Prokrastination

Jippie! Bald ist Weihnachten! Endlich haben wir alle mal wieder Gelegenheit, sämtliche übers Jahr angestauten Gewissensschulden böstenfalls auf einen Chlapf abzutragen. Bei Tante E. haben wir uns ja das ganze Jahr nur einmal gemeldet, endlich können wir ihr eine Karte schreiben. F. haben wir sträflich vernachlässigt, er bekommt ebenfalls Post von uns. Und was wohl aus H. geworden ist? Von ihm haben wir auch schon lange nix mehr gehört. Wie gut, dass es Weihnachtskarten gibt!

Am liebsten sind uns jene, wo wir bloß noch unterschreiben müssen. Alles andere ist vorgedruckt. Nein, nicht nur „Fröhliche Weihnachten und ein gutes Neues Jahr“! Inzwischen gibt es schon richtig tolle Karten für Prokrastinative wie uns. Offenbar gibt es also noch andere? Offenbar ist das ganze Theater normal? Wohl denn … Auf zum fröhlichen Kartenschreiben. Und ein paar klitzekleine Geschenke sind auch nicht zu verachten. Da und dort. Und hier auch noch.

Oh du fröhliche … Die Grafikerinnen und Grafiker freuen sich, die Druckereibetriebe ebenfalls. Und die Postbotinnen und Postboten erst! Ja, und natürlich freuen sich die Typen und Typinnen von der Wirtschaft. Und die von der Industrie. Die von den Banken sowieso und so sind wir alle, alle froh.

Hach, wie gut, dass es Weihnachten gibt. Wie gut, dass wir alle an Aufschieberitis erkrankt sind.

Gute Besserung.

Der alte Mann

Mit M., meinem früheren WG-Gefährten, auszugehen, macht mir auch heute noch Spaß, kommt nur leider zu selten vor. Zürich liegt leider ziemlich abgelegen. Ab und zu treffen wir uns in der Mitte. Wie letztes Jahr in Brugg. Im Salzhaus gaben sich Pippo Pollina & Konstantin Wecker ein Stelldichein. Tempi passati.

Gestern, vor dem Putzen, überkam mich ein unstillbares Verlangen, in jenes Gefühl eines ganz bestimmten Abends mit M. im Zürcher Volkshaus einzutauchen. Lang ist’s her …  1998 oder so. Ein Verlangen, eine Sehnsucht nach eben jener damals empfundenen Begeisterung, nach genau jenem Genuss überkam mich unversehens. Offenbar lassen sich solche Gefühle konservieren, komprimieren und bei Bedarf wieder hervorholen.

Habe ich in meiner Karriere als Konzertbesucherin je ein leidenschaftlicheres Spiel erlebt? Der alte Mann auf der Bühne: Er war eins mit jedem einzelnen Ton, den er seinem Instrument entlockte. Ein Erlebnis, das mich zu Tränen rührte, mir eine Gänsehaut verursachte , mir unter die Haut ging …  Ein musikalischer Orgasmus, der jede meiner Zellen erschütterte …

Was von jenem Abend zurück geblieben ist? Neben einer Musikkonserve, die ich seit Jahren nicht mehr gehört habe? Die Erinnerung an meinen damaligen Wunsch, eines Tages mein eigenes Ding mit der gleichen Begeisterung, mit der gleichen Leidenschaft wie Giora Feidman zu vollbringen, und dabei – en passant – meine Brötchen zu verdienen.

Siehe da: Die Vision hat überlebt … Während ich Giora Feidman lausche, erwacht sie und räkelt sich ein bisschen. Vielleicht sollte ich dem alten Mann ein bisschen öfters zuhören?

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(kein) Zuckerschlecken

… allerdings nur für Schweizerinnne und Schweizer (inkl. Lichtenstein)

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2010

Für die Teilnahme sind folgende Wettbewerbs-Bedingungen zu beachten:

Die Kurzgeschichte muss das (ganze) Wort
Zuckerschlecken
enthalten.

