Saltstraumen-Trauma reblogged

Heute reblogged aus Irgendlinks Blog:

Teil 1 bei Sofasophia

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte, die Frau SoSo und ich vor einigen Tagen (im August 2014) angestiftet haben. Ich gab ihr drei Stichworte und das Genre „Horror“ und sie schrieb daraufhin den oben verlinkten ersten Teil. Mich fordernd, die Stichworte Espresso, Lofoten und Tippfehler in einem nächsten Kapitel zu verwenden.

 

Kapitel 2 – Sommer 1990

Gibt es etwas bescheuerteres, als nördlich des Polarkreises mit einem gelben Cabrio über die Landstraße zu jagen? Sie waren zu fünft. Die Mauer war im letzten Jahr gefallen und mit dem Fall des antiimperialistischen Schutzwalls hatte es neben vielen ganz normalen Menschen auch diejenigen in die DDR getrieben, vor denen man sie in der FDJ leider nie gewarnt hatte: Verkäufer, Vertreter für Staubsauger, Satellitenanlagen, Espressomaschinen, Landkäufer, Spekulanten und allen voran Autohändler. So gelangte ein frisch lackierter, nach Neuwagen riechender, glänzender, blitzesauberer VW-Golf-Cabrio in Egons Besitz. Die Egon. Ihren Spitznamen hatte sie an der Feier zum vierzigjährigen Bestehen der DDR erhalten, weil sie Egon Krenz die Hand drücken durfte. Dass das Schnäppchen für nur 9990 DM Baujahr 1979 war und seine besten Tage schon hinter sich hatte, bemerkte die Egon erst, als sie an der schwedisch-norwegischen Grenze darauf angesprochen wurde. Wie mutig sie seien, mit einer solchen Klapperkiste rauf zu den Lofoten … und das Kunststoffdach, ob das wohl dem Wetter standhalten würde. Was hatten sie gelacht, die Sonne im Rücken am Rande des skandinavischen Hochdruckgebiets, das sie seit zwei Wochen von Warnemünde bis hierher begleitet hatte. Kurz nach der norwegischen Grenze trübte der Himmel ein und als sie die Brücke über den Saltstraumen hinaufschossen, fielen die ersten Regentropfen. Wo ist der Scheibenwischer?, rief Leif nach hinten, während Frank vom Beifahrersitz aus alle Hebel neben dem Lenkrad ausprobierte. Die Egon zuckte mit den Schultern, den habe ich nie gebraucht. Die Brücke war eng. Die Druckwelle eines Lasters rüttelte am Wagen. Aber Leif trat beharrlich auf’s Gas und hielt die Tachonadel bei konstant hundert. Mach‘ langsam, schrie die Egon, wie sollen wir bei der Geschwindigkeit das Dach drüberziehen. Mit den beiden finnischen Trampern mühte sie sich an dem alten Kunststoffetzen. Leif blieb stur, drehte die Musik lauter, der Wagen röhrte. Binnen Sekunden der Gleichzeitigkeit geschah folgendes: Platzregen, ein weiterer LKW, das Dach von einer Böe abgerissen, Blaulicht von irgendwo, Come On Baby Light My Fire im Radio, KEIN Scheibenwischer, Schluss mit Wehendes-Haar.

Dann schob sich in Zeitlupe dieses Wohnmobil direkt auf sie zu. Viel zu spät zum Bremsen, Lenkradrumreißen, Vor-Angst-in-die-Hose-machen oder gar Beten. Die Egon schloss die Augen und als sie sie wieder öffnete, stand der Wagen, Leif, kreidebleich, klammerte zitternd die Hände ans Lenkrad. Dadidüdeldü-dadidüdeldü-dadidüdeldü-dümm, hauchten die letzten Takte der Doors aus dem Radio. Das Wohnmobil war verschwunden. Klatschnass saßen sie in dem Cabriolet und starrten auf das Loch im Brückengeländer. Ein Polizeiauto stoppte hinter ihnen. Es mochten Minuten vergangen sein. You can not stop here for sightseeing hörte die Egon den Polizist sagen. Sie war ausgestiegen und starrte hinunter ins trudelnde Auge des Saltstraumens. The Caravan … stotterte die Egon. It’s there, zeigte sie in die Fluten. Der Polizist ging zu dem Loch im Geländer. Sorry, Lady, we have to repair it. There was an accident a few days ago. Nobody was injured. A truck passed here and hit the fence. But we had an accident with a caravan and it disapeared here, keuchte die Egon. Der Polizist lächelte: A caravan? We did not see any caravan and we passed the bridge directly behind you … by the way, you might have been a little bit fast. And: WHERE IS YOUR ROOF?

