Die Sucht nach dem ersten Mal

Zurzeit verdichten sich alle Fäden, die ich in die Hand nehme, zu einer einzigen Decke, die ich hier mangels besserer Idee meine Heimatdecke nennen will. Auf der Reise zum einsamen Gehöft, von wo aus ich mit Irgendlink morgen nach Boulogne-sur-Mer weiterfahren werde, sprudelten nur so die Ideen, was Heimat für mich ist. Und was nicht. Mit der Wahl des Themas „heimatlos“ als neues Zyklus-Thema auf Pixartix, dem Bilderblog, haben wir in mir drin wahrlich eine kleine Dominobahn losgestoßen.
Einer der vielen Fäden meiner Heimatdecke ist der eben fertig gelesene neue Roman von Linus Reichlin. Das Leuchten in der Ferne.
http://images01.kurier.at/buch3.jpg/htmlTaggingImage/3.770.875
Reichlin gehört seit ein paar Jahren zu jenen Autoren, von denen ich neu erscheinende Bücher unbesehen kaufe. Ich gestehe, dass ich zuerst leer geschluckt habe, als das Buch ausgepackt vor mir auf dem Tisch lag. Ich hatte gehofft, eine weitere Geschichte aus dem Leben des Ex-Polizisten Jensen zu lesen, der mir in den ersten drei Reichlin-Büchern ans Herz gewachsen ist. Doppelt enttäuscht war ich, als ich auf dem Umschlag von Afghanistan, Taliban und Krieg las. Oh weh, ein Kriegsbuch, dachte ich. Doch ich dachte mal wieder zu kurz. Denn, obwohl es zumindest übergeordnet um Krieg geht, geht es noch viel mehr um Heimat und Sehnsucht. Es geht um die S(ehns)ucht nach dem Thrill, um die Sucht nach dem ersten Mal, nach neuen Erfahrungen, nach Ausnahmezuständen, nach Abenteuer. Diese Süchte treiben den Kriegsreporter Martens immer wieder in die Welt hinaus, wo er schon fast alles, alles Schreckliche zumindest, miterlebt hat. Nein, in seiner Berliner Wohnung in Neukölln fühlt er sich nicht zu Hause. Er liebt das Unvorhersehbare. Der Stadtalltag ist ihm fremd, er findet alles, was sich mehr als einmal wiederholt, langweilig, und kann nicht verstehen, warum die meisten Menschen dieses Leben der Repetition ertragen oder gar mögen. Er ist sich bewusst, wie arrogant seine Haltung wirken kann und erträgt es oft genug selbst kaum, dass er so tickt.

„Die Kollegen, die Artikel gehen den Fluglärm schrieben, taten das Ihre, um die Welt ruhiger zu machen oder gerechter, was auch immer. Man tat sich keinen Gefallen, wenn man das gering schätzte, und vor allem nicht, wenn man andererseits die Gefahren verkannte, die der Kontakt mit dem Ungewöhnlichen, dem Schrecklichen mit sich brachte. Das Schreckliche verändert den Maßstab für die Bedeutung der Dinge. Alles, was weniger schrecklich war, wurde auch als weniger bedeutend empfunden, manchmal selbst die Liebe und das Vertrauen. Das Schreckliche nahm für sich in Anspruch, das einzig Bedeutsame zu sein, alles andere wurde als Vergleich dazu banal herabgestuft. Wenn man dem nachgab, war man verloren, es war der erste Schritt in die Obsession, in die arrogante Geringschätzung des Alltagslebens und der Arbeit der Anderen.
Fluglärm war wichtig.“ (Zitat S. 22)

