Der andere Reichtum

Was sein Leben reicher macht, beantwortet Martin Lagrange hier. Eine Erfahrung, die ich ihm von Herzen gönne. Da ich vermutlich nicht 102 Jahre alt werde, wird es bei mir nie genau so sein. Aber ähnlich.

Auch mein Leben wird reicher durch mir kostbare Menschen, allen voran der Liebste, gleich danach Freundinnen und Freunde. Der herzliche, warme und offene Austausch mit ihnen allen. Ob nun persönlich, per Telefon, in Mails oder über die sozialen Medien wie Threema, Twitter und so weiter …

Quelle: ZEITmagazin
Quelle: ZEITmagazin

Mein größter Reichtum, mein größter Schatz ist es, Liebe zwischen Menschen zu erleben. Andere Menschen so zu nehmen, wie sie sind. Ach, ich Romantikerin ich, denn ich stelle ja auch immer mal wieder fest, dass ich in der Praxis nicht immer so empathisch sein kann, wie ich es eigentlich von mir erwarte. Wie ich es gerne möchte.

Gestern las ich auf Twitter diesen genialen Satz hier von 4. März

„Ich wünsche niemandem etwas Schlechtes. Ich wünsche allen nur, dass sie Menschen wie sich selbst begegnen.“ (Direkter Link zum Tweet)

HA! Was wäre wenn? Würde ich mich mit mir selbst anfreunden? Wäre ich eine meiner Freundinnen, wenn ich mir begegnen würde? Sind meine Freundinnen und Freunde eher „Gegenteile“ von mir selbst? Hm, Fragen über Fragen …

Und wie steht es mit der Liebe zu mir selbst? Ja, auch sie macht mich reich. Vermutlich bin ich nicht nur gerne alleine mit mir, weil ich mich mag, sondern auch, weil es mich manchmal auch anstrengt, mit anderen Menschen zusammenzusein. Das klingt wohl wie ein Widerspruch zu meinen Aussagen am Anfang dieses kleinen Textchen hier? Ist es aber nicht – nicht wirklich.

Reicher macht mein Leben nämlich auch die Stille. Wandern in der Natur. Sitzen an einem Fluss. Lauschen in einem Wald. Im Gras zu sitzen. Den Himmel zu betrachten. Und das geht am besten, wenn ich allein bin.

Was mein Leben auch noch reicher macht? Gefühle, Gedanken, Erfahrungen in Worte oder Bilder zu kleiden. Weiter macht mein Leben reich, dass ich mir und andern Gutes gönne.

Diese Grundhaltung war nicht immer da. Ich kenne Neid.

Es war aber nicht so, dass ich andern nichts Gutes gönnte, aber dass ich immer mal wieder dachte oder eher wohl fühlte: Das will ich auch! Warum kann die, warum darf der, und ich nicht?! Dieser Hader war ein Teufelskreis; geboren aus Minderwertigkeitsgefühlen hat er dazu geführt, da ich mich dafür schämte, dass ich mich noch kleiner machte. Es war ein langer Weg zu mir. Heute weiß ich: Mir und andern Gutes zu gönnen, tut mir gut und tut andern gut. Und mir bricht dabei kein Zacken aus der Krone.

Ironisch augenzwinkernd bringt das Twitterin @schusanne auf den Punkt.

Es lebe das Leben!

Zusammenhänge

Wie alles zusammenhängt, denke ich. Unterwegs. Zuerst spaziere ich an die Aare. Wie Sommer ist es auf einmal. Über zwanzig Grad an der Sonne und die Leute sind friedlich. Sie gehen spazieren, setzen sich ans Ufer, allein, mit andern. Keine Musik. Nur Stimmen. Und das Rauschen des Flusses. Ein gedankenverlorener Papa reagiert nicht auf die Rufe seiner Tochter. Er sitzt auf der Kinderschaukel und ist vermutlich weit weg.

Schaukeln sind Zeitmaschinen. Sie verbinden das Kind in mir mit der Frau, die ich heute bin.