Das Genre ist frei wählbar.
Anzahl Zeichen (inkl. Leerschläge): 1000 bis 5000 Zeichen
Teilnahmeberechtigt sind alle Personen mit Wohnsitz in der Schweiz (inkl. Liechtenstein), ab 18 Jahren.
Es darf nur ein Text pro Teilnehmer/in eingereicht werden.

Einsendeschluss ist der 28. Februar 2010.

mehr …

Halbmast

„… heute wurde L., die Tochter meiner Freundin L., am Herz operiert …“, hatte ich vorgestern geschrieben. Shame on me! Die zweite Herz-OP von L. ist – falls überhaupt notwendig – noch irgendwo in weiter Ferne! Missverständnisse sind zwar menschlich, aber dieses hier auch ziemlich peinlich. Sorry.
Doch immerhin wurden L. am Donnerstag zwei dramatisch verwachsene Weisheitszähne raus gebaggert. Auch nicht schön, wenn auch weit weniger dramatisch. Ein ambulanter Eingriff. Die junge Lady war zwar gestern noch angeschlagen und aß Schmerzmedis, außerdem tat ihr Lachen, unsere gemeinsame Lieblingsbeschäftigung, ziemlich weh, doch ansonsten war sie bereits wieder auf Halbmast.

Im Gymer, den sie seit Sommer besucht, habe sie im Literaturunterricht einen Text von mir vorgelesen, erzählte sie mir. Aus dem Buch Feier-Tage (Anthologie). Die SchülerInnen sollten Gegenwartsliteratur und -autorInnen vorstellen, die sie mögen. Mit meiner Geschichte Jenseits des Nebels stellte sie ihrer Klasse also – öhm, hüstel – eine von ihr gemochte aktuelle Gegenwartsautorin vor: Mich. Gopf. Die kleine große L.! Hach. Was kann frau mit einer 17jährigen bereits toll diskutieren! Dabei war sie erst noch ein Baby. Genau so eins wie Little-B., der auf den Tag genau 17 Jahre nach L. geschlüpft ist, am 28.9.09. Und den ich am Donnerstagabend und am Freitagmorgen geschösselt habe. Süßer Bursche, der mich zur Begrüßung gleich angelacht hat, als würde er mich schon immer kennen.

Hach, wie schön es doch bei meinem Freundinnen B. und L. war! Was für ein Geschenk!

sprachlos?

Küsse sind das, was von der Sprache des Paradieses übriggeblieben ist.

Joseph Conrad , polnisch-britischer Schriftsteller
(1857 – 1924)

Bin heute Morgen im Büro auf der Suche nach einem schönen Zitat für unsere Geschäftsweihnachtspost über diesen Satz gestolpert …
… und dabei beinahe im Paradies gelandet.

Beinahe nur, leider. Denn heute wurde L., die Tochter meiner Freundin L., am Herz operiert. Nicht im Paradies, bloß im Krankenhaus. Ich bin wie auf Nadeln wegen des Bescheids und schon fast auf dem Sprung nach Winthi, wo ich B. besuche, ihren zwei Monate jungen Sohn Little-B. und dessen Papa … Voller Vorfreude.

Hach, alles ist immer so nahe beieinander …

Ob wir die Sprache des Paradieses wohl alle noch irgendwo auf der Bio-Festplatte haben?

eigentlich #1

Eigentlich müsste ich jetzt gar nichts mehr. Eigentlich sollte ich tun, was ich mir heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit vorgenommen habe. Nicht zu bloggen nämlich. Den Abend lesend – ohne Internet und Mail – zu verbringen. Zumal ich die nächsten Tage wenig Muße dazu finden werde. Eigentlich. Oder jedenfalls nur kurz. Später crossen. Und vielleicht ein Bad nehmen. Vor allem mal wieder einfach nur lesen. Herausfinden, ob Fidelma schon mehr weiß.

Wären da bloß nicht diese vielen Fragmente in mir drin, diese Gedankenbrösel. Sie wollen aufgeschrieben werden, denn in meinem Kopf drin ist es ihnen zu eng.