Mein Gott, wieviele Jahre ist das jetzt her, dachte Leif. Immer, wenn er in existenzielle Situationen kam, lebensbedrohlich, besorgniserregend,  beängstigend, kam ihm die Sache auf der Saltstraumenbrücke in den Sinn. Obschon über die Jahre die Erinnerung nach und nach verblasste, blieb das Bild von dem Wohnmobil eine unheimliche Konstante. Wie ein nicht tilgbarer Tippfehler zog es sich durchs Buch seines Lebens. Wie das Wohnmobil auf sie zuraste und die Brücke zum Tunnel geriet, die Zeit zur Ewigkeit machte. Mit den Jahren verblasste alle Erinnerung an jenen Tag und übrig geblieben war nur das Wohnmobil, das womöglich nie existiert hatte. Eine zum Monument gemeiselte Schrecksekunde. Nun fand er sich wieder in einer ähnlichen grotesken Situation. Aus dem Nichts und ohne zu wissen, wie das überhaupt möglich ist vom Büro in diesen Kerker. Von der Arbeit an der A20 Brücke, die ihm wegen der Sandgründung alle Ingenieurskünste, die er sich je angeeignet hatte, abverlangte, in ein dunkles Loch, von dem er weder wusste, wer es gebaut hatte, noch, wer der Kerkermeister war. Eine Fesselung ist nur eine andere Form der Statik, erinnerte er sich. Alles Leben ist Statik. Es besteht aus Querstreben und Längsstreben, aus Zug-, Druck- und Scherkräften und wenn man über die Kräfte bescheid wusste und wie sie einander aufheben, so konnte man fast jedes Problem lösen. Das Rohr, an dem seine Hand festgebunden war, war einbebettet in das Kräftegefüge des Kerkers, das er mit Bordmitteln wohl nicht berechnen konnte, aber die andere Hand, die, die am Gürtel festgezurrt war, die konnte er berechnen. Nicht nur das, sie war auch beweglich.

Die nächsten Stichworte sind Staubsauger, Hackklotz und verflixt

Frau Blau möchte wohl gerne das dritte Kapitel schreiben, habe ich mir sagen lassen.

Die Geschichte ist offen.

Personnage:

Er (Leif)
Putzfrau
Die Egon
Zwei finnische Tramper
Frank
Norwegischer Polizist

Zeitlinie:

Jetzt und 1990

Kapitel:

Teil 1 (Sofasophia)

Teil 2 (Irgendlink)

… den Kopf nach links, nur ein bisschen …

Kapitel 1

Wenn er die Luft anhält und den Kopf ein bisschen nach links dreht, kann er das Tropfen besser hören. Sein Herzschlag scheint sich dessen Klang angepasst zu haben. Tuff-tuff-tuff. Ob sein Herz zu schlagen aufhören wird, wenn der Wasserhahn verstummt. Falls er verstummt? Woher das Wasser kommt, weiß er so wenig, wie wo er ist. Es ist dunkel. Sehr dunkel. An die alten Jutesäcke, in welchen sein Onkel Kartoffeln abgefüllt hat, denkt er. Hier riecht es nach Ernte. Der Boden ist rau. Stroh vielleicht. Holz. Wenn seine Hände frei wären, könnte er es herausfinden, doch seine linke Hand ist mit einem breiten Kabelbinder an einem Metallrohr festgebunden. Nicht so fest, dass es weh tut, aber zu fest, um sie herauszuziehen. Die rechte Hand liegt auf seinem Bauchnabel und ist mit einem zweiten Kabelbinder am Gurt festgebunden. Er hat sich halb liegend, halb sitzend auf die linke Seite gedreht, um herauszufinden, was tropft.

Mehr noch als die Frage, wo er ist, quält ihn die Frage, warum er ist, wo er ist. Filmrisse hat er sich anders vorgestellt. In den Filmen und Büchern reißen Filme, wenn sich Leute besaufen, wenn sie zu viele Medikamente nehmen, wenn sie einen Unfall haben. Oder wenn sie einen Schlag auf den Kopf bekommen. Weder das eine noch etwas anderes hat er erlebt. Er erinnert sich, dass er länger im Büro geblieben ist. Wegen der Besichtigungen. Dummerweise hatte er sein externes Ladegerät zu Hause vergessen. Ausgerechnet heute, wo er gleich drei Wohnungen besichtigen soll. Doch mit zehn Prozent Akku-Ladung kann man keine Bilder machen. Nach Hause zu fahren lohnte sich nicht, also stöpselte er sein Handy in die Steckdose. Arbeit hatte er ja genug.

Um halb sieben hatte es geklingelt. Die Raumpflegerin. Ach ja, stimmt, Freitagabend! Sie hatte den Schlüssel vergessen und war erleichtert, dass noch jemand da war. Zuerst hatten sie ein bisschen geplaudert, über dies und das, ein paar Kekse, die sie mitgebracht hatte, geknabbert und schließlich hatte er, während sie sich mit dem Staubsauger durch die Büroräume arbeitete, die Präsentation für morgen fertiggestellt und eine Statistik aktualisiert. Gegen halb acht war sein Handy fast voll. Er zog seine Lederjacke an, schloss die Tür ab, das Fahrradschloss auf und radelte Richtung Altstadt – zur ersten Wohnung.

Geregnet hatte es nicht. Da war er sich ganz sicher. Es war weder warm noch kalt gewesen. Noch nicht ganz dunkel, nicht mehr ganz hell. Ein ganz normaler Spätsommerabend in der Stadt. Ja, und an das Holpern auf dem Kopfsteinpflaster erinnerte er sich noch sehr genau und wie er sein Fahrrad abgestellt und an eine Parkbank angekettet hatte. Er musste eine Weile nach dem Zettel mit den Adressen suchen. Haus Nummer dreiunddreißig hat einen leicht nach hinten versetzten Eingang, so dass er eine Weile nach der Tür suchen musste. Ein Altbau war es. Er hatte, wie abgemacht, zweimal kurz geklingelt. Irgendwo muss jemand einen Schalter gedrückt haben, im ersten Stock zuerst, dann im Flur. Licht drang durch die vergitterte Scheibe an der schweren Holztüre. Schritte auf der Treppe. Ja, daran erinnert er sich noch genau. Doch was dann?