Hier, am Fluss, begreife ich wieder einmal, dass alles rund ist und fließt. Alles kreist. Die Erde. Die Planeten um ihre Sonnen. Auch der Punkt, der ich bin. Ich kreise. So hängen alle und alles zusammen.
Alle. Alles.

An der Reuss

Davor, als ich stundenlang im Internet nach Stiftungen gesucht hatte, die unser Schreibprojekt für Traumatisierte langfristig unterstützen könnten, stellte ich erstaunt fest, dass es für alles eine Stiftung gibt. Die einen sind entstanden, weil die Mäzene selbst ein schweres Unglück überlebt haben, aus Dankbarkeit, andere wurden aus Notwendigkeit gegründet, manche aus Nächstenliebe, Forschungsdrang oder Leidenschaft, wieder andere aus religiösen Gründen. Dann gibt es Stiftungen, die Wissenschaft, Kultur oder Kunst fördern und noch andere sehen ihre Aufgabe bei Kindern und Jugendlichen, die es zu unterstützen gilt. Für alles gibt es offenbar die maßgeschneiderte Stiftung. Was ich ermutigend finde. Dass es Menschen gibt, die ihr Geld nicht nur für die eigene materielle Bereicherung ausgeben, sondern damit etwas erreichen wollen, was andern zu Gute kommt. Alle diese Stiftungen sind wie kleine Rädchen. Alle zusammen decken alles ab. Irgendwie. Theoretisch. Für alle würde gesorgt. Und ich weiß auch, dass alles, was wir sehen, immer nur ein Ausschnitt vom Ganzen ist. Und dass wir das Ganze nie ganz sehen können. Nie.

Aber wenn wir alle das tun, was nur wir so tun können, wie nur wir es tun können, greift alles ineinander, ist alles abgedeckt, ist für alle gesorgt. Unser aller Netz ist stark und kann alle tragen, auch jene, die ihr Leben nicht selbst schaffen – aus was für Gründen auch immer. Wäre. Könnte. Denn leider ist es ja nicht wirklich so.

Aber wenn. Wenn wir alle das tun, was nur wir so tun können, wie wir es tun können, ist das Leben lebenswerter als es ist, wenn wir es nicht tun.

Ja. Schön stelle ich es mir vor. Und dass es allen so gut geht wie mir jetzt.

Ich vergesse beim Träumen zuweilen all jene Frauen, die möglicherweise die gleichen Talente und Vorlieben haben wie ich, aber in einem Land geboren worden sind, das den Frauen weniger Rechte zugesteht als den Männern. Oder die in Ländern leben, in welchem Talente, wie ich sie habe, nicht sehr nützlich sind.

Schnitt.

Die hohe Suizidrate in der Schweiz, in den reichen Ländern überhaupt, erstaunt mich im Grunde nicht. Auch nicht der Anstieg psychischer Erkrankungen und Arztbesuche, die in eine Überweisung zu einem Psychologen oder Psychiater münden. Obwohl ich mich natürlich frage, ob sich die Menschen heute eher trauen, über Schwäche zu sprechen oder ob das Leben auch in der Schweiz immer kälter, härter, lebensfeindlicher geworden ist. Vermutlich beides.

Wer aber macht denn diese Kälte, diese Härte, diese Lebensfeindlichkeit? Die Bosse in Politik und Wirtschaft, die Menschen an den Spitzenpositionen? Können die das wirklich ohne uns? Wie viel haben wir in der Hand – vermeintlich oder wirklich?

Ja, ich grüble noch immer viel nach und ich finde noch genauso oft keine Antworten wie früher. Und noch genauso oft frage ich mich, wozu ich da bin. Oder wozu ich andere ermutigen soll. Zu einem Leben in einer Welt wie dieser? Nun ja. Nein meine ich. Also, eigentlich ja. Schon. Aber.

Ich ahne, dass in mir einfach eine nicht unterzukriegende Hoffnung erwacht ist, dass es möglich ist, durch ein bewusstes Leben die Welt ein bisschen besser werden zu lassen. Ich versuche es. Bei mir.

