlöhnt. Kunst ist lebenswichtig für jede Gesellschaft, für jede Kultur.
Hm, gut und schön. Wie wichtig meine Kunst für andere, für die Welt ist, kann ich nicht beurteilen. Sie ist zumindest für mich überlebenswichtig. Könnte ich mich nicht ausdrücken, hätte ich keine Medien, um das, was mich beschäftigt, auszuk***n, würde ich eingehen wie eine Topfpflanze ohne Wasser. Und ohne Erde. Was mich auch die Idee bringt, dass ich doch … Wo ist mein Zettel. Aufschreiben. Schreibs auf, sonst vergisst du es wieder!
Ja, so ist es mit Ideen. Sie sind flüchtig. Sie wählen jemanden aus, dem sie sich vorstellen wollen. Wenn ich sie nicht will (weil ich keine Zeit habe?), gehen sie einfach weiter. Schmetterlingen gleich.
Bloggen steht auch auf meinem Zettel. Zuoberst. Weshalb ich es zuerst tue. Jetzt. Hier. Damit der Kopf wieder frei ist. Mehr Weißleim kaufen. Unbedingt. Schreib’s auf.
Was war zuerst da, das Klischee oder der Mensch, der es vorzieht, ihm gemäß zu leben? Oder warum sonst leben manche Leute wie holzschnittartige Figuren aus Filmen und Büchern? (Ob es ihnen wohl an echten, lebendigen, menschlichen Vorbildern mangelt?)
Lese ich Geschichten, sehe ich Filme, betrachte ich Kunstwerke, kann es schon mal vorkommen, dass ich das Buch zuklappe, den Film ausschalte, die Ausstellung baldmöglichst verlassen. Ganz besonders dann, wenn die gezeigten Figuren auf Grund ihres Geschlechts, ihrer Berufswahl, ihrer sozialen Stellung irgendwie vorhersehbar reagieren.
Frauen, die kreischend beim Anblick von Mäusen oder Spinnen in Ohnmacht fallen, und hinterher über Mode, Schuhe und jene Männer lästern, ohne die sie doch nicht leben wollen und können, die wiederum an nichts anderes denken können als an Fußball, RTL und/oder Sex mit einer andern. Reiche Ärzte, altruistische Pfarrerinnen, verschlagene Anwälte, mit Farbflecken auf der abgewetzten Jeans herumlaufende Malerinnen, arbeitsfaule Sozialbezüger und dumme Blondinnen sind für mich als Leserin noch schlimmer als Redewendungen der Kategorie „es regnete in Strömen“. Ausgelutschte Begriffe allesamt, die wie Kaugummi, den wir auf die Straße spucken, den Geschmack verloren haben – falls sie denn je einen hatten. Man muss die neuen Metaphern, die es zu finden gilt, ja nicht auf Teufel komm raus an den Haaren herbeiziehen (höhö, ich kann es auch, das Klischee!), das nicht, aber … Ein bisschen mehr Phantasie bei der Wortwahl und ein bisschen mehr Realitätsnähe (Menschen beobachten, sie wahrnehmen) kann gewiss nichts schaden, wenn man über sie schreiben will. Besser einmal ein möglicherweise unpassendes neues Bild verwenden, als die LeserInnen zu langweilen. Ach, und dies noch gratis mit auf den Weg: Adjektive und Adverbien verstärken Klischees in der Regel, und sind oft nicht mehr als warme Luft. Das können sie ziemlich gut. Gut? Was heißt das schon? Eigentlich sind sie ja nicht wirklich schön, sie sind meistens ziemlich böse, oder jedenfalls doof und fast immer überflüssig. 😉
Ich mag dagegen Texte, ich mag Kunst, ich mag Filme, wo mich die KreatorInnen hinter ihre persönliche Fassaden mitnehmen. Mich interessiert, was sie beim Kreieren fühlten, will es zumindest ahnen. Ich will etwas fühlen, wenn ich lese, ich will neue Bilder erleben, die zwar an vertraute Gefühle anknüpfen, mir dennoch neue Erfahrungen ermöglichen. Ich will berührt werden, hingerissen, mitgerissen, auf den Kopf gestellt. Ich will, dass das Ding, das ich lese und betrachte, etwas mit mir macht.