Denk nach! Verdammt, was war dann? Er will die Zunge befeuchten, doch da ist nichts außer Trockenheit. Er räuspert sich. Das Tropfen hat aufgehört, der Herzschlag nicht. Schritte … irgendwo hörte er Schritte. Flüstern?

© by Sofasophia

[Fortsetzung folgt]

[Irgendlink hat mir drei Wörter und ein Genre zugeworfen: Horror (huch, ich und Horror?). Er schreibt demnächst den zweiten Teil dieser Geschichte.
Dies hier sind meine drei Wörter, die er verwenden soll: Tippfehler, Lofoten, Espresso.]

Und du, liebe Leserin, lieber Leser, machst du auch mit bei unserm Schreibspiel? Melde dich bitte bei mir oder Irgendlink per Kommentar oder Mail. Herzlich willkommen!

Von Steinen, Ideen und der besten Pizza der Welt

Die Sache mit dem Pizzaofen ist nicht neu.
Lass uns einen Holzbackofen bauen!, sagte Irgendlink jeden Frühling, jeden Sommer und jeden Frühherbst mindestens einmal pro Monat. Seit ich ihn kenne.
Ich habe da mal so Schamott-Steine bekommen. Die sind ideal für sowas.

Heute Mittag, wir hatten gerade eine weitere Ladung Zucchini mit Zwiebeln süß-sauer eingekocht, suchte ich nach einem Korb für die Apfelernte. Apfelstücke einkochen war mein Plan. Vielleicht auch Apfelmarmelade.

Ich weiß jetzt, sagte da mein Liebster auf einmal, ich weiß, wie wir Apfelringe ohne Strom dörren können. Und heute Abend könnten wir übrigens Pizza machen. Dass ich ziemlich seltsam geguckt haben muss, hängt damit zusammen, dass es in Irgendlinks Haushalt keinen Backofen gibt. Im Sommer kochen wir mit einem Gaskocher und einem Grillfeuer, im Winter mit einem Elektro-Teil mit zwei Platten. Ergo gabs hier bisher auch keine Pizza, doch ich musste nicht lange auf die Auflösung meiner Fragezeichen-in-den-Augen warten.
Heute könnten wir doch den Pizzaofen bauen!, sagte Irgendlink, während ich den Korb mit Äpfeln füllte.
Ja! Toll, wo?

Gemeinsam finden wir den besten Platz. Nicht zu nahe beim Haus, aber auch nicht zu weit weg. Unter dem Nussbaum, neben der Hühnerwiese. Wir ebnen den Platz mit der Schaufel aus und holen die Steine aus der Scheune. Überlegen laut.
Wenn wir hier so und dann so. Oder nein, besser so und dann so. Und, hey, so … ach und dann so. Schau und damit könnten wir einen Kamin bauen. Ich hebe zwei Firstziegel aneinander. Perfekt.

Wir schichten und bauen, ändern und bauen neu … Endlich steht das Teil. Nun entfachen wir das erste Feuer und füttern es, bis der Ofen richtig heiß ist. Inzwischen gehen wir einkaufen. Alles, was man zum Pizzamachen braucht. Heute machen wir den Teig nicht selbst wie sonst meistens. Heute muss es schnell gehen, wir sind hungrig. Ein gelochtes Blech, das perfekt in den Ofen passt, wird mit Leckereien beladen und schon bald genießen wir unsere erste eigene Pizza aus dem Holzofen. Später, während das erste Brot im Ofen bäckt, tüfteln wir an Optimierungsmöglichkeiten. Wie isolieren wir ihn besser? Wie dichten wir die Ritzen? Hach, wie einfach Leben sein kann … so elementar und natürlich. Ich liebe solche Projekte. Und ich liebe Holzofen-Pizza. Yeah …

Von A bis Z

Es ist halb sieben abends, als ich endlich loskomme. Im Auto Kram für fünf Tage. Auch Arbeitszöix. Laptop und Kunst und so. Ich fahre los. Der Tank ist fast voll. Der Verkehr moderat. Alles gut. Und auch die Rush hour, dieser tägliche Wahnsinn, für heute fast vorüber. Ich fädle mich in den Verkehr ein, höre Kristofer Åström beim Singen zu und lasse meinen Gedanken von der Leine.

Viel zu schnell bewegt sich ein Auto, denke ich bald, viel zu schnell für einen Menschen, viel zu schnell für eine Seele. Und zugleich kann es mir nicht schnell genug gehen, bis ich endlich dort bin, wo ich hin will. Zum Liebsten aufs einsame Gehöft. Paradox.

Menschen!, denke ich, Menschen – alles machen wir kaputt. Wir scheißen unserer Mutter in den Bauch, bloggte Glumm neulich, die Gräfin zitierend.*

Was ist das Schlimmste, was wir tun?, frage ich mich. Das Schlimmste? Krieg natürlich. Immer diese Powergames. Immer dieses Mehr-wollen, dieses Nicht-genug-bekommen, dieses Besser-sein-müssen-sollen-wollen … Wie ich mich vom einen Gedanken zum nächsten hangle, ist es mir wie beim Zoomen zumute. Zuerst Weitwinkel. Nun Zoom. Nun mich im Visier. Nicht verurteilend, einfach nur betrachtend.