Weil alles zusammenhängt.

Wirkt Wahres wirklich?

Wie wahrhaftig können wir uns selbst sehen und beschreiben?

Sehen wir uns nicht immer durch irgendwelche Filter? Und was ist mit all den nicht erzählten Dingen? Opfere ich die Reste meiner kleinen Privatsphäre, wenn ich hier über meine Alltagsgewohnheiten schreibe, wie es Knausgård getan hat? Verrate ich mich sogar ein wenig, wenn ich zu viel schreibe? Was soll mein Maßstab sein?

Nun ja, wenn ich über mich schreibe, ist es immer eine Form der Selbstdarstellung. Im Zeitalter von Selfies ist das Selbstbildnis aus dem Ruder gelaufen.

Wie bewundere ich die alten Meister, die in stunden- was sage ich da? in tagelanger Konzentration vor dem Spiegel saßen und nicht nur ihr Äußeres wiederzugeben versuchten, sondern auch ihr Innen unter die Lupe nahmen.

Ein Bild ohne Schatten nennen wir überbelichtet. Wo die Schatten fehlen, werden die Falten geglättet und zeigen eine nicht wirkliche, eine nicht wahre Wirklichkeit, eine wirkungslose Wirklichkeit. Wird sie damit unwahr? So unwahr wie eine Mathematik ohne den Einbezug von Minuszahlen.

Voyeurismus beobachte ich bei mir, ein klein wenig zumindest, wenn ich Bücher wie jene von Knausgård lese. Biografien. Anders als bei fiktiven Lebensgeschichten gehe ich bei einer Biografie davon aus, dass der Blick, der mir schreibend vermittelt wird, der Wahrheit nahe ist. Der Wahrnehmung zumindest. Und das interessiert mich. Ich möchte wissen, was andere Menschen denken, sagen, machen, fühlen, wie sie dies und jenes tun, worüber sie sich nerven und was ihren Alltag versüßt. Nicht geschönt, nicht selektiert. Vielleicht lese ich deshalb auch so gerne in Blogs. Sie sind noch unzensierter als Bücher, roher, näher dran an den Menschen.

Nicht besser. Anders.

Türen auf, Türen zu … Mittendrin. Schauen. Wahrnehmen. Was wäre, wenn.

Gemeinsames Werk von neun Malenden

Gemeinsames Warm-Up-Bild von neun MalendenDie Bilder, die ich im letzten Artikel gepostet habe, wie würden sie aussehen, wenn ich am letzten Sonntag daheim geblieben wäre und nicht mitgemalt hätte?
→ Anders.

Wie wäre die Welt, wenn ich nicht da wäre.
→ Anders.

Wie wäre diese Haus, wenn ich nicht darin wohnen würde?
→ Anders.

Nicht besser. → Anders.

So wie du malst,
so wie du sprichst,
so wie du denkst,
so wie du schreibst,
so …
… kannst es nur du.

Daher vielleicht mein Mut.
Daher auch meine Angst vor meinem Mut.

Dieses Nichtwissen, was wird, wenn ich diese neuen Räume öffne. Betrete.

Immer dieses Hoffen auf Heilung.
Immer öfter dieser Wunsch, zu teilen, was mir gut getan hat.

Kitsch?
Die Gefahr des Besserwissertums?
„Weil zu viel Cleansein dem Geist schadet.“ (Zitat: Glumm)

Was dir gut tut?
Tu es.

Wem oder was?

Wem oder was verdanke ich wen oder was? Dativ trifft Akkusativ. Und mich. Dich auch.

Meine Mausmatte an der neuen Arbeitsstelle sagt, dass wir die besten Dinge dem Zufall verdanken …

Was meinst du? Stimmt das für dich? Oder anders gefragt: Was würde auf deiner Mausmatte stehen?

Mausmatte_was

  • Was ist es, was dich dankbar macht?
  • Wenn du dankbar bist, wann ist das? Und wem gehört dein Dank?
  • Sagst du oft Danke? Und wenn ja, wem?
  • Wie wirkt sich Danken auf dein Leben aus?

