der vierte Preis

Wie alle wissen, die auf Europas Nah- und Fernwegen unterwegs sind, ist die Moral auf der Straße, sehr … nun ja … unterschiedlich. Die Moral? Eben habe ich dieses Wort als Synonym zum Wort Umgangsform missbraucht. Wie das in der Alltagsanwendung so üblich ist. Doch der Windows-Synonyme-Automat sagt, Moral habe eigentlich eher mit Anstand zu tun. Und mit Verantwortungsgefühl. Zweites gefällt mir. Und passt vielleicht zur erwähnten Erkenntnis, dass die Moral auf der Straße sehr unterschiedlich sei.

Verantwortungsbewusst und voraussichtig sollen wir fahren, sagte schon mein Fahrlehrer M. annodazumal. Was ich praktiziere. Das heißt: ich übe …

Aber ich schweife ab, wollte ich doch über jenen weiteren Gebrauch des Wortes Moral lamentieren, jenen wie er im Wort Moralist und Moralistin vorkommt. Was wir ja auf gar keinen Fall sein wollen. Ethisch und politisch korrekt denken, handeln, wirken und sein, ja, aber …

Woran erkennen wir denn nun, ob wir doch womöglich Moralistinnen oder Moralisten sind? Na, ganz einfach daran, ob wir uns empören, wenn jemand rücksichtlos oder riskant fährt OHNE jemanden zu gefährden. NichtmoralistInnen empören sich nämlich nur dann, wenn jemand rücksichtslos oder riskant und dabei auch andere gefährdend fährt. NichtmoralistInnen wissen, dass Nacherziehung auf der Straße nicht geht. Vergeudete Energie also, mich mit Moralfinger im Straßenverkehr zu ärgern.

Grenzfall heute: Da war dieses Brummirennen, eines von vielen beobachteten. Doch dieses hier fand direkt vor meiner Autonase statt. Zwei Niederländer wollten wissen, wessen Laster mehr drauf hat. Oder weniger Last drin. Oder weniger im Hirn. Ich weiß nicht, wie ihr es handhabt, aber ich drossle jeweils mein Tempo, wenn ich überholt werde, Moralistin ich, um den Überholweg des überholenden Wagens möglichst kurz zu halten und den Verkehrsfluss nicht zu behindern. Der Brummifahrer jedoch – jenen auf der Normalspur meine ich – tat nun nichts dergleichen. Beide fuhren erlaubte Höchstgeschwindigkeit. Sprich neunzig plus. Auf einer 130km/h-Strecke wohlverstanden. Die Schlange, die sich hinter ihnen bildete, missachteten sie geflissentlich, bis irgendwann des einen Vernunft siegte. Oder der Motor murrte.

Weiterfahrend fragte ich mich, wie vielen dieser Männer und Frauen in den Lastern es Spaß macht, tagaus tagein, von Berufes wegen, Kilometer um Kilometer zu fressen? J., der auch hin und wieder für seine Firma Transporte machen muss, hasst diesen Teil seines Jobs. Wie viele Brummifahrer, die ich heute überholt habe, diesen ihren Job wohl ebenfalls hassen, den sie womöglich einst liebsten? Und, wo wir gleich dabei sind, fragte ich mich, wie viele andere Menschen sonst noch ihren Beruf hassen oder satt haben.

Ob die Typen, die mir das vor Tippfehlern strotzende Gewinn-Zertifikat, ausgestellt über Fr. 1000.—, persönlich abzuholen, geschickt haben, ihren betrügerischen Job mögen oder ihn nur des leicht verdienten Geldes wegen tun? Betrügerisch? Okay, sie bewegen sich in einer noch halb legalen Schattenwelt und ködern, wie ich im Internet schnell mal herausgefunden habe, mit reißerischen Versprechen von gemütlichen Werbefahrten, auf denen ich dann hochoffiziell die gewonnenen Fr. 1000.— in bar erhalten werde. Denn „bedauerlicherweise waren Sie leider nicht zu Hause“, als sie vor drei Wochen persönlich bei mir geklingelt hatten. Wer’s glaubt!