Krieg fängt im Kleinen an!, predigte unsere Mutter immer. Frieden auch, sage ich. Stimmt ja auch. Frieden mit mir selbst? Ja, auch der. Ich schäle Schicht um Schicht – schon bald Basel, der Regen hat zum Glück aufgehört – und schaue mir bei der Häutung zu. Immer kommt noch was neues untendrunter zum Vorschein.

Unsere Unzufriedenheit  – ist sie nicht in erster Linie die Unzufriedenheit mit uns selbst. Weil wir nicht wirklich handeln, wie wir wollen. Weil wir nicht wirklich sind, wer wir sind. Weil …oh,  nun köchelt meine Gedankensuppe. Grenzübergang nach Frankreich soeben passiert. Die Suppe dickt ein. Die Essenz kommt zum Vorschein. Ihr Name ist Inkonsquenz. Darum, begreife ich, darum sind wir mit uns nicht im Frieden. Mit uns nicht. Mit der Welt nicht. Banal? Gut möglich. Mir egal, denn in mir drin habe ich diese Erkenntnis, die ja nun wirklich nicht neu ist, bisher nie so ganz mit allen Sinnen begriffen. Der Kopf reicht eben nicht um zu verstehen. Nicht ganz. Er ist nur ein Teil und selbst mein aktuelles Verstehen ist immer nur ein Anfang.

Immer weiter. Da vorne muss ich abzweigen, wenn ich nicht in Mulhouse landen will. Richtung Strasbourg.
Hey, was willst du denn? Blink doch, wenn du auf meine Spur willst, du Depp! Ich kann schließlich nicht Gedanken lesen? Puh. Wo war ich gleich?

Verstehen? Ähm, nein, Stopp! Inkonsequenz war das Stichwort. Gut. Also weiter. Was kann ich also tun, um meiner Inkonsequenz zu begegnen und wo bin ich selbst inkosequent – ganz konkret? Auto- statt Zugfahren, ja, das ist schon mal ein Thema. Als Grüne sollte ich doch eigentlich … Ja, aber die Reise zum Liebsten dauert mit dem Zug doch fast doppelt so lang und ist außerdem doppelt so teuer und überhaupt! Schon geht’s los. Die zwei Herzen in meiner Brust. Sie sind es, die sich nicht einig sind und mich zu all meinen inkonsequenten Taten verführen.

Baustelle bei Colmar. Schmalspur. Die Straße wird saniert. Wurde aber auch Zeit! versus Och, war das wirklich nötig?

Also, schön langsam, immer der Reihe nach. Die zwei Stimmen. Ja, ihr Gezänk macht mich oft sehr unzufrieden. Und Unzufriedenheit schürt bekanntlich neue Unzufriedenheit, wenn sie nicht gelöst wird. Meine Gedanken mäandern, ohne dass ich ihnen immer so genau beim Plappern zuhöre. Kurz vor Strasbourg merke ich auf, als es in der wilden Diskussion auf einmal um fehlende Selbstliebe als Ursache allen Übels geht.
Ja, genau!, werfe ich ein. Das ist der Punkt, um den sich alles dreht. Denn wenn ich mir mit Selbstliebe begegne, umfassend, umfassender, am allerumfassendsten, kann ich mir meine Inkonsequenz und alles, was daran klebt, jederzeit verzeihen – statt mich mit meiner Unfähigkeit fertig zu machen. Das eine nimmt mir Energie, das andere gibt mir welche. Und wenn ich mehr Energie zur Verfügung habe, kann ich auch konkrete Schritte tun, konsequenter zu handeln, zu denken, zu sein. Denn eigentlich-eigentlich-eigentlich möchte ich ja schon, aber eben …

Bei Haguenau verlasse ich die Autobahn und fädle mich nach zwei Kreisvortritten auf die Überlandstraße nach Norden, Richtung Bitche, ein. Bald da. Nur noch etwa siebzig Kilometer.

Die Sonne verabschiedet sich. Wunderbare Stimmung. Und eigentlich-eigentlich-eigentlich ist es ja schön, das Leben, aber eben …

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* “Weißt du, was Naturzerstörung ist, Joe? Naturzerstörung ist nichts anderes, als der eigenen Mutter in den Bauch zu scheißen.”

Fortsetzung?

Will ich wirklich einen Mäzen, eine Mäzenin? Nein, ähm, jein, meine ich, will heißen, nicht auf die klassische Weise … Nachdem ich meinen letzten Blogartikel auf die Öffentlichkeit losgelassen hatte, überfielen mich – wie so oft – Zweifel, missverstanden zu werden. Ich war sogar nahe dran, den Artikel zu löschen. Doch ist fortsetzen nicht besser als löschen? So wie ich meine Lektüre in besagtem Buch fortgesetzt habe. Dabei fand ich heraus, dass Richard, der Ich-Erzähler, sich mitnichten Henry als Mäzen angelacht hat, wie ich zuerst gedacht hatte. Richard ist ein Stipendiat und erarbeitet sich, was er zusätzlich zum Leben braucht, selbst. Im Gegensatz allerdings zu seinem Kommilitonen Bunny, der … (nein, halt, Die geheime Geschichte von Donna Tartt muss wirklich selbst gelesen werden. Das Drama bahnt sich an, zeichnet sich ab … lässt mich mit vielen Fragen kaum schlafen …).