Ich freue mich schon sehr auf eure GEDANKEN zum Thema. Wenn ihr denn mögt!

Und ja, herzlichen Dank für all die lieben Kommentare und Likes zu meinem letzten Artikelchen. Es hat mich echt total gefreut, so viel Mitgefühl und Mitfreude von eurer Seite zu erleben.
Ihr seid wunderbare Menschen, ihr da draußen. Das darf ruhig auch mal gesagt werden.

Egal.

Ohne
Leidenschaft,
Begeisterung,
Liebe
wird alles nichts.
Mit
Leidenschaft,
Begeisterung,
Liebe
wird nichts alles.

Manchmal, ich gestehe es, manchmal
möchte ich alle Wesen
in Liebe baden und sie so
von allen ihren Wunden heilen.
Nenn es Größenwahn.
Im Grunde spielt es keine Rolle
wie viele
wie wenige
ich
mit meinem Herz,
mit meiner Liebe,
mit meinen Texten berühre.
Viel oder wenig
ist mehr oder weniger

egal.

Mitten im Yoga
zu begreifen,
dass, wenn doch
alles irgendwie
(hm, nun ja,)
göttlich
(oder so?)
ist, auch ich
es bin.
Ein Fünklein davon.
Ein Splitterchen.
Du auch.

Muss ich mich
erst fest stellen,
nur um festzustellen,
dass ich
nicht muss?
Und nichts.

Dieser Tage

Während ich diese Zeilen schreibe,
während du diese Zeilen liest,
während sie über die Straße geht,
während er den Zug besteigt,
während sie im Büro sitzt,
während sie zu Mittag essen,
während sie sich zärtlich umarmen,
während er die Seite umschlägt,
während du die Tafel putzst,
während ihr um Hilfe ruft,
während ihnen dort Hilfe gewährt wird,
während euch hier Hilfe verweigert wird,
während man dir nicht zuhört,
während du den Vertrag unterschreibst,
während sie auf dem WC sitzt,
während er vom Jagdhochsitz aus Rehe beobachtet,
während ich huste,
während er schläft,
während sie die Wände neu streicht,
während es hinfällt und wieder aufsteht,
während sie ihn auslachen,
während alle Charlie sind,
während in Nigeria Menschenrechte ignoriert werden,
während in Köln oder in Berlin eine Asylbewerberin aufgenommen wird,
während in Dresden ein Mensch begreift, dass es auch anders geht,
während sie in Zürich den Kopf schüttelt,
während er in Bern auf die Uhr schaut,
und ich hier aus dem Fenster,

fällt hier kein Schnee. Möglicherweise woanders.

HochsitzAb Februar bin ich (offiziell wieder) nur noch teil-selbständig. Ich hoffe, meine neue Arbeitsstelle wird zu mir passen wie ein paar perfekte Schuhe, wie meine bequemste Jeans und wie mein Lieblingspulli.

Während du das liest,
unterschreibe ich vielleicht gerade den neuen Arbeitsvertrag.

Und du?

Fallobst: Runtergefallen, aufgefallen, aufgelesen.

Wir alle wollen wichtig sein. Follow me! Teile! Like! (Meine Beobachtung des menschlichen Verhaltens)

Wer und was ist mir überhaupt wichtig? Und warum?

~~~

Die Leistungsfähigkeit definiert den jeweiligen Lebenswert. (Meine Beobachtung des menschlichen Verhaltens)

Was ist mein Wert? Kenne ich ihn?
Was ist dein Wert? Kennst du ihn?
Mag ich mich auch dann, wenn ich nichts leisten mag?
Magst du dich auch dann, wenn du nichts leisten magst oder kannst?