Im Reisebus drehen sie mir und meinen drei kostenlos mit eingeladenen Freundinnen und Freunden dann fette Kaufverträge über mehr als tausend Franken an. Wer nicht unterschreibt, wird unterwegs aus dem Bus geworfen. Immerhin nicht aus dem fahrenden, wie ich im Internet gelesen habe. Die Versuchung, der Firma einen furchtbar netten Brief samt Einzahlungsschein von mir zu schicken, ist groß. Ich würde schreiben, dass sie, wenn sie mir das Geld wirklich schenken möchten, es gerne auch so, ohne Gratisfahrt und Mittagessen für mich und meine drei Gäste, tun dürften. Kaum aussichtsreich, der Plan, und drum vergeudete Energie. Gutes Brennmaterial für J.s Ofen immerhin.

Was ich mit tausend Franken täte, müsste ich nicht lange überlegen …

Kein Kohl

Man nehme (frau auch) ein paar saftige Kohlblätter und klopfe sie weich, so dass der Saft austritt und sie ganz weich werden. Salbe braucht es, Haushaltfolie und einen Verband, allesamt als Schutz, doch die Hauptzutat ist eindeutig der Fuß, der geknickte, verstauchte, geschwollene Fuß. Hat man den, ist alles gut. Nun lassen sich nämlich alle erwähnten Zutaten zu einem sinnvollen Ganzen vernetzten in dessen Mittelpunkt besagter Fuß steht.

Fettende Salbe, weichgeklopfte Kohlblätter, Folie und Verband, in dieser Reihenfolge, sagte A. Und morgen dann nochmals Arnikakügelchen, mit Wasser auflösen, schluckweise trinken. Wie gut, dass mein Fehltritt bei P. und A. passiert ist und A. über solch tolle Wissensschätze verfügt!

Zurück in J.s Wohnung falle ich erschöpft in die Kissen. Fuß hochlagern, den Kohlwickel zubereiten und verblüfft beobachten, wie der Schmerz von akuten 100 Schmerzprozent, wo mir sogar die kleinste Bewegung und Berührung Schmerztränen in die Augen treibt bis zu ungefähren 40%, bei denen ich bereits wieder auf der Ferse gehen kann, abklingt.

Kein Kohl, Kohl wirkt Wunder!

Prüfung ohne Zwischennetz

So muss der Titel lauten, sagt Irgendlink. Ich will die neue Blogsoftware im Offline-Modus testen, die wir gestern Abend nach langem gemeinsamem Suchen im App-Shop gefunden und aufs Telefon geladen hatten. Sie muss nämlich, insbesondere für Auslandreisen, offlinetauglich sein, damit wir auch zukünftig auf Reisen bloggen können. Auch Bilder muss sie laden können. Und zwar ohne dabei, wie die WordPressapp, dauernd abzustürzen.
Die ersten Tests lassen hoffen. Der Pilgerreise steht nun blogtechnisch nichts mehr im Weg. Hoffentlich erholt sich J.s maroder Rücken bis dahin!

dieses Bild

Am Anfang war die Leere. Nicht Chaos, nein, Leere. Meine Schöpfungsgeschichte fängt mit Leere an. Und mit einem weißen Malbrett.

Bisher malte ich immer in einem Rutsch, allerhöchstens in zweien. Linear malte ich mich von A nach B. Ähnlich wie ich einen Blogartikel schreibe. Ich fange an und lasse mich treiben. Manchmal zielstrebiges, manchmal überraschtwerdenwollendes Treibenlassen. Doch diesmal war alles anders.

Am Anfang war die Leere. Diesmal war da auch ein Ziel. Ein kleines zumindest. Oder vielleicht sogar zwei. Das erste: Wie fühlt es sich wohl an, wenn ich ein Bild im Voraus steuere, es gleichsam komponiere und so eine Mischung aus Plan und Zufall, ähnlich wie beim Schreiben einer Geschichte, anstrebe? Wird sich das eher kreativitätsfördernd oder eher kreativitätshemmend auswirken? Auch handwerkliches Training spielte als Schaffensaspekt eine Rolle. Das war mein zweites Ziel.

Möglicherweise schlummerte da noch ein drittes, irgendwo, denn ein Künstler hatte bei der Malaktion vor dreieinhalb Wochen in Irgendlinks Atelier-Galerie meiner kleinen Malerei ein gewisses Talent attestiert. Ein Talent, das aber noch ziellos wirke. Es sei jedoch nicht auszuschließen, dass ich da mehr draus machen könnte … *ungläubiggehüstelthab* Das dritte Ziel? Ob ich malend nun seine Aussage zu dementieren versuche? Oder zu bestätigen?