Das Stichwort heißt sich den Lebensunterhalt erarbeiten. Lasst mich das Thema für einmal von einer ganz andern Seite aufrollen.Fakt ist: Künstlerinnen und Künstler aller Genres spiegeln ihre jeweilige Gesellschaft mittels ihrer Ausdrucksmittel wider. Zu allen Zeiten haben sie Spuren beobachtet, mithilfe ihrer Medien ausgedrückt und den Mitmenschen und der Nachwelt hinterlassen. Eine Definiton des historischen Wertes von Kunst – super vereinfacht gesagt. Der gegenwärtige Wert von Kunst – für einmal nicht in Franken oder Euro, sondern im umfassenden Sinn – erschließt sich oft erst auf den zweiten Blick. Das war bei Van Gogh so, das ist noch heute so.

Künstlerischer Ausdruck findet in der Gegenwart nicht immer RezipientInnen, die ihn verstehen. Dennoch wurde diese so gesehen „wertlose“, sprich wirtschaftlich nicht relevante Kunst geschaffen. Will heißen, wirtschaftlich gesprochen konnte der oder die Kunstschaffende in dieser Zeit keiner „richtigen Arbeit“ nachgehen, der oder die Kunstschaffende hat in dieser Zeit kein Geld verdient, sondern Zeit verplempert mit …

Schnitt.

KünstlerInnen entsprechen und entsprachen, sage ich mal, den Hofnarren des Mittelalters. Ein bisschen jedenfalls. Sie waren wichtig damals, die Hofnarren, weil sie als einzige – theoretisch – ungestraft alles sagen konnten. Und sie gehörten zum Hofstaat. Weise Herrscher und Herrscherinnen konnten vom unverstellten Blick ihrer Narren lernen und hörten ihnen genau zu. Möglicherweise vertrauten sie ihnen so sehr, dass sie sogar Kriege absagten, wie ich meine, es vor langem in einem historischen Roman gelesen zu haben. (Wir brauchen sie auch heute, diese mutigen Hofnarren und Hofnärrinen.)

Zurück in die Gegenwart. Ich verbessere mich, wie gesagt. Ich brauche keinen persönlichen Mäzen. Nicht MäzenInnen braucht die Welt, sondern ein neues Förderkonzept für die akutellen Kunstschaffenden, die heutigen Weltnarren und Weltnärrinnen! Ich behaupt, dass es schon bald weniger Drogenprobleme, weniger Tablettenmissbräuche, weniger Burn-Outs, weniger Suizide, weniger Depressionen, weniger Krankheiten, weniger Stress geben würde, wenn Kunstschaffende, die noch nicht von ihrer Kunst leben können, ganz selbstverständlich finanzielle Unterstützung und damit auch gesellschaftliche Anerkennung erhalten würden. Ein bisschen ist es bei ihnen – also bei uns, bei mir! – nämlich wie bei Hausfrauen/-männern mit Kindern: Sie tun wertvolle Dinge, die allerdings niemand so richtig sieht. Sie kreieren Dinge, deren Wert nicht in Geld messbar ist. Wie Mütter und Väter gestalten Kunstschaffende die Welt von morgen mit.

Und nein, ich bin nicht zu faul für „richtige Arbeit“ (was immer das ist!), ich wehre mich nur einfach innerlich gegen diese Trennung von „richtiger Arbeit“ und dem latenten Vorwurf an Kunstschaffende, „nichts“ zu tun. Ich wehre mich gegen den allein-selig-machenden Maßstab Geld, an dem heute jede „Leistung“ gemessen wird. Und ja, ich wünsche mir, dass das Bedingungslose Grundeinkommen Wirklichkeit wird.

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Mehr Infos:

bedingungslos.ch
www.grundeinkommen.ch
Facebook-Seite Bedingungsloses Grundeinkommen

Auch ruhende Vulkane sind Vulkane

Richard, der Ich-Erzähler – dank eines Stipendiums am College –, findet zufällig Aufnahme in der Klasse des exzentrischen Professor Julian, der als Einziger diese Gruppe Auserwählter unterrichtet. Die sechs jungen Leute aus dem Buch Die geheime Geschichte von Donna Tartt, das ich seit vorgestern lese, nähern sich in ihren Studien dem Wesen und Denken der Klassiker an, den alten Griechen, den alten Römern. Alle sind sie irgendwie besessen von dieser fernen alten Welt. Besonders Henry. Für ihn gibt es fast nur seine Bücher und die vielen Sprachen, die er studiert. Er will sich nach dem Studium, falls er es denn je abschließen wird, voll und ganz der Erforschung alter Sprachen und Kulturen widmen und Bücher schreiben. Geld genug hat er, um ein Leben lang nie etwas anderes arbeiten zu müssen. Für den jungen Kalifornier Richard, bis dahin kaum gereist, ist diese Gruppe ein Glücksfall. Seine ärmliche Herkunft verbirgt der Neunzehnjährige, der die neue Welt im Nordosten der USA mit offenen Sinnen aufnimmt, hinter einer erfundenen Biografie. Nach und nach übernimmt er den Lebensstil seiner neuen Freunde, die ein vom Rest der Welt losgelöstes Leben führen. Geld ist genug da um sorglos einen Tag nach dem andern nehmen zu können. (Doch eines Tages … Nein, mehr gibt’s nicht. Bin ja auch noch nicht weiter. Lest selbst. Das Buch lohnt sich!)

Schnitt.

Mein „neues Leben“, wie ich den neuen Lebensabschnitt als Selbständige für mich gerne nenne, ist ein Leben ohne sicheres Einkommen. Das ist, zugegeben, eine Herausforderung, die ich noch nicht so ganz verinnerlicht habe. Das bedingungslose Grundeinkommen ist leider noch nicht eingeführt worden und so sollte ich endlich mal in die Gänge zu kommen und neue Werbeaktionen für meinen Textservice aufzugleisen.