Martens lernt auf dem Bürgeramt Miriam Khalili kennen. Schon bald bittet sie ihn um einen grossen Gefallen. Er soll mit ihr, der Fotografin, nach Afghanistan reisen, um dort eine junge Frau, die als Junge verkleidet aufgewachsen ist und heimlich unter den kriegerischen Taliban lebt, kennenzulernen und zu interviewen. Martens‘ Abenteuerlust ist geweckt. Er kann den Chefredakteur des Wochenspiegels überzeugen und bekommt einen großen Vorschuss. Die beiden reisen zusammen mit deutschen Soldaten nach Afghanistan, verlassen schon bald heimlich das Militärcamp in Feyzabad und treffen ihren Kontaktmann. Martens beginnt an Miriams Geschichte zu zweifeln. Als sie sich näher gekommen sind, gesteht sie ihm, dass sie seine Hilfe und den Vorschuss braucht, um einen Entführten freizukaufen. Die Geschichte hätte mit der Lösegeldübergabe enden können, doch die Talibangruppe wird in der Nacht vor der Freilassung von amerikanischen Fliegern beschossen. Um Miriam und den Entführten aus der Schusslinie zu bekommen, stellt sich Martens als Spion und Sündenbock hin und verspricht für sich, bei Freilassung, ein hohes Lösegeld.
Was sich bei dieser sehr unvollständigen Kürzestfassung wie ein Groschenroman anhört, offenbart sich beim Lesen als vielschichtige Gesellschaftsabrechnung. Sprachlich schöpft Reichlin streckenweise metaphernreich aus dem Vollen, nur um andernorts mit minimalen Bildern, Schnappschüssen gleich, zu zeigen, was Sache ist. Reichlin pflegt eine raffinierte, dichte Erzählweise, die dennoch nie konstruiert, sondern authentisch und unmittelbar bei mir ankommt.
Auch gelingt es Reichlin, ohne zu moralisieren, meine Denkmuster in Frage zu stellen. Er stellt meine Klischees auf den Kopf und bringt mich dazu, die Welt, das Leben, Mann und Frau für einmal aus der Sicht von Taliban zu betrachten, ohne dabei deren Leben und deren Grundhaltung zu bewerten oder gar zu schönen.
Martens, der in seinem Leben viel Schreckliches gesehen und erlebt hat und von gewissen alten Bildern wieder und wieder heimgesucht wird, lebt nun zum ersten Mal auf der andern Seite. Als Journalist war die Hotelbar immer der Ort, wo sich die Welten schieden. Hier die Journalisten, dort die Menschen, über die er schrieb. Nun, für die unbestimmte Zeit von vier Monaten auf der andern Seite, verändert sich seine Welt so grundsätzlich, dass er nach seiner Rückkehr in Berlin …
Aber halt, mehr darf ich nun wirklich nicht verraten.

Berlin # 5 – In Bild & Ton

Wie in einem früheren Artikel versprochen verlinke ich hier das „Tonerzeugnis mit Bildern“, das am letzten Sonntag in Neukölln/Berlin anlässlich des P.A.S.-Auftrittes kreiert worden ist. Die Aufnahme enstand mit einem simplen iPhone, ebenso die Bilder. Dass es zeitweilig schräg klingt, ist nicht nur der bescheidenen Aufnahmetechnik geschuldet, sondern auch der schrägen Instrumentation, die zum Teil auf den Bildern zu sehen ist.
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=Bm7HGD5ud7g&feature=youtu.be]
++++++++++++++++++++++++++
Weitere Berlin-Impressionen als Galerie (Bilder anklicken und von da aus weiterklicken).
Viel Spaß!