Noch nie habe ich so lange, so ausdauernd, so lust- und so hingebungsvoll an einem Bild gemalt habe, wie an diesem. Ursprünglich als simples Übungsbild gedacht, das ich – parallel zu Irgendlinks Übungsbild – in ColArt-Manier in einzelne Felder aufzuteilen gedachte, legte ich die weiße Maltafel auf den Tisch. Nein, ich werde keine Quadrate malen. Mein Leben ist nicht linear, murmelte ich vor mich hin, als ich nach dem Zirkel suchte und mich erinnerte, wie eine Spirale konstruiert wird.

Am Anfang ist der Punkt in der Leere. Der erste Punkt. Zeugung? Geburt? Kreisförmige Linien geben der Leere schon bald eine Struktur. Ein Weg führt von innen nach außen. Mit Linien, die zur Mitte führen, unterbreche ich die große Fläche, die sich, von der spiraligen Linie geführt, aus der Mitte nach außen bewegt. Oder umgekehrt?

Am Anfang die Leere. Bald schon sind da gelb, rot und blau. Dazu schwarz und weiß. Mehr braucht es nicht zum Leben. Das Alphabet jeglichen Malens.

Während ich ein paar erste Flächen, von außen nach innen arbeitend, male, wächst mein Respekt vor Kunstschaffenden. Wie viel Geduld und Knowhow es nur schon braucht, eine Fläche deckend und ohne sichtbare Pinselstriche zu malen! Die einen Farbfelder bedürfen einer zweiten Farbschicht, andere Flächen gelingen mir auf Anhieb. Eine meditative Stille macht sich in mir breit. Ich lasse mir Zeit. Ich werde ruhig und arbeite gemächlich vor mich hin. Abend für Abend. Seit Wochen schon. Immer wieder muss ich unterbrechen um all die anderen offenbar wichtigeren Dinge des Lebens zu tun. Arbeiten und so. Doch im Grunde ist das Bild zurzeit mein roter Faden.

Stück für Stück, Fläche für Fläche gestalte ich. Male mal hier, mal da, um nach dem Trocknen wieder hier weiterzumalen. Parallelen zu meinem Leben sind nicht zufällig. Auch mein Leben gleicht einem Flickenteppich. Ich reise auf meinem Bild von außen in die Mitte und wieder zurück. Ein Tanz auf der ehemals weißen Fläche. Mein Lebenstanz. Jeder Text, so las ich einst, beinhalte ein Stück Biografie, so verkappt es auch ist. Gilt auch für Bilder, stelle ich fest.

Ich male Sujets auf die grundierten Flächen. Inspiriert von inneren Eindrücken sowie Karten, Bildern oder Fotos improvisiere ich. Wie male, wie schreibe, wie lebe ich lebendig und dreidimensional?, frage ich mich und tüpfle Schatten um stilisierte Risse. Ohne Schatten bleibt alles in der Schwebe, hängt im Raum, fällt hin, wirkt unruhig, flach und blass. Wie ich da so male, begreife ich, dass ich, was immer ich tue – ob nun malend, fotografierend oder schreibend –, immer nur Illusionen erzeuge. Ich täusche das Auge, die Sinne, die Gedanken … Und ich lasse mich bereitwillig täuschen, denn alles ist Fiktion. Ver-rücktes Auge. Ver-rückte Sinne.

Ob wir uns nun eher nach Harmonie und Gleichgewicht sehnen oder nach Spannung und Provokation, was immer wir betrachten, was immer wir lesen, wir rücken es uns zurecht. Wir sehen, was wir sehen wollen. Beim Malen kneife ich oft die Augen zusammen und betrachte das eben Gemalte mit einem leicht verschwommenen Blick um die Überzeugungskraft der eben erzeugten Illusion zu testen.

Fertig? Wann ist das Bild fertig? Wann ist das Leben fertig? Jetzt, wo ich endlich alle Flächen bemalt habe, nichts Weißes mehr sichtbar ist, dass ich nicht selbst weiß gemalt habe, jetzt könnte ich aufhören. Ein bisschen wie sterben. Oder soll ich die restlichen grundierten Flächen bemalen?