Stattdessen widme ich mich hingebungsvoll meinem technischen und kreativen Flow, vertiefe mich in HTML und CSS, arbeite an einem Kunstobjekt, das in fünf Wochen ausgestellt werden soll, texte da und dort an Artikeln und Büchern, bearbeite Bilder, gehe spazieren. Schlafe viel. Arbeite viel. Gehe spät zu Bett. Schreibe morgens stundenlang im Bett Tagebuch. Oder notiere Textideen. Kurz und gut: Ich lebe das Leben, wie es mir gefällt. Aber, ähm, darf ich das überhaupt? Darf man das? Nein, keine Angst, ich lebe nicht in Saus‘ und Braus‘, auch konsumiere ich keine anderen Drogen außer Schokolade und Buchstaben. Dennoch brauche ich ein wenig Geld zum Leben, denn ich muss monatlich Miete und Krankenkasse zahlen, Lebensmittel brauche ich auch und ab und zu Benzin.

Ein Mäzen, ich brauche einen Mäzen!, habe ich heute morgen zu Irgendlink gesagt, als wir kurz telefonierten. Ich brauche einen Henry (oder eine Henriette), wie ihn Richard gefunden hat … jemanden, der seinen materiellen Reichtum mit mir teilt. Habe ich zu ihm gesagt. Brauche ich. Weil ich mir nichts mehr wünsche, als so zu arbeiten, wie es mir entspricht. Ich arbeite viel, doch meine Arbeit ist nicht mit den Maßstäben der Wirtschaft messbar. Es ist Herzarbeit, Seelenarbeit, Arbeit, die nicht jetzt sofort sichtbar wird, allenfalls später. Es ist Arbeit, die ich gerne tue. [Natürlich sind wir, als Liebende und Geschäftspartner auch Mäzen und Mäzenin füreinander. Zurzeit relauncht Irgendlink meine Geschäftswebseite, wofür ich anderswo teuer Geld zahlen müsste. Und ich lektoriere ihm immer mal wieder Texte. Gabentausch, wunderbar!]

Elitär, so zu denken – in einer Welt voll Krieg und Armut? Darf ich mir ein materiell sorgenfreies Leben wünschen – und dürfte und könnte ich es genießen und mir gönnen, wenn ich es denn endlich hätte? Wie geht es andern Kunstschaffenden mit der Materie, dem Geld, dem schnöden Mammon? Und wie geht es allen andern damit?

Nachdem ich diesen Artikel heute Morgen, noch im Bett, notiert hatte, las ich Irgendlinks Blog. Siehe da:

Konstruktion und Dekonstruktion sind wie ungleiche Zwillinge, die ein Lebtag miteinander ringen, wer der stärkere ist. Einzig die Herzblutdinge, Texte wie diesen hier zu schreiben etwa, völlig ohne finanzielle Hintergedanken, einfach nur um des Textes willen, oder eben ein Kunstwerk zu schaffen, das man einfach nur um des Werkes willen schafft, sind ein Lichtblick im Werden und Vergehen, in dem die Kräfte in unbeschreibbaren Zyklen kommen, einander aufwiegen, überwiegen und wieder vergehen.

Quelle: Irgendlink, Zerfall, 11. 8. 2014

Neulich habe ich mal wieder meinen Essay über die KünstlerInnenseele gelesen, den ich vor Jahren verfasst habe. Das Fazit daraus?

Auch ein ruhender Vulkan ist ein Vulkan. Er wird durch seine Beschaffenheit definiert, nicht durch die Häufigkeit seiner Eruptionen.

Quelle: Das Wesen der KünstlerInnenseele, © by Sofasophia/dm

spazierengehen

Freitag. Ich sitze auf jener Wiese bei der großen Linde. Über dem Dorf. Weitblick ins Tal. Im Rücken ein kleiner Baum. Kleiner als die große Linde, aber dennoch groß, relativ groß, größer als ich. Vor mir auf der Wiese, eingezäunt mit Stacheldraht, ein paar Kühe. Rinder noch vielleicht; sie sind zu weit weg, als dass ich es erkennen könnte. Mit Glocken um die Hälse, wie es fast nur noch Kühe auf weiten Alpwiesen tragen. Glockengebimmel. Über mir ein kleines Sportflugzeug.

Bei der Linde
Bei der Linde

Weiter weg das auf- und abschwellende Geräusch eines Traktors, dessen Anhängsel einen Acker pflügt. Ein paar Vögel schwatzen im nahen Wald. Von unten im Dorf ab und zu kreischende Kinderstimmen. Sonst nichts. Feierabend. Das Buch bleibt im Rucksack. Ich erinnere mich an die Pilgerwanderung im Juli. Wie oft ich einfach nur dasaß, ohne zu reden, zu schreiben, zu lesen, zu denken. Einfach nur sein. Mich erinnernd werde ich still. Wird es in mir still. Meditieren kann ich nicht, aber immer öfter kann ich diese Stille einfach zulassen. Dieses gegenwärtige Sein. Dieses Nichts-Tun außer zu sein. Weil es mir gut tut. Und weil es eine klitzekleine Flucht aus dem Alltag ist, einer dieser not-wendigen Fluchten, die helfen, Distanz zu bekommen. Die Dinge anders zu sehen.