________________________
Bilder:
Nikon/Gimp
All pics: copyright by Sofasophia

Berlin # 4 – Kleine Menschen in der großen Stadt

Als erstes würde ich hier ein Bild unseres Autos posten. Stell es dir einfach vor.
Von hinten. Die Köpfe der beiden Figuren als Silhouetten sichtbar. Einander zugewandt im Gespräch. Er oder sie am Steuer natürlich just in dem Moment eingefangen, wo sie oder er kurz den Kopf gedreht hat, um etwas zu sagen. Ein Bruchteil einer Sekunde lang, denn die Aufmerksamkeit gilt ansonsten der Straße, natürlich.
Rechts und links des Autos sähe man zwei Sprechblasen. In seiner Blase stünde:
Ich darf nicht dran denken, dass ich – wäre ich letzten Freitag alleine unterwegs gewesen – umgedreht hätte. Weißt du, dort, im Stau vor Frankfurt. Ich wäre umgedreht und ich wäre nicht nach Berlin gefahren. Zu grässlich war der Stau. Und erst die überfüllte Raststätte! Und das verkotzte Klo … Aber das hätte ich dir und Frau Freihändig ja nicht antun können. Und nun bin ich froh, dass wir weitergefahren sind.
In ihrer Sprechblase stünde:
Boah, dann bin ich also dran schuld, dass wir dort waren. Super!
Natürlich würden noch weit geistreichere Sachen in den Blasen stehen, da wir sehr oft sehr geistreiche Gespräche führen. Oft aber auch nicht. Oft – wie am letzten Montag, unserm letzten Berlin-Tag – spinnen wir einfach drauf los und halten die Ideen manchmal als Sprach- oder Textnotizen auf den iPhones fest. Sprechblasen der etwas andern Art.
Von Anfang an
Mein kleiner Reisebericht über unsere Tage in der großen Stadt beginnt mit meiner Fahrt von der Schweiz, wo ich zuhause bin, zu meinem Liebsten, wo ich auch zuhause bin. Als ich das französische Elsass durchquerte, begriff ich:
Jedes Land, ja sogar jede Region, hat eine eigene Bildsprache in allem. Von der Sitzbank hin zur Verkehrstafel bis zum Werbedesign und der Architektur. Selbst die Natur richtet sich danach … Oder ist sie es gar, die die Menschen ihrer Gegend angestiftet und inspiriert hat?
Nach einem sommerlichen Donnerstagabend am Grillfeuer packten wir am Freitag unser Gepäck in Irgendlinks Wagen und fuhren kurz nach Mittag los.
Die Reise
Gibt es über sie etwas zu erzählen? Stau hatten wir, wie gesagt, und langten deswegen erst um halb zehn statt wie gehofft um acht Uhr in Kreuzberg an. Ach, und geregnet hat es fast immer – bis auf ein zweistündiges Teilstück mittendrin. Nein, die Reise ist nicht wirklich erwähnenswert.
Berlin
Frau Freihändigs großartiger Gastfreundinschaft ist es zu verdanken, dass wir kostenlos logieren durften. Und dazu ernst noch in einer wunderbaren Altwohnung, in die ich mich sofort verliebt habe.
Berlin 04_13 by Sofasophia 44b_fB
Berlin 04_13 by Sofasophia 49b_fB
Am Samstag stromerten wir über den Kreuzberg am dortigen Denkmal vorbei (so viele Denkmäler wie in Berlin auf einem Haufen habe ich wohl noch nie gesehen!) zu Fuß Richtung Stadtmitte und nahmen unterwegs auf der Lindenstraße ein paar tolle Galerien mit. Gallery Weekend-Berlin-sei-Dank. UrbanArtWalks mag ich einfach. Was es da nicht alles zu sehen gibt.
Am Abend gutbürgerliche Küche im Tucholskys, weil überall sonst voll war. War aber okay und gemütlich, auch weil wir von unsern Freunden weitere Geschichten über Berlin und das Leben hier erfuhren. Als nicht wirklich geschichtsaffine, aus einem (pseudo-)neutralen Land stammende Person komme ich immer wieder an meine Wissensgrenzen und kann alles Gehörte nicht annähernd fassen noch verstehen.
Nach einem Verdauungsspaziergang samt letztem Bier – vorbei an der Sophienstraße und vielen mit Graffitis dekorierten Alt- und Neubauten – lassen wir uns müde ins Bett fallen.

Berlin 04_13 by Sofasophia 260_fB

Sonntags standen – wie schon in einem früheren Artikel erwähnt – unter anderem das Holocaust-Denkmal (siehe folgende Bilder),

Berlin 04_13 by Sofasophia 105b_fB Berlin 04_13 by Sofasophia 113b_fB

sowie das Brandenburger Tor und die Siegessäule auf dem Programm.
Berlin 04_13 by Sofasophia 139b_fB
Am Abend schließlich das (bereits verbloggte) Konzert von P.A.S. in Neukölln.