~~~

Wir gehorchen deshalb so gerne, weil wir zu faul zum Selbstdenken sind. (Meine Beobachtung des menschlichen Verhaltens)

Wann habe ich das letzte mal meiner inneren Stimme gehorchen? Lag sie richtig?

~~~

Könnte ich mich doch nur besser und länger konzentrieren! Oft geseufzter Gedanke. Ich lasse mich ständig ablenken. Ich lasse? Wie bewusst lasse ich mich auf Ablenkung ein? Vielleicht, weil ich mich so den wirklich wichtigen Themen, denen ich mich eigentlich aussetzen will, doch nicht stellen muss? Laufe ich gar vor der Konzentration davon? Alles Ausreden! Ausreden für mich selbst, damit ich mich nicht an mir selbst messen muss, und an meinen unerreichbar hohen Ansprüchen an mich selbst. Ich vermeide so – Ablenkungseidank – ein vermutetes Scheitern und ich merke dabei, dass mich beides gleichermaßen ausbremst: Die viel zu hohen Ansprüche an mich selbst ebenso wie meine Bereitschaft zur ständigen Ablenkung. Als würde ich mir und meinem Weg misstrauen. (Selbstbeobachtung)

Traue ich mir? Traue ich mich?

~~~

Ich: Weichen neu stellen? Ja, ich mach das auch oft. Wenn es not-wendig ist. Allerdings eher weniger auf Schienen und Weichen, die sich ja nur schwer und dazu noch in bereits vorgebauten Spuren bewegen lassen, bin ich eher auf Waldwegen unterwegs. Auch gerne im Unterholz. Tja. Und dort gibt es immer wieder Neues zu finden.

Fatima: Ich befürchte, wenn wir einfach so vor uns hinleben, geht das nur auf vorgespurten Bahnen. Ins Unterholz gelangen wir nur durch Absicht und bewusstem Aus-der-Bahn-werfen. … es sei denn, man ist ganz ohne Absicht aus der Bahn gesprungen. Dann ist man ebenfalls im Unterholz. (Facebook-Dialog zwischen mir und Fatima)