Darum habe ich diesen Anspruch immer auch an mich. Mehr als an alle andern. Darum will ich bei der Kunst-Installation, an der ich zurzeit arbeite, nicht Schlagwörter – reduzieren können wir gut, aber wie steht es mit differenzieren? –, sondern Inhalte fühlbar machen. Die Ansprüche an mich selbst sind auch diesmal – wie immer, wenn ich etwas kreiere – fast unerreichbar hoch. Die Versuchung des Perfektionismus mal wieder. Doch vielleicht wird diesmal alles anders? Denn seit ein paar Tagen fallen mir ständig neue Ideen und Dinge* zu,
Leere Flasche – Alles ist nichts. Nichts ist alles
die mein Ur-Konzept ver-rücken und durcheinanderbringen. Sie landen, wenn der Wind weht, wie Lindenblüten in meinem Schoß. Ich brauche sie nur aufzubrühen. Abwarten. Tee trinken. (Ja, das ist auch eine bestehende Redewendungen … – Sorry, bin gleich wieder da, das Wasser kocht …)
Ausgestellt wird das Teil – ein Denkmal, ein Dankmal, eine Rauminstallation, ein interaktive Installation, aber ganz ohne Technik – erstmals am offenen Atelier in D-Zweibrücken in drei Wochen. [Mehr dazu: HIER KLICKEN.]
* Diese Flasche wartete gestern auf mich, als ich das Altglas entsorgte. Sprach zu mir. Nimm mich mit, bettelte sie. Nun denn, so soll es denn sein. Du wirst Kunst!, sagte ich zu ihr. Worauf sie Anlauf nahm, hochsprang und sich in meinen Fahrradkorb setzte.
Buchstaben sind nicht
viele da nur sechsundzwanzig um
genau zu sein (in unserer Sprache jedenfalls) und unzählige
Möglichkeiten sie zu verbinden mit oder ohne Lücken zwischen-
drin um aus ihnen Wörter zu formen unzählige Möglich-
keiten nur schon auf Deutsch und für Sätze erst unendlich viele Kombi-
nationsmöglichkeiten zu sinnvoller und sinnloser Kreativität
um sich von A nach B zu schreiben nicht
einfach linear sondern zyklisch von Punkt
zu Punkt tanzen und dazwischen der
leere Raum des Unausgesprochenen des Unbe-
schreiblichen das Netz das die Tautropfen der un-
fertigen Gedanken auffängt und verdichtet
oder auch nicht denn
nicht alles muss sichtbar gemacht nicht alles muss material-
isiert werden heute sind es die Satz-
zeichen die keine Lust haben sich
an dieses Geschreibsel hier zu
binden weshalb diese Worte hier sich zu
einem einzigen langen Satz
versammelt haben
Punkt
(Reblogged, Original in meinem Uraltblog: hier klicken)
Nein, nicht klein
werden will ich. Ich strebe auch
nicht einen randlosen, unscharfen,
unfassbaren Gegensatz von
Narzissmus an, will kein
Mensch ohne Struktur, Gesicht, Gewicht
und Meinung sein. Und nein, auch nicht unsichtbar
zu werden, zu verschwinden ist mein
Ziel.
Doch anders mein
Gewicht verteilen will ich, anders
den Fokus auf mich und
mein Leben werfen.
Aufrichtiger. Mutiger.
Aufstehen. Aufrecht stehen.
Bewusst leben, atmen, gehen, üben, sein. Wahrnehmen.
Ausdrücken, was ich
wahrnehme. Ich müsste
platzen, könnte ich es nicht. Dürfte ich
es nicht.
Mit meinen Talenten.
Mit meinen Werkzeugen.
Mit meinem Wissen.
Mit meinem Können.
Dass alles nur meins geworden ist, weil
ich es wachsen lassen habe
während meines bisherigen Lebens.
Am Baum – wäre ich einer – sind
es Äste. Gewachsen, weil da Raum
war. Andere Äste habe ich nicht.
Einige sind abgebrochen, irgendwann, aus
Unachtsamkeit. Oder
erforen. Andere hatten
zu wenig Raum. Zu wenig Wasser. Und
jetzt bin ich so. Ein Baum unter
vielen. Mit Wurzeln. Mit Ästen. Verbunden mit allen
und doch die, die ich bin. Jetzt. Ein
Leben lang. Und nur die kann ich jetzt sein. Niemand
kann das besser als ich.
In meinem Uralt-Blog zu lesen, fasziniert mich. Heute teile ich mit euch einen mehr als fünf Jahre alten Artikel vom 14. Juli 2009 über Segen und Fluch von Schönheit.
„… das Schreckliche, das einer Seele durch Schönheit angetan werden kann … „
Ein Satz, der mich nach Luft schnappen lässt. „Wintergewölbe“ von Anne Michaels hat mich nach einem längeren Unterbruch nun endlich doch gepackt hat. Dieser dreihundertfünfzig Seiten dicke Roman erzählt von Heimat und Heimatlosigkeit, vom Verpflanztwerden, von der Illusion von Liebe und jener Liebe, die so schön ist, dass sie unerträglich wird. Von Harmonie auch. Und deren Gegenteil. Kein Easyreading, dieses Buch, sondern eins, das meine ganze Aufmerksamkeit beansprucht, das mich innehalte heißt, Sätze wieder und wieder kauen lässt, um sie ein klein bisschen leichter verdauen zu können.