Tempelhof
ist am Montag dran, denn dort zieht es Irgendlink und mich geradezu magisch hin. Dieser stillgelegte Flughafen, der Westberlin, als es belagert war, das Überleben ermöglicht hatte, hängt heute irgendwo in der Warteschlange für eine Neunutzung, über die wir uns, wie bestimmt viele Berlinerinnen und Besucher, viele Gedanken machen. Die Luftbrücke hat nicht nur Leben gerettet, sondern auch viele Menschen das Leben gekostet. Was hat diese Erde unter unsern Füßen schon alles erlebt?, denke ich wie wir über das weitläufige Gelände wandern.
Berlin 04_13 by Sofasophia 297b_fB
Solange dieser Platz nicht anders genutzt wird, freut er sich, trotz seiner gewichtigen Geschichte, über die Besuche der vielen Spaziergänger, Radfahrerinnen, Skaterinnen, Jugger (ja, ich habe nachgeschaut, was das ist, guck hier), Geocacherinnen* (die, wie ich einige Meter ins Vogelschutzgebiet schleichen müssen, um einen Cache* zu heben) und – ja, natürlich! – auch KünstlerInnen.
Berlin 04_13 by Sofasophia 143b_fB

Berlin 04_13 by Sofasophia 165b_fB

Eine witzige Minigolf-Anlage hat es uns – auf dem Weg zum Columbiadamm – sehr angetan. So viel Charme haben diese theoretisch spielbaren Skulpturen, dass sich ein Besuch dieser Kunst-“Ausstellung“, Mini Art Golf namens nuture, auf jeden Fall lohnt.

#

Von da aus urbanartwalken wir via Duden- und Monumentenstraße nach Schöneberg. Unterwegs der Jogger, der mitten auf dem Trottoir an einer Haustreppe Liegestützen übt.

#

Am der Türe des Museums der Unerhörten Dinge an der Crellestraße lesen wir, dass dieses Bijou, das wir uns anschauen wollen, nur von Mittwoch bis Freitag geöffnet hat.

Berlin 04_13 by Sofasophia 208b_fB

Schade. Aber Schöneberg gefällt uns trotzdem. Besonders der Bioladen dort – der sich offensichtlich höchster Beliebtheit erfreut … 🙂

#

Berlin ist ein Land für sich, sage ich, wie wir zurück über die Brücke spazieren und mit den Augen den Gleisen der Ringbahn folgen.

Berlin 04_13 by Sofasophia 195b_fB

Ein Land, indem so vieles geschehen ist, so vieles möglich scheint, so viele Menschen träumen und schon so viele Tränen geflossen sind. Eine Stadt, so reich und so arm wie die ganze Welt. Eine Welt für sich. Ein Abbild der Welt.

#

Auf dem Rückweg in die Wohnung queren wir einen Spielplatz wie ich ihn noch nie gesehen habe. Die Fläche eines Fussballplatzes voll Sand. Mit Spielgeräten, Kindern, Müttern, Vätern, Opas, Omas, Bänken … eine Stimmung, die mir gefällt. Multikulti. Friedlich. Ein Ort der Begegnung – zwischen den Generationen und zwischen den Nationen. Alles geht – geht alles?

#

Jeder letzte gemütliche Abend und jede gemeinsam gebaute Pizza gehen leider irgendwann zu Ende. Eine letzte Nacht im gemütlichen Gast-Heim … Danke-danke, liebe Frau Freihändig!
Halle
Am Dienstag verlassen wir die große Stadt und fahren weiter nach Halle an der Saale. Zu Emil, einem lieben Mit-Blogger. Eine weitere tolle und sehr inspirierende Begegnung, wie ich schon in einem Artikel zuvor geschrieben habe.
Berlin 04_13 by Sofasophia 365b_fB
Reich beschenkt mit Büchern (leihweise zu lesen) und Halloren-Kugeln (ganz und gar einzuverleiben) fahren wir über die Landstraße Richtung Autobahn. Gut so, denn wir müssen unterwegs ja noch Brot und Käse kaufen.
Die Heimkehr
Wir fressen Kilometer um Kilometer – dazu regnet es wieder. Ich bin sehr müde, als ich in Kirchheimbolanden, wo wir noch ein paar Liter Benzin nachschütten, das Steuer wieder Irgendlink überlasse. Sehr müde bin ich, sehr sehr müde. Doch als wir zuhause auf dem einsamen Gehöft ankommen, sind wir beide so aufgekratzt, dass an Schlafen noch lange nicht zu denken ist.
Wie sagte doch Fassbinder so schön? Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.
________________________
Bilder:
Durch Draufklick vergrößerbar. Nikonbilder und undogmatische Appspressionismen (iPhoneArt mit Gimpunterstützung).
All pics: copyright by Sofasophia.