Wage ich es immer mal wieder, die ausgelatschen Wege zu verlassen?

~~~

Da capo al fine. Al fine? Gibt es den letzten Ton? Irgendwann? Und wie klingt er wohl?

Reizwörter #1 – Schuld und Scham

Ich beginne heute mit einer unregelmäßigen Serie mit Texten zu Reizwörtern.
Wörter, die reizen, haben wir alle.
Wörter, die uns auf der Zunge liegen, oft viel zu oft;
Wörter, die uns schmerzen,
Wörter, die wir meiden.
Dazu werde ich frei assoziieren und danach möglichst wenig verändern – allenfalls Tippfehler entfernen. Es werden deshalb ziemlich rohe Texte sein, art brut littéraire sozusagen. Ihr könnt mir gerne Wörter nennen, die ihr vom mir „bearbeiten lassen“ möchtet. Und wenn ihr Lust habt, könnt ihr diese Reizwörter-Idee bei euch in den Blogs gerne weiterspinnen.

 
*****

Scham und Schuld

Etwas müssen wir uns doch von unserer ständigen Scham erhoffen, etwas müssen wir uns doch von unseren steten Bitten um Verzeihung versprechen? Würden wir uns ständig schämen, würden wir uns immerfort schuldig fühlen, wenn wir davon nichts hätten? Und das Fremdschämen erst, was erwarten wir uns davon?

Ich schüttle das Sieb, die Fragen darauf sind hartnäckig. Sie passen nicht durch die Löcher, verkleben sie nur, bleiben hängen, lassen mich ohne Antworten zurück.
Im Becken darunter die Leere.
Leere.
Leer.
Mein Becken.

Schuld? Ent-schuld-igung heißt doch Nimm die Schuld von mir, die ich mir aufgeladen habe.
Die ich glaube, mir aufgeladen zu haben.
(Wieso lasse ich mir etwas aufladen? Bin ich es gar selbst, die auflädt und wieso? Und wieso fühle ich mich dir gegenüber schuldig?)

All diese Dinge, für die ich mich schäme.
Weil ich nicht gut genug bin.
Weil ich eine falsche Entscheidung getroffen habe.
Weil ich etwas nicht weiß.
Weil ich etwas nicht kann.
Weil ich etwas kann.
Weil ich mehr weiß und mehr kann, als andere.
Weil ich etwas getan habe. Etwas gutes vielleicht sogar.
Weil ich die bin, die ich bin.
Weil ich bin.
Weil ich.

Und dafür die Scham.
Die Schuldgefühle.
Dafür.
Deswegen.

Ich baue Schuldtürme aus Dingen. Aus Definitionen. Bald werde ich einen Kran brauchen.
Ich bin zu klein um die neuen Steine oben drauf zu legen.
Ich bin zu klein für meine Schuld.
Ich schäme mich dafür, dass ich so klein bin.
(Obwohl ich groß wäre, innendrin, aber niemand als ich weiß es.)
Ich schäme mich dafür. Darum ziehe ich schon wieder den Kopf ein. Wie immer.
Ich habe mich an die Scham gewöhnt.
Ich habe mich daran gewöhnt, an allem Schuld zu sein.
Ich lade mir die Schuld der Welt auf die Schultern. Immer mehr.
Ich breche zusammen.
Ich kann nicht mehr.
Endlich.
Ende der Schuld.
Scham stirb.

 

(Assoziatives Nachdenken über die Reizwortthemen Schuld und Scham)

Mehr als Rädchen sein

Ohne Erwartungen leben – geht das? Wie reif und erleuchtet man dazu sein muss, weiß ich allerdings nicht. Nur dass ich das nicht bringe. Und, so sehr ich es nicht mag, wenn andere von mir etwas erwarten, ich tue es auch – ich habe Erwartungen. An mich und an andere. Und an das Leben. Oft völlig unreflektiert, meistens sogar.

Andererseits bin ich immer wieder abgehauen, wenn die Erwartungen anderer an mich zu groß geworden sind. An Arbeitsstellen oder in Beziehungen. Wenn ich festgestellt habe, dass ich andern in erster Linie als Projektionsfläche diene und nicht als die Person, die ich bin, als die Frau, der Mensch, gesehen werde, sondern als funktionierendes Rädchen im Getriebe einer Beziehung, eines Arbeitsverhältnises. Man kann mich, wegen meiner Fluchten, feig nennen, und vielleicht bin ich es auch, doch das spielt hier keine Rolle, denn hier und heute will ich mal wieder schreibenderweise über das Leben sofasophieren. Über die Gesellschaft auch. Und wenn wir schon dabei sind auch gleich über die Politik. Alles im gleichen Aufwisch. Achtung: Triggerwarnung. Auch der Tod kommt in diesem Artikel vor. Denn wenn wir schon über das eine, das Leben, reden, kann das andere nicht weit sein.