Tipps und Erfahrungen gelten zwar, doch die letzte Entscheidung liegt bei mir.

twittern

Freundin M. hat mir mal wieder einen Brief geschrieben. Ich liebe es, wenn ich den Briefkasten öffne und auf einem Umschlag ihre schöne Handschrift erblicke. Ja, ich kann es kaum erwarten, oben in der Wohnung anzukommen und den Brief zu öffnen. Ganz behutsam. Diesmal flattert mir ein Zeitungsartikel entgegen. Den Brieftext – oder müsste ich sagen den Kartentext? – schrieb M. auf eine witzige Werbekarte mit Kühen drauf. Im Zug, im Flug steht als Absender hinter der Adresse – geschrieben auf der Fahrt zum Flughafen Genf. Doch dies ist eine andere Geschichte.

Ich entknittere die Zeitungsseite sorgfältig, während ich den ersten Löffel Kürbissuppe genieße. Aha, Tagesanzeiger Zürich. Sofort klopft mein kleines Heimwehherzchen schneller. Oben ein Cartoon von EVA, vom Team Jaermann und Schaad. Hach, I love Eva! Unter drunter dann eine Buchbesprechung, eine ganz besondere …

Echt, ich glaube, dieses Buch muss ich mir schenken lassen! Während ich meine wunderbare Suppe löffle, verschlucke ich mich beinahe vor Lachen. Mein Tag ist gerettet!

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Ich zitiere:

Heute Nacht vom Büro geträumt. Weitere sechs Überstunden notiert. @meterhochzwei

«Ich lass die Freundschaft jetzt still & leise auslaufen», sagt die Frau im Tram in ihr Handy. «Aha», schweigen alle zurück. @kumullus

Idee für «Wetten dass»: 50 Leute spielen ihren Handyklingelton vor und ich errate ihren Schulabschluss. @fitness_oli

Apotheke, Dönerladen, Apotheke, Apotheke, Dönerladen, Bestattungsinstitut. Ich fange an, Zusammenhänge zu sehen. @freval

Dein engster Freund ist, wer deinen Browserverlauf löscht, nachdem er dich tot vor dem Rechner gefunden hat. @UntoterOstgote

Die Hälfte seines Lebens scrollt der Mensch vergebens. @bebal

Mein Arzt meint, ich hätte Wahrnehmungsstörungen. Aber ich seh das ein bisschen anders. @freval

Kucken, was die andern aufs Band legen, ist ein bisschen wie Twitter. @kosmar

… ach, lest selber! Das große Gezwitscher – Buchbesprechung im Tagesanzeiger vom 15. Oktober 2010

Dada vielleicht

Da ist diese Idee, aus jedem Text, aus jeder Geschichte, aus jedem Gedicht, aus allen Worttextilien, die den ich je gesponnen habe, den besten Satz, das schönste Muster herauszuschneiden. Aus alle besten Stücken würde ich ein neues Gewebe schaffen. Wie bei einer Patchwork-Decke würde ich feinsäuberlich alle Teile neu zusammenfügen. Eine Best-of-Story aus lauter besten Sätzen. Recycling. Dada pur und so opulent vermutlich, dass ich davon Bauchweh bekäme … Alternativ das gleiche mit den schwächsten Sätzen, den blassesten Mustern. Bestimmt leichter verdaulich.

Die Idee ist nicht neu. Immer wenn ich meine Notizzettelsammelmappe auf dem Schreibtisch angucke und mir überlege, ob die Zettel darin eher für den Abfall oder für die Nachwelt geeignet sind, taucht sie auf und plädiert hartnäckig für sich selbst. Da sie kein Heu frisst, bleibt sie vorerst, wo sie ist. Wovon sie sich ernährt und wo sie sich, wenn ich sie nicht höre, aufhält, hat sie mir noch nicht verraten. Vielleicht wird sie verhungern, eines Tages, wenn ich sie weiterhin ignoriere? Ideenmörderin ich.

Eins aber weiß ich: Meine Lebensfreude lebt von Farben und von der Lust am Kreieren. Und ehrlich, ohne Farben würde auch ich schnell mal verhungern.

Dennoch schalt ich mich heute Morgen unter der Dusche Zeitverschwenderin. Wie viel Zeit du mit Bloggen, mit Schreiben, mit Gedankenspielen, mit Texten, mit Bildern und mit Malen verbringst!, hielt ich mir vor, als ich anschließend die Zehennägel schnitt. Als ob jemand auf deine Texte und Bilder wartet!