Ist die Welt, so denkt es auf einmal in mir, ist die Welt nicht wie eine einzige große Wiese mit vielen verschiedenen Grassorten?
Fettwiesen, gedüngte Wiesen, in denen nur die robustesten Blumen überleben. Eine Wiese also mit Blumen und Gräsern, die schnell nachwachsen und sich den Umständen anpassen können. Wären das die Städte und die StädterInnen?
Magerwiesen, wo sich Schmetterlinge tummeln, wo viele bunte Blumen wachsen, wo Grashüpfer – hierzulande Höigümper –, Grillen und andere Insekten sich ihres Lebens erfreuen. Wären das die Dörfer und ihre BewohnerInnen?
Nein, das ist zu einfach, das Bild. Ich selbst habe beides, überdüngte und Magerwiesen, in meiner Seelenlandschaft. Wie die meisten von uns. Dennoch: es ist eine üppige Magerwiese mit vielen Blumensorten, die ich zuweilen imaginiere, wenn ich mich entspannen will. Eigentlich fast wie hier sitze ich in solchen Vorstellungsbildern an einen Baum gelehnt oder ich spaziere an Magerwiesen vorbei oder durch Wälder. Es ist immer die Natur, die mir hilft, zur Ruhe zu kommen – vorgestellt oder in echt.

Die fetten Wiesen, die der möglichst nährstoffreichen Nahrungsaufnahme zwecks Milchproduktion bei Kühen dienen, sind vor allem wirtschaftlich relevant. Ebenso wie nicht alle Menschen in der Schweiz Einfamilienhäuser bauen können, weil der Platz dafür gar nicht reichen würde, können die Kühe auch nicht alle auf mageren Weiden grasen und deren langsam nachwachsendes Gras essen. Sie würden langfristig zu wenig Milch produzieren. Und diese wäre deshalb zu teuer für die Massen. Für welche all die Hochhäuser, Blocks und Mehrfamilienhäuser überall gebaut werden. Und außerdem könnten sich eh nicht alle ein Einfamilienhaus leisten. [Zynisch? Ich? … aber nein … fast gar nicht … ;-)]

Unten das Dorf
Weitblick ins Tal

Ist das Einfamilienhaus nun eine Mager- oder eine Fettwiese? Je länger ich mich mit meiner Wiesen-Parabel auseinandersetze, desto mehr stelle ich fest, dass mein Vergleich hinkt. Auf beiden Beinen sogar. Schwarz-weiß gibt es nicht mal in der Fotografie. Nuancen, Schattierungen, Details, Differenzierung … Dinge, die wir im Zeitalter der schnellen Klicks und der noch schnelleren Gedankensprünge zuweilen vergessen.
Auch, dass der erste Blick eben nicht mehr ist als ein erster Blick. Dass ein Bild immer nur ein Ausschnitt vom Ganzen ist und sogar das vermeintlich Ganze nur vorläufig ganz. Auch eine Metapher deckt nie alles ab – und auf. Alles hat immer noch mehr Seiten als die, die man beim ersten, zweiten und dritten Hinsehen erkennt. Immer gibt es noch den einen, nicht unwesentlichen Teil, den unsichtbaren, unbewussten, unfassbaren.

Womit wir bei dem Buch wären, das ich gestern zu lesen begonnen habe – das erste nach fünf oder sechs Wochen Buchabstinenz! In Die geheime Geschichte* von Donna Tartt doziert der Griechisch-Professor:

„… weil es gefährlich ist, die Existenz des Irrationalen zu ignorieren. Je kultivierter ein Mensch ist, je intelligenter, je beherrschter, desto nötiger braucht er eine Methode, die primitiven Impulse zu kanalisieren, an deren Abtötung er so hart arbeitet.“

Das Unsichtbare, das Irrationale also? Ja. Unsere wilde Seite. Unsere „primitiven Impulse“. Unsere archaischen Sehnsüchte – nenne ich es lieber. Ich töte sie nicht ab, nein, ganz im Gegenteil, ich lebe sie. Beispielsweise, wenn ich in den Wald gehe, raus in die Natur, auf die Berge. Wenn ich mich ins Gras lege. Wenn ich jauchze. Wenn ich die Bäume streichle. Wenn ich dem Wald ein paar Lieder singe, wie gestern auf dem Heimweg.

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* Mehr über das Buch, das seelenverwandt mit dem Film Dead Poet Society ist, hat gestern My Crime Time gebloggt. Vom Artikel angefixt habe ich das Buch sofort gekauft. Was ich nicht bereue.

renoviert

Aus lauter Lust daran, Ordnung in mein „neues Leben“ zu bringen, habe ich mein Blog umgebaut. Da und dort habe ich neue Wände hochgezogen, die Schränke ein bisschen umgestellt und neue Sitzgelegenheiten geschaffen. Eine Lounge für meine Texte sozusagen. Alles, was vorher schon da war, ein bisschen leichter zugänglich gemacht.

Unter Meine Projekte zum Beispiel findet ihr meine Spiel- und Tummelplätze für Kreatives wie Texte und Bilder.

Unter Sichten stelle ich alle meine Buchprojekte vor.

screenie blog neu2

Unter Stoff findet ihr ein paar bunte Text(ili)e(n) aus meiner Schublade.

screenie blogneu1

Probiert es einfach aus und fahrt mit der Maus über die Menüs. So entdeckt ihr ganz leise ein paar nähere Infos über die Inhalte der einzelnen Menüpunkte.