Wer weiterliest, ist selbst schuld. 🙂

Das blaue Boot hat angelegt. An meinem Steg. Anders als letztes Jahr, wo es mich sozusagen entführt und auf der blauen Insel eine Weile lahmgelegt hat, hat es sich diesmal angekündigt. Diesmal spielt mein blaues Monster, das Kapitänum des blauen Bootes, mit offenen Karten. Wir beide wissen Bescheid, denn seit ich mein Medikament nehme, sehe ich die Welt anders. Nicht netter, aber klarer. Das Medikament ist meine Brille, die den ewigen Lebensgraufilter von meinen Augen genommen hat. Ohne diesen Graufilter konnte ich in den letzten Monaten vieles aufräumen. Ich bin in meine Kellerräume gestiegen und habe die hintersten und ältesten Kisten geöffnet. Viel Dreck. Viel Mist. Viel Schmerz. Mäusekot. Schwere Kost. Nein, ich habe mich nicht geschont. Ich habe hingeschaut. Und dann habe ich ein Feuer gemacht, im Garten, und vieles verbrannt. Ich bin durch. Mittendurch. Ich habe keine Angst mehr von dem, was noch in mir drin zum Vorschein kommen könnte. Diese Ängste sind gebannt. (Denke ich jetzt und heute. Und ich hoffe, dass dem so ist.) Doch ob ich mit meiner neuen Werkzeugkiste dem blauen Monsterboot diesmal trotzen kann, werde ich sehen. Ich bin zuversichtlich. Obwohl ich mich auch ein wenig fürchte.

Angst habe ich eher vor der Welt da draußen, der ich auch angehöre. Im vorletzten Artikel habe ich darüber geschrieben, wie anstrengend es oft für mich ist, dass ich hinter jedem Wort, das ich lese und höre immer auch den Menschen spüre, der es gesagt oder geschrieben hat. Und dann natürlich zu wollen, dass es ihm oder ihr gut geht. Und natürlich ist es größenwahnsinnig, zu glauben, dass ich die Welt allen Menschen so machen kann, dass sich alle sicher und geliebt fühlen. Dennoch ist es eine ewige Hoffnung in mir, dass wir alle zusammen uns gemeinsam in diese Richtung bewegen. Doch weil es noch nicht so ist und weil wir noch alle (oder zumindest die meisten) zuallererst daran denken, den eigenen Bauch zu füllen, gibt es eben dieses Ungleichgewicht, die Krankheit der Gesellschaft. Neulich las ich bei Irgendlink über diese geniale anarchistische Idee, alles Gut (und Schlecht?) auf einen Haufen zu legen und neu zu verteilen. Das erinnerte mich an das neulich hier im Blog beschriebene Experiment, bei welchem sich Menschen aus einer Schüssel so viel Geld nehmen durften wie sie brauchten. Und wie das mit Selbstwert zusammenhängt. Mit unserem Denken über uns selbst. Über die Selbstwertschätzung und die Wertschätzung aller andern uns gegenüber.

Heute Morgen habe ich auf einmal verstanden, dass es nicht die Selbstliebe ist, die mir für mich und meine Zufriedenheit fehlt, sondern eine Art Bumerang- oder Spiegelakzeptanz der Menschen da draußen. Denn mir selbst und meinen geliebten Menschen geht es gut mit mir. Wenn ich aber unterwegs im öffentlichen Raum bin, auf Ämtern, im Zug, im Garten, im Laden möchte ich nichts anderes als alle andern einfach zu respektieren und von ihnen respektiert zu werden. Nicht denken: Was denkt der oder die von mir, wenn ich so und so? (Denn damit bewerte ich ja sowohl mein Verhalten als seltsam und traue den andern andererseits nicht zu, mich nicht zu bewerten.) Im Grunde kann es mir ja völlig egal sein, was unbekannte (und bekannte) Menschen von mir denken. Ein bisschen anders ist es in Umgebungen, wo man entweder als Bittstellerin oder Kundin auftritt. Da möchte ich als Mensch gesehen werden, als der Mensch, der ich bin. Mit meiner Geschichte. Nicht als Nummer. Nicht als Fall. Da möchte ich einfach nur akzeptiert werden. Und ernstgenommen. Wahrgenommen und respektiert nicht einfach nur geduldet. Ja, ich habe Erwartungen, wie gesagt.