* Geocaching ist eine Outdoor-Schatzsuche in der realen Welt. SpielerInnen dieses Spieles versuchen, versteckte Behälter, Geocaches genannt, mithilfe eines Smartphone oder GPS-Gerätes zu finden, um anschließend ihre Erfahrungen online zu teilen. Mehr auf www.geocaching.com.

Von Berlin ins Berner Oberland

Über zweitausend Autokilometer habe ich in den letzten sieben Tagen zurückgelegt (Guugl spricht von 2356 km). Nein, das ist nicht normal. Und nicht wirklich toll. Ich stehe ziemlich neben den Schuhen und bin sehr müde.
Absorbiert von zwei intensiven Schreibaufträgen (den einen aus Nächstenliebe, den andern gegen cash – wenn auch in ferner Zukunft) verbrachte ich meinen Donnerstag teilweise zu Recherchezwecken in meiner alten Heimat. Im Berner Oberland. In Thun. Ach, wie liebe ich diese Gegend! Die Berge. Die Täler.
Ein Hagelschauerfrühlingsgewitter hat meinen Plan, auf dem Rückweg im lieblichen Gerzensee zu baden (zumindest die Zehenspitzen) vereitelt. Zum Glück, denn zuhause wartete viel Arbeit auf mich. Aber das nächste Mal werde ich dort rasten … versprochen.
Und morgen (ähm heute, einfach später, nach dem Nachtschlaf) werde ich hier über Berlin und Halle resümieren – ebenfalls versprochen.
Nun aber gute Nacht – oder so …

Berlin # 3 – Zu spät ist man immer rechtzeitig oder der geheime Keller

Nach einem zweiten inspirierenden Stadtspaziergang – diesmal zum Holocaust-Denkmal und von da aus zum Brandenburger Tor (wo ein großer Rummelplatz meine Sinne überflutet und nervt) und von da durch den Tiergarten zur Siegessäule – kommen wir erschöpft und verschwitzt in unserer Residenz an. Da wir die Tageskarte für alle öffentlichen Verkehrsmittel Berlins bewusst auch im Hinblick auf das geplante Konzert in Neukölln gekauft haben, müssen wir uns erstmal ein wenig erholen, um dem Berliner Nachtleben gewachsen zu sein.
Kurz vor neun Uhr, ausgeschlafen und frischgestärkt, fahren wir mit U- und Ring-Bahn an die Herrmannstraße, um uns von dort auf die Suche zu machen. Dass wir uns zeitgleich wie unsere New Yorker Freunde in Berlin aufhalten, ist Zufall, da wir unsern Besuch bei Frau Freihändig ja hatten verschieben müssen. Robert L. Pepper, Teil der New Yorker Band P.A.S., haben wir vor anderthalb Jahren bei einem kulturellen Anlass auf dem einsamen Gehöft kennengelernt (Kunstzwerg 2011). Mit seiner Frau Amber und seinem (und unserm Freund) Brandstifter tourt er zurzeit durch Europa und beglückt hier ein interessiertes Publikum mit seinen doch sehr speziellen Klangwelten, die mit allen möglichen Nicht-Instrumenten erzeugt werden. Kein Ton ist geplant und doch ist alles in sich ein wunderbares Klangerlebnis.
So weit so gut – nur: wo bitte findet das Konzert überhaupt statt? Weder Facebook noch Mails geben genaue Details her und nur dank Internetrecherchen kann Irgendlink die Hausnummer des Clubs ausfindig machen. Nachfragen bei unsern Freunden hätte ja den Überraschungseffekt zerstört.
Wir irren die Emser Straße auf und ab und suchen nach dem richtigen Eingang. Da? Vielleicht dort? Oder hier? Ein junges Pärchen, das eben die unscheinbare Türe eines unscheinbaren Hauses öffnet, fragen wir, ob das hier sucked orange sei. Ja! Wir schlüpfen glücklich hinter ihnen in den Vorraum. Räder stehen herum. Hinten ein Kleiderständer. Ansonsten keine Hinweise auf ein Konzert. Die beiden Eingeweihten öffnen eine dick gepolsterte Türe und deuten mit Fingern auf den Lippen an, dass wir ganz leise sein sollen. Wir schließen die Türe hinter uns und finden uns im Untergrund wieder. Ein düsterer Kellerraum, der wundersame Klänge verströmt. Und ein bisschen weniger wundersame Düfte von Zigarretten und andere Kräutern. Wie früher, als wir jung waren!, blitzt es mir durch den Kopf.
Treppe und Kellerraum sind voll. Etwa vierzig Leute lauschen mucksmäuschen still den sphärischen Klängen, doch die Musiker, die sie erzeugen, kennen wir nicht. Wir finden eine Nische, doch schon bald entdeckt Irgendlink die Bar und schlängelt sich durch, um uns Bier zu besorgen. Als er nach fünf Minuten noch immer nicht zurück kommt, mache ich mich leise auf die Suche.
Der Raum ist größer als gedacht und grenzt an einen weiteren gewölbten Raum, der knapp einen Meter siebzig hoch ist. Ich muss den Kopf nicht einziehen, die andern schon. Denn hier treffen wir sie, die andern. Die Vorband ist inzwischen mit ihrer Vorführung zu Ende.
Was für ein Wiedersehen! Robert stellt uns seine Frau Amber vor und wir tauschen schon bald angeregt aus. Nach der Pause gehts los mit ihrem Auftritt. Klasse! Wir sind keine Minute zu spät gekommen, obwohl wir nirgends eine Start-Zeit gefunden haben. Grund dafür war, dass Konzerte in diesen Räumen nicht wirklich legal sind und nur bei sehr sensiblem Umgang mit der lieben Nachbarschaft auch weiterhin stattfinden können. Bedingte Duldung.
Irgendlink und ich dokumentieren das Konzert. Fünfunddreißig Minuten lang spielen die drei, von einem Kumpel aus Berlin unterstützt, ein Stück, dass es so nie wieder geben wird. (Ich werde es später auf Youtube laden und hier einen entsprechenden Hinweis posten).
Nach dem Konzert setzen wir uns wieder in den Gewölberaum, der mit Sofas bestückt ist, und unterhalten uns mit Roberts Freund Nico aus New York, der uns von seinen Musikprojekten erzählt. Auch Brandstifter und Robert gesellen sich zu uns und so sind wir – mitten in Berlin – ein bisschen zuhause angelangt. Bei vertrauten Menschen. Schon morgen werden sie nach Polen weiterreisen – nach einem weiteren Konzert heute Abend.
Zurück bei Frau Freihändig, die schon die zweite Nacht beim Liebsten logiert und uns ihre Gemächer aufs Großzügigste überlassen hat, ist es mir, als wäre ich schon viele Tage hier, als wäre mir die Stadt vertrauter als sie es eigentlich sein kann – bin ich doch zum ersten Mal hier. Doch hoffentlich nicht zum letzten Mal.
Nur am Bier kann das ja wohl nicht liegen?
EDIT: Ein guter Artikel über PAS musique: bitte hier klicken.