Gestern, vor dem Einschlafen, gedacht: Wer einmal jene unfassbare jenseitige Schönheit erlebt, gesehen, geahnt, an ihr geschnüffelt, sie gerochen, geschmeckt, ertastet, gespürt hat, wer einmal den Himmel und den letzten Vorhang offen gesehen hat, für diesen Menschen ist alles, was danach kommt, ein Abklatsch, eine Imitation, eine Irritation. Die Ansprüche sind hinterher unfassbar. Nichts und niemand kann sie erfüllen. Dieser Mensch weiß nun nicht, ob er sich darüber freuen soll, dass er sie gesehen hat, diese absolute Schönheit, oder sie verfluchen und sich wünschen, er hätte damals weggeschaut. Und er weiß nicht, wie er inmitten dieser Unvollkommenheit leben kann.
Heute, beim Lesen meiner gestrigen Notiz ahne ich: Dieser Mensch bin ich – dieser Mensch sind wir alle. Wir alle haben sie gesehen. Irgendwann. Irgendwo. Und da, in uns, ist sie noch immer. Deshalb die Sehnsucht. Deshalb die Unzufriedenheit …
Mein Weg, damit zu leben, ist es, mich mit der Unvollkommenheit zu versöhnen. Ohne dabei die Augen vor der Schönheit in und um mich zu verschliessen. (Ende Zitat)
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Heute – es ist August 2014 – bin ich wieder an einem ganz ähnlichen Ort, innerlich. Obwohl … heute ist es weniger Unzufriedenheit als große Freude darüber, dass ich sie gesehen habe. Dass ich um sie weiß. Dass ich sie in mir trage. Jetzt. Hier. Und manchmal wird sie, ist sie ganz groß und sichtbar und schier unerträglich stark da. Sie macht mich dankbar, diese Schönheit, die ohne Dimensionen, ohne Raum, ohne Zeit auskommt, aber nicht ohne Sinn. Ihr Sinn ist es, uns Kraft zum Leben zu geben. Sie ist eine alles umfassende Schönheit, die sich allen Definitionen entzieht und sich nicht religiöse oder spirituelle Gewänder anziehen mag.
Vielleicht ist DANKE darum aktuell mein Lieblingswort.
Über Echtsein denke ich nach. Seit Tagen schon. Nicht zuletzt, weil Frau Mützenfalterin schon eine Weile darüber bloggt. Sie schreibt über „die Angst derjenigen, die Echtheit definieren, vor denen die „echt“ sind.“ (Zitat) Definieren nicht vor allem jene, die echt sein wollen, die sich nach echtem Sein sehnen, das Wesen von Echtheit?, frage ich mich. Habe ich womöglich gar Angst davor, als unecht entlarvt zu werden, ich, die ich mich so sehr nach Authentizität sehne und mich um sie bemühe?
Sein, nicht sein. Oder
so: Sein, noch nicht sein.
Werden. Unterwegs
sein. Auf dem Weg sein ohne
Widerstand zu leisten. Weder
aggressiven noch aktiven noch passiven. Einfach
akzeptieren.
JA.
Danke.
Habe ich resigniert? Oder bin ich womöglich ein klein bisschen weise(r) geworden? Habe ich gar die Kunst des Nichtreagierens verstanden? Ist Nichtreagieren vielleicht der Schlüssel? Agieren statt reagieren. Echt, aus meiner Mitte heraus. Verbunden mit meiner Mitte zu sein, mit meiner Schaltzentrale – darum geht es. Und um das Wissen darum, dass meine Zentrale mit allem, was ist, verbunden ist. Mit allen Zentralen. Mit allen Zentralen aller Lebenwesen. Das biologisch-spirituelle Internet. Alle unsere Zentralen, alle unsere Herzen sind die Zellkerne eines einzigen grenzenlosen Organismus – so stelle ich es mir zuweilen vor, dieses Lebensgewusel, zu dem wir alle gehören. Und alle wollen wir nur das eine: Leben, in Frieden und liebevoll leben, unserer Art gerecht.
Ob Mensch oder Schwein, ob Baum oder Stein.
Ich lese. Ich denke. Ich fühle. Ich nehme auf. Ich bin ein Schwamm. Ich lasse zu. Ich drücke aus. Ich drücke mich aus.
Input. Output.
Das Hamsterrad der KünstlerInnenseele?
So leben. So ist es artgerecht. So ist es echt. So passt es.
Wie Schuhe, die ich gerne trage.
Wanderschuhe.
Lebenswanderschuhe.