Und nun stell dir bitte mal eine Wippe vor. Oder eine Waage. Eine Schaukel. Ein Pendel. So ist unsere Gesellschaft. Nie ausgeglichen, immer rauf und runter. Immer hin und her. Immer in Unruhe. Vielleicht ist ab und zu eine Gruppe ruhig, ausgeglichen. Oder sogar mehrere. Aber nie alle. Muss ich das als Fakt akzeptieren und kann ich mir dennoch wünschen, dass es anders wird? Keine statische Ausgeglichenheit, denn das wäre Stillstand, Tod, nein, auch die Extreme haben wohl ihren Sinn. Sie gehören zum Menschsein dazu, das wir alle darstellen, und zur Lebenserfahrung, die wir sammeln. Und so haben wir Menschen also ausgetestet, wie sich Kapitalismus anfühlt. Viele haben auch den Kommunismus erlebt. Zumindest eine Form davon oder mehrere. Weder mit dem Kapitalismus noch mit dem Kommunismus wurde die Menschheit langfristig zufriedener (Muss sie das? Und wer sagt das? Wäre sie dann noch so manipulierbar, wie sie es ist?).

Da sind so viele Lecks. In mir, in uns. Und so versuchen es die einen mit Selbsterfahrungen bis zum Exzess und andere geben sich dem Leben in einer Gruppe hin, ebenfalls exzessiv. Alle auf der Suche nach ihrem Glück und ihrem Lebenssinn. Und ich frage mich, ob das wirklich funktionieren kann.

Müssen wir nicht erst einmal zu Grunde gehen? Uns unserer Dunkelheit stellen?
Dahin, wo es am dunkelsten ist.
Dann uns abstoßen, vom Grund, auftauchen, die Lungen füllen.
Und endlich authentisch leben.

Denn ich ahne, dass wir unterwegs etwas wesentliches verloren und vergessen haben, unterwegs durch die schnelle Zeit.

Das hier:

Um beruflichen Erfolg zu erlangen und in der Männerwelt ernst genommen zu werden, haben viele Frauen angefangen, ihre weibliche Seite zu unterdrücken. Nun haben manche zu ihrer Weiblichkeit und gar ihrem Körper eine ablehnende Haltung entwickelt.
Die Frau repräsentiert das Leben, das Sanfte, (weibliche) Intuition, Mitgefühl. Sie steht für das Fließende. Nicht nur ihr Blut fließt alle vier Wochen, auch das Fließen der Gefühle und der Liebe ist gemeint.
Es ist für unser aller Wohl, nicht nur für das der Frau selbst, dass wir unsere weibliche Seite wieder entdecken und ausleben. Männer sind nicht besser als Frauen, und Frauen nicht besser als Männer – wir sind einfach anders. Und wir sollten aufhören etwas anderes sein zu wollen, als was wir sind.

Quelle. http://www.awakeningwomen.de/2014/11/18/ganz-frau-sein/

Wir alle sind alles. Ich habe männliche und weibliche Anteile. Du auch, er und sie ebenfalls.

Ich plädiere für Ausgewogenheit. Für den Weg in unsere Mitte. Für ein wahrhaftiges Hinspüren. Ja, auch ihr, Männer, seid gemeint. Warum nur haben wir so Angst vor unseren Gefühlen? Weil wir dabei etwas in uns entdecken könnten, von dem wir verlernt haben, wie man damit umgeht? Oder es gar nie gelernt haben?

Seit ich in meiner Zwischenwelt, in meinem neuen Leben lebe, will heißen, seit ich nicht mehr angestellt bin, stelle ich fest, dass ich wieder viel mehr fühlen kann. Dass ich mich viel weniger nach außen hin abschotte, dass ich wieder viel mehr hinschaue, bei mir, bei andern. Und ja, das tut manchmal verdammt weh. Und vielleicht habe ich ja darum so Angst vor der Welt da draußen? Weil da noch viel mehr Schmerz ist, verdichtet in jedem einzelnen Menschen. Und meistens nur deshalb, weil sie ihn nicht zulassen, den Schmerz, und seine Auflösung auch nicht.

Ich behaupte, dass die meisten Handlungen motiviert von unseren Wunden sind. Wäre es da nicht sinnvoll, sich mal um die Heilung derselben zu kümmern, um so die Grundlage für andere, weisere Handlungsansätze zu schaffen?

Die Natur holt sich ja doch immer, was sie braucht. Auch unsere innere Natur. Pendel. Vielleicht ist das sogar der Schlüssel zu den Erwartungen? Aktion – Reaktion. Instantkarma. Nein, ich nenne es nicht Schuld und ich spreche nicht von Busse und Sühne. Mit diesem Weltbild wurde schon zu viel kaputt gemacht. Aber ich glaube an Naturgesetze, an das Gesetz der Anziehung auch und an das Echo der Bergwand. Und ja, ich glaube an die Liebe.