Ab halb vier Uhr lag ich wach. Vollmond? Nicht Sorgen waren es, die mich wachhielten. Vorfreude auf die baldigen Ferien? Ja, das auch. Doch vor allem musste ich mich wohl mal wieder synchronisieren. So nannte es J., als ich ihm neulich dieses Phänomen erklärte. Wenn ich überlastet bin, bleibt die Verdauung all der vielen alltäglichen Eindrücke auf der Strecke. Und wenn ich nicht wieder (r)ausdrücken kann, was sich bei mir tagsüber eingedrückt hat. Logisch irgendwie. Stau! Bis zu jenem Moment, wo ich zur Ruhe komme und es fließen lasse. Selbst wenn es halb vier Uhr nachts ist. Da hilft nur eins: In Ruhe den Gedanken zuhören. Mich von ihnen einholen lassen. Mich wieder auf Echtzeit tarieren. Synchronisieren eben.

Schreiben ist übrigens eine gute Möglichkeit, mich zu synchronisieren. Malend geht es ebenfalls. Hauptsache keine Ablenkung. Denn ich bin die Weltmeisterin in der Fähigkeit, mich ablenken zu lassen! Wie viele Minuten Arbeitszeit ich wohl täglich verbrate, weil ich ständig abgelenkt werde und mich ablenken lasse? *Flüstermodusein* Wie gerne ich mich doch ablenken lasse! Ich liebe es! *Flüstermodusaus* Ständig latscht jemand daher und will was von mir. Oder dann klingeln Mailbox oder Telefon. Ständig muss ich reagieren. Muss ich?

Das Gegenteil tut Not. Und gut. Zu- statt Ablenkung! Einmittung, KonZENTRation.

Multitasking kann ich zwar, aber wozu? Ich kann nicht gleichzeitig im Internet einen schönen Text für unseren Weihnachtskartenversand finden und mit dem Webmaster unserer Bude telefonieren. Geht nicht! Und ich kann nicht gleichzeitig meiner Arbeitskollegin erklären, welche Infos ich von ihr brauche und gleichzeitig Mails schreiben. Geht nicht!

Wie Beppo, Momos Straßenkehrer, eine meiner Lieblingsgestalten aus der Literatur, will ich Schritt für Schritt vorwärts gehen. Einatmen. Wischen. Ausatmen. Oder auch mal rückwärts. Und ab und zu mal Nein! sagen. So lässt es sich leben.

Und so auch:

Das einzige Mittel, das Leben zu ertragen ist, es schön zu finden.
Rudolf Leonhard (27.10.1889 – 19.12.1953)

Durchatmen

Reizüberflutung pur. Von der Arbeit fast direkt, mit kurzem Boxenstop, zu meiner Freundin C.; ihr wisst schon, meiner Lieblingshofcoiffeuse und so. Bisschen mich verwöhnen lassen. Echt wahr, niemand wäscht mir die Haare so toll wie sie! Wir tauschen aus. Teilen, was uns bewegt.
Dann ab die Post. Auf die Post. Dann Einkaufen. Dann nach Hause, Einkäufe wegräumen. Schon kommt K. und wir arbeiten ein paar Stunden am PC, scannen seine Papiere ein. Plaudern. Essen. Die Zeit vergeht im Nu. Ich freue mich bereits auf die Massage, die ich dafür bekomme.
Dabei wollte ich doch noch so viel! Mailschulden abtragen, zum Beispiel. Und einfach ein bisschen Nichtstun. Abhängen.

Verdoppeln können möchte ich mich zuweilen. Während mein einer Teil sich erholt, tut der andere, was zu tun ist. Abwaschen und so Sachen halt. Und bloggen … Denn die, die hier grad ein paar Zeilen in die Tastatur hackt, ist jener zweite Teil. Der erste erholt sich grad. Auf dem Sofa. Und hört sich dazu die neue Scheibe von Animal Collective an. Ganz großes Kino!