Berlin # 1

Müde nach einem tollen, bunten, oppulenten, bilderreichen, informationsübersprudelnden Tag zwischen Kreuzberg und Stadtmitte hier nur ein allererstes Bild …
Bilder und Texte einer kleinen Frau in der großen Stadt folgen. Versprochen!
DSC_6104bwz
__________________________
Bild:
Nikon

Zu dir oder zu mir? Zu ihr!

So grün (die Bäume, das Gras),
so blau (der Himmel),
so weiß (die Kirschenblüten),
so süss (der junge Gärtner unterwegs, der Duft der feinen gelben Blüten),
so gelb (die Forsythien),
so rot (die Blüten, die Tulpen),
so fröhlich (die kichernden Kinder ums Nachbarshaus, die Vögel) und
so zuversichtlich (ich)
war meine kleine Welt schon lange nicht mehr.
Lullifullifrühling, ich liebe dich!
20130424-181000.jpg
Ich hoffe, du hast auch in Berlin deine Farbigkeit und Wärme ausgebreitet, bei S. und St., die wir am Freitag für ein paar Tage besuchen werden. S. aka Frau Freihändig hat uns nämlich eingeladen, die große Stadt von ihrer Wohnung aus zu erkunden. Wie ich mich freue!
Ach, lieber Frühling, bitte walte deines Amtes. Und sei nicht geizig dabei! Vielleicht kannst du Bruder Winter gar an Oppulenz übertreffen? Ich hoffe es.
___________________________
Bild:
Appspressionismus (iPhoneArt).