Ach, das verstehst du nicht, antwortete ich. Außerdem schreibe und kreiere ich nicht für jene, die auf meine Dinge warten. Höchstens ein bisschen. Ich brauche den Ausdruck, weil ich sonst platzen würde. Internet ist bloß ein Gefährt. Ein Flugzeug, das ins Konzept meiner Schaffenslust passt.

Flugzeug? Wie meinst du denn das?, fragte ich mich.

Ist doch ganz einfach: Internet ist eine fliegende Galerie, eine mobile Bibliothek, ein Wikipedalo der Lüfte. Du steigst ein und wirst bedient. Bekommst zu essen, zu trinken, kannst Filme schauen, kannst Musik hören und erfährst laufend, wo du bist. Alle sind nett zu dir und du kommst vorwärts ohne dich bewegen zu müssen. Du kannst konsumieren, was andere zuvor kreiert haben. Fliegen ist wie Internet, wie gesagt. Außer dass dich Internet nicht bekocht, sagte ich.

Zeitverschwendung ist es alleweil. Dein Vergleich hinkt, konterte ich. Du wirst im Gegensatz zur Bordcrew nicht für deine Arbeit bezahlt und verlierst sogar wertvolle Lebenszeit.

Du versteht echt gar nichts! Kreatives Schaffen ist eines jener Dinge, die mir am meisten Freude machen. Lebenszeit kann gar nicht besser investiert werden als in jene Dinge, die uns Freude machen, sagte ich. Es geht um Hingabe. Schließlich sagt auch niemand, dass richtig guter 6 Zeitverschwendung sei. So what?

Tiefe Narben

Petra Ivanovs fünfter Flint/Cavalli-Krimi hat mich seit gestern Mittag bis tief in die Nacht gebannt. Kaum erwacht, gings weiter mit lesen. Dafür ging nix anderes mehr. Weder Internet noch sonst was interessierte mich mehr. Sogar in die Badewanne kam das 538 Seiten dicke Buch mit. Wozu Erkältungen doch gut sind!

Und jetzt? Jetzt ist es ausgelesen und ich kann endlich wieder Mails lesen, bloggen, putzen, einkaufen und andere ganz normalen Sachen machen.

Eine genial geschriebene, unglaublich spannende und aufwühlende Geschichte um einen ganz normalen Psychopathen, den Duft nach Liebe und die Sehnsucht nach Sühne. Eine Geschichte auch über Misstrauen, Vorurteile und wahre Freundschaft.

Lesen!

für mehr Infos: hier klicken.

weniger sei mehr

Eine Gleichung, die unsere Mittelstufenlehrerin, Frölein S., gerne zum Besten gab. Zum Beispiel, wenn ich – weil schon früher als die anderen mit dem Aufsatz fertig – noch ein paar Sätze anfügte oder im Text Korrekturen anbrachte, die falsch waren. Verschlimmbesserungen – auch dieses Wort hörte ich das erste Mal aus ihrem Mund. So viel zu meiner Grundschulzeit. Dass weniger mehr sei, glaube ich inzwischen selbst. Unsere Sucht nach mehr, mehr, mehr, schneller, schneller, schneller, größer, größer, größer ist ja echt nicht mehr normal.

Apropos normal: In der Monatszeitschrift meiner Krankenkasse las ich gestern einen informativen und gutrecherchierten Artikel über Zwänge. Händewaschen, Putzen, Herdplatten- und Schlüssel-Kontrollieren und dergleichen mehr. Ich fragte mich, ob so Dinge wie iFöun und Blog mit der ihnen innewohnenden Eigenmacht nicht vielleicht auch zu den Zwang-Förderern gehören. Mein iFöun, ich gebe es zu, besitzt eine Macht über mich, der ich mich nur schlecht entziehen kann. Wache ich am Morgen auf, schalte ich das Teil an und gucke, ob ich Mails oder sonst welche Infos aus der Welt das draußen erhalten habe. Ich bin nicht allein. Die Mailsucht, der Mailzwang – wer kennt ihn nicht? Ein lieber Freund von mir, K., hat neulich alle seine Mailadressen zugemacht und will nun wieder ohne Internet kommunizieren. Was er mir (und vermutlich allen seinen Freunden und Freundinnen) per Postkarte mitgeteilt hat. Back To The Roots. Die Karte. Der Brief. Bin ich normal, wenn ich als erstes am Morgen … Ist normal, was alle tun, selbst wenn es krank ist?