Viel Spaß beim Lesen, Stöbern und Finden … 😉

Die Technik und ich – ein paar Parabeln

Ein bisschen ist es wie nach einem Bad in der Onsernone. Oder in der Reuss meinetwegen. Ich fühle mich wie neugeboren. Vielleicht sogar besser, denn an meine erste Geburt habe ich leider keine wirklichen Erinnerungen mehr. Egal. Hauptsache ich fühle mich so. Wie neugeboren, wie frisch getankt, wie frisch gefüttert. Und so ähnlich fühlt sich jetzt bestimmt auch mein Laptop. 🙂

Ich mag Metaphern, Gleichnisse – Bilder, die mir die Welt erklären. Schon sehr jung habe ich mir solche Bilder notiert oder aufgemalt. An eins erinnere ich mich noch genau. Es war in meiner pädagogischen Ausbildung, als ich Kindern beim Sandburgenbau zuschaute. Das Loch wurde immer tiefer, der Berg daneben wuchs im gleichen Verhältnis zum Loch. Wenn das kein Gleichnis ist! Eben.

Ein weiteres habe ich vor kurzem auf unserer Pilgerwanderung erlebt. Eines Morgens war Irgendlinks Rucksack wie vom Erdboden verschwunden. Später haben wir ihn in der zehn Meter tiefen Reussschlucht unten gefunden, ziemlich lädiert, von einem großen Tier angeknabbert. (Darüber hat Irgendlink hier (klick) gebloggt). Auch meine Überlebensdecke, die ich als Regen- und Schutzhülle nachts um meinen Rucksack gewickelt hatte, war zerrissen und als Regenschutz nicht mehr brauchbar. Am nächsten Tag, in Andermatt, konnte ich mir eine neue kaufen. Eine größere und bessere – was für eine Metapher und Verheißung für mein „neues Leben“ als Selbständige! Ich verstehe dieses Bild als Bestätigung dafür, dass ich dem Leben vertrauen kann.

Und nun dies. Seit ein paar Wochen, Monaten gar, zickte mein sechsjähriger Laptop herum. Er lud den Akku nicht mehr richtig – vor allem nicht, während ich arbeitete. Dummerweise lief er zuweilen nur noch über diesen kaum mehr richtig befüllbaren Akku und stürzte in der Folge immer mal wieder ab. Ohne Akku lief er irgendwann gar nicht mehr. Irgendlink und ich tippten auf ein Hardwareproblem und ich suchte im Netz nach ähnlichen Fällen, las dies und das und probierte aus. Die Rede war von BIOS neu installieren und von doppelten Einträgen, von denen man einen löschen müsse. Was ich nicht alles versuchte und nichts half! Schließlich bestellte ich mir einen neuen Akku und war glücklich, dass sich dieser immerhin wieder besser laden ließ und ich so länger am Laptop arbeiten konnte, bevor ich mein Uralt-Teil, einen bereits zehnjährigen Laptop, aufstarten musste. Das Uralt-Teil ist so weit okay, aber unendlich langsam und kann immer nur etwas aufs Mal laden. Dennoch war ich froh darüber und saß vor den Ferien immer öfter an diesem Kistchen.

Mein Laptop ist wie ich, sagte ich zu Irgendlink vor den Ferien, er ist überlastet, müde, der Akku ist leer. Er braucht viel Zeit um laden.

Nach der Wanderung beobachtete ich, dass sich mein Laptop auf dem einsamen Gehöft schneller und besser laden ließ als am Schweizer Stromnetz. Erstmals kam mir der Gedanke, dass womöglich etwas mit der Spannung, mit dem Netzteil nicht in Ordnung sein könnte. So suchte ich im Internet nach Hinweisen, die diese Theorie bestätigten oder verwarfen. Mein Verdacht verdichtete sich jedoch, als ich las, dass man meinen Laptop zwingend mit 90 Watt füttern sollte, damit er den Akku laden kann. Dass nämlich sonst zu wenig Spannung dafür sei um den Akku befüllen zu können. Ich bestellte also einen Original-Adapter, einen, der sogar mit Wechselstrom klarkommt und Spannung ausgleichen kann. Und siehe da: Seit gestern lädt sich mein Akku wieder auf, während ich arbeite.

Es fühlt sich wirklich an, als wären mein Laptop und ich neugeboren. Wir können nun wieder zusammenarbeiten ohne ständig Angst vor Abstürzen haben zu müssen. Mein Lappi läuft jetzt wieder sowohl mit Akku als ohne und ist – ich spüre es genau! – sehr glücklich, diesen ständigen Mangel und dieses ständig falsche Futter hinter sich zu haben!

Was habe ich ihm da bloß angetan, vor drei Jahren, als ich das neue Netzteil gekauft hatte, in der Meinung, dass es das richtige sei! Gut, so was funktioniert womöglich eine Weile ganz gut, aber irgendwann eben nicht mehr. So wie ich ja auch eine ganze Weile an meiner nicht zu mir passenden Arbeitsstelle arbeiten konnte und funktioniert hatte, bevor der berühmte Krug brach, ich krank wurde und schließlich kündigte.

Es braucht eben immer das zu uns passende Netzteil und die zu uns passende Spannung, damit unser Akku gefüllt wird und wir froh und zufrieden arbeiten können. Und leben. Und wenn sie nicht gestorben ist, schreibt sie heute noch … 😉