Nein, ganz zurück will ich nicht. Nur wieder mehr in den Langsammodus einklinken. Mich mit meiner inneren Kraft, die im Grunde so gar nicht mit dieser Dauerhektik kompatibel ist, verlinken. Ooops, dieser Wortschatz! Ja, ich bin ein Kind dieser Zeit. Ja, ich liebe Technik. Ja, ich liebe Internet und alle seine Möglichkeiten.

Ich liebe es, Möglichkeiten zu haben. Aaaber … Ja, das große ABER muss hier folgen. Kein moralisches, nein, ein inhaltliches. Wenn schon Technik, dann muss sie auch funktionieren. Und sie soll nicht zu viel und nicht zu wenig Möglichkeiten beinhalten. Wer sagt, wann genug ist und ich bin weißgöttin ja nicht das Maß aller Dinge. Wie habe ich gestern mitgelitten, als sich Irgendlink wegen des im vorigen Artikel (unten) erwähnten Updates der WordPress-Blog-App um seine zukünftigen Möglichkeiten als LiveReiseBlogger betrogen sah. Natürlich hoffe ich, dass die EntwicklerInnen bald ein besseres Update bauen. Rechtzeitig vor der geplanten Pilgerreise.

Irgendwann gestern Nachmittag, nachdem ich unser Tessiner Rustico gebucht hatte, wollte ich – zwecks zu erwartender Geocaching-Wanderungen – die Koordinaten des Ferienortes auf meiner neuen, echt tollen GPS-App, die mein in Schweden verlorenes GPS-Gerät würdig ersetzt hatte, eingeben. Ooops, was ist denn da los? Neues Layout? Da muss ich wohl irgendwann – ohne darüber nachzudenken – neulich ein Update geladen haben! Merde. Was für ein Sch…Layout! Doch damit nicht genug: auch der Aufbau ist gänzlich neu. Dazu ein neues Handling und neue Ordner – neu gibt es nun pro Tag einen Ordner statt nur einen pro Thema wie bisher. Unübersichtlich! Unbrauchbar! Wer sich wohl sowas ausgedacht und gewünscht haben mag? Auch das Markieren von Wegpunkten ist nun nicht mehr intuitiv machbar. Ich jedenfalls begreife das Handling nicht. Merde und nochmals merde (nein, dieses Wort übersetze ich besser nicht, liebe nicht französisch verstehende Lesende).

Was ich sagen will: Wieso kann etwas nicht einfach mal so bleiben, wie es ist – gut. Wieso immer dieser Wettbewerb – schneller, besser, größer, moderner – dieser Vergleich, dieser Modernisierungsstress? Arbeitsbeschaffung – und wie werden eigentlich Gratis-Apps finanziert? Wer hat was davon und wie wird der große App-Kuchen verteilt?

Als ich gestern Abend, müde und fiebrig wie ich war, noch immer auf dem Sofa saß und nicht hochkam, und darum auf meinem iFöun herum tippte, fand ich mich plötzlich im App-Store wieder. Gopf. Da habe ich bisher ja tatsächlich etwas verpasst, da tat sich mir eine große Glitzerwelt auf, von der ich bisher nicht mal geträumt habe.

Das Gerücht stimmt also tatsächlich: Es gibt für alles eine App. Okay, den Rasierer, den sich J. so sehr gewünscht hat, damals in Spanien, den habe ich auf die Schnelle nicht gefunden. Auch die Abwasch-App nicht. Aber das kommt gewiss bald. Falls sich jemand von Bartstoppeln und Dreckgeschirr Gewinn verspricht, meine ich. Aus purem Altruismus ist wohl noch keine App gebaut worden. Doch zurück zum Zubehörladen auf dem Telefon. Da habe ich mir also in den virtuellen Regalen besonders die Gratisangebote angeguckt. Die meistgewählten zuoberst gelistet, logisch. Nein, eigentlich war ich nicht wirklich überrascht. Wer wissen will, was die Menschheit interessiert, muss einfach da hingehen und sich das angucken. Am spannendsten ist es bei den Büchern. Da wechseln sich 6 und Religion im Gleichtakt ab. Und die Erde dreht sich doch.

Später im Bett, wen wundert’s, habe ich, bevor ich mein Smartphone ausgeschaltet habe, nochmals die Mails gecheckt. Normal?